Schattenschlucht
Eine Reise durch die Welt des Glaubens, der Macht und des Verrats
EUR 28,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 400
ISBN: 978-3-99130-619-1
Erscheinungsdatum: 12.11.2024
Schatten ziehen sich über Mírínor zusammen, als der König stirbt. Rätselhafte Diebstähle von Steinen, dämonische Erscheinungen und Machtkämpfe führen dazu, dass einfache Nonnen, Priester und Legionäre über sich hinauswachsen müssen, um das Chaos abzuwenden.
Raven Abyss; vormittags
Raven Abyss – nicht mehr als eine alte, kleine Kirche schmückte das Dorfzentrum des einst strategisch wichtigen Postens der Krone fernab im Süden. Die mírosísche Kultur blätterte Tag für Tag von den mehr als hundertjährigen Wohnhäusern und dem alten Beobachtungsturm ab. Die Malereien eines seit Jahrzehnten zerfallenden Handelspostens schmückten kaum noch das steinerne Rathaus, dessen bröckelnde Steine bereits seit Jahren nur noch grob und kalt von Holzplatten zusammengehalten wurden.
»Seitdem der Nachschub für Raven Abyss abgeschnitten und doch auch ganz ausgegangen ist, zerfallen wir immer mehr«, erzählte Elric, als er dem neuen Priester Rowan Sinclair der Kirche Lumen Ecclesia, der selbst noch nie einen Fuß in das Dorf gesetzt hatte, die Lage von Raven Abyss und seiner Gemeinschaft schilderte. Rowan selbst lebte sein Leben lang in der nahe dem Wasser liegenden, von der Kultur des Reichs geprägten drevanischen Handelsstadt Ezirholdor. Ezirholdor, eine reiche Stadt am Ufer des Etimoftha-Sees, dessen Wasser noch hellblauer und gläserner war als das Blau des Himmels. Gewidmet war der See Alejandra Etimoftha, der Tochter des ersten Kaisers Paulveno.
Doch die Zeiten, in denen es einen Kaiser gab, waren schon lange verflogen. Elric selbst kannte die Kaiserzeit nur noch aus den Geschichten seiner Eltern oder aus den Bildern eines kleinen Jungen, die er noch im Kopf trug. Die Erzählung des paulvenischen Kaiserreichs, das sich von den hier gelegenen Nordostschlucht-Tälern von Azynthorin über das Morqous-Gebirge im weiten Osten bis hin zu den Sandstränden und zum Perlenmeer im Süden in der Nähe der Reichshauptstadt Celestia erstreckte; und nicht zu vergessen das Baliuren-Sumpfgebiet und der große Paulveno-Wald im Westen des Kontinents und dessen sagenumwobene Geschichten über einen verfluchten Nekromanten, der wohl böse Zwerge unter sich vereinte, die, wenn du sie zu lange anschaust, dir die Augen auskratzen.
»Sicher, dass Ihr dieser Aufgabe gewachsen seid?«, fragte Elric den aufmerksam zuhörenden Prediger aus der Weststadt.
»Ihr seid noch recht jung für jemanden, der das Wort Gottes predigen soll. Wie alt seid Ihr?« Rowan starrte ernüchtert auf den steinernen Kirchenboden, als würde er sich für sein doch noch junges Alter wirklich rechtfertigen müssen.
»Neunzehn«, antwortete er ihm. »Aber ich hoffe nicht, dass das von großer Bedeutung ist, hier zumindest.«
»Nein, da habt Ihr recht, ich finde es dennoch sehr wagemutig von Euch, allein so weit, ohne große Lebenserfahrung von zuhause weg zu sein.« Rowan blickte zu Elric hinauf und die beiden tauschten jetzt erst wieder den ersten Blickkontakt nach Minuten.
»Ihr wisst doch, ich bin nie allein.« Er schmunzelte. »Allein wäre ich wahrscheinlich auch nie hier gelandet. Es war letztlich der Bischof aus der Hauptstadt, der mich hierhin schickte«, erklärte Rowan.
»Natürlich«, platzte es aus Elric heraus. Er hätte sich auch schlecht vorstellen können, dass Menschen wirklich aufgrund der guten Luft oder der angegrauten Gebäude hierherkommen würden.
»Wie lange lebt Ihr hier schon?«, preschte der Neuankömmling vor. Elric nahm einen tiefen Atemzug. »So lange, wie ich mich erinnern kann, wahrscheinlich mein gesamtes Leben schon.«
»Zu lange«, fügte er hinzu. »Das Dorf damals verlassen habe ich nur für meine Arbeit.« Rowan starrte von der Seite.
»Und als was? Damals gab es hier doch noch viel mehr Arbeit, als noch reger Handel zwischen dem Osten und dem Südwesten stattfand.«
»Ich arbeitete für den damaligen König und für seine Handlanger und für deren.« Er erwiderte Rowans forschenden Blick. »Und mehr braucht Ihr darüber nicht zu wissen«, bedeutete Elric ihm streng, aber mit ruhiger Ader, so als würde ein Lehrer seine Schüler belehren.
»Was hindert Euch, heute einfach von diesem Ort zu verschwinden? Ich meine, wollt Ihr nicht mal einen Tapetenwechsel und Sonne?«, löcherte Rowan ihn.
»Warum sollte ich«, begann Elric. »Hier habe ich alles, was ich brauche, Freunde, meine Frau Aurora und die Lebensaufgabe, dieses kleine Häufchen Elend von Gemeinschaft am Leben zu halten. Und Ihr könnt mir womöglich bei all euren Westlandserfahrungen keinen Wald zeigen, in dem das Jagen so befriedigend sein kann wie hier.«
Die beiden liefen über die Türschwelle der einzigen noch verbliebenen Sehenswürdigkeit des Dorfs und verabschiedeten sich fürs Erste voneinander.
»Also, mein lieber Bruder, ich hoffe, wir sehen uns am Sonntag. Und möge Gott bei allem, was Ihr tut, bei Euch sein«, predigte Rowan fast schon.
»Und möge Friede mit Euch sein«, verabschiedete Elric sich und lief über den von Karren gezeichneten Erdweg zu sich nachhause.
An manchen Stellen ließen sich hier und da noch Kopfsteinpflasterwege erkennen, die aber durch den Dreck und den Verschleiß der Zeit für fremde Augen nicht weiter sichtbar waren. Auf dem Weg blickte er auch fernab nach oben, ob Raben oder Vögel über ihm kreisen würden. Doch nicht einmal das, einfach nichts. Nur der gewohnte dauergraue Himmel, der so gut wie wolkenlos und sonnenlos war. Schon als er Kind war, war so etwas wie Sonne oder Wärme trotz der damaligen doch recht wohlhabenden Bewohner eine Seltenheit. Das Wetter, das hier üblich herrschte, konnte man teilweise an der grauen, verblassten Haut der Dörfler ablesen, die damit fast schon etwas Verfluchtes hatten.
Der graue Himmel, der Nebel und das kalt-nasse Klima, das hatte immer schon etwas Verfluchtes, dachte sich Elric, der jetzt an dem alten Beobachtungsturm vorbeikam. Der Turm, damals erbaut, um die Karawanen und die Handelswege in die Schlucht und aus ihr heraus zu bewachen, war heute höchstens noch gut, um die Lage des Wilds im nahegelegenen Azyn-Wald auszumachen. Heutzutage steht dort so gut wie niemand mehr.
Besser für Elric. Er stieg vorsichtig die alten Stufen zum Turm hinauf, darauf bedacht, nicht die bröckelnden Stellen der Treppen zu erwischen und damit dem Turm nicht noch ein bisschen mehr Stein zu nehmen. Die alten steinernen Wände hingegen hielten sich trotz der mangelnden Pflege relativ gut, anders als die Treppen fiel dort zumindest nichts herunter oder hatte in irgendeiner Form Risse. Das Tragischste, was man an den Wänden finden konnte, waren Kletterpflanzen, die sich wirr umeinander stritten, wer durch die kleinen Schlitzspalte bei einem der Steine an die kalte Luft hinauswachsen konnte.
Gleich geschafft, dachte sich Elric, als er den wachsenden Luftzug spürte und einen Hauch gesteigerter Helligkeit in seinen Augen bemerkte. Der letzte Schritt nach oben war getan. Und ungeachtet aller sonstiger Situationen hatte er heute Pech oder doch Glück? Er war nicht allein, doch es war auch kein Fremder, den er dort sah.
»Ryker«, stieß Elric aus. »Elric.« Der gut gebaute Mann im Ledermantel lächelte. »Was machst du denn hier?« Elric freute sich.
»Solltest du nicht in Vornithor stationiert sein?«, fügte er hinzu.
»Ja, sollte, aber man hat mir freigegeben, bis zur Krönung des neuen Königs«, sagte Ryker ihm mit lächelndem Gesicht, um die Freude, seinen alten Freund nach mehreren Jahren des Abstands wiederzusehen, nicht zu verbergen.
»Warte, der König ist tot?!«, unterbrach Elric mit weit aufgerissenen Augen die fröhliche Wiedersehensstimmung.
»Ja, der gute Veldor, Zweiter seines Namens«, spottete er, »hat vor etwa zwei Wochen im Alter von fünfzig den Löffel abgegeben.«
»Wahrscheinlich besser so«, fügte er ungerührt hinzu.
»Den Zuhälter und seine Huren mochte eh keiner.«
»Und weiß man schon, wer der neue Erbfolger des paulvenischen Reichs wird?«, fragte Elric, als würde er Ryker gerne in eine politische Diskussion führen wollen, auf die beide eigentlich keine Lust hatten.
»Naja«, fing er an. »Er hat zwei Söhne, von denen der ältere ein Bastard ist und der andere ein Zwanzigjähriger mit Wutausbrüchen, der, obwohl er der jüngere ist, aufgrund seiner Herkunft einer legitimierten Ehe der neue König sein wird.«
Er sprach weiter, wie ein Lehrling zu seinem Meister, darauf bedacht, alles richtig zu erzählen und nichts außer Acht zu lassen.
»Wie es die drevarianische Kultur in der Sache nun verlangt, muss jetzt die neue Königin aus dem Volk ausgesucht werden. Und jetzt findet auf Vornithor das Auswahlverfahren statt, welche der Frauen, die sich freiwillig gemeldet haben, zur Königin wird.«
»Also wieder wie auf dem Viehmarkt«, fügte Elric hinzu.
Nickend spottete Ryker: »Nur ist das, was man auf dem Viehmarkt bekommt, wesentlich erträglicher.«
Der Nebel legte sich. Endlich konnte man auch mehr sehen als die weiße Nebelbank, die zuvor den Blick auf den Wald und das Gebirge vor ihnen verdeckt hatte. Und da plötzlich ein Hirschrudel, es rannte von den nahegelegenen Feldern der Bauern in den Wald. So, als würden sie jetzt schon von jemandem oder etwas verfolgt.
»Siehst du die?«, sagte Elric und deutete auf das rennende Rehrudel.
»Eins davon nehme ich mir heute mit nachhause.«
»Na dann viel Spaß, wird bestimmt was werden, so wie du Bogen schießen kannst«, neckte Ryker ihn.
»Willst du dann nicht mitkommen und mir eine Lehrstunde in Sachen Zielen und Treffen geben?«, konterte Elric mit dem Hintergrundwissen, dass Ryker zwar ein Meister mit dem Schwert war, aber genauso grottig wie er mit dem Bogen.
»Ich will dir den ganzen Spaß nicht nehmen«, witzelte er. »Ich werde mir dein Versagen von hier oben ansehen.«
»Na gut, sei aber nachher nicht neidisch, wenn alle weg sind.«
Elric ging wieder zu den bröckelnden Stufen, über die er hochgekommen war, Schritt nach Schritt ging er mehr und mehr der Dunkelheit entgegen. Der erste Lichtkegel ließ sich wieder blicken, gleich war er wieder unten. Bevor er jedoch hinaus ans Tageslicht treten konnte, nahm er ein lautes Flügelschlagen neben sich wahr und dann ein Krachen, das sich direkt neben seinem Ohr abspielte.
»Scheiße, was war das«, stieß er aus und blickte zu seiner Rechten, wo das Geräusch herkam.
»Ein Rabe!«, sagte er mit Nachdruck, um es sich mit seiner Stimme klarzumachen, dass da gerade wirklich ein Vogel in einer der schmalen Lücken der Turmsteine steckte. Sein Schnabel war von der Enge des Schlitzes verbogen und sein schwarzer Kopf passte, so gepresst er auch in dem Spalt war, fast schon perfekt zu den Steinen.
Elric beschloss, den Raben noch etwas länger anzustarren, als würde er sich wirklich noch bewegen können.
Der ist dann wohl tot, dachte er sich, nachdem er die weißen Augen des im Volksmund bekannten Unglücksbringers sah.
Doch falsch gedacht, als er dabei war, seine Augen von dem Tier abzuwenden, begann es zu krächzen. Elric wich erschrocken zurück und fiel auf den Treppenstufen zu Boden. Er sah den Raben gebannt an und konnte, so sehr er auch wollte, nicht die Augen von ihm lassen.
Seine milchig weißen, angegrauten Augen begannen sich ins Schwarze zu färben. Auf einmal schaffte es der Rabe doch wirklich, einen seiner Flügel, der derartig beschädigt war, dass man schon fast den Knochen sehen konnte, aus dem Spalt zu winden, in dem er verklemmt war, und mit diesem wild herumzuflattern.
Wenige Sekunden später folgte der zweite zerrupfte Flügel. Dann auf einmal wie ein Pfeil schoss der Rabe nur knapp an Elric vorbei und knallte mit seinem Schnabel auf die entgegengesetzte Mauer des Turms. Elric warf nur einen kurzen Blick auf den Vogel, um festzustellen, ob nun dieser ganze Spuk vorbei war.
Die Augen des Raben hatten sich wieder milchweiß gefärbt. »Danke Gott, es ist vorbei«, sagte er erledigt, als hätte er gerade zwei Holzstämme auf einmal tragen müssen. Er stand auf, als das Krächzen des Viechs vom einen auf den anderen Moment wieder anfing.
Nein, nicht nochmal, schoss der Gedanke ihm durch den Kopf und er zerquetschte den Raben unter seinem Stiefel, bevor der weitere Laute von sich geben konnte. Endlich schaffte Elric es nun, aus dem Turm hinauszulaufen und sich auf den Weg zu seinem Haus zu machen, um seine Jagdausrüstung zu holen.
Ezirholdor; mittags
»Nayla, kommst du?«, rief die Frau im Ordensgewand ihr zu.
»Wir sind jetzt schon zu spät«, fügte sie hinzu.
»Und ich will die Mutter nicht noch länger warten lassen, du weißt doch, wie sie reagiert, wenn wir zu spät kommen, vor allem jetzt, wo sie gesagt hat, dass es so wichtig ist.«
Nayla ignorierte ihre Worte noch immer, starrend beobachtete sie einen der Toreingänge Ezirholdors, der schräg von einer ein paar Meter langen Mauer für die Frau im Ordensgewand verdeckt wurde. Täglich passierten das mit Sandstein erbaute Tor Hunderte von Menschen, Soldaten und Händler aus allen Ecken und Enden des Reiches.
Die Frau mit dem Gewand wandte sich nun eilig Nayla zu, die bisher alle Versuche der Frau, sie aus ihrer halben Trance wachzurütteln, abgewehrt hatte. Mit eiligen Schritten ging sie auf sie zu und nur auf Nayla fokussiert fragte sie: »Alles gut bei dir?«
»Guck mal, Jula«, sagte Nayla verängstigt, nachdem sie anscheinend erst jetzt ihre Freundin hörte.
Jula wandte ihren Blick Naylas Augen folgend schräg hoch auf den Wall über dem Tor.
»Mein lieber Himmel«, stieß sie aus und bekreuzigte sich mit der rechten Hand.
Die Sache, auf die Nayla die ganze Zeit den Blick richtete, war nichts Geringeres als ein aufgeknüpfter Mann mit geöffnetem Bauch, in dem sich durch das Dahinfaulen schon die ersten Maden ihr zeitweises Zuhause einrichteten. Dazu kamen noch die ausgepickten Augen, die wohl das Werk einiger Vögel waren.
In jenem Moment lief eine Soldatenwache über den Wall. Sie hatte etwas Stroh in der linken Hand und ging zielgerichtet mit großen Schritten auf den dahinwesenden Körper zu. Aber anders, als Novizin Nayla es sich erhoffte, kam der Mann nicht, um jenen Körper von dort oben herunterzuholen, sondern stattdessen nahm er das Stroh in seiner Hand und drückte es als runde Kugeln in die fast leeren Augenhöhlen des Gesichts, damit ihn die Vögel auf dem Wall bei der Aufgabe des Wachens über die Menge nicht störten.
Der Aufgeknüpfte selbst trug für die Verhältnisse des Teils der Stadt, in dem er hing, wohlhabende Kleidung. Seine grüne Robe war nur von seinem eigenen Blut bekleckert und von ein paar grauen und schwarzen Federn. Seine Schuhe bestanden aus Leder und teilweise Tierfell und liefen vorne Spitz zusammen. Über seinem Hals trug der Körper ein Holzschild. »Lang lebe der König« stand auf ihm mit roter Farbe geschrieben.
»Komm, lass uns gehen«, sagte Jula mit lauter Stimme. Sie packte Nayla an der zittrigen Hand und riss sie einfach mit.
Die beiden liefen weiter durch die von Erde und Schmutz bedeckten, mit dunkelgrauen, achteckigen Kacheln gepflasterten Straßen der Unterstadt, für die es typisch war, dass sich zwischen den kriminellen und gefährlichen Schwarzmärktlern auch an so gut wie jeder Ecke prostituierte Seelen befanden. Die Prostitution allgemein war in Ezirholdor in den letzten Jahrzehnten wirtschaftlich gesehen immer wichtiger geworden.
Die Einnahmen mancher Freier ernährten ganze Familiendynastien und brachten bei den strengen Auflagen der sacristischen Kirche auch manchen Kontrolleuren und Stadtwachen gute Bestechungsgelder ein. Die Bordelle, zwar von außen für ein fremdes Auge so gut wie unsichtbar und meist als Wohnhäuser oder Schmieden getarnt, reihten sich hier jedoch zu zweit und dreifach aneinander.
Doch wie die Zukunft aller Menschen war auch die der Zuhälter ab der Krönung des neuen Königs ungewiss. Bisher profitierten beide Seiten, Krone und Etablissements. Die Krone garantierte den Freudenhäusern Sicherheit und Arbeitsfreiheit für die Prostituierten. Und die Krone erhob dafür Steuern und Abgaben bei den wohlhabenden Bordellbesitzern.
Nach wenigen Minuten gingen sie dem nächsten Tor entgegen, dieses Mal ohne einen Toten, der über den Mauerwall ragte. Sie waren nun auf den Märkten der Stadt angekommen, die sich links und rechts von ihnen aneinanderreihten. Zwar hat Ezirholdor nicht mehr länger den Glanz der damaligen Kaiserzeit, dennoch fand man noch immer Waren, Händler und Menschen aus allen Teilen des zusammengeschrumpften Reichs.
An der einen Ecke ein Mann, der seine Gewürze aufgrund der hohen Preise nur schwer verkaufen konnte, neben ihm eine ärmliche Frau, die anscheinend versuchte, falsche Silberarmbänder an wohlhabendere Frauen zu verhökern. Der nächste Stand, den Nayla und Jula passierten, war ein ganz gewöhnlicher Gemüsestand, wie es ihn überall im Reich hätte geben können. Dennoch handelte auch hier jeder so gut, wie er nur konnte, um einen gesenkten Preis.
Nayla und Jula gingen nun zielstrebig rechts in eine kleine Seitengasse, die sie oftmals nutzten, um nicht den ganzen Bettlern und Armen an der nächsten Kreuzung entgegenzulaufen. Die kleine Gasse war zwar nur schmal und oftmals von Fäkalien beschmutzt, dennoch empfanden sie es als sicherer, sich und ihre Kleidung kurz durch die Scheiße zu drücken, anstatt von betrunkenen Bettlern, so leid sie ihnen auch taten, ausgeraubt oder wegen ihrer Gutmütigkeit ausgenommen zu werden.
Zurück auf dem Pflasterweg mussten sie nun nur noch an den Menschenmengen vorbei, um zu einem runden Marktplatz zu gelangen, auf dem sich inmitten der vielen Seiden- und Wollläden eine vierhundert Fuß hohe Kathedrale befand, die sich mit ihren drei Türmen am östlichen Anfang und am westlichen Ende die höchste Anlage des gesamten Reiches nennen durfte.
Die aus Sand- und Graustein bestehenden Türme und das gesamtschiff der Kirche, das wie eine ovale Pyramide geformt war, wurden bereits seit einhundertelf Jahren gebaut und standen auch kurz vor der Vollendung. Den Anstoß zum Plan und zum Bau der Regnum Coelestis hatte Benet Etimoftha gegeben. Er selbst war dritter Kaiser des paulvenischen Reichs und zweiter Enkel von Paulveno Etimoftha.
Die zwölf Fuß hohen Eingangstore des Bauwerks bestanden aus geschliffenem, schwarzem Marmor und die großen Türen aus Eichenholz bildeten in Kleinformat die Kaiserlinie der paulvenischen Kaiser ab. An erster Stelle ganz links des Tores sah man die Abbildung eines Mannes, der vermutlich den ersten Kaiser Paulveno Etimoftha darstellen sollte, der sein Kaiserreich durch Kriegseroberungen und geschickte Diplomatie gründete, hielt und erweiterte.
An nächster Stelle stand dessen Sohn Rovan Etimoftha, bekannt für seinen großen Familienbaum und seine dreizehn
Kinder. Er hatte sechs Söhne:
Paulveno den Zweiten, Benet, Asrael, Aramael, Maèl und Sarazel Etimoftha.
Und sieben Töchter:
Amara, Alba, Éva, Sylva, Sibyll, Josetta und Ravenna Etimoftha.
Der Dritte in der Blutslinie war Rovans zweiter Sohn Benet, da sein erster Sohn Paulveno aufgrund seiner Lepra-Erkrankung verzichtete und dem Orden der Nymphara beitrat, einem Orden, wo die kränksten, aber doch gottesfürchtigsten Adeligen und Kämpfer aus allen Teilen der Welt zusammenkamen, um ihre letzten Jahre in den Dienst Gottes zu stellen.
Unter Benet wurde die fast in der ganzen mírínorischen Welt bekannte Regnum Coelestis geplant und gebaut. Der Vierte der Linie war Marel, der erstgeborene Sohn Benets. Er war der Kaiser mit der kürzesten Regierungszeit, mit gerade einmal drei Jahren. Marel war bekannt für seine sanftmütige und ruhige Ader, manche sagten, genau das sei der Grund gewesen, weshalb ihn sein Bruder Meric erstach.
Unter Meric, der seinem kinderlosen Bruder Marel nachfolgte, geriet das Kaiserreich aufgrund von immer wiederkehrenden Bauernaufständen gegen die hohen Steuern in eine wirtschaftliche Rezession. Das veranlasste Meric dazu, den wohlhabenden Bordellbesitzern im Gegenzug für Geld politischen Einfluss innerhalb des Kaiserreis zu gewähren.
Anders als sein Sohn Kesar hatte Meric sein Volk nie absichtlich unterdrückt oder sich gewünscht, gefürchtet zu werden, trotz der vielen Aufstände, die er gewaltsam niederschlug. Kesar Etimoftha war hingegen für viele ein Unterdrücker, der sich den Namen auch wirklich verdienen wollte.
»Der einzige Weg, sein Reich unter Kontrolle zu haben, ist dafür zu sorgen, dass die kleinen Menschen sich mehr vor mir fürchten als vor irgendeinem Feind!«
...
Raven Abyss – nicht mehr als eine alte, kleine Kirche schmückte das Dorfzentrum des einst strategisch wichtigen Postens der Krone fernab im Süden. Die mírosísche Kultur blätterte Tag für Tag von den mehr als hundertjährigen Wohnhäusern und dem alten Beobachtungsturm ab. Die Malereien eines seit Jahrzehnten zerfallenden Handelspostens schmückten kaum noch das steinerne Rathaus, dessen bröckelnde Steine bereits seit Jahren nur noch grob und kalt von Holzplatten zusammengehalten wurden.
»Seitdem der Nachschub für Raven Abyss abgeschnitten und doch auch ganz ausgegangen ist, zerfallen wir immer mehr«, erzählte Elric, als er dem neuen Priester Rowan Sinclair der Kirche Lumen Ecclesia, der selbst noch nie einen Fuß in das Dorf gesetzt hatte, die Lage von Raven Abyss und seiner Gemeinschaft schilderte. Rowan selbst lebte sein Leben lang in der nahe dem Wasser liegenden, von der Kultur des Reichs geprägten drevanischen Handelsstadt Ezirholdor. Ezirholdor, eine reiche Stadt am Ufer des Etimoftha-Sees, dessen Wasser noch hellblauer und gläserner war als das Blau des Himmels. Gewidmet war der See Alejandra Etimoftha, der Tochter des ersten Kaisers Paulveno.
Doch die Zeiten, in denen es einen Kaiser gab, waren schon lange verflogen. Elric selbst kannte die Kaiserzeit nur noch aus den Geschichten seiner Eltern oder aus den Bildern eines kleinen Jungen, die er noch im Kopf trug. Die Erzählung des paulvenischen Kaiserreichs, das sich von den hier gelegenen Nordostschlucht-Tälern von Azynthorin über das Morqous-Gebirge im weiten Osten bis hin zu den Sandstränden und zum Perlenmeer im Süden in der Nähe der Reichshauptstadt Celestia erstreckte; und nicht zu vergessen das Baliuren-Sumpfgebiet und der große Paulveno-Wald im Westen des Kontinents und dessen sagenumwobene Geschichten über einen verfluchten Nekromanten, der wohl böse Zwerge unter sich vereinte, die, wenn du sie zu lange anschaust, dir die Augen auskratzen.
»Sicher, dass Ihr dieser Aufgabe gewachsen seid?«, fragte Elric den aufmerksam zuhörenden Prediger aus der Weststadt.
»Ihr seid noch recht jung für jemanden, der das Wort Gottes predigen soll. Wie alt seid Ihr?« Rowan starrte ernüchtert auf den steinernen Kirchenboden, als würde er sich für sein doch noch junges Alter wirklich rechtfertigen müssen.
»Neunzehn«, antwortete er ihm. »Aber ich hoffe nicht, dass das von großer Bedeutung ist, hier zumindest.«
»Nein, da habt Ihr recht, ich finde es dennoch sehr wagemutig von Euch, allein so weit, ohne große Lebenserfahrung von zuhause weg zu sein.« Rowan blickte zu Elric hinauf und die beiden tauschten jetzt erst wieder den ersten Blickkontakt nach Minuten.
»Ihr wisst doch, ich bin nie allein.« Er schmunzelte. »Allein wäre ich wahrscheinlich auch nie hier gelandet. Es war letztlich der Bischof aus der Hauptstadt, der mich hierhin schickte«, erklärte Rowan.
»Natürlich«, platzte es aus Elric heraus. Er hätte sich auch schlecht vorstellen können, dass Menschen wirklich aufgrund der guten Luft oder der angegrauten Gebäude hierherkommen würden.
»Wie lange lebt Ihr hier schon?«, preschte der Neuankömmling vor. Elric nahm einen tiefen Atemzug. »So lange, wie ich mich erinnern kann, wahrscheinlich mein gesamtes Leben schon.«
»Zu lange«, fügte er hinzu. »Das Dorf damals verlassen habe ich nur für meine Arbeit.« Rowan starrte von der Seite.
»Und als was? Damals gab es hier doch noch viel mehr Arbeit, als noch reger Handel zwischen dem Osten und dem Südwesten stattfand.«
»Ich arbeitete für den damaligen König und für seine Handlanger und für deren.« Er erwiderte Rowans forschenden Blick. »Und mehr braucht Ihr darüber nicht zu wissen«, bedeutete Elric ihm streng, aber mit ruhiger Ader, so als würde ein Lehrer seine Schüler belehren.
»Was hindert Euch, heute einfach von diesem Ort zu verschwinden? Ich meine, wollt Ihr nicht mal einen Tapetenwechsel und Sonne?«, löcherte Rowan ihn.
»Warum sollte ich«, begann Elric. »Hier habe ich alles, was ich brauche, Freunde, meine Frau Aurora und die Lebensaufgabe, dieses kleine Häufchen Elend von Gemeinschaft am Leben zu halten. Und Ihr könnt mir womöglich bei all euren Westlandserfahrungen keinen Wald zeigen, in dem das Jagen so befriedigend sein kann wie hier.«
Die beiden liefen über die Türschwelle der einzigen noch verbliebenen Sehenswürdigkeit des Dorfs und verabschiedeten sich fürs Erste voneinander.
»Also, mein lieber Bruder, ich hoffe, wir sehen uns am Sonntag. Und möge Gott bei allem, was Ihr tut, bei Euch sein«, predigte Rowan fast schon.
»Und möge Friede mit Euch sein«, verabschiedete Elric sich und lief über den von Karren gezeichneten Erdweg zu sich nachhause.
An manchen Stellen ließen sich hier und da noch Kopfsteinpflasterwege erkennen, die aber durch den Dreck und den Verschleiß der Zeit für fremde Augen nicht weiter sichtbar waren. Auf dem Weg blickte er auch fernab nach oben, ob Raben oder Vögel über ihm kreisen würden. Doch nicht einmal das, einfach nichts. Nur der gewohnte dauergraue Himmel, der so gut wie wolkenlos und sonnenlos war. Schon als er Kind war, war so etwas wie Sonne oder Wärme trotz der damaligen doch recht wohlhabenden Bewohner eine Seltenheit. Das Wetter, das hier üblich herrschte, konnte man teilweise an der grauen, verblassten Haut der Dörfler ablesen, die damit fast schon etwas Verfluchtes hatten.
Der graue Himmel, der Nebel und das kalt-nasse Klima, das hatte immer schon etwas Verfluchtes, dachte sich Elric, der jetzt an dem alten Beobachtungsturm vorbeikam. Der Turm, damals erbaut, um die Karawanen und die Handelswege in die Schlucht und aus ihr heraus zu bewachen, war heute höchstens noch gut, um die Lage des Wilds im nahegelegenen Azyn-Wald auszumachen. Heutzutage steht dort so gut wie niemand mehr.
Besser für Elric. Er stieg vorsichtig die alten Stufen zum Turm hinauf, darauf bedacht, nicht die bröckelnden Stellen der Treppen zu erwischen und damit dem Turm nicht noch ein bisschen mehr Stein zu nehmen. Die alten steinernen Wände hingegen hielten sich trotz der mangelnden Pflege relativ gut, anders als die Treppen fiel dort zumindest nichts herunter oder hatte in irgendeiner Form Risse. Das Tragischste, was man an den Wänden finden konnte, waren Kletterpflanzen, die sich wirr umeinander stritten, wer durch die kleinen Schlitzspalte bei einem der Steine an die kalte Luft hinauswachsen konnte.
Gleich geschafft, dachte sich Elric, als er den wachsenden Luftzug spürte und einen Hauch gesteigerter Helligkeit in seinen Augen bemerkte. Der letzte Schritt nach oben war getan. Und ungeachtet aller sonstiger Situationen hatte er heute Pech oder doch Glück? Er war nicht allein, doch es war auch kein Fremder, den er dort sah.
»Ryker«, stieß Elric aus. »Elric.« Der gut gebaute Mann im Ledermantel lächelte. »Was machst du denn hier?« Elric freute sich.
»Solltest du nicht in Vornithor stationiert sein?«, fügte er hinzu.
»Ja, sollte, aber man hat mir freigegeben, bis zur Krönung des neuen Königs«, sagte Ryker ihm mit lächelndem Gesicht, um die Freude, seinen alten Freund nach mehreren Jahren des Abstands wiederzusehen, nicht zu verbergen.
»Warte, der König ist tot?!«, unterbrach Elric mit weit aufgerissenen Augen die fröhliche Wiedersehensstimmung.
»Ja, der gute Veldor, Zweiter seines Namens«, spottete er, »hat vor etwa zwei Wochen im Alter von fünfzig den Löffel abgegeben.«
»Wahrscheinlich besser so«, fügte er ungerührt hinzu.
»Den Zuhälter und seine Huren mochte eh keiner.«
»Und weiß man schon, wer der neue Erbfolger des paulvenischen Reichs wird?«, fragte Elric, als würde er Ryker gerne in eine politische Diskussion führen wollen, auf die beide eigentlich keine Lust hatten.
»Naja«, fing er an. »Er hat zwei Söhne, von denen der ältere ein Bastard ist und der andere ein Zwanzigjähriger mit Wutausbrüchen, der, obwohl er der jüngere ist, aufgrund seiner Herkunft einer legitimierten Ehe der neue König sein wird.«
Er sprach weiter, wie ein Lehrling zu seinem Meister, darauf bedacht, alles richtig zu erzählen und nichts außer Acht zu lassen.
»Wie es die drevarianische Kultur in der Sache nun verlangt, muss jetzt die neue Königin aus dem Volk ausgesucht werden. Und jetzt findet auf Vornithor das Auswahlverfahren statt, welche der Frauen, die sich freiwillig gemeldet haben, zur Königin wird.«
»Also wieder wie auf dem Viehmarkt«, fügte Elric hinzu.
Nickend spottete Ryker: »Nur ist das, was man auf dem Viehmarkt bekommt, wesentlich erträglicher.«
Der Nebel legte sich. Endlich konnte man auch mehr sehen als die weiße Nebelbank, die zuvor den Blick auf den Wald und das Gebirge vor ihnen verdeckt hatte. Und da plötzlich ein Hirschrudel, es rannte von den nahegelegenen Feldern der Bauern in den Wald. So, als würden sie jetzt schon von jemandem oder etwas verfolgt.
»Siehst du die?«, sagte Elric und deutete auf das rennende Rehrudel.
»Eins davon nehme ich mir heute mit nachhause.«
»Na dann viel Spaß, wird bestimmt was werden, so wie du Bogen schießen kannst«, neckte Ryker ihn.
»Willst du dann nicht mitkommen und mir eine Lehrstunde in Sachen Zielen und Treffen geben?«, konterte Elric mit dem Hintergrundwissen, dass Ryker zwar ein Meister mit dem Schwert war, aber genauso grottig wie er mit dem Bogen.
»Ich will dir den ganzen Spaß nicht nehmen«, witzelte er. »Ich werde mir dein Versagen von hier oben ansehen.«
»Na gut, sei aber nachher nicht neidisch, wenn alle weg sind.«
Elric ging wieder zu den bröckelnden Stufen, über die er hochgekommen war, Schritt nach Schritt ging er mehr und mehr der Dunkelheit entgegen. Der erste Lichtkegel ließ sich wieder blicken, gleich war er wieder unten. Bevor er jedoch hinaus ans Tageslicht treten konnte, nahm er ein lautes Flügelschlagen neben sich wahr und dann ein Krachen, das sich direkt neben seinem Ohr abspielte.
»Scheiße, was war das«, stieß er aus und blickte zu seiner Rechten, wo das Geräusch herkam.
»Ein Rabe!«, sagte er mit Nachdruck, um es sich mit seiner Stimme klarzumachen, dass da gerade wirklich ein Vogel in einer der schmalen Lücken der Turmsteine steckte. Sein Schnabel war von der Enge des Schlitzes verbogen und sein schwarzer Kopf passte, so gepresst er auch in dem Spalt war, fast schon perfekt zu den Steinen.
Elric beschloss, den Raben noch etwas länger anzustarren, als würde er sich wirklich noch bewegen können.
Der ist dann wohl tot, dachte er sich, nachdem er die weißen Augen des im Volksmund bekannten Unglücksbringers sah.
Doch falsch gedacht, als er dabei war, seine Augen von dem Tier abzuwenden, begann es zu krächzen. Elric wich erschrocken zurück und fiel auf den Treppenstufen zu Boden. Er sah den Raben gebannt an und konnte, so sehr er auch wollte, nicht die Augen von ihm lassen.
Seine milchig weißen, angegrauten Augen begannen sich ins Schwarze zu färben. Auf einmal schaffte es der Rabe doch wirklich, einen seiner Flügel, der derartig beschädigt war, dass man schon fast den Knochen sehen konnte, aus dem Spalt zu winden, in dem er verklemmt war, und mit diesem wild herumzuflattern.
Wenige Sekunden später folgte der zweite zerrupfte Flügel. Dann auf einmal wie ein Pfeil schoss der Rabe nur knapp an Elric vorbei und knallte mit seinem Schnabel auf die entgegengesetzte Mauer des Turms. Elric warf nur einen kurzen Blick auf den Vogel, um festzustellen, ob nun dieser ganze Spuk vorbei war.
Die Augen des Raben hatten sich wieder milchweiß gefärbt. »Danke Gott, es ist vorbei«, sagte er erledigt, als hätte er gerade zwei Holzstämme auf einmal tragen müssen. Er stand auf, als das Krächzen des Viechs vom einen auf den anderen Moment wieder anfing.
Nein, nicht nochmal, schoss der Gedanke ihm durch den Kopf und er zerquetschte den Raben unter seinem Stiefel, bevor der weitere Laute von sich geben konnte. Endlich schaffte Elric es nun, aus dem Turm hinauszulaufen und sich auf den Weg zu seinem Haus zu machen, um seine Jagdausrüstung zu holen.
Ezirholdor; mittags
»Nayla, kommst du?«, rief die Frau im Ordensgewand ihr zu.
»Wir sind jetzt schon zu spät«, fügte sie hinzu.
»Und ich will die Mutter nicht noch länger warten lassen, du weißt doch, wie sie reagiert, wenn wir zu spät kommen, vor allem jetzt, wo sie gesagt hat, dass es so wichtig ist.«
Nayla ignorierte ihre Worte noch immer, starrend beobachtete sie einen der Toreingänge Ezirholdors, der schräg von einer ein paar Meter langen Mauer für die Frau im Ordensgewand verdeckt wurde. Täglich passierten das mit Sandstein erbaute Tor Hunderte von Menschen, Soldaten und Händler aus allen Ecken und Enden des Reiches.
Die Frau mit dem Gewand wandte sich nun eilig Nayla zu, die bisher alle Versuche der Frau, sie aus ihrer halben Trance wachzurütteln, abgewehrt hatte. Mit eiligen Schritten ging sie auf sie zu und nur auf Nayla fokussiert fragte sie: »Alles gut bei dir?«
»Guck mal, Jula«, sagte Nayla verängstigt, nachdem sie anscheinend erst jetzt ihre Freundin hörte.
Jula wandte ihren Blick Naylas Augen folgend schräg hoch auf den Wall über dem Tor.
»Mein lieber Himmel«, stieß sie aus und bekreuzigte sich mit der rechten Hand.
Die Sache, auf die Nayla die ganze Zeit den Blick richtete, war nichts Geringeres als ein aufgeknüpfter Mann mit geöffnetem Bauch, in dem sich durch das Dahinfaulen schon die ersten Maden ihr zeitweises Zuhause einrichteten. Dazu kamen noch die ausgepickten Augen, die wohl das Werk einiger Vögel waren.
In jenem Moment lief eine Soldatenwache über den Wall. Sie hatte etwas Stroh in der linken Hand und ging zielgerichtet mit großen Schritten auf den dahinwesenden Körper zu. Aber anders, als Novizin Nayla es sich erhoffte, kam der Mann nicht, um jenen Körper von dort oben herunterzuholen, sondern stattdessen nahm er das Stroh in seiner Hand und drückte es als runde Kugeln in die fast leeren Augenhöhlen des Gesichts, damit ihn die Vögel auf dem Wall bei der Aufgabe des Wachens über die Menge nicht störten.
Der Aufgeknüpfte selbst trug für die Verhältnisse des Teils der Stadt, in dem er hing, wohlhabende Kleidung. Seine grüne Robe war nur von seinem eigenen Blut bekleckert und von ein paar grauen und schwarzen Federn. Seine Schuhe bestanden aus Leder und teilweise Tierfell und liefen vorne Spitz zusammen. Über seinem Hals trug der Körper ein Holzschild. »Lang lebe der König« stand auf ihm mit roter Farbe geschrieben.
»Komm, lass uns gehen«, sagte Jula mit lauter Stimme. Sie packte Nayla an der zittrigen Hand und riss sie einfach mit.
Die beiden liefen weiter durch die von Erde und Schmutz bedeckten, mit dunkelgrauen, achteckigen Kacheln gepflasterten Straßen der Unterstadt, für die es typisch war, dass sich zwischen den kriminellen und gefährlichen Schwarzmärktlern auch an so gut wie jeder Ecke prostituierte Seelen befanden. Die Prostitution allgemein war in Ezirholdor in den letzten Jahrzehnten wirtschaftlich gesehen immer wichtiger geworden.
Die Einnahmen mancher Freier ernährten ganze Familiendynastien und brachten bei den strengen Auflagen der sacristischen Kirche auch manchen Kontrolleuren und Stadtwachen gute Bestechungsgelder ein. Die Bordelle, zwar von außen für ein fremdes Auge so gut wie unsichtbar und meist als Wohnhäuser oder Schmieden getarnt, reihten sich hier jedoch zu zweit und dreifach aneinander.
Doch wie die Zukunft aller Menschen war auch die der Zuhälter ab der Krönung des neuen Königs ungewiss. Bisher profitierten beide Seiten, Krone und Etablissements. Die Krone garantierte den Freudenhäusern Sicherheit und Arbeitsfreiheit für die Prostituierten. Und die Krone erhob dafür Steuern und Abgaben bei den wohlhabenden Bordellbesitzern.
Nach wenigen Minuten gingen sie dem nächsten Tor entgegen, dieses Mal ohne einen Toten, der über den Mauerwall ragte. Sie waren nun auf den Märkten der Stadt angekommen, die sich links und rechts von ihnen aneinanderreihten. Zwar hat Ezirholdor nicht mehr länger den Glanz der damaligen Kaiserzeit, dennoch fand man noch immer Waren, Händler und Menschen aus allen Teilen des zusammengeschrumpften Reichs.
An der einen Ecke ein Mann, der seine Gewürze aufgrund der hohen Preise nur schwer verkaufen konnte, neben ihm eine ärmliche Frau, die anscheinend versuchte, falsche Silberarmbänder an wohlhabendere Frauen zu verhökern. Der nächste Stand, den Nayla und Jula passierten, war ein ganz gewöhnlicher Gemüsestand, wie es ihn überall im Reich hätte geben können. Dennoch handelte auch hier jeder so gut, wie er nur konnte, um einen gesenkten Preis.
Nayla und Jula gingen nun zielstrebig rechts in eine kleine Seitengasse, die sie oftmals nutzten, um nicht den ganzen Bettlern und Armen an der nächsten Kreuzung entgegenzulaufen. Die kleine Gasse war zwar nur schmal und oftmals von Fäkalien beschmutzt, dennoch empfanden sie es als sicherer, sich und ihre Kleidung kurz durch die Scheiße zu drücken, anstatt von betrunkenen Bettlern, so leid sie ihnen auch taten, ausgeraubt oder wegen ihrer Gutmütigkeit ausgenommen zu werden.
Zurück auf dem Pflasterweg mussten sie nun nur noch an den Menschenmengen vorbei, um zu einem runden Marktplatz zu gelangen, auf dem sich inmitten der vielen Seiden- und Wollläden eine vierhundert Fuß hohe Kathedrale befand, die sich mit ihren drei Türmen am östlichen Anfang und am westlichen Ende die höchste Anlage des gesamten Reiches nennen durfte.
Die aus Sand- und Graustein bestehenden Türme und das gesamtschiff der Kirche, das wie eine ovale Pyramide geformt war, wurden bereits seit einhundertelf Jahren gebaut und standen auch kurz vor der Vollendung. Den Anstoß zum Plan und zum Bau der Regnum Coelestis hatte Benet Etimoftha gegeben. Er selbst war dritter Kaiser des paulvenischen Reichs und zweiter Enkel von Paulveno Etimoftha.
Die zwölf Fuß hohen Eingangstore des Bauwerks bestanden aus geschliffenem, schwarzem Marmor und die großen Türen aus Eichenholz bildeten in Kleinformat die Kaiserlinie der paulvenischen Kaiser ab. An erster Stelle ganz links des Tores sah man die Abbildung eines Mannes, der vermutlich den ersten Kaiser Paulveno Etimoftha darstellen sollte, der sein Kaiserreich durch Kriegseroberungen und geschickte Diplomatie gründete, hielt und erweiterte.
An nächster Stelle stand dessen Sohn Rovan Etimoftha, bekannt für seinen großen Familienbaum und seine dreizehn
Kinder. Er hatte sechs Söhne:
Paulveno den Zweiten, Benet, Asrael, Aramael, Maèl und Sarazel Etimoftha.
Und sieben Töchter:
Amara, Alba, Éva, Sylva, Sibyll, Josetta und Ravenna Etimoftha.
Der Dritte in der Blutslinie war Rovans zweiter Sohn Benet, da sein erster Sohn Paulveno aufgrund seiner Lepra-Erkrankung verzichtete und dem Orden der Nymphara beitrat, einem Orden, wo die kränksten, aber doch gottesfürchtigsten Adeligen und Kämpfer aus allen Teilen der Welt zusammenkamen, um ihre letzten Jahre in den Dienst Gottes zu stellen.
Unter Benet wurde die fast in der ganzen mírínorischen Welt bekannte Regnum Coelestis geplant und gebaut. Der Vierte der Linie war Marel, der erstgeborene Sohn Benets. Er war der Kaiser mit der kürzesten Regierungszeit, mit gerade einmal drei Jahren. Marel war bekannt für seine sanftmütige und ruhige Ader, manche sagten, genau das sei der Grund gewesen, weshalb ihn sein Bruder Meric erstach.
Unter Meric, der seinem kinderlosen Bruder Marel nachfolgte, geriet das Kaiserreich aufgrund von immer wiederkehrenden Bauernaufständen gegen die hohen Steuern in eine wirtschaftliche Rezession. Das veranlasste Meric dazu, den wohlhabenden Bordellbesitzern im Gegenzug für Geld politischen Einfluss innerhalb des Kaiserreis zu gewähren.
Anders als sein Sohn Kesar hatte Meric sein Volk nie absichtlich unterdrückt oder sich gewünscht, gefürchtet zu werden, trotz der vielen Aufstände, die er gewaltsam niederschlug. Kesar Etimoftha war hingegen für viele ein Unterdrücker, der sich den Namen auch wirklich verdienen wollte.
»Der einzige Weg, sein Reich unter Kontrolle zu haben, ist dafür zu sorgen, dass die kleinen Menschen sich mehr vor mir fürchten als vor irgendeinem Feind!«
...

