Die Toten von nebenan
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 296
ISBN: 978-3-99130-906-2
Erscheinungsdatum: 31.07.2025
Als Frau Löffler sich nach einem Fahrradunfall auf den Heimweg begibt, hat sich ihr Wohnviertel tiefgreifend verändert. Überall trifft sie auf längst verstorbene Nachbarn. Bald stellt sie fest: Sie selbst ist eine der Toten.
Kapitel 1
Frau Enger saß mit ihrem Gatten im Wohnzimmer und fing wieder mit dem leidigen Thema an: „Ich finde es nicht richtig, dass unsere Kinder ihr Leben weiterleben, ohne auch nur einmal an uns zu denken. Jette hat mich noch nie auf dem Friedhof besucht, und Peter will sogar nächstes Jahr unser Grab auflösen. Nach kaum sieben Jahren.“
Herr Enger ruckte auf seinem Sessel hin und her, als säße er auf glühenden Kohlen.
„Wir existieren für sie nicht mehr. Es ist sogar noch schlimmer – es ist so, als hätten wir für sie nie existiert. Als hätte es uns gar nie gegeben. Nicht ein Wort über uns. Kein an uns verschwendeter Gedanke. Überhaupt nichts.“
„Peter und Jette haben Probleme. Probleme mit unseren Enkeln, Probleme mit ihren Partnern, Probleme, genug Geld zu verdienen. Sie müssen jeden Tag so viele Probleme lösen, da ist es kein Wunder, wenn sie ihre toten Eltern vergessen. Was hilft es denn, wenn sie an uns denken? Da werden sie nur traurig, und das wirft sie zurück.“
Frau Enger verzog ihr Gesicht. „Ich glaube nicht, dass sie traurig werden würden. Das Ärgerliche ist doch, sie waren nie traurig. Sie haben keine Minute um uns getrauert.“
„Aber auf der Beerdigung, da haben sie geweint.“
„Auf der Beerdigung, auf der Beerdigung … Die paar Tränen in der Öffentlichkeit! Am nächsten Tag hatten sie uns schon vergessen.“ Frau Enger sah ihren Gatten übertrieben weinerlich an. „Ist das denn normal, Reiner? Benehmen sich Kinder so? Vermissen sie uns denn kein bisschen?“
Herr Enger zuckte nur mit den Schultern und dehnte die Mundwinkel.
„Wir haben alles für sie getan. Wir haben ihnen sogar zwei Häuser nebenan gebaut!“ Frau Enger zeigte fuchtelnd in Richtung dieser Häuser.
Herr Enger seufzte laut. „Hiltrud! Nimm endlich Vernunft an. Du musst die Kinder in Ruhe lassen. Du darfst dich nicht einmischen. Ich bin sicher, wenn sie aus dem Gröbsten raus sind, werden sie sich an uns erinnern. Dann werden sie sogar die Trauer nachholen. Sie können es sich jetzt schlicht nicht leisten. Sie müssen nach vorne schauen. Das ist ihr Überlebensinstinkt, ihr Überlebensrecht.“
„Ach, papperlapapp. Nach dem Tod wird einem so manches klar. Da gewinnst du Einblicke, wie du sie zu Lebzeiten nie hattest. Unsere Kinder haben uns nie gemocht, obwohl wir alles für sie getan haben. So sieht die bittere Wahrheit aus. Dafür sollen sie bezahlen!“
Kapitel 2
Frau Löffler machte sich daran, mit dem Fahrrad die Stuttgarter Straße zu überqueren. Sie sah nicht nach links, warum auch, die Ampel stand ja auf Grün. Plötzlich bemerkte sie aus dem Augenwinkel einen dunklen Schatten. Erst undeutlich und eher grau, je näher er kam, desto tiefer wurde er schwarz. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, und sie bremste scharf ab. Ein Knall durchzuckte die Luft, gefolgt von einem scharfen Pfeifen, wie von einem heftigen Wind. Ein Lastwagen rauschte an ihr vorbei.
Puh! Das war knapp gewesen. Fast hätte er sie erwischt. Eine unendliche Schrecksekunde lang war ihr so, als wäre der Laster durch sie hindurchgefahren. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie dem Fahrzeug nach, das in Richtung Stuttgart davonraste.
Erst als sich die nächste Kolonne von Autos näherte, sprang sie wieder auf den Sattel und trat hektisch in die Pedale. Sie fluchte vor sich hin. Wie hatte sie nur so leichtsinnig sein können, sich auf die grüne Ampel zu verlassen! Um ein Haar hätte sie einen schlimmen Unfall verursacht. Sie hätte sogar sterben können!
Nachdem sie sich selbst genug getadelt hatte, radelte sie in ihrem normalen, gemächlichen Tempo weiter. Erst jetzt fiel ihr etwas auf, das seltsam war, nicht passte. Sie spürte keinen Schrecken in den Knochen, sie zitterte auch nicht. Ihr Puls raste nicht, und ihr Atem ging normal. Sie fühlte sich nach dieser Beinahekollision erstaunlich entspannt …
Na und? Ohne Schrecken davongekommen, sagte sie sich kurzerhand und bog von der Hauptverkehrsstraße in ihr Wohnviertel ein.
In der Königsberger Straße drosselte sie ihr Tempo. Diese Straße, einst von blühenden Gärten und schmucken Fassaden gesäumt, präsentierte sich nun mit einer wachsenden Anzahl an verlassenen Einfamilienhäusern und Villen. Die Eigentümer waren verstorben, und die Erben taten so, als wohnten sie dort, um die hohen Erbschaftssteuern nicht zahlen zu müssen. In Wahrheit blieben die Häuser leer. Oder die Erben stritten sich so sehr, dass sie die Häuser weder beziehen noch vermieten oder verkaufen konnten.
Frau Löffler mochte diese verlassenen Häuser, ihre Ausstrahlung. Sie schienen noch mit ihren ehemaligen Bewohnern verbunden zu sein. Die Häuser waren Inseln, auf denen die Zeit stehengeblieben war. In ihnen schlummerten Möglichkeiten; alles konnte sich in ihnen künftig ereignen. Es gefiel ihr, die Häuser in Gedanken mit Geschichten zu möblieren.
Links lag der verwaiste Bungalow der Engers. Obwohl Herr Enger, Vorstandsvorsitzender der örtlichen Kreissparkasse, und Frau Enger bereits vor zehn Jahren in einem exklusiven Altersheim gestorben waren, wurde der Garten nach wie vor, zumindest oberflächlich, gepflegt. Eine gigantische Weißtanne überschattete den Rasen. Eiben drückten gegen die Fenster des Hauses, als wollten sie gewaltsam ins Innere dringen.
Am Ende der Straße standen zwei weitere Häuser leer. Bei einem von ihnen konnte man nicht einmal Erben finden. Zuletzt hatte ein älteres Paar darin gewohnt, dann nur noch die betagte Witwe. Das Haus hatte schon vor ihrem Tod unbewohnt gewirkt, die Rollläden waren tagein, tagaus verschlossen geblieben. Vielleicht war es ihr allein nicht mehr möglich gewesen, die schweren Läden hochzuziehen.
Frau Löffler bog mit Schwung in die Elbinger Straße ein und streifte fast Nabucco, den fetten schwarzen Kater der Nachbarin. Das Tier schien jedoch völlig unbeeindruckt und trottete gelassen weiter. Sie korrigierte sich, das konnte nicht Nabucco sein. Der war doch vor zwei Wochen unter ein Auto gekommen. Die Nachbarin hatte sich also bereits Ersatz besorgt, einen Kater, der fast genauso aussah. Ähnelte das neue Haustier stark dem verstorbenen, kam man leichter über den Verlust hinweg, behaupteten manche.
Als Frau Löffler schließlich in die Einfahrt ihres Elternhauses einbog, musste sie abrupt bremsen. Eine ältere Frau trat ihr unerwartet in den Weg, die sie erst im letzten Moment bemerkte. Frau Löffler entschuldigte sich bestürzt, doch die Frau schien geistesabwesend und ging ohne Reaktion weiter. Moment mal, sah sie nicht aus wie die verstorbene Frau Meilner?
Frau Meilner hatte im Block gegenüber gewohnt und war nun schon seit dreißig Jahren tot. Ihre Wohnung stand seitdem leer. Kürzlich hatte ein Klempner dort einen Siphon ausgewechselt, weil sich die Bewohner über einen fauligen Gestank im Treppenhaus beklagt hatten. Er hatte berichtet, dass sich in Frau Meilners Wohnung immer noch das gesamte Mobiliar aus den Sechzigerjahren befand. Kein Gegenstand war verrückt worden, und eine dicke Staubschicht bedeckte alles. Frau Meilners Schwiegertochter hatte sich nie um Mieter gekümmert, sondern wartete nur, bis die Immobilienpreise weiter stiegen.
Frau Löffler schaute der Dame verstört nach. Sie trug ein beiges Sommerkostüm mit einem knielangen, hinten geschlitzten Rock, das in die Sechzigerjahre gepasst hätte. Sie sah der Meilner wirklich zum Verwechseln ähnlich.
Mit ein paar routinierten Griffen stellte Frau Löffler ihr Fahrrad in der Garage ab und schloss die Haustür auf. Auch die untere Wohnung ihres Elternhauses stand leer. Der Mieter, ein indischer Elektronikingenieur, war vor Kurzem ausgezogen, angeblich wegen einer günstigeren Wohnung. Frau Löffler hegte jedoch den Verdacht, dass dies nicht der wahre Grund war.
Als sie gerade die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufwollte, öffnete sich die Tür im Erdgeschoss, und ihre Großmutter trat ins Treppenhaus.
So manch anderer hätte beim Anblick seiner verstorbenen Großmutter vielleicht einen Herzinfarkt gehabt. Nicht aber Frau Löffler. Sie stand nur da, mit offenem Mund, starr vor Unglauben. Halluzinierte sie etwa?
Die Frau auf der Straße hätte vielleicht noch eine Person sein können, die der verstorbenen Frau Meilner verblüffend glich. Hier aber stand leibhaftig ihre Großmutter, Gertrud Herrmann, vor ihr. Daran gab es keinen Zweifel. Genauso wenig wie an der Tatsache, dass ihre Großmutter seit mittlerweile fünfunddreißig Jahren tot war. Ansehen tat man ihr das aber nicht. Sie stand da vor ihr, in ihren mittleren Siebzigerjahren, exakt wie sich Frau Löffler an sie aus ihren Teenagertagen erinnerte.
In ihr drehte sich alles. Schrecken, Unglauben und Sehnsucht vermischten sich in ihrem Kopf. Wie sollte sie jetzt reagieren? Sie hatte ihre Großmutter innig geliebt, und es wäre normal gewesen, sich in ihre Arme zu werfen. Aber sie konnte sich ja schlecht einer Toten an den Hals schmeißen. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht …
„Du … du bist … eigentlich tot, oder?“, stammelte sie bloß.
Ihre Großmutter strahlte. Gleichzeitig lief eine Träne über ihre Wange.
Frau Löffler konnte ihr nicht nur ansehen, wie sehr sie sich freute, ihre Enkelin wiederzusehen, sie spürte es auch ganz deutlich. Meine Güte, was für ein Irrsinn!
Die Großmutter ging gar nicht auf ihre Frage ein, sondern sprach sie an, als wäre es die normalste Sache der Welt, als hätten sie sich gestern erst gesehen. „Sei mir nicht böse, Nadja“, sagte sie, „aber ich möchte nicht rauf zur Rose.“
Rose war der Name von Frau Löfflers Mutter, der Tochter ihrer Großmutter.
„Ich war schon lange nicht mehr oben. Oben ist Roses Reich, hier unten ist meines.“ Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht. „Die Rose war früher immer so aggressiv. Das hält mich ab.“
Himmel, was sollte das? Wie musste sie sich verhalten? Als Frau Löffler spontan nur weg hier dachte, sagte die Großmutter schnell und eindringlich: „Komm rein, mein Schatz, ich erkläre dir alles.“
Obwohl Frau Löffler eben noch hatte flüchten wollen, folgte sie nun mit zittrigen Knien ihrer Großmutter in die Wohnung.
Sie kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Alles war hier wie früher. Das gesamte Mobiliar ihrer Großmutter war wieder da, obwohl die Wohnung nach ihrem Tod vollständig geräumt worden war. Es roch genau wie damals nach Kaffee und Kölnisch Wasser, und auf dem Esstisch standen die Kaffeekanne unter einer gehäkelten Wärmehaube, zwei Gedecke und ein selbst gebackener Marmorkuchen mit Schokoladenguss. Als hätte ihre Großmutter auf sie gewartet.
Frau Löffler konnte es nicht wahrhaben, als ihre Großmutter ihr eröffnete, dass sie – Nadja Löffler – tot sei. Auch nicht, als die Großmutter aufrichtig weinte, weil der Tod ihre Enkelin mit ihren sechzig Jahren viel zu früh ereilt hätte. Frau Löffler hielt das alles für ausgemachten Unsinn. Sie fühlte sich so lebendig wie eh und je.
Sie konnte sehen, hören, riechen, denken, sprechen, sich bewegen … Sie fühlte sich rundum normal und sogar besonders wohl, irgendwie leicht. War sie in einem Albtraum gefangen und wachte einfach nicht auf? Oder hatte sie plötzlich den Verstand verloren und sah Dinge, die es nicht gab? Die es nicht geben durfte.
In heller Aufregung sprang Frau Löffler vom Kaffeetisch auf und eilte in den ersten Stock zu ihrer Mutter.
Dort oben war alles wie immer. Die Pflegerin bereitete in der Küche das Mittagessen vor, und ihre Mutter lag auf ihrem Fernsehsessel im Wohnzimmer und blätterte in einer Zeitung, die sie in ihrer geistigen Verwirrung schon lange nicht mehr lesen konnte.
Frau Löffler sprach ihre Mutter an, aber diese reagierte nicht. Sie streichelte ihre Hand. Die fühlte sich an wie immer: weich, lauwarm, ein Geflecht von herausstehenden Venen auf dem Handrücken. Doch auch auf ihre Berührung zeigte ihre Mutter keine Reaktion. Frau Löffler versuchte, ihr die Zeitung aus der Hand zu nehmen, doch das gelang ihr seltsamerweise nicht. Zwar spürte sie das dünne Papier, als sie es betastete, die Zeitung reagierte aber nicht auf ihren Griff. Sie küsste ihre Mama auf die Wange, spürte ihre zarte Haut und feinste Härchen, küsste sie erneut. Doch ihre Mama regte sich nicht. Frau Löffler sprach sie noch einmal an, benutzte die liebevollsten Koseworte, sagte schließlich laut und vorwurfsvoll Schnuckel. Doch ihre Mama schien es nicht zu hören.
Plötzlich bemerkte sie hinter sich die Pflegerin. Sie kam mit einem Glas Saft und stellte es auf das Seitentischchen neben Mamas Fernsehsessel.
Frau Löffler rief: „Hallo, Grazyna!“
Grazyna antwortete nicht und verzog keine Miene.
Sie lief einfach durch sie hindurch …
Kapitel 3
Frau Löffler war am Boden zerstört. Niemand sah sie, niemand nahm sie wahr. Sie rief Grazyna laut ins Ohr. Grazyna hörte sie nicht. Sie kitzelte ihre Mama an den Zehen, dort war sie immer besonders empfindlich und zappelte normalerweise wütend, sobald man sie berührte. Sie bewegte nicht einmal ihren Fuß.
„Komisch, ich spür‘ einen kühlen Luftzug“, sagte Grazyna nur, und Frau Löfflers Mama zog sich die Sommerdecke bis hoch unters Kinn. Anscheinend war auch ihr auf einmal kalt.
„Ihre Tochter ist noch nicht zurück. Wir warten mit dem Essen“, sagte Grazyna.
Bei dem Satz zogen sich Frau Löfflers Eingeweide zusammen. Sie setzte sich an den Wohnzimmertisch, legte die Stirn neben ihrem Gedeck auf die Tischplatte, die sich fest anfühlte, und heulte hemmungslos, mindestens eine Viertelstunde lang.
War sie wirklich tot? Hatte der Lastwagen sie erwischt? Aber warum fühlte sie sich dann so gut? So normal – nein, besser als normal sogar? Was war nur mit ihr los?
Sie blickte zu ihrer Mutter hinüber, die ungerührt fernsah. Da saß ihre geliebte Mama, nur wenige Meter von ihr entfernt, und Frau Löffler konnte sie nicht erreichen. Sie konnte ihr nicht verständlich machen, dass es sie noch gab, dass sie unversehrt war. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so hilflos gefühlt. Was sollte sie bloß tun?
Als die Verzweiflung drohte, sie völlig zu überwältigen, nahm sie eine Bewegung vor dem Fenster wahr. Jetzt wurde es noch grotesker: Ihre Großmutter schwebte draußen vorbei und winkte. Sie bedeutete ihrer Enkelin, wieder zu ihr nach unten zu kommen. Irrsinnigerweise erinnerte Frau Löffler das an Renaissance- und Barockfresken, auf denen gerne mal nackte Personen durch die Gegend fliegen. Sie wischte ihre Tränen mit dem Handrücken ab. Einen Trost hatte sie: Wenigstens ihre Großmutter sah und hörte sie. Und sie liebte sie, was machte es da schon, dass sie tot war? Vielleicht konnte sie ihr in dieser verstörenden neuen Welt beistehen, konnte sie durch ihre Schrecken und Untiefen lotsen. Kaum dachte Frau Löffler an den vertrauten Kaffeetisch aus rötlichem Kirschholz in der Wohnung ihrer Großmutter, diesen Tisch, um den herum so viel Geselligkeit stattgefunden hatte, saß sie auch schon dort.
Es brauchte eine Zeit lang, den abrupten Ortswechsel zu verkraften. Glücklicherweise saß ihr ihre Großmutter bereits gegenüber und erklärte ihr, dass man sich hier fortbewegen konnte, indem man einfach intensiv an einen Ort dachte. Und nicht nur das, man konnte auch durch Wände hindurchgehen oder -fliegen. Die Wände existierten nur für die Lebenden, zu deren dreidimensionalem Raum sich noch eine weitere Dimension, die Zeit, hinzugesellte. Die Toten hingegen, erklärte ihre Großmutter, existierten in einem höherdimensionalen Paralleluniversum. Dieses Paralleluniversum besetze denselben Platz wie die Welt der Lebenden, es ginge durch sie hindurch, jedoch ohne sie zu berühren.
Die Lebenden spürten normalerweise nichts von der Welt der Toten. Es gab aber Wege für die Toten, auf die Lebenden einzuwirken. Die Toten konnten sich sogar sichtbar machen und den Lebenden erscheinen. Das sah dann aus wie ein Hologramm, ein dreidimensionales Bild, das in die Luft projiziert wurde. Es sah echt aus, hatte aber keine Festigkeit; man konnte hindurchgreifen, hindurchgehen.
Frau Löfflers Großmutter lachte: „Du kannst dir nicht vorstellen, welchen Schabernack manche Verstorbene mit ihren ehemaligen Angehörigen treiben, wenn sie ihnen in der Nacht als Geister erscheinen!“
Frau Löffler staunte. Aber sie war auch entsetzt, und sie war neugierig, sie war fassungslos, durcheinander und verängstigt, alles auf einmal.
Ihre Großmutter sah sie an und lächelte milde. „Sei ganz ruhig. Anfangs ist alles verwirrend und neu. Du gewöhnst dich aber rasch daran. Hier begreifst du nämlich im Handumdrehen. In der Welt der Toten fallen gewisse Beschränkungen weg, die uns in der Welt der Lebenden von allem möglichen Wissen und vielen Formen der Erfahrung abgeschnitten haben. Die Welt der Lebenden ist eine Welt von Lahmen, Blinden, Tauben, geistig Beschränkten, kurz: Gehandicapten.“
Frau Löffler murmelte flau: „Aha.“
„Ich erfuhr zum Beispiel von deinem Unfall im selben Moment, in dem er geschah, weil ich zu dir eine sehr enge Verbindung fühle. So konnte ich dir einigermaßen gefasst gegenübertreten. Und da ist noch viel mehr. Du kannst dich durch die Welt der Lebenden frei bewegen, dort wie hier durch Dächer und Wände schweben, beobachten, was dort vor sich geht … Oder du kannst dein Alter frei wählen, etwa wie zwanzig aussehen … Und vieles mehr …“
…
Frau Enger saß mit ihrem Gatten im Wohnzimmer und fing wieder mit dem leidigen Thema an: „Ich finde es nicht richtig, dass unsere Kinder ihr Leben weiterleben, ohne auch nur einmal an uns zu denken. Jette hat mich noch nie auf dem Friedhof besucht, und Peter will sogar nächstes Jahr unser Grab auflösen. Nach kaum sieben Jahren.“
Herr Enger ruckte auf seinem Sessel hin und her, als säße er auf glühenden Kohlen.
„Wir existieren für sie nicht mehr. Es ist sogar noch schlimmer – es ist so, als hätten wir für sie nie existiert. Als hätte es uns gar nie gegeben. Nicht ein Wort über uns. Kein an uns verschwendeter Gedanke. Überhaupt nichts.“
„Peter und Jette haben Probleme. Probleme mit unseren Enkeln, Probleme mit ihren Partnern, Probleme, genug Geld zu verdienen. Sie müssen jeden Tag so viele Probleme lösen, da ist es kein Wunder, wenn sie ihre toten Eltern vergessen. Was hilft es denn, wenn sie an uns denken? Da werden sie nur traurig, und das wirft sie zurück.“
Frau Enger verzog ihr Gesicht. „Ich glaube nicht, dass sie traurig werden würden. Das Ärgerliche ist doch, sie waren nie traurig. Sie haben keine Minute um uns getrauert.“
„Aber auf der Beerdigung, da haben sie geweint.“
„Auf der Beerdigung, auf der Beerdigung … Die paar Tränen in der Öffentlichkeit! Am nächsten Tag hatten sie uns schon vergessen.“ Frau Enger sah ihren Gatten übertrieben weinerlich an. „Ist das denn normal, Reiner? Benehmen sich Kinder so? Vermissen sie uns denn kein bisschen?“
Herr Enger zuckte nur mit den Schultern und dehnte die Mundwinkel.
„Wir haben alles für sie getan. Wir haben ihnen sogar zwei Häuser nebenan gebaut!“ Frau Enger zeigte fuchtelnd in Richtung dieser Häuser.
Herr Enger seufzte laut. „Hiltrud! Nimm endlich Vernunft an. Du musst die Kinder in Ruhe lassen. Du darfst dich nicht einmischen. Ich bin sicher, wenn sie aus dem Gröbsten raus sind, werden sie sich an uns erinnern. Dann werden sie sogar die Trauer nachholen. Sie können es sich jetzt schlicht nicht leisten. Sie müssen nach vorne schauen. Das ist ihr Überlebensinstinkt, ihr Überlebensrecht.“
„Ach, papperlapapp. Nach dem Tod wird einem so manches klar. Da gewinnst du Einblicke, wie du sie zu Lebzeiten nie hattest. Unsere Kinder haben uns nie gemocht, obwohl wir alles für sie getan haben. So sieht die bittere Wahrheit aus. Dafür sollen sie bezahlen!“
Kapitel 2
Frau Löffler machte sich daran, mit dem Fahrrad die Stuttgarter Straße zu überqueren. Sie sah nicht nach links, warum auch, die Ampel stand ja auf Grün. Plötzlich bemerkte sie aus dem Augenwinkel einen dunklen Schatten. Erst undeutlich und eher grau, je näher er kam, desto tiefer wurde er schwarz. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, und sie bremste scharf ab. Ein Knall durchzuckte die Luft, gefolgt von einem scharfen Pfeifen, wie von einem heftigen Wind. Ein Lastwagen rauschte an ihr vorbei.
Puh! Das war knapp gewesen. Fast hätte er sie erwischt. Eine unendliche Schrecksekunde lang war ihr so, als wäre der Laster durch sie hindurchgefahren. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie dem Fahrzeug nach, das in Richtung Stuttgart davonraste.
Erst als sich die nächste Kolonne von Autos näherte, sprang sie wieder auf den Sattel und trat hektisch in die Pedale. Sie fluchte vor sich hin. Wie hatte sie nur so leichtsinnig sein können, sich auf die grüne Ampel zu verlassen! Um ein Haar hätte sie einen schlimmen Unfall verursacht. Sie hätte sogar sterben können!
Nachdem sie sich selbst genug getadelt hatte, radelte sie in ihrem normalen, gemächlichen Tempo weiter. Erst jetzt fiel ihr etwas auf, das seltsam war, nicht passte. Sie spürte keinen Schrecken in den Knochen, sie zitterte auch nicht. Ihr Puls raste nicht, und ihr Atem ging normal. Sie fühlte sich nach dieser Beinahekollision erstaunlich entspannt …
Na und? Ohne Schrecken davongekommen, sagte sie sich kurzerhand und bog von der Hauptverkehrsstraße in ihr Wohnviertel ein.
In der Königsberger Straße drosselte sie ihr Tempo. Diese Straße, einst von blühenden Gärten und schmucken Fassaden gesäumt, präsentierte sich nun mit einer wachsenden Anzahl an verlassenen Einfamilienhäusern und Villen. Die Eigentümer waren verstorben, und die Erben taten so, als wohnten sie dort, um die hohen Erbschaftssteuern nicht zahlen zu müssen. In Wahrheit blieben die Häuser leer. Oder die Erben stritten sich so sehr, dass sie die Häuser weder beziehen noch vermieten oder verkaufen konnten.
Frau Löffler mochte diese verlassenen Häuser, ihre Ausstrahlung. Sie schienen noch mit ihren ehemaligen Bewohnern verbunden zu sein. Die Häuser waren Inseln, auf denen die Zeit stehengeblieben war. In ihnen schlummerten Möglichkeiten; alles konnte sich in ihnen künftig ereignen. Es gefiel ihr, die Häuser in Gedanken mit Geschichten zu möblieren.
Links lag der verwaiste Bungalow der Engers. Obwohl Herr Enger, Vorstandsvorsitzender der örtlichen Kreissparkasse, und Frau Enger bereits vor zehn Jahren in einem exklusiven Altersheim gestorben waren, wurde der Garten nach wie vor, zumindest oberflächlich, gepflegt. Eine gigantische Weißtanne überschattete den Rasen. Eiben drückten gegen die Fenster des Hauses, als wollten sie gewaltsam ins Innere dringen.
Am Ende der Straße standen zwei weitere Häuser leer. Bei einem von ihnen konnte man nicht einmal Erben finden. Zuletzt hatte ein älteres Paar darin gewohnt, dann nur noch die betagte Witwe. Das Haus hatte schon vor ihrem Tod unbewohnt gewirkt, die Rollläden waren tagein, tagaus verschlossen geblieben. Vielleicht war es ihr allein nicht mehr möglich gewesen, die schweren Läden hochzuziehen.
Frau Löffler bog mit Schwung in die Elbinger Straße ein und streifte fast Nabucco, den fetten schwarzen Kater der Nachbarin. Das Tier schien jedoch völlig unbeeindruckt und trottete gelassen weiter. Sie korrigierte sich, das konnte nicht Nabucco sein. Der war doch vor zwei Wochen unter ein Auto gekommen. Die Nachbarin hatte sich also bereits Ersatz besorgt, einen Kater, der fast genauso aussah. Ähnelte das neue Haustier stark dem verstorbenen, kam man leichter über den Verlust hinweg, behaupteten manche.
Als Frau Löffler schließlich in die Einfahrt ihres Elternhauses einbog, musste sie abrupt bremsen. Eine ältere Frau trat ihr unerwartet in den Weg, die sie erst im letzten Moment bemerkte. Frau Löffler entschuldigte sich bestürzt, doch die Frau schien geistesabwesend und ging ohne Reaktion weiter. Moment mal, sah sie nicht aus wie die verstorbene Frau Meilner?
Frau Meilner hatte im Block gegenüber gewohnt und war nun schon seit dreißig Jahren tot. Ihre Wohnung stand seitdem leer. Kürzlich hatte ein Klempner dort einen Siphon ausgewechselt, weil sich die Bewohner über einen fauligen Gestank im Treppenhaus beklagt hatten. Er hatte berichtet, dass sich in Frau Meilners Wohnung immer noch das gesamte Mobiliar aus den Sechzigerjahren befand. Kein Gegenstand war verrückt worden, und eine dicke Staubschicht bedeckte alles. Frau Meilners Schwiegertochter hatte sich nie um Mieter gekümmert, sondern wartete nur, bis die Immobilienpreise weiter stiegen.
Frau Löffler schaute der Dame verstört nach. Sie trug ein beiges Sommerkostüm mit einem knielangen, hinten geschlitzten Rock, das in die Sechzigerjahre gepasst hätte. Sie sah der Meilner wirklich zum Verwechseln ähnlich.
Mit ein paar routinierten Griffen stellte Frau Löffler ihr Fahrrad in der Garage ab und schloss die Haustür auf. Auch die untere Wohnung ihres Elternhauses stand leer. Der Mieter, ein indischer Elektronikingenieur, war vor Kurzem ausgezogen, angeblich wegen einer günstigeren Wohnung. Frau Löffler hegte jedoch den Verdacht, dass dies nicht der wahre Grund war.
Als sie gerade die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufwollte, öffnete sich die Tür im Erdgeschoss, und ihre Großmutter trat ins Treppenhaus.
So manch anderer hätte beim Anblick seiner verstorbenen Großmutter vielleicht einen Herzinfarkt gehabt. Nicht aber Frau Löffler. Sie stand nur da, mit offenem Mund, starr vor Unglauben. Halluzinierte sie etwa?
Die Frau auf der Straße hätte vielleicht noch eine Person sein können, die der verstorbenen Frau Meilner verblüffend glich. Hier aber stand leibhaftig ihre Großmutter, Gertrud Herrmann, vor ihr. Daran gab es keinen Zweifel. Genauso wenig wie an der Tatsache, dass ihre Großmutter seit mittlerweile fünfunddreißig Jahren tot war. Ansehen tat man ihr das aber nicht. Sie stand da vor ihr, in ihren mittleren Siebzigerjahren, exakt wie sich Frau Löffler an sie aus ihren Teenagertagen erinnerte.
In ihr drehte sich alles. Schrecken, Unglauben und Sehnsucht vermischten sich in ihrem Kopf. Wie sollte sie jetzt reagieren? Sie hatte ihre Großmutter innig geliebt, und es wäre normal gewesen, sich in ihre Arme zu werfen. Aber sie konnte sich ja schlecht einer Toten an den Hals schmeißen. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht …
„Du … du bist … eigentlich tot, oder?“, stammelte sie bloß.
Ihre Großmutter strahlte. Gleichzeitig lief eine Träne über ihre Wange.
Frau Löffler konnte ihr nicht nur ansehen, wie sehr sie sich freute, ihre Enkelin wiederzusehen, sie spürte es auch ganz deutlich. Meine Güte, was für ein Irrsinn!
Die Großmutter ging gar nicht auf ihre Frage ein, sondern sprach sie an, als wäre es die normalste Sache der Welt, als hätten sie sich gestern erst gesehen. „Sei mir nicht böse, Nadja“, sagte sie, „aber ich möchte nicht rauf zur Rose.“
Rose war der Name von Frau Löfflers Mutter, der Tochter ihrer Großmutter.
„Ich war schon lange nicht mehr oben. Oben ist Roses Reich, hier unten ist meines.“ Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht. „Die Rose war früher immer so aggressiv. Das hält mich ab.“
Himmel, was sollte das? Wie musste sie sich verhalten? Als Frau Löffler spontan nur weg hier dachte, sagte die Großmutter schnell und eindringlich: „Komm rein, mein Schatz, ich erkläre dir alles.“
Obwohl Frau Löffler eben noch hatte flüchten wollen, folgte sie nun mit zittrigen Knien ihrer Großmutter in die Wohnung.
Sie kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Alles war hier wie früher. Das gesamte Mobiliar ihrer Großmutter war wieder da, obwohl die Wohnung nach ihrem Tod vollständig geräumt worden war. Es roch genau wie damals nach Kaffee und Kölnisch Wasser, und auf dem Esstisch standen die Kaffeekanne unter einer gehäkelten Wärmehaube, zwei Gedecke und ein selbst gebackener Marmorkuchen mit Schokoladenguss. Als hätte ihre Großmutter auf sie gewartet.
Frau Löffler konnte es nicht wahrhaben, als ihre Großmutter ihr eröffnete, dass sie – Nadja Löffler – tot sei. Auch nicht, als die Großmutter aufrichtig weinte, weil der Tod ihre Enkelin mit ihren sechzig Jahren viel zu früh ereilt hätte. Frau Löffler hielt das alles für ausgemachten Unsinn. Sie fühlte sich so lebendig wie eh und je.
Sie konnte sehen, hören, riechen, denken, sprechen, sich bewegen … Sie fühlte sich rundum normal und sogar besonders wohl, irgendwie leicht. War sie in einem Albtraum gefangen und wachte einfach nicht auf? Oder hatte sie plötzlich den Verstand verloren und sah Dinge, die es nicht gab? Die es nicht geben durfte.
In heller Aufregung sprang Frau Löffler vom Kaffeetisch auf und eilte in den ersten Stock zu ihrer Mutter.
Dort oben war alles wie immer. Die Pflegerin bereitete in der Küche das Mittagessen vor, und ihre Mutter lag auf ihrem Fernsehsessel im Wohnzimmer und blätterte in einer Zeitung, die sie in ihrer geistigen Verwirrung schon lange nicht mehr lesen konnte.
Frau Löffler sprach ihre Mutter an, aber diese reagierte nicht. Sie streichelte ihre Hand. Die fühlte sich an wie immer: weich, lauwarm, ein Geflecht von herausstehenden Venen auf dem Handrücken. Doch auch auf ihre Berührung zeigte ihre Mutter keine Reaktion. Frau Löffler versuchte, ihr die Zeitung aus der Hand zu nehmen, doch das gelang ihr seltsamerweise nicht. Zwar spürte sie das dünne Papier, als sie es betastete, die Zeitung reagierte aber nicht auf ihren Griff. Sie küsste ihre Mama auf die Wange, spürte ihre zarte Haut und feinste Härchen, küsste sie erneut. Doch ihre Mama regte sich nicht. Frau Löffler sprach sie noch einmal an, benutzte die liebevollsten Koseworte, sagte schließlich laut und vorwurfsvoll Schnuckel. Doch ihre Mama schien es nicht zu hören.
Plötzlich bemerkte sie hinter sich die Pflegerin. Sie kam mit einem Glas Saft und stellte es auf das Seitentischchen neben Mamas Fernsehsessel.
Frau Löffler rief: „Hallo, Grazyna!“
Grazyna antwortete nicht und verzog keine Miene.
Sie lief einfach durch sie hindurch …
Kapitel 3
Frau Löffler war am Boden zerstört. Niemand sah sie, niemand nahm sie wahr. Sie rief Grazyna laut ins Ohr. Grazyna hörte sie nicht. Sie kitzelte ihre Mama an den Zehen, dort war sie immer besonders empfindlich und zappelte normalerweise wütend, sobald man sie berührte. Sie bewegte nicht einmal ihren Fuß.
„Komisch, ich spür‘ einen kühlen Luftzug“, sagte Grazyna nur, und Frau Löfflers Mama zog sich die Sommerdecke bis hoch unters Kinn. Anscheinend war auch ihr auf einmal kalt.
„Ihre Tochter ist noch nicht zurück. Wir warten mit dem Essen“, sagte Grazyna.
Bei dem Satz zogen sich Frau Löfflers Eingeweide zusammen. Sie setzte sich an den Wohnzimmertisch, legte die Stirn neben ihrem Gedeck auf die Tischplatte, die sich fest anfühlte, und heulte hemmungslos, mindestens eine Viertelstunde lang.
War sie wirklich tot? Hatte der Lastwagen sie erwischt? Aber warum fühlte sie sich dann so gut? So normal – nein, besser als normal sogar? Was war nur mit ihr los?
Sie blickte zu ihrer Mutter hinüber, die ungerührt fernsah. Da saß ihre geliebte Mama, nur wenige Meter von ihr entfernt, und Frau Löffler konnte sie nicht erreichen. Sie konnte ihr nicht verständlich machen, dass es sie noch gab, dass sie unversehrt war. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so hilflos gefühlt. Was sollte sie bloß tun?
Als die Verzweiflung drohte, sie völlig zu überwältigen, nahm sie eine Bewegung vor dem Fenster wahr. Jetzt wurde es noch grotesker: Ihre Großmutter schwebte draußen vorbei und winkte. Sie bedeutete ihrer Enkelin, wieder zu ihr nach unten zu kommen. Irrsinnigerweise erinnerte Frau Löffler das an Renaissance- und Barockfresken, auf denen gerne mal nackte Personen durch die Gegend fliegen. Sie wischte ihre Tränen mit dem Handrücken ab. Einen Trost hatte sie: Wenigstens ihre Großmutter sah und hörte sie. Und sie liebte sie, was machte es da schon, dass sie tot war? Vielleicht konnte sie ihr in dieser verstörenden neuen Welt beistehen, konnte sie durch ihre Schrecken und Untiefen lotsen. Kaum dachte Frau Löffler an den vertrauten Kaffeetisch aus rötlichem Kirschholz in der Wohnung ihrer Großmutter, diesen Tisch, um den herum so viel Geselligkeit stattgefunden hatte, saß sie auch schon dort.
Es brauchte eine Zeit lang, den abrupten Ortswechsel zu verkraften. Glücklicherweise saß ihr ihre Großmutter bereits gegenüber und erklärte ihr, dass man sich hier fortbewegen konnte, indem man einfach intensiv an einen Ort dachte. Und nicht nur das, man konnte auch durch Wände hindurchgehen oder -fliegen. Die Wände existierten nur für die Lebenden, zu deren dreidimensionalem Raum sich noch eine weitere Dimension, die Zeit, hinzugesellte. Die Toten hingegen, erklärte ihre Großmutter, existierten in einem höherdimensionalen Paralleluniversum. Dieses Paralleluniversum besetze denselben Platz wie die Welt der Lebenden, es ginge durch sie hindurch, jedoch ohne sie zu berühren.
Die Lebenden spürten normalerweise nichts von der Welt der Toten. Es gab aber Wege für die Toten, auf die Lebenden einzuwirken. Die Toten konnten sich sogar sichtbar machen und den Lebenden erscheinen. Das sah dann aus wie ein Hologramm, ein dreidimensionales Bild, das in die Luft projiziert wurde. Es sah echt aus, hatte aber keine Festigkeit; man konnte hindurchgreifen, hindurchgehen.
Frau Löfflers Großmutter lachte: „Du kannst dir nicht vorstellen, welchen Schabernack manche Verstorbene mit ihren ehemaligen Angehörigen treiben, wenn sie ihnen in der Nacht als Geister erscheinen!“
Frau Löffler staunte. Aber sie war auch entsetzt, und sie war neugierig, sie war fassungslos, durcheinander und verängstigt, alles auf einmal.
Ihre Großmutter sah sie an und lächelte milde. „Sei ganz ruhig. Anfangs ist alles verwirrend und neu. Du gewöhnst dich aber rasch daran. Hier begreifst du nämlich im Handumdrehen. In der Welt der Toten fallen gewisse Beschränkungen weg, die uns in der Welt der Lebenden von allem möglichen Wissen und vielen Formen der Erfahrung abgeschnitten haben. Die Welt der Lebenden ist eine Welt von Lahmen, Blinden, Tauben, geistig Beschränkten, kurz: Gehandicapten.“
Frau Löffler murmelte flau: „Aha.“
„Ich erfuhr zum Beispiel von deinem Unfall im selben Moment, in dem er geschah, weil ich zu dir eine sehr enge Verbindung fühle. So konnte ich dir einigermaßen gefasst gegenübertreten. Und da ist noch viel mehr. Du kannst dich durch die Welt der Lebenden frei bewegen, dort wie hier durch Dächer und Wände schweben, beobachten, was dort vor sich geht … Oder du kannst dein Alter frei wählen, etwa wie zwanzig aussehen … Und vieles mehr …“
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