Geteilte Leben
Eine Geschichte über Brokkoli, Schnee und Portalmagie
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 352
ISBN: 978-3-7116-0441-5
Erscheinungsdatum: 30.01.2025
Er wusste nur, der Kerl, der halb nackt vor seiner Mitschülerin stand, war sein sagenumwobener Halbbruder, der noch strahlender aussah als in Connors wildesten Vorstellungen – wie ein verdammter Disney-Prinz!
Kapitel 1
Connor
Krampfhaft versuchte er, seinen Kopf mit den Armen zu schützen. Er lag mit angewinkelten Beinen auf dem Boden der staubigen Garage und presste beide Ellbogen dicht an seine Ohren. Ausgerechnet am Abend vor der beschissenen Mathearbeit morgen muss der Alte wieder abdrehen …, dachte er und versuchte sowohl seine Schmerzen als auch seine Wut unter Kontrolle zu halten, während die Schläge und Tritte unbarmherzig auf seinen Rücken und seine Rippen niederprasselten.
„Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass ich abends meine Ruhe will“, brüllte sein Vater über ihm, „irgendwann schmeiß ich deine verdammte Gitarre auf den Müll!“ Connor wusste, dass er es nicht ernst meinte. Das tat er nie. In einer Stunde würde er zusammengesunken auf der Wohnzimmercouch sitzen und entweder Rotz und Wasser heulen oder abwesend Löcher in die Luft starren, nachdem er versucht hatte, sich bei ihm zu entschuldigen.
Connor war es leid – die immer wiederkehrende Routine, die er mindestens ein Mal pro Woche erdulden musste, seit seine Mutter vor zwei Jahren gestorben war. Er vermisste sie auch. Doch während sein Vater seine Emotionen im Alkohol ertränkte, was ihn entweder lethargisch oder gewalttätig machte, blieb Connor nur die Musik. Seine Gitarre war sein Ein und Alles. Auch wenn er wusste, dass er mit seiner Musik seinen Vater zur Weißglut trieb, konnte er nicht damit aufhören. Seine Mutter war so stolz auf ihn gewesen und hatte ihn unerbittlich angetrieben, etwas mit seinem Talent anzufangen. Auch sein Vater erkannte Connors Gabe in den hintersten Winkeln seines benebelten Hirns. Vermutlich war es gerade das, was ihn jedesmal so aus der Fassung brachte, wenn er ihn spielen hörte. Die Erinnerungen an die Zeit, als sie eine Familie gewesen waren. Als sie Connor zu Auftritten begleitet hatten und seine Mutter vor Stolz auf und ab gehüpft war mit dem breitesten Grinsen auf den Lippen und einem Strahlen in den braunen Augen.
Er hatte ihre Augen – dasselbe Hellbraun, das fast schon einen bernsteinfarbenen Stich besaß. Auch das erinnerte seinen Vater mit Sicherheit an sie, wenn er seinen Sohn ansah. Auch er hatte braune Augen. Seine waren jedoch dunkelbraun. Connor erinnerte sich an die Tage seiner Kindheit, als er immer ein schelmisches Funkeln in den dunklen Augen seines Vaters gesehen hatte. Teddybäraugen hatte er sie genannt, da sie entweder absolute Wärme und Geborgenheit ausgestrahlt oder vor Albernheit geleuchtet hatten. Es war, als sei diese Seite an seinem Vater zusammen mit seiner Mutter gestorben.
Natürlich war er schon vor ihrem Tod oftmals emotional überfordert und manchmal regelrecht cholerisch gewesen, aber sie hatte immer gewusst, wie sie mit ihm umgehen musste. Sie hatte immer das Gute in ihm zum Vorschein gebracht und jede schwierige Situation zwischen ihnen mit Humor entspannt. Früher hatte es Connor cringen lassen, wenn seine Eltern wie Kinder gekichert hatten und sich gegenseitig mit ihren Witzen hochschaukelten oder ewig knutschend auf dem Sofa saßen. Heute vermisste er sogar das. Er wusste, sie hatten einander geliebt, das hatte ihm Sicherheit gegeben. Nun fehlte der Kleber, der seine Familie zusammengehalten hatte.
Gefangen in seinen Gedanken hatte er zunächst gar nicht bemerkt, dass die Schläge aufgehört hatten. Vorsichtig ließ er seine Arme sinken und hörte ein gedämpftes Schluchzen aus einer Ecke der Garage kommen. Na prima, diesmal hat er’s nicht mal bis ins Wohnzimmer geschafft …, dachte Connor. Diesen Teil der wöchentlichen Routine verabscheute er sogar noch mehr als die Prügel, die er jedesmal stoisch über sich ergehen ließ. Langsam versuchte er sich auf die Knie zu rappeln, um aufzustehen. Dabei fuhr ihm ein scharfer Schmerz in die Seite. Scheiße, dachte er, morgen ist auch Sport. Das wird ein Spaß! Aus dem Augenwinkel sah er auch, dass sein Arm etwas abbekommen hatte. Also würde er wieder einen Sweater in der Sportstunde tragen, sich dabei totschwitzen und den verständnislosen Blicken seiner Klassenkameraden standhalten müssen.
Seufzend kämpfte er sich schließlich zum Stehen und schritt auf wackeligen Beinen hinüber zu der zusammengesunkenen Gestalt in der Ecke, die einst sein Papa gewesen war. Connor war sich nicht sicher, was er heute für ihn darstellte. Er wusste jedoch, dass er ihn nicht sich selbst überlassen konnte.
Im Vorbeigehen fiel sein Blick auf die achtlos auf den Boden geworfene Gitarre, die sein Vater ihm entrissen hatte, als er wutentbrannt in die Garage gestürmt war. Mit Willenskraft schluckte er den Zorn, der bei dem Anblick in ihm hochkochte, herunter. Er würde sie hinterher stimmen und die Saiten nachziehen.
„Mein Gott, es tut mir so leid. Es tut mir so leid“, nuschelte sein Vater undeutlich vor ihm. „Geht es dir gut, ja? Sag mir, dass alles o. k. ist.“ Connor ging umständlich vor ihm in die Hocke, um ihm aufzuhelfen. Als ihm dabei seine Alkoholfahne entgegenschlug, musste er sein Gesicht unwillkürlich zur Seite drehen. Sein Vater versuchte, ihn an sich zu ziehen, um ihn zu umarmen. Das war das Letzte, was Connor jetzt wollte. Er biss die Zähne aufeinander, bis seine Kiefermuskeln hervortraten, und zwang sich dazu, ihm zu antworten: „Es ist alles o. k. Es geht mir gut. Kannst du aufstehen? Lass uns in die Wohnung gehen. Ich mach dir was zu essen.“
Sein Vater nickte und sah dabei aus wie ein Häufchen Elend. Sein Gesicht war gerötet. Connor konnte nicht sagen, was tiefer war – die Ringe unter seinen Augen oder die Falten daneben. Sein schwarz-graues halblanges Haar, das er normalerweise am Hinterkopf zusammengebunden trug, stand in alle Richtungen ab und gab ihm zusammen mit seinem ungepflegten Bart den Anschein eines Obdachlosen, der nächtelang im Freien verbracht hatte. Connor schluckte seinen Ekel hinunter und half seinem Vater aus der Garage in die Erdgeschosswohnung nebenan. Er setzte seinen Erzeuger auf der Wohnzimmercouch ab und ging daraufhin in die Küche, um den Wasserkocher anzustellen. Aus dem Hängeschrank darüber griff er eine Packung Hühnernudelsuppe. Ihm war der Appetit vergangen, aber er wusste, dass sein Vater etwas essen sollte, um den Alkohol besser zu verdauen.
Während das Wasser allmählich warm wurde, zog Connor sein Handy aus der Jeanstasche. Er sah mehrere Benachrichtigungen von Chris auf dem Display. Chris war sein einziger richtiger Freund am Gymnasium. Er war der Einzige gewesen, der sich nicht hatte abschrecken lassen, als Connor vor zwei Jahren stiller und teilnahmsloser geworden war. Offenbar war er nicht nur eine Intelligenzbestie, er hatte in der Unterstufe eine Klasse übersprungen, sodass er mit seinen 16 Jahren nun ebenso in der 11. Klasse war wie Connor mit seinen 17, sondern auch ein Fachmann auf emotionaler Ebene. In der ersten Nachricht, die Connor nun öffnete, fragte er ihn, ob er am Wochenende auf die Party seiner Cousine Liana kommen wolle. Er brauchte die anderen Nachrichten gar nicht erst lesen, um zu wissen, dass sie allesamt von dieser Party handeln würden. Chris wusste ganz genau, dass das nicht sein Ding war: Leute treffen und sich besaufen. Davon hatte er bei Weitem schon genug zu Hause. Außerdem war Chris’ Cousine absolut durchgeknallt. Sie hatte bunt gefärbte Haare und schminkte sich die Augen so dick mit Kajal, dass man sie in der Tat für koreanisch halten konnte wie die K-Pop-Musikgruppen, nach denen sie verrückt war. Und das war schon das nächste Problem. Niemals konnte Connor einen ganzen Abend diese Schrottmusik ertragen. Er wollte gerade eine Absage tippen, als er ein lautes Schnarchen aus dem Wohnzimmer vernahm. Er steckte das Handy weg und blickte in das gegenüberliegende Wohnzimmer. Sein Vater lag mit offen stehendem Mund ausgebreitet auf der Wohnlandschaft, die den Großteil des Raumes einnahm und schnarchte vor sich hin. Connor schüttelte den Kopf, stellte den Wasserkocher wieder aus und überlegte es sich aus einem Impuls heraus anders. „O.k., ich komme mit. Wann geht es los?“, tippte er in den immer noch geöffneten Chat mit Chris.
Kapitel 2
Juna
„Ich muss jetzt gleich los. Keine Ahnung, wann ich heute Abend wiederkomme. Ich muss den Laden abschließen und die Abrechnungen machen. Es kann spät werden. Du musst Lea ins Bett bringen und Luisa von der Nachmittagsbetreuung abholen, o. k.?“, wies ihre Mutter sie an. Wie immer hatte sie ihre dunkelblonden Haare mit den deutlich hervortretenden, grauen Strähnen für die Arbeit zu einem straffen Dutt zusammengebunden. Ungeduldig stand sie in der Tür zu Junas Zimmer und zog ihre Stirn in Erwartung einer Antwort kraus.
Juna war gerade dabei, ihre Hausaufgaben zu erledigen. Wieder einmal würde sie sie nicht fertigstellen können, da sie sich stattdessen um ihre jüngeren Schwestern kümmern musste, während ihre Mutter eine weitere 10-Stunden-Schicht in ihrem unterbezahlten Job als Verkäuferin antrat. Juna war mit ihren 17 Jahren zu einer Ersatzmutter für ihre 9- und 5- jährigen Schwestern geworden. Sie hatte es aufgegeben, darüber Trübsal zu blasen und ihren Alltag mit dem ihrer Klassenkameradinnen zu vergleichen. Sie mussten nun einmal das Beste aus der Situation machen, seit ihr Vater seine Familie vor zwei Jahren verlassen hatte.
„Geht klar, Mama“, antwortete sie, ohne aufzuschauen. Sie spürte jedoch, wie der Blick ihrer Mutter ihr förmlich Löcher in den Hinterkopf brannte. Also drehte sie sich schließlich zu ihr um und zwang ein beruhigendes Lächeln auf ihre Lippen, als sie sagte: „Wirklich, Mama, ich habe alles im Griff. Mach dir keine Sorgen! Ich kann dir ja später schreiben, wenn Lea im Bett ist.“ Damit gab sie sich anscheinend zufrieden, denn sie verabschiedete sich mit einer kurzen Umarmung und überließ Juna wieder ihren Mathebüchern.
Sie seufzte auf, klappte die Bücher und ihren Ordner geräuschvoll zu und strich sich mit beiden Händen durch die dunkelblonden, langen Haare. Es war zwecklos, sie hatte weder die Zeit noch die Gehirnkapazität, die Aufgaben zu beenden. In einer Stunde musste sie Luisa von der Nachmittagsbetreuung abholen und gleichzeitig Lea dazu motivieren mitzukommen, da sie eine 5-Jährige schlecht alleine zu Hause lassen konnte.
Nein, sie würde die verbleibende Stunde nicht für Geometrie verschwenden, sondern lieber weiter in dem Buch lesen, das sie gestern angefangen hatte. Es war eine Fantasygeschichte, die in einer Welt spielte, in der nur die Frauen magische Fähigkeiten besaßen und sich gegen eine Bedrohung von seelenlosen Wesen zur Wehr setzen mussten. Juna liebte diese Art von Büchern – soweit wie möglich von der Realität entfernt, von ihrer Realität, die von Pflichten und Verantwortung dominiert wurde.
Gerade als sie das Buch aufschlagen wollte, klingelte ihr Handy, das auf dem Fensterbrett neben ihrem Schreibtisch lag. Sie befürchtete schon, es sei die Schule ihrer Schwester, die ihr mitteilen wolle, dass Luisa früher abgeholt werden müsse. Umso erleichterter atmete Juna die Luft aus, die sie unwillkürlich angehalten hatte, als sie sah, dass es ihre Freundin Liana war.
Noch bevor Juna sich melden konnte, plapperte Liana bereits drauf los: „Bitte sag mir, dass deine Mum am Freitag frei hat! Du musst zu meiner Party kommen. Luca hat zugesagt, dass er kommt. Ich schaffe das nicht alleine. Ich brauche unbedingt seelische Unterstützung, sonst blamiere ich mich total.“ Juna musste bei dem Redeschwall ihrer Freundin grinsen. Sie wusste, dass Liana seit Langem ein Auge auf Luca geworfen hatte, der bereits in die Abschlussklasse ihres Gymnasiums ging und sich normalerweise nicht mit jüngeren Mädchen abgab.
„Jetzt bleib erst mal ganz ruhig. Wenn du einen Herzinfarkt bekommst, wirst du nichts davon haben, dass er zugesagt hat“, lachte Juna ins Telefon, „ich denke, ich werde vorbeischauen können. Aber du weißt, dass ich nicht lange bleiben kann. Ich muss am Samstag früh meine Werbeblätter austragen.“ Eine weitere ihrer vielen Verpflichtungen, dachte sie kapitulierend.
„Ja, ja, ist mir schon klar“, erwiderte Liana. Ihre Freundin war sich Junas Lage sehr wohl bewusst und nahm Rücksicht auf sie, wo sie konnte. Dafür war sie ihr sehr dankbar, denn die meisten ihrer anderen Freundinnen hatten sich von Juna abgewandt, da sie ihnen immer wieder Absagen erteilen musste und kaum Zeit hatte.
Unvermittelt klopfte es an Junas Zimmertür. Ein hellblonder Lockenkopf erschien im Türrahmen und große braune Augen starrten sie an. „Mir ist schlecht, Juna. Ich glaube, ich muss spucken“, sagte ihre kleine Schwester Lea mit zitternder Stimme, während sie ihren Lieblingsteddy im Arm hielt. Sie war ganz blass und sah so aus, als würde sie jeden Moment anfangen zu würgen.
„Ich muss Schluss machen“, sprach Juna schnell ins Handy und legte auf, ohne auf eine Reaktion von Liana zu warten. Ihre Freundin würde das verstehen. Sie war es gewohnt.
Geistesgegenwärtig griff Juna nach ihrem Papierkorb, der unter dem Schreibtisch stand und hielt ihn Lea unters Kinn. Gerade noch rechtzeitig, dachte sie erleichtert, während ihre Schwester sich erbrach.
Resignierend stieß sie die Luft aus. „Das war’s dann wohl mit Lesen“, murmelte sie.
Kapitel 3
Connor
Was tat er hier eigentlich? Was hatte er sich nur dabei gedacht? Connor stand in seinem Metallica- Shirt, zerrissenen schwarzen Jeans und schweren Boots vor Lianas Haustür. Es hatte ihn eine circa zehnminütige Überwindung gekostet, überhaupt die Treppe hinauf zu ihrer Tür zu schreiten. Davor hatte er etwas abseits am Wegesrand gestanden und zugesehen, wie unzählige andere junge Leute – manche in Gruppen, einige allein – geklingelt hatten und von der Gastgeberin nach einer überschwänglichen Umarmung ins Haus gebeten worden waren.
Und was für ein Haus es war! Es musste mindestens 15 Zimmer haben, die sich über drei Stockwerke erstreckten. Um das Haus herum befand sich ein weitläufiger Garten und daneben sowohl ein Carport als auch zwei Garagen, die jeweils doppelt so groß waren wie die, die den alten Ford Mondeo seines Vaters bei ihm zu Hause beherbergte.
Connor atmete geräuschvoll ein und aus und drückte seinen Zeigefinger schließlich auf die Klingel, die neben der roten, mit einem Kranz verzierten Haustür angebracht war. Er würde den Abend schon irgendwie überstehen. Chris wartete schließlich drinnen auf ihn. Er hatte ihm das hier eingebrockt, als sollte er es gefälligst auch erträglich für ihn machen.
„Wer stört?“, lachte eine angeheiterte Mädchenstimme ihm plötzlich aus der Gegensprechanlage entgegen. Connor rollte entnervt die Augen. Er war nicht in der Stimmung für Späße. Doch ehe er sich eine schlagfertige Antwort zurechtlegen konnte, wurde die Tür bereits vor seiner Nase aufgerissen. Natürlich hatte er vorher schon einen kurzen Blick auf Liana erhaschen können, aber als er ihr nun direkt gegenüberstand, stand ihm trotzdem vor Sprachlosigkeit der Mund offen.
Sie trug einen übergroßen schlumpfblauen Kapuzensweater und weite hellrosa Jeans mit blutroten Herzchen drauf. Ihre zuckerwatterosa Haare waren an den Seiten zu Schnecken gedreht, die ihn schwer an Lea aus ,Star Wars‘ erinnerten, wenngleich Liana wohl eher einer asiatischen Version davon glich, da sie ihre Augen dick und schräg mit Eyeliner geschminkt hatte, sodass sie mandelförmig wirkten. Ihre Lippen, die knallpink angemalt waren, verzogen sich zu einem Lächeln, als sie ihn von oben bis unten musterte. „Bist du sicher, dass du zur richtigen Party gekommen bist?“, kommentierte sie lachend, ehe sie ihn in eine kurze Umarmung zog und weitersprach: „Nein, ehrlich, ich bin positiv überrascht, dass du überhaupt gekommen bist. Konnte meinem Lieblingscousin gar nicht glauben, als er sagte, dass du vorbeischauen willst. Ist schön, dass du mal an was teilnimmst.“ Er wusste, dass ihm der Ruf eines Eigenbrötlers vorauseilte, der sich nichts aus sozialen Events machte. Die Gründe dafür kannte aber nur Chris – und selbst der nur im Ansatz. Unbehaglich kratze Connor sich am Kopf, wobei ihm seine dunkelbraunen, leicht gewellten Haare in die Stirn fielen. Er brauchte dringend mal wieder einen Haarschnitt. Immerhin lenkte das von seinen geröteten Wangen ab, als er um eine Erwiderung rang.
Liana kam ihm zuvor. Er wusste, dass sie trotz ihrer großen Klappe und ihres extravaganten Erscheinungsbildes ein gutes Herz hatte. Sie musste wohl gemerkt haben, dass er sich unwohl fühlte. Sie zog ihn kurzerhand ins Haus und plapperte dabei ungerührt weiter: „Ich fürchte zwar, dass die Musik hier nicht so dein Ding sein wird, aber ich bring dich erst mal zu Chris. Dann ist er wenigstens nicht der Einzige, der sich über fehlende Gitarrenklänge aufregen muss …“ Connor folgte ihr dankbar durch den geräumigen Eingangsbereich, der zu beiden Seiten mit prunkvollen Spiegeln und Gemälden behangen war. Hatte er bereits die Kommoden und die Garderobe für exquisit gehalten, so verschlug ihm der Anblick des Esszimmers, durch das sie nun gingen, die Sprache. Der Esstisch glich mehr einer Tafel, an der locker zwölf Gäste Platz finden würden. Der weiße Hochflorteppich davor schien so kostbar zu sein, dass es schon fast ein Frevel war, darüber zu laufen. Auf den Massivholzmöbeln befanden sich teuer aussehende Ornamente. An den Wänden hingen gerahmte Fotos von Liana und ihren Eltern, aber auch Landschaftsaufnahmen und Porträts, mit denen ihr Vater sein Geld verdiente. Ein Kristallkronleuchter, der von der Decke hing, rundete das Gesamtbild ab. Connor konnte nicht glauben, dass Lianas Eltern ihr das Haus für eine Party überließen. Sie mussten wirklich ein gutes Verhältnis haben.
„Guck nicht so!“, riss ihn Liana aus seinem Staunen. „Die Party findet im Keller statt. Komm schon.“ Sie zog ihn durch eine Tür, die in einen weiteren Flur führte und von dort eine Treppe hinunter. Connor konnte bereits die schmerzlichen Klänge einer Mischung aus Rap und elektronischer Popmusik aus den Boxen dröhnen hören, bevor er überhaupt den Partykeller betrat. Liana dirigierte ihn durch die Tür. Connor stellte wenig überrascht fest, dass auch der sogenannte Kellerbereich eher einem Haus im Haus glich. Es gab mehrere Räume, die ineinander übergingen und sogar eine Bar mit Zapfhahn und Coca-Cola-Kühlschrank. „Er ist da hinten“, sagte Liana und deutete auf seinen Freund, der neben einem Mädchen auf der Eckbank saß und einen Energydrink in der Hand hielt. „Danke“, erwiderte Connor. Es war das erste Wort, das er herausgebracht hatte, seit er die Türklingel betätigt hatte. Liana grinste ihn freundlich an. Er bemühte sich, ihr Lächeln zu erwidern. Dann wurde sie auch schon von einer Gruppe Mädchen weggezogen, die ähnlich bunt angezogen waren wie sie. Sie fingen laut zu kichern an und stupsten einander an.
Connor wendete sich ab und bahnte sich seinen Weg auf die Eckbank zu. Dabei wurde er immer wieder von anderen Gästen angerempelt, die bereits sichtlich angeheitert waren. Er fühlte sich zutiefst fehl am Platz.
Wenigstens sah Chris zu ihm auf und winkte, als er sich ihm näherte. Es war schwer vorstellbar, dass er und Liana verwandt waren. Chris hatte rotblonde Haare und sommersprossige, blasse Haut sowie eine schlaksige Statur, was ihn nicht gerade begehrenswert bei der Damenwelt machte. Umso überraschter war Connor, dass er seinen Freund neben einem Mädchen sitzen sah. Zugegeben, sie war nicht die hübscheste, die er hier gesehen hatte, aber immerhin schien Chris angetan von ihr zu sein. Er vermutete, dass sie der Grund war, warum er unbedingt auf diese Party hatte gehen wollen.
…
Connor
Krampfhaft versuchte er, seinen Kopf mit den Armen zu schützen. Er lag mit angewinkelten Beinen auf dem Boden der staubigen Garage und presste beide Ellbogen dicht an seine Ohren. Ausgerechnet am Abend vor der beschissenen Mathearbeit morgen muss der Alte wieder abdrehen …, dachte er und versuchte sowohl seine Schmerzen als auch seine Wut unter Kontrolle zu halten, während die Schläge und Tritte unbarmherzig auf seinen Rücken und seine Rippen niederprasselten.
„Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass ich abends meine Ruhe will“, brüllte sein Vater über ihm, „irgendwann schmeiß ich deine verdammte Gitarre auf den Müll!“ Connor wusste, dass er es nicht ernst meinte. Das tat er nie. In einer Stunde würde er zusammengesunken auf der Wohnzimmercouch sitzen und entweder Rotz und Wasser heulen oder abwesend Löcher in die Luft starren, nachdem er versucht hatte, sich bei ihm zu entschuldigen.
Connor war es leid – die immer wiederkehrende Routine, die er mindestens ein Mal pro Woche erdulden musste, seit seine Mutter vor zwei Jahren gestorben war. Er vermisste sie auch. Doch während sein Vater seine Emotionen im Alkohol ertränkte, was ihn entweder lethargisch oder gewalttätig machte, blieb Connor nur die Musik. Seine Gitarre war sein Ein und Alles. Auch wenn er wusste, dass er mit seiner Musik seinen Vater zur Weißglut trieb, konnte er nicht damit aufhören. Seine Mutter war so stolz auf ihn gewesen und hatte ihn unerbittlich angetrieben, etwas mit seinem Talent anzufangen. Auch sein Vater erkannte Connors Gabe in den hintersten Winkeln seines benebelten Hirns. Vermutlich war es gerade das, was ihn jedesmal so aus der Fassung brachte, wenn er ihn spielen hörte. Die Erinnerungen an die Zeit, als sie eine Familie gewesen waren. Als sie Connor zu Auftritten begleitet hatten und seine Mutter vor Stolz auf und ab gehüpft war mit dem breitesten Grinsen auf den Lippen und einem Strahlen in den braunen Augen.
Er hatte ihre Augen – dasselbe Hellbraun, das fast schon einen bernsteinfarbenen Stich besaß. Auch das erinnerte seinen Vater mit Sicherheit an sie, wenn er seinen Sohn ansah. Auch er hatte braune Augen. Seine waren jedoch dunkelbraun. Connor erinnerte sich an die Tage seiner Kindheit, als er immer ein schelmisches Funkeln in den dunklen Augen seines Vaters gesehen hatte. Teddybäraugen hatte er sie genannt, da sie entweder absolute Wärme und Geborgenheit ausgestrahlt oder vor Albernheit geleuchtet hatten. Es war, als sei diese Seite an seinem Vater zusammen mit seiner Mutter gestorben.
Natürlich war er schon vor ihrem Tod oftmals emotional überfordert und manchmal regelrecht cholerisch gewesen, aber sie hatte immer gewusst, wie sie mit ihm umgehen musste. Sie hatte immer das Gute in ihm zum Vorschein gebracht und jede schwierige Situation zwischen ihnen mit Humor entspannt. Früher hatte es Connor cringen lassen, wenn seine Eltern wie Kinder gekichert hatten und sich gegenseitig mit ihren Witzen hochschaukelten oder ewig knutschend auf dem Sofa saßen. Heute vermisste er sogar das. Er wusste, sie hatten einander geliebt, das hatte ihm Sicherheit gegeben. Nun fehlte der Kleber, der seine Familie zusammengehalten hatte.
Gefangen in seinen Gedanken hatte er zunächst gar nicht bemerkt, dass die Schläge aufgehört hatten. Vorsichtig ließ er seine Arme sinken und hörte ein gedämpftes Schluchzen aus einer Ecke der Garage kommen. Na prima, diesmal hat er’s nicht mal bis ins Wohnzimmer geschafft …, dachte Connor. Diesen Teil der wöchentlichen Routine verabscheute er sogar noch mehr als die Prügel, die er jedesmal stoisch über sich ergehen ließ. Langsam versuchte er sich auf die Knie zu rappeln, um aufzustehen. Dabei fuhr ihm ein scharfer Schmerz in die Seite. Scheiße, dachte er, morgen ist auch Sport. Das wird ein Spaß! Aus dem Augenwinkel sah er auch, dass sein Arm etwas abbekommen hatte. Also würde er wieder einen Sweater in der Sportstunde tragen, sich dabei totschwitzen und den verständnislosen Blicken seiner Klassenkameraden standhalten müssen.
Seufzend kämpfte er sich schließlich zum Stehen und schritt auf wackeligen Beinen hinüber zu der zusammengesunkenen Gestalt in der Ecke, die einst sein Papa gewesen war. Connor war sich nicht sicher, was er heute für ihn darstellte. Er wusste jedoch, dass er ihn nicht sich selbst überlassen konnte.
Im Vorbeigehen fiel sein Blick auf die achtlos auf den Boden geworfene Gitarre, die sein Vater ihm entrissen hatte, als er wutentbrannt in die Garage gestürmt war. Mit Willenskraft schluckte er den Zorn, der bei dem Anblick in ihm hochkochte, herunter. Er würde sie hinterher stimmen und die Saiten nachziehen.
„Mein Gott, es tut mir so leid. Es tut mir so leid“, nuschelte sein Vater undeutlich vor ihm. „Geht es dir gut, ja? Sag mir, dass alles o. k. ist.“ Connor ging umständlich vor ihm in die Hocke, um ihm aufzuhelfen. Als ihm dabei seine Alkoholfahne entgegenschlug, musste er sein Gesicht unwillkürlich zur Seite drehen. Sein Vater versuchte, ihn an sich zu ziehen, um ihn zu umarmen. Das war das Letzte, was Connor jetzt wollte. Er biss die Zähne aufeinander, bis seine Kiefermuskeln hervortraten, und zwang sich dazu, ihm zu antworten: „Es ist alles o. k. Es geht mir gut. Kannst du aufstehen? Lass uns in die Wohnung gehen. Ich mach dir was zu essen.“
Sein Vater nickte und sah dabei aus wie ein Häufchen Elend. Sein Gesicht war gerötet. Connor konnte nicht sagen, was tiefer war – die Ringe unter seinen Augen oder die Falten daneben. Sein schwarz-graues halblanges Haar, das er normalerweise am Hinterkopf zusammengebunden trug, stand in alle Richtungen ab und gab ihm zusammen mit seinem ungepflegten Bart den Anschein eines Obdachlosen, der nächtelang im Freien verbracht hatte. Connor schluckte seinen Ekel hinunter und half seinem Vater aus der Garage in die Erdgeschosswohnung nebenan. Er setzte seinen Erzeuger auf der Wohnzimmercouch ab und ging daraufhin in die Küche, um den Wasserkocher anzustellen. Aus dem Hängeschrank darüber griff er eine Packung Hühnernudelsuppe. Ihm war der Appetit vergangen, aber er wusste, dass sein Vater etwas essen sollte, um den Alkohol besser zu verdauen.
Während das Wasser allmählich warm wurde, zog Connor sein Handy aus der Jeanstasche. Er sah mehrere Benachrichtigungen von Chris auf dem Display. Chris war sein einziger richtiger Freund am Gymnasium. Er war der Einzige gewesen, der sich nicht hatte abschrecken lassen, als Connor vor zwei Jahren stiller und teilnahmsloser geworden war. Offenbar war er nicht nur eine Intelligenzbestie, er hatte in der Unterstufe eine Klasse übersprungen, sodass er mit seinen 16 Jahren nun ebenso in der 11. Klasse war wie Connor mit seinen 17, sondern auch ein Fachmann auf emotionaler Ebene. In der ersten Nachricht, die Connor nun öffnete, fragte er ihn, ob er am Wochenende auf die Party seiner Cousine Liana kommen wolle. Er brauchte die anderen Nachrichten gar nicht erst lesen, um zu wissen, dass sie allesamt von dieser Party handeln würden. Chris wusste ganz genau, dass das nicht sein Ding war: Leute treffen und sich besaufen. Davon hatte er bei Weitem schon genug zu Hause. Außerdem war Chris’ Cousine absolut durchgeknallt. Sie hatte bunt gefärbte Haare und schminkte sich die Augen so dick mit Kajal, dass man sie in der Tat für koreanisch halten konnte wie die K-Pop-Musikgruppen, nach denen sie verrückt war. Und das war schon das nächste Problem. Niemals konnte Connor einen ganzen Abend diese Schrottmusik ertragen. Er wollte gerade eine Absage tippen, als er ein lautes Schnarchen aus dem Wohnzimmer vernahm. Er steckte das Handy weg und blickte in das gegenüberliegende Wohnzimmer. Sein Vater lag mit offen stehendem Mund ausgebreitet auf der Wohnlandschaft, die den Großteil des Raumes einnahm und schnarchte vor sich hin. Connor schüttelte den Kopf, stellte den Wasserkocher wieder aus und überlegte es sich aus einem Impuls heraus anders. „O.k., ich komme mit. Wann geht es los?“, tippte er in den immer noch geöffneten Chat mit Chris.
Kapitel 2
Juna
„Ich muss jetzt gleich los. Keine Ahnung, wann ich heute Abend wiederkomme. Ich muss den Laden abschließen und die Abrechnungen machen. Es kann spät werden. Du musst Lea ins Bett bringen und Luisa von der Nachmittagsbetreuung abholen, o. k.?“, wies ihre Mutter sie an. Wie immer hatte sie ihre dunkelblonden Haare mit den deutlich hervortretenden, grauen Strähnen für die Arbeit zu einem straffen Dutt zusammengebunden. Ungeduldig stand sie in der Tür zu Junas Zimmer und zog ihre Stirn in Erwartung einer Antwort kraus.
Juna war gerade dabei, ihre Hausaufgaben zu erledigen. Wieder einmal würde sie sie nicht fertigstellen können, da sie sich stattdessen um ihre jüngeren Schwestern kümmern musste, während ihre Mutter eine weitere 10-Stunden-Schicht in ihrem unterbezahlten Job als Verkäuferin antrat. Juna war mit ihren 17 Jahren zu einer Ersatzmutter für ihre 9- und 5- jährigen Schwestern geworden. Sie hatte es aufgegeben, darüber Trübsal zu blasen und ihren Alltag mit dem ihrer Klassenkameradinnen zu vergleichen. Sie mussten nun einmal das Beste aus der Situation machen, seit ihr Vater seine Familie vor zwei Jahren verlassen hatte.
„Geht klar, Mama“, antwortete sie, ohne aufzuschauen. Sie spürte jedoch, wie der Blick ihrer Mutter ihr förmlich Löcher in den Hinterkopf brannte. Also drehte sie sich schließlich zu ihr um und zwang ein beruhigendes Lächeln auf ihre Lippen, als sie sagte: „Wirklich, Mama, ich habe alles im Griff. Mach dir keine Sorgen! Ich kann dir ja später schreiben, wenn Lea im Bett ist.“ Damit gab sie sich anscheinend zufrieden, denn sie verabschiedete sich mit einer kurzen Umarmung und überließ Juna wieder ihren Mathebüchern.
Sie seufzte auf, klappte die Bücher und ihren Ordner geräuschvoll zu und strich sich mit beiden Händen durch die dunkelblonden, langen Haare. Es war zwecklos, sie hatte weder die Zeit noch die Gehirnkapazität, die Aufgaben zu beenden. In einer Stunde musste sie Luisa von der Nachmittagsbetreuung abholen und gleichzeitig Lea dazu motivieren mitzukommen, da sie eine 5-Jährige schlecht alleine zu Hause lassen konnte.
Nein, sie würde die verbleibende Stunde nicht für Geometrie verschwenden, sondern lieber weiter in dem Buch lesen, das sie gestern angefangen hatte. Es war eine Fantasygeschichte, die in einer Welt spielte, in der nur die Frauen magische Fähigkeiten besaßen und sich gegen eine Bedrohung von seelenlosen Wesen zur Wehr setzen mussten. Juna liebte diese Art von Büchern – soweit wie möglich von der Realität entfernt, von ihrer Realität, die von Pflichten und Verantwortung dominiert wurde.
Gerade als sie das Buch aufschlagen wollte, klingelte ihr Handy, das auf dem Fensterbrett neben ihrem Schreibtisch lag. Sie befürchtete schon, es sei die Schule ihrer Schwester, die ihr mitteilen wolle, dass Luisa früher abgeholt werden müsse. Umso erleichterter atmete Juna die Luft aus, die sie unwillkürlich angehalten hatte, als sie sah, dass es ihre Freundin Liana war.
Noch bevor Juna sich melden konnte, plapperte Liana bereits drauf los: „Bitte sag mir, dass deine Mum am Freitag frei hat! Du musst zu meiner Party kommen. Luca hat zugesagt, dass er kommt. Ich schaffe das nicht alleine. Ich brauche unbedingt seelische Unterstützung, sonst blamiere ich mich total.“ Juna musste bei dem Redeschwall ihrer Freundin grinsen. Sie wusste, dass Liana seit Langem ein Auge auf Luca geworfen hatte, der bereits in die Abschlussklasse ihres Gymnasiums ging und sich normalerweise nicht mit jüngeren Mädchen abgab.
„Jetzt bleib erst mal ganz ruhig. Wenn du einen Herzinfarkt bekommst, wirst du nichts davon haben, dass er zugesagt hat“, lachte Juna ins Telefon, „ich denke, ich werde vorbeischauen können. Aber du weißt, dass ich nicht lange bleiben kann. Ich muss am Samstag früh meine Werbeblätter austragen.“ Eine weitere ihrer vielen Verpflichtungen, dachte sie kapitulierend.
„Ja, ja, ist mir schon klar“, erwiderte Liana. Ihre Freundin war sich Junas Lage sehr wohl bewusst und nahm Rücksicht auf sie, wo sie konnte. Dafür war sie ihr sehr dankbar, denn die meisten ihrer anderen Freundinnen hatten sich von Juna abgewandt, da sie ihnen immer wieder Absagen erteilen musste und kaum Zeit hatte.
Unvermittelt klopfte es an Junas Zimmertür. Ein hellblonder Lockenkopf erschien im Türrahmen und große braune Augen starrten sie an. „Mir ist schlecht, Juna. Ich glaube, ich muss spucken“, sagte ihre kleine Schwester Lea mit zitternder Stimme, während sie ihren Lieblingsteddy im Arm hielt. Sie war ganz blass und sah so aus, als würde sie jeden Moment anfangen zu würgen.
„Ich muss Schluss machen“, sprach Juna schnell ins Handy und legte auf, ohne auf eine Reaktion von Liana zu warten. Ihre Freundin würde das verstehen. Sie war es gewohnt.
Geistesgegenwärtig griff Juna nach ihrem Papierkorb, der unter dem Schreibtisch stand und hielt ihn Lea unters Kinn. Gerade noch rechtzeitig, dachte sie erleichtert, während ihre Schwester sich erbrach.
Resignierend stieß sie die Luft aus. „Das war’s dann wohl mit Lesen“, murmelte sie.
Kapitel 3
Connor
Was tat er hier eigentlich? Was hatte er sich nur dabei gedacht? Connor stand in seinem Metallica- Shirt, zerrissenen schwarzen Jeans und schweren Boots vor Lianas Haustür. Es hatte ihn eine circa zehnminütige Überwindung gekostet, überhaupt die Treppe hinauf zu ihrer Tür zu schreiten. Davor hatte er etwas abseits am Wegesrand gestanden und zugesehen, wie unzählige andere junge Leute – manche in Gruppen, einige allein – geklingelt hatten und von der Gastgeberin nach einer überschwänglichen Umarmung ins Haus gebeten worden waren.
Und was für ein Haus es war! Es musste mindestens 15 Zimmer haben, die sich über drei Stockwerke erstreckten. Um das Haus herum befand sich ein weitläufiger Garten und daneben sowohl ein Carport als auch zwei Garagen, die jeweils doppelt so groß waren wie die, die den alten Ford Mondeo seines Vaters bei ihm zu Hause beherbergte.
Connor atmete geräuschvoll ein und aus und drückte seinen Zeigefinger schließlich auf die Klingel, die neben der roten, mit einem Kranz verzierten Haustür angebracht war. Er würde den Abend schon irgendwie überstehen. Chris wartete schließlich drinnen auf ihn. Er hatte ihm das hier eingebrockt, als sollte er es gefälligst auch erträglich für ihn machen.
„Wer stört?“, lachte eine angeheiterte Mädchenstimme ihm plötzlich aus der Gegensprechanlage entgegen. Connor rollte entnervt die Augen. Er war nicht in der Stimmung für Späße. Doch ehe er sich eine schlagfertige Antwort zurechtlegen konnte, wurde die Tür bereits vor seiner Nase aufgerissen. Natürlich hatte er vorher schon einen kurzen Blick auf Liana erhaschen können, aber als er ihr nun direkt gegenüberstand, stand ihm trotzdem vor Sprachlosigkeit der Mund offen.
Sie trug einen übergroßen schlumpfblauen Kapuzensweater und weite hellrosa Jeans mit blutroten Herzchen drauf. Ihre zuckerwatterosa Haare waren an den Seiten zu Schnecken gedreht, die ihn schwer an Lea aus ,Star Wars‘ erinnerten, wenngleich Liana wohl eher einer asiatischen Version davon glich, da sie ihre Augen dick und schräg mit Eyeliner geschminkt hatte, sodass sie mandelförmig wirkten. Ihre Lippen, die knallpink angemalt waren, verzogen sich zu einem Lächeln, als sie ihn von oben bis unten musterte. „Bist du sicher, dass du zur richtigen Party gekommen bist?“, kommentierte sie lachend, ehe sie ihn in eine kurze Umarmung zog und weitersprach: „Nein, ehrlich, ich bin positiv überrascht, dass du überhaupt gekommen bist. Konnte meinem Lieblingscousin gar nicht glauben, als er sagte, dass du vorbeischauen willst. Ist schön, dass du mal an was teilnimmst.“ Er wusste, dass ihm der Ruf eines Eigenbrötlers vorauseilte, der sich nichts aus sozialen Events machte. Die Gründe dafür kannte aber nur Chris – und selbst der nur im Ansatz. Unbehaglich kratze Connor sich am Kopf, wobei ihm seine dunkelbraunen, leicht gewellten Haare in die Stirn fielen. Er brauchte dringend mal wieder einen Haarschnitt. Immerhin lenkte das von seinen geröteten Wangen ab, als er um eine Erwiderung rang.
Liana kam ihm zuvor. Er wusste, dass sie trotz ihrer großen Klappe und ihres extravaganten Erscheinungsbildes ein gutes Herz hatte. Sie musste wohl gemerkt haben, dass er sich unwohl fühlte. Sie zog ihn kurzerhand ins Haus und plapperte dabei ungerührt weiter: „Ich fürchte zwar, dass die Musik hier nicht so dein Ding sein wird, aber ich bring dich erst mal zu Chris. Dann ist er wenigstens nicht der Einzige, der sich über fehlende Gitarrenklänge aufregen muss …“ Connor folgte ihr dankbar durch den geräumigen Eingangsbereich, der zu beiden Seiten mit prunkvollen Spiegeln und Gemälden behangen war. Hatte er bereits die Kommoden und die Garderobe für exquisit gehalten, so verschlug ihm der Anblick des Esszimmers, durch das sie nun gingen, die Sprache. Der Esstisch glich mehr einer Tafel, an der locker zwölf Gäste Platz finden würden. Der weiße Hochflorteppich davor schien so kostbar zu sein, dass es schon fast ein Frevel war, darüber zu laufen. Auf den Massivholzmöbeln befanden sich teuer aussehende Ornamente. An den Wänden hingen gerahmte Fotos von Liana und ihren Eltern, aber auch Landschaftsaufnahmen und Porträts, mit denen ihr Vater sein Geld verdiente. Ein Kristallkronleuchter, der von der Decke hing, rundete das Gesamtbild ab. Connor konnte nicht glauben, dass Lianas Eltern ihr das Haus für eine Party überließen. Sie mussten wirklich ein gutes Verhältnis haben.
„Guck nicht so!“, riss ihn Liana aus seinem Staunen. „Die Party findet im Keller statt. Komm schon.“ Sie zog ihn durch eine Tür, die in einen weiteren Flur führte und von dort eine Treppe hinunter. Connor konnte bereits die schmerzlichen Klänge einer Mischung aus Rap und elektronischer Popmusik aus den Boxen dröhnen hören, bevor er überhaupt den Partykeller betrat. Liana dirigierte ihn durch die Tür. Connor stellte wenig überrascht fest, dass auch der sogenannte Kellerbereich eher einem Haus im Haus glich. Es gab mehrere Räume, die ineinander übergingen und sogar eine Bar mit Zapfhahn und Coca-Cola-Kühlschrank. „Er ist da hinten“, sagte Liana und deutete auf seinen Freund, der neben einem Mädchen auf der Eckbank saß und einen Energydrink in der Hand hielt. „Danke“, erwiderte Connor. Es war das erste Wort, das er herausgebracht hatte, seit er die Türklingel betätigt hatte. Liana grinste ihn freundlich an. Er bemühte sich, ihr Lächeln zu erwidern. Dann wurde sie auch schon von einer Gruppe Mädchen weggezogen, die ähnlich bunt angezogen waren wie sie. Sie fingen laut zu kichern an und stupsten einander an.
Connor wendete sich ab und bahnte sich seinen Weg auf die Eckbank zu. Dabei wurde er immer wieder von anderen Gästen angerempelt, die bereits sichtlich angeheitert waren. Er fühlte sich zutiefst fehl am Platz.
Wenigstens sah Chris zu ihm auf und winkte, als er sich ihm näherte. Es war schwer vorstellbar, dass er und Liana verwandt waren. Chris hatte rotblonde Haare und sommersprossige, blasse Haut sowie eine schlaksige Statur, was ihn nicht gerade begehrenswert bei der Damenwelt machte. Umso überraschter war Connor, dass er seinen Freund neben einem Mädchen sitzen sah. Zugegeben, sie war nicht die hübscheste, die er hier gesehen hatte, aber immerhin schien Chris angetan von ihr zu sein. Er vermutete, dass sie der Grund war, warum er unbedingt auf diese Party hatte gehen wollen.
…


