Cover: Die vergessene Jagd

Die vergessene Jagd
Die Legende der Füchse


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 246
ISBN: 978-3-99130-701-3
Erscheinungsdatum: 28.01.2025
Die Hunde sind zurück, das Fuchskönigreich in großer Gefahr. Das hat zumindest Himlous erkannt. Er hat die gefährlichen Bestien mit eigenen Augen gesehen. Die anderen Füchse wollen ihm aber einfach nicht glauben. Was soll er jetzt tun?
Die Monster aus alten Sagen

„Hexnas, los! Schneller! Sie haben uns fast eingeholt!“, jaulte der junge, marmorierte Fuchs nach hinten, wo sein älterer Bruder mit hellrotem Fell kaum hinterherkam. Die beiden hatten einen guten Grund, so durch das Unterholz zu hetzen. Dicht hinter Hexnas war eine knurrende, geifernde Hundemeute, die nach seinem Schweif schnappte und ihn dabei stets nur um eine Haaresbreite verfehlte. „I…ich kann nicht schneller! Renn du weiter, Himlous! Ich –“, japste Hexnas und wurde durch das Reden, das ihn nur noch mehr anstrengte, etwas langsamer. Das war sein Todesurteil. Einer der Hunde, ein großes schwarzes Biest, bekam seinen Schweif zu fassen und vergrub seine vergilbten Zähne tief darin. Der hellrote Fuchs heulte mitleiderregend auf, so laut, dass es im ganzen Wald widerzuhallen schien. Himlous, der jüngere Bruder, blieb schlitternd stehen und fuhr herum, nur um zu sehen, wie sein vor Schmerz kreischender Bruder von der Meute aus Hunden in Fetzen gerissen wurde. Blut rann aus den Mäulern der Bestien und Fellstücke hingen zwischen ihren Zähnen, während sie Fleisch aus dem noch lebenden Körper rissen und die Knochen zermalmten. Es war so ein grauenhaftes Bild, dass Himlous meinte, allein dieser Anblick würde ihn umbringen. Es hätte so ein friedlicher, schöner Tag sein können. Es hätte ein Feiertag sein sollen. Himlous sollte heute seine Jagdprüfung ablegen, er sollte einen Fasan fangen und damit hätte er sich das Privileg erworben, ein erwachsenes Mitglied der Gesellschaft zu sein. Hexnas hatte ihn begleitet, sowohl als Prüfer als auch Berater. Aber noch bevor sie einen Fasan auch nur gerochen hatten, waren diese scheußlichen Kreaturen aufgetaucht, zusammen mit Menschen, die ihren vierbeinigen Begleitern aber nicht so schnell hatten folgen können. Wirklich Zeit, um seinen Schock zu verdauen, bekam der junge Fuchs nicht. Kaum zuckte ihr Opfer nicht mehr, verloren die Hunde das Interesse und wendeten ihre Aufmerksamkeit lieber ihrem nächsten Kauknochen zu. Mit einem tiefen Knurren drehten sich die Viecher, die Himlous groß wie Bäume vorkamen, zu ihm um. Der junge Fuchs schluckte, spannte seine dünnen Muskeln an und machte dann einen gekonnten Satz zur Seite, gerade noch rechtzeitig, denn in der gleichen Sekunde sprangen zwei dieser Monster auf ihn zu. Die behäbigen, großen Tiere schafften es nicht rechtzeitig, abzubremsen, und landeten sogleich im Dornengebüsch, in dem sie sich heulend verfingen. Himlous blieb jedoch keine Zeit, diesen kleinen Sieg auszukosten. Die anderen Hunde jagten ihn bereits und der Fuchs war vollständig damit beschäftigt, im Zickzackkurs zwischen den Bäumen entlangzuflitzen. Immer hatte Himlous es verflucht, dass er kleiner und dünner war als all seine Geschwister, heute war er zum ersten Mal froh darum. Flink gelang es ihm, in einem Hasenbau zu verschwinden, der zwischen die Wurzeln eines großen Baumes gegraben war. Ganz knapp entkam er so den Reißzähnen der Hunde, die trotz des beeindruckenden Tempos sehr nahegekommen waren und auch Himlous um ein Haar schnappten. Geifernd und vor Frustration winselnd scharrten sie mit ihren großen Pfoten am Eingang des Baus. Keiner von ihnen war klein oder gar schlank genug, um sich durch die Tunnel zu quetschen. Himlous, der sich in die hinterste Ecke gedrängt hatte, war sicher, zumindest für den Moment. Allerdings war es nur eine Frage der Zeit, bis die Hunde den Eingang so weit vergrößert hatten, dass auch sie hineinkriechen konnten. Oder zumindest, bis der Bau so unstabil wurde, dass er über dem Kopf des Fuchses zusammenkrachte und ihn lebendig begrub. Keuchend drängte Himlous sich gegen die kalten Erdwände und achtete gar nicht darauf, ob sein schönes, glänzendes Fell dabei dreckig wurde, obwohl er dies sonst verabscheute. Das Herz schlug ihm bis zu den Ohren und er hechelte in einem verzweifelten Versuch, mehr Sauerstoff in seine Lungen zu bekommen. Er hörte, wie seine Verfolger draußen scharrten und gruben. Sie kommen, fuhr es ihm durch den Kopf. Sie werden kommen und mich genauso zerfleischen wie Hexnas. Ich muss hier weg, ohne dass sie es merken. Nur wie? Seine hellen Augen huschten umher und Himlous bemerkte, dass es mehrere Abzweigungen gab, wie für Hasenbaue üblich. Irgendwo musste es wieder an die Oberfläche gehen. So könnte er entkommen. Nur waren diese Gänge noch niedriger, noch enger. Himlous musste sich auf den Bauch legen, um überhaupt in einen dieser Gräben zu passen. Die Ohren dicht angelegt und langsam vorwärtsrobbend schob er sich in den Tunnel hinein, der so finster war wie die Nacht. Immer wieder rieselte Erde von der Decke und jedes Mal spürte Himlous sein Herz schneller schlagen, da er dachte, gleich wäre es vorbei und er würde hier unten sterben. Aber immerhin, das Schnaufen und Winseln der Hunde konnte er schon bald nicht mehr hören. Und nach einer gefühlten Ewigkeit, in der er sich durch die Gänge geschleppt hatte, schimmerte am Ende des Tunnels zartes Tageslicht. Gar nicht schnell genug konnte der junge Fuchs dorthin kommen und als er endlich wieder an der Oberfläche war, atmete er genießerisch die würzige Waldluft ein. Für den Bruchteil einer Sekunde war sein Schreck über alles, was gerade geschehen war, verschwunden. Aber wirklich nur für eine Sekunde. Da erklang wieder das schauerliche Geheul der Hunde, weit entfernt, aber gut hörbar. Und nicht nur die Rufe der Hunde störten die Stille des Waldes, auch die scharfen, unverständlichen Laute der Menschen hallten zwischen den Bäumen. Offenbar hatten die Herren ihre Bestien eingeholt. Himlous hoffte, sie würden nun mit diesen abziehen, aber sicher konnte er sich nicht sein. Noch ein paar Momente nahm er sich Zeit, um Atem zu schöpfen, dann machte er sich mit großen Sätzen auf den Heimweg, bevor die Hunde doch wieder auf seine Spur kamen. Wie so ziemlich jeder Fuchs im Tal lebte auch Himlous im Wald Elesch, der gleich neben dem breiten Fluss Ustrith lag. Und mitten im Elesch lag sie, die Hauptstadt der Füchse. Unter allen Tierreichen des Tals war ihr Königreich das prächtigste und erfuhr nun schon seit etwa hundert Jahren einen stetig wachsenden Wohlstand. Schon zu Beginn, bei der Gründung des Reiches, hatten es ihre Urahnen gut erwischt. Mitten im Wald hatten längst verlassene Ruinen einer Menschenstadt gelegen, die zu ihrer Blütezeit im Reichtum geschwommen haben musste. Heute wusste man nichts Genaues mehr über die Geschichte dieses Ortes oder gar über ihre Bewohner, aber den Füchsen boten die Ruinen genau deswegen eine wundervolle Unterkunft. Die Königsfamilie, zu der auch Himlous selbst zählte, lebte sogar in einem regelrechten Schloss, das, durch sorgsame Pflege, wieder sehr gut aussah und das angenehmste aller Leben ermöglichte. Insgesamt hatten sich die Bürger des Fuchsreiches nicht lumpen lassen. Für jemanden, der es nicht wusste, hätte die verlassene Stadt noch von Menschen bewohnt sein können, so sehr wurde alles gehegt und gepflegt. Das war also der Ort, dem Himlous nun mit enormem Tempo entgegensprengte, so schnell, dass seine Pfoten kaum den Boden zu berühren schienen. Eigentlich war der junge Fuchs kein besonders großer Abenteurer, er verließ den Palast oder gar die Stadt nur sehr selten. Heute war eines der wenigen Male, dass er sich hinauswagte. Umso erstaunlicher war es wohl, dass Himlous gerade ganz genau wusste, welchen Weg er einschlagen musste, um zurückzufinden. Er musste über die Lichtung, die zu dieser Jahreszeit mit bunten Blumen überwuchert war, dann an dem großen Baum vorbei, der von einem Blitz gespalten worden war. Kurze Zeit später würde er an einen Bach kommen, dem er flussaufwärts folgen musste, solange, bis drei alte Trauerweiden das Ufer säumten. Alles, was er dann noch tun musste, war, links abzubiegen und so lange weiterzurennen, bis er an die Straße kam, die in die Stadt führte. Es klang wie ein sehr kurzer Weg, aber obwohl Himlous sich alle Mühe gab, sein Tempo zuhalten, und nur kurz eine Rast am Bach einlegte, um zu trinken, hatte die Mittagssonne ihren Höchststand bereits überschritten, als er endlich die ersten Häuser erblickte. Völlig entkräftet schaffte es Himlous noch, bis zu den ersten Häusern der Stadt zu kommen. Es waren kleine, bereits etwas schiefe Häuschen aus weißem Stein mit Vorgärten voller Kräuter und niedriger Beerenbüsche. Kaum hatte Himlous diese unsichtbare Schranke überquert, sank er kraftlos auf der Straße in sich zusammen. Er hatte sich überanstrengt und musste jetzt die Rechnung dafür tragen. Seine Lungen brannten, als wären sie mit Feuer gefüllt, insgesamt war sein Körper überhitzt und seine empfindlichen Pfoten, die den weichen Rasen des Schlossgartens oder die glatten Marmorfliesen des Palastes gewöhnt waren, bluteten. Auch sein helles Fell war dreckig und verklebt, aber das war gerade seine kleinste Sorge. Hechelnd lag der junge Prinz auf der Straße und überließ sich der gnädigen Dunkelheit der Bewusstlosigkeit, die langsam über ihn fiel wie eine weiche Decke.

Irgendwer hatte ihn dort wohl gefunden und sogar heimgebracht, zumindest wurde Himlous nach einigen Stunden in seinem Zimmer wach. Es war ein hübscher Raum im Schloss, wenn auch nicht ganz so prunkvoll wie der seiner Eltern. Himlous lag auf einem Himmelbett, das mit bernsteinfarbenen Stoffen bezogen war. Die gleiche Farbe, in der auch seine Augen erstrahlten. Insgesamt zog sich diese Farbe durch den ganzen Raum, alles erstrahlte in den verschiedensten Gelb- und Goldtönen, gemischt mit einem Hauch von Weiß und Schwarz, wie die Farbe seines Fells. Erschöpft hob Himlous den Kopf, ließ seinen Blick durch den vertrauten Raum schweifen und sank dann mit einem Seufzen zurück in das mit Samt überzogene Kissen. Es wäre leicht zu glauben gewesen, dass alles nur ein Traum gewesen war. Aber die schmerzenden Pfoten und die viel zu lebhafte Erinnerung waren genug, um zu wissen, dass die Geschehnisse leider allzu real gewesen waren. Himlous wusste, dass er nun aufstehen musste. Er musste aufstehen, hinunter in das Gesellschaftszimmer gehen, in dem seine Familie sich sicherlich aufhielt, und er musste ihnen erzählen, was geschehen war. Nur wie? Wie sollte er ihnen erklären, dass plötzlich Hunde aufgetaucht waren? Ausgerechnet die Kreaturen, die seit Fuchsgedenken niemand mehr gesehen hatte und die als ausgestorben, wenn nicht sogar fast als Fabelwesen galten? Als Wesen, die nur in Geschichten existierten, um kleinen Welpen Angst zu machen? Und dann, noch viel dramatischer, dass auch noch Menschen dabei gewesen waren? Und dass Hexnas durch diese Hunde, die es angeblich nicht mehr gab oder nie gegeben hatte, in Stücke gerissen worden war? Himlous stöhnte leise und vergrub sein Gesicht im weichen Stoff. Das würde ihm doch kein Fuchs glauben! Andererseits, hatten sie eine Wahl? Er müsste sie nur zu der Stelle führen, an der Hexnas getötet worden war. Dann würden sie es ja selbst sehen. Aber vermutlich würden sie behaupten, es wäre ein anderes Raubtier gewesen. Ein Wolf zum Beispiel, auch wenn diese auf der anderen Flussseite lebten und schon seit etlichen Jahrzehnten nicht mehr hier gesehen worden waren. Oder einer aus dem Königreich der Luchse, dass direkt neben ihrem Reich lag. Auch wenn die Luchse und die Füchse schon vor Jahren Frieden miteinander geschlossen hatten, alles würde seine Familie mehr glauben, als dass es Hunde gewesen waren. Himlous konnte es ja selbst nicht glauben, obwohl er dabei gewesen war. Noch immer war sein Kopf nicht in der Lage, zu realisieren, dass die Verfolgungsjagd wirklich passiert war. Und, noch schlimmer, dass sein großer Bruder Hexnas von ihnen zerfleischt worden war. Noch immer hallte das Jaulen des Sterbenden in seinen Ohren wider und jedes Mal, wenn Himlous daran dachte, fuhr ein Zittern durch seinen Körper. Warum hatte ausgerechnet Hexnas sterben müssen? Von all seinen Geschwistern war es ausgerechnet sein ältester Bruder, der den Tod gefunden hatte. Das einzige Geschwisterteil, dass Himlous wirklich aus tiefster Seele geliebt hatte. Und zeitgleich auch der Thronerbe des Fuchsreiches. Nun würde Sialdin das Königreich erben. Himlous konnte Sialdin nicht ausstehen. Er war großkotzig, arrogant und hatte einen sadistischen Hang dazu, alle zu quälen, die schwächer waren als er. Das Königreich würde vor die Hunde gehen, falls diese Meute nochmal zurückkam, möglicherweise sogar wortwörtlich. Wie konnte es nur sein, dass jetzt, nach hundert Jahren und vielen Generationen, auf einmal wieder Hunde gesichtet wurden? Diese Unstimmigkeit wollte ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen. Aber alles Überlegen brachte nichts. Hier, in seinem weichen Bett, würde er es nie herausfinden. Ächzend erhob Himlous sich und leckte sich sogleich die zerschundenen Pfoten, die ihn noch immer bei jedem kleinen Tritt schmerzten. Es würde Tage dauern, bis seine Ballen wieder richtig verheilt wären und er wieder ganz ohne Schmerzen laufen konnte. Gerade als Himlous bereit war, endlich aufzustehen und sich der harten Wirklichkeit zu stellen, wurde die Tür geöffnet und eine kleine Gestalt huschte ins Zimmer. Es war Margery, eine flauschige Füchsin mit rotbraunem Pelz, die Amme aller Prinzen und Prinzessinnen, die bisher zur Welt gekommen waren. Auch Himlous hatte sie gesäugt und aufgezogen, als wäre er ihr eigener Welpe gewesen. „Him, mein Liebling. Was ist nur passiert? Ein paar einfache Bürger brachten dich her, du lagst wie tot auf der Straße, haben sie erzählt!“ In ihrer süßen Stimme klang alle Wärme und Fürsorge der Welt. Sie sprang zu Himlous aufs Bett und begann damit, ihn gründlich zu putzen. Erst jetzt bemerkte der junge Prinz, dass sein Pelz noch immer voller Erde, Pollen und Kletten war. Also ließ er sich die Pflege seiner Amme ruhig gefallen und schloss entspannt die Augen. Margery konnte er sich ohne Bedenken anvertrauen, das wusste er. Also erzählte er ihr alles, angefangen davon, dass Hexnas und er am frühen Morgen das Schloss verließen, um das Jagdritual durchzuführen. Dass sie suchten und suchten, der Wald aber wie ausgestorben wirkte und gerade in dem Moment, in dem sie anhielten, um sich zu beraten, geschah plötzlich das Grauenhafte. Hunde stürzten aus dem Unterholz und jagten sie beide durch den halben Wald, bis Hexnas schließlich die Puste ausging und der Meute zum Opfer fiel. Dann erzählte Himlous noch von seiner Flucht durch den Hasenbau und wie er zurück in die Stadt raste. Margery hörte sich alles geduldig an und putzte dabei immer weiter sein Fell, das schon bald wieder sauber und glänzend war. „Hunde also? Oh, armer Hexnas! So etwas hat unser Lieber wirklich nicht verdient. Er war doch noch so jung, hatte noch so viel vor sich“, murmelte sie nur am Ende seiner Erzählung und blickte dabei wehmütig aus den verglasten Fenstern, hinunter in den Schlossgarten. „Ja, ich weiß es hört sich unglaublich an, aber ich schwöre, es ist wahr!“, bekräftigte Himlous seine Aussage verbissen. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen. Die Füchsin glaubte ihrem Schützling so oder so. „Natürlich ist es wahr. Nur, weil schon lange kein Hund mehr gesichtet wurde, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt. Aber, mein süßer, kleiner Schatz, ich fürchte, die anderen werden deinen Bericht nicht glauben. Sie denken, die alten Geschichten wären Märchen. Die Götter nur ausgedacht, die Heldentaten übertrieben und die Bestien darin nur Schreckgespenster. Sie alle haben vergessen, wie die Welt früher war, bevor das große Götterpaar uns segnete und den Schutzzauber über unseren Wald legte.“ Der Schutzzauber, richtig. Erst jetzt erinnerte sich Himlous wieder daran. Auch diese Geschichte wurde von Zeit zu Zeit erzählt, jedoch war sie bei Weitem nicht so beliebt wie andere. Es war schon lange her, dass der junge Fuchs sie das letzte Mal gehört hatte, sicherlich hatte er deswegen nicht mehr daran gedacht. Sein Blick folgte dem von Margery hinaus in den Garten. „Denkst du, der Schutzwall hat aufgehört zu wirken, und deshalb konnten die Hunde kommen?“, wollte er von der Füchsin wissen, die daraufhin nur ein knappes Lachen ausstieß. „Himlous, ich weiß es wirklich nicht. Ich bin nur eine einfache Füchsin. Wenn du so etwas wissen willst, frag deine Lehrer oder den alten Priester Iamo. Die können dir dabei sicher besser helfen als ich.“ Dankbar senkte Himlous seinen Kopf vor ihr und leckte ihr kurz über die Wange, ehe er sich auf seine Pfoten erhob und aus dem Bett hüpfte. „Danke für deinen Rat, ich werde ihn befolgen. Nun muss ich aber meiner Familie davon berichten, dass mein lieber Bruder zu Tode kam“, erklärte er ihr mit trockener Stimme und eilte, ohne auf seine Pfoten zu achten, den langen Gang entlang und die Treppe hinunter, hin zu dem Gesellschaftszimmer, dass seine Familie um diese Tageszeit so gerne bezog. Lust hatte er zwar nicht, mit ihnen zu reden, aber drücken konnte er sich ohnehin nicht davor. Also könnte er es genauso gut gleich hinter sich bringen. Wenigstens hätte er danach seine Ruhe.

Himlous hatte seine Familie richtig eingeschätzt. Seine Eltern und Geschwister drängten sich alle in dem gemütlichen Gemeinschaftsraum, räkelten sich auf den Sofas und Sesseln, tranken Tee aus getrockneten Kräutern und Blütenblättern aus zierlichen Porzellantassen und diskutierten dabei lebhaft über die jüngsten Geschehnisse. Sie waren so vertieft darin, dass sie nicht mal bemerkten, dass ihr jüngstes Mitglied eingetreten war. „Glaubt ihr, es ist etwas Schlimmes passiert? Es muss etwas Schlimmes passiert sein, oder? So fertig wie Him war“, spekulierte seine Schwester Onia, die älteste aus dem zweiten Wurf, vor sich hin, während sie beunruhigt mit einem vergoldeten Ball zwischen ihren Pfoten spielte. „Quatsch. Der Zwerg hat sicher einen Zweig knacken gehört und ist deswegen vor Schreck zurückgeflüchtet!“ Dieser verächtliche Kommentar wiederum kam von keinem anderen als Sialdin selbst. Für einen Fuchs war er ein Riese und durch das nachtschwarze Fell, das er von ihrem Vater geerbt hatte, sah er noch erschreckender aus. Die Narben, die er durch kleine Kämpfe mit adligen Heißspornen davongetragen hatte, halfen auch nicht dabei, ihn freundlicher aussehen zu lassen. Aber sein Äußeres passte auch zu seinem Charakter. Himlous konnte sich nicht daran erinnern, jemals ein nettes Wort aus seinem Munde gehört zu haben. „Sial, red nicht so über unseren kleinen Bruder. Er kann ja nichts dafür, dass er als Welpe krank wurde und deswegen so schlecht gewachsen ist“, mischte sich nun auch Oktia ein, die aus dem gleichen Wurf wie Sialdin und Hexnas stammte. Sie stritt immerzu mit Sialdin, Hexnas hatte immer versucht zu schlichten und die Letzte im Bunde, Erena, blieb immer still und sprach kaum ein Wort. Das war er, der erste Wurf der ehrenwerten Königsfamilie, dem Traumpaar. Der schlaue König Mohbris und die anmutige Königin Etphine. Es war ein desaströser erster Wurf, und die anderen beiden Würfe waren nicht besser. Sialdin war stark, aber streitsüchtig, Oktia klug, aber arrogant, Erena bodenständig, aber zurückgezogen. Einzig Hexnas hatte das Potenzial gehabt, das Königreich zu leiten. Und gleich müsste Himlous seiner Familie verkünden, dass ausgerechnet der würdige Erbe tot war. „Ach, dass du ihn auch immer verteidigst! Bis auf Überleben hat der bisher doch gar nichts auf die Reihe gekriegt, und selbst mit dem Überleben war es knapp!“, setzte der älteste Bruder weiter zu einer neuen Schimpfattacke an, als Himlous mit einem Räuspern endlich auf sich aufmerksam machte. Alle Blicke ruhten sofort auf ihm und es wurde gespenstisch still in dem geschmückten Raum. Selbst Sialdin und den sonst immer lebhaften Schwestern Onia und Rara war die Stimme entschwunden. Sofort bereute Himlous es, dass er auf sich aufmerksam gemacht hatte. All die Blicke schienen ihn wie Messer zu erstechen. Verlegen zuckte er mit dem Ohr und neigte dann, ehrerbietend wie es sich gehörte, den Kopf vor seinen Eltern und älteren Geschwistern. „Ähm, verzeiht, ich wollte nicht stören. Ich bin soeben erwacht und dachte, es wäre angemessen, euch von den Geschehnissen zu berichten“, erklärte er sich stockend, ohne den Blick vom Boden zu heben. „Himlous, mein Kleiner! Schön zu sehen, dass es dir gut geht, wir haben uns Sorgen gemacht.“ Mit einem galanten Sprung landete seine Mutter auf dem dunklen Holzboden und ihr Schmuck aus Gold und Kristall klimperte dabei. Sie trat zu ihm und schmiegte kurz ihre Nase an seine Wange. „Und jetzt sag mir, wo ist dein Bruder? Du kamst ohne Hexnas nach Hause zurück. Die Bauern, die dich fanden, meinten, von ihm wäre weit und breit nichts zu sehen gewesen.“
„Ja, sie können ihn auch gar nicht gesehen haben“, begann der junge Prinz langsam, atmete tief durch und bereitete sich innerlich auf den entsetzten Aufschrei vor. „Sie können ihn nicht gesehen haben, denn Hexnas ist tot. Eine Meute zerfleischte ihn, nicht weit von der südlichen Grenze entfernt.“ Stille. Niemand sagte etwas, nicht mal Atmen war zu hören. Das war eine noch schlimmere Reaktion, als Himlous es sich ausgemalt hatte. Er hob den Blick und sah direkt in die hellen, vor Schreck geweiteten Augen seiner Mutter. Sie wich vor ihm zurück, als hätte sie sich verbrannt. „Tot? Hexnas?“ Ihre sonst so melodische Stimme klang einen Funken zu schrill. „Mein Sohn, was redest du da?“, erhob sich nun die strenge Stimme seines Vaters. Himlous hob seinen Blick zu König Mohbris, der noch immer auf seinem Sessel thronte und abschätzig auf ihn herabblickte. Schon immer hatte er eine ziemliche Angst vor seinem Vater gehabt, der immer so finster klang und so einschüchternd gucken konnte. Aber heute war es das erste Mal, dass diese Furcht auch begründet war. Automatisch duckte der jüngste Prinz sich etwas. „Es ist wahr, Vater! Ich lüge bestimmt nicht, und eingebildet habe ich es mir erst recht nicht! Ich habe gesehen, wie Hexnas von einer Meute Hunde zerrissen wurde!“

5 Sterne
Mega toll geschrieben  - 18.02.2025
Evelyn Koch

Ich bin sonst kein großer Fantasie Fan aber dieses Buch hat mich gefesselt und ist Mega toll zu lesen. Ich hoffe das noch mehrere Bücher von dieser Autorin.

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