Cover: Duality part one

Duality part one


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 336
ISBN: 978-3-7116-0061-5
Erscheinungsdatum: 21.11.2024
Tief im Universum kämpft Aleyna, Bewohnerin des Planeten Dillimus, gegen den bösen Machthaber Aton, der die Balance der Schöpfung bedroht. In einem Abenteuer, in dem Gut und Böse verschmelzen, schöpft sie Hoffnung und trifft dabei auf ihren Seelenverwandten. 
KAPITEL 1

RICK CERRONE
MENSCHLICHKEIT

Juli 2010
San Francisco International Airport

Ich war verliebt, verheiratet und auf dem besten Weg, meine eigene Familie zu gründen. Es war im Jahr 2010, als ich mit jungen 28 Jahren mit meiner geliebten Frau Heather und mit einem befreundeten Ehepaar, Sam und Natasha, in die Ferien nach Vietnam gegangen war. Wir kannten die beiden schon sehr lange und erfahrungsgemäß hatten wir keinerlei Differenzen, ansonsten hätten wir uns nicht für eine gemeinsame Zeit von zwei Wochen in unseren hart erkämpften Ferien entschieden. Wir arbeiteten beide als Postboten und hatten uns ebenso auf der Arbeit kennengelernt. Die ganze Anreise war ideal geplant und wir hatten uns hauptsächlich von Alkohol ernährt, befanden uns immer in einer seidig wohligen Wolke, gemischt mit ein wenig Leichtsinn und Zufriedenheit. Als wir ankamen und eingecheckt hatten, wollten die Frauen die Zimmer einrichten und sich ein bisschen ausruhen. Ich und Sam ergriffen die Chance, mieteten uns einen typisch asiatischen Roller und sind ein kühles, vietnamesisches Bier trinken gegangen. Gut, wir haben es nicht bei einem Bier belassen, sind jedoch nicht lange dortgeblieben. Wir wussten, dass unsere Frauen diverse Erwartungen an uns stellten und sich vermutlich ein gemütliches Abendessen erhofften. Aus diesem Grunde hatten wir uns dann ziemlich schnell wieder auf den Heimweg ins Hotel gemacht. Da die Verkehrsregeln in Vietnam nicht allzu streng und wir dazu noch angeheitert waren, hatten wir eine wirklich amüsante Rückfahrt.
Als wir ankamen und die Roller zurückstellten, sahen wir überall vietnamesische Polizeiautos und viele Polizisten. Mir wurde es direkt flau im Magen, und Sam und ich hatten ein ungutes Gefühl. Mir fiel aber auf, dass Sam viel nervöser geworden war als ich, was mein flaues Gefühl vehement verstärkte. Wir konnten nicht einmal die Lobby betreten, schon hatten sich ein paar Polizisten in unsere Richtung bewegt und »Passport! Passport!« gerufen. Sie zielten auf uns mit angestellter Waffe und kamen zunehmend näher. Wir konnten nicht einmal darauf verweisen, dass unsere Pässe in Folge des noch anhaltenden Check-ins an der Rezeption hinterlegt wurden, schon wurden wir auf den Boden gedrückt und unsere Handgelenke mit Handschellen versehen. Wir schauten uns an und mit Schrecken konnte ich bei Sam eine Art Gewissheit feststellen. Er wehrte sich nicht und resignierte bereits nach wenigen Sekunden, währenddessen ich meinen ersten Instinkten nachgab und mich gewehrt hatte. Als ich die Gewissheit aber in seinen Augen sah, erstarrte ich und konnte mich ebenfalls nicht mehr wehren. Ein eiskalter Schauder floss meine Wirbelsäule hinunter und schnürte mir die Luft in der Lunge zu, worauf ich leise zu husten begann.
Die Polizisten richteten uns auf und hatten uns in Richtung zweier Bungalows gestoßen. Vor diesen Bungalows befanden sich unsere Frauen, ebenfalls mit Handschellen versehen, weinend und mit hoffnungsvollen Blicken uns erwartend. Auf der vorliegenden Veranda waren diverse kleine Skulpturen aufgebahrt, eine dieser Skulpturen war aufgebrochen und es ragte unverkennbar ein weißer Beutel hervor. Sam stellte nicht einmal mehr Blickkontakt mit mir her und beachtete ebenso kaum mehr seine Ehegattin. Er blickte lediglich voller Scham auf den Boden und ließ alles mit sich machen. Er beantwortete keine Frage und wieder strahlte er eine resignierte Gleichgültigkeit aus. Ich hingegen hatte immer wieder nach dem Grund der offensichtlichen Verhaftung gefragt und hatte zudem versucht, meine geliebte und zerstreute Frau zu beruhigen. Die Polizisten schrien immer »Thuoc!« dazwischen und stießen uns sehr schroff in der Gegend herum. Als die Polizisten gemerkt hatten, dass wir sie nicht verstehen konnten, brachten sie uns alle separat in ihren Polizeibussen unter. Ich schrie die ganze Zeit den Namen meiner Frau, konnte jedoch nur machtlos zusehen, wie sie weinend abgeführt wurde. Sam erhob nicht einmal mehr sein Haupt und seine Frau versuchte erfolglos, Blickkontakt zu ihm herzustellen. Die ganze Fahrt kam mir vor, als würden wir eine wochenlange Reise durchlaufen, alle kürzlich erhaltenen Eindrücke von der ganzen Verhaftung schossen mir immer wieder durch den Kopf, gleichzeitig starrte ich schwach aus dem Fenster und beobachtete das Treiben. Als das Adrenalin aber langsam schwand, fügten sich die Gedanken zusammen und es gab ein klares Bild. Ich wusste, wir wurden mit sehr vielen Drogen erwischt, welche sich in diesen aufgereihten Statuen befanden. Mir dämmerte, dass die Reaktion von Sam nur bedeuten konnte, dass er Kenntnis von diesen Drogen und er sich ertappt und beschämt gefühlt hatte. Einerseits beruhigte mich dies ein wenig, auf der anderen Seite machte es mich ungewiss nervös. Immer wieder schossen mir die Bilder von meiner weinenden Frau durch den Kopf und das Adrenalin flammte kurzerhand wieder auf, mein Herz raste zeitweilen und ich fühlte, wie ich blasser wurde, gefolgt von einer Hitze, welche aus meinem ganzen Körper emporquoll. Als wir ankamen, wurde ich harsch aus dem Auto gezerrt und in eine volle Zelle mit vielen Vietnamesen gestoßen. Ich hatte immer wieder gefragt, was denn los sei und wo meine Frau war, hatte aber nie eine Antwort auf meine Fragen erhalten. Glücklicherweise ignorierten mich die anderen Insassen und ich fand sogar ein Plätzchen, wo ich mich hinsetzen konnte. Nach einer ganzen Weile erkannte ich ein westliches Gesicht vor den Gittern, welches meinen Namen rief: »Herr Cerrone, Rick Cerrone.«
»Ja?«, entgegnete ich mit wässriger und unklarer Stimme. »Ich bin Richard West von der amerikanischen Botschaft in Hanoi. Ich musste leider sieben Stunden mit dem Zug hierher nach Na Thrang fahren und es gab diverse Baustellen, was den Zug massiv verlangsamte, tut mir wirklich sehr leid.«
»Was wird mir vorgeworfen?«, fragte ich ihn weiter mit zittriger Stimme, ignorierte dabei den angefangenen »Small-Talk«-Versuch von ihm. Er senkte sein Haupt, atmete tief ein und wieder aus, entgegnete mir dann: »Sie sind in echten Schwierigkeiten Herr Cerrone. Sie wurden mit fünf Kilogramm Kokain erwischt.«
»Wo ist meine Frau?«, antwortete ich spontan und ignorierte erneut das Gesagte. »Sie ist in einer Einzelzelle, hier in diesem Provinzgefängnis in Nha Trang. Ihre beiden Freunde, Herr Ceronne, die sind dafür bereits auf der Botschaft in Hanoi«, fügte der Botschafter an. Ich war verdutzt und hatte bereits die Sorge um meine Frau vergessen und fragte entrüstet: »Wieso sind die bereits auf der Botschaft in Hanoi, während ich und meine Frau noch hier in einem Gefängnis festsitzen?« Erneut schnaubte er tief aus und zog die Luft wie Zigarettenrauch wieder ein: »Die Drogen, Herr Cerrone, die Drogen! Sie wurden schließlich bei Ihnen gefunden, dass wissen Sie doch?«
»Welche Drogen?«, fragte ich mit leicht erhöhter Stimme. »Ich habe keine Drogen mitgeführt und diese Figuren bei der Festnahme hatte ich noch nie gesehen.« Er schüttelte sanft und langsam seinen Kopf und entgegnete mir: »Ihr Freund Sam hat es uns gestanden, Herr Ceronne, er hat uns alles gebeichtet.« Eine gewisse Erleichterung überfiel mich und ich entgegnete: »Dann ist ja alles gut, warum ist er und seine Frau denn bereits wieder draußen und ich nicht?«, fragte ich gewissenhaft.
»Er hat gestanden, dass Sie ihn informiert hatten, Drogen ins Land zu schmuggeln. Er hat gestanden, davon gewusst und nichts darüber gesagt zu haben, aber er hat das Eigentum der Drogen klar ab- und Ihnen zugewiesen.« Ich wurde zunehmend stiller und musste mich wieder hinsetzen. Meine Beine wurden schwach und kalter Schweiß lief von meiner Stirn herunter: »Was hat er gesagt?«, fragte ich erneut komplett überfordert. »Er hat mich angeschwärzt? Ich habe nichts damit zu tun, das müssen Sie mir glauben Herr West!« Er schaute behutsam von links nach rechts und antwortete mit leiser Stimme: »Es spielt keine Rolle, was ich glaube, Sie sind in ernsten Schwierigkeiten, Rick, wirklich sehr ernst. Sie können nur noch sich oder Ihre Frau retten. Entweder, Sie gestehen die ganze Schuld und nehmen diese auf sich, oder Sie belasten Ihre Frau mit den Vorwürfen.«
Ich kratzte mich an meinem bescheidenen Kinnbart und fragte: »Was ist mit Sam? Er war das, ich hatte nichts damit zu tun. Warum kann ich ihn nicht belasten?«
»Man hat die Drogen in Ihrem Gepäck, mit Ihren Fingerabdrücken, gemischt mit Ihren Kleidern gefunden, Rick, das ist für die Behörden hier eindeutig«, antwortete er postwendend auf meine Frage. »Sie hatten ein zusätzliches Gepäckstück und wurden seit dem Passieren vom Flughafen beobachtet.« Verdutzt hakte ich nach: »Warum wurden wir dann nicht direkt beim Flughafen ausgesondert und kontrolliert?«
»Sie wollten wissen, wer der Kontaktmann im Lande ist, als Sie sich aber von der Hotelanlage ohne Drogen entfernt hatten, mussten sie frühzeitig zuschlagen«, sagte der Botschafter und fügte an: »Lassen Sie sich noch ein paar Minuten Zeit, die Behörde benötigt Ihre Aussage in einer halben Stunde.« Ich setzte mich hin und weinte, es wurde mir langsam klar, dass ich mich wirklich in sehr großen Schwierigkeiten befand. Als aber dann mit den Tränen die letzten Endorphine ausgeschüttet wurden und mir eine gewisse Klarheit verschafften, entschied ich mich, ein Geständnis abzulegen. Meine erste Intention war, meine geliebte Frau zu entlasten und sie in Sicherheit zu wiegen.

Nach gut zwei Stunden kamen die Polizeibeamten und brachten mich in ein Verhörzimmer. Dort wartete auch der Botschafter West und begrüßte mich mit ganz leiser Stimme. Sein Kopf war mehrheitlich gesenkt und ich wurde abermals nervös. Ein gut gekleideter Beamter, welcher sich von den herkömmlichen Polizisten abhob, kam in den Raum und hielt ein Blatt Papier bereit. »Hier, unterschreiben Sie das und Ihre Frau kann gehen«, befahl mir der Beamte und klatschte das Papier vor meinen Augen auf den Tisch. »Es ist eindeutig, Sie waren es und können die Schuld allein tragen«, fügte er trocken an. Ich schaute fragend zum Botschafter, dieser nickte aber nur ganz langsam und blickte auf das Unterschriftenfeld. Das ganze Blatt war in vietnamesischer Sprache geschrieben und ich wusste nicht, was ich zu unterschreiben hatte. Nichtsdestotrotz unterschrieb ich den Zettel in der Hoffnung, dass es meiner Frau gut ergehen würde. Ich fragte dann noch den Botschafter, ob ich einen Anwalt gestellt bekommen würde oder was jetzt mit mir geschehen werde. Er zog lediglich seine Mundwinkel nach unten und entgegnete mir: »Mit der Unterzeichnung dieses Papiers benötigen Sie keinen Anwalt mehr. Es wird Ihnen ein Rechtsbeistand zur Verfügung gestellt, dieser wird aber nur die Rechtsprechung verfolgen und schauen, dass Sie nicht noch härter und vor allem nicht ungerechtfertigt bestraft werden.« Langsam dämmerte es mir, dass ich vermutlich für eine lange Zeit hinter Gitter wandern würde. Aus diesem Grund fragte ich den vorgesetzten Polizisten: »Wie lange werde ich hinter Gitter gehen müssen, Sir?« Verachtungsvoll blickte er auf mich herunter und entgegnete mir: »Mindestens 15 Jahre und im schlimmsten Fall werden Sie hingerichtet, Sir.« Mir stockte der Atem und ich hyperventilierte zunehmend innerlich, versuchte aber, ruhig zu wirken, und fügte an: »Aber es waren ja nur Drogen, ich habe keinen Mord begangen, die Drogen sind nicht einmal von mir.« Botschafter West sprang für den Polizisten ein und antwortete mir direkt: »In Vietnam sind Drogen schlimmer als Gewalt, Rick, Sie müssen damit rechnen, hart für Ihre Taten bestraft zu werden. Ich denke nicht, dass Sie hingerichtet werden, aber rechnen Sie damit, als ein alter Mann das Land wieder zu verlassen, das macht es für alle Beteiligten einfacher.«
»Einfacher?!«, schrie ich ihn an, »einfacher macht es sich für alle anderen, aber ich werde es mit Bestimmtheit nicht einfach haben. Versetzen Sie sich in meine Lage, ich habe nichts verbrochen und muss für eine Ewigkeit in ein Gefängnis, in welchem ich nicht einmal die Sprache beherrsche.« Er schaute mich lange an und sagte nichts. Dann schnaubte er aus seiner etwas schiefen Nase und sagte: »Wir versuchen unser Bestes, Rick, wir versuchen, Sie zurück in die Staaten zu bringen, damit Sie dort die Haftstrafe absitzen und beenden können, mehr kann ich aber nicht für Sie machen und es wird zunehmend schwieriger, solche ,Deals‘ mit der Behörde abzuschließen. Sie wissen ja, wie es um die Geschichte zwischen uns Amerikanern und den Vietnamesen steht. Was ich Ihnen mit Gewissheit sagen kann, ist, dass dies nicht vor Ablauf der nächsten fünf Jahre geschehen wird. Stellen Sie sich auf eine gewisse Gefängnisdauer hier in Vietnam ein.« Ich konnte keine Kraft mehr aufbringen, eine Antwort oder auch weitere Fragen zu stellen, kehrte in mich und schwieg alsdann. Der Polizist klopfte an die Türe und rief in vietnamesischer Sprache nach seinen Kollegen. Diese kamen in den Raum und brachten mich zurück in die Zelle.


Zwei Wochen später, August 2010

Ich wurde zu 24 Jahren Haft im Hao-Lo-Gefängnis in Hanoi verurteilt. Der Richter versicherte mir, dass dies ein hervorragendes Urteil für mich wäre und ich dem Tode gerade noch von der Schippe gesprungen sei. Es fühlte sich aber nicht so an, denn ich hatte nur noch die Zahl 24 im Kopf und rechnete aus, dass ich als 52-jähriger Mann dieses Land verlassen würde. Immerhin wurde ich in einer Einzelzelle untergebracht, wobei die Begründung dafür nicht wirklich erheiternd wirkte. »Die anderen Insassen würden Sie umbringen, Herr Cerrone, daher werden wir Sie zu Beginn in Einzelhaft unterbringen«, sagte mir der Richter mit tiefer Stimme. Ich bekam eine äußerst dunkle Zelle ohne Fenster, dafür mit einer aus Chromstahl gefertigten Toilette. Jeden Tag wurde mir zweimal Essen in die Zelle hineingestellt und ich bekam beaufsichtigten Ausgang innerhalb des Hofes. Jeden Tag für eine Stunde, danach ging es umgehend wieder in die Zelle und ich musste mich selbst beschäftigen. Die ersten drei Wochen vergingen nicht, es kam mir so vor, als wären bereits Jahre ins Lande gestrichen. Meine Psyche wurde zunehmend labiler und ich musste vielfach ohne tieferen Grund weinen. Ich wusste nicht einmal, was mit meiner Frau und den Freunden geschehen war, wobei ich die Gedanken an meine Freunde mit großem Hass verband.


Sechs Monate später, Februar 2011

Als ich bereits resigniert in der Zelle verweilte, klatschte ein Beamter mit seinem Schlagstock an die Zellentüre und teilte mir trocken mit, dass ich Besuch hätte. Ich musste mich mit dem Rücken zur Türe begeben und meine beiden Hände verschränkt in die kleine Öffnung schieben, wo mir dann Handschellen angelegt wurden. Sie führten mich durch das ganze Gefängnis und ich konnte zum ersten Mal die Größe der Anstalt erkennen. Als ich hineingebracht wurde, konnte ich dies aus Nervositätsgründen nicht richtig aufnehmen. Ich wurde in den vermutlich saubersten Raum der Anstalt gebracht, welcher offensichtlich der Besuchsraum war. Dort blickte mich meine wunderschöne Frau mit Tränen und sichtlicher Wut in den Augen an. Mich störten die Tränen und die Wut nicht einmal, ich war einfach nur froh, ein vertrautes Gesicht zu sehen, und eilte mit großen Schritten zur Plexiglas-Trennwand hin und nahm den alten Telefonhörer ab. »Ich habe dich so vermisst mein Schatz, wie geht es dir?«, sagte und fragte ich sie direkt ohne Begrüßung. Sie atmete tief ein und schluchzte: »Gut, danke. Es geht mir gut. Wie geht es dir?«, fragte sie mit gebrochener Stimme. Ich fühlte einen tiefen Schmerz in mir und antwortete: »Den Umständen entsprechend in Ordnung, danke. Aber es ist die Hölle auf Erden hier, ich bin so einsam und die Tage gehen einfach nicht vorbei. Ich vermisse dich so sehr, das macht alles noch viel schlimmer.« Ohne auf meine Aussagen einzugehen, fragte sie mich harsch: »Warum, Baby, warum hast du das gemacht? Es ging uns doch gut und wir hatten so viele Pläne. Botschafter West hat mir gesagt, dass du insgesamt 24 Jahre bekommen hast. Was hast du dir nur dabei gedacht?« Ich konnte ihr zu diesem Zeitpunkt fast nicht mehr in die Augen blicken und es überkam mich ein Schleier voller Scham. Trotzdem raffte ich mich auf und entgegnete mit bestimmter Stimme: »Das war ich nicht, Heather, ich war das nicht. Es war Sam, der die Drogen schmuggelte, und er hat mir nichts davon gesagt.« Sie schüttelte gezielt den Kopf und antwortete: »Sam hat mir alles erzählt. Er hat mir gesagt, dass du ihn eingeweiht und ihn gebeten hast, mir nichts davon zu erzählen. An diesem Tag, wo wir verhaftet wurden, ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Ich hatte so viel Angst, das kannst du dir nicht vorstellen.«
»Du hattest Angst?!«, entgegnete ich ihr mit lauter Stimme und hielt dabei den Hörer auf mein Genick. »Ich bin seit mehr als sechs Monaten in einem vietnamesischen Gefängnis eingesperrt und du sagst, du hast Angst? Ich kann dir nicht beschreiben, was ich bisher alles erlebt und wie ich mich zeitweilen gefühlt habe, aber du kannst mir glauben, es ist die verdammte Hölle hier drin.« Sie senkte ihr Haupt und sagte: »Es war ja auch deine Schuld. Wie kommst du darauf, so viele Drogen in ein solches Land zu schmuggeln, hattest du das Gefühl, dass du damit durchkommst?« Ich musste zuerst tief einatmen, bevor ich antworten konnte: »Ich war es nicht, das war Sam. Er hat mich verarscht und hat mich ans Messer geliefert. Woher hatte ich wohl den separaten Koffer, ist dir nie aufgefallen, dass ich immer nur einen Koffer bei mir hatte?« Heather überlegte ein paar Sekunden und antwortete: »Du hattest zwei Koffer eingecheckt und es war dein zweiter Koffer.« So weit hatte ich noch gar nicht überlegt, meine Wut gegenüber Sam war so groß, dass ich mich damit noch nicht beschäftigen konnte. Es fiel mir aber wie Schuppen von den Augen und ich sagte zu Heather: »Ich hatte Sam am Vorabend der Abreise meinen zweiten Koffer ausgelehnt und er überredete mich beim Einchecken, den Koffer über mich aufzugeben.«
»Warum sollte er dies tun und warum hast du das ohne weitere Fragen gemacht?«, entgegnete sie mir harsch. Ich musste nicht lange überlegen, denn es dämmerte mir sofort und ich führte meine Erklärung weiter aus: »Er hatte beim Check-in gesagt, dies sei doch mein Koffer und wenn er verloren ginge, würde er zu mir nach Hause kommen. Ich hatte mir nichts dabei gedacht, wir waren vorher ja noch in der Bar und ich war ein bisschen angetrunken. Aber der Inhalt war nicht von mir und ich hatte ihn auch nicht danach gefragt.«
»Tut mir leid, mein Schatz«, antwortete sie mir umgehend, »aber das kann ich dir einfach nicht glauben. Es ergibt für mich einfach keinen Sinn.« »Es ergibt für dich keinen Sinn?!«, fragte ich sie verdutzt. »Du kannst doch ni…« Sie unterbrach mich kurzum und fügte an: »Es spielt keine Rolle mehr, Rick. Ich kann dir nicht mehr vertrauen. Es waren fünf Kilo Kokain in diesem Koffer und du wirst hier noch über 20 Jahre bleiben. Was erwartest du von mir?« Verletzt hielt ich inne und ich konnte ihr nur noch schwach entgegnen: »Ich weiß, meine Liebe, ich weiß. Aber es wird mir schon noch etwas einfallen, bitte habe noch ein bisschen Geduld.« Sie schloss die Augen, senkte ihr Haupt und sagte: »Ich kann nicht so lange warten, Rick. Tut mir wirklich leid. Damit ich alles vergessen kann, werde ich ausziehen und in eine kleinere Wohnung umziehen. Ich habe unsere Wohnung geräumt und habe deine Sachen in einem Lager untergebracht. Du kannst dieses Lager nach deiner Entlassung aufsuchen und die Sachen dort abholen. Die Lagerung ist kostenlos, ich kenne den Besitzer, Ralph. Weißt du, Ralph von nebenan. Er hatte immer so viel von dir gehalten und er wird die Sachen für dich aufbewahren. Tut mir wirklich leid, ich muss jetzt wieder gehen, ich kann hier nicht mehr bleiben, es trifft mich einfach zu sehr.« Ich konnte nichts mehr sagen, mir liefen nur noch die Tränen herunter und ich hängte wortlos den Hörer in die Halterung. Heather stand auf, hielt ihre linke Hand an das Glas und verabschiedete sich von mir, für immer.


Vier Jahre später, Februar 2015

Mittlerweile wurde ich in eine allgemeine Zelle, zusammen mit anderen Insassen, gebracht. Sie nannten mich »The white mossy frog«, einen einheimischen, hässlichen Frosch, da ich anders aussah als alle anderen Häftlinge. Bisher konnte ich einigermaßen gut überleben, ich wurde lediglich zweimal niedergeschlagen und nur einmal abgestochen, was für eine Bilanz. Bereits zu Beginn meines Umzugs in die neue Zelle wurde ich übelst zugerichtet, quasi als Willkommensgruß. Beim zweiten Mal hatte ich mich um das einzige gute Essen in dieser beschissenen Anstalt gestritten. Immer am letzten Donnerstag im Monat gab es vegetarische Frühlingsrollen, die echt lecker waren. Nach dieser Prügelei war ich aber leider nicht mehr in der Lage, mein Siegesgut zu genießen, und hatte es dem schwächsten Insassen geschenkt. Da ich aber die Schlägerei gewonnen hatte, wusste ich, was mich noch erwarten würde. Zuerst wurde ich zwei Wochen in ein Loch gesteckt, in welchem die Umstände noch prekärer waren als ohnehin schon in dieser Anlage. Als ich dann aber entlassen wurde, hatten mich die Verlierer der Auseinandersetzung hinterrücks abgepasst und mich mit einer abgeschrägten Zahnbürste in die Schultern gestochen. Ich ging zu Boden und wurde danach mit Fußtritten malträtiert, bis ich das Bewusstsein verloren hatte. Ich verbrachte drei Wochen im Spital der Anstalt und musste mich lange erholen. Dieses Spital befand sich ein bisschen außerhalb der Wohntrakte und mir war aufgefallen, dass die Sicherheitsmaßnahmen massiv geringer ausfielen als im Hauptgebäude. Es trennten mich lediglich drei Türen vom Außenbereich, wo man bei der Ankunft mit den Transportbussen hingebracht wurde. Da ich noch weitere 20 Jahre in diesem Höllenloch verbringen musste, dachte ich nur noch an eine Sache, an einen Ausbruch.

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Duality part one

Bettina Sinnhuber

Verbunden für den Augenblick

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder