Pain(ted)
Blood of the Red Prince
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 200
ISBN: 978-3-7116-0910-6
Erscheinungsdatum: 26.08.2025
Damon ist ein Werwolf-Mensch-Hybrid. Um dies geheim zu halten, wird er in einer Waldhütte großgezogen. Als er schließlich die Akademie besuchen darf, steht er vor einer Herausforderung: Wie lange wird er seine Fähigkeiten vor den Menschen geheim halten können?
Prolog
Königreich Beldgod
(Aurelia)
Aurelia musste wieder an das Schlimmste denken, das in ihrem ganzen Leben je geschehen war. Sie war schuld daran, dass das alles passiert war. Sie war nicht die unschuldige Frau, für die sie vielleicht gehalten wurde.
Schuldig.
Sie war schuldig.
Wenn sie nicht gewesen wäre, dann wäre wahrscheinlich alles ganz anders gekommen. Wenn sie nicht gewesen wäre, dann wären sie vermutlich nicht dort, wo sie nun waren. Sie wären dann an einem schönen und sicheren Ort. Einem Ort, an dem sie nicht unter einer falschen Identität leben mussten. Einem Ort mit blauem Himmel und Sonnenschein, mit freundlichen Menschen und einer Familie, über die sie sich nicht beklagen konnten. Und nun? Nun war sie in diesem kleinen Haus, in einem kleinen Dorf gelandet.
Sie wollte gar nicht daran denken, wie das alles passiert war. Sie wollte sich nie wieder an die schlimmen Momente in ihrem Leben erinnern. Jene Momente, die ihr Leben so zum Schlechten gewendet hatten.
Sie hätte ihren liebsten Mann Nathan nicht leichtfertig in diese Sache mit hineinziehen sollen. Er wäre jetzt nicht krank, sondern ein gesunder Bürger der Stadt Ochrum. Er würde sein Leben genießen und vor allem könnte er sein Leben in Freiheit leben, wie ein normaler Mensch es vermutlich auch tun würde. Sein Leben leben!
Kapitel 1
Januar 1589
Ein kalter Wintertag
(Aurelia)
Aurelia Sherwood lief mit ihrem Einkauf vom Wochenmarkt die Straße entlang. Sie musste zu Hause sein, bevor der kleine Schneesturm ausartete. Sie lief nun etwas langsamer. Ihre Hände zitterten bereits vor Kälte und ihre Füße konnte sie kaum mehr bewegen. Aurelias hellblonde und lange Haare waren vom Schneesturm zerzaust. Normalerweise wäre sie mit ihrem Ehemann zum Wochenmarkt gegangen, doch der verhielt sich seit ein paar Tagen seltsam. Trotz des immer schlimmer werdenden Schneesturms sah sie eine große, dunkle und behaarte Gestalt auf sich zukommen. Sie dachte noch einmal daran was sie zuvor in der Zeitung gelesen hatte. -Werwölfe können sich normalerweise nur bei Vollmond verwandeln. Es ist selten das es außerhalb der Vollmondnacht passiert, aber nicht unmöglich- Vielleicht passierte so etwas in Zukunft öfter. Wer wusste das schon.
Aurelia blieb abrupt stehen und versteckte sich hinter einem Hauseck. Dieses abscheuliche Wesen durfte sie auf keinen Fall entdecken.
Als sie noch klein war, war alles ganz anders. Damals gab es in diesem Land noch fast keine Werwölfe. Diese abscheulichen Wesen hatten sich innerhalb weniger Jahre zu einer enormen Menge vermehrt. Früher konnten die Menschen aus dem Haus gehen, ohne Angst zu haben, getötet zu werden.
Der Werwolf schien Aurelia nicht bemerkt zu haben, denn er bog in eine kleine Seitenstraße ab. Ihr Herz schlug wie wild. Dann atmete sie einmal tief durch. Sie hatte gerade noch einmal Glück gehabt.
Ein paar Sekunden später kam sie wieder hinter dem Hauseck hervor. Sie sah sich abermals um. Vom Werwolf war nun keine Spur mehr zu sehen. Sie musste nach Hause, bevor sie erfror. Sie rannte mit ihrem Einkauf, so schnell sie konnte, die Straße entlang.
Etwas später erreichte sie die kleine Holzhütte, in der sie mit ihrem Ehemann lebte. Mit zittrigen Händen holte sie ihren Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Eingangstür. Ein angenehmer Luftzug kam ihr entgegen. Aurelia klopfte ihre Lederstiefel am Eingang ab und stellte sie vor den Kamin. Sie zog nun ihre mollig warmen Hausschuhe an und ging in die Küche, um etwas Suppe für Nathan zu kochen.
Nathan war ihr geliebter Mann, mit dem sie bisher alles gemeinsam durchgestanden hatte. Sie hatten sich in ihrer Jugend kennengelernt. Aurelia war die Tochter des angesehensten Mannes des ganzen Reichs. Nathan dagegen war ein normaler Bürger. Sie waren von Anfang an schockverliebt. Bereits in jungen Jahren hatten sie geheiratet, obwohl Adelige eigentlich keine Bürger heiraten durften. Dass sie Nathan ehelichen konnte, hatte sie dem weichherzigsten und gutmütigsten Mann aller Zeiten zu verdanken – ihrem Vater.
Allerdings benahm Nathan sich zurzeit schlimmer als ein Kleinkind und hatte schon seit Tagen nichts mehr gegessen. Ihre größte Sorge war, dass er nun auch zu einem Werwolf werden würde. Ihr brach es wortwörtlich das Herz, Nathan in so einem grausamen Zustand zu sehen. Die Dorfbewohner lästerten bereits über sie: Aurelia, die Dorfhexe, und Nathan, das Biest. Aurelia erinnerte sich noch einmal daran, wie sie heute auf dem Wochenmarkt gewesen war. Leute hielten aus Angst Abstand zu ihr. Auch wenn sie nie gesagt hatte, wieso sie nun allein und nicht mit ihrem Mann auf dem Wochenmarkt war, ahnten bereits alle, was geschehen war. Sie hatten Angst davor, dass ihnen das auch zustoßen würde, und verhielten sich ihr gegenüber aus diesem Grund so herablassend. Einer beschmiss sie sogar mit Obst und war dann davongerannt.
Aurelia seufzte. Wenn es nicht bald besser werden würde, dann würde es für sie beide nicht gut ausgehen. Im schlimmsten Fall würde sie hingerichtet werden und ihr Mann als Werwolf sterben.
Und das, nachdem das mit ihren Eltern geschehen war – Aurelia schluckte. Sie wollte sich daran nicht auch noch erinnern, die Geschehnisse waren einfach zu grausam. Sie hatte lange damit zu kämpfen gehabt, weshalb ihre Eltern nicht mehr unter ihnen weilten.
Aurelia holte einen Suppenlöffel aus einer der Schubladen und goss etwas Suppe aus dem Kochtopf in eine leere Schüssel. Dann nahm sie einen Löffel aus einer der Schubladen und öffnete mit einem Schlüssel die Tür, die in den Keller führte. Sie nahm eine Fackel in ihre linke Hand und entzündete sie am Feuer.
Stufe für Stufe ging sie in den dunklen Keller hinunter.
Von dort drang ein furchteinflößendes Jaulen nach oben. Sie hatte ihren Mann mit Ketten an eine provisorische Halterung in einem noch leer stehenden Raum gekettet. Er konnte sich nur ein paar Meter bewegen. Es war ihr auch nur gelungen, weil sie früh genug gemerkt hatte, was mit ihm los war. Aurelia seufzte traurig. So war es sicherer – für sie beide. Langsam ging sie die Kellertreppe weiter nach unten und den Gang entlang. Das Feuer der Fackel schimmerte in der Dunkelheit in einem beunruhigenden Licht. Aurelia öffnete mit dem nächsten Schlüssel eine weitere Tür. Dahinter hockte Nathan am Boden. Seine braunen Haare waren verknotet und seine wunderschönen olivgrünen Augen waren nur noch von Hass erfüllt. Im nächsten Moment versuchte er, sie anzuspringen und zu beißen, doch die Ketten hinderten ihn daran. Aurelia atmete erleichtert tief durch. Nathan fauchte sie wie ein wildes Tier an. Aurelia stellte den Teller auf einem Tisch ab, den Nathan erreichen konnte. Aurelia hoffte, dass er noch wusste, wie man mit einem Löffel aß. Die Lykanthropie schritt von Stunde zu Stunde immer weiter fort. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er sich vollständig in einen Werwolf verwandeln würde. Bereits heute Abend würde der nächste Vollmond sein. Laut Wochenzeitung und den neuesten Wissenschaften der Astrologie sollte es heute seit vielen Jahren wieder einen Blutmond geben. Der Legende nach wurden Werwölfe, die in einer Blutmondnacht erschaffen worden waren, noch stärker als gewöhnliche Werwölfe. Wenn es so wäre, würde sie ihn nicht mehr lange im Keller festhalten können. Werwölfe waren ihrer Meinung nach starke, übermächtige Monster, die den Tod eines jeden Menschen herbeisehnten.
„Schatz, ich liebe dich. Falls du dich doch noch entschließt, etwas zu essen, habe ich dir deinen Suppenteller dort drüben auf den Tisch gestellt. Du musst wissen, ich wollte dich nie hier unten festhalten, aber in diesem Fall muss ich dich wohl vor dir selbst beschützen“, flüsterte Aurelia und versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten. Was hier gerade passierte, war mehr als nur unfair und grausam – es war unmenschlich. Aurelia fand, sie sollte als Strafe für ihre grausamen Taten an Nathan besser in die Hölle kommen. Niemals hätte sie gedacht, dass sie Nathan in einen Keller sperren würde. Dafür liebte sie ihn viel zu sehr.
Wieder wurde sie daran erinnert, was in ihrer Familie passiert war. Es schien für Aurelia so, als würde sie vom Pech verfolgt werden. Sie konnte sich noch sehr gut an damals erinnern. Sie war in ihrem Zimmer gewesen, als sie Schreie hörte. Bewaffnete Männer waren in das Schloss eingedrungen und hatten ihre Eltern bedroht. Sie war nach unten geeilt, um nachzusehen, was los war. Die Männer packten Aurelia und hatten sie aufgefordert, ihnen die Schatzkammer zu zeigen. Sie drohten damit, dass sie ihren Eltern sonst etwas antun würden. Doch Aurelia hatte sich gewehrt. Dadurch hatten die Männer ihre Eltern (den damaligen König und die damalige Königin) kurzerhand erstochen. Erst kurz danach kamen Wachen und nahmen die Täter fest. Wenn sie sich damals nicht gewehrt hätte, wären ihre Eltern vielleicht noch am Leben. Aber eine Frage stellte sie sich noch bis heute: Wieso waren die Wachen erst so spät eingetroffen? Ihr gut geschütztes Schloss hätte niemals so einfach besetzt werden können. War der Anschlag damals also gut geplant gewesen? Na ja, das würde sie wohl nie erfahren. Seitdem war ihr großer Bruder der König dieses Reiches – Beldgod – geworden. Cornelius achtete seitdem darauf, dass das Schloss und die Stadt gut gesichert waren. Das musste sie ihm lassen, diese Sache machte er sehr gut.
Aurelia sah noch einmal zu Nathan, ging dann aus dem Raum und schloss die Tür hinter sich ab. Sie ging über die Treppe wieder nach oben und schloss auch die zweite Kellertür mit dem anderen Schlüssel ab. Falls er sich befreien würde, waren sie zumindest etwas geschützt. Sie ging nun zum Tisch und sah sich die aktuelle Zeitung an.
Hexen- und Werwolfprozesse in Ochrum. Insgesamt wurden im vergangenen Monat 13 Frauen und Männer hingerichtet. Drei Prozesse folgten noch. Insgesamt gab es allein in Ochrum über 20 Werwolfangriffe.
König Cornelius IV. forderte die Bürger im ganzen Reich dazu auf, die Häuser nach 19 Uhr nicht mehr zu verlassen, um ihr Überleben zu sichern: Jegliche Missachtungen der Bürger werden hart bestraft. Alle Bürger im ganzen Reich werden bei Werwolfsichtungen und Verdachtsfällen unverzüglich dazu aufgefordert, diese den Fürsten, den Adligen oder dem König zu berichten.
Achtung! Der nächste Vollmond wird laut Astrologen der erste Blutmond seit vielen Jahrzehnten sein. Alle Bürger des Reiches werden vom König persönlich wegen der erhöhten Gefahr dazu aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben.
Aurelia seufzte, schlimmer konnte es nicht mehr kommen. So würde sie ihren Mann nie und nimmer im Keller festhalten können.
Aurelia ging zu ihrem Bücherregal und holte eines ihrer Lieblingsbücher heraus. Irgendwie musste sie sich ablenken, bevor sie vor Sorge verging. Dann setzte sie sich auf einen der Küchensessel, um das Buch zu lesen. Sie kannte es schon, wollte es aber jetzt noch einmal lesen. In dem Buch ging es um zwei Liebende, die Berge versetzen wollten, um sich zu lieben und zu heiraten. Das war eine wundervolle Geschichte für so einen kalten Wintertag.
Kapitel 2
Rache
(Oktavian)
Etwas entfernt in einer alten Holzhütte im Wald.
Oktavian Todt war gerade im Keller der alten Hütte und zeichnete mithilfe von weißer Kreide ein großes Pentagramm auf die Mitte des Bodens des Raumes. Seine schmutzigen Hände waren bereits ganz weiß von der Kreide. Er stand auf und sah sich das Ergebnis an. Es war zwar nicht perfekt geworden, aber es würde seinen Zweck erfüllen.
Nun war alles vorbereitet. Noch einmal überprüfte er, ob er auch ganz bestimmt nichts vergessen hatte. Oktavian nahm sein Buch mit all seinen Recherchen aus den letzten Jahren in die Hand und begann, darin zu blättern. Als er eine bestimmte Seite gefunden hatte, legte er das Buch neben das Pentagramm auf den Boden und platzierte einen Stein darauf, sodass sich die Seiten nicht wieder von selbst umblättern konnten.
Oktavian war gerade vom Keller zurück in die Küche gegangen. Seine Rache an den Menschen war nun vorbereitet. Er hatte alles genau durchgeplant. Niemals würde er verzeihen können, was die Menschen seiner Frau Malia angetan hatten.
Früher hatte er gemeinsam mit seiner Frau am Rande von Lannia gelebt. Sie waren schon immer arm gewesen und mussten hart arbeiten, um über die Runden zu kommen. Einfach hatte Oktavian es noch nie gehabt, allerdings hatte er noch nie so einen Hass verspürt wie zurzeit. Da er selbst als kleiner Junge von seinen Eltern vernachlässigt worden war, hatte ihm nie jemand das Lesen und Schreiben beigebracht. Erst als seine verstorbene Frau Malia kam, lehrte sie es ihn mühevoll. Würde sie noch leben, würde er vermutlich nicht so abscheuliche Gedanken hegen. Aber eines konnte er mit Sicherheit sagen: Seine Frau war das Wertvollste in seinem Leben gewesen und ihr Tod sollte gerächt werden.
Es war der Tag nach dem Vollmond gewesen, an dem seine Frau aufgebrochen war, um den Wochenmarkt zu besuchen. Sie hatte ihre Geldbörse vergessen, weswegen er ihr nachgelaufen war. Als er in dem Dorf ankam, musste er mit Schrecken mitansehen, wie seine Frau von einem Werwolf angegriffen und verletzt wurde. Alles, was die Leute taten, war zuzusehen und zu tuscheln. Er konnte hören, wie sie immer wieder über sie lästerten. Oktavian wusste, dass sie kein gutes Verhältnis zu den Bürgern des Dorfes hatten, aber dass sie ihm nicht helfen würden, hatte er nicht geahnt. Verzweifelt hatte er um die Hilfe der Leute gefleht, als seine Frau von dem Werwolf getötet wurde. Doch sie hatten ihn nur angesehen und weiter getuschelt.
Oktavian lebte schon seit Jahren allein hier in der Holzhütte im Wald. Er wollte nichts mehr mit den Menschen seines Dorfes zu tun haben – nicht, bis er seine Rache ausführen konnte. Egal, wie lange es dauern würde, und egal, wie viel Mühe es ihn kosten würde. Sie alle sollten so sehr leiden, wie er seitdem gelitten hatte. Oktavian gab die Schuld nicht dem Werwolf, der seine Frau getötet hatte, sondern den Menschen, die das zugelassen hatten.
Er warf nun ein Stück Holz in den Ofen und sah genüsslich dabei zu, wie es langsam vom Feuer verschlungen wurde. Oktavian grinste breit und zeigte dabei seine schiefen Zähne. Ein Funkeln zeigte sich in seinen braunen Augen. Dabei stach seine Narbe am rechten Auge hervor. Satan war der Einzige, der ihn bei seinem Vorhaben unterstützen konnte. Menschen glaubten an Gott, den Erlöser. Oktavian dagegen war sich sicher, dass es auch einen Teufel gab, denn immerhin gab es ja auch Werwölfe im Reich Beldgod. Er musste ihn nur aus seiner Reserve locken.
Oktavian stand auf und grinste schelmisch. Heute war der Tag, an dem sein Plan umgesetzt werden sollte und er jemanden entführen wollte. Es schneite zum Glück nicht mehr. Heute Abend war Blutmond, was bedeutete, dass heute der passende Tag für sein Experiment war. Es wurde allmählich dunkel. Er machte das Feuer im Ofen und an den Kerzen aus. Dann schnappte er sich sein kleines Taschenmesser, das er immer beim Eingang liegen hatte, und zog sich seine warme Winterkleidung an. Oktavian öffnete entschlossen die Haustür und verließ das Haus.
Kapitel 3
Eine Frau in Nöten
(Aurelia)
Aurelia saß noch immer am Küchentisch auf einem der Holzstühle und las ihr Buch. Obwohl dieses zu ihren Lieblingsbüchern gehörte und im Bücherregal ganz weit vorne einen Platz hatte, konnte sie sich nicht darauf konzentrieren. Ihre Gedanken und Sorgen waren stets bei Nathan. Wenn er zugrunde ging, dann würde das bedeuten, dass auch sie zugrunde gehen würde. Die Dorfbewohner konnten so viel lästern, wie sie wollten, doch das würde sie nicht daran hindern, für Nathan bis zum bitteren Ende zu kämpfen.
Aurelia legte das Buch beiseite und ging zum Fenster. Der Schneesturm war vorbei und der Himmel war strahlend blau. Die Sonne schien bereits langsam unterzugehen. Plötzlich sah sie einen großen Schatten am Haus vorbeihuschen. Vorsichtig schlich sie zur Tür, um nachzusehen, ob sie diese auch wirklich richtig verschlossen hatte. Aurelia nahm den Türgriff, um ihn leise nach unten zu drücken. Dann atmete sie erleichtert auf, die Tür war richtig verschlossen. Leise ging sie abermals zum Fenster, um nachzusehen, ob die Gestalt noch immer da war. Auf einmal hörte sie ein Klirren. Eines der Seitenfenster wurde eingeschlagen. Aurelia zuckte und drehte sich verschreckt um, sie hörte Schritte. Sie lief zum Schrank, um ein Messer in einer der Schubladen zu suchen. Sie war sich nicht mehr sicher, in welche der Schubladen sie es gepackt hatte. Nachdem sie in dieses Haus gezogen waren, hatte sie sich nie wirklich um die Ordnung gekümmert. Gerade als sie eine der Laden öffnen wollte, bemerkte sie eine Gestalt hinter sich. Bevor sie sich wieder umdrehen und wehren konnte, spürte sie einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf. Aurelia wurde auf einmal schwindelig. Sie schien das Gleichgewicht zu verlieren und brach zusammen. Sie versuchte, nach dem Mann zu greifen und ihn wegzuschlagen, doch ihr war noch immer schwindelig. Der Mann trat sie und Aurelia fiel zu Boden. Ihr Kopf hämmerte so kräftig, als würden Hunderte von Nadeln auf sie einstechen. Dann wurde ihr schwarz vor Augen. Langsam schien sie das Bewusstsein zu verlieren. Alles, was ihr blieb, war Leere.
...
Königreich Beldgod
(Aurelia)
Aurelia musste wieder an das Schlimmste denken, das in ihrem ganzen Leben je geschehen war. Sie war schuld daran, dass das alles passiert war. Sie war nicht die unschuldige Frau, für die sie vielleicht gehalten wurde.
Schuldig.
Sie war schuldig.
Wenn sie nicht gewesen wäre, dann wäre wahrscheinlich alles ganz anders gekommen. Wenn sie nicht gewesen wäre, dann wären sie vermutlich nicht dort, wo sie nun waren. Sie wären dann an einem schönen und sicheren Ort. Einem Ort, an dem sie nicht unter einer falschen Identität leben mussten. Einem Ort mit blauem Himmel und Sonnenschein, mit freundlichen Menschen und einer Familie, über die sie sich nicht beklagen konnten. Und nun? Nun war sie in diesem kleinen Haus, in einem kleinen Dorf gelandet.
Sie wollte gar nicht daran denken, wie das alles passiert war. Sie wollte sich nie wieder an die schlimmen Momente in ihrem Leben erinnern. Jene Momente, die ihr Leben so zum Schlechten gewendet hatten.
Sie hätte ihren liebsten Mann Nathan nicht leichtfertig in diese Sache mit hineinziehen sollen. Er wäre jetzt nicht krank, sondern ein gesunder Bürger der Stadt Ochrum. Er würde sein Leben genießen und vor allem könnte er sein Leben in Freiheit leben, wie ein normaler Mensch es vermutlich auch tun würde. Sein Leben leben!
Kapitel 1
Januar 1589
Ein kalter Wintertag
(Aurelia)
Aurelia Sherwood lief mit ihrem Einkauf vom Wochenmarkt die Straße entlang. Sie musste zu Hause sein, bevor der kleine Schneesturm ausartete. Sie lief nun etwas langsamer. Ihre Hände zitterten bereits vor Kälte und ihre Füße konnte sie kaum mehr bewegen. Aurelias hellblonde und lange Haare waren vom Schneesturm zerzaust. Normalerweise wäre sie mit ihrem Ehemann zum Wochenmarkt gegangen, doch der verhielt sich seit ein paar Tagen seltsam. Trotz des immer schlimmer werdenden Schneesturms sah sie eine große, dunkle und behaarte Gestalt auf sich zukommen. Sie dachte noch einmal daran was sie zuvor in der Zeitung gelesen hatte. -Werwölfe können sich normalerweise nur bei Vollmond verwandeln. Es ist selten das es außerhalb der Vollmondnacht passiert, aber nicht unmöglich- Vielleicht passierte so etwas in Zukunft öfter. Wer wusste das schon.
Aurelia blieb abrupt stehen und versteckte sich hinter einem Hauseck. Dieses abscheuliche Wesen durfte sie auf keinen Fall entdecken.
Als sie noch klein war, war alles ganz anders. Damals gab es in diesem Land noch fast keine Werwölfe. Diese abscheulichen Wesen hatten sich innerhalb weniger Jahre zu einer enormen Menge vermehrt. Früher konnten die Menschen aus dem Haus gehen, ohne Angst zu haben, getötet zu werden.
Der Werwolf schien Aurelia nicht bemerkt zu haben, denn er bog in eine kleine Seitenstraße ab. Ihr Herz schlug wie wild. Dann atmete sie einmal tief durch. Sie hatte gerade noch einmal Glück gehabt.
Ein paar Sekunden später kam sie wieder hinter dem Hauseck hervor. Sie sah sich abermals um. Vom Werwolf war nun keine Spur mehr zu sehen. Sie musste nach Hause, bevor sie erfror. Sie rannte mit ihrem Einkauf, so schnell sie konnte, die Straße entlang.
Etwas später erreichte sie die kleine Holzhütte, in der sie mit ihrem Ehemann lebte. Mit zittrigen Händen holte sie ihren Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Eingangstür. Ein angenehmer Luftzug kam ihr entgegen. Aurelia klopfte ihre Lederstiefel am Eingang ab und stellte sie vor den Kamin. Sie zog nun ihre mollig warmen Hausschuhe an und ging in die Küche, um etwas Suppe für Nathan zu kochen.
Nathan war ihr geliebter Mann, mit dem sie bisher alles gemeinsam durchgestanden hatte. Sie hatten sich in ihrer Jugend kennengelernt. Aurelia war die Tochter des angesehensten Mannes des ganzen Reichs. Nathan dagegen war ein normaler Bürger. Sie waren von Anfang an schockverliebt. Bereits in jungen Jahren hatten sie geheiratet, obwohl Adelige eigentlich keine Bürger heiraten durften. Dass sie Nathan ehelichen konnte, hatte sie dem weichherzigsten und gutmütigsten Mann aller Zeiten zu verdanken – ihrem Vater.
Allerdings benahm Nathan sich zurzeit schlimmer als ein Kleinkind und hatte schon seit Tagen nichts mehr gegessen. Ihre größte Sorge war, dass er nun auch zu einem Werwolf werden würde. Ihr brach es wortwörtlich das Herz, Nathan in so einem grausamen Zustand zu sehen. Die Dorfbewohner lästerten bereits über sie: Aurelia, die Dorfhexe, und Nathan, das Biest. Aurelia erinnerte sich noch einmal daran, wie sie heute auf dem Wochenmarkt gewesen war. Leute hielten aus Angst Abstand zu ihr. Auch wenn sie nie gesagt hatte, wieso sie nun allein und nicht mit ihrem Mann auf dem Wochenmarkt war, ahnten bereits alle, was geschehen war. Sie hatten Angst davor, dass ihnen das auch zustoßen würde, und verhielten sich ihr gegenüber aus diesem Grund so herablassend. Einer beschmiss sie sogar mit Obst und war dann davongerannt.
Aurelia seufzte. Wenn es nicht bald besser werden würde, dann würde es für sie beide nicht gut ausgehen. Im schlimmsten Fall würde sie hingerichtet werden und ihr Mann als Werwolf sterben.
Und das, nachdem das mit ihren Eltern geschehen war – Aurelia schluckte. Sie wollte sich daran nicht auch noch erinnern, die Geschehnisse waren einfach zu grausam. Sie hatte lange damit zu kämpfen gehabt, weshalb ihre Eltern nicht mehr unter ihnen weilten.
Aurelia holte einen Suppenlöffel aus einer der Schubladen und goss etwas Suppe aus dem Kochtopf in eine leere Schüssel. Dann nahm sie einen Löffel aus einer der Schubladen und öffnete mit einem Schlüssel die Tür, die in den Keller führte. Sie nahm eine Fackel in ihre linke Hand und entzündete sie am Feuer.
Stufe für Stufe ging sie in den dunklen Keller hinunter.
Von dort drang ein furchteinflößendes Jaulen nach oben. Sie hatte ihren Mann mit Ketten an eine provisorische Halterung in einem noch leer stehenden Raum gekettet. Er konnte sich nur ein paar Meter bewegen. Es war ihr auch nur gelungen, weil sie früh genug gemerkt hatte, was mit ihm los war. Aurelia seufzte traurig. So war es sicherer – für sie beide. Langsam ging sie die Kellertreppe weiter nach unten und den Gang entlang. Das Feuer der Fackel schimmerte in der Dunkelheit in einem beunruhigenden Licht. Aurelia öffnete mit dem nächsten Schlüssel eine weitere Tür. Dahinter hockte Nathan am Boden. Seine braunen Haare waren verknotet und seine wunderschönen olivgrünen Augen waren nur noch von Hass erfüllt. Im nächsten Moment versuchte er, sie anzuspringen und zu beißen, doch die Ketten hinderten ihn daran. Aurelia atmete erleichtert tief durch. Nathan fauchte sie wie ein wildes Tier an. Aurelia stellte den Teller auf einem Tisch ab, den Nathan erreichen konnte. Aurelia hoffte, dass er noch wusste, wie man mit einem Löffel aß. Die Lykanthropie schritt von Stunde zu Stunde immer weiter fort. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er sich vollständig in einen Werwolf verwandeln würde. Bereits heute Abend würde der nächste Vollmond sein. Laut Wochenzeitung und den neuesten Wissenschaften der Astrologie sollte es heute seit vielen Jahren wieder einen Blutmond geben. Der Legende nach wurden Werwölfe, die in einer Blutmondnacht erschaffen worden waren, noch stärker als gewöhnliche Werwölfe. Wenn es so wäre, würde sie ihn nicht mehr lange im Keller festhalten können. Werwölfe waren ihrer Meinung nach starke, übermächtige Monster, die den Tod eines jeden Menschen herbeisehnten.
„Schatz, ich liebe dich. Falls du dich doch noch entschließt, etwas zu essen, habe ich dir deinen Suppenteller dort drüben auf den Tisch gestellt. Du musst wissen, ich wollte dich nie hier unten festhalten, aber in diesem Fall muss ich dich wohl vor dir selbst beschützen“, flüsterte Aurelia und versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten. Was hier gerade passierte, war mehr als nur unfair und grausam – es war unmenschlich. Aurelia fand, sie sollte als Strafe für ihre grausamen Taten an Nathan besser in die Hölle kommen. Niemals hätte sie gedacht, dass sie Nathan in einen Keller sperren würde. Dafür liebte sie ihn viel zu sehr.
Wieder wurde sie daran erinnert, was in ihrer Familie passiert war. Es schien für Aurelia so, als würde sie vom Pech verfolgt werden. Sie konnte sich noch sehr gut an damals erinnern. Sie war in ihrem Zimmer gewesen, als sie Schreie hörte. Bewaffnete Männer waren in das Schloss eingedrungen und hatten ihre Eltern bedroht. Sie war nach unten geeilt, um nachzusehen, was los war. Die Männer packten Aurelia und hatten sie aufgefordert, ihnen die Schatzkammer zu zeigen. Sie drohten damit, dass sie ihren Eltern sonst etwas antun würden. Doch Aurelia hatte sich gewehrt. Dadurch hatten die Männer ihre Eltern (den damaligen König und die damalige Königin) kurzerhand erstochen. Erst kurz danach kamen Wachen und nahmen die Täter fest. Wenn sie sich damals nicht gewehrt hätte, wären ihre Eltern vielleicht noch am Leben. Aber eine Frage stellte sie sich noch bis heute: Wieso waren die Wachen erst so spät eingetroffen? Ihr gut geschütztes Schloss hätte niemals so einfach besetzt werden können. War der Anschlag damals also gut geplant gewesen? Na ja, das würde sie wohl nie erfahren. Seitdem war ihr großer Bruder der König dieses Reiches – Beldgod – geworden. Cornelius achtete seitdem darauf, dass das Schloss und die Stadt gut gesichert waren. Das musste sie ihm lassen, diese Sache machte er sehr gut.
Aurelia sah noch einmal zu Nathan, ging dann aus dem Raum und schloss die Tür hinter sich ab. Sie ging über die Treppe wieder nach oben und schloss auch die zweite Kellertür mit dem anderen Schlüssel ab. Falls er sich befreien würde, waren sie zumindest etwas geschützt. Sie ging nun zum Tisch und sah sich die aktuelle Zeitung an.
Hexen- und Werwolfprozesse in Ochrum. Insgesamt wurden im vergangenen Monat 13 Frauen und Männer hingerichtet. Drei Prozesse folgten noch. Insgesamt gab es allein in Ochrum über 20 Werwolfangriffe.
König Cornelius IV. forderte die Bürger im ganzen Reich dazu auf, die Häuser nach 19 Uhr nicht mehr zu verlassen, um ihr Überleben zu sichern: Jegliche Missachtungen der Bürger werden hart bestraft. Alle Bürger im ganzen Reich werden bei Werwolfsichtungen und Verdachtsfällen unverzüglich dazu aufgefordert, diese den Fürsten, den Adligen oder dem König zu berichten.
Achtung! Der nächste Vollmond wird laut Astrologen der erste Blutmond seit vielen Jahrzehnten sein. Alle Bürger des Reiches werden vom König persönlich wegen der erhöhten Gefahr dazu aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben.
Aurelia seufzte, schlimmer konnte es nicht mehr kommen. So würde sie ihren Mann nie und nimmer im Keller festhalten können.
Aurelia ging zu ihrem Bücherregal und holte eines ihrer Lieblingsbücher heraus. Irgendwie musste sie sich ablenken, bevor sie vor Sorge verging. Dann setzte sie sich auf einen der Küchensessel, um das Buch zu lesen. Sie kannte es schon, wollte es aber jetzt noch einmal lesen. In dem Buch ging es um zwei Liebende, die Berge versetzen wollten, um sich zu lieben und zu heiraten. Das war eine wundervolle Geschichte für so einen kalten Wintertag.
Kapitel 2
Rache
(Oktavian)
Etwas entfernt in einer alten Holzhütte im Wald.
Oktavian Todt war gerade im Keller der alten Hütte und zeichnete mithilfe von weißer Kreide ein großes Pentagramm auf die Mitte des Bodens des Raumes. Seine schmutzigen Hände waren bereits ganz weiß von der Kreide. Er stand auf und sah sich das Ergebnis an. Es war zwar nicht perfekt geworden, aber es würde seinen Zweck erfüllen.
Nun war alles vorbereitet. Noch einmal überprüfte er, ob er auch ganz bestimmt nichts vergessen hatte. Oktavian nahm sein Buch mit all seinen Recherchen aus den letzten Jahren in die Hand und begann, darin zu blättern. Als er eine bestimmte Seite gefunden hatte, legte er das Buch neben das Pentagramm auf den Boden und platzierte einen Stein darauf, sodass sich die Seiten nicht wieder von selbst umblättern konnten.
Oktavian war gerade vom Keller zurück in die Küche gegangen. Seine Rache an den Menschen war nun vorbereitet. Er hatte alles genau durchgeplant. Niemals würde er verzeihen können, was die Menschen seiner Frau Malia angetan hatten.
Früher hatte er gemeinsam mit seiner Frau am Rande von Lannia gelebt. Sie waren schon immer arm gewesen und mussten hart arbeiten, um über die Runden zu kommen. Einfach hatte Oktavian es noch nie gehabt, allerdings hatte er noch nie so einen Hass verspürt wie zurzeit. Da er selbst als kleiner Junge von seinen Eltern vernachlässigt worden war, hatte ihm nie jemand das Lesen und Schreiben beigebracht. Erst als seine verstorbene Frau Malia kam, lehrte sie es ihn mühevoll. Würde sie noch leben, würde er vermutlich nicht so abscheuliche Gedanken hegen. Aber eines konnte er mit Sicherheit sagen: Seine Frau war das Wertvollste in seinem Leben gewesen und ihr Tod sollte gerächt werden.
Es war der Tag nach dem Vollmond gewesen, an dem seine Frau aufgebrochen war, um den Wochenmarkt zu besuchen. Sie hatte ihre Geldbörse vergessen, weswegen er ihr nachgelaufen war. Als er in dem Dorf ankam, musste er mit Schrecken mitansehen, wie seine Frau von einem Werwolf angegriffen und verletzt wurde. Alles, was die Leute taten, war zuzusehen und zu tuscheln. Er konnte hören, wie sie immer wieder über sie lästerten. Oktavian wusste, dass sie kein gutes Verhältnis zu den Bürgern des Dorfes hatten, aber dass sie ihm nicht helfen würden, hatte er nicht geahnt. Verzweifelt hatte er um die Hilfe der Leute gefleht, als seine Frau von dem Werwolf getötet wurde. Doch sie hatten ihn nur angesehen und weiter getuschelt.
Oktavian lebte schon seit Jahren allein hier in der Holzhütte im Wald. Er wollte nichts mehr mit den Menschen seines Dorfes zu tun haben – nicht, bis er seine Rache ausführen konnte. Egal, wie lange es dauern würde, und egal, wie viel Mühe es ihn kosten würde. Sie alle sollten so sehr leiden, wie er seitdem gelitten hatte. Oktavian gab die Schuld nicht dem Werwolf, der seine Frau getötet hatte, sondern den Menschen, die das zugelassen hatten.
Er warf nun ein Stück Holz in den Ofen und sah genüsslich dabei zu, wie es langsam vom Feuer verschlungen wurde. Oktavian grinste breit und zeigte dabei seine schiefen Zähne. Ein Funkeln zeigte sich in seinen braunen Augen. Dabei stach seine Narbe am rechten Auge hervor. Satan war der Einzige, der ihn bei seinem Vorhaben unterstützen konnte. Menschen glaubten an Gott, den Erlöser. Oktavian dagegen war sich sicher, dass es auch einen Teufel gab, denn immerhin gab es ja auch Werwölfe im Reich Beldgod. Er musste ihn nur aus seiner Reserve locken.
Oktavian stand auf und grinste schelmisch. Heute war der Tag, an dem sein Plan umgesetzt werden sollte und er jemanden entführen wollte. Es schneite zum Glück nicht mehr. Heute Abend war Blutmond, was bedeutete, dass heute der passende Tag für sein Experiment war. Es wurde allmählich dunkel. Er machte das Feuer im Ofen und an den Kerzen aus. Dann schnappte er sich sein kleines Taschenmesser, das er immer beim Eingang liegen hatte, und zog sich seine warme Winterkleidung an. Oktavian öffnete entschlossen die Haustür und verließ das Haus.
Kapitel 3
Eine Frau in Nöten
(Aurelia)
Aurelia saß noch immer am Küchentisch auf einem der Holzstühle und las ihr Buch. Obwohl dieses zu ihren Lieblingsbüchern gehörte und im Bücherregal ganz weit vorne einen Platz hatte, konnte sie sich nicht darauf konzentrieren. Ihre Gedanken und Sorgen waren stets bei Nathan. Wenn er zugrunde ging, dann würde das bedeuten, dass auch sie zugrunde gehen würde. Die Dorfbewohner konnten so viel lästern, wie sie wollten, doch das würde sie nicht daran hindern, für Nathan bis zum bitteren Ende zu kämpfen.
Aurelia legte das Buch beiseite und ging zum Fenster. Der Schneesturm war vorbei und der Himmel war strahlend blau. Die Sonne schien bereits langsam unterzugehen. Plötzlich sah sie einen großen Schatten am Haus vorbeihuschen. Vorsichtig schlich sie zur Tür, um nachzusehen, ob sie diese auch wirklich richtig verschlossen hatte. Aurelia nahm den Türgriff, um ihn leise nach unten zu drücken. Dann atmete sie erleichtert auf, die Tür war richtig verschlossen. Leise ging sie abermals zum Fenster, um nachzusehen, ob die Gestalt noch immer da war. Auf einmal hörte sie ein Klirren. Eines der Seitenfenster wurde eingeschlagen. Aurelia zuckte und drehte sich verschreckt um, sie hörte Schritte. Sie lief zum Schrank, um ein Messer in einer der Schubladen zu suchen. Sie war sich nicht mehr sicher, in welche der Schubladen sie es gepackt hatte. Nachdem sie in dieses Haus gezogen waren, hatte sie sich nie wirklich um die Ordnung gekümmert. Gerade als sie eine der Laden öffnen wollte, bemerkte sie eine Gestalt hinter sich. Bevor sie sich wieder umdrehen und wehren konnte, spürte sie einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf. Aurelia wurde auf einmal schwindelig. Sie schien das Gleichgewicht zu verlieren und brach zusammen. Sie versuchte, nach dem Mann zu greifen und ihn wegzuschlagen, doch ihr war noch immer schwindelig. Der Mann trat sie und Aurelia fiel zu Boden. Ihr Kopf hämmerte so kräftig, als würden Hunderte von Nadeln auf sie einstechen. Dann wurde ihr schwarz vor Augen. Langsam schien sie das Bewusstsein zu verlieren. Alles, was ihr blieb, war Leere.
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