Das Futteral
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 300
ISBN: 978-3-99146-615-4
Erscheinungsdatum: 16.05.2024
Die Jugendlichen Laura und Simon stolpern über ein kleines dunkelrotes Büchlein, das sich wie von Zauberhand von selbst aufblättert und sie von diesem Moment an in völlig fremde Welten entführt – und uns auch ...
In den schottischen Hügeln grüßt der Herbst mit heftigen Winden, die den kalten peitschenden Regen vom Ozean herkommend auf das Festland befördern. Der durch die feuchte Kälte entstandene Nebel schleicht sich leise um die Häuser herum, und das Laub, das sich in seinen schönsten Farben präsentiert, fliegt durch die Lüfte und häuft sich bereits überall auf den Gehwegen der kleinen Städte und Dörfer an.
In dieser gespenstigen Atmosphäre sind die Einwohner einer kleinen Stadt in der Grafschaft Inverness-shire gespannt auf die neuen, ihnen bis dahin unbekannten Neuzuzügler. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich das Gerücht in der Gegend, dass das seit Langem leer stehende Haus auf dem Hügel neue Bewohner bekommt.
Herr Akiak
Der ältere Herr Akiak, der früher im Haus lebte und ursprünglich aus dem Norden Kanadas war, stammte aus einer kleinen traditionellen Volksgruppe, die vom Fischen und Jagen lebte, deshalb nutzte er häufig die Gelegenheit, den Dorfbewohnern Geschichten über seine Vorfahren zu erzählen. Wenn die Einwohner ihn irgendwo auf ihrem Weg begegneten, wussten sie, dass es etwas länger dauern könnte, wenn Herr Akiak aus Gewohnheit anfangen würde, über seine abenteuerliche Vergangenheit und die Geschichte seiner Familie zu berichten. Allerdings waren viele spannende Begebenheiten dabei, die von seinen Ahnen von Generation zur Generation weitererzählt wurden, und die Leute im Quartier konnten sich oft aus Neugier nicht verkneifen, bei ihm stehen zu bleiben, um den alten Geschichten zum xten Mal lauschen zu können.
Herr Akiak berichtete gern über einen Herrscher Namens Gobor, der vor Hunderten von Jahren im Norden gelebt haben soll. Den Überlieferungen nach war er ein großer Abenteurer, der seine Freiheit liebte und seine Beliebtheit bei den Frauen in vollen Zügen genoss, und deshalb wurde häufig über seine wechselnden Begleiterinnen getuschelt.
Der Grund, warum Herr Akiak sich in Schottland niedergelassen hatte, war bei ihm ebenfalls ein beliebtes Thema und ließ ihn besonders heiter werden. Seine Geschichten begannen immer in Grönland, als sein Vater beim Fischen mit seinem Kajak weit aufs Meer abgetrieben worden war. Sein Vater war hinter einem Fischschwarm her gerudert und hatte den Wetterumschwung nicht wahrgenommen, der auf einmal das Meer in einen sprudelnden Sog von immer höher werdenden Wellen verwandelte. Während er verzweifelt aus dieser misslichen Lage herauszukommen versuchte, tauchte zwischen den hohen Wellen plötzlich ein unbekanntes havariertes Schiff auf.
Sein Vater konnte auf den ersten Blick nicht erkennen, woher das Schiff stammte, sah aber, wie ein paar Seemänner mit ihren Armen hin und her winkten, um seine Aufmerksamkeit zu erwecken. Als er mit Mühe und Not in der Nähe des Schiffes angelangt war, gaben sie ihm zu verstehen, dass er zu ihnen auf das Deck kommen sollte. Nach mehreren Versuchen, seinen Vater mit einem Seil aus dem Wasser zu holen, gelang es doch noch den Seeleuten, erzählte ihm damals sein Vater, kurz bevor er am Ende seiner Kräfte in den Wellen verschwunden wäre, ihn an Bord zu ziehen. Erschöpft auf Deck angekommen, schaute sein Vater erleichtert in die Augen der sieben Matrosen und in die eines sehr ermatteten Kapitäns, die genauso wie er mehrere Stunden gegen die hohen Wellen gekämpft hatten und nun ebenfalls am Ende ihre Kräfte waren.
Der Sturm ließ bald nach, und sein Vater half den Seeleuten, das havarierte Schiffs Richtung Küste zu navigieren. Als sie die letzte Meile durch die hohen Wellen gemeinsam geschafft hatten und ans Ziel kamen, lud der Vater alle zu sich nach Hause ein, und seine Mutter ging in die Küche und kochte für alle eine warme Mahlzeit. Sie verständigten sich so gut es ging über Zeichensprache, und dabei bat der Kapitän seinen Vater um Hilfe für die Instandstellung seines Schiffes. Als das Schiff dann endlich nach vielen Hürden und Hindernissen sowie langer Suche nach passendem Holz und brauchbaren Beschlägen flott- gemacht werden konnte, bedankte sich der Kapitän bei seinem Vater, indem er ihm sein Haus, das in den Hügeln eingebettet in der schottischen Grafschaft Inverness-shire lag, vererbte.
Viele Jahre später, als sein Vater auf seinem Sterbebett lag und Herr Akiak nicht von seiner Seite wich, war der Moment gekommen, als er seinem Sohn seinen einzigen Besitz überreichen sollte. Der Vater bat seinen Sohn, das zusammengefaltete Robbenfell, das er in einem kleinen Geheimfach aufbewahrte, herzuholen. Herr Akiak übergab ihm das Bündel, und sein Vater nahm vorsichtig das kleine dunkelrote Buch heraus und bat ihn, das kostbare Buch, das sich seit Generationen im Familienbesitz befunden hatte, den Rest seines Lebens genauso sorgfältig aufzubewahren, wie er es getan hatte. Herr Akiak wusste von der Existenz des Buches und dass das kleine dunkelrote Buch wertvolle Lebensweisheiten in sich trug, weil sein Vater ihm in seiner Kindheit davon erzählt hatte.
Dann holte sein Vater ein kleines Schnipsel braunes Papier hervor, worauf Herr Akiak nur eine gekritzelte Notiz erkennen konnte, und er begann, seinem Sohn erneut von seinen Abenteuern mit den Schotten und das Erbe vom Kapitän zu erzählen.
Am nächsten Morgen starb sein Vater in seinen Armen, und Herr Akiak blieb allein zurück, seine Mutter war einige Jahre davor, nach einem Unfall mit dem Hundeschlitten, ihren schweren Verletzungen erlegen.
Nach dem Verlust seines Vaters wurde er sehr nachdenklich und kam ins Grübeln über sein Leben und wie es für ihn weiter gehen sollte. Bisher hatte er kein Glück bei der Suche nach einer Lebenspartnerin gehabt, und die Zeit war für ihn deshalb gekommen, nach Schottland aufzubrechen und das geerbte Haus in Augenschein zu nehmen. Herr Akiak machte sich mit dem Schnipsel des braunen Papiers, einem Kompass in der Tasche und dem kleinen dunkelroten Buch auf den langen Weg in einem stabilen Boot über den Atlantik. Bei der langen abenteuerlichen Reise über das Meer musste er mehrmals mit dem rauen Wetter und den hohen Wellen kämpfen. Darüber berichtete er besonders gern, weil es ihn zum Helden werden ließ.
Als Herr Akiak nach seiner langen und gefährlichen Reise über das Meer endlich in Schottland ankam und nach energischer Suche das verlassene Haus gefunden hatte, war er sehr erstaunt über die schöne Natur und den guten Zustand des Hauses und wurde überraschend schnell ansässig.
Herr Akiak lebte danach viele Jahre bis zu seinem Tod in dem Haus, das sein Vater auf abenteuerliche Weise von einem schottischen Kapitän geerbt hatte.
Laura
Ich halte inne und setze mich nachdenklich auf den obersten Treppenabsatz. Ich bin gerade dabei, alle meine Kleider, mein Schuhwerk und meine liebsten Bücher einzupacken, weil ich mit meiner Mutter in die schottische Grafschaft Inverness-shire ziehe.
Es macht mich traurig, dass meine Eltern sich nicht mehr gut verstanden haben und mein Vater deswegen aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist. Meine Gedanken schweifen auf einmal in die Zeit zurück als ich klein war und ich oft mit meinem Vater herumtollte, viel lachte und mich geborgen fühlte. Bei schönem Wetter gingen wir alle drei häufig zum Picknicken in den Park, und ich erinnere mich gerne daran zurück, wie ich mich ganz besonders darüber freute, wenn mein Vater dabei war. Ich fragte ihn manchmal den Bauch voll über das Leben, und er war immer sehr geduldig und antwortete gerne mit: „Weißt du, Laura, ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich meine Sicht auf einige Dinge im Laufe meines Lebens verändert hat.“
„Laura“, ruft meine Mutter aus der Küche. „Bist du fertig mit dem Packen?“
„Ich brauche noch einen Koffer für meine Winterkleider und Fellstiefel“, erwidere ich.
Erneut versinke ich in meinen Gedanken über die vergangenen Jahre und erinnere mich, als mein Vater vor drei Jahren befördert wurde. Es war zuerst eine große Sache, und meine Mutter sagte zu mir, er hat es endlich geschafft, und von nun an können wir uns jedes Jahr erlauben, an einem besonderen Ort zu verreisen. Zuerst war ich von der Idee begeistert, in die Ferne zu verreisen und an wunderbaren Sandstränden meine Ferien zu verbringen, durch die Städte mit ihren gut besuchten Märkten zu flanieren und exotisches Essen zu kosten. Als sich aber herausstellte, dass ich meinen Vater kaum mehr zu Gesicht bekam, wurde mir langsam klar, wie hoch der Preis war.
In dieser Zeit ging meine Mutter häufig mit ihrer Freundin Rebecca ins Café Royal, wo sich beide regelmäßig einen Gin Tonic bestellten. Aus dem ersten Drink wurde gern ein Zweiter, und danach begannen die beiden Freundinnen, mit den anwesenden Herren zu flirten. Sie lernte an einem dieser Abende Jacob kennen, er war äußerst charmant und trug einen gepflegten Bart. Er konnte rasch die Frauen für sich gewinnen, hatte Humor und übertrieb maßlos mit allem, was er in seinem Leben erreicht hatte.
Meine Mutter war fasziniert von dem charmanten Lebemann und traf ihn ein paar mal zu einem Cocktail im Café Royal. Sie freundeten sich an, und es wurde ihnen sehr schnell eine Affäre nachgesagt. Dieses Gerücht fand auch irgendwann den Weg zu meinem Vater, der zuerst das Gerücht gar nicht glauben konnte und deshalb so tat, als wäre nichts passiert. Aber Freunde fingen an, offen darüber zu tuscheln, und mein Vater sprach meine Mutter schließlich darauf an.
Von diesem Tag an war nichts mehr wie vorher, die Stimmung kippte, und Spannungen lagen ständig in der Luft. Das Vertrauen war nicht mehr da, und deswegen entwickelten sich die Gespräche zwischen ihnen zu gegenseitigen Vorwürfen und Verletzungen.
Meine Mutter war verzweifelt, sie konnte meinen Vater nicht davon überzeugen, dass zwischen ihr und Jacob nichts gelaufen ist, außer, dass sie sich ein paar mal getroffen hatten.
Mein Vater hatte während dieser Zeit sehr viele Überstunden gemacht, und dieser Zustand, an dem er nichts ändern konnte, plagte ihn durchaus, er wusste, dass das für die Beziehung nicht günstig war. Es belastete ihn zusehends, und er war deswegen genervt.
Meine Mutter litt unter seiner miesen Laune und wusste, dass sie sehr rasch etwas ändern musste und begann, die Zeitung morgens nach einem Job zu durchstöbern.
Ich sah sie oft mit ihre großen grün bemalten Kaffeetasse, die sie vermutlich bereits das dritte Mal mit ihrem Lieblingskaffee gefüllt hatte, auf der Eckbank in der Küche sitzen und mit ihrer runden, blauen Lesebrille, die jeweils etwas tiefer auf ihrer Nase heruntergerutscht war und durch den Lichteinfall vom Fenster ihrem Gesicht einen selten schönen Glanz verlieh, die Inserate studieren.
Es verging nicht viel Zeit, bis meine Mutter auf ein Inserat aufmerksam wurde, das auffällig bunt und humorvoll gestaltet worden war und einen Job in einer kleinen Bankfiliale in den schottischen Highlands in der Stadt Inverness anbot. Sie fühlte sich unmittelbar angesprochen und sagte, das musste Vorsehung sein, und auf einmal konnte sie sich vorstellen, dort oben wohnen zu können.
Meine Mutter und ich führten sehr viele Gespräche über diesen möglichen Umzug, und ich malte mir bereits die verrücktesten Szenarien aus, wie das Leben in den Highlands aussehen könnte. Ich wusste, dass sich der See Loch Ness in der Umgebung befand, und die Geschichte über das Ungeheuer Nessie faszinierte mich, weil es nicht bewiesen war, dass es wirklich existierte. Immer wieder kursierten Geschichten über das Ungeheuer, und ich finde diese Fantasie von einem Wesen, das nicht von dieser Welt ist, sehr spannend.
Ich bin gerade 17 Jahre alt geworden und liebe es, mich in die Lektüre über exotische Kulturen und Völker zu vertiefen. Und wenn ich mich mit der Geschichte über die Vergangenheit und Entstehung der Kultur eines Volkes auseinandersetze, entdecke ich wiederholt, dass Erzählungen über geheimnisvolle Phänomene und mystische Legenden fast immer dazu gehören. Diese Geheimnisse in jeder fremden Kultur faszinieren mich in zunehmendem Maße, und genau deshalb hat meine Mutter mich überreden können, den Wohnort in diese fesselnde Gegend zu verlegen.
Nicht zuletzt hat mein Vater mir vor Jahren aus unserer Familienchronik vorgelesen, und dabei erfuhr ich, dass die Familie Hansen ihre Wurzeln in Dänemark hatte. Infolgedessen ließen sich ihre Wurzeln bis zu den Wikingern zurückverfolgen, die sich auf ihren recht abenteuerlichen Reisen ebenfalls für längere Zeit in Schottland aufgehalten hatten, und jetzt sollten sich unsere Wege auf diese Weise kreuzen.
Ich bin ein blondes, meist fröhliches Mädchen mit kleinen Sommersprossen auf der Nase, die manchmal ihre Farbe verändern, wenn ich mein schüchternes Lächeln hervorzaubere. Mit diesem Lächeln habe ich schon einige Menschen in meinen Bann ziehen können – dies mag wohl mit meiner inneren Unbeschwertheit zusammenhängen. Gerne mache ich hier und da Faxen und freue mich, wenn ich andere zum Lachen bringen kann.
Trotzdem ziehe ich mich gerne öfter in mein Zimmer zurück, um in einer Parallelwelt zu versinken, und ich bin beim Lesen in meinem Lieblingssessel so tief in meinen Büchern versunken, dass meine blühende Fantasie mich in die Welt der Protagonisten hineingezogen hat.
Dieses Abenteuer habe ich bis vor einem Jahr mit meinem besten Freund Oskar geteilt, wir saßen oft nach der Schule bei mir im Zimmer und philosophierten stundenlang über Telepathie und Geistererscheinungen. Oskar hat mir von einem Erlebnis erzählt: dass er Jahre zuvor, als er ein paar Tage bei seinen Großeltern in ihrem alten Haus am Meer nördlich von London verbracht hatte, in der ersten Nacht seltsame Geräusche gehört hat. In der zweiten Nacht stand er auf und ging dem Geräusch bis in den Keller hinunter nach, bis er realisierte, dass er im Dunkeln stand und aus Angst zitterte, als dann auf einmal ein rätselhafter Schatten an ihm vorbeihuschte. Er konnte fast hören, aber vor allem fühlen, wie sein Herz galoppierte und sprang die Treppe hoch, schlug die Türe zur Seite und stand dann wieder in der Küche, wo seine Großmutter im Nachthemd ihn überrascht und fragend anschaute. Oskar erklärte ihr, was geschehen war und warum er in den Keller gegangen war, sie schmunzelte und erzählte ihm von ihrem Hausgeist, der sie seit Jahren nachts regelmäßig besuchte.
Von diesem Moment an war Oskar fasziniert von dieser Ebene der Geister und begann, sich mit dem Thema durch Fachliteratur und spannende Gespräche auseinanderzusetzen. Wir haben zusammen viel und oft gelacht, und umso trauriger war ich, als ich von seinem Wegzug nach Amerika erfuhr, es ging plötzlich ganz schnell, er schaute kurz bei mir vorbei, um sich zu verabschieden und sprang anschließend draußen ins Auto, das die ganze Familie zum Flughafen bringen sollte. Sein Vater war durch Umstrukturierung in dem Konzern, in dem er seit Jahren arbeitete, kurzfristig nach Boston versetzt worden und musste deshalb mit seiner Familie Hals über Kopf den Wohnsitz in London verlassen und nach Boston übersiedeln.
Ich war sehr traurig über diesen Verlust und vergrub mich danach gern in meinem Zimmer, um allein mit meinem Schmerz fertig zu werden. Anfangs rief ich an solchen Tagen Oskar an, aber er war mit seiner neuen Schule und dem Einleben in der neuen Umgebung so sehr beschäftigt, dass er für mich keine Zeit finden konnte. Ich schmollte vor mich hin und war von der ganzen Welt enttäuscht, es fühlte sich nicht gut an, und es schien mir, als hätte sich das Leben momentan gegen mich verschworen.
In dieser gespenstigen Atmosphäre sind die Einwohner einer kleinen Stadt in der Grafschaft Inverness-shire gespannt auf die neuen, ihnen bis dahin unbekannten Neuzuzügler. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich das Gerücht in der Gegend, dass das seit Langem leer stehende Haus auf dem Hügel neue Bewohner bekommt.
Herr Akiak
Der ältere Herr Akiak, der früher im Haus lebte und ursprünglich aus dem Norden Kanadas war, stammte aus einer kleinen traditionellen Volksgruppe, die vom Fischen und Jagen lebte, deshalb nutzte er häufig die Gelegenheit, den Dorfbewohnern Geschichten über seine Vorfahren zu erzählen. Wenn die Einwohner ihn irgendwo auf ihrem Weg begegneten, wussten sie, dass es etwas länger dauern könnte, wenn Herr Akiak aus Gewohnheit anfangen würde, über seine abenteuerliche Vergangenheit und die Geschichte seiner Familie zu berichten. Allerdings waren viele spannende Begebenheiten dabei, die von seinen Ahnen von Generation zur Generation weitererzählt wurden, und die Leute im Quartier konnten sich oft aus Neugier nicht verkneifen, bei ihm stehen zu bleiben, um den alten Geschichten zum xten Mal lauschen zu können.
Herr Akiak berichtete gern über einen Herrscher Namens Gobor, der vor Hunderten von Jahren im Norden gelebt haben soll. Den Überlieferungen nach war er ein großer Abenteurer, der seine Freiheit liebte und seine Beliebtheit bei den Frauen in vollen Zügen genoss, und deshalb wurde häufig über seine wechselnden Begleiterinnen getuschelt.
Der Grund, warum Herr Akiak sich in Schottland niedergelassen hatte, war bei ihm ebenfalls ein beliebtes Thema und ließ ihn besonders heiter werden. Seine Geschichten begannen immer in Grönland, als sein Vater beim Fischen mit seinem Kajak weit aufs Meer abgetrieben worden war. Sein Vater war hinter einem Fischschwarm her gerudert und hatte den Wetterumschwung nicht wahrgenommen, der auf einmal das Meer in einen sprudelnden Sog von immer höher werdenden Wellen verwandelte. Während er verzweifelt aus dieser misslichen Lage herauszukommen versuchte, tauchte zwischen den hohen Wellen plötzlich ein unbekanntes havariertes Schiff auf.
Sein Vater konnte auf den ersten Blick nicht erkennen, woher das Schiff stammte, sah aber, wie ein paar Seemänner mit ihren Armen hin und her winkten, um seine Aufmerksamkeit zu erwecken. Als er mit Mühe und Not in der Nähe des Schiffes angelangt war, gaben sie ihm zu verstehen, dass er zu ihnen auf das Deck kommen sollte. Nach mehreren Versuchen, seinen Vater mit einem Seil aus dem Wasser zu holen, gelang es doch noch den Seeleuten, erzählte ihm damals sein Vater, kurz bevor er am Ende seiner Kräfte in den Wellen verschwunden wäre, ihn an Bord zu ziehen. Erschöpft auf Deck angekommen, schaute sein Vater erleichtert in die Augen der sieben Matrosen und in die eines sehr ermatteten Kapitäns, die genauso wie er mehrere Stunden gegen die hohen Wellen gekämpft hatten und nun ebenfalls am Ende ihre Kräfte waren.
Der Sturm ließ bald nach, und sein Vater half den Seeleuten, das havarierte Schiffs Richtung Küste zu navigieren. Als sie die letzte Meile durch die hohen Wellen gemeinsam geschafft hatten und ans Ziel kamen, lud der Vater alle zu sich nach Hause ein, und seine Mutter ging in die Küche und kochte für alle eine warme Mahlzeit. Sie verständigten sich so gut es ging über Zeichensprache, und dabei bat der Kapitän seinen Vater um Hilfe für die Instandstellung seines Schiffes. Als das Schiff dann endlich nach vielen Hürden und Hindernissen sowie langer Suche nach passendem Holz und brauchbaren Beschlägen flott- gemacht werden konnte, bedankte sich der Kapitän bei seinem Vater, indem er ihm sein Haus, das in den Hügeln eingebettet in der schottischen Grafschaft Inverness-shire lag, vererbte.
Viele Jahre später, als sein Vater auf seinem Sterbebett lag und Herr Akiak nicht von seiner Seite wich, war der Moment gekommen, als er seinem Sohn seinen einzigen Besitz überreichen sollte. Der Vater bat seinen Sohn, das zusammengefaltete Robbenfell, das er in einem kleinen Geheimfach aufbewahrte, herzuholen. Herr Akiak übergab ihm das Bündel, und sein Vater nahm vorsichtig das kleine dunkelrote Buch heraus und bat ihn, das kostbare Buch, das sich seit Generationen im Familienbesitz befunden hatte, den Rest seines Lebens genauso sorgfältig aufzubewahren, wie er es getan hatte. Herr Akiak wusste von der Existenz des Buches und dass das kleine dunkelrote Buch wertvolle Lebensweisheiten in sich trug, weil sein Vater ihm in seiner Kindheit davon erzählt hatte.
Dann holte sein Vater ein kleines Schnipsel braunes Papier hervor, worauf Herr Akiak nur eine gekritzelte Notiz erkennen konnte, und er begann, seinem Sohn erneut von seinen Abenteuern mit den Schotten und das Erbe vom Kapitän zu erzählen.
Am nächsten Morgen starb sein Vater in seinen Armen, und Herr Akiak blieb allein zurück, seine Mutter war einige Jahre davor, nach einem Unfall mit dem Hundeschlitten, ihren schweren Verletzungen erlegen.
Nach dem Verlust seines Vaters wurde er sehr nachdenklich und kam ins Grübeln über sein Leben und wie es für ihn weiter gehen sollte. Bisher hatte er kein Glück bei der Suche nach einer Lebenspartnerin gehabt, und die Zeit war für ihn deshalb gekommen, nach Schottland aufzubrechen und das geerbte Haus in Augenschein zu nehmen. Herr Akiak machte sich mit dem Schnipsel des braunen Papiers, einem Kompass in der Tasche und dem kleinen dunkelroten Buch auf den langen Weg in einem stabilen Boot über den Atlantik. Bei der langen abenteuerlichen Reise über das Meer musste er mehrmals mit dem rauen Wetter und den hohen Wellen kämpfen. Darüber berichtete er besonders gern, weil es ihn zum Helden werden ließ.
Als Herr Akiak nach seiner langen und gefährlichen Reise über das Meer endlich in Schottland ankam und nach energischer Suche das verlassene Haus gefunden hatte, war er sehr erstaunt über die schöne Natur und den guten Zustand des Hauses und wurde überraschend schnell ansässig.
Herr Akiak lebte danach viele Jahre bis zu seinem Tod in dem Haus, das sein Vater auf abenteuerliche Weise von einem schottischen Kapitän geerbt hatte.
Laura
Ich halte inne und setze mich nachdenklich auf den obersten Treppenabsatz. Ich bin gerade dabei, alle meine Kleider, mein Schuhwerk und meine liebsten Bücher einzupacken, weil ich mit meiner Mutter in die schottische Grafschaft Inverness-shire ziehe.
Es macht mich traurig, dass meine Eltern sich nicht mehr gut verstanden haben und mein Vater deswegen aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist. Meine Gedanken schweifen auf einmal in die Zeit zurück als ich klein war und ich oft mit meinem Vater herumtollte, viel lachte und mich geborgen fühlte. Bei schönem Wetter gingen wir alle drei häufig zum Picknicken in den Park, und ich erinnere mich gerne daran zurück, wie ich mich ganz besonders darüber freute, wenn mein Vater dabei war. Ich fragte ihn manchmal den Bauch voll über das Leben, und er war immer sehr geduldig und antwortete gerne mit: „Weißt du, Laura, ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich meine Sicht auf einige Dinge im Laufe meines Lebens verändert hat.“
„Laura“, ruft meine Mutter aus der Küche. „Bist du fertig mit dem Packen?“
„Ich brauche noch einen Koffer für meine Winterkleider und Fellstiefel“, erwidere ich.
Erneut versinke ich in meinen Gedanken über die vergangenen Jahre und erinnere mich, als mein Vater vor drei Jahren befördert wurde. Es war zuerst eine große Sache, und meine Mutter sagte zu mir, er hat es endlich geschafft, und von nun an können wir uns jedes Jahr erlauben, an einem besonderen Ort zu verreisen. Zuerst war ich von der Idee begeistert, in die Ferne zu verreisen und an wunderbaren Sandstränden meine Ferien zu verbringen, durch die Städte mit ihren gut besuchten Märkten zu flanieren und exotisches Essen zu kosten. Als sich aber herausstellte, dass ich meinen Vater kaum mehr zu Gesicht bekam, wurde mir langsam klar, wie hoch der Preis war.
In dieser Zeit ging meine Mutter häufig mit ihrer Freundin Rebecca ins Café Royal, wo sich beide regelmäßig einen Gin Tonic bestellten. Aus dem ersten Drink wurde gern ein Zweiter, und danach begannen die beiden Freundinnen, mit den anwesenden Herren zu flirten. Sie lernte an einem dieser Abende Jacob kennen, er war äußerst charmant und trug einen gepflegten Bart. Er konnte rasch die Frauen für sich gewinnen, hatte Humor und übertrieb maßlos mit allem, was er in seinem Leben erreicht hatte.
Meine Mutter war fasziniert von dem charmanten Lebemann und traf ihn ein paar mal zu einem Cocktail im Café Royal. Sie freundeten sich an, und es wurde ihnen sehr schnell eine Affäre nachgesagt. Dieses Gerücht fand auch irgendwann den Weg zu meinem Vater, der zuerst das Gerücht gar nicht glauben konnte und deshalb so tat, als wäre nichts passiert. Aber Freunde fingen an, offen darüber zu tuscheln, und mein Vater sprach meine Mutter schließlich darauf an.
Von diesem Tag an war nichts mehr wie vorher, die Stimmung kippte, und Spannungen lagen ständig in der Luft. Das Vertrauen war nicht mehr da, und deswegen entwickelten sich die Gespräche zwischen ihnen zu gegenseitigen Vorwürfen und Verletzungen.
Meine Mutter war verzweifelt, sie konnte meinen Vater nicht davon überzeugen, dass zwischen ihr und Jacob nichts gelaufen ist, außer, dass sie sich ein paar mal getroffen hatten.
Mein Vater hatte während dieser Zeit sehr viele Überstunden gemacht, und dieser Zustand, an dem er nichts ändern konnte, plagte ihn durchaus, er wusste, dass das für die Beziehung nicht günstig war. Es belastete ihn zusehends, und er war deswegen genervt.
Meine Mutter litt unter seiner miesen Laune und wusste, dass sie sehr rasch etwas ändern musste und begann, die Zeitung morgens nach einem Job zu durchstöbern.
Ich sah sie oft mit ihre großen grün bemalten Kaffeetasse, die sie vermutlich bereits das dritte Mal mit ihrem Lieblingskaffee gefüllt hatte, auf der Eckbank in der Küche sitzen und mit ihrer runden, blauen Lesebrille, die jeweils etwas tiefer auf ihrer Nase heruntergerutscht war und durch den Lichteinfall vom Fenster ihrem Gesicht einen selten schönen Glanz verlieh, die Inserate studieren.
Es verging nicht viel Zeit, bis meine Mutter auf ein Inserat aufmerksam wurde, das auffällig bunt und humorvoll gestaltet worden war und einen Job in einer kleinen Bankfiliale in den schottischen Highlands in der Stadt Inverness anbot. Sie fühlte sich unmittelbar angesprochen und sagte, das musste Vorsehung sein, und auf einmal konnte sie sich vorstellen, dort oben wohnen zu können.
Meine Mutter und ich führten sehr viele Gespräche über diesen möglichen Umzug, und ich malte mir bereits die verrücktesten Szenarien aus, wie das Leben in den Highlands aussehen könnte. Ich wusste, dass sich der See Loch Ness in der Umgebung befand, und die Geschichte über das Ungeheuer Nessie faszinierte mich, weil es nicht bewiesen war, dass es wirklich existierte. Immer wieder kursierten Geschichten über das Ungeheuer, und ich finde diese Fantasie von einem Wesen, das nicht von dieser Welt ist, sehr spannend.
Ich bin gerade 17 Jahre alt geworden und liebe es, mich in die Lektüre über exotische Kulturen und Völker zu vertiefen. Und wenn ich mich mit der Geschichte über die Vergangenheit und Entstehung der Kultur eines Volkes auseinandersetze, entdecke ich wiederholt, dass Erzählungen über geheimnisvolle Phänomene und mystische Legenden fast immer dazu gehören. Diese Geheimnisse in jeder fremden Kultur faszinieren mich in zunehmendem Maße, und genau deshalb hat meine Mutter mich überreden können, den Wohnort in diese fesselnde Gegend zu verlegen.
Nicht zuletzt hat mein Vater mir vor Jahren aus unserer Familienchronik vorgelesen, und dabei erfuhr ich, dass die Familie Hansen ihre Wurzeln in Dänemark hatte. Infolgedessen ließen sich ihre Wurzeln bis zu den Wikingern zurückverfolgen, die sich auf ihren recht abenteuerlichen Reisen ebenfalls für längere Zeit in Schottland aufgehalten hatten, und jetzt sollten sich unsere Wege auf diese Weise kreuzen.
Ich bin ein blondes, meist fröhliches Mädchen mit kleinen Sommersprossen auf der Nase, die manchmal ihre Farbe verändern, wenn ich mein schüchternes Lächeln hervorzaubere. Mit diesem Lächeln habe ich schon einige Menschen in meinen Bann ziehen können – dies mag wohl mit meiner inneren Unbeschwertheit zusammenhängen. Gerne mache ich hier und da Faxen und freue mich, wenn ich andere zum Lachen bringen kann.
Trotzdem ziehe ich mich gerne öfter in mein Zimmer zurück, um in einer Parallelwelt zu versinken, und ich bin beim Lesen in meinem Lieblingssessel so tief in meinen Büchern versunken, dass meine blühende Fantasie mich in die Welt der Protagonisten hineingezogen hat.
Dieses Abenteuer habe ich bis vor einem Jahr mit meinem besten Freund Oskar geteilt, wir saßen oft nach der Schule bei mir im Zimmer und philosophierten stundenlang über Telepathie und Geistererscheinungen. Oskar hat mir von einem Erlebnis erzählt: dass er Jahre zuvor, als er ein paar Tage bei seinen Großeltern in ihrem alten Haus am Meer nördlich von London verbracht hatte, in der ersten Nacht seltsame Geräusche gehört hat. In der zweiten Nacht stand er auf und ging dem Geräusch bis in den Keller hinunter nach, bis er realisierte, dass er im Dunkeln stand und aus Angst zitterte, als dann auf einmal ein rätselhafter Schatten an ihm vorbeihuschte. Er konnte fast hören, aber vor allem fühlen, wie sein Herz galoppierte und sprang die Treppe hoch, schlug die Türe zur Seite und stand dann wieder in der Küche, wo seine Großmutter im Nachthemd ihn überrascht und fragend anschaute. Oskar erklärte ihr, was geschehen war und warum er in den Keller gegangen war, sie schmunzelte und erzählte ihm von ihrem Hausgeist, der sie seit Jahren nachts regelmäßig besuchte.
Von diesem Moment an war Oskar fasziniert von dieser Ebene der Geister und begann, sich mit dem Thema durch Fachliteratur und spannende Gespräche auseinanderzusetzen. Wir haben zusammen viel und oft gelacht, und umso trauriger war ich, als ich von seinem Wegzug nach Amerika erfuhr, es ging plötzlich ganz schnell, er schaute kurz bei mir vorbei, um sich zu verabschieden und sprang anschließend draußen ins Auto, das die ganze Familie zum Flughafen bringen sollte. Sein Vater war durch Umstrukturierung in dem Konzern, in dem er seit Jahren arbeitete, kurzfristig nach Boston versetzt worden und musste deshalb mit seiner Familie Hals über Kopf den Wohnsitz in London verlassen und nach Boston übersiedeln.
Ich war sehr traurig über diesen Verlust und vergrub mich danach gern in meinem Zimmer, um allein mit meinem Schmerz fertig zu werden. Anfangs rief ich an solchen Tagen Oskar an, aber er war mit seiner neuen Schule und dem Einleben in der neuen Umgebung so sehr beschäftigt, dass er für mich keine Zeit finden konnte. Ich schmollte vor mich hin und war von der ganzen Welt enttäuscht, es fühlte sich nicht gut an, und es schien mir, als hätte sich das Leben momentan gegen mich verschworen.

