Heavens Guardia
EUR 31,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 730
ISBN: 978-3-7116-1428-5
Erscheinungsdatum: 24.03.2026
„Dunkle Mächte bedrohen die göttliche Ordnung. Drei Engel müssen das Gleichgewicht wiederherstellen. Zauberer, Könige, völlig neue Wesen – ein himmlisches Abenteuer für die Seele mit einem Hauch Romantik!“
Das Ende einer Welt
„Schenk mir noch einmal ein!“
Mit rauschiger Miene und freundlichem Blick wandte sich Nicolas an seine Schwester, in der Hoffnung, noch ein bisschen Wein abzubekommen.
„So weit sind wir also schon. Du warst derjenige, der dem Alkohol immer entsagte. Die einzige Person, die ich kenne, die nie einen Tropfen getrunken hat, weil es ihm einfach nicht schmeckte; auch, weil du dessen Wirkung nie für gut empfunden hast. Und jetzt sitzt du neben mir, bettelst mich an, dir den Rest unserer letzten Flasche einzuschenken.“ Kopfschüttelnd, aber mit einem leichten Grinsen im Gesicht, leerte Evelina ihrem Bruder die paar Tropfen des Getränks ein, die noch übrig waren.
„Danke. Morgen werde ich mich dafür bei dir revanchieren.“ Gierig griff er nach dem Glas, das leider nur noch halb gefüllt werden konnte.
„Wir beide wissen, dass das nicht passieren wird.“ Eve verdrehte die Augen und kippte zurück, um auf die Decke zu starren.
Mit einem kräftigen Zug leerte Nicolas sein Glas und ließ sich in den weichen Lehnstuhl fallen. Alles drehte sich bereits im Kreis, wenn er um sich durchs Zimmer sah. Dieses Gefühl war neu für ihn. Er war ein guter Mensch gewesen, der sich nie auf das Niveau anderer hinabgelassen hatte. Trotzdem musste er zugeben, dieser Schwindel hatte schon etwas für sich. Alle seine Sorgen schienen tatsächlich zu verblassen. Doch nur, für wie lange?
„Was macht das schon?“, dachte er sich. „Morgen ist ohnehin alles egal. Und es ist bereits fast Mitternacht.“
Wie eine Katze, die sich nach einem langen Mittagsschlaf streckte, lag er auf seinem Stuhl, seine Augen Richtung Fenster schweifend. Plötzlich schoss die Hitze in ihn ein. Er begann zu lachen und drehte sich einmal um. „Was für ein Gefühl, was für ein Gefühl. Vielleicht hätte ich doch öfter mal was davon nehmen sollen“, murmelte er vor sich hin.
„War ja klar, dass du nach nur drei Gläsern gleich umkippst. Warst dein ganzes Leben lang nüchtern und am Ende davon voll besoffen. Bist halt auch nur ein Mensch so wie wir anderen.“ Evelina stand auf und goss ihrem Bruder ein Glas Wasser ein. „Auch wenn es vermutlich sowieso nicht mehr wichtig ist, trink das und vielleicht können wir das Schlimmste verhindern. Nämlich, dass du dich direkt vor mir übergibst.“
Nicolas drehte sich in seinem Stuhl und rollte sich in eine endgültige Schlafposition. Mit seinen großen grün-braunen Augen starrte er ziellos durch den Raum. Da der Strom schon einige Zeit nicht mehr funktionierte, konnte er aufgrund der fortgeschrittenen Tageshelligkeit nur noch ein paar wenige Umrisse von ihm altbekannten Gegenständen erkennen, wie zum Beispiel seinen Laptop, den er immer für seine Arbeit benutzt hatte. In seinem Job aus der IT-Branche kam es häufig vor, von zu Hause aus zu arbeiten. Bis zuletzt blieb er seiner Tätigkeit treu, seinem Chef und seinen Kunden. All dies war nun nicht mehr wichtig.
In diesem Moment wurde ihm wieder einmal klar, wie engstirnig die Menschen doch geworden sind. Keine Elektrizität bedeutete, kein normales Alltagsleben mehr führen zu können.
„Wie sind wir nur so geworden? Unser Leben von so nichtigen Dingen abhängig zu machen? Vielleicht war der Fortschritt ein Schritt in die falsche Richtung. In die absolut falsche. Was hätten wir anders machen sollen?“ Nicolas knautschte sich noch enger in seinen Sessel.
„Darüber nachzudenken ist nicht notwendig. Erstens, weil es ohnehin zu spät ist, und zweitens, weil wir beide – du und ich – sowieso immer gegen das System der Masse waren. Aber als Einzelpersonen hätten wir nie etwas erreichen können.“ Seine ältere Schwester hing bewegungslos auf der weichen Couch, die schon sehr abgenutzt und löchrig war.
„Willst du damit sagen, wären wir mehr gewesen, dann hätten wir es schaffen können, gegen solche Erfindungen wie Strom anzukämpfen und uns zurück ins Mittelalter zu katapultieren?“
„Das, Bruder, habe ich nicht gemeint. Prinzipiell war es doch eine gute Erfindung, aber was die Menschen damit gemacht haben, nämlich wie immer, diese nur für die totale Ausbeutung zu nutzen, könnte man schon als falschen Weg betrachten. Man hätte nicht unsere ganze Zivilisation nur von so einem kleinen Ding beherrschen lassen müssen. Jetzt erst, kurz vorm Untergang, sehen es viele ein, dass es wohl besser gewesen wäre, unseren Kindern beizubringen, wie man mit Holz und Steinen ein Feuer legen kann, als wie einfach per Knopfdruck ein solches zu entfachen.“
„Pfft …“, gab Nic von sich. Ohne sich auf eine wirkliche Antwort geeinigt zu haben, schwiegen sie wieder still und lauschten dem Klang des tosenden Nichts, anstatt weiterhin unnötige Gedanken an den aktuellen Moment zu verschwenden. Trotz allem waren die zwei ganz schöne Eigenbrötler – sich über so ein Thema zu unterhalten, wenn es doch vielleicht noch Wichtigeres zu bereden gab, am letzten Tag ohne Morgen.
Ein Seufzen lag in der Luft. Welch andere Stimmung könnte vorherrschen am letzten Tag der Apokalypse? Die beiden waren nicht mehr in Erwartung, irgendetwas zu tun. Es war ein trauriger Anblick.
Auf den Straßen herrschte das blanke Chaos. Alle Einwohner des Stadtviertels irrten umher, um ihren letzten Emotionen – Verzweiflung, Wut, Angst und Selbstvorwürfe – freien Lauf zu lassen. Häuser wurden oder waren bereits geplündert. Überall brannten Feuer, niemanden interessierte es jedoch, wer es legte. So ziemlich jedem war es zuzutrauen, verrückt genug zu sein, um dem Weltuntergang noch einen furiosen Beigeschmack zu leisten. Auch der Wind spielte sein Spiel mit und verbreitete sich gerade dorthin, wo noch alles heil zu sein schien. Niemand war mehr sicher. Niemand war noch glücklich und zufrieden.
Irre Rufe hallten durch den Raum. Manch einer riss alles an sich, was er finden konnte – waren es irdische Besitztümer oder Menschen. Andere wiederum versuchten zu predigen und im letzten Augenblick Buße zu tun. Würde es nun funktionieren oder nicht? Vorwurfsvolle Laute klangen aus dem Hof. Eine Nachbarin mit ihrem Baby in den Armen rief voller Wut in die Luft. „Hat denn niemand Erbarmen mit meinem Kind? Es ist doch erst drei Monate alt! Es hat keine Zukunft! Wie könnt ihr es meiner armen kleinen Rosalie nur antun und ihr jede Hoffnung auf ein normales Leben nehmen?“ Wohl wissend, dass ihr inmitten des Gemenges niemand antworten würde. Geschweige denn helfen.
Hunde bellten, Katzen jammerten und holten sich den Rest einer bereits geplünderten Metzgerei aus der Gegend. Glasscherben überhäuften die Straßen sowie übelriechender Gestank, ausgehend von bewusstlosen Menschenkörpern, die entweder von letzten Ausschweifungen oder bereits zutiefst verzweifelten, vorzeitigen Suiziden herrührten.
Das Licht von drei Kerzen erhellte den Raum. Ihr Flackern, das durch den vorbeiziehenden Wind verursacht wurde, hatte etwas Andächtiges. Evelina setzte sich zum Licht und las noch einmal ihren Lieblingscomic, der sie ihr ganzes Leben lang begleitet hatte. Von klein auf waren es die Geschichten von „Heavens Guardia“, die sie begeisterten, und das nicht nur sie. Nichts wollte sie lieber tun, als im letzten Moment ihres Daseins noch einmal diese Zeilen und Bilder zu betrachten.
„Nur noch zweihundertdreißig Seiten, dann habe ich es geschafft. Ein letztes Mal noch meinen Lieblingsband lesen.“ Die Kapitel mit den mystischen Rittern hatte sie immer am liebsten gemocht. Die waren so spannend, voller Rätsel, die gelöst werden mussten. Außerdem liebte sie die Stärke und den Edelmut deren Gesinnung; in Eves sterbender Welt waren solche Eigenschaften unter den Menschen schon längst verblasst und so gut wie gar nicht mehr aufzufinden gewesen.
Ein Blick zu ihrem Bruder, der bereits seinem Weinrausch verfallen und eingeschlafen war, ließ ihr einen sanften Grinser entweichen. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass auch sie selbst bereits ziemlich müde war. Ihre Augenlider wurden schwer.
„Nein, ich darf noch nicht ins Traumland. Ich muss noch die letzten Seiten schaffen.“
Evelina erschrak, als sich die Wohnzimmertür plötzlich öffnete. Vor ihr stand ihre jüngere Schwester Madeline mit zwei elektronischen Geräten in der Hand.
„Funktionieren die überhaupt noch?“, wollte sie wissen.
„Selbstverständlich. Ich habe mir auf meiner Powerbank bewusst noch ein wenig Strom aufgespart. Weißt du nicht mehr, was ich früher schon immer sagte?“ Evelina schüttelte den Kopf. „Das, was ich ein letztes Mal tun möchte, bevor die Welt untergeht, ist es, noch einmal meine Lieblingslieder zu hören. Darum habe ich meinem MP3-Player den Rest des Safts gegeben. Der Akku war schon so lange leer. Auf diese Weise kann ich die sanften Klänge meiner Leidenschaft noch einmal vernehmen. Es beruhigt mich irgendwie.“
Schon drückte sie auf die Starttaste ihres Geräts und begann mit ihren Händen leicht im Takt der Musik mitzuschwingen. Eine Erleichterung machte sich auf ihrem Gesicht breit, als sie sich im Sofa zurücklehnte und sich gedanklich von den Klängen einfach forttragen ließ, an einen Ort, der besser und gütiger zu ihr war, als es die Erde je hätte sein können. Auf einmal stupste Eve sie an und fragte nach ihren Eltern, die bis vor Kurzem noch anwesend waren.
„Mama und Papa sind noch einmal in die Kirche gegangen. Sie wollten dort noch gerne ihre letzten Gebete sprechen.“
„Verstehe.“ Evelina nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas, das sie eigentlich für ihren Bruder bereitgestellt hatte.
„Laut den Prognosen wird uns der Komet um zwei Uhr fünfunddreißig treffen. Denkst du, sie werden bis dahin zurück sein?“
Madeline verzog ihre Miene und zwirbelte nervös mit einem Finger in ihren langen, braunen Locken. „Keine Ahnung. Wenn nicht, ist es auch nicht weiter schlimm. Denn, was wir wissen, ist doch, wir …“
„Was?“, unterbrach sie ihre große Schwester.
„Wir werden uns ‚nachher‘ wiedersehen“, antwortete sie.
Evelina nickte und klappte ihren Comic zu. Sie richtete sich auf und drehte sich zu Madeline, die sie auch oft Madi oder Line nannte: „Ich weiß, wir zwei hatten oft Streit und Ärger aufgrund unseres grundverschiedenen Charakters. Aber jetzt, am Ende der Welt, sollten wir uns zusammensetzen und reden. So wie normale Schwestern es nun einmal tun.“
Madi machte einen verdutzten Anblick. Sie war überrascht über das plötzliche Feingefühl der oftmals rau zu ihr gewesenen Evelina. Doch tief in ihr drin war sie überglücklich, dieses Thema anzusprechen.
„Ja, du hast recht. Bitte verzeih mir, wenn ich dich hin und wieder verletzt habe. Ich habe oft Mist gebaut. Aber aus meinen Fehlern gelernt.“ Die zwei nahmen sich liebevoll an den Händen, während sie sprachen.
„Ich genauso. Lass uns alle unsere Fehltaten für immer vergessen.“
Ein sanftes Lächeln auf beiden Gesichtern endete mit einer rührenden Umarmung der beiden.
Niemand konnte in dieser Nacht Ruhe finden. Der Himmel verfärbte sich immer stetiger in ein knalliges Rot. Hob man seinen Kopf, erkannte man mit bloßem Auge bereits einen kleinen Punkt. Ein Punkt, der bald alles in ein Nichts verwandeln würde.
Das Ticken der Uhr machte Evelina nervös. Es war ein zermürbendes und zugleich unnötiges Gefühl, sich noch irgendeiner Tätigkeit widmen zu müssen. Und so wandte sie sich erneut ihrem Comic zu. Es hatte in ihrem Leben nie viel gegeben, was ihr wirklich Freude bereitete, außer ihren Büchern und Geschichten, ihrer Fantasie und Traumwelten. All die gesammelten Eindrücke darüber wollte sie sich bis zum bitteren Ende aufbewahren. Der wieder erwachte Nicolas rutschte von links an die Seite seiner Schwester und versuchte, einen Blick auf den Band zu erhaschen; Madeline kam von rechts.
„Die guten alten Heftchen, … denkt ihr, es hatte einen Sinn, weshalb wir immer von solchen Storys begeistert waren?“ Nicolas sah seinen Weltuntergangskumpanen fragend ins Gesicht.
„Alles hat einen Sinn. Irgendwann werden wir auch wissen, welchen“, antwortete die Zweitgeborene.
„Line, ich wünschte nur, all die Dinge, die uns in diesem Leben begeisterten, würden nun nicht mit uns verloren gehen. Es hat doch nicht immer nur Übles gegeben. Auch wenn unsere Familie es nie leicht hatte.“ Nic nahm die erste Seite des Werkes und blätterte dieses auf. „Dann lasst uns noch einmal eintauchen in die Welt, wo es geheime Orden, wundersame Könige, magische Mächte und ein Land voller Drachen gibt.“ Die drei schlossen sich noch enger zusammen und steckten ihre Köpfe in den Comic, aus dem Evelina vorlas.
„Weiter geht’s mit dem Sonderkapitel: Der Bienenvater des Nordens, Kl’ausus der Erste. Er wirkt wie ein einfacher Mensch, ist jedoch ein magiebehafteter Zauberer. Seine Kinder sind die Bienen, denen er sein Leben verschrieben hat. Obwohl er am Ende dieses Parts friedlich einschläft und stirbt, wird er nie vergessen sein in Heavens Guardia; er hatte den größten Respekt aller Lords und Herzöge, sogar des Königs selbst; und auch die Drachen verehrten ihn und achteten ihn hoch. Ja, sie hatten sogar ein klein wenig Angst vor ihm, da er der mächtigste gute Zauberer seiner Zeit war.“
Obwohl die drei bereits erwachsen waren – diesen Teil aus ihrer Kindheit konnten sie nie vergessen. In diesem düsteren Moment gaben ihnen eine gute Handvoll bunter Seiten das Glück und den Frieden, das sie immer gesucht hatten; welches stets verwehrt blieb. Denn die Erde war düster und grau im Vergleich zu der Welt, in die sie sich stets hineinträumten.
„Schade nur, dass wir das Ende des Comics nie erfahren werden. Ich wollte immer herausfinden, was mit der schnöden Herzogin Zauk passiert ist. Vor fünf Kapiteln ist sie auf einmal verschwunden und nie mehr aufgetaucht“, jammerte Eve.
„Naja, Zauk war so böse, dass ich stets froh über ihr Abtauchen war.“ Madeline atmete tief aus.
„Aber interessant wäre es schon gewesen. Oder was mit den Drachen geschehen ist. Vermutlich müssen wir uns das Ende einfach selbst ausdenken“, antwortete ihr jüngster Bruder mit einem sanften Lächeln.
Evelina empfand es bereits als zu spät, um noch einmal mit ihrem Hund Gassi zu gehen.
„Liebster Husk, du bekommst dafür von mir jetzt die größte Streicheleinheit, die du dir nur vorstellen kannst.“
Evelina nahm die Fellbürste und kämmte das Haar ihres schneeweißen Samojeden-Hundes. Husk legte sich auf seinen Rücken und genoss die Liebkosung seiner Besitzerin. Plötzlich begann das Tier zu zittern.
„Du weißt, was passieren wird, stimmts? Ich bin mir dessen bewusst.“
Mit einem kleinen Bedauern in den Augen knuddelte Eve ihren langjährigen, treuen Freund und Begleiter, als wäre es das letzte Mal. Nun, weil es das auch war. Husk leckte über Eves wasserstoffblonde, schulterlange Haare und schnaufte, als wüsste er tatsächlich genau, dass dieser Moment eine letzte Verabschiedung darstellen sollte.
„Danke, mein Lieber, du hast mir in meinem Leben sehr geholfen. Als ich einsam und verzweifelt war, hast du es zumeist geschafft, mich zu trösten. Die Welt hat mir oft wehgetan. Du hast mich zwar auch manchmal gebissen, aber das hat nie so sehr geschmerzt wie das blanke, beleidigende Wort eines Menschen.“
In dieser Sekunde dachte sie an ihre Familie. Ein Blick aus dem Fenster im Erdgeschoss ließ sie bemerken, dass Madeline allein auf der Straße stand und wartete, dass der alles entscheidende Moment endlich passieren würde.
„Nic hingegen ist bestimmt noch oben und schläft. Dann hat er es bereits geschafft, die letzten Momente zu überwinden. Papa und Mama sind auch gewiss zusammen. Das passt gut.“
Vorsichtig löste sie sich von Husk und kniete sich zu Boden.
„Ach, Gott. Ich habe mich, um ehrlich zu sein, hier nie wirklich wohlgefühlt. Aber trotzdem gab es noch viele Dinge, die ich machen wollte. Ich weiß, dass dies nur ein Abschnitt meines Daseins und nicht das Ende ist. Mal im Ernst, unser Planet ist so ungerecht, dass nur ein Narr denken könnte, das wäre schon alles gewesen. Wenn man Mutter Erde genauer betrachtete, hat die Natur allein stets für ein gewisses Gleichgewicht mit Recht und Ordnung gesorgt. Wir Menschen aus Fleisch und Blut haben das nicht hingekriegt. Das ist der Punkt, an dem ich sagen kann: Was auch immer jetzt auf mich zukommt, wenn das bisher Erlebte von mir nur dieses unerfüllte, trostlose Leben war, dann müsste jetzt eigentlich etwas auf mich warten, was mich vor lauter Erstaunen umfallen lässt. Also bitte, höhere Macht, verrichte dein Werk an mir!“
In diesem Augenblick spürte Evelina eine Wucht, die sie in die Luft wirbelte. Der Ball traf auf die Erde. Doch sie fühlte keinen Schmerz. Nein, eher ein Gefühl, wie auf Wolken getragen zu werden.
Eine Leichtigkeit und Freude wie nie zuvor.
Madeline wachte um zwei Uhr siebenundzwanzig auf. Der Jüngste von den dreien schlief immer noch tief und fest. Ihn schien kein Weltuntergang mehr wachrütteln zu können, dachte sie sich.
„Das ist gut“, sprach sie zu sich selbst.
Eve war nicht mehr anwesend. Vielleicht wollte sie sich noch von ihrem Hund verabschieden. Keiner liebte Tiere so wie sie und niemand konnte gefühlt besser mit ihnen umgehen. Auch wenn sie äußerlich oft ein wenig ruppig und streng zu sein schien, ihr Herz war golden. An der Art, wie sie sie behandelte, konnte man stets erkennen, welch weichen Kern sie doch beinhaltete.
Langsam schritt sie an das Fenster und sah, dass sie nur noch ein paar wenige Minuten hatte, bevor der riesige, entflammte Gesteinsbrocken sie traf. Liebevoll blickte sie ein letztes Mal zu ihrem Bruder, bevor sie das Zimmer verließ. Zögernd schritt sie die Stufen hinunter und gelangte in den Vorraum. Plötzlich bemerkte sie eine alles in sich fassende Stille. Draußen auf den Straßen war niemand mehr. Wo waren alle hingekommen, die zuvor noch wild durch alle Gassen eilten? In den letzten Augenblicken der Menschheit wollte wohl doch jeder dort sein, wo man wirklich hingehörte. Zuhause, bei den Menschen, die sie liebten.
Madeline holte noch einmal tief Luft und begab sich schließlich ins Freie.
Ganz alleine, völlig ungeschützt, stellte sie sich neben den Baum, welcher direkt neben ihrem Haus stand. Sie blickte auf die Bank, an der sie oft an sonnigen Sonntagnachmittagen saß und verträumt in den Himmel blickte. Doch nicht wehmütig. Vielmehr eher ein wenig erleichtert, denn sie hatte sich eigentlich, soweit sie zurückdenken konnte, nie wohlgefühlt. Auch wenn alles gut zu sein schien, es war nicht so.
Mit dem Blick nach oben gewandt, lauschte sie ein allerletztes Mal den Tönen ihrer Lieblingsmelodie. Die hohen Klänge waren eine Wohltat für ihre Seele und gefühlt nicht von dieser Welt. Das war es immer, was sie sich über Musik dachte. Von weit her, eine Inspiration, die die Menschheit umschloss. Solche Töne waren es, die ihr gefielen. Nicht der Pop-Rock-Mix, den man überall hörte. New Age und Klassik waren echte Musik für sie.
Starker Wind begann zu wehen. Die ersten Schockwellen des Kometen wurden spürbar. Line konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Sie wusste jedoch nicht, welche Art von Tränen sie weinte. Sie barg so viele verschiedene Emotionen in sich, die sich nun vereinten und freigesetzt wurden. Mit gefalteten Händen schickte sie nun noch ein Stoßgebet zum Himmel, wohl wissend, dass dies gut ankommen würde.
Ohne Angst setzte sie sich auf die leere Straße und wartete in den letzten Momenten ihres menschlichen Daseins, dass der Flammenball sie einhüllen würde. Kurz vor dem Aufprall schloss sie die Augen.
Im nächsten Moment spürte sie nichts außer sanfter Wärme und ein unbeschreibliches Gefühl der Geborgenheit.
Nicolas hatte schon bemerkt, dass seine Schwestern den Raum verlassen hatten. Ein grollendes Geräusch machte sich breit und ihm war bewusst, was nun folgen würde. Ihm blieben nur noch einige Sekunden, bis es endlich passierte. Noch ein wenig schwindelig stand er auf und setzte sich zur noch letzten brennenden Kerze. Von dort aus bemerkte er neben dem aktuellen Kalender des Jahres 2033 das Symbol seines Glaubens an der Wand hängen.
„Ich weiß nicht, ob ich in diesem Leben genug getan habe. Doch ich habe stets mein Bestes gegeben.“
Er blickte noch einmal zum Comic, den er vorhin mit seinen Schwestern gelesen hatte.
„In fernen Welten werden wir aufwachen. Ich habe keinen Zweifel. Und was danach passiert, wird fantastischer sein als alles, was sich ein Mensch je vorstellen und in ein Buch hätte drucken können.“
Mit einem beruhigenden Grinsen betete auch er nun zuversichtlich. Er neigte sich über die Kerze und bemerkte, dass deren Schein immer größer wurde. Auf einmal erfüllte sie den ganzen Raum, als würden tausend funkelnde Lichter entzündet werden. Der Komet war angekommen.
So etwas hatte er noch nie gespürt. Welch Emotion von schönster Wonne und Zufriedenheit dieses Ereignis doch unerwartet mit sich brachte.
Mit einem Geräusch millionenfacher Explosionen und der Kraft eines Giganten schlug der Komet auf die Menschheit ein.
Innerhalb weniger Sekunden war der ganze Himmelskörper verbrannt.
Der Vorhang für die Vorstellung der materiellen Menschheit fiel.
Planet ERDE wurde zerstört.
„Schenk mir noch einmal ein!“
Mit rauschiger Miene und freundlichem Blick wandte sich Nicolas an seine Schwester, in der Hoffnung, noch ein bisschen Wein abzubekommen.
„So weit sind wir also schon. Du warst derjenige, der dem Alkohol immer entsagte. Die einzige Person, die ich kenne, die nie einen Tropfen getrunken hat, weil es ihm einfach nicht schmeckte; auch, weil du dessen Wirkung nie für gut empfunden hast. Und jetzt sitzt du neben mir, bettelst mich an, dir den Rest unserer letzten Flasche einzuschenken.“ Kopfschüttelnd, aber mit einem leichten Grinsen im Gesicht, leerte Evelina ihrem Bruder die paar Tropfen des Getränks ein, die noch übrig waren.
„Danke. Morgen werde ich mich dafür bei dir revanchieren.“ Gierig griff er nach dem Glas, das leider nur noch halb gefüllt werden konnte.
„Wir beide wissen, dass das nicht passieren wird.“ Eve verdrehte die Augen und kippte zurück, um auf die Decke zu starren.
Mit einem kräftigen Zug leerte Nicolas sein Glas und ließ sich in den weichen Lehnstuhl fallen. Alles drehte sich bereits im Kreis, wenn er um sich durchs Zimmer sah. Dieses Gefühl war neu für ihn. Er war ein guter Mensch gewesen, der sich nie auf das Niveau anderer hinabgelassen hatte. Trotzdem musste er zugeben, dieser Schwindel hatte schon etwas für sich. Alle seine Sorgen schienen tatsächlich zu verblassen. Doch nur, für wie lange?
„Was macht das schon?“, dachte er sich. „Morgen ist ohnehin alles egal. Und es ist bereits fast Mitternacht.“
Wie eine Katze, die sich nach einem langen Mittagsschlaf streckte, lag er auf seinem Stuhl, seine Augen Richtung Fenster schweifend. Plötzlich schoss die Hitze in ihn ein. Er begann zu lachen und drehte sich einmal um. „Was für ein Gefühl, was für ein Gefühl. Vielleicht hätte ich doch öfter mal was davon nehmen sollen“, murmelte er vor sich hin.
„War ja klar, dass du nach nur drei Gläsern gleich umkippst. Warst dein ganzes Leben lang nüchtern und am Ende davon voll besoffen. Bist halt auch nur ein Mensch so wie wir anderen.“ Evelina stand auf und goss ihrem Bruder ein Glas Wasser ein. „Auch wenn es vermutlich sowieso nicht mehr wichtig ist, trink das und vielleicht können wir das Schlimmste verhindern. Nämlich, dass du dich direkt vor mir übergibst.“
Nicolas drehte sich in seinem Stuhl und rollte sich in eine endgültige Schlafposition. Mit seinen großen grün-braunen Augen starrte er ziellos durch den Raum. Da der Strom schon einige Zeit nicht mehr funktionierte, konnte er aufgrund der fortgeschrittenen Tageshelligkeit nur noch ein paar wenige Umrisse von ihm altbekannten Gegenständen erkennen, wie zum Beispiel seinen Laptop, den er immer für seine Arbeit benutzt hatte. In seinem Job aus der IT-Branche kam es häufig vor, von zu Hause aus zu arbeiten. Bis zuletzt blieb er seiner Tätigkeit treu, seinem Chef und seinen Kunden. All dies war nun nicht mehr wichtig.
In diesem Moment wurde ihm wieder einmal klar, wie engstirnig die Menschen doch geworden sind. Keine Elektrizität bedeutete, kein normales Alltagsleben mehr führen zu können.
„Wie sind wir nur so geworden? Unser Leben von so nichtigen Dingen abhängig zu machen? Vielleicht war der Fortschritt ein Schritt in die falsche Richtung. In die absolut falsche. Was hätten wir anders machen sollen?“ Nicolas knautschte sich noch enger in seinen Sessel.
„Darüber nachzudenken ist nicht notwendig. Erstens, weil es ohnehin zu spät ist, und zweitens, weil wir beide – du und ich – sowieso immer gegen das System der Masse waren. Aber als Einzelpersonen hätten wir nie etwas erreichen können.“ Seine ältere Schwester hing bewegungslos auf der weichen Couch, die schon sehr abgenutzt und löchrig war.
„Willst du damit sagen, wären wir mehr gewesen, dann hätten wir es schaffen können, gegen solche Erfindungen wie Strom anzukämpfen und uns zurück ins Mittelalter zu katapultieren?“
„Das, Bruder, habe ich nicht gemeint. Prinzipiell war es doch eine gute Erfindung, aber was die Menschen damit gemacht haben, nämlich wie immer, diese nur für die totale Ausbeutung zu nutzen, könnte man schon als falschen Weg betrachten. Man hätte nicht unsere ganze Zivilisation nur von so einem kleinen Ding beherrschen lassen müssen. Jetzt erst, kurz vorm Untergang, sehen es viele ein, dass es wohl besser gewesen wäre, unseren Kindern beizubringen, wie man mit Holz und Steinen ein Feuer legen kann, als wie einfach per Knopfdruck ein solches zu entfachen.“
„Pfft …“, gab Nic von sich. Ohne sich auf eine wirkliche Antwort geeinigt zu haben, schwiegen sie wieder still und lauschten dem Klang des tosenden Nichts, anstatt weiterhin unnötige Gedanken an den aktuellen Moment zu verschwenden. Trotz allem waren die zwei ganz schöne Eigenbrötler – sich über so ein Thema zu unterhalten, wenn es doch vielleicht noch Wichtigeres zu bereden gab, am letzten Tag ohne Morgen.
Ein Seufzen lag in der Luft. Welch andere Stimmung könnte vorherrschen am letzten Tag der Apokalypse? Die beiden waren nicht mehr in Erwartung, irgendetwas zu tun. Es war ein trauriger Anblick.
Auf den Straßen herrschte das blanke Chaos. Alle Einwohner des Stadtviertels irrten umher, um ihren letzten Emotionen – Verzweiflung, Wut, Angst und Selbstvorwürfe – freien Lauf zu lassen. Häuser wurden oder waren bereits geplündert. Überall brannten Feuer, niemanden interessierte es jedoch, wer es legte. So ziemlich jedem war es zuzutrauen, verrückt genug zu sein, um dem Weltuntergang noch einen furiosen Beigeschmack zu leisten. Auch der Wind spielte sein Spiel mit und verbreitete sich gerade dorthin, wo noch alles heil zu sein schien. Niemand war mehr sicher. Niemand war noch glücklich und zufrieden.
Irre Rufe hallten durch den Raum. Manch einer riss alles an sich, was er finden konnte – waren es irdische Besitztümer oder Menschen. Andere wiederum versuchten zu predigen und im letzten Augenblick Buße zu tun. Würde es nun funktionieren oder nicht? Vorwurfsvolle Laute klangen aus dem Hof. Eine Nachbarin mit ihrem Baby in den Armen rief voller Wut in die Luft. „Hat denn niemand Erbarmen mit meinem Kind? Es ist doch erst drei Monate alt! Es hat keine Zukunft! Wie könnt ihr es meiner armen kleinen Rosalie nur antun und ihr jede Hoffnung auf ein normales Leben nehmen?“ Wohl wissend, dass ihr inmitten des Gemenges niemand antworten würde. Geschweige denn helfen.
Hunde bellten, Katzen jammerten und holten sich den Rest einer bereits geplünderten Metzgerei aus der Gegend. Glasscherben überhäuften die Straßen sowie übelriechender Gestank, ausgehend von bewusstlosen Menschenkörpern, die entweder von letzten Ausschweifungen oder bereits zutiefst verzweifelten, vorzeitigen Suiziden herrührten.
Das Licht von drei Kerzen erhellte den Raum. Ihr Flackern, das durch den vorbeiziehenden Wind verursacht wurde, hatte etwas Andächtiges. Evelina setzte sich zum Licht und las noch einmal ihren Lieblingscomic, der sie ihr ganzes Leben lang begleitet hatte. Von klein auf waren es die Geschichten von „Heavens Guardia“, die sie begeisterten, und das nicht nur sie. Nichts wollte sie lieber tun, als im letzten Moment ihres Daseins noch einmal diese Zeilen und Bilder zu betrachten.
„Nur noch zweihundertdreißig Seiten, dann habe ich es geschafft. Ein letztes Mal noch meinen Lieblingsband lesen.“ Die Kapitel mit den mystischen Rittern hatte sie immer am liebsten gemocht. Die waren so spannend, voller Rätsel, die gelöst werden mussten. Außerdem liebte sie die Stärke und den Edelmut deren Gesinnung; in Eves sterbender Welt waren solche Eigenschaften unter den Menschen schon längst verblasst und so gut wie gar nicht mehr aufzufinden gewesen.
Ein Blick zu ihrem Bruder, der bereits seinem Weinrausch verfallen und eingeschlafen war, ließ ihr einen sanften Grinser entweichen. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass auch sie selbst bereits ziemlich müde war. Ihre Augenlider wurden schwer.
„Nein, ich darf noch nicht ins Traumland. Ich muss noch die letzten Seiten schaffen.“
Evelina erschrak, als sich die Wohnzimmertür plötzlich öffnete. Vor ihr stand ihre jüngere Schwester Madeline mit zwei elektronischen Geräten in der Hand.
„Funktionieren die überhaupt noch?“, wollte sie wissen.
„Selbstverständlich. Ich habe mir auf meiner Powerbank bewusst noch ein wenig Strom aufgespart. Weißt du nicht mehr, was ich früher schon immer sagte?“ Evelina schüttelte den Kopf. „Das, was ich ein letztes Mal tun möchte, bevor die Welt untergeht, ist es, noch einmal meine Lieblingslieder zu hören. Darum habe ich meinem MP3-Player den Rest des Safts gegeben. Der Akku war schon so lange leer. Auf diese Weise kann ich die sanften Klänge meiner Leidenschaft noch einmal vernehmen. Es beruhigt mich irgendwie.“
Schon drückte sie auf die Starttaste ihres Geräts und begann mit ihren Händen leicht im Takt der Musik mitzuschwingen. Eine Erleichterung machte sich auf ihrem Gesicht breit, als sie sich im Sofa zurücklehnte und sich gedanklich von den Klängen einfach forttragen ließ, an einen Ort, der besser und gütiger zu ihr war, als es die Erde je hätte sein können. Auf einmal stupste Eve sie an und fragte nach ihren Eltern, die bis vor Kurzem noch anwesend waren.
„Mama und Papa sind noch einmal in die Kirche gegangen. Sie wollten dort noch gerne ihre letzten Gebete sprechen.“
„Verstehe.“ Evelina nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas, das sie eigentlich für ihren Bruder bereitgestellt hatte.
„Laut den Prognosen wird uns der Komet um zwei Uhr fünfunddreißig treffen. Denkst du, sie werden bis dahin zurück sein?“
Madeline verzog ihre Miene und zwirbelte nervös mit einem Finger in ihren langen, braunen Locken. „Keine Ahnung. Wenn nicht, ist es auch nicht weiter schlimm. Denn, was wir wissen, ist doch, wir …“
„Was?“, unterbrach sie ihre große Schwester.
„Wir werden uns ‚nachher‘ wiedersehen“, antwortete sie.
Evelina nickte und klappte ihren Comic zu. Sie richtete sich auf und drehte sich zu Madeline, die sie auch oft Madi oder Line nannte: „Ich weiß, wir zwei hatten oft Streit und Ärger aufgrund unseres grundverschiedenen Charakters. Aber jetzt, am Ende der Welt, sollten wir uns zusammensetzen und reden. So wie normale Schwestern es nun einmal tun.“
Madi machte einen verdutzten Anblick. Sie war überrascht über das plötzliche Feingefühl der oftmals rau zu ihr gewesenen Evelina. Doch tief in ihr drin war sie überglücklich, dieses Thema anzusprechen.
„Ja, du hast recht. Bitte verzeih mir, wenn ich dich hin und wieder verletzt habe. Ich habe oft Mist gebaut. Aber aus meinen Fehlern gelernt.“ Die zwei nahmen sich liebevoll an den Händen, während sie sprachen.
„Ich genauso. Lass uns alle unsere Fehltaten für immer vergessen.“
Ein sanftes Lächeln auf beiden Gesichtern endete mit einer rührenden Umarmung der beiden.
Niemand konnte in dieser Nacht Ruhe finden. Der Himmel verfärbte sich immer stetiger in ein knalliges Rot. Hob man seinen Kopf, erkannte man mit bloßem Auge bereits einen kleinen Punkt. Ein Punkt, der bald alles in ein Nichts verwandeln würde.
Das Ticken der Uhr machte Evelina nervös. Es war ein zermürbendes und zugleich unnötiges Gefühl, sich noch irgendeiner Tätigkeit widmen zu müssen. Und so wandte sie sich erneut ihrem Comic zu. Es hatte in ihrem Leben nie viel gegeben, was ihr wirklich Freude bereitete, außer ihren Büchern und Geschichten, ihrer Fantasie und Traumwelten. All die gesammelten Eindrücke darüber wollte sie sich bis zum bitteren Ende aufbewahren. Der wieder erwachte Nicolas rutschte von links an die Seite seiner Schwester und versuchte, einen Blick auf den Band zu erhaschen; Madeline kam von rechts.
„Die guten alten Heftchen, … denkt ihr, es hatte einen Sinn, weshalb wir immer von solchen Storys begeistert waren?“ Nicolas sah seinen Weltuntergangskumpanen fragend ins Gesicht.
„Alles hat einen Sinn. Irgendwann werden wir auch wissen, welchen“, antwortete die Zweitgeborene.
„Line, ich wünschte nur, all die Dinge, die uns in diesem Leben begeisterten, würden nun nicht mit uns verloren gehen. Es hat doch nicht immer nur Übles gegeben. Auch wenn unsere Familie es nie leicht hatte.“ Nic nahm die erste Seite des Werkes und blätterte dieses auf. „Dann lasst uns noch einmal eintauchen in die Welt, wo es geheime Orden, wundersame Könige, magische Mächte und ein Land voller Drachen gibt.“ Die drei schlossen sich noch enger zusammen und steckten ihre Köpfe in den Comic, aus dem Evelina vorlas.
„Weiter geht’s mit dem Sonderkapitel: Der Bienenvater des Nordens, Kl’ausus der Erste. Er wirkt wie ein einfacher Mensch, ist jedoch ein magiebehafteter Zauberer. Seine Kinder sind die Bienen, denen er sein Leben verschrieben hat. Obwohl er am Ende dieses Parts friedlich einschläft und stirbt, wird er nie vergessen sein in Heavens Guardia; er hatte den größten Respekt aller Lords und Herzöge, sogar des Königs selbst; und auch die Drachen verehrten ihn und achteten ihn hoch. Ja, sie hatten sogar ein klein wenig Angst vor ihm, da er der mächtigste gute Zauberer seiner Zeit war.“
Obwohl die drei bereits erwachsen waren – diesen Teil aus ihrer Kindheit konnten sie nie vergessen. In diesem düsteren Moment gaben ihnen eine gute Handvoll bunter Seiten das Glück und den Frieden, das sie immer gesucht hatten; welches stets verwehrt blieb. Denn die Erde war düster und grau im Vergleich zu der Welt, in die sie sich stets hineinträumten.
„Schade nur, dass wir das Ende des Comics nie erfahren werden. Ich wollte immer herausfinden, was mit der schnöden Herzogin Zauk passiert ist. Vor fünf Kapiteln ist sie auf einmal verschwunden und nie mehr aufgetaucht“, jammerte Eve.
„Naja, Zauk war so böse, dass ich stets froh über ihr Abtauchen war.“ Madeline atmete tief aus.
„Aber interessant wäre es schon gewesen. Oder was mit den Drachen geschehen ist. Vermutlich müssen wir uns das Ende einfach selbst ausdenken“, antwortete ihr jüngster Bruder mit einem sanften Lächeln.
Evelina empfand es bereits als zu spät, um noch einmal mit ihrem Hund Gassi zu gehen.
„Liebster Husk, du bekommst dafür von mir jetzt die größte Streicheleinheit, die du dir nur vorstellen kannst.“
Evelina nahm die Fellbürste und kämmte das Haar ihres schneeweißen Samojeden-Hundes. Husk legte sich auf seinen Rücken und genoss die Liebkosung seiner Besitzerin. Plötzlich begann das Tier zu zittern.
„Du weißt, was passieren wird, stimmts? Ich bin mir dessen bewusst.“
Mit einem kleinen Bedauern in den Augen knuddelte Eve ihren langjährigen, treuen Freund und Begleiter, als wäre es das letzte Mal. Nun, weil es das auch war. Husk leckte über Eves wasserstoffblonde, schulterlange Haare und schnaufte, als wüsste er tatsächlich genau, dass dieser Moment eine letzte Verabschiedung darstellen sollte.
„Danke, mein Lieber, du hast mir in meinem Leben sehr geholfen. Als ich einsam und verzweifelt war, hast du es zumeist geschafft, mich zu trösten. Die Welt hat mir oft wehgetan. Du hast mich zwar auch manchmal gebissen, aber das hat nie so sehr geschmerzt wie das blanke, beleidigende Wort eines Menschen.“
In dieser Sekunde dachte sie an ihre Familie. Ein Blick aus dem Fenster im Erdgeschoss ließ sie bemerken, dass Madeline allein auf der Straße stand und wartete, dass der alles entscheidende Moment endlich passieren würde.
„Nic hingegen ist bestimmt noch oben und schläft. Dann hat er es bereits geschafft, die letzten Momente zu überwinden. Papa und Mama sind auch gewiss zusammen. Das passt gut.“
Vorsichtig löste sie sich von Husk und kniete sich zu Boden.
„Ach, Gott. Ich habe mich, um ehrlich zu sein, hier nie wirklich wohlgefühlt. Aber trotzdem gab es noch viele Dinge, die ich machen wollte. Ich weiß, dass dies nur ein Abschnitt meines Daseins und nicht das Ende ist. Mal im Ernst, unser Planet ist so ungerecht, dass nur ein Narr denken könnte, das wäre schon alles gewesen. Wenn man Mutter Erde genauer betrachtete, hat die Natur allein stets für ein gewisses Gleichgewicht mit Recht und Ordnung gesorgt. Wir Menschen aus Fleisch und Blut haben das nicht hingekriegt. Das ist der Punkt, an dem ich sagen kann: Was auch immer jetzt auf mich zukommt, wenn das bisher Erlebte von mir nur dieses unerfüllte, trostlose Leben war, dann müsste jetzt eigentlich etwas auf mich warten, was mich vor lauter Erstaunen umfallen lässt. Also bitte, höhere Macht, verrichte dein Werk an mir!“
In diesem Augenblick spürte Evelina eine Wucht, die sie in die Luft wirbelte. Der Ball traf auf die Erde. Doch sie fühlte keinen Schmerz. Nein, eher ein Gefühl, wie auf Wolken getragen zu werden.
Eine Leichtigkeit und Freude wie nie zuvor.
Madeline wachte um zwei Uhr siebenundzwanzig auf. Der Jüngste von den dreien schlief immer noch tief und fest. Ihn schien kein Weltuntergang mehr wachrütteln zu können, dachte sie sich.
„Das ist gut“, sprach sie zu sich selbst.
Eve war nicht mehr anwesend. Vielleicht wollte sie sich noch von ihrem Hund verabschieden. Keiner liebte Tiere so wie sie und niemand konnte gefühlt besser mit ihnen umgehen. Auch wenn sie äußerlich oft ein wenig ruppig und streng zu sein schien, ihr Herz war golden. An der Art, wie sie sie behandelte, konnte man stets erkennen, welch weichen Kern sie doch beinhaltete.
Langsam schritt sie an das Fenster und sah, dass sie nur noch ein paar wenige Minuten hatte, bevor der riesige, entflammte Gesteinsbrocken sie traf. Liebevoll blickte sie ein letztes Mal zu ihrem Bruder, bevor sie das Zimmer verließ. Zögernd schritt sie die Stufen hinunter und gelangte in den Vorraum. Plötzlich bemerkte sie eine alles in sich fassende Stille. Draußen auf den Straßen war niemand mehr. Wo waren alle hingekommen, die zuvor noch wild durch alle Gassen eilten? In den letzten Augenblicken der Menschheit wollte wohl doch jeder dort sein, wo man wirklich hingehörte. Zuhause, bei den Menschen, die sie liebten.
Madeline holte noch einmal tief Luft und begab sich schließlich ins Freie.
Ganz alleine, völlig ungeschützt, stellte sie sich neben den Baum, welcher direkt neben ihrem Haus stand. Sie blickte auf die Bank, an der sie oft an sonnigen Sonntagnachmittagen saß und verträumt in den Himmel blickte. Doch nicht wehmütig. Vielmehr eher ein wenig erleichtert, denn sie hatte sich eigentlich, soweit sie zurückdenken konnte, nie wohlgefühlt. Auch wenn alles gut zu sein schien, es war nicht so.
Mit dem Blick nach oben gewandt, lauschte sie ein allerletztes Mal den Tönen ihrer Lieblingsmelodie. Die hohen Klänge waren eine Wohltat für ihre Seele und gefühlt nicht von dieser Welt. Das war es immer, was sie sich über Musik dachte. Von weit her, eine Inspiration, die die Menschheit umschloss. Solche Töne waren es, die ihr gefielen. Nicht der Pop-Rock-Mix, den man überall hörte. New Age und Klassik waren echte Musik für sie.
Starker Wind begann zu wehen. Die ersten Schockwellen des Kometen wurden spürbar. Line konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Sie wusste jedoch nicht, welche Art von Tränen sie weinte. Sie barg so viele verschiedene Emotionen in sich, die sich nun vereinten und freigesetzt wurden. Mit gefalteten Händen schickte sie nun noch ein Stoßgebet zum Himmel, wohl wissend, dass dies gut ankommen würde.
Ohne Angst setzte sie sich auf die leere Straße und wartete in den letzten Momenten ihres menschlichen Daseins, dass der Flammenball sie einhüllen würde. Kurz vor dem Aufprall schloss sie die Augen.
Im nächsten Moment spürte sie nichts außer sanfter Wärme und ein unbeschreibliches Gefühl der Geborgenheit.
Nicolas hatte schon bemerkt, dass seine Schwestern den Raum verlassen hatten. Ein grollendes Geräusch machte sich breit und ihm war bewusst, was nun folgen würde. Ihm blieben nur noch einige Sekunden, bis es endlich passierte. Noch ein wenig schwindelig stand er auf und setzte sich zur noch letzten brennenden Kerze. Von dort aus bemerkte er neben dem aktuellen Kalender des Jahres 2033 das Symbol seines Glaubens an der Wand hängen.
„Ich weiß nicht, ob ich in diesem Leben genug getan habe. Doch ich habe stets mein Bestes gegeben.“
Er blickte noch einmal zum Comic, den er vorhin mit seinen Schwestern gelesen hatte.
„In fernen Welten werden wir aufwachen. Ich habe keinen Zweifel. Und was danach passiert, wird fantastischer sein als alles, was sich ein Mensch je vorstellen und in ein Buch hätte drucken können.“
Mit einem beruhigenden Grinsen betete auch er nun zuversichtlich. Er neigte sich über die Kerze und bemerkte, dass deren Schein immer größer wurde. Auf einmal erfüllte sie den ganzen Raum, als würden tausend funkelnde Lichter entzündet werden. Der Komet war angekommen.
So etwas hatte er noch nie gespürt. Welch Emotion von schönster Wonne und Zufriedenheit dieses Ereignis doch unerwartet mit sich brachte.
Mit einem Geräusch millionenfacher Explosionen und der Kraft eines Giganten schlug der Komet auf die Menschheit ein.
Innerhalb weniger Sekunden war der ganze Himmelskörper verbrannt.
Der Vorhang für die Vorstellung der materiellen Menschheit fiel.
Planet ERDE wurde zerstört.

