Die Wächter
Der Princeps
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 344
ISBN: 978-3-99130-553-8
Erscheinungsdatum: 12.06.2024
Die Welt der Sterblichen wird von magischen Wesen heimgesucht. Die Wächter müssen sie vor diesen Wesen schützen, um das Gleichgewicht zu wahren. Während Bahal es mit Göttern zu tun bekommt, versucht der Polizist Robert einen verdächtigen Fall aufzuklären.
Prolog
Unsere Welt ist wunderschön, voller Wunder und Magie, aber sie ist auch dunkel und gefährlich. Damit sie nicht zerbricht benötigt sie Balance. Die Waage muss ausgeglichen sein, dass ist das eine Gesetz was für jeden von uns gilt, auch für uns Götter. Doch Balance erreicht man nicht allein. Deshalb existiert das Flüstern. Eine leise Stimme die wir in unseren Träumen und Zweifeln hören. Sie will uns verführen die Balance zu stören damit die Waage zu kippen beginnt. Das Gleichgewicht und das Flüstern sind der Ursprung allen Lebens. Aus diesem flüchtigen Funken des Seins wurden wir geboren: die ersten Götter.
Als unsere Welt noch jung war, teilten wir Götter sie mit den alten Wesen, die genau wie wir aus dem ersten Funken geboren wurden. Gemeinsam herrschten wir über all ihre Wunder, in Harmonie und Einigkeit. Wir Götter schufen ein eigenes Volk, geboren aus unserer Magie. Wir teilten all unser Wissen und all unsere Magie mit unserer Schöpfung, und sie beteten für uns. Als die Zeit gekommen war, erschufen wir eine magische Barriere, um einen kleinen Teil der Welt zu unserer Heimat zu machen, diese Barriere nannten wir den Schleier. So wachten wir eine ganze Ewigkeit über unser Volk. Jedoch brachte die Trennung von uns Göttern und unserer Magie einige sonderbare Änderungen mit sich. Ohne unseren Einfluss, legte sich eine Kraft namens Zeit über die Welt. Ihre Wellen flossen nun durch alles Leben und machten es sterblich. Mit der Sterblichkeit kamen Krankheit, Alter und Verlust über das einst so mächtige Volk. Aus Angst flehten die Gläubigen, sie knieten und bettelten um unsere Rückkehr. Doch ihr Klagen drang nicht zu uns, denn die Zeit unserer Herrschaft war um, wir fielen in einen tiefen Schlaf.
Ein neues Zeitalter brach an, Misstrauen und Verzweiflung legten sich über die Herzen der Gläubigen und das Flüstern wurde immer lauter. Es drang in die Träume der Sterblichen ein und setzte sich in ihre Köpfe. Unsere Stimmen und unsere Namen, waren nun nichts mehr als eine blasse Erinnerung.
Neue Götter schritten nun durch die Welt hinter dem Schleier, sie lebten in einer Halle aus Gold, von dort aus beobachteten sie die Welt, die wir ihnen hinterlassen hatten. Die neuen Götter aber waren nicht wie wir, sie teilten nicht, sie wollten herrschen, also entbrannte Streit zwischen ihnen. Wie Spielfiguren schoben sie die Gläubigen über ihre Schlachtfelder, damit sie in ihrem Namen starben. Auf dass das im Glauben vergossene Blut ihre Macht stärken möge. Und die Gläubigen bluteten und sie starben als Opfer für ihre gierigen Götter.
Viele Zeitalter zogen über das Land, noch immer gab es keinen Sieger in der goldenen Halle hinter dem Schleier. Das einst so große, starke Volk, das wir alten Götter zurückgelassen hatten, war nicht mehr. Wo das Blut die Erde tränkte, war niemand übrig, der glauben konnte. Ohne den Glauben jedoch ist ein Gott nicht mehr als sein Volk, schwach und verletzlich. Die verbliebenen Herrscher wandten sich von ihren Göttern ab. Aus Priestern wurden Könige und als solche beanspruchten sie das Land für sich. Als die Zeit gekommen war, versammelten sich die großen Heere unter dem Namen ihrer Könige, um etwas zu verhandeln, was die Götter ihnen nie vergönnt hatten: Frieden. So standen sich die ersten drei Könige gegenüber, jeder von ihnen mit einem eigenen Volk, und stritten über die rechtmäßige Herrschaft über alles Leben. Der Erste, dessen Magie es vermochte, die Elemente selbst zu bändigen, erhob Anspruch auf die Schöpfung. Denn die Magie seines Volkes durchfloss die Berge, die Meere und die Luft. Der Zweite, dessen Magie mit dem Blut durch seine Adern floss, beanspruchten die Herrschaft über alles Leben für sich. Denn in allem Leben floss Blut und die Magie des Blutes gehörte seinem Volk. Der Dritte jedoch mahnte, dass die Magie, egal welche, nur den Göttern gehören sollte, denn sie hatte das Volk und alles Leben verdorben. In seinen Augen sollten alle Völker der Magie entsagen, denn nur so könne es Frieden geben, frei von dem Flüstern und den Göttern. Ein letztes Mal riefen die Könige ihre Götter an und baten um Rat. Doch keine Antwort drang durch den Schleier, kein Zeichen war zu sehen, die Götter blieben stumm. So entschlossen sich die Herrscher, das Reich endgültig aufzuteilen. Der Norden und der Osten gehörten nun den Elementaren. Sie herrschten über die Magie und alle Wesen, die aus ihrer reinen Form entstanden. Der Süden und Westen fiel unter die Herrschaft des Blutes. Sie herrschten über ein großes Volk und über ihre Diener aus Fleisch und Knochen. Diejenigen, die der Magie entsagen wollten, erkannten, dass diese Welt keinen Platz für sie hatte. Das Volk des dritten Königs schloss sich zusammen für einen letzten Akt der Magie, um sich endgültig von den Göttern zu lösen. Mit ihrer gemeinsamen Energie erschufen sie eine Barriere, dicker noch als der Schleier selbst, sodass das Flüstern sie nicht mehr erreichen konnte. Ohne ihre Magie wurde das Volk in ein Zeitalter des Vergessens geführt. Keine Geschichten der alten Zeit wurden mehr erzählt, keine Lieder über die Magie und ihre Schönheit wurden gesungen. Bis schließlich niemand mehr übrig war, der sich an die alte Welt erinnerte. Nun gehörte die Welt hinter der Barriere nicht mehr dem Flüstern, diese Welt hatte nun neue Götter: diese Welt gehört den Menschen.
Kapitel 1
Angewidert blickte Pain auf die Stadt zu seinen Füßen. Wie sehr er die Menschen verachtete. Ihre schwächlichen Körper, geboren ohne jegliche Begabung, zum Sterben verdammt. Wie eine Herde ohne eigenen Verstand folgten die Menschen allen, von denen sie sich ein besseres Leben versprachen. Was ihnen an Magie fehlte, versuchten sie mit Metall und Elektrizität zu ersetzen. Ihre Häuser reichten in den Himmel, dicht an dicht, wie in einem Wald gab es kaum ein Durchkommen durch die überfüllten Gassen. In den dunklen Ecken und Winkeln standen zwielichtige Gestalten und warteten auf Beute. Ein amüsiertes Lächeln huschte über Pains Gesicht, die Vorstellung, dass sich diese schwächlichen Sterblichen wohl als Raubtiere verstanden, er konnte nicht verstehen, wie man überhaupt etwas so Zerbrechliches wie einen Menschen fürchten konnte. Ohne Reißzähne oder Krallen hatten sie nichts, um ihren Mangel an Macht und Begabung auszugleichen. Ohne Flügel konnten sie nicht fliegen, keine Schuppen schützten ihre weiche Haut. Sie waren einfach nur ein Haufen gebrechlicher Knochen, umhüllt von weichem Gewebe, verpackt in Sterblichkeit, was für eine Irrung der Natur. Pain richtete den Blick nach oben. Ob es wohl schon Nacht ist, fragte er sich. Sein Zeitgefühl war verdammt durcheinander, seit er auf dieser Seite der Barriere festsaß. Nicht nur, weil die Zeit hier offensichtlich anders floss, als er es gewohnt war. Ihm fiel es einfach schwer, die Zeit am Himmel abzulesen. Am Tag war das Blau verdeckt von dichtem, grauem Rauch, der aus den Schornsteinen emporstieg wie aus einem Schmiedeofen und die Nacht war verdeckt von den Lichtern der Stadt. Es bestand keine Möglichkeit, dem Stand der Sonne oder dem der Sterne zu folgen. Welch Ironie, dass ihre Häuser in den Himmel reichen, obwohl von ihren Dächern aus der Himmel gar nicht zu sehen ist, stellte Pain amüsiert fest. Allerdings, so leer wie die Straßen im Moment waren, war es wohl Nacht, versuchte er seine Beobachtungen einzuordnen. Nur die Sonderbarsten und Abartigsten ihrer Rasse trieben sich zu solcher Stunde in der Stadt herum. Beobachtet von Wachen, die mehr ein Teil des Drecks waren als wirklich eine Hilfe, zumindest soweit er es beurteilen konnte. Pain verfolgte ein donnerndes Geräusch durch die Straßen. Es kam von den Wachen, die sich auf Gefährten aus Metall durch die Straßen bewegten. Die Gefährte waren so laut und schwer, dass er die Wachen schon von Weitem gut ausmachen konnte. Selbst hier oben konnte er die Vibrationen unter seinen Füßen spüren. Welchen Vorteil das haben sollte, wusste Pain nicht, er selbst würde ein starkes Pferd bevorzugen. Und statt sich wie echte Männer in einem Duell mit Schwert oder Degen gegenüberzustehen, hatten die Menschen Waffen aus Metall bei sich, die mit einem ohrenbetäubenden Knall Kugeln verschossen. Er verzog angewidert die Miene, Metall in Wunden war nicht zu empfehlen. Wie wenn die Spitze eines Dolches oder ein Pfeil in der Wunde steckte, sie heilte einfach nicht richtig. Die Vorstellung, mit den Händen im eigenen Fleisch nach der Kugel suchen zu müssen, gefiel ihm gar nicht. Pain hatte beobachtet, dass die Kugeln sich tief ins Fleisch fraßen, sie aus der Wunde zu holen würde eine echte Sauerei geben. Achtsamkeit war geboten, denn die Wachen schienen recht schießwütig zu sein, so schreckhaft und so leicht zu töten. Amüsiert dachte Pain über die Wache nach, die er letzte Nacht ausgeschaltet hatte. Den zerbrechlichen Körper des Mannes unter seinen Schlägen brechen zu spüren, hatte ihm eine gewisse Befriedigung verschafft. Bedauerlich, dass er den Menschen nicht töten durfte. Der Sterbliche hatte im Weg gestanden, was er ignoriert hätte, aber dann hatte der Mann sich umgedreht und angefangen, mit seiner metallenen Waffe herumzufuchteln. Der Mensch hatte ihn bedroht, oder er hatte es zumindest versucht, Pain lächelte angesichts der süßen Erinnerung. Gezittert hatte der Mensch, wie ein Rekrut vor seinem Offizier, erbärmlich. Dennoch, er ließ sich nicht bedrohen, von niemandem, vor allem nicht von einem Sterblichen. Wenn man nachgab, stand man schwach dar und niemand würde ihn jemals als schwach bezeichnen. Langsam strich Pain mit den Fingerspitzen über den Zaun vor ihm. Das Metall fühlte sich glatt und fest unter seinen Fingern an. Alle Dächer in der Gegend waren so eingefriedet. Als wollten sie hier oben Tiere halten, seltsam, wunderte er sich, während seine Finger weiter der Rundung des Metalls folgten. Angestrengt stieß er die Luft aus seinen Lungen und klammerte sich mit den Händen an den Zaun, so fest das seine Hände zu schmerzen begannen. Seit Stunden war er hier und hatte noch immer keine Beute ausgemacht. Seinem räuberischen Wesen gefiel das gar nicht. Langsam stieg eine gewisse Nervosität in ihm auf. Er konnte es deutlich hören, sein Lied, der klang seiner Magie, war schnell und unruhig. Alle Muskeln in seinem Körper fühlten sich angespannt an, doch noch war die Jagd nicht beendet. Manchmal musste man eben etwas länger auf Beute warten. Ein wenig Spannung machte die Jagd nur noch schöner. Pain versuchte, seine Schultern und den Nacken wieder etwas zu lockern. Gelangweilt beobachtete er die Stadt zu seinen Füßen und hoffte auf ein bisschen Ablenkung. Um weiter nach unten sehen zu können, lehnte er seinen Oberkörper gegen den Zaun. In einer Seitenstraße standen Dirnen und warteten auf Kundschaft. Sie waren krank oder high von Rauschmitteln oder Alkohol, manchmal sogar alles zur gleichen Zeit, das konnte er riechen. Wie die Dirnen in unseren Tavernen. Pain erinnerte sich an Abende in ihrer Heimat, in denen er Ähnliches gesehen hatte. Bezahlen ließen sich die Dirnen mit grünen Papierstücken, denen die Menschen einen hohen Wert beimaßen, zumindest schien es so. Menschen liebten dieses Papier wie ein Drache seinen Schatz. Nicht einmal Goldmünzen tauschen sie in dieser rückständigen Welt, bemerkte er und unterdrückte den Ekel, den er immer noch empfand. Einmal, als er mit seinen Schwestern und Brüdern in einer Taverne gewesen war, hatte sich eine sterbliche Frau massiv an ihn ran gemacht. Sie hatte dunkles Haar gehabt, braun oder schwarz vielleicht, so genau erinnerte er sich nicht an ihr Aussehen. Ihren Geruch jedoch hatte er noch immer in der Nase. Sie hatte nach billigem Parfüm und Alkohol gerochen. Zunächst hatte sie immer wieder zu ihm herübergeschaut, dann war sie immer näher gekommen. Als sie schließlich fast auf seinem Schoß gesessen hatte, war er mit ihr nach draußen gegangen, hinter die Taverne. Keinen Überlebensinstinkt hatten die Menschen, keine Einsicht für Situationen, denen man besser aus dem Weg ging. In ihrer Heimat würde niemand es wagen, sich ihm unaufgefordert zu nähern. Alle fürchteten ihn, zurecht, war er doch für seine Grausamkeit und seinen Mangel an Mitgefühl bekannt. Diese Menschenfrau jedoch schien ernsthaft mit ihm Sex haben zu wollen. Zugegeben, es weckte Neugierde in ihm. Neugierde, wann ihr Körper an seiner Kraft oder seiner Magie zerbrechen würde, wann ihre Instinkte erwachen und sie warnen würden, wann sie sich wehren würde. Er hatte die Frau hochgehoben und sie mit festem Griff gegen die kalte Mauer der Taverne gedrückt. Sie schluckte erschrocken, versuchte aber noch zu lächeln. Sie sagte etwas zu ihm, ihre Stimme klang sanft und obwohl er kaum ein Wort verstand, erkannte er die Lust in ihrer Stimme. Als würde ein Reh einen Wolf zum Essen einladen und fragen, ob es Wein mitbringen solle. Pain war nicht stolz darauf, aber solch ein Mangel an Instinkten hatte sogar ihn kurz zögern lassen. Mit Freude erinnerte er sich daran, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich, als er seine Augen rot aufleuchten ließ. Als ihre Instinkte endlich ansprangen, begann sie sich zu wehren, endlich benahm sie sich wie Beute. Mit Genuss erinnerte er sich an ihre Schreie und das Gezappel unter seinen Händen, welch eine süße Melodie in seinen Ohren. Besonders wehrhaft war die Frau dennoch nicht, auch nicht, als er seine Fänge tief in ihrem Fleisch vergrub. Es war schwer gewesen, ihre Haut zu durchbohren, ein Zeichen dafür, wie sehr ihn die Sterbliche langweilte. In Erregung waren seine Fänge sehr viel länger und schärfer. Das Blut der Frau hatte nach abgestandenem, korkigem Wein geschmeckt, es war widerlich. Allein die Erinnerung an den Geschmack treib ihm die Galle hoch. Zu ihrem Glück tauchte einer seiner Brüder auf, Keith hatte den Tumult gehört und beendete das Spiel. Pain war es gleichgültig gewesen, seine Neugierde war befriedigt, also hatte er sie ziehen lassen. Allerdings, wenn er sich jetzt daran erinnerte, fingen seine Fänge an zu pochen. Zu gerne würde er heute Nacht noch jemandem die Kehle aufreißen.
Lautes Geschrei hallte durch die Straßen und zog Pains Aufmerksamkeit auf sich. Eine Gruppe Männer, glatzköpfig und tätowiert, jagten einen Mann in feinen Kleidern durch die Straße. Die Gruppe folgte ihm bedrohlich, forderte Geld. Der gut Gekleidete weigerte sich, seinen Besitz aufzugeben. Es wurde geschrien, gekämpft, geflucht, dann zog einer der Glatzköpfe ein Messer und klärte den Besitzanspruch für sich. Blut floss aus dem Körper des Unterlegenen und bildete eine Lache auf dem Boden. Die Jäger hatten bekommen, was sie wollten und zogen ab, ließen ihre Beute zum Sterben zurück, so wie es nur die grausamsten Kreaturen taten. Ein Raubtier fraß seine Beute, ein König hing seine Opfer auf oder tötete sie öffentlich, um seinen Anspruch auf Herrschaft zu untermauern. Ein Krieger von Ehre tötete seinen Kontrahenten, um ihm einen würdigen Tod zu gönnen, wie ihn jeder Krieger verdiente, egal für wen oder für was er kämpfte. Das sterbende Fleisch jedoch den Tieren zu überlassen, war grausam. Die Menschen aber waren eine grausame Rasse. Sie behandelten einander schlecht, zerstörten ihre Welt und auch sich selbst mit einer Hingabe, die sogar ihn ein wenig beeindruckte. Obwohl es Pain verwunderte, dass Menschen wie dieser dort unten bereit waren, ihr Leben für ein wenig Besitz zu opfern. Was für eine Verschwendung seines Blutes, als Opfer für die Götter hätte es sicher noch getaugt, dachte er. Einen Sterblichen an die Götter zu opfern hatte zwar nicht mehr Gewicht als eine Ziege oder ein Schaf zu opfern, aber als kleine Geste des guten Willens konnte man sie dennoch in Betracht ziehen, befand Pain, während er dem Menschen bei dem zusah, was seines Gleichen am besten konnte: sterben. Woran die Menschen wohl glaubten, er hatte nie mit einem gesprochen, hatte es auch nicht vor. Er stellte sich aber vor, wie die Menschen ihr Metall und all das Mechanische in ihrer Welt anbeteten. Weshalb sonst sollten sie sich mit all dem umgeben? Manche von ihnen hatten sogar Teile ihres Körpers durch Metall ersetzt. Warum sollte man so etwas tun, wenn nicht für eine Gottheit? Ein Gefühl der Vertrautheit unterbrach seine Gedanken. Als Pain sich dem Gefühl zuwandte, blickte er in die leuchtend gelben Augen seiner Schwester Ria. Lautlos und elegant waren ihre Schritte, als sie zu ihm an den Rand des Daches kam. Ihre Augen richteten sich nach unten, um einen Blick auf das zu erhaschen, was Pain dort beobachtete. Angewidert verzog sie die Lippen, er wusste, dass sie dachte, was auch ihm zuvor durch den Kopf ging.
»Was für eine Verschwendung«, sagte sie und richtete ihren Blick wieder auf ihn. Anscheinend war ihre Jagd bisher ebenso erfolglos wie seine, sonst wäre sie nicht hier. Um sich einen Überblick zu verschaffen, lief Ria die Seiten des Daches ab und begutachtete die Straßen unter ihnen. Pain beobachtete sie dabei aufmerksam. Seine Schwester trug denselben schwarzen Lederharnisch wie er auch. Magische Runen waren in das schwarze Leder geprägt, es war eine Warnung und ein Zeichen ihres Standes. Benutzten sie ihre Magie, leuchteten die sonst verborgenen Zeichen golden auf. Das Gold floss durch die geprägten Runen und machte den rituellen Text auf dem Leder lesbar, er erzählte von dem Schwur, den sie alle geleistet hatten und von ihrer untrennbaren Verbindung zueinander. Dadurch waren sie alle den Respekt gewohnt, den ihr Stand mit sich brachte, dass die Sterblichen diese unmissverständliche Warnung aber nicht verstehen konnten, war frustrierend. Wobei sie die Harnische nicht zwingend brauchten, ihre Beute erkannte sie auch ohne all die Symbolik, denn sie konnten einander spüren. Geschmeidig stieg Ria auf den metallenen Zaun und während sie Pain beim Grübeln zusah, balancierte sie darauf hin und her.
»Nicht dass du runterfällst«, mahnte Pain, als er bemerkte, womit seine Schwester sich die Zeit vertrieb. Ria zog die Augenbrauen zusammen und blickte über die Schulter auf die Straße, die gut dreißig Meter unter ihr lag.
»Das soll wohl ein Witz sein.« Ihre Stimme klang ruhig, aber streng wie immer. Pain nickte nur, sicher, warum sollte Ria sich auch vor der Höhe fürchten. Noch nie hatte er seine Schwester vor etwas zurückschrecken sehen. Abgesehen davon landete sie sowieso immer auf ihren Füßen. Ria war schneller und geschickter als alle Krieger, die er kannte. Seine Schwester war eine Jägerin, keine Beute, wären sie noch in ihrer Heimat, würde Ria dort sicher ein eigenes Heer führen oder Rekruten zum Weinen bringen. Pain betrachtete seine Schwester. So ruhig, wie sie dastand, täuschte es über ihr kriegerisches Wesen hinweg. Ebenso wie ihr schlanker, zierlicher Körper, obwohl Ria durchaus muskulös war. Die gelben Augen, immer wachsam auf die Umgebung gerichtet, wie man es von einem Raubtier wie ihr erwarten würde.
Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich unter Pains Haut aus, langsam kroch es seinen Arm hinunter. Um das Gefühl zu unterdrücken, rieb er sich die Hände, mit wenig Erfolg, das Kribbeln wurde stärker. Die Tätowierung, die seinen rechten Oberarm bedeckte, begann sich zu winden. Die schwarzen Linien krochen seinen Arm hinunter. Bald würden sie die Hand erreichen und sich um seine Finger schwingen. Unaufhaltsam wanderte seine Unruhe ihrem Höhepunkt entgegen.
»Nervös?«, frage Ria und deute auf seinen Arm. Kurz davor die Beherrschung zu verlieren, dachte Pain. Es fehlte ihm definitiv an Auslastung, eine gute Jagd, ein guter Kampf oder Sex. Etwas, was seinen Geist und seinen Körper forderte. »Hungrig«, antwortete er knapp, was der Wahrheit entsprach, es dürstet ihm nach Blut und Tod. Pain betrachtete seinen rechten Arm, er verlor langsam die Kontrolle über sich. Dank dieser reizenden Strafe der Götter konnte das auch jeder sehen. Die Tätowierung war eine Warnung an alle, sich von ihm fernzuhalten. Je mehr er die Kontrolle über sich verlor, desto weiter breiteten sich die Linien aus, bis sie im schlimmsten Fall die ganze rechte Hälfte seines Körpers bedeckten. Maßlos übertrieben und völlig unangebracht, doch leider konnte man sich dem Willen der Götter nicht entziehen, meistens jedenfalls. Ria sprang vom Zaun und kam mit eleganten Schritten auf ihn zu. Ihre langen Haare schwangen dabei wie der Schweif einer Raubkatze, sie waren schwarz und immer zu einem Zopf geflochten, der ihr mittlerweile bis zu den Knöcheln reichte. Ihre Haare waren eingewickelt in Bandagen, sodass jeder aus ihrem Volk sofort wusste, womit er es zu tun hatte. Denn es war das Zeichen eines Tempels, der mitten in der Wüste lag und die besten Assassinen ihrer Welt ausbildete. Der Mann, dessen Stärke sie irgendwann anerkennen würde, würde einen rituellen Dolch nehmen,ihr den Zopf abscheiden und ihn anschließend bei sich tragen. Bis dahin durfte kein Mann sie mit offenen Haaren sehen, so sagte es die Tradition. Wobei Pain sich fragte, welcher Mann es freiwillig mit ihr aufnehmen würde. Er hatte schon gesehen, wie Ria es mit Kriegern aufnahm, die doppelt so groß und mindesten dreimal so schwer waren wie sie.
…
Unsere Welt ist wunderschön, voller Wunder und Magie, aber sie ist auch dunkel und gefährlich. Damit sie nicht zerbricht benötigt sie Balance. Die Waage muss ausgeglichen sein, dass ist das eine Gesetz was für jeden von uns gilt, auch für uns Götter. Doch Balance erreicht man nicht allein. Deshalb existiert das Flüstern. Eine leise Stimme die wir in unseren Träumen und Zweifeln hören. Sie will uns verführen die Balance zu stören damit die Waage zu kippen beginnt. Das Gleichgewicht und das Flüstern sind der Ursprung allen Lebens. Aus diesem flüchtigen Funken des Seins wurden wir geboren: die ersten Götter.
Als unsere Welt noch jung war, teilten wir Götter sie mit den alten Wesen, die genau wie wir aus dem ersten Funken geboren wurden. Gemeinsam herrschten wir über all ihre Wunder, in Harmonie und Einigkeit. Wir Götter schufen ein eigenes Volk, geboren aus unserer Magie. Wir teilten all unser Wissen und all unsere Magie mit unserer Schöpfung, und sie beteten für uns. Als die Zeit gekommen war, erschufen wir eine magische Barriere, um einen kleinen Teil der Welt zu unserer Heimat zu machen, diese Barriere nannten wir den Schleier. So wachten wir eine ganze Ewigkeit über unser Volk. Jedoch brachte die Trennung von uns Göttern und unserer Magie einige sonderbare Änderungen mit sich. Ohne unseren Einfluss, legte sich eine Kraft namens Zeit über die Welt. Ihre Wellen flossen nun durch alles Leben und machten es sterblich. Mit der Sterblichkeit kamen Krankheit, Alter und Verlust über das einst so mächtige Volk. Aus Angst flehten die Gläubigen, sie knieten und bettelten um unsere Rückkehr. Doch ihr Klagen drang nicht zu uns, denn die Zeit unserer Herrschaft war um, wir fielen in einen tiefen Schlaf.
Ein neues Zeitalter brach an, Misstrauen und Verzweiflung legten sich über die Herzen der Gläubigen und das Flüstern wurde immer lauter. Es drang in die Träume der Sterblichen ein und setzte sich in ihre Köpfe. Unsere Stimmen und unsere Namen, waren nun nichts mehr als eine blasse Erinnerung.
Neue Götter schritten nun durch die Welt hinter dem Schleier, sie lebten in einer Halle aus Gold, von dort aus beobachteten sie die Welt, die wir ihnen hinterlassen hatten. Die neuen Götter aber waren nicht wie wir, sie teilten nicht, sie wollten herrschen, also entbrannte Streit zwischen ihnen. Wie Spielfiguren schoben sie die Gläubigen über ihre Schlachtfelder, damit sie in ihrem Namen starben. Auf dass das im Glauben vergossene Blut ihre Macht stärken möge. Und die Gläubigen bluteten und sie starben als Opfer für ihre gierigen Götter.
Viele Zeitalter zogen über das Land, noch immer gab es keinen Sieger in der goldenen Halle hinter dem Schleier. Das einst so große, starke Volk, das wir alten Götter zurückgelassen hatten, war nicht mehr. Wo das Blut die Erde tränkte, war niemand übrig, der glauben konnte. Ohne den Glauben jedoch ist ein Gott nicht mehr als sein Volk, schwach und verletzlich. Die verbliebenen Herrscher wandten sich von ihren Göttern ab. Aus Priestern wurden Könige und als solche beanspruchten sie das Land für sich. Als die Zeit gekommen war, versammelten sich die großen Heere unter dem Namen ihrer Könige, um etwas zu verhandeln, was die Götter ihnen nie vergönnt hatten: Frieden. So standen sich die ersten drei Könige gegenüber, jeder von ihnen mit einem eigenen Volk, und stritten über die rechtmäßige Herrschaft über alles Leben. Der Erste, dessen Magie es vermochte, die Elemente selbst zu bändigen, erhob Anspruch auf die Schöpfung. Denn die Magie seines Volkes durchfloss die Berge, die Meere und die Luft. Der Zweite, dessen Magie mit dem Blut durch seine Adern floss, beanspruchten die Herrschaft über alles Leben für sich. Denn in allem Leben floss Blut und die Magie des Blutes gehörte seinem Volk. Der Dritte jedoch mahnte, dass die Magie, egal welche, nur den Göttern gehören sollte, denn sie hatte das Volk und alles Leben verdorben. In seinen Augen sollten alle Völker der Magie entsagen, denn nur so könne es Frieden geben, frei von dem Flüstern und den Göttern. Ein letztes Mal riefen die Könige ihre Götter an und baten um Rat. Doch keine Antwort drang durch den Schleier, kein Zeichen war zu sehen, die Götter blieben stumm. So entschlossen sich die Herrscher, das Reich endgültig aufzuteilen. Der Norden und der Osten gehörten nun den Elementaren. Sie herrschten über die Magie und alle Wesen, die aus ihrer reinen Form entstanden. Der Süden und Westen fiel unter die Herrschaft des Blutes. Sie herrschten über ein großes Volk und über ihre Diener aus Fleisch und Knochen. Diejenigen, die der Magie entsagen wollten, erkannten, dass diese Welt keinen Platz für sie hatte. Das Volk des dritten Königs schloss sich zusammen für einen letzten Akt der Magie, um sich endgültig von den Göttern zu lösen. Mit ihrer gemeinsamen Energie erschufen sie eine Barriere, dicker noch als der Schleier selbst, sodass das Flüstern sie nicht mehr erreichen konnte. Ohne ihre Magie wurde das Volk in ein Zeitalter des Vergessens geführt. Keine Geschichten der alten Zeit wurden mehr erzählt, keine Lieder über die Magie und ihre Schönheit wurden gesungen. Bis schließlich niemand mehr übrig war, der sich an die alte Welt erinnerte. Nun gehörte die Welt hinter der Barriere nicht mehr dem Flüstern, diese Welt hatte nun neue Götter: diese Welt gehört den Menschen.
Kapitel 1
Angewidert blickte Pain auf die Stadt zu seinen Füßen. Wie sehr er die Menschen verachtete. Ihre schwächlichen Körper, geboren ohne jegliche Begabung, zum Sterben verdammt. Wie eine Herde ohne eigenen Verstand folgten die Menschen allen, von denen sie sich ein besseres Leben versprachen. Was ihnen an Magie fehlte, versuchten sie mit Metall und Elektrizität zu ersetzen. Ihre Häuser reichten in den Himmel, dicht an dicht, wie in einem Wald gab es kaum ein Durchkommen durch die überfüllten Gassen. In den dunklen Ecken und Winkeln standen zwielichtige Gestalten und warteten auf Beute. Ein amüsiertes Lächeln huschte über Pains Gesicht, die Vorstellung, dass sich diese schwächlichen Sterblichen wohl als Raubtiere verstanden, er konnte nicht verstehen, wie man überhaupt etwas so Zerbrechliches wie einen Menschen fürchten konnte. Ohne Reißzähne oder Krallen hatten sie nichts, um ihren Mangel an Macht und Begabung auszugleichen. Ohne Flügel konnten sie nicht fliegen, keine Schuppen schützten ihre weiche Haut. Sie waren einfach nur ein Haufen gebrechlicher Knochen, umhüllt von weichem Gewebe, verpackt in Sterblichkeit, was für eine Irrung der Natur. Pain richtete den Blick nach oben. Ob es wohl schon Nacht ist, fragte er sich. Sein Zeitgefühl war verdammt durcheinander, seit er auf dieser Seite der Barriere festsaß. Nicht nur, weil die Zeit hier offensichtlich anders floss, als er es gewohnt war. Ihm fiel es einfach schwer, die Zeit am Himmel abzulesen. Am Tag war das Blau verdeckt von dichtem, grauem Rauch, der aus den Schornsteinen emporstieg wie aus einem Schmiedeofen und die Nacht war verdeckt von den Lichtern der Stadt. Es bestand keine Möglichkeit, dem Stand der Sonne oder dem der Sterne zu folgen. Welch Ironie, dass ihre Häuser in den Himmel reichen, obwohl von ihren Dächern aus der Himmel gar nicht zu sehen ist, stellte Pain amüsiert fest. Allerdings, so leer wie die Straßen im Moment waren, war es wohl Nacht, versuchte er seine Beobachtungen einzuordnen. Nur die Sonderbarsten und Abartigsten ihrer Rasse trieben sich zu solcher Stunde in der Stadt herum. Beobachtet von Wachen, die mehr ein Teil des Drecks waren als wirklich eine Hilfe, zumindest soweit er es beurteilen konnte. Pain verfolgte ein donnerndes Geräusch durch die Straßen. Es kam von den Wachen, die sich auf Gefährten aus Metall durch die Straßen bewegten. Die Gefährte waren so laut und schwer, dass er die Wachen schon von Weitem gut ausmachen konnte. Selbst hier oben konnte er die Vibrationen unter seinen Füßen spüren. Welchen Vorteil das haben sollte, wusste Pain nicht, er selbst würde ein starkes Pferd bevorzugen. Und statt sich wie echte Männer in einem Duell mit Schwert oder Degen gegenüberzustehen, hatten die Menschen Waffen aus Metall bei sich, die mit einem ohrenbetäubenden Knall Kugeln verschossen. Er verzog angewidert die Miene, Metall in Wunden war nicht zu empfehlen. Wie wenn die Spitze eines Dolches oder ein Pfeil in der Wunde steckte, sie heilte einfach nicht richtig. Die Vorstellung, mit den Händen im eigenen Fleisch nach der Kugel suchen zu müssen, gefiel ihm gar nicht. Pain hatte beobachtet, dass die Kugeln sich tief ins Fleisch fraßen, sie aus der Wunde zu holen würde eine echte Sauerei geben. Achtsamkeit war geboten, denn die Wachen schienen recht schießwütig zu sein, so schreckhaft und so leicht zu töten. Amüsiert dachte Pain über die Wache nach, die er letzte Nacht ausgeschaltet hatte. Den zerbrechlichen Körper des Mannes unter seinen Schlägen brechen zu spüren, hatte ihm eine gewisse Befriedigung verschafft. Bedauerlich, dass er den Menschen nicht töten durfte. Der Sterbliche hatte im Weg gestanden, was er ignoriert hätte, aber dann hatte der Mann sich umgedreht und angefangen, mit seiner metallenen Waffe herumzufuchteln. Der Mensch hatte ihn bedroht, oder er hatte es zumindest versucht, Pain lächelte angesichts der süßen Erinnerung. Gezittert hatte der Mensch, wie ein Rekrut vor seinem Offizier, erbärmlich. Dennoch, er ließ sich nicht bedrohen, von niemandem, vor allem nicht von einem Sterblichen. Wenn man nachgab, stand man schwach dar und niemand würde ihn jemals als schwach bezeichnen. Langsam strich Pain mit den Fingerspitzen über den Zaun vor ihm. Das Metall fühlte sich glatt und fest unter seinen Fingern an. Alle Dächer in der Gegend waren so eingefriedet. Als wollten sie hier oben Tiere halten, seltsam, wunderte er sich, während seine Finger weiter der Rundung des Metalls folgten. Angestrengt stieß er die Luft aus seinen Lungen und klammerte sich mit den Händen an den Zaun, so fest das seine Hände zu schmerzen begannen. Seit Stunden war er hier und hatte noch immer keine Beute ausgemacht. Seinem räuberischen Wesen gefiel das gar nicht. Langsam stieg eine gewisse Nervosität in ihm auf. Er konnte es deutlich hören, sein Lied, der klang seiner Magie, war schnell und unruhig. Alle Muskeln in seinem Körper fühlten sich angespannt an, doch noch war die Jagd nicht beendet. Manchmal musste man eben etwas länger auf Beute warten. Ein wenig Spannung machte die Jagd nur noch schöner. Pain versuchte, seine Schultern und den Nacken wieder etwas zu lockern. Gelangweilt beobachtete er die Stadt zu seinen Füßen und hoffte auf ein bisschen Ablenkung. Um weiter nach unten sehen zu können, lehnte er seinen Oberkörper gegen den Zaun. In einer Seitenstraße standen Dirnen und warteten auf Kundschaft. Sie waren krank oder high von Rauschmitteln oder Alkohol, manchmal sogar alles zur gleichen Zeit, das konnte er riechen. Wie die Dirnen in unseren Tavernen. Pain erinnerte sich an Abende in ihrer Heimat, in denen er Ähnliches gesehen hatte. Bezahlen ließen sich die Dirnen mit grünen Papierstücken, denen die Menschen einen hohen Wert beimaßen, zumindest schien es so. Menschen liebten dieses Papier wie ein Drache seinen Schatz. Nicht einmal Goldmünzen tauschen sie in dieser rückständigen Welt, bemerkte er und unterdrückte den Ekel, den er immer noch empfand. Einmal, als er mit seinen Schwestern und Brüdern in einer Taverne gewesen war, hatte sich eine sterbliche Frau massiv an ihn ran gemacht. Sie hatte dunkles Haar gehabt, braun oder schwarz vielleicht, so genau erinnerte er sich nicht an ihr Aussehen. Ihren Geruch jedoch hatte er noch immer in der Nase. Sie hatte nach billigem Parfüm und Alkohol gerochen. Zunächst hatte sie immer wieder zu ihm herübergeschaut, dann war sie immer näher gekommen. Als sie schließlich fast auf seinem Schoß gesessen hatte, war er mit ihr nach draußen gegangen, hinter die Taverne. Keinen Überlebensinstinkt hatten die Menschen, keine Einsicht für Situationen, denen man besser aus dem Weg ging. In ihrer Heimat würde niemand es wagen, sich ihm unaufgefordert zu nähern. Alle fürchteten ihn, zurecht, war er doch für seine Grausamkeit und seinen Mangel an Mitgefühl bekannt. Diese Menschenfrau jedoch schien ernsthaft mit ihm Sex haben zu wollen. Zugegeben, es weckte Neugierde in ihm. Neugierde, wann ihr Körper an seiner Kraft oder seiner Magie zerbrechen würde, wann ihre Instinkte erwachen und sie warnen würden, wann sie sich wehren würde. Er hatte die Frau hochgehoben und sie mit festem Griff gegen die kalte Mauer der Taverne gedrückt. Sie schluckte erschrocken, versuchte aber noch zu lächeln. Sie sagte etwas zu ihm, ihre Stimme klang sanft und obwohl er kaum ein Wort verstand, erkannte er die Lust in ihrer Stimme. Als würde ein Reh einen Wolf zum Essen einladen und fragen, ob es Wein mitbringen solle. Pain war nicht stolz darauf, aber solch ein Mangel an Instinkten hatte sogar ihn kurz zögern lassen. Mit Freude erinnerte er sich daran, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich, als er seine Augen rot aufleuchten ließ. Als ihre Instinkte endlich ansprangen, begann sie sich zu wehren, endlich benahm sie sich wie Beute. Mit Genuss erinnerte er sich an ihre Schreie und das Gezappel unter seinen Händen, welch eine süße Melodie in seinen Ohren. Besonders wehrhaft war die Frau dennoch nicht, auch nicht, als er seine Fänge tief in ihrem Fleisch vergrub. Es war schwer gewesen, ihre Haut zu durchbohren, ein Zeichen dafür, wie sehr ihn die Sterbliche langweilte. In Erregung waren seine Fänge sehr viel länger und schärfer. Das Blut der Frau hatte nach abgestandenem, korkigem Wein geschmeckt, es war widerlich. Allein die Erinnerung an den Geschmack treib ihm die Galle hoch. Zu ihrem Glück tauchte einer seiner Brüder auf, Keith hatte den Tumult gehört und beendete das Spiel. Pain war es gleichgültig gewesen, seine Neugierde war befriedigt, also hatte er sie ziehen lassen. Allerdings, wenn er sich jetzt daran erinnerte, fingen seine Fänge an zu pochen. Zu gerne würde er heute Nacht noch jemandem die Kehle aufreißen.
Lautes Geschrei hallte durch die Straßen und zog Pains Aufmerksamkeit auf sich. Eine Gruppe Männer, glatzköpfig und tätowiert, jagten einen Mann in feinen Kleidern durch die Straße. Die Gruppe folgte ihm bedrohlich, forderte Geld. Der gut Gekleidete weigerte sich, seinen Besitz aufzugeben. Es wurde geschrien, gekämpft, geflucht, dann zog einer der Glatzköpfe ein Messer und klärte den Besitzanspruch für sich. Blut floss aus dem Körper des Unterlegenen und bildete eine Lache auf dem Boden. Die Jäger hatten bekommen, was sie wollten und zogen ab, ließen ihre Beute zum Sterben zurück, so wie es nur die grausamsten Kreaturen taten. Ein Raubtier fraß seine Beute, ein König hing seine Opfer auf oder tötete sie öffentlich, um seinen Anspruch auf Herrschaft zu untermauern. Ein Krieger von Ehre tötete seinen Kontrahenten, um ihm einen würdigen Tod zu gönnen, wie ihn jeder Krieger verdiente, egal für wen oder für was er kämpfte. Das sterbende Fleisch jedoch den Tieren zu überlassen, war grausam. Die Menschen aber waren eine grausame Rasse. Sie behandelten einander schlecht, zerstörten ihre Welt und auch sich selbst mit einer Hingabe, die sogar ihn ein wenig beeindruckte. Obwohl es Pain verwunderte, dass Menschen wie dieser dort unten bereit waren, ihr Leben für ein wenig Besitz zu opfern. Was für eine Verschwendung seines Blutes, als Opfer für die Götter hätte es sicher noch getaugt, dachte er. Einen Sterblichen an die Götter zu opfern hatte zwar nicht mehr Gewicht als eine Ziege oder ein Schaf zu opfern, aber als kleine Geste des guten Willens konnte man sie dennoch in Betracht ziehen, befand Pain, während er dem Menschen bei dem zusah, was seines Gleichen am besten konnte: sterben. Woran die Menschen wohl glaubten, er hatte nie mit einem gesprochen, hatte es auch nicht vor. Er stellte sich aber vor, wie die Menschen ihr Metall und all das Mechanische in ihrer Welt anbeteten. Weshalb sonst sollten sie sich mit all dem umgeben? Manche von ihnen hatten sogar Teile ihres Körpers durch Metall ersetzt. Warum sollte man so etwas tun, wenn nicht für eine Gottheit? Ein Gefühl der Vertrautheit unterbrach seine Gedanken. Als Pain sich dem Gefühl zuwandte, blickte er in die leuchtend gelben Augen seiner Schwester Ria. Lautlos und elegant waren ihre Schritte, als sie zu ihm an den Rand des Daches kam. Ihre Augen richteten sich nach unten, um einen Blick auf das zu erhaschen, was Pain dort beobachtete. Angewidert verzog sie die Lippen, er wusste, dass sie dachte, was auch ihm zuvor durch den Kopf ging.
»Was für eine Verschwendung«, sagte sie und richtete ihren Blick wieder auf ihn. Anscheinend war ihre Jagd bisher ebenso erfolglos wie seine, sonst wäre sie nicht hier. Um sich einen Überblick zu verschaffen, lief Ria die Seiten des Daches ab und begutachtete die Straßen unter ihnen. Pain beobachtete sie dabei aufmerksam. Seine Schwester trug denselben schwarzen Lederharnisch wie er auch. Magische Runen waren in das schwarze Leder geprägt, es war eine Warnung und ein Zeichen ihres Standes. Benutzten sie ihre Magie, leuchteten die sonst verborgenen Zeichen golden auf. Das Gold floss durch die geprägten Runen und machte den rituellen Text auf dem Leder lesbar, er erzählte von dem Schwur, den sie alle geleistet hatten und von ihrer untrennbaren Verbindung zueinander. Dadurch waren sie alle den Respekt gewohnt, den ihr Stand mit sich brachte, dass die Sterblichen diese unmissverständliche Warnung aber nicht verstehen konnten, war frustrierend. Wobei sie die Harnische nicht zwingend brauchten, ihre Beute erkannte sie auch ohne all die Symbolik, denn sie konnten einander spüren. Geschmeidig stieg Ria auf den metallenen Zaun und während sie Pain beim Grübeln zusah, balancierte sie darauf hin und her.
»Nicht dass du runterfällst«, mahnte Pain, als er bemerkte, womit seine Schwester sich die Zeit vertrieb. Ria zog die Augenbrauen zusammen und blickte über die Schulter auf die Straße, die gut dreißig Meter unter ihr lag.
»Das soll wohl ein Witz sein.« Ihre Stimme klang ruhig, aber streng wie immer. Pain nickte nur, sicher, warum sollte Ria sich auch vor der Höhe fürchten. Noch nie hatte er seine Schwester vor etwas zurückschrecken sehen. Abgesehen davon landete sie sowieso immer auf ihren Füßen. Ria war schneller und geschickter als alle Krieger, die er kannte. Seine Schwester war eine Jägerin, keine Beute, wären sie noch in ihrer Heimat, würde Ria dort sicher ein eigenes Heer führen oder Rekruten zum Weinen bringen. Pain betrachtete seine Schwester. So ruhig, wie sie dastand, täuschte es über ihr kriegerisches Wesen hinweg. Ebenso wie ihr schlanker, zierlicher Körper, obwohl Ria durchaus muskulös war. Die gelben Augen, immer wachsam auf die Umgebung gerichtet, wie man es von einem Raubtier wie ihr erwarten würde.
Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich unter Pains Haut aus, langsam kroch es seinen Arm hinunter. Um das Gefühl zu unterdrücken, rieb er sich die Hände, mit wenig Erfolg, das Kribbeln wurde stärker. Die Tätowierung, die seinen rechten Oberarm bedeckte, begann sich zu winden. Die schwarzen Linien krochen seinen Arm hinunter. Bald würden sie die Hand erreichen und sich um seine Finger schwingen. Unaufhaltsam wanderte seine Unruhe ihrem Höhepunkt entgegen.
»Nervös?«, frage Ria und deute auf seinen Arm. Kurz davor die Beherrschung zu verlieren, dachte Pain. Es fehlte ihm definitiv an Auslastung, eine gute Jagd, ein guter Kampf oder Sex. Etwas, was seinen Geist und seinen Körper forderte. »Hungrig«, antwortete er knapp, was der Wahrheit entsprach, es dürstet ihm nach Blut und Tod. Pain betrachtete seinen rechten Arm, er verlor langsam die Kontrolle über sich. Dank dieser reizenden Strafe der Götter konnte das auch jeder sehen. Die Tätowierung war eine Warnung an alle, sich von ihm fernzuhalten. Je mehr er die Kontrolle über sich verlor, desto weiter breiteten sich die Linien aus, bis sie im schlimmsten Fall die ganze rechte Hälfte seines Körpers bedeckten. Maßlos übertrieben und völlig unangebracht, doch leider konnte man sich dem Willen der Götter nicht entziehen, meistens jedenfalls. Ria sprang vom Zaun und kam mit eleganten Schritten auf ihn zu. Ihre langen Haare schwangen dabei wie der Schweif einer Raubkatze, sie waren schwarz und immer zu einem Zopf geflochten, der ihr mittlerweile bis zu den Knöcheln reichte. Ihre Haare waren eingewickelt in Bandagen, sodass jeder aus ihrem Volk sofort wusste, womit er es zu tun hatte. Denn es war das Zeichen eines Tempels, der mitten in der Wüste lag und die besten Assassinen ihrer Welt ausbildete. Der Mann, dessen Stärke sie irgendwann anerkennen würde, würde einen rituellen Dolch nehmen,ihr den Zopf abscheiden und ihn anschließend bei sich tragen. Bis dahin durfte kein Mann sie mit offenen Haaren sehen, so sagte es die Tradition. Wobei Pain sich fragte, welcher Mann es freiwillig mit ihr aufnehmen würde. Er hatte schon gesehen, wie Ria es mit Kriegern aufnahm, die doppelt so groß und mindesten dreimal so schwer waren wie sie.
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