Die Welt des Idun
Hoffnung
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 238
ISBN: 978-3-7116-0135-3
Erscheinungsdatum: 05.12.2024
Hypnotisch und furchterregend sind sie, diese Augen, die Jasmin seit ihrem Unfall verfolgen. Egal ob wachend oder träumend, sie kann sich ihrer nicht erwehren und so bleibt Jasmin nichts übrig, als ihnen zu folgen – bis in ihre Träume und darüber hinaus.
Kapitel I
Voller Erwartung sah sie zur Uhr. Noch im selben Augenblick verschwand die Hoffnung in ihren Augen. Es waren wieder erst zwei Minuten vergangen, seit Jasmin den Kopf das letzte Mal in Richtung Uhr erhoben hatte. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. Noch bis 19 Uhr musste sie in dem Buchladen verweilen, wie jeden Tag. Im Grunde machte ihr diese Arbeit großen Spaß, denn sie liebte Bücher über alles. Doch heute freute sie sich besonders auf ihr Zuhause, denn sie hatte beim Durchstöbern der neuen Bestsellerlisten ein neues Buch gefunden, das sie heute Abend unbedingt lesen wollte.
Dann war es endlich so weit: Jasmin verließ den Laden ordnungsgemäß und eilte hastig zu ihrem Auto ins Parkhaus auf der anderen Straßenseite. „Gott sei Dank ist es nicht glatt!“, schoss es ihr durch den Kopf. Im Januar konnte es in dieser Gegend sehr glatt werden. Außerdem zeigte sich der Winter in diesem Jahr von seiner härtesten Seite.
Normalerweise fuhr Jasmin 20 Minuten nach Hause. Allerdings durchquerte sie auf ihrem Weg einen besonders langen Wald. Auf diesem Teil der Strecke war es wegen des Wildwechsels enorm gefährlich, vor allem bei möglicher Glätte.
Jasmin machte sich also auf den Heimweg. Doch als sie in die Nähe des Waldes fuhr, war dieser von einer dichten Nebelwand verdeckt. Sie schüttelte sich kurz, weil ihr bei dem Anblick ein eiskalter Schauer über den Rücken lief. Langsam rollte sie auf den Nebel zu. Man konnte kaum noch die Hand vor Augen sehen. Und die von Eiskristallen geschmückten Äste im Wald erschwerten die Sicht.
Deshalb kroch sie mit nur 20 km/h dahin. „Wenn das so weitergeht, komme ich bestimmt nicht vor Mitternacht zu Hause an“, stellte Jasmin fest. Dann drehte sie das Radio etwas leiser, damit sie sich besser konzentrieren konnte. Und als sie wieder aufsah, erschrak sie sich so sehr, dass sie glaubte, ihr Herz höre auf zu schlagen. Und sie stieg mit voller Kraft auf die Bremse.
Obwohl sie sehr langsam unterwegs war, blieb das Auto nicht gleich stehen, sondern rutschte noch einige Meter weiter. „Es ist also doch glatt!“, platzte es aus ihr heraus. Erst als sie zum Stehen kam, öffnete sie vorsichtig ihre Augen.
Es geschah bei ihr ganz automatisch, dass sich die Augen schlossen, wenn bei ihr Angst oder Gefahr im Spiel waren. Sie richtete ihren Blick auf die Straße. Schnell rieb sie sich mit ihren Händen die Augen, denn sie konnte nicht glauben, was sie dort sah. Mitten auf der Straße erblickte sie einen überdurchschnittlich großen weißen Hirsch mit einem königlichen silberglänzenden Geweih auf dem Kopf, der sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Das Tier war mindestens drei Meter groß.
Jasmin schüttelte ungläubig ihren Kopf, schloss dabei wiederum für den Bruchteil einer Sekunde ihre Augen und sah danach wieder dorthin. „Weg!“, prustete sie. „Er ist einfach verschwunden“, bemerkte sie noch immer sehr aufgeregt. Vorsichtig sah sie sich noch einmal nach allen Seiten gründlich um, doch sie konnte ihn nirgends entdecken.
Langsam stellte Jasmin ihr Auto an den Straßenrand und setzte die Warnblinker. Der Nebel wurde immer dichter, sofern das noch möglich war. „Ich habe keine Lust, von einem Lkw überrollt zu werden!“, sagte sie zu sich selbst, während sie noch einige Zeit mit ihren Gedanken bei diesem Hirsch war. Langsam und vorsichtig stieg sie aus ihrem Wagen und sah sich noch einmal gründlich um. Doch es gab keine Spur von diesem überdimensionalen Tier. „Dann muss ich mir das wohl eingebildet haben. Wieder mal!“, rügte sie sich selbst.
Schließlich beschloss sie, weiterzufahren, bevor die Straßenverhältnisse noch schlimmer wurden. Kopfschüttelnd lief sie zurück zum Auto und stieg wieder ein. Jasmin hatte nur noch einen Wunsch, und zwar sicher zu Hause anzukommen. Sie ließ ihr Auto wieder an und sah sich noch einmal kurz um, bevor sie losfuhr.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, kamen Lichter von der Gegenfahrbahn auf sie zu geschlittert. Nach ein paar Sekunden erkannte sie, dass es sich hier um ein Auto handelte. Ihr erster Impuls war, aus dem Auto zu springen und davonzulaufen. Doch sie war vor Angst wie gelähmt. Sie konnte nicht mal ihre Hände vom Lenkrad heben, um sie vor ihr Gesicht zu halten. Haarscharf zischte das Auto an ihr vorbei, kam ins Schleudern und wurde erst von einem Baum ungefähr zehn Meter hinter ihr zum Stehen gebracht. Jasmin saß steif vor Schock auf ihrem Sitz und hielt krampfhaft das Lenkrad in ihren Händen, um sich daran festzuhalten.
„Okay, ganz ruhig!“, forderte sie sich selbst auf. Sie wusste, wie nah sie dran war loszuschreien. „Du musst jetzt aussteigen und nachsehen, ob da drüben alles in Ordnung ist!“, befahl sie sich eher in Gedanken, da ihre Stimme versagte. „Müssen“ war in diesem Fall auch das richtige Wort, denn von „wollen“ konnte bei Jasmin überhaupt keine Rede sein. In ihren Gedanken schwirrten viele Fragen: „Was, wenn jemand schwer verletzt war? Was wenn jemand gar tot war?“
Allein die Vorstellung ließ die Steifheit vor Angst in Jasmin stetig wachsen. „Doch es ist niemand außer mir hier, der helfen könnte!“, flehte sie sich selbst an. Irgendwie musste sie sich überwinden.
Langsam hob sie ihre linke Hand, um die Tür zu öffnen. Da knallte es an ihrer Windschutzscheibe. Jetzt konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie schrie aus voller Kehle los. In diesem Schreien hörte man Angst, nein, sogar höllische Panik heraus, und es musste im Umkreis von mindestens 30 Kilometern zu hören sein. Automatisch waren Jasmins Augen wieder geschlossen und sie öffnete sie erst, als es nochmal am Fenster klopfte. Dieses Mal sah sie hoch. Vor ihrem Auto stand ein gutaussehender junger Mann mit dunklen Haaren, der durchs Fenster der Fahrertür von Jasmins Auto hineinguckte. Der junge Mann war ungefähr in Jasmins Alter. Er sah ziemlich geschockt aus. Vorsichtig ließ Jasmin das Fenster herunter. „Alles okay mit Ihnen?“, fragte er leise, um Jasmin nicht zu verängstigen.
Jasmin saß immer noch sprachlos da und es fiel ihr schwer, zu antworten. Ihre Stimmbänder waren immer noch von dem Schrei gereizt.
„Er muss von mir denken, ich sei völlig verrückt und hysterisch!“, dachte sie „Hast du sie noch alle?“, wies sie sich in Gedanken zurecht. „Der Typ hat eben einen Autounfall gehabt und kommt sofort rüber, um dich zu fragen, ob alles in Ordnung sei, und du machst dir Gedanken darüber, ob er von dir denken könnte, dass du verrückt bist?“
Schließlich sah sie ihn an und antwortete schüchtern: „Ja, bei mir ist alles gut. Und bei dir? Du bist doch eben gegen den Baum gerutscht. Hast du dich verletzt?“
„Nein, Gott sei Dank nicht. Ist nur ein leichter Blechschaden. Bezahlt die Vollkasko!“ Er grinste. „Gut, dass du am Straßenrand gestanden und mir nicht entgegengekommen bist. Das hätte anders ausgehen können.“ Er prustete.
Jasmin nickte zustimmend und sah ihn mit einem schüchternen Lächeln an. Sie konnte ihm ja nicht erzählen, dass sie durch einen übergroßen weißen Hirsch zum Stehen gebracht wurde.
Lächelnd verabschiedete er sich. „Vielleicht trifft man sich ja zu einem anderen Zeitpunkt wieder. Übrigens, mein Name ist George. Darf ich auch deinen wissen? Nur für den Fall.“ Seine Augen strahlten. Jasmin nickte mit einem leicht geröteten Gesicht. „Ja klar! Jasmin ist mein Name.“ Sie streckte ihm die Hand aus dem Fenster entgegen. Währenddessen maßregelte sie sich schon wieder in Gedanken: „Ich habe es noch nicht mal geschafft, aus dem Wagen zu steigen! Schön blöd!“
„Schön dich kennenzulernen, Jasmin!“ Er nahm ihre Hand. „Bis zu unserem nächsten Treffen!“ Dann ließ er ihre Hand los, ging zu seinem Auto und drehte sich noch einmal um, bevor er einstieg und im dichten Nebel verschwand.
„Was war das denn jetzt?“, fragte sie sich. „Erst dieser übergroße weiße Hirsch, in den ich fast reingerutscht wäre und dadurch knapp einem Unfall entgangen bin. Ganz nebenbei lerne ich einen echt süßen Kerl kennen.“ Sie schüttelte ihren Kopf und ließ dabei ihr Auto an. Sie wollte nur noch eins: nach Hause.
Nach ungefähr 40 Minuten Schneckentempo durch den Nebel kam sie ohne weitere Zwischenfälle gut zu Hause an und konnte endlich ihr wohlverdientes Abendessen zubereiten. Wirklich große Lust zum Kochen hatte sie nach all dem Stress nicht mehr. Also holte sie sich aus der Vorratskammer eine Dose Linsen und öffnete sie. „Wo zum Henker ist denn bloß wieder dieser grüne Topf?“, fragte sie sich etwas erschöpft. Ungeduldig öffnete sie jede Schranktür, manche auch mehrfach, bis ihr endlich einfiel, dass sie ihn in der Spülmaschine hatte. Sie spülte ihn mit der Hand ab und füllte die Linsen hinein. Die Zeit, die der Eintopf brauchte, um warm zu werden, wollte sie nutzen, um sich kurz aufs Sofa zu setzen. Sie setzte sich ganz nach hinten, zog dabei ihre Knie ganz nah heran und umschloss sie mit ihren Armen. Ihr Kinn stützte sie auf ihre Knie.
Jasmin ließ sich die Situation von vorhin im Wald noch einmal durch den Kopf gehen. Sie dachte, dass man sich so etwas nicht einbilden konnte, schon gar nicht in nüchternem Zustand.
Am letzten Wochenende bei Mikes Geburtstag hatte sie mit einer Freundin zu viele Caipis gehabt. Aber selbst im betrunkenen Zustand konnte sie sich nicht solche Halluzinationen vorstellen. Vielleicht hätte sie von Dennis geträumt oder sich gar vorgestellt, er wäre bei ihr. Aber einen weißen Hirsch, der mindestens drei Meter groß war? Nein! Das konnte sie sich beim besten Willen nicht ausgedacht haben.
Ein lautes und hohes Zischen, das aus der Küche kam, holte sie aus ihren Gedanken zurück. „Scheiße! Die Linsen!“ Leider kam jede Rettung zu spät. Sie waren komplett angebrannt. Also nahm sie den angebrannten Topf so, wie er war, und schmiss ihn in den Müll.
Gelangweilt und hungrig zappte sie von einem Fernsehkanal zum nächsten. Doch es kam nichts als Schrott oder Dokus, die sie schon mehrfach gesehen hatte. Letztendlich beschloss sie, doch lieber im Bett noch etwas zu lesen, und schaltete den Fernseher aus. In der Dusche ließ Jasmin ihren Gedanken freien Lauf. Sie dachte an diesen weißen Hirsch. Konnte sie sich so etwas wirklich einbilden? Vielleicht war er ja sogar ein Schutzengel? Doch sie durfte unter keinen Umständen jemandem davon erzählen. Sonst würde man sie als verrückt abstempeln.
Blind griff sie nach ihrem Handtuch, trocknete sich schnell ab, zog sich ihren Pyjama an und kuschelte sich in ihr Bett unter die Decke. Kurze Zeit später griff sie zu ihrem E-Book-Reader, welches auf dem Nachttisch rechts neben ihrem Bett stand. Früher mochte sie die Teile nicht. Sie liebte es, in den Büchern zu blättern und das Papier zwischen den Fingern zu spüren. Aber vor ein paar Monaten musste sie sich beruflich mit E-Books auseinandersetzen und fand Gefallen daran. Es gefiel ihr, dass man im Dunkeln lesen konnte, und wenn einem die Augen zufielen wurde man in der Nacht nicht wegen dem störenden Licht nicht geweckt.
Ein Paar großer Augen sah Jasmin durchdringend an. Sie bewegten sich immer näher auf sie zu und fühlten sich an, als wollten sie die junge Frau verschlingen. Jasmin versuchte, sich zu bewegen und wegzulaufen, doch sie war steif wie eine Statue. Wieder und wieder versuchte sie, sich zu befreien, während diese unheimlichen Augen näher und näher kamen. Plötzlich ertönte ein gedämpftes Geräusch im Hintergrund. Langsam wurde es lauter und lauter. Sie kannte es, wusste aber nicht woher. Sie blickte in die Richtung, aus der das Geräusch kam, dann wieder zu den großen Augen. Panische Angst überfiel sie. Jetzt sah sie diese unheimlichen Augen direkt vor sich. Fast berührten sie das Mädchen. Dann, urplötzlich, erinnerte sie sich, woher sie dieses Geräusch kannte, und öffnete ihre Augen. Langsam tastete sie sich mit ihren Händen vor, bis sie das Handy fand, und stellte den Wecker aus.
Schweißgebadet lag sie in ihrem Bett. Die Angst saß ihr tief im Nacken. Sie musste aufstehen, aber es gelang ihr nicht. Ihr war klar, dass sie nicht liegen bleiben durfte. Die Arbeit rief. Doch sie war völlig verängstigt.
Jasmin atmete noch einmal tief durch und stand dann wie ferngesteuert auf und ging erstmal unter die Dusche. Dort versuchte sie, sich die Angst wegzuwaschen. Es gelang ihr auch zum größten Teil, auch wenn sie immer wieder diese furchteinflößenden Augen vor sich sah.
Laut und schon leicht gereizt von ihrer Ängstlichkeit rückte sie sich den Kopf zurecht: „Das war doch bloß ein blöder Traum! Jetzt reiß dich mal zusammen!“
Nach dem Frühstück, das heute nicht so ausgiebig ausfiel wie normal, begab sie sich zum Auto und fuhr zum Buchladen. Dort gab es zum Glück für sie genug zu tun, so dass sie kaum Zeit hatte, über diesen beängstigenden Traum nachzudenken.
Gegen Mittag hatte sie ihn so gut wie vergessen. Nur die Angst hielt sich in ihrem Inneren noch hartnäckig fest. Sie verdrängte sie, so gut es ging.
Der Nachmittag zog sich wieder ein wenig. Da sie am Vormittag schon den Wareneingang durchhatte, blieben ihr für den Nachmittag nur noch das Sortieren einiger Bücher und das Ordnen der Regale. Jasmin empfand es als sehr schade, dass sie noch keinen direkten Kundenkontakt haben durfte. Natürlich konnte sie sich mit den Kunden unterhalten, um ihnen Fragen zu den Büchern zu beantworten, die sie schon selbst gelesen hatte. Doch bedienen und Empfehlungen aussprechen durfte sie nicht. Schließlich war sie nur in einem Ferienjob. Diesen würde sie bis Ende August machen, bis sie dann endlich zu studieren begann. Mit diesem Studium würde für sie der Ernst des Lebens beginnen. Was auch immer das heißen sollte.
Das Abi empfand sie schon als ernst genug. In ihrem Inneren hoffte Jasmin inständig, dass das Studium nur halb so stressig sein würde wie das Abi. Das würde aber auch voraussetzen, dass sie sich endlich entschieden hätte, was sie studieren wollte. Sie hatte nämlich noch nicht die geringste Ahnung. Deshalb arbeitete sie auch vorübergehend in diesem Job in der Buchhandlung.
Jasmin sah gerade auf die Uhr über der Ladentür, als diese sich öffnete. Es war 16:42 Uhr, eine seltsame Gestalt trat ein. Der Mann war von Kopf bis Fuß von einem langen, dunklen Mantel bedeckt.
Als Jasmin durchs Fenster auf die Straße sah, wusste sie auch warum. Es stürmte und die Schneeflocken waren fast so groß wie Tennisbälle.
„Oh Gott!“, dachte sich Jasmin. „Wie soll ich so nach Hause kommen?“ Es schoss lauter als gewollt heraus. Der Wetterbericht hatte nichts von einem Sturm berichtet. „Komisch!“, dachte sie.
Besorgt blickte sie zu diesem eingemummten Mann, von dem nur die Augen zu sehen waren. Er stand bei dem Tisch der Bestseller. Ein Buch nach dem anderen nahm er in die Hand, warf einen Blick hinein und legte es wieder zurück.
Jasmin konzentrierte sich wieder auf ihre Aufgabe. Sie sollte eine Liste von Büchern heraussuchen, die dann an den Lieferanten zurückgeschickt wurden. Sie nahm also die Liste in die Hand und las, welchen Titel sie als Nächstes finden musste. Dafür ging sie zum Regal der Fantasybücher.
Als sie sich in Richtung dieses Regals drehte, sprang sie gleich zweimal vor Schreck zurück. Zwei übergroße Augen sahen sie an. Jasmin schnappte nach Luft. Sie wollte nach Sarah rufen, doch sie stand da wie gelähmt. Automatisch schlossen sich ihre Augen, so wie sie es immer taten, wenn sie große Angst hatte. Nach ein paar Sekunden öffnete sie sie wieder. Die Gestalt mit den großen Augen war weg.
Vorsichtig sah sie sich im ganzen Laden um. Doch es gab keine Spur dieses Mannes. Völlig verwirrt lief sie zu Sarah. „Wo ist der Typ hin?“, fragte sie schon fast panisch.
„Welcher Typ?“ Sarah sah Jasmin fragend an.
„Na der, der vor ein paar Minuten in den Laden kam!“, antwortete Jasmin mit unsicherer Stimme.
Als Antwort schüttelte Sarah ihren Kopf und sah Jasmin mitleidig an. Verzweifelt ließ Jasmin ihren Kopf sinken und machte sich wieder an ihre Arbeit. Sie ängstigte sich vor der Heimfahrt. Die Fahrt von gestern saß ihr immer noch tief in den Knochen. Auch wenn sie es nicht zugeben würde. Und heute kam noch ein Schneesturm hinzu. Also drehte sie sich zu Sarah, die gleich neben Jasmin am Regal stand und die Bücher herauszauberte, die Jasmin nicht finden konnte. „Was meinst du? Wird der Sturm bis heute Abend aufhören?“ Hoffnungsvoll sah sie Sarah an, von der sich Jasmin ein Ja erhoffte.
Sarah guckte Jasmin fragend an. Es war nicht genau zu festzumachen, ob man Mitleid oder Verwunderung in ihren Augen erkennen konnte. „Welcher Sturm?“, antwortete Sarah mit einer Gegenfrage.
Gleichzeitig hoben beide Frauen ihren Kopf und drehten sich zum Fenster. Es war zwar wolkig und es würde bald dunkel sein, aber von einem Sturm und von Schnee gab es keine Anzeichen.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“ Sarah blickte Jasmin besorgt an.
Jasmin schüttelte ihren Kopf, obwohl sie eigentlich vorhatte, zu nicken, und antwortet: „Ja, eigentlich schon. Ich habe nur schlecht geschlafen.“
Konfus und ohne auf eine Antwort zu warten, machte sie sich wieder an ihre Arbeit. In ihrem Kopf schwirrten viele Fragen herum. „Was ist bloß los mit mir? Warum bilde ich mir nur solche Sachen ein?“ Letztendlich fragte sie sich: „Werde ich langsam verrückt?“
Ihre Eltern hatten sie für verrückt erklärt, als sie ihnen mitteilte, dass sie nicht gleich studieren würde. Sie wollte nicht irgendetwas studieren. Sie wollte nicht am Ende ihres Studiums merken, dass sie einen Fehler gemacht hatte.
Es war ihr überhaupt noch nicht klar, was sie mit ihrem jungen Leben anstellen wollte. Sie war schließlich erst 20 Jahre alt. Jasmin glaubte fest daran, dass ein Mensch in diesem Alter noch nicht wissen kann, was er mit 40 gerne tun würde. Sie kämpfte jeden Tag aufs Neue, sich für irgendetwas zu entscheiden, ob es nun darum ging, welche Frisur sie ihren dunkelbraunen langen Haaren verpasste oder welche Kleidung zu ihren grünen Augen passte.
„Wenn du willst, kannst du heute früher heim!“ Sarah lächelte Jasmin freundlich an. „Heute ist nicht wirklich viel los. Und du hast ja genügend Überstunden, die noch offen sind.“
„Ja“, antwortete Jasmin überrascht. „Keine schlechte Idee.“ Sie lächelte erleichtert zurück und ging in den Aufenthaltsraum, um sich umzuziehen. Dann verabschiedete sie sich und ging zügig zu ihrem Wagen. Dieses Mal kam sie ziemlich schnell zu Hause an. Man merkte deutlich, dass die meisten Menschen noch arbeiteten. In ihrer Wohnung angekommen lehnte sich Jasmin erstmal mit dem Rücken an die Wohnungstür und drückte diese ins Schloss. Sie atmete einige Male tief und kräftig ein und aus und war ziemlich erleichtert darüber, dass ihr auf dem Heimweg keine seltsamen imaginären Tiere oder Personen begegnet waren. Sie war überglücklich, dass alles normal verlief.
Nach dem Abendessen sah sie noch ein wenig fern und war heilfroh darüber, dass Helena abgesagt hatte. Die beiden Mädels wollten eigentlich ins Kino, doch Helena musste dringend für eine Klausur lernen.
Als Jasmin ihren Eltern mitteilte, dass sie nicht gleich studieren wollte, waren diese nicht unbedingt erfreut und glücklich darüber. Doch sie zwangen Jasmin nicht. Sie durfte aber nicht zu Hause herumsitzen, sondern sollte sich einen Job und eine kleine Wohnung suchen. Die Bezahlung in der Buchhandlung war zwar nicht übermäßig, aber ihre kleine Wohnung konnte Jasmin sich damit bezahlen. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie auch selbst. Nur bei besonderen Dingen halfen ihr ihre Eltern aus. Sie waren eben doch die Besten.
Helena lebte nebenan und war Jasmins beste Freundin. Sie hatten schon gemeinsam im Kindergarten im Sandkasten gespielt. Helenas Mutter hatte diese kleine Wohnung für Jasmin beschafft. Sie schien glücklich darüber, dass die jungen Frauen jetzt Nachbarn waren.
Als Kinder hatten sich Jasmin und Helena oft vorgestellt, dass beide adoptiert wurden und in Wirklichkeit Schwestern waren. Was natürlich absoluter Unfug war. Denn unterschiedlicher als diese beiden Mädchen konnten Menschen nicht sein.
Jasmin war 1,70 Meter groß und sehr schlank. Ihr Gesicht war schmal mit einer gut passenden, unscheinbaren Nase und einem spitzen Mund mit vollen Lippen. Ihre grünen Augen zogen allerdings als erstes die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich.
Voller Erwartung sah sie zur Uhr. Noch im selben Augenblick verschwand die Hoffnung in ihren Augen. Es waren wieder erst zwei Minuten vergangen, seit Jasmin den Kopf das letzte Mal in Richtung Uhr erhoben hatte. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. Noch bis 19 Uhr musste sie in dem Buchladen verweilen, wie jeden Tag. Im Grunde machte ihr diese Arbeit großen Spaß, denn sie liebte Bücher über alles. Doch heute freute sie sich besonders auf ihr Zuhause, denn sie hatte beim Durchstöbern der neuen Bestsellerlisten ein neues Buch gefunden, das sie heute Abend unbedingt lesen wollte.
Dann war es endlich so weit: Jasmin verließ den Laden ordnungsgemäß und eilte hastig zu ihrem Auto ins Parkhaus auf der anderen Straßenseite. „Gott sei Dank ist es nicht glatt!“, schoss es ihr durch den Kopf. Im Januar konnte es in dieser Gegend sehr glatt werden. Außerdem zeigte sich der Winter in diesem Jahr von seiner härtesten Seite.
Normalerweise fuhr Jasmin 20 Minuten nach Hause. Allerdings durchquerte sie auf ihrem Weg einen besonders langen Wald. Auf diesem Teil der Strecke war es wegen des Wildwechsels enorm gefährlich, vor allem bei möglicher Glätte.
Jasmin machte sich also auf den Heimweg. Doch als sie in die Nähe des Waldes fuhr, war dieser von einer dichten Nebelwand verdeckt. Sie schüttelte sich kurz, weil ihr bei dem Anblick ein eiskalter Schauer über den Rücken lief. Langsam rollte sie auf den Nebel zu. Man konnte kaum noch die Hand vor Augen sehen. Und die von Eiskristallen geschmückten Äste im Wald erschwerten die Sicht.
Deshalb kroch sie mit nur 20 km/h dahin. „Wenn das so weitergeht, komme ich bestimmt nicht vor Mitternacht zu Hause an“, stellte Jasmin fest. Dann drehte sie das Radio etwas leiser, damit sie sich besser konzentrieren konnte. Und als sie wieder aufsah, erschrak sie sich so sehr, dass sie glaubte, ihr Herz höre auf zu schlagen. Und sie stieg mit voller Kraft auf die Bremse.
Obwohl sie sehr langsam unterwegs war, blieb das Auto nicht gleich stehen, sondern rutschte noch einige Meter weiter. „Es ist also doch glatt!“, platzte es aus ihr heraus. Erst als sie zum Stehen kam, öffnete sie vorsichtig ihre Augen.
Es geschah bei ihr ganz automatisch, dass sich die Augen schlossen, wenn bei ihr Angst oder Gefahr im Spiel waren. Sie richtete ihren Blick auf die Straße. Schnell rieb sie sich mit ihren Händen die Augen, denn sie konnte nicht glauben, was sie dort sah. Mitten auf der Straße erblickte sie einen überdurchschnittlich großen weißen Hirsch mit einem königlichen silberglänzenden Geweih auf dem Kopf, der sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Das Tier war mindestens drei Meter groß.
Jasmin schüttelte ungläubig ihren Kopf, schloss dabei wiederum für den Bruchteil einer Sekunde ihre Augen und sah danach wieder dorthin. „Weg!“, prustete sie. „Er ist einfach verschwunden“, bemerkte sie noch immer sehr aufgeregt. Vorsichtig sah sie sich noch einmal nach allen Seiten gründlich um, doch sie konnte ihn nirgends entdecken.
Langsam stellte Jasmin ihr Auto an den Straßenrand und setzte die Warnblinker. Der Nebel wurde immer dichter, sofern das noch möglich war. „Ich habe keine Lust, von einem Lkw überrollt zu werden!“, sagte sie zu sich selbst, während sie noch einige Zeit mit ihren Gedanken bei diesem Hirsch war. Langsam und vorsichtig stieg sie aus ihrem Wagen und sah sich noch einmal gründlich um. Doch es gab keine Spur von diesem überdimensionalen Tier. „Dann muss ich mir das wohl eingebildet haben. Wieder mal!“, rügte sie sich selbst.
Schließlich beschloss sie, weiterzufahren, bevor die Straßenverhältnisse noch schlimmer wurden. Kopfschüttelnd lief sie zurück zum Auto und stieg wieder ein. Jasmin hatte nur noch einen Wunsch, und zwar sicher zu Hause anzukommen. Sie ließ ihr Auto wieder an und sah sich noch einmal kurz um, bevor sie losfuhr.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, kamen Lichter von der Gegenfahrbahn auf sie zu geschlittert. Nach ein paar Sekunden erkannte sie, dass es sich hier um ein Auto handelte. Ihr erster Impuls war, aus dem Auto zu springen und davonzulaufen. Doch sie war vor Angst wie gelähmt. Sie konnte nicht mal ihre Hände vom Lenkrad heben, um sie vor ihr Gesicht zu halten. Haarscharf zischte das Auto an ihr vorbei, kam ins Schleudern und wurde erst von einem Baum ungefähr zehn Meter hinter ihr zum Stehen gebracht. Jasmin saß steif vor Schock auf ihrem Sitz und hielt krampfhaft das Lenkrad in ihren Händen, um sich daran festzuhalten.
„Okay, ganz ruhig!“, forderte sie sich selbst auf. Sie wusste, wie nah sie dran war loszuschreien. „Du musst jetzt aussteigen und nachsehen, ob da drüben alles in Ordnung ist!“, befahl sie sich eher in Gedanken, da ihre Stimme versagte. „Müssen“ war in diesem Fall auch das richtige Wort, denn von „wollen“ konnte bei Jasmin überhaupt keine Rede sein. In ihren Gedanken schwirrten viele Fragen: „Was, wenn jemand schwer verletzt war? Was wenn jemand gar tot war?“
Allein die Vorstellung ließ die Steifheit vor Angst in Jasmin stetig wachsen. „Doch es ist niemand außer mir hier, der helfen könnte!“, flehte sie sich selbst an. Irgendwie musste sie sich überwinden.
Langsam hob sie ihre linke Hand, um die Tür zu öffnen. Da knallte es an ihrer Windschutzscheibe. Jetzt konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie schrie aus voller Kehle los. In diesem Schreien hörte man Angst, nein, sogar höllische Panik heraus, und es musste im Umkreis von mindestens 30 Kilometern zu hören sein. Automatisch waren Jasmins Augen wieder geschlossen und sie öffnete sie erst, als es nochmal am Fenster klopfte. Dieses Mal sah sie hoch. Vor ihrem Auto stand ein gutaussehender junger Mann mit dunklen Haaren, der durchs Fenster der Fahrertür von Jasmins Auto hineinguckte. Der junge Mann war ungefähr in Jasmins Alter. Er sah ziemlich geschockt aus. Vorsichtig ließ Jasmin das Fenster herunter. „Alles okay mit Ihnen?“, fragte er leise, um Jasmin nicht zu verängstigen.
Jasmin saß immer noch sprachlos da und es fiel ihr schwer, zu antworten. Ihre Stimmbänder waren immer noch von dem Schrei gereizt.
„Er muss von mir denken, ich sei völlig verrückt und hysterisch!“, dachte sie „Hast du sie noch alle?“, wies sie sich in Gedanken zurecht. „Der Typ hat eben einen Autounfall gehabt und kommt sofort rüber, um dich zu fragen, ob alles in Ordnung sei, und du machst dir Gedanken darüber, ob er von dir denken könnte, dass du verrückt bist?“
Schließlich sah sie ihn an und antwortete schüchtern: „Ja, bei mir ist alles gut. Und bei dir? Du bist doch eben gegen den Baum gerutscht. Hast du dich verletzt?“
„Nein, Gott sei Dank nicht. Ist nur ein leichter Blechschaden. Bezahlt die Vollkasko!“ Er grinste. „Gut, dass du am Straßenrand gestanden und mir nicht entgegengekommen bist. Das hätte anders ausgehen können.“ Er prustete.
Jasmin nickte zustimmend und sah ihn mit einem schüchternen Lächeln an. Sie konnte ihm ja nicht erzählen, dass sie durch einen übergroßen weißen Hirsch zum Stehen gebracht wurde.
Lächelnd verabschiedete er sich. „Vielleicht trifft man sich ja zu einem anderen Zeitpunkt wieder. Übrigens, mein Name ist George. Darf ich auch deinen wissen? Nur für den Fall.“ Seine Augen strahlten. Jasmin nickte mit einem leicht geröteten Gesicht. „Ja klar! Jasmin ist mein Name.“ Sie streckte ihm die Hand aus dem Fenster entgegen. Währenddessen maßregelte sie sich schon wieder in Gedanken: „Ich habe es noch nicht mal geschafft, aus dem Wagen zu steigen! Schön blöd!“
„Schön dich kennenzulernen, Jasmin!“ Er nahm ihre Hand. „Bis zu unserem nächsten Treffen!“ Dann ließ er ihre Hand los, ging zu seinem Auto und drehte sich noch einmal um, bevor er einstieg und im dichten Nebel verschwand.
„Was war das denn jetzt?“, fragte sie sich. „Erst dieser übergroße weiße Hirsch, in den ich fast reingerutscht wäre und dadurch knapp einem Unfall entgangen bin. Ganz nebenbei lerne ich einen echt süßen Kerl kennen.“ Sie schüttelte ihren Kopf und ließ dabei ihr Auto an. Sie wollte nur noch eins: nach Hause.
Nach ungefähr 40 Minuten Schneckentempo durch den Nebel kam sie ohne weitere Zwischenfälle gut zu Hause an und konnte endlich ihr wohlverdientes Abendessen zubereiten. Wirklich große Lust zum Kochen hatte sie nach all dem Stress nicht mehr. Also holte sie sich aus der Vorratskammer eine Dose Linsen und öffnete sie. „Wo zum Henker ist denn bloß wieder dieser grüne Topf?“, fragte sie sich etwas erschöpft. Ungeduldig öffnete sie jede Schranktür, manche auch mehrfach, bis ihr endlich einfiel, dass sie ihn in der Spülmaschine hatte. Sie spülte ihn mit der Hand ab und füllte die Linsen hinein. Die Zeit, die der Eintopf brauchte, um warm zu werden, wollte sie nutzen, um sich kurz aufs Sofa zu setzen. Sie setzte sich ganz nach hinten, zog dabei ihre Knie ganz nah heran und umschloss sie mit ihren Armen. Ihr Kinn stützte sie auf ihre Knie.
Jasmin ließ sich die Situation von vorhin im Wald noch einmal durch den Kopf gehen. Sie dachte, dass man sich so etwas nicht einbilden konnte, schon gar nicht in nüchternem Zustand.
Am letzten Wochenende bei Mikes Geburtstag hatte sie mit einer Freundin zu viele Caipis gehabt. Aber selbst im betrunkenen Zustand konnte sie sich nicht solche Halluzinationen vorstellen. Vielleicht hätte sie von Dennis geträumt oder sich gar vorgestellt, er wäre bei ihr. Aber einen weißen Hirsch, der mindestens drei Meter groß war? Nein! Das konnte sie sich beim besten Willen nicht ausgedacht haben.
Ein lautes und hohes Zischen, das aus der Küche kam, holte sie aus ihren Gedanken zurück. „Scheiße! Die Linsen!“ Leider kam jede Rettung zu spät. Sie waren komplett angebrannt. Also nahm sie den angebrannten Topf so, wie er war, und schmiss ihn in den Müll.
Gelangweilt und hungrig zappte sie von einem Fernsehkanal zum nächsten. Doch es kam nichts als Schrott oder Dokus, die sie schon mehrfach gesehen hatte. Letztendlich beschloss sie, doch lieber im Bett noch etwas zu lesen, und schaltete den Fernseher aus. In der Dusche ließ Jasmin ihren Gedanken freien Lauf. Sie dachte an diesen weißen Hirsch. Konnte sie sich so etwas wirklich einbilden? Vielleicht war er ja sogar ein Schutzengel? Doch sie durfte unter keinen Umständen jemandem davon erzählen. Sonst würde man sie als verrückt abstempeln.
Blind griff sie nach ihrem Handtuch, trocknete sich schnell ab, zog sich ihren Pyjama an und kuschelte sich in ihr Bett unter die Decke. Kurze Zeit später griff sie zu ihrem E-Book-Reader, welches auf dem Nachttisch rechts neben ihrem Bett stand. Früher mochte sie die Teile nicht. Sie liebte es, in den Büchern zu blättern und das Papier zwischen den Fingern zu spüren. Aber vor ein paar Monaten musste sie sich beruflich mit E-Books auseinandersetzen und fand Gefallen daran. Es gefiel ihr, dass man im Dunkeln lesen konnte, und wenn einem die Augen zufielen wurde man in der Nacht nicht wegen dem störenden Licht nicht geweckt.
Ein Paar großer Augen sah Jasmin durchdringend an. Sie bewegten sich immer näher auf sie zu und fühlten sich an, als wollten sie die junge Frau verschlingen. Jasmin versuchte, sich zu bewegen und wegzulaufen, doch sie war steif wie eine Statue. Wieder und wieder versuchte sie, sich zu befreien, während diese unheimlichen Augen näher und näher kamen. Plötzlich ertönte ein gedämpftes Geräusch im Hintergrund. Langsam wurde es lauter und lauter. Sie kannte es, wusste aber nicht woher. Sie blickte in die Richtung, aus der das Geräusch kam, dann wieder zu den großen Augen. Panische Angst überfiel sie. Jetzt sah sie diese unheimlichen Augen direkt vor sich. Fast berührten sie das Mädchen. Dann, urplötzlich, erinnerte sie sich, woher sie dieses Geräusch kannte, und öffnete ihre Augen. Langsam tastete sie sich mit ihren Händen vor, bis sie das Handy fand, und stellte den Wecker aus.
Schweißgebadet lag sie in ihrem Bett. Die Angst saß ihr tief im Nacken. Sie musste aufstehen, aber es gelang ihr nicht. Ihr war klar, dass sie nicht liegen bleiben durfte. Die Arbeit rief. Doch sie war völlig verängstigt.
Jasmin atmete noch einmal tief durch und stand dann wie ferngesteuert auf und ging erstmal unter die Dusche. Dort versuchte sie, sich die Angst wegzuwaschen. Es gelang ihr auch zum größten Teil, auch wenn sie immer wieder diese furchteinflößenden Augen vor sich sah.
Laut und schon leicht gereizt von ihrer Ängstlichkeit rückte sie sich den Kopf zurecht: „Das war doch bloß ein blöder Traum! Jetzt reiß dich mal zusammen!“
Nach dem Frühstück, das heute nicht so ausgiebig ausfiel wie normal, begab sie sich zum Auto und fuhr zum Buchladen. Dort gab es zum Glück für sie genug zu tun, so dass sie kaum Zeit hatte, über diesen beängstigenden Traum nachzudenken.
Gegen Mittag hatte sie ihn so gut wie vergessen. Nur die Angst hielt sich in ihrem Inneren noch hartnäckig fest. Sie verdrängte sie, so gut es ging.
Der Nachmittag zog sich wieder ein wenig. Da sie am Vormittag schon den Wareneingang durchhatte, blieben ihr für den Nachmittag nur noch das Sortieren einiger Bücher und das Ordnen der Regale. Jasmin empfand es als sehr schade, dass sie noch keinen direkten Kundenkontakt haben durfte. Natürlich konnte sie sich mit den Kunden unterhalten, um ihnen Fragen zu den Büchern zu beantworten, die sie schon selbst gelesen hatte. Doch bedienen und Empfehlungen aussprechen durfte sie nicht. Schließlich war sie nur in einem Ferienjob. Diesen würde sie bis Ende August machen, bis sie dann endlich zu studieren begann. Mit diesem Studium würde für sie der Ernst des Lebens beginnen. Was auch immer das heißen sollte.
Das Abi empfand sie schon als ernst genug. In ihrem Inneren hoffte Jasmin inständig, dass das Studium nur halb so stressig sein würde wie das Abi. Das würde aber auch voraussetzen, dass sie sich endlich entschieden hätte, was sie studieren wollte. Sie hatte nämlich noch nicht die geringste Ahnung. Deshalb arbeitete sie auch vorübergehend in diesem Job in der Buchhandlung.
Jasmin sah gerade auf die Uhr über der Ladentür, als diese sich öffnete. Es war 16:42 Uhr, eine seltsame Gestalt trat ein. Der Mann war von Kopf bis Fuß von einem langen, dunklen Mantel bedeckt.
Als Jasmin durchs Fenster auf die Straße sah, wusste sie auch warum. Es stürmte und die Schneeflocken waren fast so groß wie Tennisbälle.
„Oh Gott!“, dachte sich Jasmin. „Wie soll ich so nach Hause kommen?“ Es schoss lauter als gewollt heraus. Der Wetterbericht hatte nichts von einem Sturm berichtet. „Komisch!“, dachte sie.
Besorgt blickte sie zu diesem eingemummten Mann, von dem nur die Augen zu sehen waren. Er stand bei dem Tisch der Bestseller. Ein Buch nach dem anderen nahm er in die Hand, warf einen Blick hinein und legte es wieder zurück.
Jasmin konzentrierte sich wieder auf ihre Aufgabe. Sie sollte eine Liste von Büchern heraussuchen, die dann an den Lieferanten zurückgeschickt wurden. Sie nahm also die Liste in die Hand und las, welchen Titel sie als Nächstes finden musste. Dafür ging sie zum Regal der Fantasybücher.
Als sie sich in Richtung dieses Regals drehte, sprang sie gleich zweimal vor Schreck zurück. Zwei übergroße Augen sahen sie an. Jasmin schnappte nach Luft. Sie wollte nach Sarah rufen, doch sie stand da wie gelähmt. Automatisch schlossen sich ihre Augen, so wie sie es immer taten, wenn sie große Angst hatte. Nach ein paar Sekunden öffnete sie sie wieder. Die Gestalt mit den großen Augen war weg.
Vorsichtig sah sie sich im ganzen Laden um. Doch es gab keine Spur dieses Mannes. Völlig verwirrt lief sie zu Sarah. „Wo ist der Typ hin?“, fragte sie schon fast panisch.
„Welcher Typ?“ Sarah sah Jasmin fragend an.
„Na der, der vor ein paar Minuten in den Laden kam!“, antwortete Jasmin mit unsicherer Stimme.
Als Antwort schüttelte Sarah ihren Kopf und sah Jasmin mitleidig an. Verzweifelt ließ Jasmin ihren Kopf sinken und machte sich wieder an ihre Arbeit. Sie ängstigte sich vor der Heimfahrt. Die Fahrt von gestern saß ihr immer noch tief in den Knochen. Auch wenn sie es nicht zugeben würde. Und heute kam noch ein Schneesturm hinzu. Also drehte sie sich zu Sarah, die gleich neben Jasmin am Regal stand und die Bücher herauszauberte, die Jasmin nicht finden konnte. „Was meinst du? Wird der Sturm bis heute Abend aufhören?“ Hoffnungsvoll sah sie Sarah an, von der sich Jasmin ein Ja erhoffte.
Sarah guckte Jasmin fragend an. Es war nicht genau zu festzumachen, ob man Mitleid oder Verwunderung in ihren Augen erkennen konnte. „Welcher Sturm?“, antwortete Sarah mit einer Gegenfrage.
Gleichzeitig hoben beide Frauen ihren Kopf und drehten sich zum Fenster. Es war zwar wolkig und es würde bald dunkel sein, aber von einem Sturm und von Schnee gab es keine Anzeichen.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“ Sarah blickte Jasmin besorgt an.
Jasmin schüttelte ihren Kopf, obwohl sie eigentlich vorhatte, zu nicken, und antwortet: „Ja, eigentlich schon. Ich habe nur schlecht geschlafen.“
Konfus und ohne auf eine Antwort zu warten, machte sie sich wieder an ihre Arbeit. In ihrem Kopf schwirrten viele Fragen herum. „Was ist bloß los mit mir? Warum bilde ich mir nur solche Sachen ein?“ Letztendlich fragte sie sich: „Werde ich langsam verrückt?“
Ihre Eltern hatten sie für verrückt erklärt, als sie ihnen mitteilte, dass sie nicht gleich studieren würde. Sie wollte nicht irgendetwas studieren. Sie wollte nicht am Ende ihres Studiums merken, dass sie einen Fehler gemacht hatte.
Es war ihr überhaupt noch nicht klar, was sie mit ihrem jungen Leben anstellen wollte. Sie war schließlich erst 20 Jahre alt. Jasmin glaubte fest daran, dass ein Mensch in diesem Alter noch nicht wissen kann, was er mit 40 gerne tun würde. Sie kämpfte jeden Tag aufs Neue, sich für irgendetwas zu entscheiden, ob es nun darum ging, welche Frisur sie ihren dunkelbraunen langen Haaren verpasste oder welche Kleidung zu ihren grünen Augen passte.
„Wenn du willst, kannst du heute früher heim!“ Sarah lächelte Jasmin freundlich an. „Heute ist nicht wirklich viel los. Und du hast ja genügend Überstunden, die noch offen sind.“
„Ja“, antwortete Jasmin überrascht. „Keine schlechte Idee.“ Sie lächelte erleichtert zurück und ging in den Aufenthaltsraum, um sich umzuziehen. Dann verabschiedete sie sich und ging zügig zu ihrem Wagen. Dieses Mal kam sie ziemlich schnell zu Hause an. Man merkte deutlich, dass die meisten Menschen noch arbeiteten. In ihrer Wohnung angekommen lehnte sich Jasmin erstmal mit dem Rücken an die Wohnungstür und drückte diese ins Schloss. Sie atmete einige Male tief und kräftig ein und aus und war ziemlich erleichtert darüber, dass ihr auf dem Heimweg keine seltsamen imaginären Tiere oder Personen begegnet waren. Sie war überglücklich, dass alles normal verlief.
Nach dem Abendessen sah sie noch ein wenig fern und war heilfroh darüber, dass Helena abgesagt hatte. Die beiden Mädels wollten eigentlich ins Kino, doch Helena musste dringend für eine Klausur lernen.
Als Jasmin ihren Eltern mitteilte, dass sie nicht gleich studieren wollte, waren diese nicht unbedingt erfreut und glücklich darüber. Doch sie zwangen Jasmin nicht. Sie durfte aber nicht zu Hause herumsitzen, sondern sollte sich einen Job und eine kleine Wohnung suchen. Die Bezahlung in der Buchhandlung war zwar nicht übermäßig, aber ihre kleine Wohnung konnte Jasmin sich damit bezahlen. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie auch selbst. Nur bei besonderen Dingen halfen ihr ihre Eltern aus. Sie waren eben doch die Besten.
Helena lebte nebenan und war Jasmins beste Freundin. Sie hatten schon gemeinsam im Kindergarten im Sandkasten gespielt. Helenas Mutter hatte diese kleine Wohnung für Jasmin beschafft. Sie schien glücklich darüber, dass die jungen Frauen jetzt Nachbarn waren.
Als Kinder hatten sich Jasmin und Helena oft vorgestellt, dass beide adoptiert wurden und in Wirklichkeit Schwestern waren. Was natürlich absoluter Unfug war. Denn unterschiedlicher als diese beiden Mädchen konnten Menschen nicht sein.
Jasmin war 1,70 Meter groß und sehr schlank. Ihr Gesicht war schmal mit einer gut passenden, unscheinbaren Nase und einem spitzen Mund mit vollen Lippen. Ihre grünen Augen zogen allerdings als erstes die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich.

