Imavitu
Kinder des Lichts
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 450
ISBN: 978-3-7116-0310-4
Erscheinungsdatum: 28.07.2025
„Wir sind also Reisende“, erklärte sie. „Als Volk der Imagination reisen wir um die Welt, um die Fantasie zu stärken.“ – In einem Abenteuer um die Macht der Gedanken und der Gemeinschaft stellt ein Dorf voller Jugendlicher sich ihrer Bestimmung.
Prolog
Wir werden uns bald wiedersehen, dachte er, während er dastand und auf ihre schlafenden Gesichter hinabsah. In ihm tobten die verschiedensten Gefühle. So schwer hatte er es sich nicht vorgestellt. Nie hätte er damit gerechnet, dass es so schwer werden würde. Es war nicht so, dass er nicht darauf vorbereitet gewesen wäre, aber trotzdem … Er atmete tief und stockend ein und versuchte sich zu beruhigen. Da drang ihre gedämpfte Stimme aus dem Erdgeschoss zu ihm herauf. Sie trieb ihn zur Eile an. Er wusste, dass sie recht hatte, aber dennoch …
Nun hörte er ihre fast lautlosen Schritte die Treppe hinaufkommen. Sie sorgte dafür, dass die alten, hölzernen Stufen nicht knarrten. Genauso, wie sie gemeinsam dafür gesorgt hatten, dass keins der vier Kinder vor dem Morgengrauen erwachte. Er drehte sich nicht zu ihr um, als er sie in seinem Rücken näherkommen spürte. Jede Sekunde, die er noch auf die vier hinabschauen konnte, war wertvoll. Er war noch nicht bereit, seinen Blick zu lösen. Noch nicht ganz.
Sanft strichen ihre Finger über seinen Rücken, dann schmiegte sie sich für einen kurzen, wärmenden Moment an seine Seite. So erstarrt standen sie beide einige Sekunden da und blickten hinab auf das Matratzenlager vor ihnen. Durch das große Fenster fielen die tanzenden Lichter des Himmels und beleuchteten hier einen im Schlaf zuckenden Wangenmuskel, dort die verschiedenfarbigen Haarsträhnen, welche sich auf der Matratze vermischten. Einen Augenblick wünschte er sich, genauso friedlich daliegen zu können, unter der warmen Bettdecke eingekuschelt, unbeschwert, geborgen und einträchtig.
„Wir haben ihnen alles gegeben, was wir konnten und alles, was sie brauchen. Wir haben sie gut darauf vorbereitet. Nun liegt es bei ihnen“, flüsterte sie neben ihm, und er spürte, dass sie ihn von der Seite her ansah. Als er den Blick wandte, um ihren braunen Augen zu begegnen, sah er, dass sich eine Träne von ihren Wimpern löste und ihre Wange hinunterrann, bevor sie sie hastig wegwischte. Er atmete noch einmal tief ein. Doch diesmal klang es schon weniger stockend. Es war, als würde ihre Verzweiflung ihm die Kraft geben zu tun, was sie tun mussten. Was sie schon immer hatten tun müssen, auch wenn sie einige Jahre beinahe erfolgreich vorgegeben hatten, dem wäre nicht so.
Doch sie hatte recht. Die vier Kinder würden sie nicht vermissen. Sie würden ihr Fehlen kaum spüren. Er straffte die Schultern und nickte ihr zu. Dann, ohne noch einmal zurückzublicken, wandten sie sich um und gingen entschlossen, doch schweren Schrittes, auf die Treppe zu. Jeder Schritt kam ihm vor wie eine kleine Ewigkeit, welche ihn unendliche Kraft kostete, doch mit jedem wurde es auch ein klein wenig leichter. Als sie endlich im Erdgeschoss angekommen waren und Seite an Seite hinaus in die klare Nacht traten, schien die Last des Abschieds noch leichter zu werden. Endlich fühlte er sich wieder fähig zu sprechen, ohne befürchten zu müssen in Tränen auszubrechen. Gemeinsam standen sie nun hier, vor der Tür des Hauses, welches die letzten 14 Jahre ihr Zuhause gewesen war. Eine kalte Brise fegte durch ihre Haare und zog an ihren Kleidern. Es war, als müssten sie gemeinsam kurz Kraft schöpfen, um den letzten Schritt zu tun. Beide versuchten sich durch das tiefe Einatmen der Nachtluft zu beruhigen. In der Luft lag der Duft des Waldes und des strömenden Wassers.
Sie tastete nach seiner Hand, ihr Finger verschränkten sich. Er erwiderte ihren ermutigenden Druck. Dann liefen sie los, schneller und immer schneller werdend, bis sie über das dunkle Gras zu fliegen schienen. Keiner von ihnen schaute noch einmal zurück, während das Haus hinter ihnen zurückblieb, bis es schließlich ganz von den alten Obstbäumen verborgen war, und auch das Rauschen des Stroms langsam verklang.
Entdeckung
Drei Jahre später
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Zufriedenheit und Glück?, fragte sich Klea, während sie auf der Schaukel im Garten saß, leicht vor- und zurückschwang und die nackten Zehenspitzen abwechselnd in den langen, rutschigen Grashalmen unter sich vergrub, um sie ratschend auszurupfen. Alles um sie herum war grün. Es waren die ersten sommerlichen Tage.
Kaum zu hören waren für sie die Stimmen ihrer Brüder und kleinen Schwester, welche hinter ihr aus Richtung des Mühlhauses tönten. Das Haus war rot gestrichen, alt und knarzig. Das beständige Rauschen des Mühlstroms begleitete es jeden Tag und übertönt so viel, dass Klea sich regelmäßig zum Träumen an einen ihrer Plätze weiter weg zurückziehen musste. Die eigenen Gedanken hörten sich so anders an, wenn sich darunter die Stimmen der Natur mischten. Klea fand, eine Abwechslung aus beidem fühlte sich am schönsten an.
Heute war solch ein wunderschöner, noch ungewohnter Sommertag, dass Klea gar nicht anders konnte, als darüber nachzudenken, was glücklich zu sein genau bedeutete. Bevor sie allerdings dazu kam, sich über mehr als das kribbelige, kitzelige Gefühl zwischen ihrem Bauch und ihrer Brust Gedanken zu machen, kündigte sich eine Störung ihrer friedlichen, nachdenklichen Einsamkeit an. Bennis hastige Schritte näherten sich hinter ihr. Sie wusste, dass es Benni war, weil er gern die großen Schlappen eines der Älteren trug und dadurch mehr als jeder andere Dorfbewohner schlurfte. Klea und Emil glaubten, dass er den Tag kaum erwarten konnte, an dem seine Füße endlich hineinpassen würden, wenn er endlich „groß“ wäre.
Selbst dann noch, wenn er es so eilig hatte wie jetzt, würde er sie nie einfach achtlos abstreifen und barfuß weiterlaufen. Oh nein, Benni zog die Schlappen nur aus, wenn er baden ging oder es allzu schlammig war. Jeden Abend stellte er sie ordentlich vor seine Seite der Matratze. Jeden Morgen schlüpfte er wieder hinein. Klea schmunzelte leise beim Gedanken an dieses sorgsame Verhalten.
Benni fing ziemlich außer Atem an zu rufen, sobald er davon ausgehen konnte, dass Klea auf ihrem Schaukelplatz ihn über das Rauschen des Stroms hinweg verstehen würde.
„Klea, komm schnell, irgendwas ist anders. Maya will es einfach anfassen, obwohl ich ihr gesagt hab, dass sie das lassen und auf einen der Großen warten soll. Arthur hält sie fest, aber ich glaube, sie entwischt ihm bald.“
Am Ende des Satzes war er im Sichtfeld von Kleas Schaukelplatz angekommen und blieb jetzt atemlos vor ihr stehen.
Benni hatte wie Klea rötlich-braune Haare und braune Augen. Im Gegensatz zu ihrer gebräunten Haut war sein Teint jedoch eher blass und rötete sich schnell, wie jetzt, wenn er rasch gelaufen und auch noch aufgeregt war. Vor allem seine Nase erstrahlte dann gern, als hätte er einen Sonnenbrand. Er war für seine zehn Jahre noch ziemlich klein gewachsen, allerdings von stämmiger, vielleicht ein wenig pummeliger Statur. Seine Stupsnase hatte er jetzt unwillig kraus gezogen, während er zu seiner sechs Jahre älteren Schwester hinaufsah.
Er strahlte diese typische Frustration aus, welche man empfindet, wenn jemand einfach nicht hören will, obwohl sonnenklar ist, dass man recht hat, dachte Klea leicht amüsiert. Seine Stimme hatte allerdings zusätzlich diesen drängenden, leicht verzweifelten Tonfall, der sie dazu brachte, ihn ernst zu nehmen. Sie spürte, wie seine Anspannung auf sie überging und sich ihr Bauch zusammenzog. Also hielt sie sich nicht weiter mit Fragen auf. Das Problem schien, wenigstens in seinen Augen, so dringend zu sein, dass sie sich das mal anschauen sollte. Sobald sie mit ihrem Hintern von der Schaukel gerutscht war und den ersten Schritt in seine Richtung getan hatte, drehte Benni sich wieder um und rannte schlurfend, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen, in Richtung des Hauses zurück.
Anstatt jedoch ins Haus zu laufen, wie Klea erwartet hatte, führte Benni sie zwischen dem krummen Kirschbaum und der Knallerbsenhecke entlang an die Seite des Hauses, wo der Strom unter der kleinen Staubrücke hindurchrauschte. Während sie auf die Stelle am gegenüberliegenden Ufer zuliefen, wo Maya und Arthur rangelten, rechnete Klea im Kopf nach, wie spät es war. Ein rascher Blick zur Sonne verriet ihr, dass es früher Nachmittag und damit eigentlich zu spät für das Schauspiel war, welches da vor ihren Augen stattfand.
„Es müsste doch eigentlich schon vorbei sein …“, murmelte sie in sich hinein und beschleunigte noch einmal die Schritte ihrer langen Beine. Als sie Benni am Ende der Steinbrücke überholte, rief Arthur ihr schon entgegen: „Wir haben es eben aus dem Küchenfenster entdeckt. Maya will es unbedingt anfassen … Lass das“, fügte er wütend hinzu, als diese versuchte, ihm den kleinen Finger zu verdrehen, um seinen Griff von ihrem Arm zu lösen. Maya war mit ihren neun Jahren die Jüngste der Geschwister und somit körperlich dem 12-jährigen Arthur ganz klar unterlegen. Allerdings war sie clever, geschickt und entschlossen. Die Bewegungen ihres drahtigen Körpers ließen ihren dunkelhonigblonden Pferdeschwanz hin- und herpeitschen, während sie versuchte, sich Arthurs Griff zu entwinden, der noch nicht so recht in den wachsenden Körper eines pubertierenden Jungen hineingefunden hatte. Alles an ihm wirkte ein wenig zu lang oder zu groß, insbesondere seine schwarzen Haare, die ihm in die braunen Augen fielen.
„Maya, stopp!“, unterbrach Klea die Rangelei in ihrem bestimmtesten Große-Schwester-Tonfall. Noch drei Schritte und sie war bei den beiden. Die Ankunft und der Ton ihrer älteren Schwester ließ Maya wenigstens für den Moment von ihren Befreiungsversuchen absehen und sich stattdessen anklagend an sie wenden. Arthur behielt vorsichtshalber ihre Arme noch fest im Griff.
„Benni und Arthur behaupten, ich darf es nicht anfassen, dabei kommt es doch sonst auch immer und berührt uns. Vielleicht hängt es ja nur fest und ich kann ihm helfen, wenn ich es ein bisschen ziehe … Arthur soll mich endlich loslassen …“
Klea unterbrach sie: „Ich möchte mir das erst einmal anschauen, Maya. Wartest du bitte kurz hier?“
Ihr Tonfall stellte klar, dass dies eigentlich keine Frage war. Sie riss ihren Blick von dem Schauspiel vor ihr los, um Maya forschend anzuschauen und sich ihres widerwilligen Nickens zu versichern. Ihre drei Geschwister blieben hinter Klea zurück, während sie zögernd auf das schillernde, pulsierende und sich immer wieder verschlingende Licht vor sich zuging.
Das Haus, in dem sie und ihre Geschwister aufgewachsen waren, gehörte einst ihren Großeltern. Das zumindest meinte Klea von ihren Eltern gehört zu haben. Es lag jetzt da, im wunderschönen und warmen Licht der sommerlichen Nachmittagssonne. Glitzernd tanzten die Lichtreflexionen des zwischen ihnen hindurchfließenden Stroms an seiner Fassade hinauf, und es schien auf Klea hinabzuschauen, während sie sich dem Leuchten vor sich näherte. Sie hatte sich schon immer von diesem Haus beschützt gefühlt. Es hatte über sie und ihre Geschwister gewacht, genauso wie das da vor ihr.
Nun war sie so nah, dass ihre im leichten Wind tanzenden Haarsträhnen es fast berührten. Und doch traute sie sich nicht, es anzufassen.
Alltäglich geworden war dieses Licht für sie und die anderen Kinder im Dorf seit einem Tag vor ungefähr drei Jahren. Sie musste Dörthe, ihre Dorfarchivarin, vielleicht einmal fragen, wie lange genau es her war, überlegte sie, während sie nun doch den Arm ausstreckt und ihre Fingerspitzen in das Licht tauchte. Wie immer wurde sie von einer wohligen Geborgenheit und Leichtigkeit durchströmt, sobald das Leuchten sich auf ihrer Haut brach. Kurz lösten sich die grüblerischen Gedanken von ihr und sie war sicher, dass alles in Ordnung war und bleiben würde. Doch dann meldete sich Maya hinter ihr: „Und …?“, drang ihre Stimme ungeduldig an Kleas Ohr. Sie hätte laut seufzen mögen, als sich das Gefühl wieder von ihr löste und die offenen Fragen seinen Platz einnahmen.
„Keine Ahnung“, antwortete sie. „Es fühlt sich eigentlich an wie immer. Jungs, würdet ihr bitte Dörthe und Emil holen? Wenn ihr auf dem Weg zu den beiden noch anderen begegnet, könnt ihr die auch noch herschicken.“
Während sie die Anweisung aussprach, zog sie ihre Hand wieder aus dem tanzenden Licht hinaus und drehte sich zu den dreien hinter ihr um. Sie sahen gespannt zu ihr auf. Arthur hatte die Stirn in tiefe Falten gelegt. Er nahm immer alles am ernstesten und machte sich in diesem Moment sicher Sorgen über hundert Schreckensszenarien, die Klea nicht im Traum einfallen würden. Maya schaute eher neugierig und war voller Tatendrang. „Und was soll ich machen?“, fragte sie.
„Du wirst mit mir im Haus nachsehen, ob sich da nichts getan hat“, beschloss Klea.
„Emil ist bestimmt in der Holzwerkstatt, oder?“, vergewisserte Benni sich, während Arthur sich bereits auf den Weg über die Brücke Richtung Dorf machte. Klea überlegte eine Sekunde.
„Ja, bestimmt …, sonst schau mal bei den Stuarts vorbei. Ich glaube, er wollte dort bei etwas helfen.“
Noch während sie sprach, lief auch Benni schlurfend los, seinem Bruder hinterher. Auf keinen Fall wollte er zu weit hinter ihm zurückbleiben.
Auch Maya ließ ihr kaum eine weitere Sekunde Zeit, um ihre Gedanken zu sortieren.
„Kommst du?“, fragte sie bestimmt und wandte sich halb zur Brücke.
„Hm, ja“, antwortete Klea. In dem Moment, in dem sie sich entfernen wollte, wurde ihr klar, dass sie das Licht eigentlich nicht alleine lassen wollte. Es war schlimm genug, so wie es war. Da wollte sie es nicht so schnell aus den Augen lassen. „Ich glaube, ich möchte bei dem Licht bleiben. Geh vielleicht lieber allein im Haus nachschauen“, sagte sie deshalb.
Ohne sich um eine Antwort zu bemühen, drehte Maya sich um und lief beschwingt über die Brücke, um dann durch die grüne Küchentür zu verschwinden. Sobald Klea all ihre Geschwister aus den Augen verloren hatte, drehte sie sich zum Licht um, trat ein paar Schritte zurück und ließ sich vor ihm auf das steinige Ufer sinken. Mit verschränkten Beinen saß sie da und vertiefte sich in das flimmernde, pulsierende Schauspiel vor ihr. „Was stimmt nicht mit dir?“, fragte sie leise und versuchte dem durch intensives Starren auf den Grund zu kommen. Doch schon nach wenigen Sekunden verlor sie sich in den faszinierenden Tiefen, die ihre Gedanken einfach weiterzogen und sie beinahe vergessen ließen, warum sie hier saß. Noch nie zuvor hatte jemand von ihnen Gelegenheit gehabt, das Licht so ausgiebig zu betrachten. Es hatte sich immer viel zu schnell bewegt, war durch das Dorf geschwirrt, hatte sie alle einmal gestreift und war dann wieder über die Baumkronen und hinter den Bergen verschwunden. Kurz löste sie ihren Blick, um in die Richtung zu schauen, in welche es immer davonflog, und zwar südöstlich in die Berge.
„Hier ist überhaupt nichts passiert!“, schallte es plötzlich vom Haus her zu ihr herüber. Sie zuckte zusammen. Maya beugte sich aus Kleas Schlafzimmerfenster im ersten Stock und brüllte über das Rauschen des Stroms hinüber. „Okay!“, rief Klea zurück. Das war wohl zu erwarten gewesen. „Dann kannst du wieder herkommen!“ Maya verschwand vom Fenster und tauchte Sekunden später unten in der offenen Küchentür auf.
Klea wandte sich wieder dem Licht zu und beachtete Maya hinter ihr nicht weiter, als diese sich ihr wieder näherte. Mit einem Plumps ließ sie sich neben ihr auf die Ufersteinchen fallen, die Augen, wie ihre große Schwester, fest und ernst auf das Licht geheftet.
In Eintracht und Ernsthaftigkeit gedankenversunken das Licht taxierend saßen sie noch da, als sich ihnen Schritte von hinten näherten und ein Junge mit leicht gerötetem Gesicht und verwuschelten braunen Haaren angelaufen kam. „Was ist denn los?“ Seine Stimme klang nervös, aber das war nicht ungewöhnlich für Fiete. Er klang immer so. Außer man sprach mit ihm über Themen, bei denen er sich wirklich auskannte.
„Na, was denkst du wohl?“, antwortete Maya ihm erregt und streckte ihren Arm in einer übertrieben theatralischen Geste in Richtung des schillernden Lichts. Sie hatte nie sonderlich viel Geduld mit ihm. Fietes Gesicht wurde noch röter. Er murmelte etwas von wegen, das habe er so nicht gemeint, als eine wesentlich lautere und sicherere Stimme ihn unterbrach: „Was ist denn mit dem Licht los?“ Die große, blonde Dörthe näherte sich zielstrebigen Schrittes, ihre grauen Augen waren fest auf das Leuchten geheftet. Sie erwartete wohl nicht wirklich eine Antwort. Knapp hinter ihr lief Arthur und antwortete ihr. Allerdings nicht auf ihre Frage: „Siehst du, ich sag doch, es ist wichtig und du wirst es nicht bedauern, kurz mit deiner Sortiererei aufzuhören.“
„Ich mache keine Sortiererei, ich strukturiere unser Archiv neu. Damit auch jemand wie du dort etwas finden kann.“ Das Wort „du“ betonte sie so, dass Arthur sicher sein konnte, dass „jemand wie du“ nicht vorteilhaft für ihn gemeint war. Unwillkürlich musste Klea ein wenig schmunzeln, als sie seinen empörten Blick sah. Sie entschied aber, dass es wirklich Wichtigeres zu besprechen gab als Dörthes „Sortiererei“. Deshalb warf sie, bevor Arthur zu einer eingeschnappten Erwiderung ansetzen konnte, rasch ein: „Wir wissen noch nicht, was mit dem Licht ist. Aber im Haus war es definitiv heute nicht. Ich hatte gehofft, dass du dich vielleicht noch erinnern kannst, wie und wann genau es damals aufgetaucht ist.“
„Hm, ja, klar. Ich hab auch noch alle Aufzeichnungen darüber, aber ich denke …“, begann Dörthe.
„Was ist denn mit dem Licht los?“ Laut und tief unterbrach Emils Stimme sie. Er kam im lockeren Laufschritt über die Brücke auf ihre kleine Versammlung zugelaufen, die Stirn gerunzelt und wie immer eine Autorität ausstrahlend, welche sie alle sich zu ihm umdrehen ließ – alle bis auf Maya. Diese stöhnte laut und genervt auf: „Du bist jetzt schon der Dritte, der diese Frage stellt! Das ist ja wie im Taubenschlag hier! Da es alle brennend zu interessieren scheint, sollten wir vielleicht einfach gleich eine Versammlung einberufen. Dann können wir uns gemeinsam diese Frage stellen!“ Mit herausfordernd hochgezogenen Augenbrauen sah sie in die Runde.
„Wenn ihr mich nicht unterbrochen hättet“, strafend blickte Dörthe die anderen an, „hätte ich genau das vorgeschlagen. Ich wollte sagen, dass ich mich erinnern kann und auch die Aufzeichnungen noch habe, aber denke, wir sollten zuerst die anderen dazu holen. Schließlich gefährdet das hier uns alle gleichermaßen. Außerdem hab ich keine Lust, das Ganze mehrmals zu erzählen und ständig von Neuankömmlingen unterbrochen zu werden.“
Fordernd sah sie in die Runde. Emil und Klea tauschten einen kurzen Blick. Dann nickte Emil knapp, der während der Äußerungen eindringlich das Licht und die Umgebung gemustert hatte, und sagte: „Gut, also versammeln wir uns.“
„Prima.“ Maya sprang auf. „Das haben wir schon viel zu lange nicht gemacht, also los!“
Emil nickte: „Sagen wir in einer halben Stunde in der Bibliothek?“
„Ja, das passt super“, antwortete Dörthe. „Dann suche ich schon mal alle Aufzeichnungen zusammen. Maya und Fiete, ihr könnt mir vorbereiten helfen.“
„Gut, wir anderen trommeln den Rest zusammen“, ergänzte Klea und erhob sich ebenfalls. Sie klopfte sich kurz ein paar kleine Steinchen von ihrer Jeans, bevor sie sich den anderen anschloss und sich rasch auf den Weg über die Brücke, vorbei am Haus und in Richtung des Dorfes machte. Arthur blieb neben ihr. Sobald das Rauschen des Stroms sich verlor und ihr Abstand zu den anderen sich etwas vergrößert hatte, drehte er sich zu ihr und fragte: „Denkst du wirklich, dass wir dem Licht irgendwie helfen können?“ Er sah besorgt und ernst zu ihr auf. Klea spürte, wie sehr er sich bemühte, nicht zu ängstlich zu klingen. Sie liefen nun durch das hohe grüne Gras des Gartens. Beruhigend legte Klea ihm kurz eine Hand auf den Rücken, strich darüber und verlangsamte ihren Schritt.
„Ehrlich gesagt, ich denke darüber gar nicht nach. Ich …, ich denke, dass wir irgendeine Lösung für das Problem finden werden, vor das uns das nicht funktionierende Licht jetzt stellt. Wie auch immer diese Lösung aussieht. Ich bin mir sicher, wir sind kreativ genug, uns etwas einfallen zu lassen. Außerdem haben wir auch früher schon ohne seine Hilfe gelebt“, sagte sie und lächelte ermutigend ihrem kleinen Bruder zu. „Aber als Erstes werden wir natürlich schauen, ob wir ihm nicht doch helfen können. Oder besser gesagt, ob wir etwas tun können, damit es uns wieder helfen kann.“
In diesem Moment erreichten sie das Ende des Gartens. Durch die tief hängenden Zweige der grünen Obstbäume und des hoch stehenden Unkrauts und Gestrüpps leuchtete ihnen die staubige Dorfstraße entgegen.
Als sie aus dem Schatten traten, sahen sie links die Straße hinunter Emil in leichten Trab verfallen. Er hatte offensichtlich vor, die Isolas zu holen, welche am weitesten weg lebten, viele Meter die Straße hinunter zwischen ehemaligen Feldern. Eine kleine Staubwolke bildete sich hinter seinen trommelnden Schritten. Maya, Fiete und Dörthe steuerten schon die Bibliothek schräg gegenüber an.
„Benni ist bestimmt bei den Stuarts. Er wollte Samu alles erzählen, nachdem er Emil gefunden hatte“, meinte Arthur zu Klea.
„Okay, dann geh du doch auch zu den Stuarts und hole sie und Benni zur Bibliothek. Ich gehe Clara und Timo holen.“ So machten sie sich auf den Weg. Klea ging schräg an der Bibliothek vorbei zum kleinen Haus, in dem Clara und Timo mit Fiete lebten, und Arthur nach rechts die Straße hinunter auf das große gelbe Haus der Stuarts zu.
Wir werden uns bald wiedersehen, dachte er, während er dastand und auf ihre schlafenden Gesichter hinabsah. In ihm tobten die verschiedensten Gefühle. So schwer hatte er es sich nicht vorgestellt. Nie hätte er damit gerechnet, dass es so schwer werden würde. Es war nicht so, dass er nicht darauf vorbereitet gewesen wäre, aber trotzdem … Er atmete tief und stockend ein und versuchte sich zu beruhigen. Da drang ihre gedämpfte Stimme aus dem Erdgeschoss zu ihm herauf. Sie trieb ihn zur Eile an. Er wusste, dass sie recht hatte, aber dennoch …
Nun hörte er ihre fast lautlosen Schritte die Treppe hinaufkommen. Sie sorgte dafür, dass die alten, hölzernen Stufen nicht knarrten. Genauso, wie sie gemeinsam dafür gesorgt hatten, dass keins der vier Kinder vor dem Morgengrauen erwachte. Er drehte sich nicht zu ihr um, als er sie in seinem Rücken näherkommen spürte. Jede Sekunde, die er noch auf die vier hinabschauen konnte, war wertvoll. Er war noch nicht bereit, seinen Blick zu lösen. Noch nicht ganz.
Sanft strichen ihre Finger über seinen Rücken, dann schmiegte sie sich für einen kurzen, wärmenden Moment an seine Seite. So erstarrt standen sie beide einige Sekunden da und blickten hinab auf das Matratzenlager vor ihnen. Durch das große Fenster fielen die tanzenden Lichter des Himmels und beleuchteten hier einen im Schlaf zuckenden Wangenmuskel, dort die verschiedenfarbigen Haarsträhnen, welche sich auf der Matratze vermischten. Einen Augenblick wünschte er sich, genauso friedlich daliegen zu können, unter der warmen Bettdecke eingekuschelt, unbeschwert, geborgen und einträchtig.
„Wir haben ihnen alles gegeben, was wir konnten und alles, was sie brauchen. Wir haben sie gut darauf vorbereitet. Nun liegt es bei ihnen“, flüsterte sie neben ihm, und er spürte, dass sie ihn von der Seite her ansah. Als er den Blick wandte, um ihren braunen Augen zu begegnen, sah er, dass sich eine Träne von ihren Wimpern löste und ihre Wange hinunterrann, bevor sie sie hastig wegwischte. Er atmete noch einmal tief ein. Doch diesmal klang es schon weniger stockend. Es war, als würde ihre Verzweiflung ihm die Kraft geben zu tun, was sie tun mussten. Was sie schon immer hatten tun müssen, auch wenn sie einige Jahre beinahe erfolgreich vorgegeben hatten, dem wäre nicht so.
Doch sie hatte recht. Die vier Kinder würden sie nicht vermissen. Sie würden ihr Fehlen kaum spüren. Er straffte die Schultern und nickte ihr zu. Dann, ohne noch einmal zurückzublicken, wandten sie sich um und gingen entschlossen, doch schweren Schrittes, auf die Treppe zu. Jeder Schritt kam ihm vor wie eine kleine Ewigkeit, welche ihn unendliche Kraft kostete, doch mit jedem wurde es auch ein klein wenig leichter. Als sie endlich im Erdgeschoss angekommen waren und Seite an Seite hinaus in die klare Nacht traten, schien die Last des Abschieds noch leichter zu werden. Endlich fühlte er sich wieder fähig zu sprechen, ohne befürchten zu müssen in Tränen auszubrechen. Gemeinsam standen sie nun hier, vor der Tür des Hauses, welches die letzten 14 Jahre ihr Zuhause gewesen war. Eine kalte Brise fegte durch ihre Haare und zog an ihren Kleidern. Es war, als müssten sie gemeinsam kurz Kraft schöpfen, um den letzten Schritt zu tun. Beide versuchten sich durch das tiefe Einatmen der Nachtluft zu beruhigen. In der Luft lag der Duft des Waldes und des strömenden Wassers.
Sie tastete nach seiner Hand, ihr Finger verschränkten sich. Er erwiderte ihren ermutigenden Druck. Dann liefen sie los, schneller und immer schneller werdend, bis sie über das dunkle Gras zu fliegen schienen. Keiner von ihnen schaute noch einmal zurück, während das Haus hinter ihnen zurückblieb, bis es schließlich ganz von den alten Obstbäumen verborgen war, und auch das Rauschen des Stroms langsam verklang.
Entdeckung
Drei Jahre später
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Zufriedenheit und Glück?, fragte sich Klea, während sie auf der Schaukel im Garten saß, leicht vor- und zurückschwang und die nackten Zehenspitzen abwechselnd in den langen, rutschigen Grashalmen unter sich vergrub, um sie ratschend auszurupfen. Alles um sie herum war grün. Es waren die ersten sommerlichen Tage.
Kaum zu hören waren für sie die Stimmen ihrer Brüder und kleinen Schwester, welche hinter ihr aus Richtung des Mühlhauses tönten. Das Haus war rot gestrichen, alt und knarzig. Das beständige Rauschen des Mühlstroms begleitete es jeden Tag und übertönt so viel, dass Klea sich regelmäßig zum Träumen an einen ihrer Plätze weiter weg zurückziehen musste. Die eigenen Gedanken hörten sich so anders an, wenn sich darunter die Stimmen der Natur mischten. Klea fand, eine Abwechslung aus beidem fühlte sich am schönsten an.
Heute war solch ein wunderschöner, noch ungewohnter Sommertag, dass Klea gar nicht anders konnte, als darüber nachzudenken, was glücklich zu sein genau bedeutete. Bevor sie allerdings dazu kam, sich über mehr als das kribbelige, kitzelige Gefühl zwischen ihrem Bauch und ihrer Brust Gedanken zu machen, kündigte sich eine Störung ihrer friedlichen, nachdenklichen Einsamkeit an. Bennis hastige Schritte näherten sich hinter ihr. Sie wusste, dass es Benni war, weil er gern die großen Schlappen eines der Älteren trug und dadurch mehr als jeder andere Dorfbewohner schlurfte. Klea und Emil glaubten, dass er den Tag kaum erwarten konnte, an dem seine Füße endlich hineinpassen würden, wenn er endlich „groß“ wäre.
Selbst dann noch, wenn er es so eilig hatte wie jetzt, würde er sie nie einfach achtlos abstreifen und barfuß weiterlaufen. Oh nein, Benni zog die Schlappen nur aus, wenn er baden ging oder es allzu schlammig war. Jeden Abend stellte er sie ordentlich vor seine Seite der Matratze. Jeden Morgen schlüpfte er wieder hinein. Klea schmunzelte leise beim Gedanken an dieses sorgsame Verhalten.
Benni fing ziemlich außer Atem an zu rufen, sobald er davon ausgehen konnte, dass Klea auf ihrem Schaukelplatz ihn über das Rauschen des Stroms hinweg verstehen würde.
„Klea, komm schnell, irgendwas ist anders. Maya will es einfach anfassen, obwohl ich ihr gesagt hab, dass sie das lassen und auf einen der Großen warten soll. Arthur hält sie fest, aber ich glaube, sie entwischt ihm bald.“
Am Ende des Satzes war er im Sichtfeld von Kleas Schaukelplatz angekommen und blieb jetzt atemlos vor ihr stehen.
Benni hatte wie Klea rötlich-braune Haare und braune Augen. Im Gegensatz zu ihrer gebräunten Haut war sein Teint jedoch eher blass und rötete sich schnell, wie jetzt, wenn er rasch gelaufen und auch noch aufgeregt war. Vor allem seine Nase erstrahlte dann gern, als hätte er einen Sonnenbrand. Er war für seine zehn Jahre noch ziemlich klein gewachsen, allerdings von stämmiger, vielleicht ein wenig pummeliger Statur. Seine Stupsnase hatte er jetzt unwillig kraus gezogen, während er zu seiner sechs Jahre älteren Schwester hinaufsah.
Er strahlte diese typische Frustration aus, welche man empfindet, wenn jemand einfach nicht hören will, obwohl sonnenklar ist, dass man recht hat, dachte Klea leicht amüsiert. Seine Stimme hatte allerdings zusätzlich diesen drängenden, leicht verzweifelten Tonfall, der sie dazu brachte, ihn ernst zu nehmen. Sie spürte, wie seine Anspannung auf sie überging und sich ihr Bauch zusammenzog. Also hielt sie sich nicht weiter mit Fragen auf. Das Problem schien, wenigstens in seinen Augen, so dringend zu sein, dass sie sich das mal anschauen sollte. Sobald sie mit ihrem Hintern von der Schaukel gerutscht war und den ersten Schritt in seine Richtung getan hatte, drehte Benni sich wieder um und rannte schlurfend, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen, in Richtung des Hauses zurück.
Anstatt jedoch ins Haus zu laufen, wie Klea erwartet hatte, führte Benni sie zwischen dem krummen Kirschbaum und der Knallerbsenhecke entlang an die Seite des Hauses, wo der Strom unter der kleinen Staubrücke hindurchrauschte. Während sie auf die Stelle am gegenüberliegenden Ufer zuliefen, wo Maya und Arthur rangelten, rechnete Klea im Kopf nach, wie spät es war. Ein rascher Blick zur Sonne verriet ihr, dass es früher Nachmittag und damit eigentlich zu spät für das Schauspiel war, welches da vor ihren Augen stattfand.
„Es müsste doch eigentlich schon vorbei sein …“, murmelte sie in sich hinein und beschleunigte noch einmal die Schritte ihrer langen Beine. Als sie Benni am Ende der Steinbrücke überholte, rief Arthur ihr schon entgegen: „Wir haben es eben aus dem Küchenfenster entdeckt. Maya will es unbedingt anfassen … Lass das“, fügte er wütend hinzu, als diese versuchte, ihm den kleinen Finger zu verdrehen, um seinen Griff von ihrem Arm zu lösen. Maya war mit ihren neun Jahren die Jüngste der Geschwister und somit körperlich dem 12-jährigen Arthur ganz klar unterlegen. Allerdings war sie clever, geschickt und entschlossen. Die Bewegungen ihres drahtigen Körpers ließen ihren dunkelhonigblonden Pferdeschwanz hin- und herpeitschen, während sie versuchte, sich Arthurs Griff zu entwinden, der noch nicht so recht in den wachsenden Körper eines pubertierenden Jungen hineingefunden hatte. Alles an ihm wirkte ein wenig zu lang oder zu groß, insbesondere seine schwarzen Haare, die ihm in die braunen Augen fielen.
„Maya, stopp!“, unterbrach Klea die Rangelei in ihrem bestimmtesten Große-Schwester-Tonfall. Noch drei Schritte und sie war bei den beiden. Die Ankunft und der Ton ihrer älteren Schwester ließ Maya wenigstens für den Moment von ihren Befreiungsversuchen absehen und sich stattdessen anklagend an sie wenden. Arthur behielt vorsichtshalber ihre Arme noch fest im Griff.
„Benni und Arthur behaupten, ich darf es nicht anfassen, dabei kommt es doch sonst auch immer und berührt uns. Vielleicht hängt es ja nur fest und ich kann ihm helfen, wenn ich es ein bisschen ziehe … Arthur soll mich endlich loslassen …“
Klea unterbrach sie: „Ich möchte mir das erst einmal anschauen, Maya. Wartest du bitte kurz hier?“
Ihr Tonfall stellte klar, dass dies eigentlich keine Frage war. Sie riss ihren Blick von dem Schauspiel vor ihr los, um Maya forschend anzuschauen und sich ihres widerwilligen Nickens zu versichern. Ihre drei Geschwister blieben hinter Klea zurück, während sie zögernd auf das schillernde, pulsierende und sich immer wieder verschlingende Licht vor sich zuging.
Das Haus, in dem sie und ihre Geschwister aufgewachsen waren, gehörte einst ihren Großeltern. Das zumindest meinte Klea von ihren Eltern gehört zu haben. Es lag jetzt da, im wunderschönen und warmen Licht der sommerlichen Nachmittagssonne. Glitzernd tanzten die Lichtreflexionen des zwischen ihnen hindurchfließenden Stroms an seiner Fassade hinauf, und es schien auf Klea hinabzuschauen, während sie sich dem Leuchten vor sich näherte. Sie hatte sich schon immer von diesem Haus beschützt gefühlt. Es hatte über sie und ihre Geschwister gewacht, genauso wie das da vor ihr.
Nun war sie so nah, dass ihre im leichten Wind tanzenden Haarsträhnen es fast berührten. Und doch traute sie sich nicht, es anzufassen.
Alltäglich geworden war dieses Licht für sie und die anderen Kinder im Dorf seit einem Tag vor ungefähr drei Jahren. Sie musste Dörthe, ihre Dorfarchivarin, vielleicht einmal fragen, wie lange genau es her war, überlegte sie, während sie nun doch den Arm ausstreckt und ihre Fingerspitzen in das Licht tauchte. Wie immer wurde sie von einer wohligen Geborgenheit und Leichtigkeit durchströmt, sobald das Leuchten sich auf ihrer Haut brach. Kurz lösten sich die grüblerischen Gedanken von ihr und sie war sicher, dass alles in Ordnung war und bleiben würde. Doch dann meldete sich Maya hinter ihr: „Und …?“, drang ihre Stimme ungeduldig an Kleas Ohr. Sie hätte laut seufzen mögen, als sich das Gefühl wieder von ihr löste und die offenen Fragen seinen Platz einnahmen.
„Keine Ahnung“, antwortete sie. „Es fühlt sich eigentlich an wie immer. Jungs, würdet ihr bitte Dörthe und Emil holen? Wenn ihr auf dem Weg zu den beiden noch anderen begegnet, könnt ihr die auch noch herschicken.“
Während sie die Anweisung aussprach, zog sie ihre Hand wieder aus dem tanzenden Licht hinaus und drehte sich zu den dreien hinter ihr um. Sie sahen gespannt zu ihr auf. Arthur hatte die Stirn in tiefe Falten gelegt. Er nahm immer alles am ernstesten und machte sich in diesem Moment sicher Sorgen über hundert Schreckensszenarien, die Klea nicht im Traum einfallen würden. Maya schaute eher neugierig und war voller Tatendrang. „Und was soll ich machen?“, fragte sie.
„Du wirst mit mir im Haus nachsehen, ob sich da nichts getan hat“, beschloss Klea.
„Emil ist bestimmt in der Holzwerkstatt, oder?“, vergewisserte Benni sich, während Arthur sich bereits auf den Weg über die Brücke Richtung Dorf machte. Klea überlegte eine Sekunde.
„Ja, bestimmt …, sonst schau mal bei den Stuarts vorbei. Ich glaube, er wollte dort bei etwas helfen.“
Noch während sie sprach, lief auch Benni schlurfend los, seinem Bruder hinterher. Auf keinen Fall wollte er zu weit hinter ihm zurückbleiben.
Auch Maya ließ ihr kaum eine weitere Sekunde Zeit, um ihre Gedanken zu sortieren.
„Kommst du?“, fragte sie bestimmt und wandte sich halb zur Brücke.
„Hm, ja“, antwortete Klea. In dem Moment, in dem sie sich entfernen wollte, wurde ihr klar, dass sie das Licht eigentlich nicht alleine lassen wollte. Es war schlimm genug, so wie es war. Da wollte sie es nicht so schnell aus den Augen lassen. „Ich glaube, ich möchte bei dem Licht bleiben. Geh vielleicht lieber allein im Haus nachschauen“, sagte sie deshalb.
Ohne sich um eine Antwort zu bemühen, drehte Maya sich um und lief beschwingt über die Brücke, um dann durch die grüne Küchentür zu verschwinden. Sobald Klea all ihre Geschwister aus den Augen verloren hatte, drehte sie sich zum Licht um, trat ein paar Schritte zurück und ließ sich vor ihm auf das steinige Ufer sinken. Mit verschränkten Beinen saß sie da und vertiefte sich in das flimmernde, pulsierende Schauspiel vor ihr. „Was stimmt nicht mit dir?“, fragte sie leise und versuchte dem durch intensives Starren auf den Grund zu kommen. Doch schon nach wenigen Sekunden verlor sie sich in den faszinierenden Tiefen, die ihre Gedanken einfach weiterzogen und sie beinahe vergessen ließen, warum sie hier saß. Noch nie zuvor hatte jemand von ihnen Gelegenheit gehabt, das Licht so ausgiebig zu betrachten. Es hatte sich immer viel zu schnell bewegt, war durch das Dorf geschwirrt, hatte sie alle einmal gestreift und war dann wieder über die Baumkronen und hinter den Bergen verschwunden. Kurz löste sie ihren Blick, um in die Richtung zu schauen, in welche es immer davonflog, und zwar südöstlich in die Berge.
„Hier ist überhaupt nichts passiert!“, schallte es plötzlich vom Haus her zu ihr herüber. Sie zuckte zusammen. Maya beugte sich aus Kleas Schlafzimmerfenster im ersten Stock und brüllte über das Rauschen des Stroms hinüber. „Okay!“, rief Klea zurück. Das war wohl zu erwarten gewesen. „Dann kannst du wieder herkommen!“ Maya verschwand vom Fenster und tauchte Sekunden später unten in der offenen Küchentür auf.
Klea wandte sich wieder dem Licht zu und beachtete Maya hinter ihr nicht weiter, als diese sich ihr wieder näherte. Mit einem Plumps ließ sie sich neben ihr auf die Ufersteinchen fallen, die Augen, wie ihre große Schwester, fest und ernst auf das Licht geheftet.
In Eintracht und Ernsthaftigkeit gedankenversunken das Licht taxierend saßen sie noch da, als sich ihnen Schritte von hinten näherten und ein Junge mit leicht gerötetem Gesicht und verwuschelten braunen Haaren angelaufen kam. „Was ist denn los?“ Seine Stimme klang nervös, aber das war nicht ungewöhnlich für Fiete. Er klang immer so. Außer man sprach mit ihm über Themen, bei denen er sich wirklich auskannte.
„Na, was denkst du wohl?“, antwortete Maya ihm erregt und streckte ihren Arm in einer übertrieben theatralischen Geste in Richtung des schillernden Lichts. Sie hatte nie sonderlich viel Geduld mit ihm. Fietes Gesicht wurde noch röter. Er murmelte etwas von wegen, das habe er so nicht gemeint, als eine wesentlich lautere und sicherere Stimme ihn unterbrach: „Was ist denn mit dem Licht los?“ Die große, blonde Dörthe näherte sich zielstrebigen Schrittes, ihre grauen Augen waren fest auf das Leuchten geheftet. Sie erwartete wohl nicht wirklich eine Antwort. Knapp hinter ihr lief Arthur und antwortete ihr. Allerdings nicht auf ihre Frage: „Siehst du, ich sag doch, es ist wichtig und du wirst es nicht bedauern, kurz mit deiner Sortiererei aufzuhören.“
„Ich mache keine Sortiererei, ich strukturiere unser Archiv neu. Damit auch jemand wie du dort etwas finden kann.“ Das Wort „du“ betonte sie so, dass Arthur sicher sein konnte, dass „jemand wie du“ nicht vorteilhaft für ihn gemeint war. Unwillkürlich musste Klea ein wenig schmunzeln, als sie seinen empörten Blick sah. Sie entschied aber, dass es wirklich Wichtigeres zu besprechen gab als Dörthes „Sortiererei“. Deshalb warf sie, bevor Arthur zu einer eingeschnappten Erwiderung ansetzen konnte, rasch ein: „Wir wissen noch nicht, was mit dem Licht ist. Aber im Haus war es definitiv heute nicht. Ich hatte gehofft, dass du dich vielleicht noch erinnern kannst, wie und wann genau es damals aufgetaucht ist.“
„Hm, ja, klar. Ich hab auch noch alle Aufzeichnungen darüber, aber ich denke …“, begann Dörthe.
„Was ist denn mit dem Licht los?“ Laut und tief unterbrach Emils Stimme sie. Er kam im lockeren Laufschritt über die Brücke auf ihre kleine Versammlung zugelaufen, die Stirn gerunzelt und wie immer eine Autorität ausstrahlend, welche sie alle sich zu ihm umdrehen ließ – alle bis auf Maya. Diese stöhnte laut und genervt auf: „Du bist jetzt schon der Dritte, der diese Frage stellt! Das ist ja wie im Taubenschlag hier! Da es alle brennend zu interessieren scheint, sollten wir vielleicht einfach gleich eine Versammlung einberufen. Dann können wir uns gemeinsam diese Frage stellen!“ Mit herausfordernd hochgezogenen Augenbrauen sah sie in die Runde.
„Wenn ihr mich nicht unterbrochen hättet“, strafend blickte Dörthe die anderen an, „hätte ich genau das vorgeschlagen. Ich wollte sagen, dass ich mich erinnern kann und auch die Aufzeichnungen noch habe, aber denke, wir sollten zuerst die anderen dazu holen. Schließlich gefährdet das hier uns alle gleichermaßen. Außerdem hab ich keine Lust, das Ganze mehrmals zu erzählen und ständig von Neuankömmlingen unterbrochen zu werden.“
Fordernd sah sie in die Runde. Emil und Klea tauschten einen kurzen Blick. Dann nickte Emil knapp, der während der Äußerungen eindringlich das Licht und die Umgebung gemustert hatte, und sagte: „Gut, also versammeln wir uns.“
„Prima.“ Maya sprang auf. „Das haben wir schon viel zu lange nicht gemacht, also los!“
Emil nickte: „Sagen wir in einer halben Stunde in der Bibliothek?“
„Ja, das passt super“, antwortete Dörthe. „Dann suche ich schon mal alle Aufzeichnungen zusammen. Maya und Fiete, ihr könnt mir vorbereiten helfen.“
„Gut, wir anderen trommeln den Rest zusammen“, ergänzte Klea und erhob sich ebenfalls. Sie klopfte sich kurz ein paar kleine Steinchen von ihrer Jeans, bevor sie sich den anderen anschloss und sich rasch auf den Weg über die Brücke, vorbei am Haus und in Richtung des Dorfes machte. Arthur blieb neben ihr. Sobald das Rauschen des Stroms sich verlor und ihr Abstand zu den anderen sich etwas vergrößert hatte, drehte er sich zu ihr und fragte: „Denkst du wirklich, dass wir dem Licht irgendwie helfen können?“ Er sah besorgt und ernst zu ihr auf. Klea spürte, wie sehr er sich bemühte, nicht zu ängstlich zu klingen. Sie liefen nun durch das hohe grüne Gras des Gartens. Beruhigend legte Klea ihm kurz eine Hand auf den Rücken, strich darüber und verlangsamte ihren Schritt.
„Ehrlich gesagt, ich denke darüber gar nicht nach. Ich …, ich denke, dass wir irgendeine Lösung für das Problem finden werden, vor das uns das nicht funktionierende Licht jetzt stellt. Wie auch immer diese Lösung aussieht. Ich bin mir sicher, wir sind kreativ genug, uns etwas einfallen zu lassen. Außerdem haben wir auch früher schon ohne seine Hilfe gelebt“, sagte sie und lächelte ermutigend ihrem kleinen Bruder zu. „Aber als Erstes werden wir natürlich schauen, ob wir ihm nicht doch helfen können. Oder besser gesagt, ob wir etwas tun können, damit es uns wieder helfen kann.“
In diesem Moment erreichten sie das Ende des Gartens. Durch die tief hängenden Zweige der grünen Obstbäume und des hoch stehenden Unkrauts und Gestrüpps leuchtete ihnen die staubige Dorfstraße entgegen.
Als sie aus dem Schatten traten, sahen sie links die Straße hinunter Emil in leichten Trab verfallen. Er hatte offensichtlich vor, die Isolas zu holen, welche am weitesten weg lebten, viele Meter die Straße hinunter zwischen ehemaligen Feldern. Eine kleine Staubwolke bildete sich hinter seinen trommelnden Schritten. Maya, Fiete und Dörthe steuerten schon die Bibliothek schräg gegenüber an.
„Benni ist bestimmt bei den Stuarts. Er wollte Samu alles erzählen, nachdem er Emil gefunden hatte“, meinte Arthur zu Klea.
„Okay, dann geh du doch auch zu den Stuarts und hole sie und Benni zur Bibliothek. Ich gehe Clara und Timo holen.“ So machten sie sich auf den Weg. Klea ging schräg an der Bibliothek vorbei zum kleinen Haus, in dem Clara und Timo mit Fiete lebten, und Arthur nach rechts die Straße hinunter auf das große gelbe Haus der Stuarts zu.

