Jarmila
Die silberne Garde
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 388
ISBN: 978-3-7116-1466-7
Erscheinungsdatum: 17.02.2026
Die junge Jarmila soll den satyrischen König und seinen Sohn töten, um den Krieg zu beenden. Sie schleicht sich in die Auswahl der Silbernen Garde ein, doch als sie den Prinzen kennenlernt, beginnt sie zu zweifeln, ob ihre Mission wichtiger ist als ihr Glück.
Der fremde Reiter
Die Kälte durchdrang meine weite Robe und ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen. Ich schüttelte mich einmal und versteckte meine Hände tief in der Robe, dann warf ich einen prüfenden Blick in den Korb. Meine Einkaufsliste war nicht besonders lang, trotzdem hatte ich nicht alles bekommen. Bauer Ewald hatte nur noch wenige Erdkrummen zum Verkauf angeboten, die allesamt ziemlich verkümmert aussahen. Ich hatte sie trotzdem gekauft, zu einem horrenden Preis. Eier hingegen hatte ich keine bekommen. Dafür hatte ich einige Äpfel von Navik gekauft, die nicht auf der Liste standen. Ich mochte den Jungen, deshalb nutzte ich jede Gelegenheit, bei ihm vorbeizusehen. Außerdem tat er mir leid. Ich wusste, dass sein Geschäft schlecht lief. Nicht nur seins, eigentlich kämpften alle Bauern ums Überleben. Die Stadt verdankte es nur den großzügigen Spenden des Ordens, dass noch niemand verhungert war. Aber Navik war ganz alleine. Seine Mutter war tot, sein Vater hatte ihn allein zurückgelassen. Eines Nachts war er verschwunden und alles, was er Navik hinterlassen hatte, war ein Zettel, auf dem stand, er wolle sein Glück weiter im Norden versuchen, dort solle es noch Wasser geben, doch auf seinem Weg könne er keinen Ballast gebrauchen. Das war vor drei Jahren, damals war Navik dreizehn. Er sprach nicht gerne darüber, aber jeder in der Stadt wusste Bescheid. Es war eine der wenigen Geschichten, die ich im Laufe der Jahre aufgeschnappt hatte. Ich bekam nur selten die Möglichkeit, mit Menschen außerhalb des Ordens zu reden, da ich die meiste Zeit hinter den dicken Mauern des Klosters eingesperrt war. Kam ich dann doch mal raus, begegneten mir die Menschen oft mit Ablehnung oder zumindest vorsichtiger Zurückhaltung. Navik war anders. Er hatte immer ein freundliches Lächeln für mich übrig und im Gegensatz zu den meisten anderen hier in Alvara erkannte er mich mittlerweile sogar. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Wie alle Novizinnen trug ich einen weiten, silberfarbenen Mantel, der mich komplett einhüllte. Das einzige Erkennungsmerkmal war das gelbe J auf meinem Ärmel. Da ich so klein und zierlich war, schlurfte der Saum meiner Robe über den Boden und war dementsprechend dreckig und löchrig. Die große Kapuze hätte vermutlich gereicht, um mich vor neugierigen Blicken zu schützen, trotzdem trug ich zusätzlich einen dunklen Schleier, der mein Gesicht verdeckte und nur meine Augen und Stirn freiließ. Auch die Ärmel waren etwas zu lang, weshalb ich die Enden immer doppelt umschlug. Trotzdem verbargen sie für gewöhnlich mein gelbes Geburtsband, was zeigte, dass ich im Zeichen des Feuers geboren war.
Es war bereits kurz nach Mittag, weshalb der Marktplatz fast leer war. Ich hätte schon in den Morgenstunden hier sein sollen, aber Schwester Karena hatte uns so lange die Mauer hoch- und runterklettern lassen, dass ich mich am Ende kaum bewegen konnte und mich erst einmal ausruhen musste. In einer Ecke des Platzes standen vier satyrische Soldaten. Missmutig traten sie von einem Fuß auf den anderen und beobachteten die übrig gebliebenen Menschen. Diese machten einen großen Umweg um sie und versuchten, sie möglichst nicht zu beachten. An Markttagen blieben sie zum Glück meist friedlich. Dafür gaben die Händler ihnen allerdings auch ohne große Streitigkeiten ihre Anteile. Jeder wusste, wie willkürlich sie sein konnten, wenn sie einen schlechten Tag hatten. Ihren Zorn auf sich zu ziehen, bedeutete oft den Tod. In den großen Städten sollte es noch schlimmer sein. Dort streiften die Soldaten zu jeder Tageszeit durch die Straßen und schikanierten die Bewohner. Sie nahmen sich, was sie wollten, ohne Rücksicht oder Gnade. Essen, Geld, Frauen, alles, was nicht schnell genug versteckt werden konnte. Alvara war zum Glück zu unwichtig und klein, um groß von ihnen beachtet zu werden. Und es lag zu weit südlich. In den letzten fünf Jahren war nur einmal ein satyrisches Bataillon durch die kleine Stadt gezogen. Es hatte gereicht, um zwei weitere Häuser zu zerstören und zehn Menschen zu töten. Wenn man durch Alvara schlenderte, konnte man immer noch die Zerstörung sehen. Die Häuser um den Marktplatz herum waren alle wiederhergestellt worden, doch im Westen der Stadt, wo die Soldaten besonders zerstörerisch gewesen waren, verfielen die Häuser zunehmend. Die Bewohner waren tot und niemand hatte sich die Mühe gemacht, die Häuser wieder aufzubauen. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie es im Norden aussehen musste, wo die Truppen beinahe monatlich in Richtung tamalirische Hauptstadt zogen. Wenn die Bewohner von Alvara wirklich gewillt wären, die Soldaten loszuwerden, wäre es vermutlich ein leichtes Spiel, erst recht, wenn sie die Unterstützung des Ordens hätten. Aber was dann? Niemand hier wollte den Zorn der Satyrer auf sich lenken. Wer wusste schon, was dann passierte? Die Stadt lag nah an der Grenze, innerhalb weniger Tage könnte es hier von Satyrern wimmeln.
Ich war froh, dass nicht mehr viel los war. Die Gerüche des Marktes ließen meinen Magen regelmäßig rebellieren. Jetzt hing über dem Platz nur noch der süßliche Geruch von Ivars Broten und Gewitter. Außerdem fühlte ich mich in großen Menschenmengen unwohl. Vielleicht lag es an der Einsamkeit im Kloster, vielleicht aber auch an den Blicken der anderen. Die Stadtbewohner kannten den Malam-Orden, aber niemand verstand ihn. Die Ordensmitglieder lebten zurückgezogen in ihrem kleinen Kloster und selbst die Jüngsten trugen immer einen Schleier. Niemand wusste, woher das Geld kam, mit dem wir regelmäßig den Handel unterstützten und die Stadt so am Leben erhielten. Als Novizin wusste ich natürlich, dass das Kloster nur eine Tarnung war.
Nach einem letzten Blick drehte ich mich um. Nur um direkt in Isra hineinzulaufen. Wie ich trug sie einen langen Mantel, nur dass ihrer nicht silbern, sondern blau war. Sie hatte hellblonde, fast weiße Haare und eine ebenso helle Haut. Auf ihrer Stirn hatte sie einen blauen Punkt. Isra war die Dorfmagierin von Alvara. Sie war vor einem Jahr hierhergekommen, nachdem einer der Soldaten von einem durchreisenden Streuner attackiert worden war. Seitdem schlich sie mit erhobenem Kopf und einem Blick voller Abscheu durch die Straßen.
„Es tut mir leid. Ich habe dich nicht gesehen“, stammelte ich und wich ein paar Schritte zurück. Demütig senkte ich den Kopf und beobachtete die Frau aus den Augenwinkeln. Sie rümpfte die Nase und ihre Hände zuckten, doch dann entspannte sie sich.
„Pass doch auf, wo du hintrittst“, herrschte sie mich an, drehte sich um und ging weg. Ich atmete erleichtert aus. Sie machte mir Angst. Als Magierin wäre sie fähig, uns zu helfen. Sie könnte die Kranken heilen und es vielleicht sogar regnen lassen, aber sie nutzte ihre Macht nur, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Ich wusste, dass sie sich den Befehlen von König Ricardo nicht widersetzen konnte, aber es schien ihr Spaß zu machen, uns zu schikanieren.
Ich sah ihr noch einen Moment hinterher, dann wandte ich mich endgültig ab und machte mich auf den Weg zurück zum Kloster. Der Weg war staubtrocken, es hatte seit Monaten nicht mehr geregnet. Ohne groß auf die Umgebung zu achten, schlenderte ich die Straße entlang. Sie führte mich vorbei an einer Ansammlung Ahambäume und den Feldern von Bauer Ivar. Als Kind hatte ich ihm immer die Stachelbirnen vom Baum geklaut. Als ich erwischt wurde, bekam ich von der Ordensmutter Othilia einen Monat Hausarrest aufgebrummt. Das machte mich nicht wirklich vernünftiger, aber vorsichtiger. Dieses Jahr hatten die Bäume nur wenige Früchte getragen. Sie ließen ihre Äste hängen und verloren bereits die wenigen, kleinen Blätter, die sie im Frühjahr gebildet hatten. Wenn es diesen Winter nicht regnete, würden sie nächstes Jahr wohl gar keine Früchte mehr tragen.
Von hinten erklang Pferdegetrappel und ich drehte mich um. Hinter einer Biegung kamen zwei Reiter direkt auf mich zugeprescht. Nach wenigen Sekunden erreichten sie mich und nur ein Sprung zur Seite rettete mich davor, umgeritten zu werden.
„Seid ihr von den Seelenlosen befallen!“, schrie ich erbost, aber die Reiter drehten sich nicht einmal um. Wütend wollte ich ihnen weitere Schimpfworte an den Kopf werfen, aber etwas an ihrem Aussehen ließ mich innehalten.
Die beiden Männer trugen braune Mäntel, die im Wind flatterten und fast die gleiche Farbe wie ihre Pferde hatten. Das Symbol auf ihrem Rücken war mir wohlvertraut. Ein Schwert mit zwei Flügeln. Das Wappen der satyrischen Königsfamilie. Ich sah es häufiger, aber im Normalfall nur auf den Rüstungen der Soldaten, in einer einfacheren Form, nicht auf wehenden Mänteln. Ich knirschte mit den Zähnen und ballte meine Hände zu Fäusten. Diese verfluchten Satyrer verhielten sich, als gehörte dieses Land ihnen. Offenbar reichte es nicht, dass ihre Magier den Vai Lagi und unser Land verflucht hatten und die Soldaten den Menschen Geld und Nahrungsmittel stahlen. Nein, sie begegneten uns auch noch ohne jeglichen Respekt und behandelten uns wie Menschen zweiter Klasse. Wie würde es erst werden, sollten sie den Krieg wirklich gewinnen? Ich wollte es mir lieber gar nicht vorstellen. Noch konzentrierten sie ihre Kräfte auf die Hauptstadt, aber wenn diese erst einmal gefallen war, konnten sie über das Land herfallen wie Heuschrecken über ein Feld. Unter meinem Schleier zog ich eine Grimasse, dann schüttelte ich den Kopf. Es nützte nichts, sich über sie aufzuregen. Sie waren eh schon aus meinem Blickfeld verschwunden und nur fernes Hufgetrappel zeugte von ihrer Existenz.
Ich warf einen Blick nach oben. Die Wolken am Himmel türmten sich zu riesigen Bergen und hatten eine leicht grünliche Farbe. Wenn ich nicht mitten ins Gewitter geraten wollte, sollte ich mich beeilen. Ich hastete weiter. Das Kloster lag etwas abseits von Alvara in der Nähe eines kleinen Sees. Zumindest war es früher ein See gewesen. Heutzutage war es eher ein kleiner Teich und selbst das war diesen Sommer eine Beleidigung gewesen.
Ich erreichte den See, als die ersten Blitze am Himmel zuckten. Fluchend beschleunigte ich meine Schritte, bis das Kloster zwischen den Bäumen auftauchte. Angeblich gab es das Gebäude bereits seit der Zeit der sieben gesegneten Brüder, aber wirklich glauben tat ich das nicht. Keine Frage, es war alt, ständig mussten Löcher im Dach gestopft, die Mauer verstärkt oder der Boden neu verlegt werden, aber über 1000 Jahre? Das konnte ich mir einfach nicht vorstellen.
Den Eingang des Klosters bildete ein breiter Säulengang, der zu einem halbmondförmigen Innenhof führte. Das Haupthaus war u-förmig, mit vier Türmen an den Ecken. Das Zentrum bildete eine große Halle, in der sich die Ordensmitglieder regelmäßig versammelten. Links ging es in den Frauenflügel, rechts in den Männertrakt. Im Garten des Klosters stand ein Erdschrein. Von außen sah er unscheinbar aus, eher wie ein Hügel, aber eine Treppe führte in die Tiefe in einen bronzefarbenen Raum, der durch Magie erhellt wurde. Wäre dies ein wirkliches Kloster, gäbe es hier nicht nur den einen Schrein, aber kaum jemand betrat jemals unser Gelände, daher fiel es niemandem auf.
Als ich den Säulengang erreichte, verlangsamte ich meine Schritte wieder. Im Innenhof blieb ich schließlich vollends stehen. Zehn Jungen trainierten hier unter der strengen Aufsicht von Bruder Cygus. Sie waren maximal zehn Jahre alt und von dem Gewitter sichtlich eingeschüchtert, aber das hielt Cygus nicht davon ab, sie weiter mit Liegestützen zu quälen. Stöhnend kamen die Kinder immer wieder hoch. Als einem von ihnen die Arme wegbrachen, bekam er als Strafe ein paar Schläge mit einem Stock auf den Rücken. Er schrie auf, wofür er gleich noch einen Schlag erntete. Sie alle waren Kriegswaisen und noch nicht lange hier im Kloster. Auf der anderen Seite des Hofes waren zwei Pferde an die Säulen gebunden. Unruhig schabten sie mit den Füßen und bewegten ihre Köpfe auf und ab. Ich erkannte sie auf den ersten Blick. Es waren die Pferde der satyrischen Reiter. Was wollten sie hier? Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann das letzte Mal Satyrer das Kloster betreten hatten, außerdem waren es keine Soldaten, sondern Adelige. Neugierig ließ ich meinen Blick über die Fenster gleiten. Da sie nicht wie üblich auf dem Hof abgefangen wurden, gab es nur einen Ort, wo sie sein konnten: bei der Ordensmutter.
Statt meine Einkäufe abzuliefern, lief ich ums Gebäude herum, bis ich direkt unter dem Fenster des hohen Zimmers stand. Wie jedes Mal, wenn ich das Zimmer betrat, saß Othilia königlich auf ihrem Stuhl. Interessiert schaute sie zu den beiden Männern. Sie hatte ihre Hände verschlungen und legte ihren Kopf leicht darauf ab. Ihre Robe hatte die gleiche Farbe wie meine, aber auf ihrem Rücken war ein weißer Halbmond gestickt. Ich betrachtete die Satyrer genauer. Sie waren beide nicht mehr die Jüngsten. Der Rechte hatte graue Haare, die von einigen schwarzen Strähnen durchzogen waren, und einen ebenfalls grauen Bart. Der andere hatte blonde Haare und einen Dreitagebart. Er überragte den Dunkelhaarigen um einige Zentimeter. Sein Bauch wölbte sich etwas unter seinem großen Mantel. Ich kannte ihn! Nicht persönlich, aber ich hatte sein Bild schon oft genug gesehen. Das war Lord Iraisan, der Bruder des Königs. Aber was tat er hier? Ich drückte mein Ohr gegen die kalte Glasscheibe, um zu hören, was die drei besprachen.
„Ich denke, mein Vorschlag ist im Sinne aller. Es ist der beste Weg, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, da müsst Ihr mir zustimmen, ehrwürdige Mutter.“
„Das ist keine Entscheidung, die ich voreilig treffen werde.“
Ein Donnerklang verlieh ihren Worten eine unheilvolle Wirkung, obwohl ihre Stimme ruhig und gelassen war. Ich hatte es nicht einmal erlebt, dass sie wütend klang oder gar laut wurde, dabei hatte ich ihr als Kind oft genug Grund dazu gegeben. Zu meiner Anfangszeit hier im Kloster hatte ich sehr mit den strengen Ritualen und Regeln gehadert. Von einem Tag auf den anderen war meine ganze Welt auf den Kopf gestellt. Statt morgens sanft von meiner Mutter geweckt zu werden, hieß es, mit dem Sonnenaufgang aufstehen, um zu trainieren. Statt einer liebenden Familie war ich auf einmal umgeben von den Ordensmitgliedern, die sich für nichts anderes zu interessieren schienen, als uns auf den Kampf vorzubereiten. Mit den Jahren gewöhnte ich mich an das Leben hier. Das harte Training hatte meinen Körper und Geist gestählt und meinen Widerstand gebrochen. Mittlerweile bestellte mich die Mutter Oberin nur noch zu sich, wenn ich mal wieder unerlaubt das Gelände verließ, um aufs Plateau zu klettern.
„Hast du in den letzten Jahren denn überhaupt nichts gelernt, Jarmila?“
Beim Klang meines Namens wirbelte ich erschrocken herum.
„Wenn du schon lauschen musst, dann lass dich nicht dabei erwischen.“
Vor mir stand Schwester Amalita. Sie hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und sah mit hochgezogenen Augen zwischen mir und dem Fenster hin und her. Innerlich wurde ich noch kleiner, als ich sowieso schon war, und verlegen rutschte ich vom Fenster weg. Schweigend betrachtete ich den Boden vor mir und wartete auf die Moralpredigt. Erneut erhellte ein Blitz den Himmel und ich zuckte zusammen. Amalita schien es nicht einmal zu bemerken. Sie war nicht die strengste Schwester im Kloster, im Gegenteil, eigentlich mochte ich sie sehr gerne. Sie hatte stets ein offenes Ohr für mich und meine Sorgen und brühte mir auch heutzutage noch manchmal mitten in der Nacht einen beruhigenden Tee, wenn ich mal wieder nicht schlafen konnte. Aber sie hatte recht. Seit neun Jahren bildete der Orden mich aus und ich hockte wie eine Anfängerin unter dem Fenster, ohne auf meine Umgebung zu achten.
„Die Mutter Oberin hat darum gebeten, nicht gestört zu werden, und ich denke, wir sollten ihren Wunsch respektieren, findest du nicht? Solange sie nichts anderes sagt, ist es nicht deine Angelegenheit, und wenn sich daran etwas ändert, erfährst du es früh genug.“
Überrascht sah ich wieder auf. Das hatte ich nicht erwartet. Hinter dem Schleier war es natürlich schwer zu erkennen, aber es sah so aus, als lächelte sie.
„Aber was will Lord Iraisan bei uns im Kloster?“, fragte ich neugierig. Amalita zuckte mit den Schultern, dann griff sie nach meiner Hand und zog mich vom Fenster weg.
„Statt den vertraulichen Gesprächen anderer zu lauschen, solltest du lieber deinen Pflichten nachgehen. Außerdem ist es nicht schlau, bei Gewitter draußen rumzulaufen.“
Sie warf einen eindeutigen Blick auf den Korb, den ich immer noch in der Hand hielt, und ich seufzte. Ich ließ mich von ihr zurück zum Innenhof führen, von wo aus sie in Richtung des Brunnens verschwand. Ich warf einen sehnsüchtigen Blick zurück, doch schließlich betrat ich das Kloster. Es war ungewöhnlich, dass ich so leicht davongekommen war. Hätte ein anderes Ordensmitglied mich dabei erwischt, hätte ich mindestens eine Woche die Böden schrubben müssen, und darauf konnte ich wirklich verzichten.
„Hallo?“, rief ich, als ich die Küche betrat. Nur einen Moment später lugte Schwester Bernadette hinter einem Regal hervor. Die meiste Zeit über war sie völlig alleine in der Küche, trotzdem legte sie niemals ihre Robe oder den Schleier ab. Aber auch ohne das grüne B auf ihrem Arm war sie gut an ihrer rundlichen Figur zu erkennen.
„Da bist du ja endlich. Ich dachte schon, die Seelenlosen hätten dich geholt. Du hättest vor Stunden zurück sein sollen. Du hast das Mittagessen verpasst, aber ich habe dir ein paar Reste aufgehoben. Hast du alles bekommen?“
Ich stellte ihr den Korb auf den Tisch. Schwester Bernadette warf einen Blick hinein und gab ein unglückliches Geräusch von sich, dann schüttelte sie leicht den Kopf und schob mir eine Holzschale mit Brei und eine Tasse Tee hin. Ich rümpfte die Nase, aber zum Glück konnte Schwester Bernadette das durch den Schleier nicht sehen. Seit neun Jahren gab es jeden Tag diesen Hirsebrei, angedickt in etwas Weißwicklermilch. Der Tee war sogar noch schlimmer. Schwester Bernadette bereitete ihn aus einer Mischung von Amarilis, Schneewehe und Meertreubel zu. Er schmeckte bitter und im Nachgeschmack nach Eisen, aber laut der Köchin war es ein Wundermittel. Als Kind hatte ich versucht, den Tee in die Pflanzen zu kippen, und einmal wollte ich ihn sogar Koah im Tausch gegen den Küchendienst andrehen. Leider kam Schwester Bernadette mir schnell auf die Schliche und verdonnerte mich zu mehreren Monaten voller Doppelschichten, da ich ja offensichtlich so gerne in der Küche arbeitete. Der Tee blieb mir trotzdem nicht erspart. Ich wusste, ich sollte mich glücklich schätzen, dass unser Brunnen überhaupt noch Wasser hatte. Je weiter man ins Landesinnere kam, desto schlimmer wurde der Wassermangel. Dieses Jahr hatte es in weiten Teilen des Landes überhaupt nicht geregnet. Hierher, so nahe an der Grenze, verirrten sich immerhin ein paar Wolken, wenn auch lange nicht genug, um das Getreide zu bewässern und das Vieh durchzufüttern.
Ich nahm die Schüssel und die Tasse und zog mich in die kleine Kammer neben der Küche zurück, wo ich endlich den Schleier ablegte. Es war das oberste Gesetz des Ordens, dass jedes Mitglied, ob vollwertig oder noch Novize, den Schleier tragen musste, solange er oder sie nicht gerade aß, trainierte oder schlief.
Während ich hastig meinen Brei hinunterschlang, kehrten meine Gedanken zurück zum Besuch der hohen Mutter. Was wollte Lord Iraisan hier? Es war mehr als ungewöhnlich, dass er sich auf dieser Seite der Mauer aufhielt, noch dazu ohne seine Leibwache. Die Tamalirer waren nicht gut auf die königliche Familie zu sprechen. Natürlich nicht! Wenn sie erfuhren, wer er war, konnte leicht jemand auf dumme Gedanken kommen. Ich zum Beispiel. Unwillkürlich tastete ich nach dem kleinen Dolch, der immer in meinem rechten Stiefel steckte. Es war ein Erbstück meines Vaters, der ihn eines Tages im Fluss gefunden hatte. Er hatte immer behauptet, in dem Dolch war die Seele eines mächtigen Wesens eingesperrt, das mich vor Gefahren beschützen würde. Jetzt würde ich gerne Gebrauch von ihm machen. Lord Iraisan zu töten, beendete diesen Krieg nicht, machte aber bestimmt viele Menschen glücklicher. Schlimmer konnte es schließlich kaum werden. Trotzdem war der Wunsch, zu erfahren, worüber sie gesprochen hatten, größer als der Wunsch, ihn zu töten. Er hatte der Mutter Oberin irgendetwas angeboten, aber warum kam er dafür ausgerechnet hierher? Es gab nur wenige, die wussten, was der Orden wirklich war, und die königliche Familie von Satyr sollte nicht dazu gehören.
Ich beendete mein karges Mahl, klaute Schwester Bernadette noch einen der Äpfel aus dem Korb und lief in die Katakomben. Das Kellergewölbe war größer als das Kloster, das auf ihm stand. Unterirdisch verzweigte es sich zu einem Labyrinth, das beinahe bis zur Stadt reichte. Als ich zwölf war, brachte man mich gemeinsam mit Koah hier hinunter. Wir durften nichts mitnehmen, nicht einmal Kleidung, und mussten alleine den Ausgang wiederfinden. Es war brutal und hatte uns nahe an unsere Grenzen gebracht, aber seitdem sah ich in Koah die Schwester, die ich nie gehabt hatte.
Jetzt blieb ich allerdings im vorderen Bereich des Kellers und folgte einem langen, breiten Gang. Links und rechts zweigten mehrere Trainingsräume ab. Ich betrat einen davon und schloss die Tür hinter mir. Der Raum war nur spärlich eingerichtet. An der rechten Wand standen eine Bank und zwei Übungspuppen aus Holz und Stroh. Gegenüber hingen einige Waffen an der Wand. Ich nahm mir eines der Kurzschwerter, balancierte es auf meinem Zeigefinger aus und stach probeweise ein paar Mal in die Luft. Mein eigenes Schwert lag noch oben in meiner Kammer, aber das hier ähnelte ihm. Es war etwas schwerer, aber ungefähr genauso lang. Die anderen Novizinnen bezeichneten mein Schwert gerne als Stricknadel, mit der ich lieber eine Tunika stricken statt kämpfen sollte. Die hatten gut lachen. Jede einzelne von ihnen überragte mich um mindestens einen halben Kopf. Für mich war mein Schwert perfekt.
...
Die Kälte durchdrang meine weite Robe und ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen. Ich schüttelte mich einmal und versteckte meine Hände tief in der Robe, dann warf ich einen prüfenden Blick in den Korb. Meine Einkaufsliste war nicht besonders lang, trotzdem hatte ich nicht alles bekommen. Bauer Ewald hatte nur noch wenige Erdkrummen zum Verkauf angeboten, die allesamt ziemlich verkümmert aussahen. Ich hatte sie trotzdem gekauft, zu einem horrenden Preis. Eier hingegen hatte ich keine bekommen. Dafür hatte ich einige Äpfel von Navik gekauft, die nicht auf der Liste standen. Ich mochte den Jungen, deshalb nutzte ich jede Gelegenheit, bei ihm vorbeizusehen. Außerdem tat er mir leid. Ich wusste, dass sein Geschäft schlecht lief. Nicht nur seins, eigentlich kämpften alle Bauern ums Überleben. Die Stadt verdankte es nur den großzügigen Spenden des Ordens, dass noch niemand verhungert war. Aber Navik war ganz alleine. Seine Mutter war tot, sein Vater hatte ihn allein zurückgelassen. Eines Nachts war er verschwunden und alles, was er Navik hinterlassen hatte, war ein Zettel, auf dem stand, er wolle sein Glück weiter im Norden versuchen, dort solle es noch Wasser geben, doch auf seinem Weg könne er keinen Ballast gebrauchen. Das war vor drei Jahren, damals war Navik dreizehn. Er sprach nicht gerne darüber, aber jeder in der Stadt wusste Bescheid. Es war eine der wenigen Geschichten, die ich im Laufe der Jahre aufgeschnappt hatte. Ich bekam nur selten die Möglichkeit, mit Menschen außerhalb des Ordens zu reden, da ich die meiste Zeit hinter den dicken Mauern des Klosters eingesperrt war. Kam ich dann doch mal raus, begegneten mir die Menschen oft mit Ablehnung oder zumindest vorsichtiger Zurückhaltung. Navik war anders. Er hatte immer ein freundliches Lächeln für mich übrig und im Gegensatz zu den meisten anderen hier in Alvara erkannte er mich mittlerweile sogar. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Wie alle Novizinnen trug ich einen weiten, silberfarbenen Mantel, der mich komplett einhüllte. Das einzige Erkennungsmerkmal war das gelbe J auf meinem Ärmel. Da ich so klein und zierlich war, schlurfte der Saum meiner Robe über den Boden und war dementsprechend dreckig und löchrig. Die große Kapuze hätte vermutlich gereicht, um mich vor neugierigen Blicken zu schützen, trotzdem trug ich zusätzlich einen dunklen Schleier, der mein Gesicht verdeckte und nur meine Augen und Stirn freiließ. Auch die Ärmel waren etwas zu lang, weshalb ich die Enden immer doppelt umschlug. Trotzdem verbargen sie für gewöhnlich mein gelbes Geburtsband, was zeigte, dass ich im Zeichen des Feuers geboren war.
Es war bereits kurz nach Mittag, weshalb der Marktplatz fast leer war. Ich hätte schon in den Morgenstunden hier sein sollen, aber Schwester Karena hatte uns so lange die Mauer hoch- und runterklettern lassen, dass ich mich am Ende kaum bewegen konnte und mich erst einmal ausruhen musste. In einer Ecke des Platzes standen vier satyrische Soldaten. Missmutig traten sie von einem Fuß auf den anderen und beobachteten die übrig gebliebenen Menschen. Diese machten einen großen Umweg um sie und versuchten, sie möglichst nicht zu beachten. An Markttagen blieben sie zum Glück meist friedlich. Dafür gaben die Händler ihnen allerdings auch ohne große Streitigkeiten ihre Anteile. Jeder wusste, wie willkürlich sie sein konnten, wenn sie einen schlechten Tag hatten. Ihren Zorn auf sich zu ziehen, bedeutete oft den Tod. In den großen Städten sollte es noch schlimmer sein. Dort streiften die Soldaten zu jeder Tageszeit durch die Straßen und schikanierten die Bewohner. Sie nahmen sich, was sie wollten, ohne Rücksicht oder Gnade. Essen, Geld, Frauen, alles, was nicht schnell genug versteckt werden konnte. Alvara war zum Glück zu unwichtig und klein, um groß von ihnen beachtet zu werden. Und es lag zu weit südlich. In den letzten fünf Jahren war nur einmal ein satyrisches Bataillon durch die kleine Stadt gezogen. Es hatte gereicht, um zwei weitere Häuser zu zerstören und zehn Menschen zu töten. Wenn man durch Alvara schlenderte, konnte man immer noch die Zerstörung sehen. Die Häuser um den Marktplatz herum waren alle wiederhergestellt worden, doch im Westen der Stadt, wo die Soldaten besonders zerstörerisch gewesen waren, verfielen die Häuser zunehmend. Die Bewohner waren tot und niemand hatte sich die Mühe gemacht, die Häuser wieder aufzubauen. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie es im Norden aussehen musste, wo die Truppen beinahe monatlich in Richtung tamalirische Hauptstadt zogen. Wenn die Bewohner von Alvara wirklich gewillt wären, die Soldaten loszuwerden, wäre es vermutlich ein leichtes Spiel, erst recht, wenn sie die Unterstützung des Ordens hätten. Aber was dann? Niemand hier wollte den Zorn der Satyrer auf sich lenken. Wer wusste schon, was dann passierte? Die Stadt lag nah an der Grenze, innerhalb weniger Tage könnte es hier von Satyrern wimmeln.
Ich war froh, dass nicht mehr viel los war. Die Gerüche des Marktes ließen meinen Magen regelmäßig rebellieren. Jetzt hing über dem Platz nur noch der süßliche Geruch von Ivars Broten und Gewitter. Außerdem fühlte ich mich in großen Menschenmengen unwohl. Vielleicht lag es an der Einsamkeit im Kloster, vielleicht aber auch an den Blicken der anderen. Die Stadtbewohner kannten den Malam-Orden, aber niemand verstand ihn. Die Ordensmitglieder lebten zurückgezogen in ihrem kleinen Kloster und selbst die Jüngsten trugen immer einen Schleier. Niemand wusste, woher das Geld kam, mit dem wir regelmäßig den Handel unterstützten und die Stadt so am Leben erhielten. Als Novizin wusste ich natürlich, dass das Kloster nur eine Tarnung war.
Nach einem letzten Blick drehte ich mich um. Nur um direkt in Isra hineinzulaufen. Wie ich trug sie einen langen Mantel, nur dass ihrer nicht silbern, sondern blau war. Sie hatte hellblonde, fast weiße Haare und eine ebenso helle Haut. Auf ihrer Stirn hatte sie einen blauen Punkt. Isra war die Dorfmagierin von Alvara. Sie war vor einem Jahr hierhergekommen, nachdem einer der Soldaten von einem durchreisenden Streuner attackiert worden war. Seitdem schlich sie mit erhobenem Kopf und einem Blick voller Abscheu durch die Straßen.
„Es tut mir leid. Ich habe dich nicht gesehen“, stammelte ich und wich ein paar Schritte zurück. Demütig senkte ich den Kopf und beobachtete die Frau aus den Augenwinkeln. Sie rümpfte die Nase und ihre Hände zuckten, doch dann entspannte sie sich.
„Pass doch auf, wo du hintrittst“, herrschte sie mich an, drehte sich um und ging weg. Ich atmete erleichtert aus. Sie machte mir Angst. Als Magierin wäre sie fähig, uns zu helfen. Sie könnte die Kranken heilen und es vielleicht sogar regnen lassen, aber sie nutzte ihre Macht nur, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Ich wusste, dass sie sich den Befehlen von König Ricardo nicht widersetzen konnte, aber es schien ihr Spaß zu machen, uns zu schikanieren.
Ich sah ihr noch einen Moment hinterher, dann wandte ich mich endgültig ab und machte mich auf den Weg zurück zum Kloster. Der Weg war staubtrocken, es hatte seit Monaten nicht mehr geregnet. Ohne groß auf die Umgebung zu achten, schlenderte ich die Straße entlang. Sie führte mich vorbei an einer Ansammlung Ahambäume und den Feldern von Bauer Ivar. Als Kind hatte ich ihm immer die Stachelbirnen vom Baum geklaut. Als ich erwischt wurde, bekam ich von der Ordensmutter Othilia einen Monat Hausarrest aufgebrummt. Das machte mich nicht wirklich vernünftiger, aber vorsichtiger. Dieses Jahr hatten die Bäume nur wenige Früchte getragen. Sie ließen ihre Äste hängen und verloren bereits die wenigen, kleinen Blätter, die sie im Frühjahr gebildet hatten. Wenn es diesen Winter nicht regnete, würden sie nächstes Jahr wohl gar keine Früchte mehr tragen.
Von hinten erklang Pferdegetrappel und ich drehte mich um. Hinter einer Biegung kamen zwei Reiter direkt auf mich zugeprescht. Nach wenigen Sekunden erreichten sie mich und nur ein Sprung zur Seite rettete mich davor, umgeritten zu werden.
„Seid ihr von den Seelenlosen befallen!“, schrie ich erbost, aber die Reiter drehten sich nicht einmal um. Wütend wollte ich ihnen weitere Schimpfworte an den Kopf werfen, aber etwas an ihrem Aussehen ließ mich innehalten.
Die beiden Männer trugen braune Mäntel, die im Wind flatterten und fast die gleiche Farbe wie ihre Pferde hatten. Das Symbol auf ihrem Rücken war mir wohlvertraut. Ein Schwert mit zwei Flügeln. Das Wappen der satyrischen Königsfamilie. Ich sah es häufiger, aber im Normalfall nur auf den Rüstungen der Soldaten, in einer einfacheren Form, nicht auf wehenden Mänteln. Ich knirschte mit den Zähnen und ballte meine Hände zu Fäusten. Diese verfluchten Satyrer verhielten sich, als gehörte dieses Land ihnen. Offenbar reichte es nicht, dass ihre Magier den Vai Lagi und unser Land verflucht hatten und die Soldaten den Menschen Geld und Nahrungsmittel stahlen. Nein, sie begegneten uns auch noch ohne jeglichen Respekt und behandelten uns wie Menschen zweiter Klasse. Wie würde es erst werden, sollten sie den Krieg wirklich gewinnen? Ich wollte es mir lieber gar nicht vorstellen. Noch konzentrierten sie ihre Kräfte auf die Hauptstadt, aber wenn diese erst einmal gefallen war, konnten sie über das Land herfallen wie Heuschrecken über ein Feld. Unter meinem Schleier zog ich eine Grimasse, dann schüttelte ich den Kopf. Es nützte nichts, sich über sie aufzuregen. Sie waren eh schon aus meinem Blickfeld verschwunden und nur fernes Hufgetrappel zeugte von ihrer Existenz.
Ich warf einen Blick nach oben. Die Wolken am Himmel türmten sich zu riesigen Bergen und hatten eine leicht grünliche Farbe. Wenn ich nicht mitten ins Gewitter geraten wollte, sollte ich mich beeilen. Ich hastete weiter. Das Kloster lag etwas abseits von Alvara in der Nähe eines kleinen Sees. Zumindest war es früher ein See gewesen. Heutzutage war es eher ein kleiner Teich und selbst das war diesen Sommer eine Beleidigung gewesen.
Ich erreichte den See, als die ersten Blitze am Himmel zuckten. Fluchend beschleunigte ich meine Schritte, bis das Kloster zwischen den Bäumen auftauchte. Angeblich gab es das Gebäude bereits seit der Zeit der sieben gesegneten Brüder, aber wirklich glauben tat ich das nicht. Keine Frage, es war alt, ständig mussten Löcher im Dach gestopft, die Mauer verstärkt oder der Boden neu verlegt werden, aber über 1000 Jahre? Das konnte ich mir einfach nicht vorstellen.
Den Eingang des Klosters bildete ein breiter Säulengang, der zu einem halbmondförmigen Innenhof führte. Das Haupthaus war u-förmig, mit vier Türmen an den Ecken. Das Zentrum bildete eine große Halle, in der sich die Ordensmitglieder regelmäßig versammelten. Links ging es in den Frauenflügel, rechts in den Männertrakt. Im Garten des Klosters stand ein Erdschrein. Von außen sah er unscheinbar aus, eher wie ein Hügel, aber eine Treppe führte in die Tiefe in einen bronzefarbenen Raum, der durch Magie erhellt wurde. Wäre dies ein wirkliches Kloster, gäbe es hier nicht nur den einen Schrein, aber kaum jemand betrat jemals unser Gelände, daher fiel es niemandem auf.
Als ich den Säulengang erreichte, verlangsamte ich meine Schritte wieder. Im Innenhof blieb ich schließlich vollends stehen. Zehn Jungen trainierten hier unter der strengen Aufsicht von Bruder Cygus. Sie waren maximal zehn Jahre alt und von dem Gewitter sichtlich eingeschüchtert, aber das hielt Cygus nicht davon ab, sie weiter mit Liegestützen zu quälen. Stöhnend kamen die Kinder immer wieder hoch. Als einem von ihnen die Arme wegbrachen, bekam er als Strafe ein paar Schläge mit einem Stock auf den Rücken. Er schrie auf, wofür er gleich noch einen Schlag erntete. Sie alle waren Kriegswaisen und noch nicht lange hier im Kloster. Auf der anderen Seite des Hofes waren zwei Pferde an die Säulen gebunden. Unruhig schabten sie mit den Füßen und bewegten ihre Köpfe auf und ab. Ich erkannte sie auf den ersten Blick. Es waren die Pferde der satyrischen Reiter. Was wollten sie hier? Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann das letzte Mal Satyrer das Kloster betreten hatten, außerdem waren es keine Soldaten, sondern Adelige. Neugierig ließ ich meinen Blick über die Fenster gleiten. Da sie nicht wie üblich auf dem Hof abgefangen wurden, gab es nur einen Ort, wo sie sein konnten: bei der Ordensmutter.
Statt meine Einkäufe abzuliefern, lief ich ums Gebäude herum, bis ich direkt unter dem Fenster des hohen Zimmers stand. Wie jedes Mal, wenn ich das Zimmer betrat, saß Othilia königlich auf ihrem Stuhl. Interessiert schaute sie zu den beiden Männern. Sie hatte ihre Hände verschlungen und legte ihren Kopf leicht darauf ab. Ihre Robe hatte die gleiche Farbe wie meine, aber auf ihrem Rücken war ein weißer Halbmond gestickt. Ich betrachtete die Satyrer genauer. Sie waren beide nicht mehr die Jüngsten. Der Rechte hatte graue Haare, die von einigen schwarzen Strähnen durchzogen waren, und einen ebenfalls grauen Bart. Der andere hatte blonde Haare und einen Dreitagebart. Er überragte den Dunkelhaarigen um einige Zentimeter. Sein Bauch wölbte sich etwas unter seinem großen Mantel. Ich kannte ihn! Nicht persönlich, aber ich hatte sein Bild schon oft genug gesehen. Das war Lord Iraisan, der Bruder des Königs. Aber was tat er hier? Ich drückte mein Ohr gegen die kalte Glasscheibe, um zu hören, was die drei besprachen.
„Ich denke, mein Vorschlag ist im Sinne aller. Es ist der beste Weg, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, da müsst Ihr mir zustimmen, ehrwürdige Mutter.“
„Das ist keine Entscheidung, die ich voreilig treffen werde.“
Ein Donnerklang verlieh ihren Worten eine unheilvolle Wirkung, obwohl ihre Stimme ruhig und gelassen war. Ich hatte es nicht einmal erlebt, dass sie wütend klang oder gar laut wurde, dabei hatte ich ihr als Kind oft genug Grund dazu gegeben. Zu meiner Anfangszeit hier im Kloster hatte ich sehr mit den strengen Ritualen und Regeln gehadert. Von einem Tag auf den anderen war meine ganze Welt auf den Kopf gestellt. Statt morgens sanft von meiner Mutter geweckt zu werden, hieß es, mit dem Sonnenaufgang aufstehen, um zu trainieren. Statt einer liebenden Familie war ich auf einmal umgeben von den Ordensmitgliedern, die sich für nichts anderes zu interessieren schienen, als uns auf den Kampf vorzubereiten. Mit den Jahren gewöhnte ich mich an das Leben hier. Das harte Training hatte meinen Körper und Geist gestählt und meinen Widerstand gebrochen. Mittlerweile bestellte mich die Mutter Oberin nur noch zu sich, wenn ich mal wieder unerlaubt das Gelände verließ, um aufs Plateau zu klettern.
„Hast du in den letzten Jahren denn überhaupt nichts gelernt, Jarmila?“
Beim Klang meines Namens wirbelte ich erschrocken herum.
„Wenn du schon lauschen musst, dann lass dich nicht dabei erwischen.“
Vor mir stand Schwester Amalita. Sie hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und sah mit hochgezogenen Augen zwischen mir und dem Fenster hin und her. Innerlich wurde ich noch kleiner, als ich sowieso schon war, und verlegen rutschte ich vom Fenster weg. Schweigend betrachtete ich den Boden vor mir und wartete auf die Moralpredigt. Erneut erhellte ein Blitz den Himmel und ich zuckte zusammen. Amalita schien es nicht einmal zu bemerken. Sie war nicht die strengste Schwester im Kloster, im Gegenteil, eigentlich mochte ich sie sehr gerne. Sie hatte stets ein offenes Ohr für mich und meine Sorgen und brühte mir auch heutzutage noch manchmal mitten in der Nacht einen beruhigenden Tee, wenn ich mal wieder nicht schlafen konnte. Aber sie hatte recht. Seit neun Jahren bildete der Orden mich aus und ich hockte wie eine Anfängerin unter dem Fenster, ohne auf meine Umgebung zu achten.
„Die Mutter Oberin hat darum gebeten, nicht gestört zu werden, und ich denke, wir sollten ihren Wunsch respektieren, findest du nicht? Solange sie nichts anderes sagt, ist es nicht deine Angelegenheit, und wenn sich daran etwas ändert, erfährst du es früh genug.“
Überrascht sah ich wieder auf. Das hatte ich nicht erwartet. Hinter dem Schleier war es natürlich schwer zu erkennen, aber es sah so aus, als lächelte sie.
„Aber was will Lord Iraisan bei uns im Kloster?“, fragte ich neugierig. Amalita zuckte mit den Schultern, dann griff sie nach meiner Hand und zog mich vom Fenster weg.
„Statt den vertraulichen Gesprächen anderer zu lauschen, solltest du lieber deinen Pflichten nachgehen. Außerdem ist es nicht schlau, bei Gewitter draußen rumzulaufen.“
Sie warf einen eindeutigen Blick auf den Korb, den ich immer noch in der Hand hielt, und ich seufzte. Ich ließ mich von ihr zurück zum Innenhof führen, von wo aus sie in Richtung des Brunnens verschwand. Ich warf einen sehnsüchtigen Blick zurück, doch schließlich betrat ich das Kloster. Es war ungewöhnlich, dass ich so leicht davongekommen war. Hätte ein anderes Ordensmitglied mich dabei erwischt, hätte ich mindestens eine Woche die Böden schrubben müssen, und darauf konnte ich wirklich verzichten.
„Hallo?“, rief ich, als ich die Küche betrat. Nur einen Moment später lugte Schwester Bernadette hinter einem Regal hervor. Die meiste Zeit über war sie völlig alleine in der Küche, trotzdem legte sie niemals ihre Robe oder den Schleier ab. Aber auch ohne das grüne B auf ihrem Arm war sie gut an ihrer rundlichen Figur zu erkennen.
„Da bist du ja endlich. Ich dachte schon, die Seelenlosen hätten dich geholt. Du hättest vor Stunden zurück sein sollen. Du hast das Mittagessen verpasst, aber ich habe dir ein paar Reste aufgehoben. Hast du alles bekommen?“
Ich stellte ihr den Korb auf den Tisch. Schwester Bernadette warf einen Blick hinein und gab ein unglückliches Geräusch von sich, dann schüttelte sie leicht den Kopf und schob mir eine Holzschale mit Brei und eine Tasse Tee hin. Ich rümpfte die Nase, aber zum Glück konnte Schwester Bernadette das durch den Schleier nicht sehen. Seit neun Jahren gab es jeden Tag diesen Hirsebrei, angedickt in etwas Weißwicklermilch. Der Tee war sogar noch schlimmer. Schwester Bernadette bereitete ihn aus einer Mischung von Amarilis, Schneewehe und Meertreubel zu. Er schmeckte bitter und im Nachgeschmack nach Eisen, aber laut der Köchin war es ein Wundermittel. Als Kind hatte ich versucht, den Tee in die Pflanzen zu kippen, und einmal wollte ich ihn sogar Koah im Tausch gegen den Küchendienst andrehen. Leider kam Schwester Bernadette mir schnell auf die Schliche und verdonnerte mich zu mehreren Monaten voller Doppelschichten, da ich ja offensichtlich so gerne in der Küche arbeitete. Der Tee blieb mir trotzdem nicht erspart. Ich wusste, ich sollte mich glücklich schätzen, dass unser Brunnen überhaupt noch Wasser hatte. Je weiter man ins Landesinnere kam, desto schlimmer wurde der Wassermangel. Dieses Jahr hatte es in weiten Teilen des Landes überhaupt nicht geregnet. Hierher, so nahe an der Grenze, verirrten sich immerhin ein paar Wolken, wenn auch lange nicht genug, um das Getreide zu bewässern und das Vieh durchzufüttern.
Ich nahm die Schüssel und die Tasse und zog mich in die kleine Kammer neben der Küche zurück, wo ich endlich den Schleier ablegte. Es war das oberste Gesetz des Ordens, dass jedes Mitglied, ob vollwertig oder noch Novize, den Schleier tragen musste, solange er oder sie nicht gerade aß, trainierte oder schlief.
Während ich hastig meinen Brei hinunterschlang, kehrten meine Gedanken zurück zum Besuch der hohen Mutter. Was wollte Lord Iraisan hier? Es war mehr als ungewöhnlich, dass er sich auf dieser Seite der Mauer aufhielt, noch dazu ohne seine Leibwache. Die Tamalirer waren nicht gut auf die königliche Familie zu sprechen. Natürlich nicht! Wenn sie erfuhren, wer er war, konnte leicht jemand auf dumme Gedanken kommen. Ich zum Beispiel. Unwillkürlich tastete ich nach dem kleinen Dolch, der immer in meinem rechten Stiefel steckte. Es war ein Erbstück meines Vaters, der ihn eines Tages im Fluss gefunden hatte. Er hatte immer behauptet, in dem Dolch war die Seele eines mächtigen Wesens eingesperrt, das mich vor Gefahren beschützen würde. Jetzt würde ich gerne Gebrauch von ihm machen. Lord Iraisan zu töten, beendete diesen Krieg nicht, machte aber bestimmt viele Menschen glücklicher. Schlimmer konnte es schließlich kaum werden. Trotzdem war der Wunsch, zu erfahren, worüber sie gesprochen hatten, größer als der Wunsch, ihn zu töten. Er hatte der Mutter Oberin irgendetwas angeboten, aber warum kam er dafür ausgerechnet hierher? Es gab nur wenige, die wussten, was der Orden wirklich war, und die königliche Familie von Satyr sollte nicht dazu gehören.
Ich beendete mein karges Mahl, klaute Schwester Bernadette noch einen der Äpfel aus dem Korb und lief in die Katakomben. Das Kellergewölbe war größer als das Kloster, das auf ihm stand. Unterirdisch verzweigte es sich zu einem Labyrinth, das beinahe bis zur Stadt reichte. Als ich zwölf war, brachte man mich gemeinsam mit Koah hier hinunter. Wir durften nichts mitnehmen, nicht einmal Kleidung, und mussten alleine den Ausgang wiederfinden. Es war brutal und hatte uns nahe an unsere Grenzen gebracht, aber seitdem sah ich in Koah die Schwester, die ich nie gehabt hatte.
Jetzt blieb ich allerdings im vorderen Bereich des Kellers und folgte einem langen, breiten Gang. Links und rechts zweigten mehrere Trainingsräume ab. Ich betrat einen davon und schloss die Tür hinter mir. Der Raum war nur spärlich eingerichtet. An der rechten Wand standen eine Bank und zwei Übungspuppen aus Holz und Stroh. Gegenüber hingen einige Waffen an der Wand. Ich nahm mir eines der Kurzschwerter, balancierte es auf meinem Zeigefinger aus und stach probeweise ein paar Mal in die Luft. Mein eigenes Schwert lag noch oben in meiner Kammer, aber das hier ähnelte ihm. Es war etwas schwerer, aber ungefähr genauso lang. Die anderen Novizinnen bezeichneten mein Schwert gerne als Stricknadel, mit der ich lieber eine Tunika stricken statt kämpfen sollte. Die hatten gut lachen. Jede einzelne von ihnen überragte mich um mindestens einen halben Kopf. Für mich war mein Schwert perfekt.
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