Die Prinzessin der Felsen
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 206
ISBN: 978-3-7116-0771-3
Erscheinungsdatum: 27.03.2025
Durch die Einladung zu einer Schule für Magie erfährt die 13-jährige Anna, dass sie magische Kräfte hat. Von da an wird ihre Welt auf den Kopf gestellt. Wer ist sie wirklich? Welche Rolle spielt sie in dieser Welt? Und ist sie dieser Aufgabe gewachsen?
Anastasia und Renate hatten den ganzen Tag auf dem Hof der Familie geschuftet und waren eigentlich gerade damit beschäftigt, auch noch die zusätzliche Arbeit zu erledigen, für die sich ihre fünf Brüder zu gut hielten. Da sie jedoch schon sehr müde von der langen Arbeit waren,beschlossen sie eine kleine Verschnaufpause in ihrem Geheimversteck hinter einem großen Rosenbusch einzulegen. Da der Herbst sich bereits dem Ende zuneigte, wehte ein eiskalter Wind, der Renate eine letzte vertrocknete Rose vor die Füße blies. Sie hob sie auf und meinte: „Manchmal fühle ich mich wie diese Rose, sie könnte so schön blühen und wunderschön aussehen, doch sie liegt nun hier … vertrocknet und unbeachtet auf dem Boden.“
Anastasia nahm ihr die Rose aus der Hand, hielt sie kurz versteckt und antwortete ihrer Schwester: „Nur weil die Rose auf dem Boden liegt, heißt es nicht, dass sie nicht wieder zu voller Blüte gelangen kann. Es kommt auch sehr auf ihr Inneres an und natürlich auch, wer sich um sie kümmert, findest du nicht?“
Sie überreichte Renate die Rose, die nun wieder auf wundersame Weise erblüht war, als wäre nie etwas gewesen. Renate schaute sie mit großen Augen an und fiel ihr um den Hals. „Ich habe dich soo lieb, Anastasia. Ohne dich wäre ich hier schon lange eingegangen.“
Gerade als sie wieder zurück zum Hof gehen wollten, hörten sie ihre Mutter, eine verhärmte und dadurch alt aussehende Frau, nach ihnen rufen.
„Oh, das kann nichts Gutes bedeuten“, dachte Renate gerade, als die Mutter auch schon auf sie zugestürmt kam.
„Habt ihr eigentlich nichts zu tun!!!“, schrie sie die Mädchen zornig an. „Ihr geht jetzt sofort in die Küche und schält die Kartoffeln, habt ihr mich verstanden?“
Sie trauten sich nicht, ihrer Mutter zu widersprechen, und so gingen sie, ohne diese noch mal anzusehen, in die Küche des Bauernhauses davon.
„Ich kann nicht mehr“, schimpfte Renate nach einiger Zeit und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken.
Anastasia, die gerade den riesigen Berg Kartoffeln gesehen hatte, den sie noch bearbeiten mussten, setzte sich zu ihr und streichelte ihr übers Haar.
„Ich auch nicht, aber es hilft nichts. Wenn wir die Kartoffeln nicht bis zum Abendessen geschält und gekocht haben, können wir was erleben.“
Sie begannen also missmutig mit der Arbeit, doch Anastasia verarbeitete die Knollen in einer solchen Geschwindigkeit, dass Renate gar nicht hinterherkam.
„Wie machst du das, Anastasia? Ich habe gefühlt zwei Kartoffeln geschält und du hast die restlichen dreißig Stück schon fertig.“
„Ich habe mich extra für dich beeilt, Renate, damit du nicht so viel machen musst. Ich sehe doch, wie erschöpft du bist.“
„Danke, Anastasia, was würde ich nur ohne dich tun, du bist die beste Schwester auf der ganzen Welt.“
Nach einiger Zeit, sie waren gerade dabei, alles Weitere für das Abendessen vorzubereiten, erschien ihre Mutter mit einem Brief in der Hand in der Küche.
„Da ist ein Brief für dich, Anastasia.“
Anastasia nahm ihn verwundert entgegen. Sie hatte noch nie von irgendjemandem einen Brief erhalten und war sehr neugierig. Sie riss ihn auf und las mit großen Augen, was geschrieben stand. Renate, natürlich auch extrem neugierig geworden, schlich sich hinter sie und las den Brief hinter ihrem Rücken.
„Was steht in dem Brief?“, fragte ihre Mutter nun sehr ungehalten.
Anastasia wusste nicht, wie sie diese Frage beantworten sollte, sie starrte immer noch auf den Brief, als sie schließlich: „Ähm, es … es ist eine Einladung …“ vor sich hin stammelte.
Ihre Mutter lachte sie aus und fragte geradezu sarkastisch: „Zu was im Himmel solltest du eine Einladung bekommen? Und die viel wichtigere Frage ist, von wem denn bitte?“
Anastasia funkelte ihre Mutter böse an und antwortete: „Zu einer besonderen Schule, Mutter! Und ich werde sie besuchen, egal was du davon hältst.“
„Du bist nicht ganz bei Sinnen, was soll das denn für eine Schule sein, die dich haben wollen würde? Du bist weder klug noch hast du sonst etwas zu bieten!“
„Eine Schule der Magie, Mutter!“
„Ha …, du hast tatsächlich den Verstand verloren, so etwas zu glauben.“
Anastasia war wutentbrannt angesichts der Reaktion ihrer Mutter und wollte gerade aus der Küche rennen, als diese sie grob am Arm packte und zurückhielt.
„Du gehst nirgendwohin, hast du das verstanden? Du bleibst hier bei uns auf dem Hof und arbeitest wie auch deine Geschwister weiter für uns. Verschwende keinen Gedanken mehr an diesen Unsinn, hast du gehört?“
Als Anastasia nicht reagierte, schrie sie nahezu: „Ich habe dich etwas gefragt, Anastasia!“
„Ja, Mutter, ich habe dich verstanden.“
„Gut …, und nun werde ich diesen absurden Brief an mich nehmen, damit du nicht doch noch auf komische Gedanken kommst.“
Sie riss ihrer Tochter den Brief aus den Händen und verschwand aus der Küche.
Anastasia sackte auf dem Boden zusammen und fing haltlos an zu schluchzen. Renate setzte sich zu ihr und umarmte sie, um sie ein wenig zu trösten.
„Diese böse, fiese, alte Frau, ich hasse sie“, entfuhr es Anastasia auf einmal.
„Ich kann dich verstehen, aber meinst du, der Brief war überhaupt echt?“, fragte Renate zaghaft. „Ich meine, diese Schule für, ähm, na ja, du weißt schon, kann es so etwas denn überhaupt geben?“
Anastasia sah ihre Schwester lange an, bevor sie antwortete: „Ich weiß es nicht, Renate, aber ich habe einfach das Gefühl, es könnte eine Chance für mich und vielleicht auch für dich sein, hier rauszukommen und vielleicht eines Tages ein schöneres Leben zu haben. Ich wünsche mir so sehr, dass dies alles wahr ist und dass ich dorthin gehen könnte.“
Die Mädchen bereiteten schließlich noch den Rest für das Mahl vor und erwarteten ihre Eltern und Geschwister pünktlich mit dem Abendessen.
Die Familie sprach aufgrund des Briefes den ganzen Abend über kein Wort mehr miteinander und so waren Anastasia und Renate froh, als das Essen endlich beendet war und sie in ihr Zimmer verschwinden konnten.
„Anastasia, bist du noch sehr traurig, dass du nicht auf diese Schule gehen kannst?“, fragte Renate vorsichtig.
„Nein …, aber ich möchte nicht mehr darüber reden, okay? Können wir bitte einfach schlafen?“
„Natürlich! Gute Nacht, Anastasia.“ „Gute Nacht, Renate, schlaf gut!“
Sie drehten sich beide mit dem Rücken zur Wand und hingen noch eine lange Zeit ihren Gedanken nach.
Noch in dieser Nacht fasste Anastasia einen Entschluss. Sie lauschte angestrengt in die Stille des Hauses hinein und schlich sich sofort in die Kammer ihrer Mutter, als diese gerade das Haus verließ, um noch einmal nach den Tieren zu sehen. Sofort durchsuchte sie alles systematisch nach dem Brief. Zunächst schien es aussichtslos und sie befürchtete schon, ihre Mutter gehört zu haben, doch dann hielt sie den Brief endlich wieder in ihren Händen. Ihre Mutter hatte ihn sorgfältig unter ihrer Matratze versteckt.
„Gutes Versteck“, dachte Anastasia, „jedoch nicht gut genug …“
Sie verließ daraufhin so leise sie konnte das Zimmer, versteckte sich in der Küche, bis ihre Mutter wieder hereinkam, und schlich
sich schließlich aus dem Haus.
70 Jahre später
Ein ganz gewöhnliches Mädchen
Es war ein sehr stürmischer Tag in den Bergen. Eine Schneefront war auf den kleinen Ort am Fuße der Alpen zugezogen und ließ ihn unter einer dicken Schneedecke zurück. Das Haus der Familie Prinz lag im Herzen des Ortes und sah, wie auch der Rest der Gemeinde, aus wie aus einem kitschigen Liebesfilm. Die Dächer waren meterhoch mit Schnee bedeckt und lediglich ein paar Rauchwolken kämpften sich von den Kaminen in den Häusern durch die weiße Pracht. Der Ort wirkte nahezu magisch.
Anna hatte sich in eine warme Decke gekuschelt und beobachtete, eine ihrer langen, blonden Strähnen verträumt mit dem Finger umspielend, das Schneetreiben außerhalb ihres Zimmers. Sie hoffte sehr, das Wetter würde am nächsten Tag wieder besser werden, damit sie ihren letzten Ferientag mit ihrer besten Freundin im Schnee verbringen konnte. Sie schaute noch ein wenig aus dem Fenster, bis sie schließlich beschloss, ihr Lieblingsbuch zu lesen. Es handelte von einer magischen Welt, Zauberern und Hexen, und sie dachte gerade daran, wie schön es doch wäre, wenn das Buch der Wahrheit entsprechen würde, als ihr auch schon die Augen vor Müdigkeit zufielen.
Sie schlief die ganze Nacht durch und wachte erst auf, als ihr die Sonne direkt ins Gesicht schien. Sofort stürmte Anna ans Fenster und sah den glitzernden und funkelnden Neuschnee vor der Türe. Voller Vorfreude zog sie sich so schnell sie konnte die Schneesachen an, denn sie wollte unbedingt eine der Ersten am Schlittenhang sein. Sie verabschiedete sich noch kurz von ihrer Mutter und schon war sie nach draußen geeilt. Es war eiskalt und so war sie froh, ihre Haare unter einer dicken Mütze versteckt zu haben.
Ihre braunen Augen funkelten mit dem Schnee um die Wette, als sie unterwegs auch direkt auf ihre beste Freundin Sofia stieß, die den gleichen Gedanken gehabt zu haben schien. Die beiden begrüßten sich herzlich und gingen schließlich quatschend und lachend den Weg weiter. Als sie um die letzte Kurve gingen, sahen sie jedoch schon von Weitem, dass der Schlittenhang bereits überfüllt war.
„Das gibt es doch nicht, es ist doch noch so früh! Was machen wir jetzt?“, fragte Sofia.
„Sollen wir einfach später noch mal kommen, Anna?“
„Hm, nein …, dann haben wir gar nichts mehr von dem tollen Neuschnee, aber … vielleicht habe ich noch eine bessere Idee!“
Sie grinste Sofia gefährlich an und meinte: „Du kennst doch den anderen Hang, oder? Den, den wir eigentlich nicht besteigen sollten, da er angeblich zu gefährlich für uns ist.“
Sofia starrte Anna mit ihren großen, blauen Augen eine kurze Zeit lang an, bevor sie meinte: „Ach, so gefährlich kann der doch gar nicht sein und wir sind ja inzwischen auch schon viel größer, oder?“
Die beiden Mädchen grinsten sich an und machten sich auf den Weg.
Beim Aufstieg stellten sie fest, dass viele Bäume direkt auf dem Hang wuchsen, an dem sie gleich Schlitten fahren wollten und dass er doch sehr viel steiler als der beliebte Schlittenhang wirkte. Allerdings waren sie alleine und hatten daher den ganzen Berg und natürlich auch den Tiefschnee nur für sich. Schnell versuchten sie bis zur obersten Stelle zu gelangen, was mit den schweren Schlitten hinter sich gar nicht so einfach war. Endlich hatten sie es geschafft. Sie standen schwer atmend nebeneinander und blickten den steilen Berg hinab.
Sofia erholte sich als Erste und fragte: „Anna, meinst du, das war eine gute Idee? Es sieht von hier oben extrem steil aus!“
Doch Anna machte sich keine Sorgen. „Du bist ein Angsthase, Sofia. Sollen wir ein Wettrennen machen? Wer als Erstes unten ist, hat gewonnen!“
Das ließ sich Sofia natürlich nicht lange sagen und schon sausten die zwei auf ihren Schlitten los. Schnell wurde Anna bewusst, dass Sofia womöglich doch recht gehabt hatte und der Weg nach unten alles andere als einfach werden würde. Sie fuhr bald so schnell, dass sie nicht mehr richtig lenken konnte, und sah, dass Sofia ähnliche Probleme hatte. Anna war einigen Büschen und Bäumen, die ihr im Weg gestanden hatten, gerade noch ausgewichen, der Neuschnee flog ihr direkt ins Gesicht und sie fühlte sich schon jetzt erschöpft von der anstrengenden Fahrt.
Die Mädchen hatten gerade die Hälfte der Strecke geschafft, als Sofia plötzlich mit ihrem Schlitten an Anna vorbeischoss und um Hilfe schrie. Sie hatte ihren Schlitten nicht mehr unter Kontrolle und raste direkt auf einen großen Baum zu. Anna schrie ihr zu, sie solle versuchen zu bremsen, doch Sofia konnte nicht mehr rechtzeitig reagieren.
Anna schlitterte hinter ihr her, konnte jedoch nur zusehen, wie Sofia dem Baum immer näher kam, und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass der Baum vor ihr einfach verschwinden würde, um ihre beste Freundin beschützen zu können.
Sofia war nun direkt vor dem Baum und Anna erwartete schon den Aufprall zu hören, doch zu ihrer großen Überraschung hörte sie rein gar nichts. Wie durch Zauberhand war Sofia anscheinend nicht gegen den Baum gefahren, sondern schien einfach durch ihn durchgefahren zu sein.
Anna fuhr ihr so schnell wie möglich nach und hörte, dass sie immer noch nach Hilfe schrie, obwohl das Ende des Hanges schon in Sicht war. Bald darauf kam Sofia unten an, konnte jedoch immer noch nicht bremsen und fuhr direkt in einen großen Schneehaufen.
Anna, die immer noch nicht glauben konnte, was soeben geschehen war, kam einige Sekunden später, schlitternd und schwer atmend, in demselben Schneehaufen und somit auch über und über mit Schnee bedeckt an.
„Sofia, wie hast du das gemacht? Geht es dir gut?“
Sofia war sehr blass, doch sie schien so weit okay zu sein. Sie schüttelte ihre lockigen, roten Haare, die voller Schnee waren, aus und sagte: „Mir geht es ganz gut … Aber ich kann dir nicht sagen, was passiert ist. Ich … ich dachte, ich fahre gleich gegen den Baum, weil ich nicht mehr bremsen konnte. Ich dachte wirklich, das wars für mich, und dann war ich auch schon hinter dem Baum. Ich verstehe das nicht. Was ist da passiert, Anna?? Ich meine …, vielleicht bin ich ja doch daran vorbeigefahren und habe es nicht gemerkt … Jahh, so muss es gewesen sein, oder?“
Anna war nicht ganz überzeugt von dieser Version der Geschichte, da sie doch genau gesehen hatte, was geschehen war, aber dennoch nickte sie und meinte: „Kann schon sein.“
Die Mädchen beschlossen schließlich, dass dies genug Abenteuer für einen Tag war und gingen nass und nahezu eingefroren nach Hause. Als Anna dort ankam, wurde sie sofort von ihrer Mutter unter eine warme Decke gesteckt.
„Anna, du bist eiskalt. Habt ihr euch im Schnee eingegraben oder was?“
„Nein, das nicht, Mama, aber der Schnee ist so pulvrig, dass er am Ende überall war.“
Sie lachte und auch ihre Mutter stimmte mit ein.
„Na gut … Ich bringe dir jetzt noch eine heiße Tasse Tee und dann wird dir bestimmt gleich wieder wärmer.“
Als Anna schließlich mit dem wärmenden Tee in ihrem Zimmer saß, dachte sie wieder an das, was passiert war. Sie bildete sich doch nicht ein, dass Sofia durch den Baum gefahren war, oder wurde sie etwa verrückt? Leise sprach sie zu sich selbst: „Das kann doch einfach nicht sein, es gibt doch keine verschwindenden Bäume. Oder gibt es sie doch? Ach, ich weiß es einfach nicht … Wenn ich doch nur alles gefilmt hätte, dann wüsste ich, was passiert ist. Das ist alles sehr verwirrend!“
In dieser Nacht lag Anna noch lange wach auf ihrem Bett und grübelte über die Geschehnisse. Kurz bevor sie einschlief, kam sie zu dem Schluss, dass alles Einbildung gewesen sein musste und ihr Schock Schuld an ihrer Halluzination war. Sie musste unbedingt mit Sofia darüber sprechen, vielleicht konnte die inzwischen sagen, was tatsächlich passiert war.
Am nächsten Nachmittag traf sie sich sofort mit ihrer besten Freundin, um nochmals über den Vorfall zu sprechen. Sie saßen mit zwei riesigen Tassen heißer Schokolade in Annas gemütlichem Bett und schwiegen sich zunächst an.
Sofia hatte den Mut, als Erste darüber zu sprechen, und meinte schließlich: „Wenn ich ehrlich bin, kann ich immer noch nicht ganz verstehen, was da gestern passiert ist, und ich bin mir inzwischen sicher, dass ich nicht um den Baum herumgefahren bin. Ich konnte nicht mehr lenken und hätte das niemals geschafft.“
„Ich habe mich das auch immer wieder gefragt, Sofia, aber wie kann es denn sein, dass der Baum einfach durchsichtig geworden ist oder was auch immer? Meinst du nicht, wir waren geschockt und haben uns alles nur eingebildet?“
Sofia schaute sie ernst an und sagte: „Denkst du das wirklich? Ich habe eher das Gefühl, wir beide werden verrückt!“
„Ohhh, sag so was nicht, wir werden doch nicht mit gerade mal zehn Jahren verrückt, das kann nicht sein.“
„Na gut, du hast vielleicht recht, Anna, aber dann möchte ich auch nicht mehr darüber nachdenken, das ist einfach zu unheimlich! Können wir den Vorfall nicht einfach vergessen und so tun, als wäre das nie geschehen?“
„Okay …, abgemacht, Sofia, wir werden nie mehr darüber sprechen und vergessen jetzt sofort alles, was gestern geschehen ist.“
Die beiden Mädchen gaben sich jeweils ihren kleinen rechten Finger, hakten diese ineinander und schworen auf ihre Freundschaft.
...
Anastasia nahm ihr die Rose aus der Hand, hielt sie kurz versteckt und antwortete ihrer Schwester: „Nur weil die Rose auf dem Boden liegt, heißt es nicht, dass sie nicht wieder zu voller Blüte gelangen kann. Es kommt auch sehr auf ihr Inneres an und natürlich auch, wer sich um sie kümmert, findest du nicht?“
Sie überreichte Renate die Rose, die nun wieder auf wundersame Weise erblüht war, als wäre nie etwas gewesen. Renate schaute sie mit großen Augen an und fiel ihr um den Hals. „Ich habe dich soo lieb, Anastasia. Ohne dich wäre ich hier schon lange eingegangen.“
Gerade als sie wieder zurück zum Hof gehen wollten, hörten sie ihre Mutter, eine verhärmte und dadurch alt aussehende Frau, nach ihnen rufen.
„Oh, das kann nichts Gutes bedeuten“, dachte Renate gerade, als die Mutter auch schon auf sie zugestürmt kam.
„Habt ihr eigentlich nichts zu tun!!!“, schrie sie die Mädchen zornig an. „Ihr geht jetzt sofort in die Küche und schält die Kartoffeln, habt ihr mich verstanden?“
Sie trauten sich nicht, ihrer Mutter zu widersprechen, und so gingen sie, ohne diese noch mal anzusehen, in die Küche des Bauernhauses davon.
„Ich kann nicht mehr“, schimpfte Renate nach einiger Zeit und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken.
Anastasia, die gerade den riesigen Berg Kartoffeln gesehen hatte, den sie noch bearbeiten mussten, setzte sich zu ihr und streichelte ihr übers Haar.
„Ich auch nicht, aber es hilft nichts. Wenn wir die Kartoffeln nicht bis zum Abendessen geschält und gekocht haben, können wir was erleben.“
Sie begannen also missmutig mit der Arbeit, doch Anastasia verarbeitete die Knollen in einer solchen Geschwindigkeit, dass Renate gar nicht hinterherkam.
„Wie machst du das, Anastasia? Ich habe gefühlt zwei Kartoffeln geschält und du hast die restlichen dreißig Stück schon fertig.“
„Ich habe mich extra für dich beeilt, Renate, damit du nicht so viel machen musst. Ich sehe doch, wie erschöpft du bist.“
„Danke, Anastasia, was würde ich nur ohne dich tun, du bist die beste Schwester auf der ganzen Welt.“
Nach einiger Zeit, sie waren gerade dabei, alles Weitere für das Abendessen vorzubereiten, erschien ihre Mutter mit einem Brief in der Hand in der Küche.
„Da ist ein Brief für dich, Anastasia.“
Anastasia nahm ihn verwundert entgegen. Sie hatte noch nie von irgendjemandem einen Brief erhalten und war sehr neugierig. Sie riss ihn auf und las mit großen Augen, was geschrieben stand. Renate, natürlich auch extrem neugierig geworden, schlich sich hinter sie und las den Brief hinter ihrem Rücken.
„Was steht in dem Brief?“, fragte ihre Mutter nun sehr ungehalten.
Anastasia wusste nicht, wie sie diese Frage beantworten sollte, sie starrte immer noch auf den Brief, als sie schließlich: „Ähm, es … es ist eine Einladung …“ vor sich hin stammelte.
Ihre Mutter lachte sie aus und fragte geradezu sarkastisch: „Zu was im Himmel solltest du eine Einladung bekommen? Und die viel wichtigere Frage ist, von wem denn bitte?“
Anastasia funkelte ihre Mutter böse an und antwortete: „Zu einer besonderen Schule, Mutter! Und ich werde sie besuchen, egal was du davon hältst.“
„Du bist nicht ganz bei Sinnen, was soll das denn für eine Schule sein, die dich haben wollen würde? Du bist weder klug noch hast du sonst etwas zu bieten!“
„Eine Schule der Magie, Mutter!“
„Ha …, du hast tatsächlich den Verstand verloren, so etwas zu glauben.“
Anastasia war wutentbrannt angesichts der Reaktion ihrer Mutter und wollte gerade aus der Küche rennen, als diese sie grob am Arm packte und zurückhielt.
„Du gehst nirgendwohin, hast du das verstanden? Du bleibst hier bei uns auf dem Hof und arbeitest wie auch deine Geschwister weiter für uns. Verschwende keinen Gedanken mehr an diesen Unsinn, hast du gehört?“
Als Anastasia nicht reagierte, schrie sie nahezu: „Ich habe dich etwas gefragt, Anastasia!“
„Ja, Mutter, ich habe dich verstanden.“
„Gut …, und nun werde ich diesen absurden Brief an mich nehmen, damit du nicht doch noch auf komische Gedanken kommst.“
Sie riss ihrer Tochter den Brief aus den Händen und verschwand aus der Küche.
Anastasia sackte auf dem Boden zusammen und fing haltlos an zu schluchzen. Renate setzte sich zu ihr und umarmte sie, um sie ein wenig zu trösten.
„Diese böse, fiese, alte Frau, ich hasse sie“, entfuhr es Anastasia auf einmal.
„Ich kann dich verstehen, aber meinst du, der Brief war überhaupt echt?“, fragte Renate zaghaft. „Ich meine, diese Schule für, ähm, na ja, du weißt schon, kann es so etwas denn überhaupt geben?“
Anastasia sah ihre Schwester lange an, bevor sie antwortete: „Ich weiß es nicht, Renate, aber ich habe einfach das Gefühl, es könnte eine Chance für mich und vielleicht auch für dich sein, hier rauszukommen und vielleicht eines Tages ein schöneres Leben zu haben. Ich wünsche mir so sehr, dass dies alles wahr ist und dass ich dorthin gehen könnte.“
Die Mädchen bereiteten schließlich noch den Rest für das Mahl vor und erwarteten ihre Eltern und Geschwister pünktlich mit dem Abendessen.
Die Familie sprach aufgrund des Briefes den ganzen Abend über kein Wort mehr miteinander und so waren Anastasia und Renate froh, als das Essen endlich beendet war und sie in ihr Zimmer verschwinden konnten.
„Anastasia, bist du noch sehr traurig, dass du nicht auf diese Schule gehen kannst?“, fragte Renate vorsichtig.
„Nein …, aber ich möchte nicht mehr darüber reden, okay? Können wir bitte einfach schlafen?“
„Natürlich! Gute Nacht, Anastasia.“ „Gute Nacht, Renate, schlaf gut!“
Sie drehten sich beide mit dem Rücken zur Wand und hingen noch eine lange Zeit ihren Gedanken nach.
Noch in dieser Nacht fasste Anastasia einen Entschluss. Sie lauschte angestrengt in die Stille des Hauses hinein und schlich sich sofort in die Kammer ihrer Mutter, als diese gerade das Haus verließ, um noch einmal nach den Tieren zu sehen. Sofort durchsuchte sie alles systematisch nach dem Brief. Zunächst schien es aussichtslos und sie befürchtete schon, ihre Mutter gehört zu haben, doch dann hielt sie den Brief endlich wieder in ihren Händen. Ihre Mutter hatte ihn sorgfältig unter ihrer Matratze versteckt.
„Gutes Versteck“, dachte Anastasia, „jedoch nicht gut genug …“
Sie verließ daraufhin so leise sie konnte das Zimmer, versteckte sich in der Küche, bis ihre Mutter wieder hereinkam, und schlich
sich schließlich aus dem Haus.
70 Jahre später
Ein ganz gewöhnliches Mädchen
Es war ein sehr stürmischer Tag in den Bergen. Eine Schneefront war auf den kleinen Ort am Fuße der Alpen zugezogen und ließ ihn unter einer dicken Schneedecke zurück. Das Haus der Familie Prinz lag im Herzen des Ortes und sah, wie auch der Rest der Gemeinde, aus wie aus einem kitschigen Liebesfilm. Die Dächer waren meterhoch mit Schnee bedeckt und lediglich ein paar Rauchwolken kämpften sich von den Kaminen in den Häusern durch die weiße Pracht. Der Ort wirkte nahezu magisch.
Anna hatte sich in eine warme Decke gekuschelt und beobachtete, eine ihrer langen, blonden Strähnen verträumt mit dem Finger umspielend, das Schneetreiben außerhalb ihres Zimmers. Sie hoffte sehr, das Wetter würde am nächsten Tag wieder besser werden, damit sie ihren letzten Ferientag mit ihrer besten Freundin im Schnee verbringen konnte. Sie schaute noch ein wenig aus dem Fenster, bis sie schließlich beschloss, ihr Lieblingsbuch zu lesen. Es handelte von einer magischen Welt, Zauberern und Hexen, und sie dachte gerade daran, wie schön es doch wäre, wenn das Buch der Wahrheit entsprechen würde, als ihr auch schon die Augen vor Müdigkeit zufielen.
Sie schlief die ganze Nacht durch und wachte erst auf, als ihr die Sonne direkt ins Gesicht schien. Sofort stürmte Anna ans Fenster und sah den glitzernden und funkelnden Neuschnee vor der Türe. Voller Vorfreude zog sie sich so schnell sie konnte die Schneesachen an, denn sie wollte unbedingt eine der Ersten am Schlittenhang sein. Sie verabschiedete sich noch kurz von ihrer Mutter und schon war sie nach draußen geeilt. Es war eiskalt und so war sie froh, ihre Haare unter einer dicken Mütze versteckt zu haben.
Ihre braunen Augen funkelten mit dem Schnee um die Wette, als sie unterwegs auch direkt auf ihre beste Freundin Sofia stieß, die den gleichen Gedanken gehabt zu haben schien. Die beiden begrüßten sich herzlich und gingen schließlich quatschend und lachend den Weg weiter. Als sie um die letzte Kurve gingen, sahen sie jedoch schon von Weitem, dass der Schlittenhang bereits überfüllt war.
„Das gibt es doch nicht, es ist doch noch so früh! Was machen wir jetzt?“, fragte Sofia.
„Sollen wir einfach später noch mal kommen, Anna?“
„Hm, nein …, dann haben wir gar nichts mehr von dem tollen Neuschnee, aber … vielleicht habe ich noch eine bessere Idee!“
Sie grinste Sofia gefährlich an und meinte: „Du kennst doch den anderen Hang, oder? Den, den wir eigentlich nicht besteigen sollten, da er angeblich zu gefährlich für uns ist.“
Sofia starrte Anna mit ihren großen, blauen Augen eine kurze Zeit lang an, bevor sie meinte: „Ach, so gefährlich kann der doch gar nicht sein und wir sind ja inzwischen auch schon viel größer, oder?“
Die beiden Mädchen grinsten sich an und machten sich auf den Weg.
Beim Aufstieg stellten sie fest, dass viele Bäume direkt auf dem Hang wuchsen, an dem sie gleich Schlitten fahren wollten und dass er doch sehr viel steiler als der beliebte Schlittenhang wirkte. Allerdings waren sie alleine und hatten daher den ganzen Berg und natürlich auch den Tiefschnee nur für sich. Schnell versuchten sie bis zur obersten Stelle zu gelangen, was mit den schweren Schlitten hinter sich gar nicht so einfach war. Endlich hatten sie es geschafft. Sie standen schwer atmend nebeneinander und blickten den steilen Berg hinab.
Sofia erholte sich als Erste und fragte: „Anna, meinst du, das war eine gute Idee? Es sieht von hier oben extrem steil aus!“
Doch Anna machte sich keine Sorgen. „Du bist ein Angsthase, Sofia. Sollen wir ein Wettrennen machen? Wer als Erstes unten ist, hat gewonnen!“
Das ließ sich Sofia natürlich nicht lange sagen und schon sausten die zwei auf ihren Schlitten los. Schnell wurde Anna bewusst, dass Sofia womöglich doch recht gehabt hatte und der Weg nach unten alles andere als einfach werden würde. Sie fuhr bald so schnell, dass sie nicht mehr richtig lenken konnte, und sah, dass Sofia ähnliche Probleme hatte. Anna war einigen Büschen und Bäumen, die ihr im Weg gestanden hatten, gerade noch ausgewichen, der Neuschnee flog ihr direkt ins Gesicht und sie fühlte sich schon jetzt erschöpft von der anstrengenden Fahrt.
Die Mädchen hatten gerade die Hälfte der Strecke geschafft, als Sofia plötzlich mit ihrem Schlitten an Anna vorbeischoss und um Hilfe schrie. Sie hatte ihren Schlitten nicht mehr unter Kontrolle und raste direkt auf einen großen Baum zu. Anna schrie ihr zu, sie solle versuchen zu bremsen, doch Sofia konnte nicht mehr rechtzeitig reagieren.
Anna schlitterte hinter ihr her, konnte jedoch nur zusehen, wie Sofia dem Baum immer näher kam, und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass der Baum vor ihr einfach verschwinden würde, um ihre beste Freundin beschützen zu können.
Sofia war nun direkt vor dem Baum und Anna erwartete schon den Aufprall zu hören, doch zu ihrer großen Überraschung hörte sie rein gar nichts. Wie durch Zauberhand war Sofia anscheinend nicht gegen den Baum gefahren, sondern schien einfach durch ihn durchgefahren zu sein.
Anna fuhr ihr so schnell wie möglich nach und hörte, dass sie immer noch nach Hilfe schrie, obwohl das Ende des Hanges schon in Sicht war. Bald darauf kam Sofia unten an, konnte jedoch immer noch nicht bremsen und fuhr direkt in einen großen Schneehaufen.
Anna, die immer noch nicht glauben konnte, was soeben geschehen war, kam einige Sekunden später, schlitternd und schwer atmend, in demselben Schneehaufen und somit auch über und über mit Schnee bedeckt an.
„Sofia, wie hast du das gemacht? Geht es dir gut?“
Sofia war sehr blass, doch sie schien so weit okay zu sein. Sie schüttelte ihre lockigen, roten Haare, die voller Schnee waren, aus und sagte: „Mir geht es ganz gut … Aber ich kann dir nicht sagen, was passiert ist. Ich … ich dachte, ich fahre gleich gegen den Baum, weil ich nicht mehr bremsen konnte. Ich dachte wirklich, das wars für mich, und dann war ich auch schon hinter dem Baum. Ich verstehe das nicht. Was ist da passiert, Anna?? Ich meine …, vielleicht bin ich ja doch daran vorbeigefahren und habe es nicht gemerkt … Jahh, so muss es gewesen sein, oder?“
Anna war nicht ganz überzeugt von dieser Version der Geschichte, da sie doch genau gesehen hatte, was geschehen war, aber dennoch nickte sie und meinte: „Kann schon sein.“
Die Mädchen beschlossen schließlich, dass dies genug Abenteuer für einen Tag war und gingen nass und nahezu eingefroren nach Hause. Als Anna dort ankam, wurde sie sofort von ihrer Mutter unter eine warme Decke gesteckt.
„Anna, du bist eiskalt. Habt ihr euch im Schnee eingegraben oder was?“
„Nein, das nicht, Mama, aber der Schnee ist so pulvrig, dass er am Ende überall war.“
Sie lachte und auch ihre Mutter stimmte mit ein.
„Na gut … Ich bringe dir jetzt noch eine heiße Tasse Tee und dann wird dir bestimmt gleich wieder wärmer.“
Als Anna schließlich mit dem wärmenden Tee in ihrem Zimmer saß, dachte sie wieder an das, was passiert war. Sie bildete sich doch nicht ein, dass Sofia durch den Baum gefahren war, oder wurde sie etwa verrückt? Leise sprach sie zu sich selbst: „Das kann doch einfach nicht sein, es gibt doch keine verschwindenden Bäume. Oder gibt es sie doch? Ach, ich weiß es einfach nicht … Wenn ich doch nur alles gefilmt hätte, dann wüsste ich, was passiert ist. Das ist alles sehr verwirrend!“
In dieser Nacht lag Anna noch lange wach auf ihrem Bett und grübelte über die Geschehnisse. Kurz bevor sie einschlief, kam sie zu dem Schluss, dass alles Einbildung gewesen sein musste und ihr Schock Schuld an ihrer Halluzination war. Sie musste unbedingt mit Sofia darüber sprechen, vielleicht konnte die inzwischen sagen, was tatsächlich passiert war.
Am nächsten Nachmittag traf sie sich sofort mit ihrer besten Freundin, um nochmals über den Vorfall zu sprechen. Sie saßen mit zwei riesigen Tassen heißer Schokolade in Annas gemütlichem Bett und schwiegen sich zunächst an.
Sofia hatte den Mut, als Erste darüber zu sprechen, und meinte schließlich: „Wenn ich ehrlich bin, kann ich immer noch nicht ganz verstehen, was da gestern passiert ist, und ich bin mir inzwischen sicher, dass ich nicht um den Baum herumgefahren bin. Ich konnte nicht mehr lenken und hätte das niemals geschafft.“
„Ich habe mich das auch immer wieder gefragt, Sofia, aber wie kann es denn sein, dass der Baum einfach durchsichtig geworden ist oder was auch immer? Meinst du nicht, wir waren geschockt und haben uns alles nur eingebildet?“
Sofia schaute sie ernst an und sagte: „Denkst du das wirklich? Ich habe eher das Gefühl, wir beide werden verrückt!“
„Ohhh, sag so was nicht, wir werden doch nicht mit gerade mal zehn Jahren verrückt, das kann nicht sein.“
„Na gut, du hast vielleicht recht, Anna, aber dann möchte ich auch nicht mehr darüber nachdenken, das ist einfach zu unheimlich! Können wir den Vorfall nicht einfach vergessen und so tun, als wäre das nie geschehen?“
„Okay …, abgemacht, Sofia, wir werden nie mehr darüber sprechen und vergessen jetzt sofort alles, was gestern geschehen ist.“
Die beiden Mädchen gaben sich jeweils ihren kleinen rechten Finger, hakten diese ineinander und schworen auf ihre Freundschaft.
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