Cover: Die Grafen vom Wilden Tal

Die Grafen vom Wilden Tal


EUR 28,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 242
ISBN: 978-3-99130-559-0
Erscheinungsdatum: 13.08.2024
Wie ein Grafengeschlecht die wechselhafte Geschichte eines österreichischen Tales über 250 Jahre geprägt hat, erfährt ein zufälliger Besucher der dort gelegenen Kleinstadt in diesem dicht erzählten Generationenporträt.
Kapitel I - Der Arzttermin

Mich plagte wieder einmal mein Kreuz, besser gesagt die Bandscheibe, ein schon längeres Leiden, einmal besser, einmal schlechter. Ich war auf einen Spezialisten für solche Leiden durch einen Bekannten aufmerksam gemacht worden, in einer Privatklinik, „Das Ärztezentrum Buchberg“, Termin für Montag, den 6. Mai 2008 um acht Uhr. Die allmöglichen Untersuchungen dauerten fast bis Mittag: Röntgen, MRI, Blutabnahme, Gespräche mit verschiedenem Fachpersonal. Mit dem Facharzt hatte ich noch nicht das Vergnügen. Kurzer Zwischenbericht, das Gespräch mit dem Facharzt würde am Dienstag erfolgen, also morgen um zehn Uhr. Der Doktor hatte am Nachmittag einen OP-Termin, war anscheinend nicht geplant, da blieb für mich keine Zeit mehr. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, alles an einem Tag erledigen zu können. Also musste ich mich entscheiden, wieder die rund 80 Kilometer nach Hause fahren und morgen wieder hierher oder ich suchte mir ein Zimmer für diese eine Nacht, was ich schließlich auch machte. Die Dame in der Aufnahme des Ärztezentrums empfahl mir die Pension „Wagenbichler“, nicht weit vom Ärztezentrum, etwa zehn Gehminuten, am nördlichen Ende des Marktes. Bekam dort ein nettes Zimmer mit Balkon im zweiten Stock für 85 € incl. Frühstück, Abendessen wurde nicht angeboten, gab ja in der Nachbarschaft genug Möglichkeiten. Da es erst früher Nachmittag war und angenehm warmes Frühlingswetter, entschloss ich mich den Ort in der näheren Umgebung zu erkunden, Schulzentrum, Freizeitanlage auch das Feuerwehrhaus, war ja gleich über die Straße beim Ärztezentrum, war ja selber fast 40 Jahre bei der Feuerwehr. Ein beschauliches Bauwerk, dürfte noch nicht allzu alt sein, neun große Garagentore, zwei etwas kleinere, bis auf einen Platz war alles voll. Da konnte man schon etwas neidig werden: In unserer Gemeinde waren es ganze drei Stück, war ja auch eine etwas kleinere Gemeinde, auch sind die Fahrzeuge schon etwas in die Jahre gekommen, ach ja, eines war erst zwölf Jahre. Aus dem Innenhof hörte ich Stimmen, jugendliche Stimmen, wurde neugierig. Da schau her: Feuerwehrjugend bei der Ausbildung, eine beachtliche Anzahl an jungen Leuten, Buben, Mädchen, grob durchgezählt so um die 22, dazu drei etwas Ältere, welche ihnen das Feuerwesen und entsprechende Arbeit beizubringen versuchten. Einige würden sicher bei der Feuerwehr bleiben, manche sicher andere Wege gehen, war bei uns ja auch nicht anders, von zehn waren vier bei der Feuerwehr geblieben. Aber vielleicht war es hier anders, vielleicht interessanter, war ja auch eine größere Gemeinde, einige Schulmöglichkeiten, Pflichtschule, Gymnasium, auch eine HAK hatte ich gesehen, und außerdem sollte es noch eine private berufliche Fachschule geben, sollte etwas außerhalb liegen. Auch berufliche Möglichkeiten für eine Lehre im Ort sollten in ausreichendem Maße vorhanden sein, konnte ich erfahren.
Etwas seitlich vom Feuerwehrhaus waren auch Polizei, Rotes Kreuz und Bergrettung angesiedelt, und im Anschluss an den Hinterhof der Feuerwehr war noch der großzügige Wirtschaftshof der Marktgemeinde Buchberg. Im Allgemeinen ein beachtliches Bauwerk für die verschiedenen Blaulichtorganisationen und Kommunaldienste, allein wenn man das Feuerwehrhaus betrachtete: Garagen und Nebenanlagen im Erdgeschoss, Schulungsmöglichkeiten und Diensträume im Obergeschoss, darüber einige Wohnungen, wie es aussah, alles in einem archetektonisch guten Stil nach meiner Anschauung.
Mein nächstes Ziel war das Ortszentrum mit Kirche und Friedhof. Der Weg dorthin führte mich über eine großzügig angelegte Straße, aber keine Autos, war eine Fußgängerzone, viel grün, gepflegte Grünflächen, Rotbuchen, Kastanienbäume, alles in allem eine sehr aufwendige Anlage, führte direkt zum Marktplatz, ein großer Platz, sicher an die 100 x 100 Meter, also rund ein Hektar, in der Mitte ein Steinbrunnen aus Granit oder es war Feldspat. Diesen Brunnen musste ich mir genauer anschauen, ein gewaltiges Stück auf einem großen Platz. Genauer betrachtet ein ca. 4 x 3 Meter oval geformter Steinblock, darauf Kirchenseitig zwei Hundeköpfe – oder waren es Wolfsköpfe, auch möglich –, dahinter ein Mensch, dürfte eine Frau sein, mit langem Mantel und Hut. Aus den Mäulern der Hundeköpfe floss Wasser in zwei Hände, welche schüsselförmig gefaltet waren. Die oval geformte Schüssel hatte sicher eine Größe von 1,5 x 2,5 Metern. Das Monument dahinter, also die Frau und die Hundeköpfe, hatten eine Höhe von rund drei Metern. Eine gewaltige Steinmetzarbeit, unter den Hundeköpfen ein Schild aus Messing, darauf stand: „Die Wolfsfrau – von 1701 bis 1767, Buchberg im Jahre 1995“. Also doch Wölfe. Der Platz war auch mit schweren Steinplatten ausgelegt, eine etwas hellere Farbtönung als der Brunnen, Material dürfte das gleiche sein, Granit oder Feldspat, konnte es nicht genau sagen, sehen ja fast gleich aus, nur war der Feldspat etwas weicher. Die Platten hatten verschiedene Größen, nicht schlecht gewählt, lockerte den großen Platz etwas auf. Am Rand des Platzes waren Holzbänke aufgestellt, ebenfalls auf Steinsockel. Der Zugang zur Kirche, am nördlichen Platzende, erfolgte über fünf großzügige Stufen aus dem gleichen Material wie beim Platz. Im seitlichen beidseitigen Ende der etwa zehn bis zwölf Meter breiten Stufenanlage waren Gedenksteine für die gefallenen und vermissten Gemeindebürger beider Weltkriege aufgestellt. Auf beiden Gedenksteinen war eine beachtliche Anzahl von Namen angeführt, also dürfte es sich doch um eine größere Gemeinde handeln. Für mich war dieser Ort bis jetzt eher nebensächlich bis unbekannt, nur den Namen hatte ich bereits öfters wahrgenommen. Oder gab es sonst wo noch einen Ort mit diesem Namen? Konnte auch sein. Etwas abseits vom rechten Gedenkstein, Zweiter Weltkrieg, war noch ein kleinerer Granitblock mit zahlreichen Namen und darüber der Schriftzug „Die gefallenen und vermissten SSler von 1939 bis 1945“. Warum diese Namen nicht gemeinsam auf dem großen Gedenkstein standen, war mir zu diesem Zeitpunkt noch Rätselhaft, aber es würde schon seinen Grund haben, sollte mich auch nichts angehen. Bei den Namen fiel mir auf, dass sowohl im Ersten Weltkrieg wie auch im Zweiten sehr viele mit dem Namen Holanders gefallen und vermisst waren, bei der Gedenkstätte für die SSler sogar mehr als die Hälfte von 16.
Der Friedhof mit seinen Grabsteinen, vorwiegend aus Granit, aber auch einige Eisenkreuze, zeigte sich in einem sehr gepflegten Zustand. Die Kirche, welche einem Dom ähnlich sah, hatte zwei Türme mit unterschiedlicher Höhe, auch ungewöhnlich. Das Mauerwerk bestand aus Konglomerat-Steinen, eine Steinart, welche in diesem Landesteil eher selten war. Links neben der Kirche, auf Höhe des Einganges, sah wie ein kleiner Dorfplatz aus, gab es ein weiteres Denkmal in beschaulicher Größe, ein Monument in Form eines Kopfes, darunter stand „DER LETZTE GRAF – Alexander Wedego Holanders, von 1919 bis 2005“. Dieses Grafengeschlecht hat wesentlich zum Aufbau und Wohlstand unserer Gemeinde beigetragen. Und schon wieder der Name „Holanders“. Vielleicht könnte ich etwas Genaueres über diesen Namen erfahren, hatte ja noch genügend Zeit, eventuell beim Abendessen. Auf dem weiteren Weg zum hinteren Teil des Friedhofes bemerkte ich unter einer großen Buche eine Person im Rollstuhl, sah so aus, als würde er schlafen, aber nein, er gab mir ein Zeichen mit der Hand: Komm zu mir. Ich dachte, vielleicht braucht er Hilfe. Als ich näher kam, merkte ich, dass er nur ein Bein hatte, einen wunderschönen Vollbart und so um die 60 bis 70 Jahre alt sein dürfte, schwer zu sagen. „Hallo“, sagte ich, „brauchst du Hilfe?“ „Nein, nein, alles in Ordnung. Ich habe dich schon eine längere Zeit beobachtet, wie du bei den Gedenkstätten warst, ab und zu mit dem Kopf geschüttelt hast. Vielleicht kann ich dir helfen – oder auch nicht. Du bist nicht von hier, hab dich hier noch nie gesehen. Hast dich lange bei den Denkmälern aufgehalten. Die Leute, welche von hier sind, bleiben nicht lange auf dem Friedhof, besuchen ein Grab, vielleicht auch ein zweites und verschwinden wieder. Du hast das aber nicht getan. Suchst du etwas Bestimmtes, einen bestimmten Namen? Vielleicht kann ich dir helfen – oder auch nicht. Man kann ja nie sagen, was in einem Menschen vorgeht.“ „Ja“, sagte ich, „ich bin nicht von hier, war drüben im Ärztezentrum zur Untersuchung, muss auf morgen warten, der Facharzt hatte heute nicht mehr Zeit für mich.“ Ich hatte selten einen Menschen getroffen, der so eine klare, deutliche Sprache gesprochen hat wie dieser Mann im Rollstuhl. „Ja“, sagte ich, „wenn es dir nichts ausmacht, ich hätte schon ein paar Fragen, bin ein neugieriger Mensch.“ Dabei fiel mir ein, als ich bei der Gedenkstätte des letzten Grafen war, hatte ich des Öfteren einen Blick in die Umgebung geworfen, diesen Mann unter der Buche hatte ich aber nicht gesehen. Vielleicht war er ja auch weiter hinten im Schatten, war nur so ein Gedanke. „Der letzte Graf. Wer war dieser Mensch? Dann dieser Name, ‚Holanders‘. Kein üblicher Name in unserer Gegend, muss aber eine große Familie sein, habe eine ganze Menge dieser Namen auf Grabsteinen gelesen, auch bei den Gedenkstätten. Aber ich will dich nicht zu lange aufhalten, musst nur sagen, wenn es genug ist.“ „Ach, ich habe Zeit. Ja, wer war der letzte Graf. Er und mein Vater sind am gleichen Tag geboren, meiner am Vormittag des 11. November 1919 und er am Nachmittag, genau ein Jahr nach dem Ende des Krieges. Er ist aufgewachsen im Schloss Buchenwald, einem wunderschönen Besitz. Mein Vater, der ledige Sohn einer Sennerin, kam nach der Taufe zu einer Familie in der Nähe vom Buchenwaldschloss, dem Buchenwaldgut. Alexander, also der letzte Graf, wuchs wohlbehütet im Schloss auf, mein Vater, wie so viele zu dieser Zeit, eher in erbärmlichen Verhältnissen, obwohl es ihm auf dem Buchenwaldgut auch nicht schlecht ging. Die beiden waren bereits als Kinder recht gute Freunde, obwohl sie in verschiedenen Wohlstandsklassen aufwuchsen. Das Buchenwaldgut ist ja nur etwa 500 Meter vom Schloss entfernt. Alexander, der letzte Graf, wurde mit 16 Jahren in eine Schule nach Salzburg gesteckt, mein Vater schon während der Volksschule im Sommer auf die Buchenwaldalm als Hirtabua und nachher als Senner, im Herbst, Winter und Frühjahr dann Holzknecht. Alexander nach erfolgreicher Schule wurde Berufsoffizier, musste 1940 an die Westfront, mein Vater wurde 1941 eingezogen beziehungsweise hat sich freiwillig gemeldet. Mein Vater sowie Alexander wurden mehrmals verwundet, mein Vater kam im Sommer 1944 das letzte Mal nach Hause, ich wurde am 6. Mai 1945 geboren, also heute vor genau 63 Jahren. Meinen Vater habe ich nie gesehen, er ist ab dem 29. April 1945 als vermisst gemeldet worden. Alexander kam in russische Gefangenschaft, kam erst 1949 nach Hause, sowohl Alexander als auch mein Vater waren bei der SS, auch drei Brüder von Alexander, sie kamen auch nicht mehr nach Hause, der ältere war vermisst, die beiden jüngeren sind in Russland gefallen. Aber nun zur Geschichte, warum der letzte Graf. Alexander war auch kein richtiger Graf, man nannte ihn aber Graf. Aber hast du überhaupt Zeit und Interesse? Es ist eine lange Geschichte. Wenn ja, dann begleite mich, dafür müssen wir die Zeit um etwa 250 Jahre zurückdrehen. Komm, setz dich hier auf die Bank, in die Sonne.“




Kapitel II - Die Ankunft

Sonntag, 19. November 1758, später Nachmittag. Mühsam plagten sich die vier Pferde mit der Kutsche den verschneiten Weg entlang zur Passhöhe, fast ein halber Meter Schnee, dazu eisiger Wind. Nicht üblich für den November, möchte man meinen, aber zu dieser Zeit konnte das auch schon im Oktober passieren, genauso konnte es sein, dass es im Dezember oder Jänner keinen Schnee gab. Man konnte nicht sagen, ob der Kutscher ein Schneemann war oder ein menschliches Wesen. Der Frau und dem kleinen Knaben in der Kutsche ging es auch nicht viel besser, waren genauso durchfroren. Der Kutschenbegleiter und die drei männlichen Passagiere mussten vor den Pferden den Weg markieren, soweit es überhaupt möglich war. Ein Abkommen von der Weganlage hätte schwerwiegende Folgen, die linke Böschung lag rund 50 Meter über einem Graben. Die Pferde waren beinahe am Ende, genauso die vier Männer vor der Kutsche, dafür froren sie weniger. Der Frau in der Kutsche ging es gesundheitlich sehr schlecht, außerdem war sie hochschwanger. Nach gut einer Stunde wurde der Weg flacher, dafür stieg aber die Schneehöhe, weit über 50 Zentimeter. Die Raststation und das Gasthaus kamen in Sicht, die Stallmannschaft staunte nicht schlecht, als der weiße Haufen beim Hoftor ankam. Da es sich um eine private Fahrt handelte, wurde die Kutsche auch gar nicht erwartet. Die normale öffentliche Postkutsche kam nur insgesamt vier Mal in der Woche hier vorbei, am Montagvormittag in Richtung Süden, Dienstagnachmittag in Richtung Norden nach Buchberg. Das Gleiche nochmal donnerstags und freitags. Bei Schneefall im Winter fuhr sie nur nach Bedarf. Frachtfuhrwerke konnten jedoch jederzeit unterwegs sein, aber heute war ja Sonntag. „Was macht ihr bei diesem Sauwetter hier? Könnt froh sein, dass noch keine Lawine den Weg verschüttet hat. Bleibt ihr hier oder wollt ihr noch weiter ins Dorf?“ „Können wir heute Nacht hier bleiben?“, fragte der große schlanke Mann. „Meiner Frau geht es sehr schlecht und braucht dringend Wärme, die Pferde sind auch am Ende.“ „Würde euch auch nicht weiterschicken bei diesem Sauwetter. Stellt die Kutsche in den Innenhof, die Pferde in den Stall und die Leute ab in das Haus. Wir kümmern uns um die Pferde.“ In der Zwischenzeit waren auch die Wirtsleute auf die Ankömmlinge aufmerksam geworden und holten die durchfrorenen Leute in die Gaststube. Der Kutscher und sein Begleiter blieben beim Stallpersonal und halfen dort noch mit bei der Versorgung der Pferde. „Wir kommen später nach.“ Sagt der Kutscher zum großen schlanken Mann. In der großen Gaststube war es angenehm warm, der große Eisenofen in der Mitte spendete ausreichend Wärme. „Kommt, setzt euch zum Ofen. Habt ihr trockene Kleidung mit? Was ist mit der jungen Dame? Die sieht nicht gut aus. Ist sie krank? Bringt sie in die Nebenkammer, dort sind auch ein Ofen und ein Bett. Ich kümmere mich schon um sie. Der Kleine soll auch mitkommen, schläft ja fast im Stehen ein. Was ist euch auch eingefallen, bei diesem Sauwetter hier heraufzufahren? Wo wollt ihr denn überhaupt hin, wer seid ihr?“ Die Wirtin schien recht besorgt um die Ankömmlinge zu sein und bemühte sich um das Wohl der Herrschaften. „Macht heißen Tee“, rief sie in die Küche. „Hol den Koffer mit trockener Bekleidung aus der Kutsche“, sagte der große Mann zu einem seiner zwei Begleiter. „Wir müssen uns umziehen, sonst sind wir morgen alle krank. Auch den Koffer meiner Frau. Gibt es in der Nähe einen Doktor?“, fragte er den Wirt. „Oder so was Ähnliches. Ich glaube, meiner Frau geht es immer schlechter und hat Fieber. Ist in den letzten fünf Tagen immer schlimmer geworden. Ich habe gehofft, wir schaffen es heute bis zu ihrem Onkel, dem Grafen.“ „Was, der Graf ist der Onkel der jungen Dame? Hast du gehört Frau? Die junge Dame ist die Nichte von unserem Grafen, also bemüh dich. Wo bleibt der heiße Tee? Und gebt ausreichend Rum dazu. Oder haben wir noch Schnaps? Für die junge Dame aber nur Tee. Den nächsten Doktor, wenn man ihn so nennen kann, gibt es im Ort. Aber heute geht es sowieso nicht mehr, ist ja schon dunkel und bei diesem Wetter, nein, da müssen wir schon auf morgen warten. Außerdem beim Grafen gibt es einen richtigen Doktor, aber das ist noch weiter. Aber Frau, was ist mit der Wolfsfrau? Ist ja heute schon den ganzen Tag ums Haus geschlichen. Wo steckt sie? Wird wohl nicht den langen Weg nach Hause gegangen sein. Johann, schau nach im Stall, vielleicht hat sie sich dort einen Platz zum Schlafen gefunden, aber pass auf, sie hat den großen schwarzen Wolf mit.“ Johann, der Hausbursche, wollte gerade zur Tür gehen, als diese von außen aufgestoßen wurde und eine mittelgroße Frau mit altem Hut und schwarzem Pelzmantel davor stand, neben der Frau ein großer Wolfshund – oder war es ein richtiger Wolf? Ein Windstoß fuhr durch die geöffnete Tür, das notdürftige Kerzenlicht auf dem großen Tisch flackerte und wäre beinahe erloschen. Es war auffallend still geworden, nur das Holz im Eisenofen hörte man knistern. Der Wirt konnte sich als Erster wieder fassen und forderte die schwarz gekleidete Frau auf: „Komm herein und mach die Tür zu, den Wolf, ah, Hund lass aber besser draußen.“ „Entweder wir kommen beide rein oder ich kann ja auch wieder gehen. Ich habe wahrgenommen, dass jemand Hilfe braucht. Also was ist?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie durch die Tür, eine kurze, unscheinbare Handbewegung und der große Hund blieb außerhalb neben der Tür stehen. Die schwarze Frau ging, ohne die Tür zu schließen, in den Nebenraum, wo die Wirtin mit der jungen Dame und dem Buben verschwunden war. „Geh raus und kümmere dich um die Gäste. Für die Frau hier bringst du heiße Hühnersuppe. Bring mir auch noch etwas Schnaps, aber einen hochprozentigen, nein, nein, nicht für mich, ich brauch ihn für den Buben, der ist ja halb durchgefroren. Auf die Idee, ihm die nassen Kleider auszuziehen, bist du nicht gekommen. Kannst froh sein, wenn er keine Lungenentzündung bekommt und stirbt. Der Graf würde dir das wahrscheinlich sehr übel nehmen. Und warum hat die Frau noch ihre nassen Sachen an? Bring auch trockene Sachen für sie und mach die Tür zu.“ Die schwarze Frau blieb mit der jungen Dame und dem Buben im Zimmer. In der Gaststube hatte man sich mittlerweile wieder vom Schrecken erholt, der Mann war inzwischen mit den zwei Koffern auch zurückgekommen. „Vor der Tür war ein großer Wolf, ist aber hinter das Haus verschwunden. Mir ist fast das Herz stehen geblieben“ war die Meldung des Mannes. Auch der Kutscher und sein Begleiter waren zwischenzeitlich in das Haus gekommen und wärmten sich beim Ofen.
„Was ist mit dieser Frau?“, fragte der große, schlanke Mann den Wirt. „Ach, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Christoph Holanders. Das sind meine Begleiter, der Kutscher Stefan, die anderen Herren sind Peter, Simon und Bruno. Meine Frau heißt Katharina und unser fünf Jahre alter Sohn, das ist Alexander. Wir kommen aus Schlesien, ich komme ursprünglich aus Norwegen. Wir sind jetzt ca. sechs Wochen unterwegs. Ja wer ist eigentlich diese Frau? Ist sie so etwas wie ein Doktor? Sieht recht verwahrlost aus und der große Hund, erzähl mal, sie ist jetzt alleine bei meiner Frau und dem Buben.“ „Keine Angst“, sagte der Wirt. „Wir nennen sie die Wolfsfrau oder Wolfsweib, manche nennen sie auch ‚die Wolfsberg Hex‘.“ Die letzten drei Worte hat er hinter vorgehaltener Hand gesprochen. „Sie ist so eine Art Wunderheiler, Wahrsager. Im Sommer hat sie ja schon gesagt, dass zur heiligen Elisabeth viel Schnee kommen wird und nachher viel Wasser, und heute ist der Elisabeth-Tag. Ja, und der Hund, das ist ein richtiger Wolf, der begleitet diese Frau überall hin, ich habe sie noch nie ohne den Wolf gesehen. Sie haust oben am Wöferlehengut in einer bescheidenen Hütte mit ihrer Mutter. Aber lebt die überhaupt noch? Habe die schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Wenn man in Not ist oder man ist krank, brauchst du sie nicht zu suchen, sie findet dich. Hast ja gesehen, wie plötzlich sie aufgetaucht ist. Dieser schwarze Wolf ist nicht der einzige, da oben auf dem Berg lebt ein ganzes Rudel, so um die 15 bis 20 Stück. Jeder macht einen großen Bogen um das Wöferlehengut. Von was sie lebt, ja, das weiß niemand so recht. Es wird ja gemurmelt, dass unser Pfarrer sie um Ratschläge fragt, aber das ist nur ein Gerücht. Aber vielen Bewohnern unseres Tales hat diese Frau schon geholfen, sogar der Doktor vom Grafen hat sie schon um Rat gebeten, behauptet jedenfalls der Stallbursche vom Schloss Buchenwald. Der Doktor würde so etwas nie zugeben.“
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