Mundus Naturae – Die Welt der Kreaturen
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 324
ISBN: 978-3-7116-0378-4
Erscheinungsdatum: 06.08.2025
Robyn wird in eine fremde Dimension entführt und erfährt plötzlich ihre wahre Bestimmung. Sie ist nicht verrückt, sondern trägt eine mächtige Wächterin in sich. Kann sie gemeinsam mit Shelly und Isabella die Menschheit retten?
Unter Fremden
Robyn wird verfolgt, da ist sie sich ganz sicher … Es ist nicht wie die anderen vielen Male, bei denen es nur ihre eigene Einbildung war. Sie kann die ihr fremde Präsenz deutlich wahrnehmen, während sie durch die dunklen Gassen der Großstadt sprintet.
Sie strauchelt mehrmals, stürzt fast der Länge nach, kann sich aber immer noch rechtzeitig wieder aufrichten und ihren Weg fortsetzen. Die Kreatur holt immer mehr auf, sie kann die schweren, stählernen Ketten, welche auf dem nassen Boden schleifen, hinter sich hören.
Zusätzlich hat sie wieder dieses merkwürdige Gefühl … sie kann es nicht genau beschreiben, das konnte sie bisher noch nie. Sie hat es bereits so oft versucht, doch niemand konnte sie bisher verstehen …
Alle halten sie immer noch für verrückt, behandeln sie wie eine Ausgestoßene, wie jemand, der seinen Verstand verloren hat. Dabei wirken ihre Visionen so real …
Die junge Frau biegt um die nächste Ecke und versucht, noch schneller zu rennen. Fast kracht sie mit dem Gesicht voran in die kahle Wand, kann sich im letzten Moment aber noch davon abstoßen. Ihre Beine brennen, doch sie kämpft dagegen an. Was auch immer hinter ihr her ist, darf sie nicht erwischen! Sie ist sich noch nicht einmal sicher, ob es sich dabei überhaupt um einen Menschen handelt.
Ein inneres Gefühl sagt ihr, dass dem nicht so ist. Ihre Instinkte warnen sie, ihre Sinne deuten darauf hin, dass etwas Unmenschliches hinter ihr her ist, eine ihr unbekannte Lebensform.
Plötzlich hört sie die Ketten gefährlich nahe klirren, so als wären diese direkt hinter ihr. Etwas in ihr regt sich. Es ist wie eine Art Strom, der aus ihr auszubrechen droht.
Sie kämpft dagegen an, so wie all die anderen Male in ihrem Leben. Dann spürt sie plötzlich, wie sich kalter Stahl um ihren linken Fuß wickelt. Sie schreit laut auf, als sie zu Boden gerissen wird. Sie versinkt in tiefster Schwärze.
Als Robyn erwacht, findet sie sich in einem großen Raum wieder. Es ist eine Art Krankenstation, ganz in Weiß gehalten, erhellt von künstlichem Licht, das von der Decke ausgeht.
Sie richtet sich in ihrem Bett auf, streicht sich eine ihrer schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ein großer Metalltisch steht in der Mitte der schlichten Krankenstation, auf dem verschiedene Utensilien liegen, unter anderem Waffen, Verbandsmaterialien und Infusionsflaschen.
Weitere Betten sind in dem Raum verteilt, stehen im Abstand weniger Meter nebeneinander. An den weißen Wänden aus Beton stehen metallische Schränke in der gleichen Farbe.
Sie kann leise Stimmen hinter der verschlossenen Stahltür vernehmen. Ihr fällt wieder ein, was geschah, bevor sie ihr Bewusstsein verlor …
Ihre Nackenhaare stellen sich auf. Sie muss sofort von hier verschwinden!
Sie schaut sich erneut um und steht leise auf. Ihr Herz rast. Die Stimmen hinter der Tür verstummen. Robyn rechnet mit dem Schlimmsten … sie muss entführt worden sein.
Schnell hechtet sie zu dem großen Metalltisch und bekommt eine Pistole zu fassen. Genau in dem Moment gleitet die schwere Tür auf.
Zwei hochgewachsene Zwillingsschwestern treten langsam ein. Beide tragen eine dunkelblaue Lederrüstung, die ihre schlanken Figuren betont. Die beiden Frauen vor ihr weisen skandinavische Gesichtszüge auf, haben helle Haut, hohe Wangenknochen, eine schmale Nase sowie schlanke, symmetrische Mienen.
Beide Frauen tragen jeweils zwei Schwerter auf dem Rücken, was Robyn anhand der Griffe erkennen kann, die über den Schultern dieser ragen. Die Schwarzhaarige schließt daraus, dass zwei Kriegerinnen vor ihr stehen müssen. Sie sehen fast identisch aus, nur ihre Haarfarben und ihre Augen sind anders. Noch dazu hat eine von ihnen eine Narbe im Gesicht, die sich senkrecht von der linken Stirn bis zur Mitte ihrer linken Wange zieht, über ihrem linken Auge verläuft. Sie schätzt beide Frauen auf knapp über zwanzig Jahre alt und damit in ihrem eigenen Alter.
Beiden haftet eine gewisse kalte Schönheit an.
Sie richtet ihre Waffe auf die Frau mit der Narbe, obwohl sie nicht ganz weiß, wie sie diese benutzen kann. Das ist das erste Mal in ihrem Leben, dass sie eine Pistole in ihren Händen hält …
„Keine Bewegung!“, weist sie mit kratzender Stimme an. Sie muss schon eine ganze Weile nicht gesprochen haben.
Die vernarbte Kriegerin zieht unbeeindruckt eine Augenbraue hoch, während die andere vorsichtig auf sie zugeht. Sie ist sich nicht sicher, ob beide sie verstehen können.
Sie versucht es erneut, aber diesmal mit mehr Nachdruck: „Ich habe gesagt, keine Bewegung!“
„Die ist nicht geladen“, sagt die vorgetretene Frau trocken.
Robyn ist überrascht und erleichtert zugleich, dass ihr Gegenüber ihre Sprache spricht. Sie befürchtete schon, dass sie in einem fremden Land ist, in dem sie niemand versteht.
Sie mustert die Kriegerin, die langsam auf sie zukommt. Blonde, leicht gewellte Haare umrahmen ihr junges Gesicht und reichen ihr bis zu den Schultern. Sie sind schon fast golden.
Ihre smaragdgrünen Augen mustern sie eindringlich. Kurzzeitig ist sie von diesen sonderbaren Augen abgelenkt und bemerkt deswegen nicht, wie die Kriegerin immer näher kommt, bis sie schließlich direkt vor ihr steht, leicht lächelnd auf sie herabschaut. Die Blondine ist einen halben Kopf größer als sie selbst.
Behutsam nimmt sie ihr die Pistole weg. In aller Ruhe legt sie diese auf den Metalltisch neben sich.
„Ich bin Shelly, Shelly Jones, um genau zu sein.“
Anmutig setzt sich Shelly auf den Tisch und schaut die Schwarzhaarige interessiert an. Eine gewisse Sanftheit liegt in ihrem Blick.
„Robyn …“, kann sie nur herausbringen, vermeidet es aber, sie anzusehen.
Etwas an dieser jungen Frau ist sonderbar … sie kann wieder etwas spüren, kann es aber nicht beschreiben.
„Kein Nachname?“, fragt Shelly sanft.
„Ich … mag ihn nicht besonders.“
„Verstehe …“
Sie hat nicht bemerkt, wie Shellys Zwillingsschwester näher gekommen ist. Sie zuckt vor Schreck kurz zusammen, als diese plötzlich genau neben ihr steht. Ihre rötlichen, schulterlangen Haare sind wirr und zum Zopf gebunden. Kalte, eisblaue Augen ruhen auf Robyn. Diese schaut beunruhigt zu Boden. Ihre jetzige Situation gefällt ihr überhaupt nicht …
„Isabella Jones“, stellt sich die Rothaarige vor.
Ihre Stimme klingt rau und hart. Shellys Stimme dagegen ist angenehm sanft.
„Du hast sicher viele Fragen, Robyn“, beginnt Shelly, wobei sie sich von ihrem Platz erhebt.
„Bist du dir sicher, dass sie es ist?“, fragt ihre Schwester an sie gerichtet.
„Du hast Sunku doch gehört. Rahil hat sie in seinen Visionen gesehen, also muss sie es sein. Er hat uns genau die Person gebracht, die ihm das Orakel beschrieben hat. Sie ist es.“
Robyn nutzt diese Chance, beide Frauen achten gerade nicht auf sie. Sie springt nach vorn und sprintet los, kommt aber noch nicht einmal bis zur Tür, da spürt sie sogleich eine starke, behandschuhte Hand im Nacken, die sie ruckartig zurückzieht.
„Hiergeblieben!“, knurrt Isabella und wirft sie an die Wand.
Aufgrund des heftigen Aufpralls entweicht ihr alle Luft aus ihren Lungenflügeln. Schmerzen breiten sich in ihrem Rücken aus. Sie sinkt hustend zu Boden.
„Isy? Ging das nicht etwas sanfter?“, wird Shelly wütend. Sie ist mit einem Satz bei Robyn.
„Ich war schon so sanft wie möglich“, verteidigt sich die vernarbte Kriegerin kühl. Sie weicht ängstlich vor der Blondine zurück, die neben ihr in die Hocke geht.
„Tut mir leid. Das war unangebracht, aber es wäre besser, wenn du nicht versuchen würdest, zu fliehen“, erklärt Shelly so freundlich wie möglich und reicht ihr eine behandschuhte Hand.
Robyn schlägt ihre Hand weg und richtet sich auf. Sie sammelt sich kurz, vermeidet es, beide Frauen anzusehen. Ihr Rücken pocht vor Schmerzen …
„Bitte, lasst mich einfach gehen …“
Sie weiß, dass sie gegen beide Kriegerinnen keine Chance hat. Sie muss sie also irgendwie dazu überreden, sie gehen zu lassen.
„Das ist leider nicht möglich“, bedauert Shelly, wobei sie sich ebenfalls erhebt.
„Ich werde dir alles erklären. Zuerst solltest du dich aber ausruhen“, fügt sie zaghaft an. Etwas regt sich wieder in ihr. Sie greift aus Verzweiflung danach …
Shellys smaragdgrüne Augen weiten sich, als sie weggestoßen wird. Sie landet auf dem großen Metalltisch. Ihre Schwester zieht in einer gleißenden Bewegung ihre Kurzschwerter und steuert auf Robyn zu, die ungläubig in den Raum schaut.
„Was …was war das?“, fragt sie zitternd, während Isabella ihr eine ihrer Klingen an den Hals hält.
„Nicht bewegen“, rät Isabella gefährlich leise.
Ihre Blicke begegnen sich. Die Narbe an ihrer linken Gesichtshälfte tritt nun deutlich hervor. Ihre eisblauen Augen mustern sie konzentriert, ohne jegliches Mitgefühl. Sie weiß im Moment nicht, was kälter ist: Sind es die Augen der Rothaarigen oder deren blanker Stahl?
„Ich“, beginnt Robyn und greift erneut nach der ihr unbekannten Macht, diesem Strom in sich.
Erstaunt beobachtet sie Isabella dabei, wie diese an die Zimmerdecke geschleudert wird, dann hart zu Boden stürzt. Robyn wittert den Sieg, wird dann aber enttäuscht, da sich ihr Gegenüber sofort wieder aufrichtet.
„Nicht schlecht“, lobt Isabella tonlos, während Shelly vom Metalltisch aufsteht, sich Glassplitter von ihrer dunkelblauen Lederrüstung schnippend.
„Da haben wir wohl unseren Beweis, Isy“, meint sie unbesorgt.
Sie versucht, sich zu konzentrieren. Vielleicht muss sie noch mehr nach dieser Kraft in ihr greifen.
Doch bevor sie dazu kommt, wird sie von einer unsichtbaren Macht an die Wand gedrückt. Im gleichen Augenblick streckt die Rothaarige ihre rechte Faust in ihre Richtung aus.
„Isy, du bist wieder zu grob“, beschwert sich die Blondine, langsam auf Robyn zugehend, der ein
leises Wimmern entfährt.
Selbst mit dieser Macht hat sie wohl keine Chance gegen die Zwillinge.
„Ich halte sie doch nur fest“, erwidert Isabella kalt. Shelly winkt ab und bleibt direkt vor Robyn stehen.
„Robyn, …“, beginnt sie sanft, wobei sich ihre Blicke treffen.
„Du spürst diese Macht schon dein ganzes Leben lang, habe ich recht?“
Sie versucht zu nicken, doch der Druck auf ihr ist noch zu stark. Isabella seufzt und lockert ihren unsichtbaren Griff etwas. Robyn nickt zitternd.
„Wir können dir helfen, diese zu kontrollieren“, fährt Shelly freundlich fort.
„Also bin ich doch nicht verrückt?“, muss sie fragen.
Ihr Gegenüber schüttelt den Kopf. „Nein. Ganz und gar nicht. Für uns ist diese Kraft das Normalste überhaupt.“
Die junge Frau merkt, wie sie sich langsam beruhigt. Kann es wirklich sein? Hat sie endlich gefunden, wonach sie so lange gesucht hat? Bisher nahm sie niemand ernst, alle waren bisher der Auffassung, dass sie sich alles nur einbilde, dass sie ihren Verstand verliert. Egal, wie oft sie versucht hat, ihre Visionen zu erklären, stets lag der gleiche Ausdruck in den Augen der anderen. Diese Ungläubigkeit, diese Abfälligkeit ihr gegenüber, selbst in den Blicken ihrer eigenen Familie. Nichts davon findet sich in der smaragdgrünen Tiefe der Blondine.
„Definiere normal, Shelly“, sagt Isabella rau.
Shelly funkelt sie wütend an: „Nicht hilfreich, Isy, überhaupt nicht hilfreich!“
„Also…“, beginnt Robyn schwach.
Shelly schaut sie sofort wieder an.
„…bin ich doch nicht so kaputt, wie alle immer denken? Es ist nichts Psychisches?“
Ihr Gegenüber überlegt kurz.
„Betrachte es eher als nützliches Extra oder als besondere Fähigkeiten“, antwortet sie schließlich lächelnd. Isabella holt Luft, um etwas zu sagen, doch Shelly bringt sie mit einem wütenden Blick zum Schweigen. Sie wendet sich wieder an Robyn.
„Wir sind auf deiner Seite, auch wenn es dir im Moment nicht so vorzukommen scheint. Ich kann verstehen, dass du flüchten willst, aber …“ Sie hebt den behandschuhten, rechten Zeigefinger.
„… bei uns bist du sicher. Wir wollen dir nichts antun.“
Sie wirft einen kurzen, strengen Blick auf ihre Schwester. Robyn spürt, wie sich der Druck von ihrem Körper löst. Sie gleitet zu Boden. Isabella lässt ihre Faust sinken und steckt ihre Schwerter wieder auf ihren Rücken, lässt diese in die Schwertscheiden daran gleiten.
Langsam kommt sie auf beide zu. Die Schwarzhaarige weicht ein Stück weit vor ihr zurück.
Die Rothaarige reicht ihr eine Hand und versucht wohl, weniger bedrohlich auszusehen. Sie versucht sogar, zu lächeln.
„Vielleicht war ich doch etwas zu grob“, sagt Isabella leise, an Robyn gerichtet.
„Und?“, fordert Shelly sie auf.
Ihre Schwester seufzt und fährt widerwillig fort: „Tut mir leid.“
Zögernd ergreift sie die behandschuhte Hand, still Isabellas eisblaue Augen bewundernd. Mit einem kraftvollen Ruck ist sie wieder auf den Beinen. Dann wird ihr jedoch schwindelig, Erschöpfung legt sich mit einem Mal über sie. Sie droht zu fallen, kann spüren, wie Isabella sie festhält.
Ihr wird schwarz vor Augen.
„Ich werde sie das Kämpfen lehren“, beschließt Isabella, als sie das Gebäude verlassen, um ungestört reden zu können.
„Willst du sie umbringen? Du bist viel zu grob!“
„Eben darum. Das wird sie gut auf die kommenden Schlachten vorbereiten.“ Shelly schüttelt wie in Verzweiflung den Kopf und bleibt stehen.
„Wir sollten es langsam angehen lassen, Isy.“
„Ich glaube, die Zeit haben wir nicht“, wirft sie ein, ebenfalls stehen bleibend.
„Sie ist gerade erst hier angekommen. Sie stammt aus einer anderen Dimension. Wir dürfen sie nicht überfordern“, erklärt Shelly eindringlich.
„Wir dürfen sie aber auch nicht zu sehr behüten. Das weißt du ganz genau. Uns fehlt es an Stärke. Wir sind auf Robyn angewiesen, auch wenn mir das nicht gefällt“, hält sie entschieden dagegen. Die Blondine schaut zur aufgehenden Sonne, betrachtet kurz die umliegenden Wälder. Sie denkt lange nach, während ihre Schwester geduldig wartet. Wie kann sie Robyn überhaupt alles so verständlich wie möglich erklären? Wie soll sie die richtigen Worte finden? Wie können sie und Isabella sie auf die kommenden Ereignisse vorbereiten? Das ist doch erst mal am wichtigsten …
Aber genauso wichtig ist es, ihre Fähigkeiten zu fördern. Sie muss sich schließlich selbst verteidigen können, gerade jetzt, wo von ihren Mitstreitern jede Spur fehlt. Ihre Schwester ist stärker als sie selbst, dessen ist sich Shelly voll und ganz bewusst. Sie lebt für die Schlacht, kann dem Neuankömmling sehr viel beibringen, so viel ist sicher.
„Also schön, du wirst ihr alle möglichen Kampftechniken beibringen. Aber …“, sagt Shelly schließlich, wobei sie ihr tief in die eisblauen Augen blickt, „… zuerst müssen wir ihr einige Sachen erklären. Das überlässt du am besten mir. Und …“
Sie hebt drohend den Zeigefinger und tippt Isabella damit auf die gerüstete Brust. „… keine Demütigungen, keine Strafen und sei nicht zu hart zu ihr. Verstanden?“ Ihre Schwester nickt widerwillig. „Ich versuche es, Shelly.“
Als Robyn erwacht, liegt sie in dem gleichen Bett wie vorher. Die Unordnung, die durch ihre kürzliche Auseinandersetzung entstand, ist immer noch vorhanden. Sie hört, wie jemand an sie herantritt und schreckt hoch. Still hoffte sie, dass alles nur ein Traum war, aber als sie Shelly erspäht, muss sie feststellen, dass sie sich in der Wirklichkeit befindet …
„Wie geht es dir?“, fragt die Blondine lächelnd und setzt sich zu ihr aufs Bett.
Ihr fällt wieder ein, was Shelly vor Kurzem zu ihr gesagt hat, und sie beruhigt sich ein wenig.
„Nun … den Umständen entsprechend, würde ich sagen … was auch immer diese genau sind.“ Shelly nickt bedächtig.
Robyn hat so viele Fragen, die sie ihr stellen will. Sie fängt bei der an, die ihr als Erstes einfällt:
„Wie können wir uns überhaupt verstehen? Wie können wir die gleiche Sprache sprechen?“
„Das weiß ich leider auch nicht. Vielleicht ist es ja Zufall oder Glück. Wir können auf jeden Fall froh darüber sein“, meint die Kriegerin lächelnd.
„Woran kannst du dich erinnern? Bevor du hier aufgewacht bist?“, wechselt die Blondine das Thema, bevor Robyn etwas darauf erwidern kann.
Sie muss lange darüber nachdenken. Es erscheint ihr alles inzwischen wie ein Traum.
„Ich … wurde verfolgt. Nach der Arbeit.“
„Wo arbeitest du?“
„In einer Wäscherei. Nicht viele stellen Psychopathen ein, musst du wissen …“, antwortet Robyn. Aus irgendeinem Grund verliert sie ihre Angst vor ihrem Gegenüber. Etwas sagt ihr, dass sie ihr auch vertrauen kann.
„Warum solltest du eine Psychopathin sein?“, hakt Shelly vorsichtig nach.
„Wegen diesem … diesem Strom in mir“, meint sie, den Blick von ihr abwendend.
„Ich meine, so etwas wie vorhin habe ich noch nie geschafft … aber ich hatte diese Träume und Halluzinationen … und hab etwas gespürt. Nur konnte mir bisher niemand damit helfen. Es hielten mich bisher immer alle für verrückt“, erklärt sie plötzlich bebend.
„Du bist nicht verrückt. Du bist nur anders, etwas Besonderes, wie ich vorhin schon erwähnte. Außenstehende verstehen das nicht und halten dich für gefährlich oder verrückt“, entgegnet Shelly ruhig.
Sie hebt ihre linke Hand und lässt, mittels unsichtbarer Kraft, den Metalltisch hinter ihr an die Zimmerdecke knallen.
„Das mag zwar erst einmal beängstigend erscheinen …“, beginnt sie weiterhin ruhig,
ihre smaragdgrünen Augen auf Robyn gerichtet. Sie lässt ihre Hand sinken, der Tisch fällt sofort krachend zu Boden.
„… aber alles geschieht aus einem bestimmten Grund.“
„Der da wäre?“, fragt Robyn, sie fest ansehend.
Shelly beugt sich langsam vor und streicht ihr behutsam eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie ist ihr gefährlich nahe … der jungen Frau wird mulmig zumute.
„Du bist eine von uns“, antwortet die Blondine bestimmt.
„Was bedeutet das?“
„Sieh es als … eine besondere Gemeinschaft an“, versucht Shelly zu erklären.
„Und was ist diese … besondere Gemeinschaft genau?“, hakt Robyn nach.
Shelly erhebt sich und schreitet an eines der wenigen Fenster der Krankenstation, durch das Sonnenlicht hereindringt. Sie scheint nachzudenken.
„Ich weiß nicht recht, wie ich es dir am besten erklären soll …“, gibt sie nach einer Weile leise zu. Dann dreht sie sich wieder um.
„Hast du schon mal etwas in dir sprechen hören? Eine fremde Präsenz?“, fragt sie nun vorsichtig.
„Wie meinst du das?“
„Genauso, wie ich es gesagt habe“, erwidert sie geduldig.
Was meint sie damit? Warum weicht sie all ihren Fragen so sehr aus?
...
Robyn wird verfolgt, da ist sie sich ganz sicher … Es ist nicht wie die anderen vielen Male, bei denen es nur ihre eigene Einbildung war. Sie kann die ihr fremde Präsenz deutlich wahrnehmen, während sie durch die dunklen Gassen der Großstadt sprintet.
Sie strauchelt mehrmals, stürzt fast der Länge nach, kann sich aber immer noch rechtzeitig wieder aufrichten und ihren Weg fortsetzen. Die Kreatur holt immer mehr auf, sie kann die schweren, stählernen Ketten, welche auf dem nassen Boden schleifen, hinter sich hören.
Zusätzlich hat sie wieder dieses merkwürdige Gefühl … sie kann es nicht genau beschreiben, das konnte sie bisher noch nie. Sie hat es bereits so oft versucht, doch niemand konnte sie bisher verstehen …
Alle halten sie immer noch für verrückt, behandeln sie wie eine Ausgestoßene, wie jemand, der seinen Verstand verloren hat. Dabei wirken ihre Visionen so real …
Die junge Frau biegt um die nächste Ecke und versucht, noch schneller zu rennen. Fast kracht sie mit dem Gesicht voran in die kahle Wand, kann sich im letzten Moment aber noch davon abstoßen. Ihre Beine brennen, doch sie kämpft dagegen an. Was auch immer hinter ihr her ist, darf sie nicht erwischen! Sie ist sich noch nicht einmal sicher, ob es sich dabei überhaupt um einen Menschen handelt.
Ein inneres Gefühl sagt ihr, dass dem nicht so ist. Ihre Instinkte warnen sie, ihre Sinne deuten darauf hin, dass etwas Unmenschliches hinter ihr her ist, eine ihr unbekannte Lebensform.
Plötzlich hört sie die Ketten gefährlich nahe klirren, so als wären diese direkt hinter ihr. Etwas in ihr regt sich. Es ist wie eine Art Strom, der aus ihr auszubrechen droht.
Sie kämpft dagegen an, so wie all die anderen Male in ihrem Leben. Dann spürt sie plötzlich, wie sich kalter Stahl um ihren linken Fuß wickelt. Sie schreit laut auf, als sie zu Boden gerissen wird. Sie versinkt in tiefster Schwärze.
Als Robyn erwacht, findet sie sich in einem großen Raum wieder. Es ist eine Art Krankenstation, ganz in Weiß gehalten, erhellt von künstlichem Licht, das von der Decke ausgeht.
Sie richtet sich in ihrem Bett auf, streicht sich eine ihrer schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ein großer Metalltisch steht in der Mitte der schlichten Krankenstation, auf dem verschiedene Utensilien liegen, unter anderem Waffen, Verbandsmaterialien und Infusionsflaschen.
Weitere Betten sind in dem Raum verteilt, stehen im Abstand weniger Meter nebeneinander. An den weißen Wänden aus Beton stehen metallische Schränke in der gleichen Farbe.
Sie kann leise Stimmen hinter der verschlossenen Stahltür vernehmen. Ihr fällt wieder ein, was geschah, bevor sie ihr Bewusstsein verlor …
Ihre Nackenhaare stellen sich auf. Sie muss sofort von hier verschwinden!
Sie schaut sich erneut um und steht leise auf. Ihr Herz rast. Die Stimmen hinter der Tür verstummen. Robyn rechnet mit dem Schlimmsten … sie muss entführt worden sein.
Schnell hechtet sie zu dem großen Metalltisch und bekommt eine Pistole zu fassen. Genau in dem Moment gleitet die schwere Tür auf.
Zwei hochgewachsene Zwillingsschwestern treten langsam ein. Beide tragen eine dunkelblaue Lederrüstung, die ihre schlanken Figuren betont. Die beiden Frauen vor ihr weisen skandinavische Gesichtszüge auf, haben helle Haut, hohe Wangenknochen, eine schmale Nase sowie schlanke, symmetrische Mienen.
Beide Frauen tragen jeweils zwei Schwerter auf dem Rücken, was Robyn anhand der Griffe erkennen kann, die über den Schultern dieser ragen. Die Schwarzhaarige schließt daraus, dass zwei Kriegerinnen vor ihr stehen müssen. Sie sehen fast identisch aus, nur ihre Haarfarben und ihre Augen sind anders. Noch dazu hat eine von ihnen eine Narbe im Gesicht, die sich senkrecht von der linken Stirn bis zur Mitte ihrer linken Wange zieht, über ihrem linken Auge verläuft. Sie schätzt beide Frauen auf knapp über zwanzig Jahre alt und damit in ihrem eigenen Alter.
Beiden haftet eine gewisse kalte Schönheit an.
Sie richtet ihre Waffe auf die Frau mit der Narbe, obwohl sie nicht ganz weiß, wie sie diese benutzen kann. Das ist das erste Mal in ihrem Leben, dass sie eine Pistole in ihren Händen hält …
„Keine Bewegung!“, weist sie mit kratzender Stimme an. Sie muss schon eine ganze Weile nicht gesprochen haben.
Die vernarbte Kriegerin zieht unbeeindruckt eine Augenbraue hoch, während die andere vorsichtig auf sie zugeht. Sie ist sich nicht sicher, ob beide sie verstehen können.
Sie versucht es erneut, aber diesmal mit mehr Nachdruck: „Ich habe gesagt, keine Bewegung!“
„Die ist nicht geladen“, sagt die vorgetretene Frau trocken.
Robyn ist überrascht und erleichtert zugleich, dass ihr Gegenüber ihre Sprache spricht. Sie befürchtete schon, dass sie in einem fremden Land ist, in dem sie niemand versteht.
Sie mustert die Kriegerin, die langsam auf sie zukommt. Blonde, leicht gewellte Haare umrahmen ihr junges Gesicht und reichen ihr bis zu den Schultern. Sie sind schon fast golden.
Ihre smaragdgrünen Augen mustern sie eindringlich. Kurzzeitig ist sie von diesen sonderbaren Augen abgelenkt und bemerkt deswegen nicht, wie die Kriegerin immer näher kommt, bis sie schließlich direkt vor ihr steht, leicht lächelnd auf sie herabschaut. Die Blondine ist einen halben Kopf größer als sie selbst.
Behutsam nimmt sie ihr die Pistole weg. In aller Ruhe legt sie diese auf den Metalltisch neben sich.
„Ich bin Shelly, Shelly Jones, um genau zu sein.“
Anmutig setzt sich Shelly auf den Tisch und schaut die Schwarzhaarige interessiert an. Eine gewisse Sanftheit liegt in ihrem Blick.
„Robyn …“, kann sie nur herausbringen, vermeidet es aber, sie anzusehen.
Etwas an dieser jungen Frau ist sonderbar … sie kann wieder etwas spüren, kann es aber nicht beschreiben.
„Kein Nachname?“, fragt Shelly sanft.
„Ich … mag ihn nicht besonders.“
„Verstehe …“
Sie hat nicht bemerkt, wie Shellys Zwillingsschwester näher gekommen ist. Sie zuckt vor Schreck kurz zusammen, als diese plötzlich genau neben ihr steht. Ihre rötlichen, schulterlangen Haare sind wirr und zum Zopf gebunden. Kalte, eisblaue Augen ruhen auf Robyn. Diese schaut beunruhigt zu Boden. Ihre jetzige Situation gefällt ihr überhaupt nicht …
„Isabella Jones“, stellt sich die Rothaarige vor.
Ihre Stimme klingt rau und hart. Shellys Stimme dagegen ist angenehm sanft.
„Du hast sicher viele Fragen, Robyn“, beginnt Shelly, wobei sie sich von ihrem Platz erhebt.
„Bist du dir sicher, dass sie es ist?“, fragt ihre Schwester an sie gerichtet.
„Du hast Sunku doch gehört. Rahil hat sie in seinen Visionen gesehen, also muss sie es sein. Er hat uns genau die Person gebracht, die ihm das Orakel beschrieben hat. Sie ist es.“
Robyn nutzt diese Chance, beide Frauen achten gerade nicht auf sie. Sie springt nach vorn und sprintet los, kommt aber noch nicht einmal bis zur Tür, da spürt sie sogleich eine starke, behandschuhte Hand im Nacken, die sie ruckartig zurückzieht.
„Hiergeblieben!“, knurrt Isabella und wirft sie an die Wand.
Aufgrund des heftigen Aufpralls entweicht ihr alle Luft aus ihren Lungenflügeln. Schmerzen breiten sich in ihrem Rücken aus. Sie sinkt hustend zu Boden.
„Isy? Ging das nicht etwas sanfter?“, wird Shelly wütend. Sie ist mit einem Satz bei Robyn.
„Ich war schon so sanft wie möglich“, verteidigt sich die vernarbte Kriegerin kühl. Sie weicht ängstlich vor der Blondine zurück, die neben ihr in die Hocke geht.
„Tut mir leid. Das war unangebracht, aber es wäre besser, wenn du nicht versuchen würdest, zu fliehen“, erklärt Shelly so freundlich wie möglich und reicht ihr eine behandschuhte Hand.
Robyn schlägt ihre Hand weg und richtet sich auf. Sie sammelt sich kurz, vermeidet es, beide Frauen anzusehen. Ihr Rücken pocht vor Schmerzen …
„Bitte, lasst mich einfach gehen …“
Sie weiß, dass sie gegen beide Kriegerinnen keine Chance hat. Sie muss sie also irgendwie dazu überreden, sie gehen zu lassen.
„Das ist leider nicht möglich“, bedauert Shelly, wobei sie sich ebenfalls erhebt.
„Ich werde dir alles erklären. Zuerst solltest du dich aber ausruhen“, fügt sie zaghaft an. Etwas regt sich wieder in ihr. Sie greift aus Verzweiflung danach …
Shellys smaragdgrüne Augen weiten sich, als sie weggestoßen wird. Sie landet auf dem großen Metalltisch. Ihre Schwester zieht in einer gleißenden Bewegung ihre Kurzschwerter und steuert auf Robyn zu, die ungläubig in den Raum schaut.
„Was …was war das?“, fragt sie zitternd, während Isabella ihr eine ihrer Klingen an den Hals hält.
„Nicht bewegen“, rät Isabella gefährlich leise.
Ihre Blicke begegnen sich. Die Narbe an ihrer linken Gesichtshälfte tritt nun deutlich hervor. Ihre eisblauen Augen mustern sie konzentriert, ohne jegliches Mitgefühl. Sie weiß im Moment nicht, was kälter ist: Sind es die Augen der Rothaarigen oder deren blanker Stahl?
„Ich“, beginnt Robyn und greift erneut nach der ihr unbekannten Macht, diesem Strom in sich.
Erstaunt beobachtet sie Isabella dabei, wie diese an die Zimmerdecke geschleudert wird, dann hart zu Boden stürzt. Robyn wittert den Sieg, wird dann aber enttäuscht, da sich ihr Gegenüber sofort wieder aufrichtet.
„Nicht schlecht“, lobt Isabella tonlos, während Shelly vom Metalltisch aufsteht, sich Glassplitter von ihrer dunkelblauen Lederrüstung schnippend.
„Da haben wir wohl unseren Beweis, Isy“, meint sie unbesorgt.
Sie versucht, sich zu konzentrieren. Vielleicht muss sie noch mehr nach dieser Kraft in ihr greifen.
Doch bevor sie dazu kommt, wird sie von einer unsichtbaren Macht an die Wand gedrückt. Im gleichen Augenblick streckt die Rothaarige ihre rechte Faust in ihre Richtung aus.
„Isy, du bist wieder zu grob“, beschwert sich die Blondine, langsam auf Robyn zugehend, der ein
leises Wimmern entfährt.
Selbst mit dieser Macht hat sie wohl keine Chance gegen die Zwillinge.
„Ich halte sie doch nur fest“, erwidert Isabella kalt. Shelly winkt ab und bleibt direkt vor Robyn stehen.
„Robyn, …“, beginnt sie sanft, wobei sich ihre Blicke treffen.
„Du spürst diese Macht schon dein ganzes Leben lang, habe ich recht?“
Sie versucht zu nicken, doch der Druck auf ihr ist noch zu stark. Isabella seufzt und lockert ihren unsichtbaren Griff etwas. Robyn nickt zitternd.
„Wir können dir helfen, diese zu kontrollieren“, fährt Shelly freundlich fort.
„Also bin ich doch nicht verrückt?“, muss sie fragen.
Ihr Gegenüber schüttelt den Kopf. „Nein. Ganz und gar nicht. Für uns ist diese Kraft das Normalste überhaupt.“
Die junge Frau merkt, wie sie sich langsam beruhigt. Kann es wirklich sein? Hat sie endlich gefunden, wonach sie so lange gesucht hat? Bisher nahm sie niemand ernst, alle waren bisher der Auffassung, dass sie sich alles nur einbilde, dass sie ihren Verstand verliert. Egal, wie oft sie versucht hat, ihre Visionen zu erklären, stets lag der gleiche Ausdruck in den Augen der anderen. Diese Ungläubigkeit, diese Abfälligkeit ihr gegenüber, selbst in den Blicken ihrer eigenen Familie. Nichts davon findet sich in der smaragdgrünen Tiefe der Blondine.
„Definiere normal, Shelly“, sagt Isabella rau.
Shelly funkelt sie wütend an: „Nicht hilfreich, Isy, überhaupt nicht hilfreich!“
„Also…“, beginnt Robyn schwach.
Shelly schaut sie sofort wieder an.
„…bin ich doch nicht so kaputt, wie alle immer denken? Es ist nichts Psychisches?“
Ihr Gegenüber überlegt kurz.
„Betrachte es eher als nützliches Extra oder als besondere Fähigkeiten“, antwortet sie schließlich lächelnd. Isabella holt Luft, um etwas zu sagen, doch Shelly bringt sie mit einem wütenden Blick zum Schweigen. Sie wendet sich wieder an Robyn.
„Wir sind auf deiner Seite, auch wenn es dir im Moment nicht so vorzukommen scheint. Ich kann verstehen, dass du flüchten willst, aber …“ Sie hebt den behandschuhten, rechten Zeigefinger.
„… bei uns bist du sicher. Wir wollen dir nichts antun.“
Sie wirft einen kurzen, strengen Blick auf ihre Schwester. Robyn spürt, wie sich der Druck von ihrem Körper löst. Sie gleitet zu Boden. Isabella lässt ihre Faust sinken und steckt ihre Schwerter wieder auf ihren Rücken, lässt diese in die Schwertscheiden daran gleiten.
Langsam kommt sie auf beide zu. Die Schwarzhaarige weicht ein Stück weit vor ihr zurück.
Die Rothaarige reicht ihr eine Hand und versucht wohl, weniger bedrohlich auszusehen. Sie versucht sogar, zu lächeln.
„Vielleicht war ich doch etwas zu grob“, sagt Isabella leise, an Robyn gerichtet.
„Und?“, fordert Shelly sie auf.
Ihre Schwester seufzt und fährt widerwillig fort: „Tut mir leid.“
Zögernd ergreift sie die behandschuhte Hand, still Isabellas eisblaue Augen bewundernd. Mit einem kraftvollen Ruck ist sie wieder auf den Beinen. Dann wird ihr jedoch schwindelig, Erschöpfung legt sich mit einem Mal über sie. Sie droht zu fallen, kann spüren, wie Isabella sie festhält.
Ihr wird schwarz vor Augen.
„Ich werde sie das Kämpfen lehren“, beschließt Isabella, als sie das Gebäude verlassen, um ungestört reden zu können.
„Willst du sie umbringen? Du bist viel zu grob!“
„Eben darum. Das wird sie gut auf die kommenden Schlachten vorbereiten.“ Shelly schüttelt wie in Verzweiflung den Kopf und bleibt stehen.
„Wir sollten es langsam angehen lassen, Isy.“
„Ich glaube, die Zeit haben wir nicht“, wirft sie ein, ebenfalls stehen bleibend.
„Sie ist gerade erst hier angekommen. Sie stammt aus einer anderen Dimension. Wir dürfen sie nicht überfordern“, erklärt Shelly eindringlich.
„Wir dürfen sie aber auch nicht zu sehr behüten. Das weißt du ganz genau. Uns fehlt es an Stärke. Wir sind auf Robyn angewiesen, auch wenn mir das nicht gefällt“, hält sie entschieden dagegen. Die Blondine schaut zur aufgehenden Sonne, betrachtet kurz die umliegenden Wälder. Sie denkt lange nach, während ihre Schwester geduldig wartet. Wie kann sie Robyn überhaupt alles so verständlich wie möglich erklären? Wie soll sie die richtigen Worte finden? Wie können sie und Isabella sie auf die kommenden Ereignisse vorbereiten? Das ist doch erst mal am wichtigsten …
Aber genauso wichtig ist es, ihre Fähigkeiten zu fördern. Sie muss sich schließlich selbst verteidigen können, gerade jetzt, wo von ihren Mitstreitern jede Spur fehlt. Ihre Schwester ist stärker als sie selbst, dessen ist sich Shelly voll und ganz bewusst. Sie lebt für die Schlacht, kann dem Neuankömmling sehr viel beibringen, so viel ist sicher.
„Also schön, du wirst ihr alle möglichen Kampftechniken beibringen. Aber …“, sagt Shelly schließlich, wobei sie ihr tief in die eisblauen Augen blickt, „… zuerst müssen wir ihr einige Sachen erklären. Das überlässt du am besten mir. Und …“
Sie hebt drohend den Zeigefinger und tippt Isabella damit auf die gerüstete Brust. „… keine Demütigungen, keine Strafen und sei nicht zu hart zu ihr. Verstanden?“ Ihre Schwester nickt widerwillig. „Ich versuche es, Shelly.“
Als Robyn erwacht, liegt sie in dem gleichen Bett wie vorher. Die Unordnung, die durch ihre kürzliche Auseinandersetzung entstand, ist immer noch vorhanden. Sie hört, wie jemand an sie herantritt und schreckt hoch. Still hoffte sie, dass alles nur ein Traum war, aber als sie Shelly erspäht, muss sie feststellen, dass sie sich in der Wirklichkeit befindet …
„Wie geht es dir?“, fragt die Blondine lächelnd und setzt sich zu ihr aufs Bett.
Ihr fällt wieder ein, was Shelly vor Kurzem zu ihr gesagt hat, und sie beruhigt sich ein wenig.
„Nun … den Umständen entsprechend, würde ich sagen … was auch immer diese genau sind.“ Shelly nickt bedächtig.
Robyn hat so viele Fragen, die sie ihr stellen will. Sie fängt bei der an, die ihr als Erstes einfällt:
„Wie können wir uns überhaupt verstehen? Wie können wir die gleiche Sprache sprechen?“
„Das weiß ich leider auch nicht. Vielleicht ist es ja Zufall oder Glück. Wir können auf jeden Fall froh darüber sein“, meint die Kriegerin lächelnd.
„Woran kannst du dich erinnern? Bevor du hier aufgewacht bist?“, wechselt die Blondine das Thema, bevor Robyn etwas darauf erwidern kann.
Sie muss lange darüber nachdenken. Es erscheint ihr alles inzwischen wie ein Traum.
„Ich … wurde verfolgt. Nach der Arbeit.“
„Wo arbeitest du?“
„In einer Wäscherei. Nicht viele stellen Psychopathen ein, musst du wissen …“, antwortet Robyn. Aus irgendeinem Grund verliert sie ihre Angst vor ihrem Gegenüber. Etwas sagt ihr, dass sie ihr auch vertrauen kann.
„Warum solltest du eine Psychopathin sein?“, hakt Shelly vorsichtig nach.
„Wegen diesem … diesem Strom in mir“, meint sie, den Blick von ihr abwendend.
„Ich meine, so etwas wie vorhin habe ich noch nie geschafft … aber ich hatte diese Träume und Halluzinationen … und hab etwas gespürt. Nur konnte mir bisher niemand damit helfen. Es hielten mich bisher immer alle für verrückt“, erklärt sie plötzlich bebend.
„Du bist nicht verrückt. Du bist nur anders, etwas Besonderes, wie ich vorhin schon erwähnte. Außenstehende verstehen das nicht und halten dich für gefährlich oder verrückt“, entgegnet Shelly ruhig.
Sie hebt ihre linke Hand und lässt, mittels unsichtbarer Kraft, den Metalltisch hinter ihr an die Zimmerdecke knallen.
„Das mag zwar erst einmal beängstigend erscheinen …“, beginnt sie weiterhin ruhig,
ihre smaragdgrünen Augen auf Robyn gerichtet. Sie lässt ihre Hand sinken, der Tisch fällt sofort krachend zu Boden.
„… aber alles geschieht aus einem bestimmten Grund.“
„Der da wäre?“, fragt Robyn, sie fest ansehend.
Shelly beugt sich langsam vor und streicht ihr behutsam eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie ist ihr gefährlich nahe … der jungen Frau wird mulmig zumute.
„Du bist eine von uns“, antwortet die Blondine bestimmt.
„Was bedeutet das?“
„Sieh es als … eine besondere Gemeinschaft an“, versucht Shelly zu erklären.
„Und was ist diese … besondere Gemeinschaft genau?“, hakt Robyn nach.
Shelly erhebt sich und schreitet an eines der wenigen Fenster der Krankenstation, durch das Sonnenlicht hereindringt. Sie scheint nachzudenken.
„Ich weiß nicht recht, wie ich es dir am besten erklären soll …“, gibt sie nach einer Weile leise zu. Dann dreht sie sich wieder um.
„Hast du schon mal etwas in dir sprechen hören? Eine fremde Präsenz?“, fragt sie nun vorsichtig.
„Wie meinst du das?“
„Genauso, wie ich es gesagt habe“, erwidert sie geduldig.
Was meint sie damit? Warum weicht sie all ihren Fragen so sehr aus?
...

