Selena
Das Erbe der Drachen
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 288
ISBN: 978-3-7116-1604-3
Erscheinungsdatum: 18.08.2026
Seit dem Angriff auf ihr Dorf war Selenas Leben zu einem Rätsel geworden, das nicht gelüftet werden wollte. Sie hatte nichts mehr außer ihrem Schwert und einem Schicksal, das den Lauf der Geschichte Cajumejas verändern sollte: Das Erbe der Drachen.
Prolog: Der Auftrag des Herrn
Der dreifache Vollmond am wolkenlosen Nachthimmel tauchte ganz Cajumeja in ein silbernes Licht. Es war ruhig und vollkommen windstill, als würde das Land den Atem anhalten und etwas Unheilvolles erwarten.
Eine einsame Gestalt rannte durch den Zahn, ein Gebirge, dessen Namen es den zerklüfteten Felsen verdankte, die überall wie riesige Bäume aus dem Boden sprossen.
Die Gestalt kam zügig voran, sprang, duckte sich und hechtete geschickt durch das unebene Gelände. Sie rannte auf vier kräftigen, krallenbesetzten Pranken und trug einen schweren Zweihänder aus hartem Eisen auf dem Rücken. Ab und zu blieb die Gestalt stehen und schnüffelte mit ihrer langen Schnauze in der Luft oder lauschte angestrengt in der verlassenen Umgebung. Sie rannte weiter und sprang auf einen erhöhten Felsen. Die Gestalt reckte den Kopf nach links und rechts und suchte etwas zwischen den Findlingen. Die grauen Gesteinsbrocken warfen lange, dunkle Schatten auf den unebenen Boden; hier und da wuchs ein kleines Büschel verdorrtes Gras, das unbeirrt versuchte, in dieser kargen Landschaft zu überleben.
Die Gestalt bemerkte einen schmalen Pfad, verborgen zwischen zwei Felswänden, und knurrte zornig, bevor sie hinabsprang und dem Pfad folgte. Ihr Kapuzenumhang flatterte im Wind. Die Gestalt musste sich beeilen, denn sie wusste, dass ihr Gebieter nicht gerne wartete. Der Werwolf rannte noch etwas schneller und verwandelte seine Wut in Energie. Sein Meister würde ihm eine neue Aufgabe geben, noch blutiger und abscheulicher als die letzten. Aber wenn sein Volk überleben wollte, musste er sich dem Willen seines Herrn beugen. Das war seine Pflicht als Anführer der Werwölfe.
Der Weg wurde immer schmaler und die Felswände schlossen sich über ihm; der Pfad wurde zu einem dunklen, muffigen Tunnel, der hinab ins Erdreich führte. Es drang nur noch wenig Licht vom Eingang in den Tunnel, doch das störte den Wolf nicht, denn er sah hervorragend in der Nacht. Das wenige Licht reichte aus, um die Wände und den Boden vor ihm zu sehen, doch dahinter, da, wo der Weg hinführte, war es selbst für ihn zu dunkel. Die Luft war stickig und das Hecheln des Wesens hallte von den Wänden zurück.
Der Werwolf rannte und rannte weiter, doch der Tunnel schien kein Ende haben zu wollen. Endlich, nach einer ganzen Weile, bemerkte er ein schwaches Leuchten vor sich. Das Leuchten wurde heller und schließlich wurden die Felswände vom Licht der Monde beschienen. Der Werwolf verlangsamte seine Schritte, als er einen großen Talkessel betrat.
Er stand auf einem Felsvorsprung, von dem eine steinerne Treppe hinab zum Boden führte. Von oben schienen die drei Vollmonde in das Tal und der Wolf streckte ihnen genüsslich das Gesicht entgegen. Die Lichtstrahlen streichelten sein Fell, klärten seine Gedanken und erfüllten ihn mit Zuversicht.
Egal, was geschah, die drei Monde des Königreichs würden immer bei den Werwölfen bleiben und ihnen als treue Gefährten zur Seite stehen. Der Gedanke daran erfüllte ihn mit neuem Elan. Er würde sein Rudel aus ihrer elendigen Sklaverei führen und sein Volk retten.
Die wolfähnliche Kreatur richtete den Blick nach unten.
Ein runder Platz aus massivem Stein und verschlungenen Mustern lag in der Mitte des Tals. Im Norden gab es einen kleinen Schrein, aus dem Felsmassiv herausgeschlagen, in dem einige Kerzen brannten. Daneben stand ein hoher Stock, an dem ein zerfetztes weißes Tuch hing.
Die Farbe der Göttin der Empfindungen.
Der Werwolf sammelte sich und schritt die lange Treppe hinab.
Der Ort musste früher ein Schrein für die Göttin gewesen sein, doch jetzt stand er leer und veraltet da. Nur die Kerzen zeugten davon, dass erst vor Kurzem noch jemand hier gewesen sein musste.
Oder noch hier war.
Der Werwolf legte aufmerksam seine Hand an den Schwertgriff und konzentrierte sich auf die Umgebung. Er roch und hörte nichts. Als er das Ende der Treppe erreichte, schaute er sich wachsam um.
Da erklang plötzlich hinter ihm ein kurzes, raues Lachen und er drehte sich ruckartig um, sein Schwert halb aus der Scheide gezogen.
In einer Felsnische hinter ihm starrten ihn zwei blaue Augen aus der Finsternis heraus an. Als das düstere Geschöpf sich in Bewegung setzte und Anstalten machte, die Felswand hinunterzuklettern, grunzte es leise. Der Werwolf trat ein paar Schritte zurück, um dem spinnenartigen Wesen Platz zu machen. Als das Ding den Boden erreicht hatte, schmolzen seine vielen Beine zu einem finsteren Klumpen zusammen und es richtete sich auf. Es hatte Ähnlichkeiten mit einem Drachen, nur fehlten ihm die Flügel.
Plötzlich schrumpfte das Geschöpf zusammen und der Werwolf unterdrückte ein Knurren. Vor ihm stand jetzt ein magerer Mann in schwarzen Roben. Er trug eine Kapuze wie der Wolf. Der Stoff bedeckte sein Gesicht und hüllte es in Schatten. Seine Haut war bleich, doch er strahlte eine starke, unheimliche und düstere Aura aus.
„Mein Gebieter“, knurrte der Werwolf und neigte unterwürfig das Haupt, als er seinen Meister erkannt hatte. Er zog seine Kapuze vom Kopf und offenbarte ein spitzes, schwarzes Wolfsgesicht. Ein dicker goldener Ohrring zeigte deutlich seine Position im Rudel. Das rechte Auge war rot, das andere dunkelbraun.
Das Gesicht im Schatten lächelte kameradschaftlich und enthüllte einen grauenhaften Mund, der bis zu den Ohren reichte. „Rotauge, mein treuer Freund.“
Rotauge biss die spitzen Zähne zusammen und schluckte seine tierischen Instinkte mühsam hinunter. Wenn er nicht gewusst hätte, wie mächtig der dreckige Wicht von einem Menschen war, hätte er ihn schon lange für immer zum Schweigen gebracht. Dieses … Ding … nutzte die Werwölfe schon seit einiger Zeit aus, um sie für seine dreckigen Pläne zu missbrauchen. Hier ein Mord, da ein Raubzug.
Der Mann ging zu dem Schrein hinüber, Rotauge folgte ihm möglichst stoisch und erhaben.
„Hast du meinen Auftrag erfüllt?“, fragte das menschenähnliche Geschöpf mit kratzender Stimme, als es vor den Kerzen stehen blieb und sie mit einer schnellen Handbewegung auslöschte.
Magie.
Rotauges Herzschlag beschleunigte sich, als er an die blutige Tat zurückdachte.
„Ja, Herr. Der Zwergenschmied ist tot“, knurrte er unterwürfig und holte ein blutbesudeltes Bündel hervor.
Rotauge überreichte es seinem Meister mit gesenktem Kopf. Er wollte sein Gegenüber um keinen Preis verärgern, denn es könnte tödlich enden. Für das ganze Rudel.
„Und ich habe Euch den Beweis gebracht, wie Ihr es mir befohlen habt“, beeilte er sich zu sagen.
Der Mann starrte ihn aus unergründlichen blauen Augen an, als er den Sack annahm und kurz hineinschaute. Sein enormer Mund verzog sich zu einem neuerlichen Grinsen und der Magus hob den Kopf. Rotauge schluckte, als er den Blick des wahnsinnigen Mannes im Nacken spürte. Das Schattengeschöpf legte das Bündel auf den Altar des Schreins.
„Hör mir zu, Wolf“, begann er und strich mit den Fingern zärtlich über den blutbesudelten Stoff, „als Nächstes möchte ich, dass du mir jemanden bringst. Aber diesmal lebendig …“
Ein schicksalhaftes Geheimnis
Selena blinzelte müde, als die ersten Sonnenstrahlen ihr ins Gesicht schienen.
Es war Frühling, und die Sonne wärmte das Land nach dem letzten, schwierigen Winter angenehm auf. Für viele Bauern in Cajumeja begann jetzt eine Zeit der harten Arbeit, so wie für Selena.
Sie lebte in Arta, einem kleinen Bauerndorf am Rande des verlorenen Waldes. Es verschlug nicht viele in eine so abgelegene Gegend, deshalb waren Besucher eher selten. Die Bewohner des Dorfes versorgten sich vorwiegend selbst durch die Jagd im Wald und mit ihren Feldern, die sich weit in die Windebenen hineinschmiegten. Viele würden den Alltag der Menschen dort als eintönig bezeichnen, doch manchmal, ein paar Mal im Jahr, gab es selbst in einem so kleinen Dorf wie Arta ganz besondere Tage, und an diesem Tag war es wieder einmal so weit: Die Bewohner des Dorfes feierten das Fest der Götter.
Das Mädchen schwang ihre Beine aus dem Bett und streckte sich genüsslich, voller Vorfreude. Doch bevor die Feierlichkeiten beginnen konnten, mussten die Dorfbewohner noch viele Vorbereitungen treffen.
Rasch zog Selena sich an: eine einfache Tunika aus grobem Stoff, die ihre Großmutter ihr genäht hatte, eine Leinenhose und robuste Lederstiefel. Mit geübten Handgriffen flocht sie ihre langen, braunen Haare und machte ihr Bett wieder her. Bereit, mit der Arbeit zu beginnen, verließ sie ihr Zimmer, lief durch den kurzen Gang und rannte die schwere Holztreppe hinunter in die Küche.
Dort, an der Feuerstelle, stand die alte Maren und schürte das Feuer, über dem ein Eintopf aus Gemüse köchelte. Als die alte Frau hörte, wie das Mädchen die Treppe hinunterging, drehte sie sich um und wartete, bis Selena zu ihr kam. „Guten Morgen“, sagte sie und gab ihr einen Kuss.
Selena drückte ihre Großmutter und gähnte verschlafen.
Maren lächelte, während sie weiterrührte. Ein köstlicher Geruch verbreitete sich im Raum, und Selena lief das Wasser im Mund zusammen. Ihr Blick fiel auf einen der Vorratsschränke. „Soll ich noch etwas im Dorf besorgen? Das Brot wird knapp“, fragte sie, während sie sich an den Tisch setzte und ihre Stiefel fester schnürte.
Maren schüttelte den Kopf und streckte den Arm nach einem Regal aus. „Nicht nötig, ich werde heute noch ein paar Brote backen.“
Sie nahm eine Schüssel aus dem Regal, füllte etwas Suppe hinein und reichte sie Selena. Dankbar nahm das Mädchen die Holzschüssel entgegen. Sie wartete, bis Maren sich ebenfalls mit einer dampfenden Schüssel Eintopf gesetzt hatte, bevor sie begann, ihren Eintopf zu löffeln. Marens Rock raschelte, und sie strich sich die kurzen, grauen Haare aus dem Gesicht. Schweigend aßen sie.
Selena liebte keine andere Person so sehr wie Maren. Sie war wie eine Großmutter für sie, obwohl sie es nicht war. Maren hatte Selena vor ihrer Tür gefunden, als kleines, erstaunlich lautes und weinerliches Kind, in ein warmes Tuch gewickelt. Es war ihnen ein Rätsel, wie Selena dorthin gelangt war und vor allem, zu wem sie gehörte.
Wer waren ihre Eltern?
Selena erinnerte sich nicht an das, was vorher geschehen war, denn sie war noch zu klein gewesen, um sich zu erinnern.
Der einzige Hinweis war die Kette.
Sie hatte das Schmuckstück getragen, als Maren sie gefunden hatte. Selena trug es immer, egal, was sie machte. Es war ein schlichtes Lederband, an dem eine kleine, weiße, runde Scheibe hing. Das Material der Scheibe war unbekannt. Es war sehr hart, wie sie bei einigen Experimenten herausgefunden hatte, und hatte eine glatte Oberfläche, durch die sich winzige, verschlungene Muster aus einem noch helleren Weiß schlängelten. Am dünnen Rand der Scheibe stand ihr Name, ganz klein eingeritzt: Selena.
Jedenfalls nahm sie an, dass es ihr Name war, aber mit Sicherheit wusste sie es nicht.
Doch die viel spannendere Frage war für sie: Wie konnte jemand etwas in ein so hartes Material einritzen? In ein Material, das man nicht verbrennen oder auf irgendeine andere Art beschädigen konnte? Ein neues Rätsel, das es zu lösen galt.
Selena fragte sich auch oft, ob sie Geschwister hatte, und träumte davon, sie kennenzulernen, falls sie welche hatte.
Maren brach schließlich die Stille, indem sie leise fragte: „Ist es möglich, dass du heute vielleicht etwas früher nach Hause kommst?“
Selena schob sich eine Ladung Eintopf in den Mund.
Seit ein paar Jahren arbeitete Selena auf dem Hof von Bernd und Ingrid. Die beiden hatten Selena Arbeit angeboten, die diese gerne annahm. Das Mädchen half ihnen jeden Tag, für einige kleine Bronzemünzen als Tageslohn, da Ingrid sehr alt war und ihr Sohn Bernd ohne Selena den Hof nicht allein bewirtschaften konnte. Ingrids Ehemann war vor vielen Jahren bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen.
„Ich denke, wir werden am späten Nachmittag fertig, und dann möchte ich gerne noch bei den Vorbereitungen für das Fest helfen. Wahrscheinlich also nicht. Warum? Haben wir noch etwas Wichtiges vor?“
Maren stützte die Ellbogen auf den Tisch, und kurz huschte ein Schatten über ihr Gesicht, doch Selena bemerkte es nicht.
„Ja. Lass dich überraschen“, sagte sie und lächelte.
Selena grinste und widmete sich wieder ihrem Eintopf. Sie liebte Überraschungen, denn sie waren meistens etwas Gutes. Deshalb nahm sie sich vor, heute schnell fertig zu werden, damit sie früher nach Hause kam.
Nachdem sie beide fertig gegessen hatten, spülten sie das Geschirr, und Selena verabschiedete sich von Maren.
Die alte Frau zog sie in eine liebevolle Umarmung und ließ sie erst gehen, als Selena ihr versprochen hatte, auf sich achtzugeben.
„Großmutter, ich bin kein kleines Kind mehr. Ich bin schon vierzehn Sommer alt!“, sagte sie genervt, „Ich kann wirklich gut auf mich selbst aufpassen.“
„Ja, ich weiß“, sagte Maren seufzend.
Selena löste sich von ihr und ging zur Haustür. Bevor sie hinaustrat, rief sie Maren zu: „Bis später.“ Dann zog sie die Tür hinter sich zu und sog die kühle Frühlingsluft ein, um sich zu beruhigen.
Was war nur los mit ihrer Großmutter?
Heute war sie irgendwie so … besorgt … und nervös. Sie beschloss, mit Maren darüber zu reden, falls sie sich am Abend immer noch so seltsam benahm.
Selena lief den Weg hinunter in das Dorf und folgte dem breiten Pfad zum Dorfplatz. Als sie an einigen Häusern vorbeikam, staunte sie, dass so viele Dörfler schon unterwegs waren, um möglichst früh mit den Vorbereitungen anzufangen, damit alles pünktlich am Abend fertig war. Andererseits gab es aber auch wirklich viel zu tun, und jeder musste mit anpacken. Die Straße, die durch Arta führte, wurde gefegt und Häuser herausgeputzt. Ein alter Brauch in Arta, bei dem man sich selbst im Geiste reinigte und das Zuhause herrichtete, um den Frühling zu begrüßen und am Abend die Götter übers Meer zu rufen.
Selena winkte bekannten Gesichtern zu und bog hinter der Schmiede nach Osten ab, Richtung offene Wiese.
Hinter den Grashügeln befanden sich die Windebenen und noch viel weiter hinten das Meer, das ganz Cajumeja umgab. Was dahinter war, wusste niemand. Es gab viele Spekulationen, sogar eine über ein weiteres Land hinter dem Horizont, doch keine davon konnte je bewiesen werden. Die meisten behaupteten, dass dort, wo die Sonne den Horizont berührte, das Ende der Welt und die Heimat der Götter sei.
Selena beobachtete stumm die Wolken, während sie lief. Heute würde ein schöner Abend werden.
Bald kam der große Hof in Sicht. Die beiden Bauern lebten in einem kleinen Wohnhaus neben einer großen Eiche. Dahinter befand sich die Scheune mit dem Stall und gegen Osten die Felder mit Kartoffeln, Möhren, Kürbissen und Weizen.
Selena klopfte an der Haustür und rief: „Hallo? Seid ihr schon wach?“
Von drinnen ertönte ein krächziges „Komm rein.“ Und Selena betrat die Wohnung von Ingrid und ihrem Sohn Bernd.
Die Wände bestanden aus robustem Holz, und das Zimmer war gemütlich eingerichtet.
Die uralte Frau saß in einem Stuhl vor dem Kamin und strickte etwas mit dicker Wolle. Die Nadeln klapperten bei jeder Bewegung.
„Guten Morgen, Ingrid“, begrüßte Selena sie.
Ingrid antwortete, ohne von ihrer Arbeit aufzuschauen. „Hallo, Kind.“ Sie schmunzelte und schaute hoch, „Hast du gestern mein–“
In dem Moment kam Bernd die Treppe hinunter.
„Da bist du ja!“, rief er mit seiner tiefen Stimme.
Er war viel größer und jünger als seine Mutter und hatte dunkles, kräftiges Haar und einen Vollbart. Er kam lächelnd auf sie zu, und Selena streckte ihren Arm aus, Bernd packte ihren Unterarm mit seiner kräftigen Pranke und begrüßte sie.
„Mein Junge!“, regte sich Ingrid auf, „Nicht so grob!“
Selena grinste, während sie die Begrüßung erwiderte. „Alles in Ordnung. Wollen wir dann mal?“, fragte sie Bernd.
„Aber sicher doch, die Arbeit ruft“, flötete Bernd gut gelaunt.
Sie setzten sich in Gang, und der Mann begann heftig gestikulierend mit dem Mädchen über die Bewässerung von Kartoffeln und deren Wachstum zu diskutieren.
Ingrid starrte den beiden mit einem Lächeln im Gesicht hinterher, als sie zur Tür hinaustraten und diese mit einem lauten Knall ins Schloss fiel.
Der Tag war lang und anstrengend gewesen, doch die Arbeit hatte Selena gutgetan. Die Wäsche hing frisch gewaschen zum Trocknen vor dem Haus, und die Felder waren geackert und gesät. Während Bernd die Bewässerung, die aus einem Graben bestand, der zum Bach vor dem Waldrand hin und zurück führte, in Gang gesetzt hatte, hatte Selena den Stall mit den vier Kühen ausgemistet und die Tiere gefüttert. Sie fühlte sich erfüllt und wohl, als sie sich von Ingrid und Bernd verabschiedete.
Der große Mann rief: „Bis morgen! Und vielen Dank!“, und winkte ihr zum Abschied.
Selena winkte zufrieden zurück.
Sie mochte die kleine Familie und den Hof sehr und freute sich auf den nächsten Tag.
Die Sonne stand schon tief, als Selena zurück ins Dorf lief und zusammen mit ihren Nachbarn die Tische und Stühle aufstellte und mit Geschirr bedeckte. Die Möbel und das Geschirr waren bunt zusammengewürfelt, denn jeder im Dorf hatte seinen Beitrag dazu geleistet, dass alle sich setzen und etwas essen konnten. Das Fest der Götter war nicht nur ein Opferfest an eben jene, es war auch ein Fest der Freundschaft und des Zusammengehörens. Ein Fest des Frühlings und des Lebens.
Wendel, ein kleiner, dicker Bäcker, hatte für alle frisches Brot gebacken, und jede Familie hatte etwas von ihren Vorräten mitgebracht. Gerold, der Schmied von Arta, half bei den Vorbereitungen für das große Zeremoniefeuer auf der Wiese hinter dem Dorf. Die restlichen Männer waren zusammen aufgebrochen, um im Wald und auf den Windebenen Wild zu erlegen, ein kostbares Gut, das es nicht jeden Tag gab und deshalb dem Tag noch eine zusätzliche Ladung Vorfreude verpasste.
Alles war festlich mit lieblichen Blumen und Gräsern dekoriert.
Selena trug mit den Kindern, die alle viel jünger als sie waren, Eimer voll Wasser vom Bach am Waldrand zum Dorfplatz und goss es mit ihnen in die Tonkrüge, nachdem sie es über einem Feuer abgekocht hatten.
Sie rieb sich den Schweiß aus der Stirn und schaute sich suchend um, die Vorbereitungen waren fast fertig.
Es waren knapp dreißig Dorfbewohner, die geschäftig herumwuselten. Keiner schien mehr Hilfe zu benötigen, also machte sich Selena aufgeregt auf den Weg nach Hause.
Beinahe hätte sie die Überraschung vergessen.
Die Sonne war mittlerweile untergegangen und der Himmel färbte sich rosa.
Sie beeilte sich und erreichte nach kurzer Zeit ihr Zuhause. Die Tür knarrte, als Selena sie öffnete und hinter sich wieder zuzog.
„Maren, ich bin da“, rief sie mit einem lächerlich vorfreudigen Grinsen und betrat das Wohnzimmer.
Ihre Großmutter saß am Tisch mit dem Rücken zu ihr. Selena setzte sich zu ihr.
„Wir sollten uns beeilen, die Jäger kommen bald zurück und d–“ Sie verstummte, als sie sah, dass Maren still weinte. Ihre Hände umklammerten ein langes Bündel aus Stoff, in dem irgendetwas eingewickelt schien.
Selena rückte besorgt näher zu ihr. „Großmutter, was ist los?“
Unendlich langsam löste Maren ihre Hände vom Bündel und wischte sich energisch die Tränen von den Wangen.
„Selena“, ihre kummervollen Augen suchten die Ihren, „wir müssen reden.“
...
Der dreifache Vollmond am wolkenlosen Nachthimmel tauchte ganz Cajumeja in ein silbernes Licht. Es war ruhig und vollkommen windstill, als würde das Land den Atem anhalten und etwas Unheilvolles erwarten.
Eine einsame Gestalt rannte durch den Zahn, ein Gebirge, dessen Namen es den zerklüfteten Felsen verdankte, die überall wie riesige Bäume aus dem Boden sprossen.
Die Gestalt kam zügig voran, sprang, duckte sich und hechtete geschickt durch das unebene Gelände. Sie rannte auf vier kräftigen, krallenbesetzten Pranken und trug einen schweren Zweihänder aus hartem Eisen auf dem Rücken. Ab und zu blieb die Gestalt stehen und schnüffelte mit ihrer langen Schnauze in der Luft oder lauschte angestrengt in der verlassenen Umgebung. Sie rannte weiter und sprang auf einen erhöhten Felsen. Die Gestalt reckte den Kopf nach links und rechts und suchte etwas zwischen den Findlingen. Die grauen Gesteinsbrocken warfen lange, dunkle Schatten auf den unebenen Boden; hier und da wuchs ein kleines Büschel verdorrtes Gras, das unbeirrt versuchte, in dieser kargen Landschaft zu überleben.
Die Gestalt bemerkte einen schmalen Pfad, verborgen zwischen zwei Felswänden, und knurrte zornig, bevor sie hinabsprang und dem Pfad folgte. Ihr Kapuzenumhang flatterte im Wind. Die Gestalt musste sich beeilen, denn sie wusste, dass ihr Gebieter nicht gerne wartete. Der Werwolf rannte noch etwas schneller und verwandelte seine Wut in Energie. Sein Meister würde ihm eine neue Aufgabe geben, noch blutiger und abscheulicher als die letzten. Aber wenn sein Volk überleben wollte, musste er sich dem Willen seines Herrn beugen. Das war seine Pflicht als Anführer der Werwölfe.
Der Weg wurde immer schmaler und die Felswände schlossen sich über ihm; der Pfad wurde zu einem dunklen, muffigen Tunnel, der hinab ins Erdreich führte. Es drang nur noch wenig Licht vom Eingang in den Tunnel, doch das störte den Wolf nicht, denn er sah hervorragend in der Nacht. Das wenige Licht reichte aus, um die Wände und den Boden vor ihm zu sehen, doch dahinter, da, wo der Weg hinführte, war es selbst für ihn zu dunkel. Die Luft war stickig und das Hecheln des Wesens hallte von den Wänden zurück.
Der Werwolf rannte und rannte weiter, doch der Tunnel schien kein Ende haben zu wollen. Endlich, nach einer ganzen Weile, bemerkte er ein schwaches Leuchten vor sich. Das Leuchten wurde heller und schließlich wurden die Felswände vom Licht der Monde beschienen. Der Werwolf verlangsamte seine Schritte, als er einen großen Talkessel betrat.
Er stand auf einem Felsvorsprung, von dem eine steinerne Treppe hinab zum Boden führte. Von oben schienen die drei Vollmonde in das Tal und der Wolf streckte ihnen genüsslich das Gesicht entgegen. Die Lichtstrahlen streichelten sein Fell, klärten seine Gedanken und erfüllten ihn mit Zuversicht.
Egal, was geschah, die drei Monde des Königreichs würden immer bei den Werwölfen bleiben und ihnen als treue Gefährten zur Seite stehen. Der Gedanke daran erfüllte ihn mit neuem Elan. Er würde sein Rudel aus ihrer elendigen Sklaverei führen und sein Volk retten.
Die wolfähnliche Kreatur richtete den Blick nach unten.
Ein runder Platz aus massivem Stein und verschlungenen Mustern lag in der Mitte des Tals. Im Norden gab es einen kleinen Schrein, aus dem Felsmassiv herausgeschlagen, in dem einige Kerzen brannten. Daneben stand ein hoher Stock, an dem ein zerfetztes weißes Tuch hing.
Die Farbe der Göttin der Empfindungen.
Der Werwolf sammelte sich und schritt die lange Treppe hinab.
Der Ort musste früher ein Schrein für die Göttin gewesen sein, doch jetzt stand er leer und veraltet da. Nur die Kerzen zeugten davon, dass erst vor Kurzem noch jemand hier gewesen sein musste.
Oder noch hier war.
Der Werwolf legte aufmerksam seine Hand an den Schwertgriff und konzentrierte sich auf die Umgebung. Er roch und hörte nichts. Als er das Ende der Treppe erreichte, schaute er sich wachsam um.
Da erklang plötzlich hinter ihm ein kurzes, raues Lachen und er drehte sich ruckartig um, sein Schwert halb aus der Scheide gezogen.
In einer Felsnische hinter ihm starrten ihn zwei blaue Augen aus der Finsternis heraus an. Als das düstere Geschöpf sich in Bewegung setzte und Anstalten machte, die Felswand hinunterzuklettern, grunzte es leise. Der Werwolf trat ein paar Schritte zurück, um dem spinnenartigen Wesen Platz zu machen. Als das Ding den Boden erreicht hatte, schmolzen seine vielen Beine zu einem finsteren Klumpen zusammen und es richtete sich auf. Es hatte Ähnlichkeiten mit einem Drachen, nur fehlten ihm die Flügel.
Plötzlich schrumpfte das Geschöpf zusammen und der Werwolf unterdrückte ein Knurren. Vor ihm stand jetzt ein magerer Mann in schwarzen Roben. Er trug eine Kapuze wie der Wolf. Der Stoff bedeckte sein Gesicht und hüllte es in Schatten. Seine Haut war bleich, doch er strahlte eine starke, unheimliche und düstere Aura aus.
„Mein Gebieter“, knurrte der Werwolf und neigte unterwürfig das Haupt, als er seinen Meister erkannt hatte. Er zog seine Kapuze vom Kopf und offenbarte ein spitzes, schwarzes Wolfsgesicht. Ein dicker goldener Ohrring zeigte deutlich seine Position im Rudel. Das rechte Auge war rot, das andere dunkelbraun.
Das Gesicht im Schatten lächelte kameradschaftlich und enthüllte einen grauenhaften Mund, der bis zu den Ohren reichte. „Rotauge, mein treuer Freund.“
Rotauge biss die spitzen Zähne zusammen und schluckte seine tierischen Instinkte mühsam hinunter. Wenn er nicht gewusst hätte, wie mächtig der dreckige Wicht von einem Menschen war, hätte er ihn schon lange für immer zum Schweigen gebracht. Dieses … Ding … nutzte die Werwölfe schon seit einiger Zeit aus, um sie für seine dreckigen Pläne zu missbrauchen. Hier ein Mord, da ein Raubzug.
Der Mann ging zu dem Schrein hinüber, Rotauge folgte ihm möglichst stoisch und erhaben.
„Hast du meinen Auftrag erfüllt?“, fragte das menschenähnliche Geschöpf mit kratzender Stimme, als es vor den Kerzen stehen blieb und sie mit einer schnellen Handbewegung auslöschte.
Magie.
Rotauges Herzschlag beschleunigte sich, als er an die blutige Tat zurückdachte.
„Ja, Herr. Der Zwergenschmied ist tot“, knurrte er unterwürfig und holte ein blutbesudeltes Bündel hervor.
Rotauge überreichte es seinem Meister mit gesenktem Kopf. Er wollte sein Gegenüber um keinen Preis verärgern, denn es könnte tödlich enden. Für das ganze Rudel.
„Und ich habe Euch den Beweis gebracht, wie Ihr es mir befohlen habt“, beeilte er sich zu sagen.
Der Mann starrte ihn aus unergründlichen blauen Augen an, als er den Sack annahm und kurz hineinschaute. Sein enormer Mund verzog sich zu einem neuerlichen Grinsen und der Magus hob den Kopf. Rotauge schluckte, als er den Blick des wahnsinnigen Mannes im Nacken spürte. Das Schattengeschöpf legte das Bündel auf den Altar des Schreins.
„Hör mir zu, Wolf“, begann er und strich mit den Fingern zärtlich über den blutbesudelten Stoff, „als Nächstes möchte ich, dass du mir jemanden bringst. Aber diesmal lebendig …“
Ein schicksalhaftes Geheimnis
Selena blinzelte müde, als die ersten Sonnenstrahlen ihr ins Gesicht schienen.
Es war Frühling, und die Sonne wärmte das Land nach dem letzten, schwierigen Winter angenehm auf. Für viele Bauern in Cajumeja begann jetzt eine Zeit der harten Arbeit, so wie für Selena.
Sie lebte in Arta, einem kleinen Bauerndorf am Rande des verlorenen Waldes. Es verschlug nicht viele in eine so abgelegene Gegend, deshalb waren Besucher eher selten. Die Bewohner des Dorfes versorgten sich vorwiegend selbst durch die Jagd im Wald und mit ihren Feldern, die sich weit in die Windebenen hineinschmiegten. Viele würden den Alltag der Menschen dort als eintönig bezeichnen, doch manchmal, ein paar Mal im Jahr, gab es selbst in einem so kleinen Dorf wie Arta ganz besondere Tage, und an diesem Tag war es wieder einmal so weit: Die Bewohner des Dorfes feierten das Fest der Götter.
Das Mädchen schwang ihre Beine aus dem Bett und streckte sich genüsslich, voller Vorfreude. Doch bevor die Feierlichkeiten beginnen konnten, mussten die Dorfbewohner noch viele Vorbereitungen treffen.
Rasch zog Selena sich an: eine einfache Tunika aus grobem Stoff, die ihre Großmutter ihr genäht hatte, eine Leinenhose und robuste Lederstiefel. Mit geübten Handgriffen flocht sie ihre langen, braunen Haare und machte ihr Bett wieder her. Bereit, mit der Arbeit zu beginnen, verließ sie ihr Zimmer, lief durch den kurzen Gang und rannte die schwere Holztreppe hinunter in die Küche.
Dort, an der Feuerstelle, stand die alte Maren und schürte das Feuer, über dem ein Eintopf aus Gemüse köchelte. Als die alte Frau hörte, wie das Mädchen die Treppe hinunterging, drehte sie sich um und wartete, bis Selena zu ihr kam. „Guten Morgen“, sagte sie und gab ihr einen Kuss.
Selena drückte ihre Großmutter und gähnte verschlafen.
Maren lächelte, während sie weiterrührte. Ein köstlicher Geruch verbreitete sich im Raum, und Selena lief das Wasser im Mund zusammen. Ihr Blick fiel auf einen der Vorratsschränke. „Soll ich noch etwas im Dorf besorgen? Das Brot wird knapp“, fragte sie, während sie sich an den Tisch setzte und ihre Stiefel fester schnürte.
Maren schüttelte den Kopf und streckte den Arm nach einem Regal aus. „Nicht nötig, ich werde heute noch ein paar Brote backen.“
Sie nahm eine Schüssel aus dem Regal, füllte etwas Suppe hinein und reichte sie Selena. Dankbar nahm das Mädchen die Holzschüssel entgegen. Sie wartete, bis Maren sich ebenfalls mit einer dampfenden Schüssel Eintopf gesetzt hatte, bevor sie begann, ihren Eintopf zu löffeln. Marens Rock raschelte, und sie strich sich die kurzen, grauen Haare aus dem Gesicht. Schweigend aßen sie.
Selena liebte keine andere Person so sehr wie Maren. Sie war wie eine Großmutter für sie, obwohl sie es nicht war. Maren hatte Selena vor ihrer Tür gefunden, als kleines, erstaunlich lautes und weinerliches Kind, in ein warmes Tuch gewickelt. Es war ihnen ein Rätsel, wie Selena dorthin gelangt war und vor allem, zu wem sie gehörte.
Wer waren ihre Eltern?
Selena erinnerte sich nicht an das, was vorher geschehen war, denn sie war noch zu klein gewesen, um sich zu erinnern.
Der einzige Hinweis war die Kette.
Sie hatte das Schmuckstück getragen, als Maren sie gefunden hatte. Selena trug es immer, egal, was sie machte. Es war ein schlichtes Lederband, an dem eine kleine, weiße, runde Scheibe hing. Das Material der Scheibe war unbekannt. Es war sehr hart, wie sie bei einigen Experimenten herausgefunden hatte, und hatte eine glatte Oberfläche, durch die sich winzige, verschlungene Muster aus einem noch helleren Weiß schlängelten. Am dünnen Rand der Scheibe stand ihr Name, ganz klein eingeritzt: Selena.
Jedenfalls nahm sie an, dass es ihr Name war, aber mit Sicherheit wusste sie es nicht.
Doch die viel spannendere Frage war für sie: Wie konnte jemand etwas in ein so hartes Material einritzen? In ein Material, das man nicht verbrennen oder auf irgendeine andere Art beschädigen konnte? Ein neues Rätsel, das es zu lösen galt.
Selena fragte sich auch oft, ob sie Geschwister hatte, und träumte davon, sie kennenzulernen, falls sie welche hatte.
Maren brach schließlich die Stille, indem sie leise fragte: „Ist es möglich, dass du heute vielleicht etwas früher nach Hause kommst?“
Selena schob sich eine Ladung Eintopf in den Mund.
Seit ein paar Jahren arbeitete Selena auf dem Hof von Bernd und Ingrid. Die beiden hatten Selena Arbeit angeboten, die diese gerne annahm. Das Mädchen half ihnen jeden Tag, für einige kleine Bronzemünzen als Tageslohn, da Ingrid sehr alt war und ihr Sohn Bernd ohne Selena den Hof nicht allein bewirtschaften konnte. Ingrids Ehemann war vor vielen Jahren bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen.
„Ich denke, wir werden am späten Nachmittag fertig, und dann möchte ich gerne noch bei den Vorbereitungen für das Fest helfen. Wahrscheinlich also nicht. Warum? Haben wir noch etwas Wichtiges vor?“
Maren stützte die Ellbogen auf den Tisch, und kurz huschte ein Schatten über ihr Gesicht, doch Selena bemerkte es nicht.
„Ja. Lass dich überraschen“, sagte sie und lächelte.
Selena grinste und widmete sich wieder ihrem Eintopf. Sie liebte Überraschungen, denn sie waren meistens etwas Gutes. Deshalb nahm sie sich vor, heute schnell fertig zu werden, damit sie früher nach Hause kam.
Nachdem sie beide fertig gegessen hatten, spülten sie das Geschirr, und Selena verabschiedete sich von Maren.
Die alte Frau zog sie in eine liebevolle Umarmung und ließ sie erst gehen, als Selena ihr versprochen hatte, auf sich achtzugeben.
„Großmutter, ich bin kein kleines Kind mehr. Ich bin schon vierzehn Sommer alt!“, sagte sie genervt, „Ich kann wirklich gut auf mich selbst aufpassen.“
„Ja, ich weiß“, sagte Maren seufzend.
Selena löste sich von ihr und ging zur Haustür. Bevor sie hinaustrat, rief sie Maren zu: „Bis später.“ Dann zog sie die Tür hinter sich zu und sog die kühle Frühlingsluft ein, um sich zu beruhigen.
Was war nur los mit ihrer Großmutter?
Heute war sie irgendwie so … besorgt … und nervös. Sie beschloss, mit Maren darüber zu reden, falls sie sich am Abend immer noch so seltsam benahm.
Selena lief den Weg hinunter in das Dorf und folgte dem breiten Pfad zum Dorfplatz. Als sie an einigen Häusern vorbeikam, staunte sie, dass so viele Dörfler schon unterwegs waren, um möglichst früh mit den Vorbereitungen anzufangen, damit alles pünktlich am Abend fertig war. Andererseits gab es aber auch wirklich viel zu tun, und jeder musste mit anpacken. Die Straße, die durch Arta führte, wurde gefegt und Häuser herausgeputzt. Ein alter Brauch in Arta, bei dem man sich selbst im Geiste reinigte und das Zuhause herrichtete, um den Frühling zu begrüßen und am Abend die Götter übers Meer zu rufen.
Selena winkte bekannten Gesichtern zu und bog hinter der Schmiede nach Osten ab, Richtung offene Wiese.
Hinter den Grashügeln befanden sich die Windebenen und noch viel weiter hinten das Meer, das ganz Cajumeja umgab. Was dahinter war, wusste niemand. Es gab viele Spekulationen, sogar eine über ein weiteres Land hinter dem Horizont, doch keine davon konnte je bewiesen werden. Die meisten behaupteten, dass dort, wo die Sonne den Horizont berührte, das Ende der Welt und die Heimat der Götter sei.
Selena beobachtete stumm die Wolken, während sie lief. Heute würde ein schöner Abend werden.
Bald kam der große Hof in Sicht. Die beiden Bauern lebten in einem kleinen Wohnhaus neben einer großen Eiche. Dahinter befand sich die Scheune mit dem Stall und gegen Osten die Felder mit Kartoffeln, Möhren, Kürbissen und Weizen.
Selena klopfte an der Haustür und rief: „Hallo? Seid ihr schon wach?“
Von drinnen ertönte ein krächziges „Komm rein.“ Und Selena betrat die Wohnung von Ingrid und ihrem Sohn Bernd.
Die Wände bestanden aus robustem Holz, und das Zimmer war gemütlich eingerichtet.
Die uralte Frau saß in einem Stuhl vor dem Kamin und strickte etwas mit dicker Wolle. Die Nadeln klapperten bei jeder Bewegung.
„Guten Morgen, Ingrid“, begrüßte Selena sie.
Ingrid antwortete, ohne von ihrer Arbeit aufzuschauen. „Hallo, Kind.“ Sie schmunzelte und schaute hoch, „Hast du gestern mein–“
In dem Moment kam Bernd die Treppe hinunter.
„Da bist du ja!“, rief er mit seiner tiefen Stimme.
Er war viel größer und jünger als seine Mutter und hatte dunkles, kräftiges Haar und einen Vollbart. Er kam lächelnd auf sie zu, und Selena streckte ihren Arm aus, Bernd packte ihren Unterarm mit seiner kräftigen Pranke und begrüßte sie.
„Mein Junge!“, regte sich Ingrid auf, „Nicht so grob!“
Selena grinste, während sie die Begrüßung erwiderte. „Alles in Ordnung. Wollen wir dann mal?“, fragte sie Bernd.
„Aber sicher doch, die Arbeit ruft“, flötete Bernd gut gelaunt.
Sie setzten sich in Gang, und der Mann begann heftig gestikulierend mit dem Mädchen über die Bewässerung von Kartoffeln und deren Wachstum zu diskutieren.
Ingrid starrte den beiden mit einem Lächeln im Gesicht hinterher, als sie zur Tür hinaustraten und diese mit einem lauten Knall ins Schloss fiel.
Der Tag war lang und anstrengend gewesen, doch die Arbeit hatte Selena gutgetan. Die Wäsche hing frisch gewaschen zum Trocknen vor dem Haus, und die Felder waren geackert und gesät. Während Bernd die Bewässerung, die aus einem Graben bestand, der zum Bach vor dem Waldrand hin und zurück führte, in Gang gesetzt hatte, hatte Selena den Stall mit den vier Kühen ausgemistet und die Tiere gefüttert. Sie fühlte sich erfüllt und wohl, als sie sich von Ingrid und Bernd verabschiedete.
Der große Mann rief: „Bis morgen! Und vielen Dank!“, und winkte ihr zum Abschied.
Selena winkte zufrieden zurück.
Sie mochte die kleine Familie und den Hof sehr und freute sich auf den nächsten Tag.
Die Sonne stand schon tief, als Selena zurück ins Dorf lief und zusammen mit ihren Nachbarn die Tische und Stühle aufstellte und mit Geschirr bedeckte. Die Möbel und das Geschirr waren bunt zusammengewürfelt, denn jeder im Dorf hatte seinen Beitrag dazu geleistet, dass alle sich setzen und etwas essen konnten. Das Fest der Götter war nicht nur ein Opferfest an eben jene, es war auch ein Fest der Freundschaft und des Zusammengehörens. Ein Fest des Frühlings und des Lebens.
Wendel, ein kleiner, dicker Bäcker, hatte für alle frisches Brot gebacken, und jede Familie hatte etwas von ihren Vorräten mitgebracht. Gerold, der Schmied von Arta, half bei den Vorbereitungen für das große Zeremoniefeuer auf der Wiese hinter dem Dorf. Die restlichen Männer waren zusammen aufgebrochen, um im Wald und auf den Windebenen Wild zu erlegen, ein kostbares Gut, das es nicht jeden Tag gab und deshalb dem Tag noch eine zusätzliche Ladung Vorfreude verpasste.
Alles war festlich mit lieblichen Blumen und Gräsern dekoriert.
Selena trug mit den Kindern, die alle viel jünger als sie waren, Eimer voll Wasser vom Bach am Waldrand zum Dorfplatz und goss es mit ihnen in die Tonkrüge, nachdem sie es über einem Feuer abgekocht hatten.
Sie rieb sich den Schweiß aus der Stirn und schaute sich suchend um, die Vorbereitungen waren fast fertig.
Es waren knapp dreißig Dorfbewohner, die geschäftig herumwuselten. Keiner schien mehr Hilfe zu benötigen, also machte sich Selena aufgeregt auf den Weg nach Hause.
Beinahe hätte sie die Überraschung vergessen.
Die Sonne war mittlerweile untergegangen und der Himmel färbte sich rosa.
Sie beeilte sich und erreichte nach kurzer Zeit ihr Zuhause. Die Tür knarrte, als Selena sie öffnete und hinter sich wieder zuzog.
„Maren, ich bin da“, rief sie mit einem lächerlich vorfreudigen Grinsen und betrat das Wohnzimmer.
Ihre Großmutter saß am Tisch mit dem Rücken zu ihr. Selena setzte sich zu ihr.
„Wir sollten uns beeilen, die Jäger kommen bald zurück und d–“ Sie verstummte, als sie sah, dass Maren still weinte. Ihre Hände umklammerten ein langes Bündel aus Stoff, in dem irgendetwas eingewickelt schien.
Selena rückte besorgt näher zu ihr. „Großmutter, was ist los?“
Unendlich langsam löste Maren ihre Hände vom Bündel und wischte sich energisch die Tränen von den Wangen.
„Selena“, ihre kummervollen Augen suchten die Ihren, „wir müssen reden.“
...

