Mysteriöses Gewässer
EUR 17,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 62
ISBN: 978-3-7116-1720-0
Erscheinungsdatum: 18.06.2026
Mehrere unerwartete Ereignisse reißen Kim aus ihrem Alltag. Plötzlich steht ihr Leben auf Messers Schneide. Doch treue Freunde stehen ihr bei – und sie erkennt, dass ihr Schicksal größer ist, als sie je ahnte.
Kapitel 1
Kim ist ein brünettes, sechzehnjähriges Mädchen, das durch ihre Kreativität, Intuition, Überzeugungskraft und Hartnäckigkeit bekannt ist. Eigentlich liebte sie die Schule. Aber in letzter Zeit kommt es oft vor, dass ihr immer wieder Patzer passieren. Angefangen mit dem Vergessen der Hausaufgaben ihres Lieblingsfaches, Patronenkleckse über das ganze Arbeitsblatt, seltsame Rechtschreibfehler, die sie normalerweise niemals machen würde. Bücher, die mit Eselsohren gekennzeichnet waren, obwohl doch jeder wusste, dass sie die Ordnung in Person war. Aber der seltsamste Fehler, den sie heute beging, war: Sie rastete ohne Grund aus. Sie schnauzte einfach jeden an, der ihr über den Weg lief. Das war unproblematisch, da es für die meisten gerechtfertigt war. Schließlich wurde sie auch nicht von denen mit Samthandschuhen angefasst. Aber dass ihr das bei ihrer besten Freundin und bei ihrem heimlichen Schwarm passierte, war ungewöhnlich. Das Schlusslicht allerdings bildete ihr Referat, für das sie fast eine Woche Zeit investiert hatte, das sie im Schlaf aufsagen konnte, so oft hatte sie es geübt. Aber nein, auch hier versagte sie kläglich. Vorgabe waren lediglich fünf Minuten freies Reden über die historische Geschichte der Stadt, in der sie wohnt. Das sollte für Kim eine Kleinigkeit sein, sollte man meinen. Aber sie fing vor ihrer Klasse an zu schwitzen und zu stottern, hatte Texthänger, zitterte am ganzen Körper, vergaß ganze Textabsätze und hatte am Ende noch über zweieinhalb Minuten Zeit übrig. Das wirkte sich nicht gerade positiv auf ihre Note aus. Vor lauter Wut und Enttäuschung über sich selbst verließ sie die Klasse beim ersten Schlag der Schulglocke und rannte raus. Nichts und niemanden wollte sie jetzt sehen. Sie hoffte, wenn sie in den Wald rannte, könnte sie vielleicht wieder zur Ruhe kommen. Blind und taub für ihre Umwelt lief sie los. Sie bemerkte noch nicht einmal, dass es angefangen hatte zu regnen und dass ihre Kleidung langsam durchnässt wurde. Erst als ihr ein Ast ins Gesicht schlug, fing sie an, wieder etwas wahrzunehmen. Langsam begriff sie, dass etwas nicht stimmte, und sie hörte ein Wispern und wusste nicht so recht, wie ihr geschah. Ihr Körper fing an zu beben. Eine Stimme, die aus dem Nirgendwo kam, sprach anscheinend zu ihr, und als sie innehielt, konnte sie sogar die Wörter verstehen: „Schau in eine Wasserstelle.“ Sie sah sich um, aber hier war weder ein See noch ein Tümpel. Das Einzige, was sie erblickte, war eine kleine Wasserpfütze. Vorsichtig näherte sie sich ihr. Wie unter Hypnose trat Kim an die Wasserpfütze und sah darin eine wunderschöne, dunkelhaarige Frau mit riesengroßen, blauen Mandelaugen. Sie sah sehr nett aus, und dennoch konnte Kim nicht konzentriert zuhören, was diese sagte. Als dann auch noch Rauch aus der Wasserpfütze aufstieg, gingen bei Kim alle Alarmglocken los. Sie hatte wahnsinnige Angst. Aus diesem Grund drehte sie sich um, nahm ihre Beine in die Hand und lief so schnell weg, wie sie konnte. Ohne anzuhalten, machte sie sich auf den Weg nach Hause. „Glaubst du, dass ich zu voreilig gehandelt habe?“ „Na ja, auf jeden Fall bist du kein Wesen, das außerordentliche Geduld mit sich bringt.“ Mit diesen Worten zog sich der Rauch wieder in die Pfütze zurück. Und wenn man genau hinhörte, konnte man die beiden noch weiter diskutieren hören, als der Rauch die Oberfläche der Pfütze mit eingezogen hatte.
Schlotternd schloss Kim die Haustür auf und rannte in ihr Zimmer. Sie befreite sich aus den nassen Sachen, duschte heiß und schlüpfte in ihr Bett. Sie war so froh, dass weder ihre Mutter noch ihr Vater zu Hause waren, denn das hätte ihr gerade noch gefehlt, von den beiden auch noch konfrontiert zu werden. Ihre Gedanken kreisten in ihrem Kopf. Langsam beruhigte sie sich und schlief ein. „Der schwarze Rauch, der eben aus der Pfütze quoll – erinnert ihr euch? Das waren Body und Coralin. Eine schwarzhaarige, 540-jährige Frau mit riesengroßen, blauen Augen und einem makellosen Gesicht und ihr Freund. „Wie hätte ich Kim denn sonst auf mich aufmerksam machen sollen?“ „Na ja, auf jeden Fall nicht so, wie du es getan hast“, sagte Body. „Ach was, du Schlaumeier, du weißt doch genauso gut wie ich, dass uns die Zeit davonläuft.“ „Das weiß ich schon. Aber vielleicht kannst du dich erinnern, dass ich derjenige war, der dich an den Stichtag erinnert hat! Und das schon vor Wochen! Aber wer war denn so beschäftigt in letzter Zeit mit seinem Aussehen und der Imagekampagne?“ „War ja klar, dass du wieder davon anfängst.“ „Natürlich fang ich davon an. All die Jahrhunderte war es dir auch egal, was die anderen von dir halten, warum legst du jetzt auf einmal so viel Wert darauf?“ „Aber das liegt doch auf der Hand. Bevor Kim diese wichtige Aufgabe übernimmt, soll sie einen guten Eindruck von mir haben.“ „Ach, und du glaubst wirklich, dass dein Aussehen ihr das Leben leichter macht? Vielleicht solltest du an deiner Taktik arbeiten. Nur weil du jetzt ein klein bisschen reifer geworden bist, bist du so naiv und weltfremd geworden.“ „Lass mich nur machen.“ „Jeder Anfang ist schwer. Sie muss sich selbst den Mut und Respekt erarbeiten, den sie für diese Aufgabe braucht.“ „Genug geschwafelt jetzt“, sagte Coralin. „Ich muss mir einfach einen sanfteren Weg ausdenken, wie ich sie ansprechen kann.“ Als die Eltern von Kim nach Hause kamen, wunderten sie sich schon, dass ihre Tochter Kim bereits ins Bett gegangen war, denn so spät war es noch nicht, gerade mal 19:30 Uhr. Dennoch ließen sie sie schlafen. Kim hatte wirre Träume. Immer wieder hörte sie diese Frauenstimme aus dem Wald zu ihr reden.
Kapitel 2
Verschwitzt und verwirrt wachte sie in der Nacht auf.
Schlaftrunken wackelte sie ins Bad. Als sie sich erleichtert hatte, schaute sie in den Spiegel und wich vor lauter Schreck einen Schritt zurück. Sie sah sich zwar, aber sie wirkte alles andere als taufrisch. Sie hatte dunkle Augenringe, blasse Haut und zitterte schon wieder am ganzen Körper. Mit zitternden Händen klatschte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht, trocknete dieses dann mit dem Handtuch ab und verließ eilends das Bad. In ihrem Zimmer angekommen, machte sie sich ihre Lieblings-CD von Sunrise Avenue an und legte sich wieder in ihr Bett. Als der Wecker klingelte, stellte Kim fest, dass sie doch noch einmal eingeschlafen war und sogar etwas Schönes geträumt hatte. Schließlich lief sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht umher. Eilig zog sie sich in ihrem Zimmer an, leise vor sich hin pfeifend, rannte sie die Treppen hinunter, um festzustellen, dass sie einen Bärenhunger hatte.
Kein Wunder, wenn man bedachte, dass sie gestern Abend ohne Abendbrot ins Bett gegangen war. Vier Nutella-Toast später eilte sie aus der Küche und machte sich auf den Weg zur Schule. Um 7:15 betrat sie diese. Sie war früh dran, selbst für ihre Verhältnisse. Das war aber gut. Denn sie stellte fest, dass ihre Pechsträhne von gestern keineswegs abgerissen war, denn auch heute hatte sie die Hausaufgaben vergessen. War kein Wunder, nach den Ereignissen des gestrigen Tages. Gott sei Dank war ihre beste Freundin Anna schon da. Anna ist 1,68 Meter groß, hat schwarzes, langes Haar und hellbraune Augen, eine sehr sportliche Figur und trägt gerne auffälligen Schmuck. Von ihr konnte sie Mathe abschreiben. Eifrig machte sie sich ans Werk. Erstaunt stellte Kim fest, dass sie fast eine Dreiviertelstunde dafür benötigte, die Aufgabe abzuschreiben. Mit dem Gongschlag legte sie das Heft neben ihren Sitz, und Herr König, ihr Biologielehrer, betrat den Raum. Von Anna bekam sie einen Zettel zugeschoben. Auf dem stand: „Was war denn gestern mit dir los?“ Diese ehrliche Sorge von ihrer Freundin überraschte Kim nicht. Dennoch wollte sie über gestern noch nicht sprechen. Nicht, dass jemand meint, sie sei verrückt. Mit einem Kopfschütteln teilte sie dies ihrer Freundin mit. Anna schaute frustriert, während Herr König gerade einen ewig langen Vortrag hielt. Was Herr König vorne zum Besten gab, konnte Anna nicht mitverfolgen. Ihrer Freundin Kim ging es nicht recht viel besser, und das merkte sie. Als es endlich zur Pause läutete, lief Kim aufs WC. Beinahe wäre sie ausgerutscht irgendein Mädchen, so dachte sie, hatte eine Riesenpfütze am Boden hinterlassen. Gebannt sah sie auf den Wasserfleck, der eine unnatürliche Farbe besaß. Als die Wasseroberfläche zu kräuseln begann, wurde ihr ganz schummrig zumute.
Was war denn nun schon wieder los? Aber sie konnte nicht anders, sie musste einfach weiter darauf schauen so, als ob ein innerer Zwang sich ihrer bemächtigte. Die Wasseroberfläche änderte nun ihre Farbe in Rosarot, und langsam kristallisierte sich ein Gesicht. Kim hatte ein seltsames Gefühl so eine Art Déjà-vu. Aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, diese Frau zu kennen, obwohl das unmöglich war. Gespannt hörte sie der Frau zu, als sie den ersten Satz formulierte: „Hallo Kim, dein 17. Geburtstag steht bald vor der Tür. Es ist unglaublich wichtig, dass du mir jetzt zuhörst.“ Doch Kim hatte ein ungutes Gefühl. Sie wollte dieser Frau nicht länger zuhören. Langsam drehte sie sich um und wollte gerade zur Tür stürmen, als aus der Wasseroberfläche eine Hand erschien und sie an der Flucht hindern wollte. „Nicht so!“ Niemand konnte Kim jetzt noch aufhalten. Mit einem Schrei, der der Frau in der Pfütze die Ohren klingeln ließ, verließ Kim den WC-Raum und rannte ihren Traumboy über den Haufen. „Hey, was ist denn mit dir los? Hast du keine Augen im Kopf?“ „Ach, halt doch mal deine verdammte Klappe!“ „Wo kommt das denn nun schon wieder her? Das bin doch nicht ich!“, dachte sich Kim beim Weglaufen. Aber im Moment konnte sie sich mit dieser Frage nicht beschäftigen. Sie war außer sich. An Schule war auch gerade nicht zu denken. Und doch sollte sie sich noch drei Stunden quälen. Das ist jetzt ein No-Go. Sie schnappte sich ihren Rucksack und ihr Handy und verließ einfach das Schulgebäude. Auf dem Heimweg schrieb sie ihrer besten Freundin eine Nachricht aufs Handy. Sie sollte sich irgendetwas überlegen, damit sie keinen Ärger von den Lehrern bekam, wenn sie morgen pünktlich wieder ihren Dienst antrat. In der Nähe vom Park gab es eine alte Buche, dort fühlte sich Kim immer wohl und geborgen. Das war ihr Stammplatz seit vielen Jahren, den wollte sie aufsuchen.
Kapitel 3
Währenddessen in der Mädchentoilette: „Du versagst auf der ganzen Linie! Wenn du weiter so machst, verschreckst du sie noch ganz, und wir haben keinen Zugriff mehr auf sie“, sagte Body zu Coralin. „Halt die Klappe und entspann dich, ich weiß, was ich tu.“ „Da hast du recht. Man sieht, wie du alles unter Kontrolle hast.“ Mit diesen Worten zog sich die Pfütze zurück, und der Boden war wieder trocken. Außer Atem kam Kim an ihrem Lieblingsort an. Seufzend ließ sie sich am Baum auf dem Boden nieder. „Was war das nur für ein Gerede? Und was sollte das mit ihrem Geburtstag zu tun haben oder mit ihr selbst? Was wollte diese Frau?“ Schnell kam ihr der Gedanke, dass sie dieser Frau zuhören musste, um diese Frage beantworten zu können. Aber sie hatte solche Angst davor. Was würde passieren?
Gedankenverloren sah sie den Passanten zu, die im Park spazieren gingen und ihre Kinder und Hunde herumtollen ließen. Alle hatten sie ihren Spaß, nur sie saß herum wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Seufzend rappelte sie sich wieder auf. Schade, dass ihr Plan nicht funktioniert hatte. Sie hatte hier keine Ruhe gefunden. Sie eilte zu ihrem Elternhaus zurück.
Kaum war sie in ihrem Zimmer angekommen, klingelte auch schon ihr Handy. Ihre Freundin Anna war am Telefon. „Was ist denn eigentlich los mit dir?“ „Das ist eine lange Geschichte, erzähle ich dir später.“ „Stell dir vor, wir machen morgen einen Ausflug mit Übernachtung.“
„Wo soll’s denn hingehen?“, fragte Kim. „An den Tegernsee, und am nächsten Morgen Eiskaffee und ein Museumsbesuch. Ich bring dir gleich eine Einverständniserklärung mit. Die muss von deinen Eltern unterschrieben werden. Und hundert Euro solltest du mitnehmen, dazu ein bisschen Taschengeld.“ Wow, das war mal eine Ansage. Kim sagte zu Anna: „Sonst sind unsere Lehrer doch nie so spontan.“ „Ich weiß nicht, was in ihnen gerade vorgeht, aber ich finde es klasse. Endlich mal was Neues erleben“, sagte Anna. „Okay, ich mach jetzt mal Schluss und fang an, meine Sachen zu packen“, sagte Kim. Nun hatte sie wenigstens eine Beschäftigung und musste dieses leidige Thema in ihrem Kopf nicht weiter fortsetzen. Der Rucksack reichte gerade aus, um alle Sachen zu verstauen, die sie benötigte. Kaum war sie fertig, hörte sie, wie ihre Mutter nach Hause kam. Schnell rannte Kim die Treppen hinunter in die Küche zu ihrer Mutter. „Mama, wir haben morgen einen Ausflug an den Tegernsee mit Übernachtung. Anna bringt mir die Einverständniserklärung vorbei, die ich liegen gelassen hab. Ich darf doch daran teilnehmen, oder?“ „Selbstverständlich, meine Liebe.“ „Oh, danke, Mama.“ Währenddessen bei Coralin und ihrem Freund Body: „Das war wirklich eine gute Idee mit dem Ausflug an den Tegernsee“, sagte Coralin. „Und auch, wie du diese Idee sehr schön in die Köpfe der Lehrer eingepflanzt hast.“ „Ich weiß. Und ich habe auch schon einen Plan, dass sie uns dieses Mal nicht verschwinden kann.“ „Vielleicht war ich vorhin ein bisschen grob zu dir. Das tut mir leid, ich stehe zurzeit sehr unter Druck.“ „Ich weiß“, sagte Boddy. „Na gut, dann sag mir mal deinen Plan für morgen.“
Kapitel 4
Währenddessen bei Kim zu Hause. Es klingelte an der Tür, und Anna stand davor. Kim öffnete und nahm ihrer Freundin den Zettel aus der Hand, den sie dann ihrer Mutter reichte. Schnell unterschrieb ihre Mutter den Zettel und gab Kim das Geld. Beide Mädchen verschwanden in das Zimmer. Stunden später verließ Anna wieder das Haus und ging nach Hause. Kim hatte endlich wieder bessere Laune. Zufrieden ging sie ins Esszimmer, wo Papa und Mama schon mit dem Abendessen auf sie warteten. Freudestrahlend machte sich Kim am nächsten Morgen auf zur Schule. Alle trafen sich dort, um dann gemeinsam den Weg zum Tegernsee anzutreten. Die Fahrt verlief reibungslos, und als die Lehrer bekannt gaben, dass die Schüler unmittelbar nach ihrer Ankunft direkt ins Wasser springen durften, war die Stimmung euphorisch. Im Hotel zogen sich alle ihre Badesachen an, und dann ging es schon zum kalten Nass. Kim fiel auf, dass Stefan sich die ganze Zeit in ihrer Nähe herumdrückte, und sie beobachtete ihn interessiert. Nachdem er vom Steg einen Kopfsprung ins Wasser gemacht hatte, kehrte er nicht mehr an die Oberfläche zurück. Kim sah sich um, aber anscheinend hatte das keiner mitbekommen. Irgendwie hatte sie ein seltsames Gefühl, sie musste ihm hinterher und schauen, was passiert war. Es blieb keine Zeit mehr, andere darauf aufmerksam zu machen. Er war schon viel zu lange unter Wasser. Schließlich besaß sie ein Rettungsschwimmer-Abzeichen. Sie stürzte sich ins kalte Wasser und ihrem Liebsten hinterher, um ihn zu retten. Ein Sog erfasste sie, und sie sah Stefan, der sich auf dem Weg nach unten auf dem Grund befand. Aber sie konnte nicht zu ihm schwimmen, der Sog zog sie auch immer tiefer. Verzweifelt versuchte sie, sich freizukämpfen. Plötzlich hörte sie eine Stimme, die zu ihr sprach: „Entspann dich, komm, es wird ihm nichts passieren, ich verspreche es.“ Sie machte den Mund auf und wunderte sich noch, dass dieser nicht mit Wasser gefüllt wurde. Sie konnte einfach reden und atmen. Sie rief laut: „Was passiert hier eigentlich?“ Verwirrt sah sie sich um. Wer sprach da mit ihr? „Ich heiße Coralin, bin eine Meerjungfrau, und ich möchte dir gerne etwas über deine Bestimmung sagen und deine Transformation, die in wenigen Tagen abgeschlossen sein wird. Aber wenn du nichts davon weißt, kannst du diese Aufgabe nicht übernehmen, und es werden schlimme Sachen passieren.“ In Kims Kopf drehte sich alles. Diese Situation überforderte sie und auch das, was die Frau sagte. Dennoch blieb ein Gedanke in ihrem Kopf haften; er drängte sich auf: „Wofür braucht die Frau Stefan?“ Die Sorge um ihn nahm Überhand. Nach kurzem Überlegen konnte sie ihre Sorge in Worte fassen: „Was willst du mit Stefan, und wo hast du ihn hingebracht?“ „Nimm meine Hand, und ich zeige es dir.“ Zögerlich ergriff Kim die zierliche Hand der Frau. Sie schwammen in ein wunderschönes Schloss. Augenblicke später waren sie in einem prächtigen Raum. Staunend sah sie sich um. Überall glänzte, blitzte und funkelte es. Der Raum war voller Gold, Silber und schönem Glas. Diese geschmackvolle Einrichtung war faszinierend und atemberaubend. Kim kam sich wie im Märchen vor. Staunend betrachtete sie die Einrichtung. Langsam ging sie durch den Raum, dann ließ sie sich auf ein Sofa fallen, das darin stand. Viele Fragen gingen ihr durch den Kopf. Dann fragte sie die Meerjungfrau: Warum kann ich hier atmen? Warum kann ich hier gehen? Und seit wann gibt es Meerjungfrauen? Träume ich oder bin ich ertrunken und tot? Kim fiel nun wieder ein, warum sie eigentlich ins Wasser gesprungen ist. Böse funkelte sie mit ihrem Blick die Frau an. „Was hast du mit Stefan gemacht, und wo ist er? Du wolltest mir doch zeigen, dass es ihm gut geht!“ „Ja, da hast du recht.“ Sie griff nach einer Glocke und läutete diese. Sogleich kam Body herein. „Was kann ich für dich tun?“ „Bring doch bitte Stefan hierher, damit sich Kim mit eigenen Augen überzeugen kann, dass es ihm gut geht.“ Eine Minute später kam ein strahlender Stefan zur Tür hereinspaziert. „Kim, ich weiß ja nicht, was du angestellt hast und wie abgefahren gerade diese Situation ist – „Ach übrigens“, er wandte sich zu Body, „irgendwann müssen Sie mir mal erzählen, wie Sie das mit den Spezialeffekten gemacht haben. Anfangs habe ich gedacht, ich bin in ein Filmset gesprungen, aber das war mir zu unrealistisch. Ich habe keinen Plan, was hier abgeht. Wie auch immer, das müssen Sie mir unbedingt noch mal erklären.“ Nun drehte er sich wieder zu Kim. „Egal, in welchem Dilemma du gerade steckst, diese Umgebung ist fantastisch. Auch wenn ich nicht weiß, wie das hier alles funktioniert: Ich stelle mir lediglich etwas vor, und es erscheint vor meinen Augen. Ich find’s echt klasse!“ Wenigstens musste sich Kim um ihn keine Sorgen mehr machen, denn offensichtlich ging es ihm ja prächtig. Aber sie wollte dennoch wissen, was er sich da wohl vorgestellt hatte. Kim fragte Stefan: „Sag mir doch, was du dir gewünscht hast.“ „Erst mal nur Kleinigkeiten, wie zum Beispiel eine Xbox – und schwuppdiwupp stand sie auf dem Tisch. Und danach habe ich mir gleich mein Lieblingsessen gewünscht.“ „Ist das dein Ernst? Du denkst bei Gefahr an eine Xbox und Essen? Vielleicht hatten die alten Römer doch recht mit ihrer Behauptung: Gib dem Volk Brot und Spiele, dann sind sie glücklich, und man hat sie unter Kontrolle.“ „Ich weiß gar nicht, warum ich mir eigentlich Sorgen um dich gemacht habe. Das bestätigt nur meine Meinung: Männer sind die unnützeste Erfindung der Welt.“ „Ich habe dir doch bereits gesagt, dass ich dringend mit dir sprechen möchte. Deshalb habe ich diesen Weg gewählt, damit wir endlich ungestört reden können, ohne dass du immer wieder vor mir davonläufst“, sagte Coralin.
Kim ist ein brünettes, sechzehnjähriges Mädchen, das durch ihre Kreativität, Intuition, Überzeugungskraft und Hartnäckigkeit bekannt ist. Eigentlich liebte sie die Schule. Aber in letzter Zeit kommt es oft vor, dass ihr immer wieder Patzer passieren. Angefangen mit dem Vergessen der Hausaufgaben ihres Lieblingsfaches, Patronenkleckse über das ganze Arbeitsblatt, seltsame Rechtschreibfehler, die sie normalerweise niemals machen würde. Bücher, die mit Eselsohren gekennzeichnet waren, obwohl doch jeder wusste, dass sie die Ordnung in Person war. Aber der seltsamste Fehler, den sie heute beging, war: Sie rastete ohne Grund aus. Sie schnauzte einfach jeden an, der ihr über den Weg lief. Das war unproblematisch, da es für die meisten gerechtfertigt war. Schließlich wurde sie auch nicht von denen mit Samthandschuhen angefasst. Aber dass ihr das bei ihrer besten Freundin und bei ihrem heimlichen Schwarm passierte, war ungewöhnlich. Das Schlusslicht allerdings bildete ihr Referat, für das sie fast eine Woche Zeit investiert hatte, das sie im Schlaf aufsagen konnte, so oft hatte sie es geübt. Aber nein, auch hier versagte sie kläglich. Vorgabe waren lediglich fünf Minuten freies Reden über die historische Geschichte der Stadt, in der sie wohnt. Das sollte für Kim eine Kleinigkeit sein, sollte man meinen. Aber sie fing vor ihrer Klasse an zu schwitzen und zu stottern, hatte Texthänger, zitterte am ganzen Körper, vergaß ganze Textabsätze und hatte am Ende noch über zweieinhalb Minuten Zeit übrig. Das wirkte sich nicht gerade positiv auf ihre Note aus. Vor lauter Wut und Enttäuschung über sich selbst verließ sie die Klasse beim ersten Schlag der Schulglocke und rannte raus. Nichts und niemanden wollte sie jetzt sehen. Sie hoffte, wenn sie in den Wald rannte, könnte sie vielleicht wieder zur Ruhe kommen. Blind und taub für ihre Umwelt lief sie los. Sie bemerkte noch nicht einmal, dass es angefangen hatte zu regnen und dass ihre Kleidung langsam durchnässt wurde. Erst als ihr ein Ast ins Gesicht schlug, fing sie an, wieder etwas wahrzunehmen. Langsam begriff sie, dass etwas nicht stimmte, und sie hörte ein Wispern und wusste nicht so recht, wie ihr geschah. Ihr Körper fing an zu beben. Eine Stimme, die aus dem Nirgendwo kam, sprach anscheinend zu ihr, und als sie innehielt, konnte sie sogar die Wörter verstehen: „Schau in eine Wasserstelle.“ Sie sah sich um, aber hier war weder ein See noch ein Tümpel. Das Einzige, was sie erblickte, war eine kleine Wasserpfütze. Vorsichtig näherte sie sich ihr. Wie unter Hypnose trat Kim an die Wasserpfütze und sah darin eine wunderschöne, dunkelhaarige Frau mit riesengroßen, blauen Mandelaugen. Sie sah sehr nett aus, und dennoch konnte Kim nicht konzentriert zuhören, was diese sagte. Als dann auch noch Rauch aus der Wasserpfütze aufstieg, gingen bei Kim alle Alarmglocken los. Sie hatte wahnsinnige Angst. Aus diesem Grund drehte sie sich um, nahm ihre Beine in die Hand und lief so schnell weg, wie sie konnte. Ohne anzuhalten, machte sie sich auf den Weg nach Hause. „Glaubst du, dass ich zu voreilig gehandelt habe?“ „Na ja, auf jeden Fall bist du kein Wesen, das außerordentliche Geduld mit sich bringt.“ Mit diesen Worten zog sich der Rauch wieder in die Pfütze zurück. Und wenn man genau hinhörte, konnte man die beiden noch weiter diskutieren hören, als der Rauch die Oberfläche der Pfütze mit eingezogen hatte.
Schlotternd schloss Kim die Haustür auf und rannte in ihr Zimmer. Sie befreite sich aus den nassen Sachen, duschte heiß und schlüpfte in ihr Bett. Sie war so froh, dass weder ihre Mutter noch ihr Vater zu Hause waren, denn das hätte ihr gerade noch gefehlt, von den beiden auch noch konfrontiert zu werden. Ihre Gedanken kreisten in ihrem Kopf. Langsam beruhigte sie sich und schlief ein. „Der schwarze Rauch, der eben aus der Pfütze quoll – erinnert ihr euch? Das waren Body und Coralin. Eine schwarzhaarige, 540-jährige Frau mit riesengroßen, blauen Augen und einem makellosen Gesicht und ihr Freund. „Wie hätte ich Kim denn sonst auf mich aufmerksam machen sollen?“ „Na ja, auf jeden Fall nicht so, wie du es getan hast“, sagte Body. „Ach was, du Schlaumeier, du weißt doch genauso gut wie ich, dass uns die Zeit davonläuft.“ „Das weiß ich schon. Aber vielleicht kannst du dich erinnern, dass ich derjenige war, der dich an den Stichtag erinnert hat! Und das schon vor Wochen! Aber wer war denn so beschäftigt in letzter Zeit mit seinem Aussehen und der Imagekampagne?“ „War ja klar, dass du wieder davon anfängst.“ „Natürlich fang ich davon an. All die Jahrhunderte war es dir auch egal, was die anderen von dir halten, warum legst du jetzt auf einmal so viel Wert darauf?“ „Aber das liegt doch auf der Hand. Bevor Kim diese wichtige Aufgabe übernimmt, soll sie einen guten Eindruck von mir haben.“ „Ach, und du glaubst wirklich, dass dein Aussehen ihr das Leben leichter macht? Vielleicht solltest du an deiner Taktik arbeiten. Nur weil du jetzt ein klein bisschen reifer geworden bist, bist du so naiv und weltfremd geworden.“ „Lass mich nur machen.“ „Jeder Anfang ist schwer. Sie muss sich selbst den Mut und Respekt erarbeiten, den sie für diese Aufgabe braucht.“ „Genug geschwafelt jetzt“, sagte Coralin. „Ich muss mir einfach einen sanfteren Weg ausdenken, wie ich sie ansprechen kann.“ Als die Eltern von Kim nach Hause kamen, wunderten sie sich schon, dass ihre Tochter Kim bereits ins Bett gegangen war, denn so spät war es noch nicht, gerade mal 19:30 Uhr. Dennoch ließen sie sie schlafen. Kim hatte wirre Träume. Immer wieder hörte sie diese Frauenstimme aus dem Wald zu ihr reden.
Kapitel 2
Verschwitzt und verwirrt wachte sie in der Nacht auf.
Schlaftrunken wackelte sie ins Bad. Als sie sich erleichtert hatte, schaute sie in den Spiegel und wich vor lauter Schreck einen Schritt zurück. Sie sah sich zwar, aber sie wirkte alles andere als taufrisch. Sie hatte dunkle Augenringe, blasse Haut und zitterte schon wieder am ganzen Körper. Mit zitternden Händen klatschte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht, trocknete dieses dann mit dem Handtuch ab und verließ eilends das Bad. In ihrem Zimmer angekommen, machte sie sich ihre Lieblings-CD von Sunrise Avenue an und legte sich wieder in ihr Bett. Als der Wecker klingelte, stellte Kim fest, dass sie doch noch einmal eingeschlafen war und sogar etwas Schönes geträumt hatte. Schließlich lief sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht umher. Eilig zog sie sich in ihrem Zimmer an, leise vor sich hin pfeifend, rannte sie die Treppen hinunter, um festzustellen, dass sie einen Bärenhunger hatte.
Kein Wunder, wenn man bedachte, dass sie gestern Abend ohne Abendbrot ins Bett gegangen war. Vier Nutella-Toast später eilte sie aus der Küche und machte sich auf den Weg zur Schule. Um 7:15 betrat sie diese. Sie war früh dran, selbst für ihre Verhältnisse. Das war aber gut. Denn sie stellte fest, dass ihre Pechsträhne von gestern keineswegs abgerissen war, denn auch heute hatte sie die Hausaufgaben vergessen. War kein Wunder, nach den Ereignissen des gestrigen Tages. Gott sei Dank war ihre beste Freundin Anna schon da. Anna ist 1,68 Meter groß, hat schwarzes, langes Haar und hellbraune Augen, eine sehr sportliche Figur und trägt gerne auffälligen Schmuck. Von ihr konnte sie Mathe abschreiben. Eifrig machte sie sich ans Werk. Erstaunt stellte Kim fest, dass sie fast eine Dreiviertelstunde dafür benötigte, die Aufgabe abzuschreiben. Mit dem Gongschlag legte sie das Heft neben ihren Sitz, und Herr König, ihr Biologielehrer, betrat den Raum. Von Anna bekam sie einen Zettel zugeschoben. Auf dem stand: „Was war denn gestern mit dir los?“ Diese ehrliche Sorge von ihrer Freundin überraschte Kim nicht. Dennoch wollte sie über gestern noch nicht sprechen. Nicht, dass jemand meint, sie sei verrückt. Mit einem Kopfschütteln teilte sie dies ihrer Freundin mit. Anna schaute frustriert, während Herr König gerade einen ewig langen Vortrag hielt. Was Herr König vorne zum Besten gab, konnte Anna nicht mitverfolgen. Ihrer Freundin Kim ging es nicht recht viel besser, und das merkte sie. Als es endlich zur Pause läutete, lief Kim aufs WC. Beinahe wäre sie ausgerutscht irgendein Mädchen, so dachte sie, hatte eine Riesenpfütze am Boden hinterlassen. Gebannt sah sie auf den Wasserfleck, der eine unnatürliche Farbe besaß. Als die Wasseroberfläche zu kräuseln begann, wurde ihr ganz schummrig zumute.
Was war denn nun schon wieder los? Aber sie konnte nicht anders, sie musste einfach weiter darauf schauen so, als ob ein innerer Zwang sich ihrer bemächtigte. Die Wasseroberfläche änderte nun ihre Farbe in Rosarot, und langsam kristallisierte sich ein Gesicht. Kim hatte ein seltsames Gefühl so eine Art Déjà-vu. Aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, diese Frau zu kennen, obwohl das unmöglich war. Gespannt hörte sie der Frau zu, als sie den ersten Satz formulierte: „Hallo Kim, dein 17. Geburtstag steht bald vor der Tür. Es ist unglaublich wichtig, dass du mir jetzt zuhörst.“ Doch Kim hatte ein ungutes Gefühl. Sie wollte dieser Frau nicht länger zuhören. Langsam drehte sie sich um und wollte gerade zur Tür stürmen, als aus der Wasseroberfläche eine Hand erschien und sie an der Flucht hindern wollte. „Nicht so!“ Niemand konnte Kim jetzt noch aufhalten. Mit einem Schrei, der der Frau in der Pfütze die Ohren klingeln ließ, verließ Kim den WC-Raum und rannte ihren Traumboy über den Haufen. „Hey, was ist denn mit dir los? Hast du keine Augen im Kopf?“ „Ach, halt doch mal deine verdammte Klappe!“ „Wo kommt das denn nun schon wieder her? Das bin doch nicht ich!“, dachte sich Kim beim Weglaufen. Aber im Moment konnte sie sich mit dieser Frage nicht beschäftigen. Sie war außer sich. An Schule war auch gerade nicht zu denken. Und doch sollte sie sich noch drei Stunden quälen. Das ist jetzt ein No-Go. Sie schnappte sich ihren Rucksack und ihr Handy und verließ einfach das Schulgebäude. Auf dem Heimweg schrieb sie ihrer besten Freundin eine Nachricht aufs Handy. Sie sollte sich irgendetwas überlegen, damit sie keinen Ärger von den Lehrern bekam, wenn sie morgen pünktlich wieder ihren Dienst antrat. In der Nähe vom Park gab es eine alte Buche, dort fühlte sich Kim immer wohl und geborgen. Das war ihr Stammplatz seit vielen Jahren, den wollte sie aufsuchen.
Kapitel 3
Währenddessen in der Mädchentoilette: „Du versagst auf der ganzen Linie! Wenn du weiter so machst, verschreckst du sie noch ganz, und wir haben keinen Zugriff mehr auf sie“, sagte Body zu Coralin. „Halt die Klappe und entspann dich, ich weiß, was ich tu.“ „Da hast du recht. Man sieht, wie du alles unter Kontrolle hast.“ Mit diesen Worten zog sich die Pfütze zurück, und der Boden war wieder trocken. Außer Atem kam Kim an ihrem Lieblingsort an. Seufzend ließ sie sich am Baum auf dem Boden nieder. „Was war das nur für ein Gerede? Und was sollte das mit ihrem Geburtstag zu tun haben oder mit ihr selbst? Was wollte diese Frau?“ Schnell kam ihr der Gedanke, dass sie dieser Frau zuhören musste, um diese Frage beantworten zu können. Aber sie hatte solche Angst davor. Was würde passieren?
Gedankenverloren sah sie den Passanten zu, die im Park spazieren gingen und ihre Kinder und Hunde herumtollen ließen. Alle hatten sie ihren Spaß, nur sie saß herum wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Seufzend rappelte sie sich wieder auf. Schade, dass ihr Plan nicht funktioniert hatte. Sie hatte hier keine Ruhe gefunden. Sie eilte zu ihrem Elternhaus zurück.
Kaum war sie in ihrem Zimmer angekommen, klingelte auch schon ihr Handy. Ihre Freundin Anna war am Telefon. „Was ist denn eigentlich los mit dir?“ „Das ist eine lange Geschichte, erzähle ich dir später.“ „Stell dir vor, wir machen morgen einen Ausflug mit Übernachtung.“
„Wo soll’s denn hingehen?“, fragte Kim. „An den Tegernsee, und am nächsten Morgen Eiskaffee und ein Museumsbesuch. Ich bring dir gleich eine Einverständniserklärung mit. Die muss von deinen Eltern unterschrieben werden. Und hundert Euro solltest du mitnehmen, dazu ein bisschen Taschengeld.“ Wow, das war mal eine Ansage. Kim sagte zu Anna: „Sonst sind unsere Lehrer doch nie so spontan.“ „Ich weiß nicht, was in ihnen gerade vorgeht, aber ich finde es klasse. Endlich mal was Neues erleben“, sagte Anna. „Okay, ich mach jetzt mal Schluss und fang an, meine Sachen zu packen“, sagte Kim. Nun hatte sie wenigstens eine Beschäftigung und musste dieses leidige Thema in ihrem Kopf nicht weiter fortsetzen. Der Rucksack reichte gerade aus, um alle Sachen zu verstauen, die sie benötigte. Kaum war sie fertig, hörte sie, wie ihre Mutter nach Hause kam. Schnell rannte Kim die Treppen hinunter in die Küche zu ihrer Mutter. „Mama, wir haben morgen einen Ausflug an den Tegernsee mit Übernachtung. Anna bringt mir die Einverständniserklärung vorbei, die ich liegen gelassen hab. Ich darf doch daran teilnehmen, oder?“ „Selbstverständlich, meine Liebe.“ „Oh, danke, Mama.“ Währenddessen bei Coralin und ihrem Freund Body: „Das war wirklich eine gute Idee mit dem Ausflug an den Tegernsee“, sagte Coralin. „Und auch, wie du diese Idee sehr schön in die Köpfe der Lehrer eingepflanzt hast.“ „Ich weiß. Und ich habe auch schon einen Plan, dass sie uns dieses Mal nicht verschwinden kann.“ „Vielleicht war ich vorhin ein bisschen grob zu dir. Das tut mir leid, ich stehe zurzeit sehr unter Druck.“ „Ich weiß“, sagte Boddy. „Na gut, dann sag mir mal deinen Plan für morgen.“
Kapitel 4
Währenddessen bei Kim zu Hause. Es klingelte an der Tür, und Anna stand davor. Kim öffnete und nahm ihrer Freundin den Zettel aus der Hand, den sie dann ihrer Mutter reichte. Schnell unterschrieb ihre Mutter den Zettel und gab Kim das Geld. Beide Mädchen verschwanden in das Zimmer. Stunden später verließ Anna wieder das Haus und ging nach Hause. Kim hatte endlich wieder bessere Laune. Zufrieden ging sie ins Esszimmer, wo Papa und Mama schon mit dem Abendessen auf sie warteten. Freudestrahlend machte sich Kim am nächsten Morgen auf zur Schule. Alle trafen sich dort, um dann gemeinsam den Weg zum Tegernsee anzutreten. Die Fahrt verlief reibungslos, und als die Lehrer bekannt gaben, dass die Schüler unmittelbar nach ihrer Ankunft direkt ins Wasser springen durften, war die Stimmung euphorisch. Im Hotel zogen sich alle ihre Badesachen an, und dann ging es schon zum kalten Nass. Kim fiel auf, dass Stefan sich die ganze Zeit in ihrer Nähe herumdrückte, und sie beobachtete ihn interessiert. Nachdem er vom Steg einen Kopfsprung ins Wasser gemacht hatte, kehrte er nicht mehr an die Oberfläche zurück. Kim sah sich um, aber anscheinend hatte das keiner mitbekommen. Irgendwie hatte sie ein seltsames Gefühl, sie musste ihm hinterher und schauen, was passiert war. Es blieb keine Zeit mehr, andere darauf aufmerksam zu machen. Er war schon viel zu lange unter Wasser. Schließlich besaß sie ein Rettungsschwimmer-Abzeichen. Sie stürzte sich ins kalte Wasser und ihrem Liebsten hinterher, um ihn zu retten. Ein Sog erfasste sie, und sie sah Stefan, der sich auf dem Weg nach unten auf dem Grund befand. Aber sie konnte nicht zu ihm schwimmen, der Sog zog sie auch immer tiefer. Verzweifelt versuchte sie, sich freizukämpfen. Plötzlich hörte sie eine Stimme, die zu ihr sprach: „Entspann dich, komm, es wird ihm nichts passieren, ich verspreche es.“ Sie machte den Mund auf und wunderte sich noch, dass dieser nicht mit Wasser gefüllt wurde. Sie konnte einfach reden und atmen. Sie rief laut: „Was passiert hier eigentlich?“ Verwirrt sah sie sich um. Wer sprach da mit ihr? „Ich heiße Coralin, bin eine Meerjungfrau, und ich möchte dir gerne etwas über deine Bestimmung sagen und deine Transformation, die in wenigen Tagen abgeschlossen sein wird. Aber wenn du nichts davon weißt, kannst du diese Aufgabe nicht übernehmen, und es werden schlimme Sachen passieren.“ In Kims Kopf drehte sich alles. Diese Situation überforderte sie und auch das, was die Frau sagte. Dennoch blieb ein Gedanke in ihrem Kopf haften; er drängte sich auf: „Wofür braucht die Frau Stefan?“ Die Sorge um ihn nahm Überhand. Nach kurzem Überlegen konnte sie ihre Sorge in Worte fassen: „Was willst du mit Stefan, und wo hast du ihn hingebracht?“ „Nimm meine Hand, und ich zeige es dir.“ Zögerlich ergriff Kim die zierliche Hand der Frau. Sie schwammen in ein wunderschönes Schloss. Augenblicke später waren sie in einem prächtigen Raum. Staunend sah sie sich um. Überall glänzte, blitzte und funkelte es. Der Raum war voller Gold, Silber und schönem Glas. Diese geschmackvolle Einrichtung war faszinierend und atemberaubend. Kim kam sich wie im Märchen vor. Staunend betrachtete sie die Einrichtung. Langsam ging sie durch den Raum, dann ließ sie sich auf ein Sofa fallen, das darin stand. Viele Fragen gingen ihr durch den Kopf. Dann fragte sie die Meerjungfrau: Warum kann ich hier atmen? Warum kann ich hier gehen? Und seit wann gibt es Meerjungfrauen? Träume ich oder bin ich ertrunken und tot? Kim fiel nun wieder ein, warum sie eigentlich ins Wasser gesprungen ist. Böse funkelte sie mit ihrem Blick die Frau an. „Was hast du mit Stefan gemacht, und wo ist er? Du wolltest mir doch zeigen, dass es ihm gut geht!“ „Ja, da hast du recht.“ Sie griff nach einer Glocke und läutete diese. Sogleich kam Body herein. „Was kann ich für dich tun?“ „Bring doch bitte Stefan hierher, damit sich Kim mit eigenen Augen überzeugen kann, dass es ihm gut geht.“ Eine Minute später kam ein strahlender Stefan zur Tür hereinspaziert. „Kim, ich weiß ja nicht, was du angestellt hast und wie abgefahren gerade diese Situation ist – „Ach übrigens“, er wandte sich zu Body, „irgendwann müssen Sie mir mal erzählen, wie Sie das mit den Spezialeffekten gemacht haben. Anfangs habe ich gedacht, ich bin in ein Filmset gesprungen, aber das war mir zu unrealistisch. Ich habe keinen Plan, was hier abgeht. Wie auch immer, das müssen Sie mir unbedingt noch mal erklären.“ Nun drehte er sich wieder zu Kim. „Egal, in welchem Dilemma du gerade steckst, diese Umgebung ist fantastisch. Auch wenn ich nicht weiß, wie das hier alles funktioniert: Ich stelle mir lediglich etwas vor, und es erscheint vor meinen Augen. Ich find’s echt klasse!“ Wenigstens musste sich Kim um ihn keine Sorgen mehr machen, denn offensichtlich ging es ihm ja prächtig. Aber sie wollte dennoch wissen, was er sich da wohl vorgestellt hatte. Kim fragte Stefan: „Sag mir doch, was du dir gewünscht hast.“ „Erst mal nur Kleinigkeiten, wie zum Beispiel eine Xbox – und schwuppdiwupp stand sie auf dem Tisch. Und danach habe ich mir gleich mein Lieblingsessen gewünscht.“ „Ist das dein Ernst? Du denkst bei Gefahr an eine Xbox und Essen? Vielleicht hatten die alten Römer doch recht mit ihrer Behauptung: Gib dem Volk Brot und Spiele, dann sind sie glücklich, und man hat sie unter Kontrolle.“ „Ich weiß gar nicht, warum ich mir eigentlich Sorgen um dich gemacht habe. Das bestätigt nur meine Meinung: Männer sind die unnützeste Erfindung der Welt.“ „Ich habe dir doch bereits gesagt, dass ich dringend mit dir sprechen möchte. Deshalb habe ich diesen Weg gewählt, damit wir endlich ungestört reden können, ohne dass du immer wieder vor mir davonläufst“, sagte Coralin.

