Narrenmatt
Leuchtende Hüllen
EUR 15,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 204
ISBN: 978-3-7116-1317-2
Erscheinungsdatum: 30.03.2026
Zwischen Traum und Wirklichkeit kämpft Seren gegen Schatten, Spiegelbilder und finstere Mächte. Je tiefer sie eintaucht, desto mehr verschwimmen die Grenzen – und der Wahnsinn ist nie fern. Welche Rolle spielt ihr Blut für das Schicksal der Welt?
Kapitel 1
DIE MACHT DER TRÄUME
Weißt du, wer es ist,
der dich am Morgen verfolgt
und dir am Abend begegnet?
Erkennst du ihn,
wenn er sich neben dir streckt und
langsam seinen Arm um dich legt?
Und nimmst du wahr, dass er es ist,
der dich zuweilen lenkt?
1
Serens Traumtagebuch
Eintrag, 13. September 1991
Es ist Nacht. Ich laufe durch die schmalen Gassen von Cöos. Die aneinandergeknüpften Reihenhäuser mit ihren abgeblätterten Fassaden und grauen Backsteinmauern ragen wie Wolkenkratzer in den dunklen Himmel empor, an dem eine graue Decke mich weder Mond noch Sterne sehen lässt. Die Luft ist feucht und riecht nach Regen. Ich finde keine Anhaltspunkte. Es gibt keine Schilder, keine Hausnummern und keine Läden. Alles sieht gleich aus. Die Stadt ist leer, die Fenster sind alle dunkel.Das einzige Licht kommt von Straßenlaternen, die grelle Kegel werfen. Manche von ihnen flackern. Die einzigen Geräusche, die ich höre, sind mein Atem und meine Schritte, die auf dem nassen Kopfsteinpflaster hallen.
„Geisterstadt“, das Wort hallt eintönig durch meine Gedanken. Ich ziehe meine Kapuze tief in mein Gesicht, verschränke meine Arme vor der Brust und hülle sie dabei in meinen Mantel. Ich fühle mich beobachtet und sehe wieder und wieder über meine Schulter. Ich habe Angst. Mein Herzschlag wird mit jedem Schritt schneller. Ich gehe bestimmt und zügig voran, biege bald einmal links und einmal rechts ab. Die Gassen aber verändern sich nicht, als würde ich gezielt durch ein Labyrinth laufen, ein graues Labyrinth aus Ziegeln.
Mein Bewusstsein sagt mir, dass ich mich in einem Traum befinde. Er ist lebhaft und klar, so als ob ich wach wäre. Ich habe keinen Einfluss auf das Geschehen oder meine Handlung. Jede meiner Bewegungen, jede meiner Entscheidungen wird von jemand anderem getroffen, als wäre ich lediglich eine Puppe, eine Spielfigur, eine Marionette …
Ich biege in die nächste Gasse. Diese ist breiter und ansteigend. Mein Blick ist bergan gerichtet. Ich kann ihr Ende nicht erkennen. Die Straßenlaternen sind symmetrisch auf beiden Seiten angeordnet und flackern abwechselnd. Diesmal schreite ich nicht weiter bestimmt voran, sondern bin verunsichert und bleibe stehen.
Ich höre ein Krächzen und richte meinen Blick gen Himmel. Ein Rabe fliegt aus der Dunkelheit herab. Er setzt sich vor mir auf die Pflastersteine und mustert mich mit seinen schwarzen Knopfaugen, dabei bewegt er seinen Kopf von einer Seite zur anderen. Ich habe keine Angst vor ihm, sondern sehe fasziniert zu ihm hinab, während sich auf meinem Gesicht ein Lächeln bildet. Ich sehe auf.
Vier Menschen treten aus verschiedenen Hauseingängen. Ich höre, wie die Türen hinter ihnen ins Schloss fallen, eine nach der anderen, so als ob es direkt neben mir geschehen würde. Dort bleiben sie stehen, in gut zwanzig Meter Entfernung, sind in ihre Umhänge gehüllt und haben ihre Kapuzen weit über den Kopf gezogen. Es sind schwarze Hüllen im Lichtschein der Laternen.
Stillstand. Ich sehe sie an und dann wieder hinab. Der Rabe sieht noch immer zu mir auf. Seine Augen glänzen. Der Druck in meiner Brust nimmt zu.
Die Zeit erstarrt gänzlich. Standbild. Meine Sinne schärfen sich. Ich horche nach innen. Ich spüre, wie meine Halsschlagader pocht, höre mein Blut fließen, meinen Atem schneller werden und sehe seinen Hauch in der kalten Luft. Die Angst in mir breitet sich über meine Mitte bis zu meinen Fingerspitzen aus, wandert zu meinen Beinen, sodass meine Knie weich werden, und danach versetzt sie mir einen Schlag. Ticktack. Die Zeit läuft weiter.
Langsam. Zeitlupe. Der Rabe breitet sein Gefieder aus. Ich höre in enormer Lautstärke, wie seine Flügel gegen den Wind schlagen. Er fliegt zurück in die Dunkelheit und krächzt. Ich sehe ihm nach. Die Geräusche hallen in meinen Ohren und wiederholen sich. Herzschlag. Atem. Wind. Krächzen. Stille. Ich sehe zu den Umhängen. Sie sehen zu mir. Ein langes Pfeifen ertönt in meinen Ohren.
Startschuss. Sie kommen auf mich zu. Ich drehe mich um und renne. Sie folgen mir. Ich biege in eine schmale Seitengasse, höre ihre Schritte, biege in die Nächste ab, höre ihre Schritte, renne weiter, biege in die Nächste und in die Nächste und dann höre ich sie plötzlich nicht mehr.
Ich bleibe stehen und sehe mich um. Mein Atem geht schnell und der Druck in meiner Brust nimmt weiter zu. Ich befinde mich in einer engen Gasse und vor mir ist eine kleine blaue Tür, über der eine Lampe hängt. Mein Name ist in sie eingeritzt und ein goldener Schlüssel steckt im Schloss. Ich sehe mich ein weiteres Mal um. Keiner ist zu sehen. Alles ist still. Nur leere, feuchte Gassen. Ich sehe nach oben. Kein Licht, aber dieses Haus mit der blauen Tür ragt weiter in die Höhe als die anderen.
Ich denke nach. Etwas an meinem Traum hat sich verändert … Ich kann selbst entscheiden. Ich kann entscheiden, ob ich diese Tür öffne oder nicht. „Wo ist dein Mut?“, frage ich mich und sage mir, dass es nur ein Traum ist. Ich sage mir, „Nichts kann mir geschehen“, und drehe entschieden den goldenen Schlüssel. Dabei höre ich laut und deutlich das Klickgeräusch. Ich atme aus und drehe danach den Knauf. Die Tür öffnet sich mit einem lauten Knarren. Licht scheint durch den Spalt auf die Straße. Mit einem entschiedenen Ruck öffne ich die Tür zur Gänze, während ich gleichzeitig entschlossen unter dem niedrigen Rahmen hindurchtrete.
Die abgenutzten Holzdielen knarren unter meinen Füßen und modriger Geruch steigt mir in die Nase. Meine Knie sind weich vor Furcht. Ich nehme meine Kapuze ab. Oranges Licht leuchtet dumpf von drei mit Staub und Spinnenweben umhüllten Deckenlampen über einen langen Gang. Eine davon wackelt und quietscht. Ich sehe riesige Spinnen, welche mich in meiner Vorstellung von oben mustern und verhöhnen, weil ich Angst habe. Auf jeder Seite des Flurs befinden sich zehn Türen und am Ende ist eine weitere, durch deren Spalt Licht scheint. Rechts von mir führt eine steile Treppe nach oben. Ihr Aufgang erinnert mich an eine Falltür. Ich wende mich der Treppe zu, als plötzlich die blaue Tür laut ins Schloss knallt.
Ich zucke. Mein Blick wandert sofort zu der Tür am Ende des Gangs. In den Lichtspalt tritt ein Schatten und ich werde von dieser ungeheuren Furcht durchzogen, die meinen Körper schier zu lähmen scheint. Es ist sie … Der böse Geist, der mich in meinen Träumen verfolgt. Sie … Die Schattenfrau. Ich höre ihre Stimme hämisch, hallend und zitternd: „Mäussschen …“ Sie lacht und zieht das S in die Länge wie eine züngelnde Schlange. Dann höre ich das Klicken des Schlosses hinter mir und den Schlüssel, der draußen zu Boden fällt.
Gefangen. Ich halte es nicht aus. Meine Angst überwältigt mich. Ich wehre mich gegen den Traum. Ich will ihm entfliehen und aufwachen. Ich lenke mein Bewusstsein mit all meiner Kraft zu meinem Körper. Es ist nun zugleich in diesem Haus, aber auch in meinem Schlafzimmer. Ich fühle mein Bett. Ich spüre, wie Tränen meine Wangen hinablaufen, spüre meine Muskeln krampfen, höre mich stöhnen, während ich mit aller Anstrengung und Kraft versuche, mich aus dieser Starre zu befreien, mich zu bewegen, aufzuwachen, doch ihre Macht hält mich gefangen. Ich schaffe es für einen winzigen Moment, meine Augen zu öffnen, aber sofort holt sie mich zurück und zwingt mich in den Traum. Sie spricht erneut: „Wohin ssso ssschnell, Mäussschen?“ Ihr Lachen hallt durch den gesamten Gang. Mein Körper verkrampft sich weiter. Ich kann ihn kaum noch kontrollieren, schwanke zwischen Traum und Wachen. Dann höre ich laut und deutlich mit einer dunklen, festen Stimme ihren Befehl in meinem Kopf: „Lauf!“
Die Tür am Ende des Gangs fliegt auf, aber ehe ich etwas erkennen kann, klettere ich bereits in Panik die steile Treppe hinauf. Ich spüre, wie etwas Unsichtbares mir folgt, wie sie mir folgt, die Schattenfrau. Jede Bewegung ist unglaublich anstrengend. Mein Körper weigert sich, meine Beine sind schwer. Ich komme nur mühsam voran und dabei möchte ich rennen, aber nein, ich möchte nicht rennen, ich möchte aufwachen, aber sie lässt mich nicht. Widerwillen und Angst lähmen mich. Sie lassen mich zwischen Traum und Wirklichkeit straucheln. Keuchend komme ich oben an, aber das Haus ist kein Haus mehr. Der Traum verwandelt sich …
Es ist ein Turm. Eine breite Treppe aus dunklem Stein windet sich nach oben. In jedem Stockwerk eine Tür. Die Fenster sind mit schwarzen Eisengittern versehen. Plötzlich ist es vorbei. Sie verfolgt mich nicht länger. Der Druck in meiner Brust lässt nach und ich atme ruhiger. Ich liege am Boden und drehe mich auf den Rücken. Ich fühle Erleichterung und der Traum verwandelt sich erneut …
Ich befinde mich wieder in einem Haus, aber einem anderen. Es ist mir unbekannt, aber dennoch vertraut. Noch dazu spüre ich, dass es mein Haus ist, aber es ist nicht in meiner Stadt. Es ist nicht in Cöos. Ich richte mich auf und sehe zu beiden Seiten endlos viele Türen. Alles ist weiß. Ich bin gelassen. Mein Körper ist plötzlich leichter. Ich stehe auf und gehe ein Stück diesen Gang entlang. Dabei ist es, als würde ich mich schwerelos bewegen.
Ich öffne einige Türen. In jedem Zimmer, das ich willkürlich betrete, sind Menschen. Manche sind mir bekannt, andere nicht. Alle sehen mich an. Ich sehe in ihre Gesichter. Ich sehe Zorn. Ich sehe Verachtung. Ich sehe Furcht. Ich sehe Liebe. Ich sehe Freude. Ich sehe Bedauern … Ich bin verwirrt. Fühle mich verurteilt. Fühle mich in die Enge getrieben. Ich schließe das Zimmer und öffne eine andere Tür. Sie führt nach draußen.
Es ist weder Tag noch Nacht. Die Luft ist dünn. Der Boden besteht aus Erde und die Umgebung ist wiederum weiß. Viele Menschen versammeln sich um mich. Sie betrachten mich. Ich kenne sie nicht. Ihre Blicke sind voller Erwartung, aber nicht freudig, sondern fordernd, als würden sie schon lange auf ETWAS warten. Etwas, das nur ich ihnen geben kann. Ich ignoriere sie und sehe auf.
Dort ist ein Erdhügel, auf dem ein hoher Baum steht. Der Baum ist voller Leben. Seine Blätter saftig grün und seine Wurzeln kräftig. Darunter sind zwei gigantische Schlangen. Riesenschlangen meiner Fantasie. Eine ist rotbraun. Sie hebt ihren Kopf und sieht mich an, beachtet mich aber nicht weiter, so als hätte sie bloß eine Notiz gemacht. Die Zweite ist weiß-violett. Sie züngelt, wittert und dreht ihren Kopf. Ihre Augen blitzen auf. Sie erkennt mich und kommt auf mich zu. Ich drehe mich um und renne.
Ich renne zurück in dieses Haus, aber ich betrete es nicht dort, wo ich es verlassen habe, sondern laufe um das Haus herum zum Hintereingang. Keiner ist da. Ich renne eine verschachtelte, breite Treppe nach oben. Ich will sie auf die falsche Fährte führen und verbreite meinen Geruch in eine Richtung, nur um dann in die andere zu flüchten, aber sowie ich mich umdrehe, ist sie vor mir.
Die weiß-violette Riesenschlange bäumt sich auf. Ihr Schlangenkörper ist mindestens so breit wie meiner. Ich erkenne jede einzelne Schuppe auf ihrem mächtigen Körper. Sie glänzen. Eine weiß, eine violett. Sie reißt ihr Maul auf und ich sehe ihre gigantischen Reißzähne. Ihre Pupillen sind senkrechte Schlitze und ihre Augen blitzen grün. Ich stehe da wie versteinert, aber ich habe keine Angst.
In meinem Augenwinkel erkenne ich etwas. Hinter ihr in der Ecke steht plötzlich jemand. Ein Mann, eingehüllt in einen Kapuzenmantel. Seine Konturen sind nicht klar. Er ist verschwommen.
Ihr Kopf schnellt herab. Sie beißt zu. Sie beißt in meinen Arm und ihre Augen durchdringen mein Wesen. Ich kann meinen Blick nicht von ihr abwenden. Es ist, als würde sie mich hypnotisieren und ich stelle fest, ich mag sie. Ich mag die Riesenschlange. Ich fühle keinerlei Schmerz und spüre, wie das Gift durch meinen Körper wandert. Es fühlt sich warm und behaglich an. Es gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit.
Dann beginnt mein Körper zu schwanken und die Umgebung löst sich langsam auf. Die Kulisse bröckelt von oben nach unten ab, wie Fliesen, die von einer Wand fallen, und dahinter ist es schwarz. Ich sehe ein letztes Mal zu meinem Arm und plötzlich … ganz plötzlich verwandelt sich die Schlange in einen mir unbekannten Mann, der vor mir kniet.
2
Seren klappte ihr Tagebuch zu, lehnte sich zurück, legte ihre Beine auf den Schreibtisch und sah noch eine Weile grübelnd aus dem Fenster ihres Schlafzimmers. Es dämmerte und keine Wolke war am Himmel über Cöos zu sehen. In der gegenüberliegenden Häuserreihe knipsten die Leute nacheinander ihre Lichter an, woraufhin sie selbst ihre Schreibtischlampe ausschaltete. Sie starrte auf die scheinbar endlose Reihe aus Dächern, Fenstern und Türen, von der jede Farbe abgeblättert war, während sich ihre Brust immer enger zusammenzog und ihr Blick diesen Schleier der Abwesenheit annahm. In ihrer Vorstellung färbte sich der Himmel schwarz. Sie hörte ihre Schritte auf dem nassen Kopfsteinpflaster und flüsterte: „Geisterstadt.“
Die Erinnerung an ihren Traum lebte weiter, wiederholte sich. Herzschlag, Atem, Wind, Krächzen … Lauf! Schattenfrau … Seren schüttelte ihren Kopf. Sie wusste, es würde ein harter Tag werden. Ein endloser Kampf zwischen ihren Träumen und der Realität. An Tagen wie diesem brauchte es nur eine Sekunde. Eine Sekunde der Langeweile und ihre Gedanken schwankten zurück zu ihren Träumen. Ihre Aufmerksamkeit glich einem Goldfisch. Ein Desaster.
„Guten Morgen, Cöos. Na, was hast du mir heute an diesem wunderschönen Tag zu bieten?“, murmelte sie leise, während sie weiterhin auf die Stadt blickte.
„Ach, du weißt schon, Seren … etwas Arbeit, ein Spaziergang oder nette Plaudereien über Belangloses. Was sonst würde dein Herz begehren?“ Sofort haftete sich ihr Blick an die Überwachungskameras.
„Na, wenn du so fragst. Ich würde gerne diese Kameras in Scherben zertrümmern, darauf herumtrampeln und schreiend diese Mauern verlassen. Was hältst du davon?“
„Aber Seren, was hast du bloß für Gedanken? Du weißt, dass du für immer hinter diesen Mauern festsitzt. Alles andere würde den Regeln widersprechen. Außerdem geht es um deine Sicherheit. Sei doch vernünftig. Es wäre besser für dich, wenn du dich endlich damit abfinden würdest.“
„Na, das ist doch ein guter Rat, Cöos, danke, aber wenn ich mich damit abfinden könnte, hätte ich es bereits getan.“
„Gute Laune heute, was?“ Sie seufzte, wandte sich ab und schaute auf die in Gold gefasste Uhr mit dem Lederriemen an ihrem Handgelenk, wobei sie die Zeiger nicht nur sah, sondern auch hörte. Ticktack, ticktack, ticktack. Da läuft sie … und ich renne hinterher, aber heute bin ich früh dran, dachte sie. Es war sechs Uhr morgens. Sie hatte nicht mehr geschlafen, nachdem sie inmitten der Nacht schweißnass aus ihrem Traum erwacht war. Ihre Muskeln schmerzten von den Krämpfen. Sie war ausgelaugt, müde und nicht imstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Traumbilder wanderten wieder und wieder durch ihren Kopf, unentwegt. Ihr Geist zwang sie förmlich in diese andere Welt. Es war wie ein Sog, dem sie nicht entkommen konnte. So war es immer schon gewesen, aber als Kind war es einfacher. Damals konnte sie all ihre Zeit in ihrer Fantasie verbringen, ohne seltsam zu wirken, oder zumindest weniger seltsam. Weit weg von dieser Realität, in der es vor widersprüchlichen Gepflogenheiten, Verpflichtungen und Regeln wimmelte. So sehr sie sich auch bemühte, verbog, verkleinerte, streckte oder maskierte, es gab nichts, das ihr ferner lag als diese Wirklichkeit. Sie konnte und wollte sie nicht akzeptieren. Wenn sie ihre Gedanken und Vorstellungen aber äußerte, musterte ihre Stiefmutter sie meist erschrocken und riet ihr, diese Geschichten für sich zu behalten. „Man könnte meinen, du seist verrückt …“, hallte es durch ihre Ohren.
Wieder starrte sie auf die grauen Straßen und beobachtete, wie die ersten Tüchtigen ihre Häuser verließen. Was ist es, das ich nicht sehen kann? Was treibt euch an? Sie fühlte Verzweiflung, seufzte und dachte wiederum über ihre Träume nach.
Ihr war, als wären es Erinnerungen an eine zum Teil weit zurückliegende Vergangenheit, die sie erfahren hatte, und zugleich Vorahnungen der Zukunft. Andere Teile wiederum zeigten eine Gegenwart, die sie nicht wahrnehmen konnte, obwohl sie darin lebte. Die Zeit darin spielte eine andere Rolle. Sie war verflochten und verwoben und spannte sich wie ein riesiges Netz um sie. Die Fäden darin bildeten Rätsel, die sie lösen wollte, nein, die sie lösen musste, schließlich war sie selbst der Mittelpunkt, der Dreh- und Angelpunkt in diesen Visionen. Es war eine Geschichte, die sie nicht kannte und dennoch erzählte. Ihre Andersartigkeit hatte einen Grund. Sie musste ihn nur finden. Ihr Geist wusste das, aber ihr Bewusstsein war nicht imstande, die Fäden zu verbinden. Es gab zu viele Unbekannte. Sie wusste nur, dass die Welten sich an einem gewissen Punkt überlappten und sie genau an diesem Punkt verharrte, unfähig, sich zu bewegen, stets dazwischen, auf der Suche nach etwas.
Ihr Blick fiel auf Chango, der in seinem Körbchen auf dem grauen Polster schnarchte und manchmal leicht zappelte. Was er wohl träumt? Sie lächelte. Chango war Serens Hund. Er war noch ein Welpe gewesen, als sie ihn, kurz nachdem ihre Stiefmutter gestorben war, verlassen in einem der angelegten Gärten fand. Er war auf sie zugelaufen und, nachdem sie eine Weile mit ihm gespielt hatte, nicht mehr von ihrer Seite gewichen. Mittlerweile waren fünf Jahre vergangen und der kleine strubbelige Welpe mit dem schwarz-weißen Fell und den Schlappohren war ein Draufgänger und ihr bester Freund geworden. Es gab nichts und niemanden, der ihr mehr bedeutete.
Seren hob, entschlossen, einem weiteren Tag zu begegnen, ihre Beine vom Tisch, verstaute ihr Tagebuch in der Schreibtischschublade, machte ihr Bett, zog sich ein Paar Jeans und einen grauen Pulli an und ging einen Stock tiefer ins Bad.
Sie wohnte in einem für Cöos typischen Reihenhaus, das sie von ihrem Vater geerbt hatte. Den Vater, den sie nie kennengelernt hatte. Typisch bedeutet hoch, aber unglaublich schmal. Alles in allem hatten die meisten eine Wohnfläche von 70 m², die auf vier Stockwerke verteilt war. Die Räume an sich waren also klein.
Im Badezimmer musterte sich Seren im Spiegel und kämmte dabei ihre langen braunen Haare. Nach und nach aber fiel ihr Blick auf den Farn am Waschtisch. Seit sie ihn dorthin gestellt hatte, mochte sie das Badezimmer, weil sie die Pflanze mochte. Sie hatte nicht viel übrig gehabt für die weißen Kacheln, welche ab und an verfärbt und dann wieder von einer roten oder gelben unterbrochen wurden, aber mit dem Farn war es besser. Sie legte die Bürste beiseite, grinste die Pflanze an und streichelte sie kurz. „Du hast einen Namen verdient. Ich nenne dich Faran“, sagte sie und lachte.
Danach stützte Seren ihre Hände am Waschbecken ab und sah seufzend zurück in den Spiegel. Alles, was ich heute tue, ist seufzen. Ich sehe schrecklich aus, dachte sie, strich mit ihren Händen über ihre Wangen, drehte kurzerhand den Wasserhahn auf und vergrub ihr Gesicht im Nass, aber egal, wie oft sie diesen Vorgang wiederholte, sie sah deshalb weder wacher noch schöner aus. Das fahle Grau ihres Daseins ließ sich nicht abwaschen. Sie schaute in ihre großen blauen Augen mit den dunklen Schatten darunter und murmelte, „Was nur soll ich mit diesem Leben anfangen?“
Kaum hatte sie diese Frage gestellt, zog sich ihre Brust erneut zusammen. Da war diese Dunkelheit in ihr, die ihr, sobald sie es zuließ, jeglichen Lebenswillen nahm. Jeden Tag musste sie sich erneut dafür entscheiden, dagegen anzukämpfen. Diese Dunkelheit war wie ein langsam fortschreitendes Geschwür und je länger sie es ignorierte, umso stärker wucherte und pulsierte es in ihr. Sie sah weiter auf ihr Spiegelbild und klopfte nervös mit ihren Fingern auf das Waschbecken, so, als müsste sie sich einer grausamen Wahrheit stellen. Sie bewegte ihr Gesicht näher zum Spiegel und betrachtete ihre Augen so genau, dass sie in ihren Pupillen die Spiegelung ihres Körpers im Raum sehen konnte. Fasziniert starrte sie auf das Netz aus scharfen blauen, grauen und manchmal braunen Fasern, das ihre Iris bildete. Je näher sie an den Spiegel rückte, desto größer wurden ihre Pupillen. Sie konnte dem Vorgang ganz genau folgen. Mit der Zeit wurde es seltsam und ihre Augen schienen zu ihr zurückzublicken. Ihr Spiegelbild fühlte sich plötzlich fremdartig an. Es war, als stünde hinter dem Spiegel eine andere Frau. Als wäre es bloß ein Fenster. „Wer bist du?“, murmelte sie. Und genau in dem Moment veränderte sich die Mimik ihres Spiegelbildes unabhängig von ihrer eigenen. Ruckartig wich sie vom Spiegel zurück und schlug ihre Hände vors Gesicht, während ihr Herz wie wild klopfte. Nein, nein, nein … das ist nicht wirklich, ich habe bloß zu lange in den Spiegel gesehen, dachte sie und lachte über sich selbst. Langsam nahm sie ihre Hände vom Gesicht und schaute erneut hinein. Mit offenem Mund starrte sie auf ihr Spiegelbild, dessen Augen blau leuchteten, dessen Haut strahlte und dessen Ausdruck Macht, Anmut und Stärke vermittelte, als betrachtete sie ein Bild. Es zog sie an, sodass sie es berühren wollte. „Kriegerin“, flüsterte es. Seren ging wie in Trance darauf zu, doch als sie ihre Hand nach dem Spiegel ausstreckte, fühlte sie plötzlich Unbehagen. Sie hielt inne. Ihr Spiegelbild neigte den Kopf zur Seite und die leuchtend blauen Augen färbten sich schwarz.
…
DIE MACHT DER TRÄUME
Weißt du, wer es ist,
der dich am Morgen verfolgt
und dir am Abend begegnet?
Erkennst du ihn,
wenn er sich neben dir streckt und
langsam seinen Arm um dich legt?
Und nimmst du wahr, dass er es ist,
der dich zuweilen lenkt?
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Serens Traumtagebuch
Eintrag, 13. September 1991
Es ist Nacht. Ich laufe durch die schmalen Gassen von Cöos. Die aneinandergeknüpften Reihenhäuser mit ihren abgeblätterten Fassaden und grauen Backsteinmauern ragen wie Wolkenkratzer in den dunklen Himmel empor, an dem eine graue Decke mich weder Mond noch Sterne sehen lässt. Die Luft ist feucht und riecht nach Regen. Ich finde keine Anhaltspunkte. Es gibt keine Schilder, keine Hausnummern und keine Läden. Alles sieht gleich aus. Die Stadt ist leer, die Fenster sind alle dunkel.Das einzige Licht kommt von Straßenlaternen, die grelle Kegel werfen. Manche von ihnen flackern. Die einzigen Geräusche, die ich höre, sind mein Atem und meine Schritte, die auf dem nassen Kopfsteinpflaster hallen.
„Geisterstadt“, das Wort hallt eintönig durch meine Gedanken. Ich ziehe meine Kapuze tief in mein Gesicht, verschränke meine Arme vor der Brust und hülle sie dabei in meinen Mantel. Ich fühle mich beobachtet und sehe wieder und wieder über meine Schulter. Ich habe Angst. Mein Herzschlag wird mit jedem Schritt schneller. Ich gehe bestimmt und zügig voran, biege bald einmal links und einmal rechts ab. Die Gassen aber verändern sich nicht, als würde ich gezielt durch ein Labyrinth laufen, ein graues Labyrinth aus Ziegeln.
Mein Bewusstsein sagt mir, dass ich mich in einem Traum befinde. Er ist lebhaft und klar, so als ob ich wach wäre. Ich habe keinen Einfluss auf das Geschehen oder meine Handlung. Jede meiner Bewegungen, jede meiner Entscheidungen wird von jemand anderem getroffen, als wäre ich lediglich eine Puppe, eine Spielfigur, eine Marionette …
Ich biege in die nächste Gasse. Diese ist breiter und ansteigend. Mein Blick ist bergan gerichtet. Ich kann ihr Ende nicht erkennen. Die Straßenlaternen sind symmetrisch auf beiden Seiten angeordnet und flackern abwechselnd. Diesmal schreite ich nicht weiter bestimmt voran, sondern bin verunsichert und bleibe stehen.
Ich höre ein Krächzen und richte meinen Blick gen Himmel. Ein Rabe fliegt aus der Dunkelheit herab. Er setzt sich vor mir auf die Pflastersteine und mustert mich mit seinen schwarzen Knopfaugen, dabei bewegt er seinen Kopf von einer Seite zur anderen. Ich habe keine Angst vor ihm, sondern sehe fasziniert zu ihm hinab, während sich auf meinem Gesicht ein Lächeln bildet. Ich sehe auf.
Vier Menschen treten aus verschiedenen Hauseingängen. Ich höre, wie die Türen hinter ihnen ins Schloss fallen, eine nach der anderen, so als ob es direkt neben mir geschehen würde. Dort bleiben sie stehen, in gut zwanzig Meter Entfernung, sind in ihre Umhänge gehüllt und haben ihre Kapuzen weit über den Kopf gezogen. Es sind schwarze Hüllen im Lichtschein der Laternen.
Stillstand. Ich sehe sie an und dann wieder hinab. Der Rabe sieht noch immer zu mir auf. Seine Augen glänzen. Der Druck in meiner Brust nimmt zu.
Die Zeit erstarrt gänzlich. Standbild. Meine Sinne schärfen sich. Ich horche nach innen. Ich spüre, wie meine Halsschlagader pocht, höre mein Blut fließen, meinen Atem schneller werden und sehe seinen Hauch in der kalten Luft. Die Angst in mir breitet sich über meine Mitte bis zu meinen Fingerspitzen aus, wandert zu meinen Beinen, sodass meine Knie weich werden, und danach versetzt sie mir einen Schlag. Ticktack. Die Zeit läuft weiter.
Langsam. Zeitlupe. Der Rabe breitet sein Gefieder aus. Ich höre in enormer Lautstärke, wie seine Flügel gegen den Wind schlagen. Er fliegt zurück in die Dunkelheit und krächzt. Ich sehe ihm nach. Die Geräusche hallen in meinen Ohren und wiederholen sich. Herzschlag. Atem. Wind. Krächzen. Stille. Ich sehe zu den Umhängen. Sie sehen zu mir. Ein langes Pfeifen ertönt in meinen Ohren.
Startschuss. Sie kommen auf mich zu. Ich drehe mich um und renne. Sie folgen mir. Ich biege in eine schmale Seitengasse, höre ihre Schritte, biege in die Nächste ab, höre ihre Schritte, renne weiter, biege in die Nächste und in die Nächste und dann höre ich sie plötzlich nicht mehr.
Ich bleibe stehen und sehe mich um. Mein Atem geht schnell und der Druck in meiner Brust nimmt weiter zu. Ich befinde mich in einer engen Gasse und vor mir ist eine kleine blaue Tür, über der eine Lampe hängt. Mein Name ist in sie eingeritzt und ein goldener Schlüssel steckt im Schloss. Ich sehe mich ein weiteres Mal um. Keiner ist zu sehen. Alles ist still. Nur leere, feuchte Gassen. Ich sehe nach oben. Kein Licht, aber dieses Haus mit der blauen Tür ragt weiter in die Höhe als die anderen.
Ich denke nach. Etwas an meinem Traum hat sich verändert … Ich kann selbst entscheiden. Ich kann entscheiden, ob ich diese Tür öffne oder nicht. „Wo ist dein Mut?“, frage ich mich und sage mir, dass es nur ein Traum ist. Ich sage mir, „Nichts kann mir geschehen“, und drehe entschieden den goldenen Schlüssel. Dabei höre ich laut und deutlich das Klickgeräusch. Ich atme aus und drehe danach den Knauf. Die Tür öffnet sich mit einem lauten Knarren. Licht scheint durch den Spalt auf die Straße. Mit einem entschiedenen Ruck öffne ich die Tür zur Gänze, während ich gleichzeitig entschlossen unter dem niedrigen Rahmen hindurchtrete.
Die abgenutzten Holzdielen knarren unter meinen Füßen und modriger Geruch steigt mir in die Nase. Meine Knie sind weich vor Furcht. Ich nehme meine Kapuze ab. Oranges Licht leuchtet dumpf von drei mit Staub und Spinnenweben umhüllten Deckenlampen über einen langen Gang. Eine davon wackelt und quietscht. Ich sehe riesige Spinnen, welche mich in meiner Vorstellung von oben mustern und verhöhnen, weil ich Angst habe. Auf jeder Seite des Flurs befinden sich zehn Türen und am Ende ist eine weitere, durch deren Spalt Licht scheint. Rechts von mir führt eine steile Treppe nach oben. Ihr Aufgang erinnert mich an eine Falltür. Ich wende mich der Treppe zu, als plötzlich die blaue Tür laut ins Schloss knallt.
Ich zucke. Mein Blick wandert sofort zu der Tür am Ende des Gangs. In den Lichtspalt tritt ein Schatten und ich werde von dieser ungeheuren Furcht durchzogen, die meinen Körper schier zu lähmen scheint. Es ist sie … Der böse Geist, der mich in meinen Träumen verfolgt. Sie … Die Schattenfrau. Ich höre ihre Stimme hämisch, hallend und zitternd: „Mäussschen …“ Sie lacht und zieht das S in die Länge wie eine züngelnde Schlange. Dann höre ich das Klicken des Schlosses hinter mir und den Schlüssel, der draußen zu Boden fällt.
Gefangen. Ich halte es nicht aus. Meine Angst überwältigt mich. Ich wehre mich gegen den Traum. Ich will ihm entfliehen und aufwachen. Ich lenke mein Bewusstsein mit all meiner Kraft zu meinem Körper. Es ist nun zugleich in diesem Haus, aber auch in meinem Schlafzimmer. Ich fühle mein Bett. Ich spüre, wie Tränen meine Wangen hinablaufen, spüre meine Muskeln krampfen, höre mich stöhnen, während ich mit aller Anstrengung und Kraft versuche, mich aus dieser Starre zu befreien, mich zu bewegen, aufzuwachen, doch ihre Macht hält mich gefangen. Ich schaffe es für einen winzigen Moment, meine Augen zu öffnen, aber sofort holt sie mich zurück und zwingt mich in den Traum. Sie spricht erneut: „Wohin ssso ssschnell, Mäussschen?“ Ihr Lachen hallt durch den gesamten Gang. Mein Körper verkrampft sich weiter. Ich kann ihn kaum noch kontrollieren, schwanke zwischen Traum und Wachen. Dann höre ich laut und deutlich mit einer dunklen, festen Stimme ihren Befehl in meinem Kopf: „Lauf!“
Die Tür am Ende des Gangs fliegt auf, aber ehe ich etwas erkennen kann, klettere ich bereits in Panik die steile Treppe hinauf. Ich spüre, wie etwas Unsichtbares mir folgt, wie sie mir folgt, die Schattenfrau. Jede Bewegung ist unglaublich anstrengend. Mein Körper weigert sich, meine Beine sind schwer. Ich komme nur mühsam voran und dabei möchte ich rennen, aber nein, ich möchte nicht rennen, ich möchte aufwachen, aber sie lässt mich nicht. Widerwillen und Angst lähmen mich. Sie lassen mich zwischen Traum und Wirklichkeit straucheln. Keuchend komme ich oben an, aber das Haus ist kein Haus mehr. Der Traum verwandelt sich …
Es ist ein Turm. Eine breite Treppe aus dunklem Stein windet sich nach oben. In jedem Stockwerk eine Tür. Die Fenster sind mit schwarzen Eisengittern versehen. Plötzlich ist es vorbei. Sie verfolgt mich nicht länger. Der Druck in meiner Brust lässt nach und ich atme ruhiger. Ich liege am Boden und drehe mich auf den Rücken. Ich fühle Erleichterung und der Traum verwandelt sich erneut …
Ich befinde mich wieder in einem Haus, aber einem anderen. Es ist mir unbekannt, aber dennoch vertraut. Noch dazu spüre ich, dass es mein Haus ist, aber es ist nicht in meiner Stadt. Es ist nicht in Cöos. Ich richte mich auf und sehe zu beiden Seiten endlos viele Türen. Alles ist weiß. Ich bin gelassen. Mein Körper ist plötzlich leichter. Ich stehe auf und gehe ein Stück diesen Gang entlang. Dabei ist es, als würde ich mich schwerelos bewegen.
Ich öffne einige Türen. In jedem Zimmer, das ich willkürlich betrete, sind Menschen. Manche sind mir bekannt, andere nicht. Alle sehen mich an. Ich sehe in ihre Gesichter. Ich sehe Zorn. Ich sehe Verachtung. Ich sehe Furcht. Ich sehe Liebe. Ich sehe Freude. Ich sehe Bedauern … Ich bin verwirrt. Fühle mich verurteilt. Fühle mich in die Enge getrieben. Ich schließe das Zimmer und öffne eine andere Tür. Sie führt nach draußen.
Es ist weder Tag noch Nacht. Die Luft ist dünn. Der Boden besteht aus Erde und die Umgebung ist wiederum weiß. Viele Menschen versammeln sich um mich. Sie betrachten mich. Ich kenne sie nicht. Ihre Blicke sind voller Erwartung, aber nicht freudig, sondern fordernd, als würden sie schon lange auf ETWAS warten. Etwas, das nur ich ihnen geben kann. Ich ignoriere sie und sehe auf.
Dort ist ein Erdhügel, auf dem ein hoher Baum steht. Der Baum ist voller Leben. Seine Blätter saftig grün und seine Wurzeln kräftig. Darunter sind zwei gigantische Schlangen. Riesenschlangen meiner Fantasie. Eine ist rotbraun. Sie hebt ihren Kopf und sieht mich an, beachtet mich aber nicht weiter, so als hätte sie bloß eine Notiz gemacht. Die Zweite ist weiß-violett. Sie züngelt, wittert und dreht ihren Kopf. Ihre Augen blitzen auf. Sie erkennt mich und kommt auf mich zu. Ich drehe mich um und renne.
Ich renne zurück in dieses Haus, aber ich betrete es nicht dort, wo ich es verlassen habe, sondern laufe um das Haus herum zum Hintereingang. Keiner ist da. Ich renne eine verschachtelte, breite Treppe nach oben. Ich will sie auf die falsche Fährte führen und verbreite meinen Geruch in eine Richtung, nur um dann in die andere zu flüchten, aber sowie ich mich umdrehe, ist sie vor mir.
Die weiß-violette Riesenschlange bäumt sich auf. Ihr Schlangenkörper ist mindestens so breit wie meiner. Ich erkenne jede einzelne Schuppe auf ihrem mächtigen Körper. Sie glänzen. Eine weiß, eine violett. Sie reißt ihr Maul auf und ich sehe ihre gigantischen Reißzähne. Ihre Pupillen sind senkrechte Schlitze und ihre Augen blitzen grün. Ich stehe da wie versteinert, aber ich habe keine Angst.
In meinem Augenwinkel erkenne ich etwas. Hinter ihr in der Ecke steht plötzlich jemand. Ein Mann, eingehüllt in einen Kapuzenmantel. Seine Konturen sind nicht klar. Er ist verschwommen.
Ihr Kopf schnellt herab. Sie beißt zu. Sie beißt in meinen Arm und ihre Augen durchdringen mein Wesen. Ich kann meinen Blick nicht von ihr abwenden. Es ist, als würde sie mich hypnotisieren und ich stelle fest, ich mag sie. Ich mag die Riesenschlange. Ich fühle keinerlei Schmerz und spüre, wie das Gift durch meinen Körper wandert. Es fühlt sich warm und behaglich an. Es gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit.
Dann beginnt mein Körper zu schwanken und die Umgebung löst sich langsam auf. Die Kulisse bröckelt von oben nach unten ab, wie Fliesen, die von einer Wand fallen, und dahinter ist es schwarz. Ich sehe ein letztes Mal zu meinem Arm und plötzlich … ganz plötzlich verwandelt sich die Schlange in einen mir unbekannten Mann, der vor mir kniet.
2
Seren klappte ihr Tagebuch zu, lehnte sich zurück, legte ihre Beine auf den Schreibtisch und sah noch eine Weile grübelnd aus dem Fenster ihres Schlafzimmers. Es dämmerte und keine Wolke war am Himmel über Cöos zu sehen. In der gegenüberliegenden Häuserreihe knipsten die Leute nacheinander ihre Lichter an, woraufhin sie selbst ihre Schreibtischlampe ausschaltete. Sie starrte auf die scheinbar endlose Reihe aus Dächern, Fenstern und Türen, von der jede Farbe abgeblättert war, während sich ihre Brust immer enger zusammenzog und ihr Blick diesen Schleier der Abwesenheit annahm. In ihrer Vorstellung färbte sich der Himmel schwarz. Sie hörte ihre Schritte auf dem nassen Kopfsteinpflaster und flüsterte: „Geisterstadt.“
Die Erinnerung an ihren Traum lebte weiter, wiederholte sich. Herzschlag, Atem, Wind, Krächzen … Lauf! Schattenfrau … Seren schüttelte ihren Kopf. Sie wusste, es würde ein harter Tag werden. Ein endloser Kampf zwischen ihren Träumen und der Realität. An Tagen wie diesem brauchte es nur eine Sekunde. Eine Sekunde der Langeweile und ihre Gedanken schwankten zurück zu ihren Träumen. Ihre Aufmerksamkeit glich einem Goldfisch. Ein Desaster.
„Guten Morgen, Cöos. Na, was hast du mir heute an diesem wunderschönen Tag zu bieten?“, murmelte sie leise, während sie weiterhin auf die Stadt blickte.
„Ach, du weißt schon, Seren … etwas Arbeit, ein Spaziergang oder nette Plaudereien über Belangloses. Was sonst würde dein Herz begehren?“ Sofort haftete sich ihr Blick an die Überwachungskameras.
„Na, wenn du so fragst. Ich würde gerne diese Kameras in Scherben zertrümmern, darauf herumtrampeln und schreiend diese Mauern verlassen. Was hältst du davon?“
„Aber Seren, was hast du bloß für Gedanken? Du weißt, dass du für immer hinter diesen Mauern festsitzt. Alles andere würde den Regeln widersprechen. Außerdem geht es um deine Sicherheit. Sei doch vernünftig. Es wäre besser für dich, wenn du dich endlich damit abfinden würdest.“
„Na, das ist doch ein guter Rat, Cöos, danke, aber wenn ich mich damit abfinden könnte, hätte ich es bereits getan.“
„Gute Laune heute, was?“ Sie seufzte, wandte sich ab und schaute auf die in Gold gefasste Uhr mit dem Lederriemen an ihrem Handgelenk, wobei sie die Zeiger nicht nur sah, sondern auch hörte. Ticktack, ticktack, ticktack. Da läuft sie … und ich renne hinterher, aber heute bin ich früh dran, dachte sie. Es war sechs Uhr morgens. Sie hatte nicht mehr geschlafen, nachdem sie inmitten der Nacht schweißnass aus ihrem Traum erwacht war. Ihre Muskeln schmerzten von den Krämpfen. Sie war ausgelaugt, müde und nicht imstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Traumbilder wanderten wieder und wieder durch ihren Kopf, unentwegt. Ihr Geist zwang sie förmlich in diese andere Welt. Es war wie ein Sog, dem sie nicht entkommen konnte. So war es immer schon gewesen, aber als Kind war es einfacher. Damals konnte sie all ihre Zeit in ihrer Fantasie verbringen, ohne seltsam zu wirken, oder zumindest weniger seltsam. Weit weg von dieser Realität, in der es vor widersprüchlichen Gepflogenheiten, Verpflichtungen und Regeln wimmelte. So sehr sie sich auch bemühte, verbog, verkleinerte, streckte oder maskierte, es gab nichts, das ihr ferner lag als diese Wirklichkeit. Sie konnte und wollte sie nicht akzeptieren. Wenn sie ihre Gedanken und Vorstellungen aber äußerte, musterte ihre Stiefmutter sie meist erschrocken und riet ihr, diese Geschichten für sich zu behalten. „Man könnte meinen, du seist verrückt …“, hallte es durch ihre Ohren.
Wieder starrte sie auf die grauen Straßen und beobachtete, wie die ersten Tüchtigen ihre Häuser verließen. Was ist es, das ich nicht sehen kann? Was treibt euch an? Sie fühlte Verzweiflung, seufzte und dachte wiederum über ihre Träume nach.
Ihr war, als wären es Erinnerungen an eine zum Teil weit zurückliegende Vergangenheit, die sie erfahren hatte, und zugleich Vorahnungen der Zukunft. Andere Teile wiederum zeigten eine Gegenwart, die sie nicht wahrnehmen konnte, obwohl sie darin lebte. Die Zeit darin spielte eine andere Rolle. Sie war verflochten und verwoben und spannte sich wie ein riesiges Netz um sie. Die Fäden darin bildeten Rätsel, die sie lösen wollte, nein, die sie lösen musste, schließlich war sie selbst der Mittelpunkt, der Dreh- und Angelpunkt in diesen Visionen. Es war eine Geschichte, die sie nicht kannte und dennoch erzählte. Ihre Andersartigkeit hatte einen Grund. Sie musste ihn nur finden. Ihr Geist wusste das, aber ihr Bewusstsein war nicht imstande, die Fäden zu verbinden. Es gab zu viele Unbekannte. Sie wusste nur, dass die Welten sich an einem gewissen Punkt überlappten und sie genau an diesem Punkt verharrte, unfähig, sich zu bewegen, stets dazwischen, auf der Suche nach etwas.
Ihr Blick fiel auf Chango, der in seinem Körbchen auf dem grauen Polster schnarchte und manchmal leicht zappelte. Was er wohl träumt? Sie lächelte. Chango war Serens Hund. Er war noch ein Welpe gewesen, als sie ihn, kurz nachdem ihre Stiefmutter gestorben war, verlassen in einem der angelegten Gärten fand. Er war auf sie zugelaufen und, nachdem sie eine Weile mit ihm gespielt hatte, nicht mehr von ihrer Seite gewichen. Mittlerweile waren fünf Jahre vergangen und der kleine strubbelige Welpe mit dem schwarz-weißen Fell und den Schlappohren war ein Draufgänger und ihr bester Freund geworden. Es gab nichts und niemanden, der ihr mehr bedeutete.
Seren hob, entschlossen, einem weiteren Tag zu begegnen, ihre Beine vom Tisch, verstaute ihr Tagebuch in der Schreibtischschublade, machte ihr Bett, zog sich ein Paar Jeans und einen grauen Pulli an und ging einen Stock tiefer ins Bad.
Sie wohnte in einem für Cöos typischen Reihenhaus, das sie von ihrem Vater geerbt hatte. Den Vater, den sie nie kennengelernt hatte. Typisch bedeutet hoch, aber unglaublich schmal. Alles in allem hatten die meisten eine Wohnfläche von 70 m², die auf vier Stockwerke verteilt war. Die Räume an sich waren also klein.
Im Badezimmer musterte sich Seren im Spiegel und kämmte dabei ihre langen braunen Haare. Nach und nach aber fiel ihr Blick auf den Farn am Waschtisch. Seit sie ihn dorthin gestellt hatte, mochte sie das Badezimmer, weil sie die Pflanze mochte. Sie hatte nicht viel übrig gehabt für die weißen Kacheln, welche ab und an verfärbt und dann wieder von einer roten oder gelben unterbrochen wurden, aber mit dem Farn war es besser. Sie legte die Bürste beiseite, grinste die Pflanze an und streichelte sie kurz. „Du hast einen Namen verdient. Ich nenne dich Faran“, sagte sie und lachte.
Danach stützte Seren ihre Hände am Waschbecken ab und sah seufzend zurück in den Spiegel. Alles, was ich heute tue, ist seufzen. Ich sehe schrecklich aus, dachte sie, strich mit ihren Händen über ihre Wangen, drehte kurzerhand den Wasserhahn auf und vergrub ihr Gesicht im Nass, aber egal, wie oft sie diesen Vorgang wiederholte, sie sah deshalb weder wacher noch schöner aus. Das fahle Grau ihres Daseins ließ sich nicht abwaschen. Sie schaute in ihre großen blauen Augen mit den dunklen Schatten darunter und murmelte, „Was nur soll ich mit diesem Leben anfangen?“
Kaum hatte sie diese Frage gestellt, zog sich ihre Brust erneut zusammen. Da war diese Dunkelheit in ihr, die ihr, sobald sie es zuließ, jeglichen Lebenswillen nahm. Jeden Tag musste sie sich erneut dafür entscheiden, dagegen anzukämpfen. Diese Dunkelheit war wie ein langsam fortschreitendes Geschwür und je länger sie es ignorierte, umso stärker wucherte und pulsierte es in ihr. Sie sah weiter auf ihr Spiegelbild und klopfte nervös mit ihren Fingern auf das Waschbecken, so, als müsste sie sich einer grausamen Wahrheit stellen. Sie bewegte ihr Gesicht näher zum Spiegel und betrachtete ihre Augen so genau, dass sie in ihren Pupillen die Spiegelung ihres Körpers im Raum sehen konnte. Fasziniert starrte sie auf das Netz aus scharfen blauen, grauen und manchmal braunen Fasern, das ihre Iris bildete. Je näher sie an den Spiegel rückte, desto größer wurden ihre Pupillen. Sie konnte dem Vorgang ganz genau folgen. Mit der Zeit wurde es seltsam und ihre Augen schienen zu ihr zurückzublicken. Ihr Spiegelbild fühlte sich plötzlich fremdartig an. Es war, als stünde hinter dem Spiegel eine andere Frau. Als wäre es bloß ein Fenster. „Wer bist du?“, murmelte sie. Und genau in dem Moment veränderte sich die Mimik ihres Spiegelbildes unabhängig von ihrer eigenen. Ruckartig wich sie vom Spiegel zurück und schlug ihre Hände vors Gesicht, während ihr Herz wie wild klopfte. Nein, nein, nein … das ist nicht wirklich, ich habe bloß zu lange in den Spiegel gesehen, dachte sie und lachte über sich selbst. Langsam nahm sie ihre Hände vom Gesicht und schaute erneut hinein. Mit offenem Mund starrte sie auf ihr Spiegelbild, dessen Augen blau leuchteten, dessen Haut strahlte und dessen Ausdruck Macht, Anmut und Stärke vermittelte, als betrachtete sie ein Bild. Es zog sie an, sodass sie es berühren wollte. „Kriegerin“, flüsterte es. Seren ging wie in Trance darauf zu, doch als sie ihre Hand nach dem Spiegel ausstreckte, fühlte sie plötzlich Unbehagen. Sie hielt inne. Ihr Spiegelbild neigte den Kopf zur Seite und die leuchtend blauen Augen färbten sich schwarz.
…

