Trapped in Fate
Das neue Leben
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 476
ISBN: 978-3-99146-435-8
Erscheinungsdatum: 18.02.2025
Der Mann nahm ein Stück Papier zur Hand und kritzelte etwas, was aussah wie Runen, darauf. Anschließend legte er es an die Stirn des Jungen, wo es einsank.„Das ist ein Siegel. Es wird jegliche Gefühle verschließen“, versprach er.
Kapitel 1
„Wo bin ich hier?“ Seine eigene Stimme überraschte den Jungen, denn sie klang dumpf, als würde man sich unter Wasser unterhalten.
„In einem von mir geschaffenen Universum“, antwortete eine tiefe Stimme. Die Worte schienen direkt in sein Gehirn zu dringen und nicht durch seine Ohren aufgenommen zu werden.
„Ein von Ihnen geschaffenes Universum?“
Ein Mann kam in den Lichtkreis, in dem der verwirrte Junge lag, und kratzte sich das Kinn. Außerhalb dieses Lichtstrahls war alles leer. Um ihn herum war nur Finsternis, es war weder warm noch kalt, es gab keinerlei Gerüche. Außer den Stimmen konnte man nichts hören, auch wenn man sie nicht wirklich hörte.
„Ich denke, es ist am einfachsten, wenn ich Himmelreich dazu sage.“
„Also bin ich tot?“ Der Junge konnte es sich nicht erklären, aber egal, was der Mann sagte, es kam ihm alles plausibel vor. Als wäre alles, was er sagte, etwas Selbstverständliches.
„Erinnerst du dich an irgendetwas?“, fragte jetzt der Mann.
„Nein …“ Bruchstückhafte Erinnerungen füllten plötzlich seinen Kopf. Vereinzelte Bilder zeigten ihm, wie er starb. Es war am Mittag. Er wurde von einer Gruppe verfolgt. Er sprang von einer Brücke. Diese drei Bilder zeigten ihm den Grund für seinen Tod. „Ja“, verbesserte er sich, als die Kopfschmerzen weg waren. Kopfschmerzen? Warum hatte der Junge Kopfschmerzen, wenn er tot war?
„Die Kopfschmerzen werden gleich noch mal wiederkommen.“ Wenigstens wusste der Junge jetzt, dass die Schmerzen keine Einbildung, sondern echt waren.
„Warum bin ich hier?“
„Du hattest ein schlimmes Leben. Ich will dir ein neues schenken.“
„Wiedergeburt?“, schlussfolgerte der Tote.
„Nicht ganz.“
„Was dann?“, stocherte der Junge weiter.
„Ich werde dich in eine andere Welt schicken.“
Hinter dem Jungen öffnete sich ein Tor in die Finsternis.
„Doch davor …“ Der Mann trat zum Jungen und drückte ihm seinen Zeigefinger gegen die Stirn. Alles, was jemals im Leben des sechzehnjährigen Jungen geschah, strömte wie ein Fluss durch seinen Kopf. Tränen liefen ihm über seine Wangen. Bisher lief alles in seinem Leben schlecht. Sein Vater verließ die Familie, als der Junge erst fünf war, woraufhin die Mutter alleine versuchte, das Kind großzuziehen. In der Schule wurde er durchgehend drangsaliert und verprügelt, worüber er aber nie mit seiner Mutter reden konnte, weil es ihr nur noch mehr Sorgen gemacht hätte. Selbst wenn er es gewollt hätte, hatte seine Mutter immer gearbeitet, wenn der Junge nach Hause kam. Er erinnerte sich daran, wie erleichtert er war, als er bemerkte, dass der Sprung von der Brücke der einzige Weg war, um seine Verfolger abzuhängen. Nur an eines konnte er sich nicht erinnern – an seinen Namen.
„Warum kann ich mich nicht an meinen Namen erinnern?“
„Du bekommst bald einen neuen Namen.“
„Und was ist, wenn ich keinen neuen haben will?“ Der namenlose Junge wurde immer genervter.
„Ich kann verstehen, wie du dich fühlst, aber du musst …“
„Nein, muss ich nicht!“, schrie der Junge, was sich aber nur minimal von seinem normalen Ton unterschied. „Vielleicht will ich gar nicht weiterleben“, fügte er wieder ruhiger hinzu.
„Jeder will doch leben“, erwiderte der alte Mann.
„Ja? Was erwartet mich denn, wenn ich weiterlebe? Noch mehr Trauer? Noch mehr Schmerzen? Oder vielleicht noch mehr Demütigungen? Darauf kann ich verzichten.“
„Aber was ist mit den guten Dingen im Leben, etwa Glück, Zufriedenheit und Liebe?“
„Glück, mhm? Daran habe ich keine Erinnerungen, geschweige denn an Liebe.“
Der Junge wirkte, als würde er alles in seinem Kopf durchwühlen.
„Dein neues Leben wird anders verlaufen.“
„Woher wollen Sie das wissen?“ Ein Funken Hoffnung schwang in dem Satz mit.
„Das weiß ich nicht.“
„Warum sagen Sie das dann?“ Das war es mit der Hoffnung. Er spürte Wut und Hass dem Mann gegenüber.
„Niemand kann dir sagen, wie dein Leben verläuft. Du musst es selber in die Hand nehmen, wenn du ein gutes Leben haben willst.“
„Denken Sie, ich konnte etwas für mein vorheriges Leben?“ Wut zog sich durch den Satz.
„Nein, aber für dein nächstes gebe ich dir die Macht, es selbst zu bestimmen.“
„Was für eine Macht?“, fragte der Namenlose ungläubig.
Der Mann streckte eine Hand aus und die Finger nach oben. Über dem Daumen tanzte plötzlich eine Flamme. „Die Macht, deine Feinde zu verbrennen und Freunden Wärme zu spenden.“
Aus dem nächsten Finger wuchs eine Pflanze, an der Früchte hingen. „Die Macht niemals Hunger zu leiden und die Macht, die selbst Steine zerbricht.“
Auf dem Nagel des dritten Fingers bildete sich ein kleiner Fluss. „Die Macht alles hinwegzuspülen, aber auch um Durstenden zu helfen.“ Ein kleiner Tornado wirbelte über dem vierten Finger. „Die Macht wie ein Vogel in der Luft zu fliegen oder ganze Länder zu verwüsten.“
Über dem letzten Finger bildete sich eine schwarze Kugel. „Die Macht alles in Dunkelheit zu hüllen, was du nicht sehen willst.“
Die Flamme über dem Daumen wurde heller und blendete den interessierten Jungen. „Und die Macht aus dieser Finsternis zu entkommen.“
„Also genügt dir meine Kraft?“, fragte der Mann abschließend.
„Unter einer Bedingung.“
„Ich erfülle dir jeden Wunsch.“ Der Mann klang aufrichtig und hatte wirklich Mitleid mit dem Jungen.
„Nimm mir meine Gefühle. Ich will alle loswerden.“
„Bist du dir sicher? Gefühle sind der Quell unserer Macht. Schmerzen zeigen uns, dass wir am Leben sind.“
„Mit meinen Gefühlen gehe ich nicht.“
„Na gut, wenn du es wirklich so willst, dann erfülle ich dir deinen Wunsch.“
„Ich will es.“
Der Mann nahm ein Stück Papier zur Hand und kritzelte etwas, was aussah wie Runen, darauf. Anschließend legte er es an die Stirn des Jungen, wo es einsank.
„Das ist ein Siegel. Es wird jegliche Gefühle verschließen“, versprach er.
„Danke.“
„Dann schreite jetzt durch das Tor“, befahl der Alte.
Der Namenlose blieb noch im Torrahmen stehen und drehte sich um. „Wer sind Sie eigentlich?“
„Nur ein viel zu alter, verbitterter Mann, der sich in sein Universum zurückzog und dabei zusah, wie seine Welt zugrunde ging.“ Der Mann wirkte, als würde auch er unter traurigen Erinnerungen leiden.
„Tut mir leid.“
„Nein, mir tut es leid.“ Mit diesen Worten schubste er den Jungen durch das Tor.
Der Junge fiel. Plötzlich fühlte er einen brennenden Schmerz, welcher sich tief in seine Haut brannte. Er riss die Augen auf. Ein Meer aus Flammen umhüllte ihn, während er fiel. Stunden fiel er, doch kurz bevor ihn die Schmerzen zu verschlingen drohten, fiel er in kühles Wasser. Anfangs fühlte es sich angenehm an, doch das schöne Gefühl verwandelte sich in Qual, denn der Junge konnte nicht atmen. So vergingen die weiteren Stunden damit, gequält um Luft zu flehen. Sie kam, doch nicht gewöhnliche Luft, sondern heftige Winde peitschten ihm ins Gesicht. Die Wirbelstürme waren kurz davor, den Jungen zu zerreißen. Er kauerte sich auf den Boden. Dann wurde alles still. Der Junge hob sein Haupt und sah nichts, um ihn war alles schwarz. Nicht mal sich selbst konnte er sehen. Die Dunkelheit verschlang einfach alles. Blind und voller Panik rannte er kilometerweit, ohne Erschöpfung zu spüren, durch die Finsternis. Zum Glück kam ihm das Licht zur Rettung. Eine helle Sonne drängte die Finsternis zurück und ätzte sich in die Netzhaut des Namenlosen. Obwohl der Junge fast erblindete, konnte er nicht von dem schönen Feuerball wegschauen. Dann fiel er wieder. Diesmal landete er in einem Feld aus Früchten. Etwas tropfte ihm in den leicht geöffneten Mund und zerstörte den Jungen von innen. Vor Schmerzen gekrümmt hockte er auf der Erde und flehte darum, dass es endlich aufhörte. Dann wurde erneut alles dunkel.
In einem Wald erwachte er wieder. Er lag in etwas Weichem, Blätter raschelten über ihm, Tiere streiften um ihn herum. In der Ferne konnte er Wasser rauschen hören. Es roch nach Lavendel. Der Junge wollte sich bewegen, schaffte es aber nicht. Als er sich seinen Arm ansah, erkannte er auch, warum.
Statt seinen normal langen und recht muskulösen Armen hatte er zwei kurze, an denen sich jeweils eine kleine Patschehand befand. „Ich bin im Körper eines Neugeborenen? Warum?“, fragte er sich. Erinnerungen von dem Gespräch kamen ihm in den Sinn, wodurch er zu verstehen begann. Während der neugeborene Sechzehnjährige seine Gedanken ordnete, sprang ein zähnefletschender Wolf auf das Kind im Korb zu. Von Hunger getrieben kam das Tier immer näher. „Das war ja ein langes Leben in dieser Welt“, bemerkte er sachlich und spürte kurz darauf, dass die Gefühllosigkeit schon eingesetzt hatte. Er spürte nichts, weder Angst noch Trauer. Inzwischen konnte er den nach Fleisch stinkenden Atem des Tieres riechen. Sabber tropfte ihm ins Gesicht. Der Junge schloss die Augen, um seine letzten Momente zu genießen. Doch kurz bevor der Vierbeiner zubeißen konnte, spürte er eine starke Hitze in seiner Brust. Im nächsten Moment wurde der Wolf von einem Flammenwirbel erfasst und weggeschleudert. Ein lautes Jaulen war zu hören, daraufhin schnelle Schritte, die sich immer weiter entfernten.
„Da vorne, sieh mal“, rief eine weibliche Stimme. Nach einigen Sekunden ragte auch das dazugehörige Gesicht über den Korbrand und starrte verwundert auf das Baby hinunter.
„Denkst du wirklich, das Baby hat diese Flammensäule erschaffen?“, fragte ein heiser klingender Mann.
„Siehst du hier jemand anderen?“, argumentierte die blonde Frau genervt und wandte sich wieder dem Kind zu. „Hast du diese Flammensäule erschaffen?“ Sie sprach in einem Ton, den man normalerweise verwendete, wenn man mit Kleinkindern redete.
„Denkst du ernsthaft, es antwortet dir?“
„Ja“, sagte das Kind. Beide Erwachsenen schauten schockiert in den Korb. Es selbst war verblüfft, dass es reden konnte.
„Das ist mir nicht geheuer, wir sollten gehen“, schlug der stäimmige Mann vor.
„Und das Kind einfach hierlassen?“, meckerte die Frau.
„Du hast doch gesehen, dass es sich selbst verteidigen kann“, drängte der Mann weiter.
„Wir nehmen es mit“, bestimmte die Frau in einem Ton, der keine Widerrede zuließ.
„Na gut, mach aber schnell, der Wolf holt bald seine Eltern“, knickte er schließlich ein. Die Frau nahm das Kind aus dem Korb und drückte es an ihre Brust. Gemeinsam rannten sie zum Waldrand. Nur noch ein paar Meter trennten die Gestalten vom Waldrand. Plötzlich liefen die drei im Schatten. Über sie schien ein riesiger Wolf hinwegzufliegen. Es war aber nur ein sehr weiter Sprung, der Landeplatz befand sich direkt zwischen ihnen und dem Waldrand.
„Verdammt, jetzt bekommen wir ein Problem“, sagte der Mann mit leiser, angespannter Stimme und entzündete eine Flammenkugel in seiner Hand.
„Lasst uns bitte passieren“, flehte die Frau den zweiten Wolf hinter ihnen an. Die majestätische Gestalt sprang in einem Satz über die drei und kam bei dem anderen Wolf zum Stehen. Der Wolf mit dem dickeren Fell rieb seinen Kopf gegen den Hals des anderen, welcher glatteres Fell hatte. „Wenn ihr uns das Kind gebt, dürft ihr gerne passieren“, sagte dieser.
„Gib ihnen das Kind“, bettelte der Mann.
„Ich werde das Kind nicht aushändigen!“, schrie die Frau zurück.
„Du bringst uns mit deiner Sturheit alle ins Grab.“
„Warum wollt ihr das Kind unbedingt?“, richtete sich die Frau an die zwei Wölfe.
Sie war sich der Antwort natürlich schon bewusst, wollte aber etwas Zeit schinden, bis ihr einfiel, wie man die Situation überstehen konnte. Das Kind abzugeben, kam ihr aber keine Sekunde in den Sinn.
„Dieses Kind hat unser Kind verletzt, wir wollen es dafür bestrafen.“ Dieser Satz wurde von einem Jaulen begleitet.
„Ihr Kind hat doch angefangen“, beklagte sich die Frau.
„Lügnerin!“, schrie nun eine kindlichere Stimme hinter den beiden Wölfen., und Dder kleinere Wolf von vorhin trat hervor. „Dieses Kind hat mich ohne Grund verletzt“, fuhr er fort und leckte sich das verkohlte Fell an seinem Bauch.
Die erwachsenen Wölfe machten sich zum Angriff bereit, doch der Mann nahm der Frau das Kind ab und warf es zu den viel zu großen Tieren.
„Was tust du da?“, schrie ihn seine Frau an.
„Ich rette uns das Leben, und jetzt komm.“ Er nahm seine Partnerin an die Hand und rannte aus dem Wald.
Mit jeder Faser seines Körpers nahm das Baby den Wind wahr. Es bemerkte die unterschiedlichen Windströme, wusste zwar selber nicht wie, aber es flog.
Seine Flugbahn ging über die Köpfe der Bestien hinweg und aus dem Wald heraus. Dort landete es neben der erstaunten Frau, welche es direkt wieder an ihre Brust drückte. Eine erleichterte Träne rann über ihre Wange. Die Wölfe wollten aus dem Wald springen, doch eine Art Barriere hielt sie davon ab. Schon nach wenigen Minuten gaben sie ihre Beute auf und rannten tief in den Wald.
„Wir behalten das Kind“, bestimmte die Frau erneut.
„Ein Baby mit solchen Fähigkeiten darfst du gerne behalten.“
Die Frau schaute dem Kind in die Augen und sagte: „Ab heute bist du unser Sohn Letos.“
„Letos ist ein guter Name“, gab der Mann zu.
Letos wurde in eine Kutsche verfrachtet, welche zu einem riesigen Anwesen fuhr.
Dieses war eine halbe Stunde entfernt, was bei der Geschwindigkeit ungefähr drei Kilometer bedeutete.
Dienstmädchen und Diener begrüßten die beiden Erwachsenen, welche freundlich zurückgrüßten. „Mein Leben wird wohl wirklich anders laufen als zuvor“, dachte sich der Junge, während seine glitzernden Augen das riesige Anwesen bewunderten.
„Das ist Letos. Behandelt ihn ab heute wie unseren Sohn“, befahl die Herrin des Hauses einem Dienstmädchen an der Tür und gab ihm das Kind.
„Jawohl“, sagte dieses, drehte sich um und verschwand mit dem Kind im Haus. In einem riesigen Zimmer blieb das Dienstmädchen stehen und legte Letos in ein selbst für Erwachsene zu großes Bett. Anschließend verließ es den Raum wieder. Das neue Familienmitglied war nun alleine. Letos versuchte aufzustehen, was ihm, wenn auch schwerfällig, gelang. Nun saß er breitbeinig auf seinem weichen Bett. Seine Finger fühlten sich schwach an. Er wusste, er würde damit noch nichts greifen können.
Das erste Jahr seines neuen Lebens konnte Letos nichts machen, außer sich von den Bediensteten herumtragen zu lassen. Sonst lag er nur in seinem Bett. Doch mit seinem ersten Geburtstag hatte er seine Beine genug trainiert, um sich darauf zu halten, wenn auch etwas unsicher. Die Zeit des Erkundens fing endlich an. Zwar fiel es ihm schwer, doch er kam gerade so zur Tür, welche sein Abenteuer kurzfristig beendete, denn sie war geschlossen. „Bestimmt kann ich die irgendwie mit Magie öffnen“, dachte er sich.
Letos versuchte alles, um seine Magie einzusetzen. Er versuchte, sich an das Gefühl seines ersten Fluges zu erinnern, allerdings gelang ihm nichts. Egal was er versuchte, nichts brachte die Tür dazu aufzugehen. Er gab seine kurze Erkundung auf und setzte sich schmollend auf den Boden, weil er nicht mal zurück in sein Bett konnte.„Ich muss mich mehr mit der Magie beschäftigen“, überlegte er.
Nach dieser Erfahrung verschrieb sich der Junge immer mehr der Magie. Zumindest dem, was er dachte, was Magie wäre. Zu meditieren und über das Gefühl nachzudenken war das Einzige, das er machen konnte. Am liebsten hätte er das Dienstmädchen gefragt, welches von seinen Eltern extra für ihn angestellt wurde. Jedoch hatten seine neuen Eltern ihm verboten, mit anderen zu reden.
Beim nächsten gemeinsamen Abendessen wollte er unbedingt fragen, aber bis dahin versuchte er, Magie ohne Hilfe zu lernen. Zum Glück gab es auch in dieser Welt Buchstabensuppe, womit er das Wort „reden“ schreiben konnte.
Seine Mutter schaute zum Dienstpersonal und deutete mit einer schwungvollen Handbewegung, dass es gehen sollte. „Ich brauche Bücher über Magie“, sagte er, nachdem die Tür mit einem lauten Knall zufiel.
„Du kannst doch schon Magie verwenden, sogar ziemlich starke.“ Der Vater meinte damit den Flammenwirbel und den Flug vor einem Jahr.
„Das war nur im Affekt, ich kann das aber nicht kontrollieren“, berichtigte er seinen Vater.
„Gut, wir lassen dir alle Bücher zukommen, die wir über Magie haben“, unterbrach ihn die Mutter und beendete das Gespräch.
Zu dem Zeitpunkt, an dem Letos wieder in sein Zimmer getragen wurde, lagen die Bücher schon auf seinem Tisch. Die Tischplatte war bündig mit der Matratze. Sogar der kleine Letos kam daran. Insgesamt waren es acht Bücher, alle waren in teures Leder gebunden. Darunter war jeweils ein Buch für jede Magie, die er besaß, ein Buch, welches die Magie an sich erklärte, und eins für „Sondermagie“, woran der Junge besonders interessiert war. Das Erklärungsbuch las er zuerst und erfuhr nebenbei gleich etwas über die Welt. Er las zum Beispiel, dass Adlige von Geburt an über mehr magische Kraft verfügen, dass Magie kurzzeitig verstärkt wird, wenn man starke Gefühle verspürt, und dass jede Magie einen anderen Ursprung im Körper innehat. Was das genau bedeutet, stand nicht im Buch. Anschließend nahm er das Buch über Windmagie. Er fand, es sei für den Anfang am nützlichsten fliegen zu können, damit er alles leicht erreichen und überall hin könne. Im Buch war es simpel beschrieben. Man musste die Windströme in der Umgebung fühlen und kontrollieren lernen. Die ganze Nacht las er in dem Buch, verinnerlichte jedes einzelne Wort und probierte einige Sachen aus, von denen aber nichts gelang.
Am nächsten Tag kam Letos’ Mutter, deren Name er immer noch nicht wusste, in sein Zimmer und sagte aufgeregt: „Heute lernst du deinen Bruder kennen.“ Letos hatte bis jetzt noch nichts von einem Bruder gehört, aber eigentlich war es ihm auch egal. Am späten Nachmittag wurde er aus seinem Zimmer geholt und in den Empfangsbereich getragen, wo schon ein Junge stand und mit seinen braunen Haaren spielte. „Luminos, das ist Letos“, stellte die Mutter das Kleinkind vor.
Luminos wirkte verständlicherweise überrascht und glücklich. „Wann hast du denn ein Kind bekommen, Mutter?“, fragte der Junge.
„Wir haben ihn im Wald gefunden. Deine Mutter wollte ihn unbedingt mitnehmen“, beichtete der Vater. Der Gesichtsausdruck von Luminos verfinsterte sich schlagartig. „Er ist also nur ein Ausgesetzter und nicht mein echter Bruder?“, fragte er enttäuscht.
„Ich will, dass du ihn wie einen echten Bruder behandelst“, tadelte ihn seine Mutter.
„Wieso sollte ich einen Ausgestoßenen wie einen Bruder behandeln?“, schrie der Junge zurück.
Seine Mutter schlug ihrem ältesten Sohn ins Gesicht. „Wir haben dir immer beigebracht, dass du jeden gleich behandeln sollst.“ Ein enttäuschter Ausdruck lag auf dem Gesicht des Jungen. Derweil wurde Letos wieder in sein Zimmer gebracht und schlafen gelegt. Das war alles, was Letos von seinem Bruder sah.
Danach vergrub er sich wieder in seine Bücher. Recht schnell hatte er den Dreh mit der Magie raus. Der Fluss der Magie war für ihn erst etwas ungewohnt. Nachdem er aber den Fluss in seinem Körper wahrnahm, hatte er den Grundstein gelegt, um jegliche Magie zu erlernen. Danach musste er nur noch die einzelnen Elemente und die Zauber dazu spüren lernen. Innerhalb von drei Jahren hatte er alles gelernt und konnte praktische Übungen machen. Ein Gefühl für das Fliegen bekam er sehr schnell. Schon bald flog er durch den Vorgarten.
Mit dem fünften Geburtstag fing der Vater an, seinem neuen Sohn genug Aufmerksamkeit zu schenken, um ihm Kampfsport beizubringen.
So vergingen die Jahre. Schließlich war Letos alt genug, um in die Schule zu kommen.
„Wo bin ich hier?“ Seine eigene Stimme überraschte den Jungen, denn sie klang dumpf, als würde man sich unter Wasser unterhalten.
„In einem von mir geschaffenen Universum“, antwortete eine tiefe Stimme. Die Worte schienen direkt in sein Gehirn zu dringen und nicht durch seine Ohren aufgenommen zu werden.
„Ein von Ihnen geschaffenes Universum?“
Ein Mann kam in den Lichtkreis, in dem der verwirrte Junge lag, und kratzte sich das Kinn. Außerhalb dieses Lichtstrahls war alles leer. Um ihn herum war nur Finsternis, es war weder warm noch kalt, es gab keinerlei Gerüche. Außer den Stimmen konnte man nichts hören, auch wenn man sie nicht wirklich hörte.
„Ich denke, es ist am einfachsten, wenn ich Himmelreich dazu sage.“
„Also bin ich tot?“ Der Junge konnte es sich nicht erklären, aber egal, was der Mann sagte, es kam ihm alles plausibel vor. Als wäre alles, was er sagte, etwas Selbstverständliches.
„Erinnerst du dich an irgendetwas?“, fragte jetzt der Mann.
„Nein …“ Bruchstückhafte Erinnerungen füllten plötzlich seinen Kopf. Vereinzelte Bilder zeigten ihm, wie er starb. Es war am Mittag. Er wurde von einer Gruppe verfolgt. Er sprang von einer Brücke. Diese drei Bilder zeigten ihm den Grund für seinen Tod. „Ja“, verbesserte er sich, als die Kopfschmerzen weg waren. Kopfschmerzen? Warum hatte der Junge Kopfschmerzen, wenn er tot war?
„Die Kopfschmerzen werden gleich noch mal wiederkommen.“ Wenigstens wusste der Junge jetzt, dass die Schmerzen keine Einbildung, sondern echt waren.
„Warum bin ich hier?“
„Du hattest ein schlimmes Leben. Ich will dir ein neues schenken.“
„Wiedergeburt?“, schlussfolgerte der Tote.
„Nicht ganz.“
„Was dann?“, stocherte der Junge weiter.
„Ich werde dich in eine andere Welt schicken.“
Hinter dem Jungen öffnete sich ein Tor in die Finsternis.
„Doch davor …“ Der Mann trat zum Jungen und drückte ihm seinen Zeigefinger gegen die Stirn. Alles, was jemals im Leben des sechzehnjährigen Jungen geschah, strömte wie ein Fluss durch seinen Kopf. Tränen liefen ihm über seine Wangen. Bisher lief alles in seinem Leben schlecht. Sein Vater verließ die Familie, als der Junge erst fünf war, woraufhin die Mutter alleine versuchte, das Kind großzuziehen. In der Schule wurde er durchgehend drangsaliert und verprügelt, worüber er aber nie mit seiner Mutter reden konnte, weil es ihr nur noch mehr Sorgen gemacht hätte. Selbst wenn er es gewollt hätte, hatte seine Mutter immer gearbeitet, wenn der Junge nach Hause kam. Er erinnerte sich daran, wie erleichtert er war, als er bemerkte, dass der Sprung von der Brücke der einzige Weg war, um seine Verfolger abzuhängen. Nur an eines konnte er sich nicht erinnern – an seinen Namen.
„Warum kann ich mich nicht an meinen Namen erinnern?“
„Du bekommst bald einen neuen Namen.“
„Und was ist, wenn ich keinen neuen haben will?“ Der namenlose Junge wurde immer genervter.
„Ich kann verstehen, wie du dich fühlst, aber du musst …“
„Nein, muss ich nicht!“, schrie der Junge, was sich aber nur minimal von seinem normalen Ton unterschied. „Vielleicht will ich gar nicht weiterleben“, fügte er wieder ruhiger hinzu.
„Jeder will doch leben“, erwiderte der alte Mann.
„Ja? Was erwartet mich denn, wenn ich weiterlebe? Noch mehr Trauer? Noch mehr Schmerzen? Oder vielleicht noch mehr Demütigungen? Darauf kann ich verzichten.“
„Aber was ist mit den guten Dingen im Leben, etwa Glück, Zufriedenheit und Liebe?“
„Glück, mhm? Daran habe ich keine Erinnerungen, geschweige denn an Liebe.“
Der Junge wirkte, als würde er alles in seinem Kopf durchwühlen.
„Dein neues Leben wird anders verlaufen.“
„Woher wollen Sie das wissen?“ Ein Funken Hoffnung schwang in dem Satz mit.
„Das weiß ich nicht.“
„Warum sagen Sie das dann?“ Das war es mit der Hoffnung. Er spürte Wut und Hass dem Mann gegenüber.
„Niemand kann dir sagen, wie dein Leben verläuft. Du musst es selber in die Hand nehmen, wenn du ein gutes Leben haben willst.“
„Denken Sie, ich konnte etwas für mein vorheriges Leben?“ Wut zog sich durch den Satz.
„Nein, aber für dein nächstes gebe ich dir die Macht, es selbst zu bestimmen.“
„Was für eine Macht?“, fragte der Namenlose ungläubig.
Der Mann streckte eine Hand aus und die Finger nach oben. Über dem Daumen tanzte plötzlich eine Flamme. „Die Macht, deine Feinde zu verbrennen und Freunden Wärme zu spenden.“
Aus dem nächsten Finger wuchs eine Pflanze, an der Früchte hingen. „Die Macht niemals Hunger zu leiden und die Macht, die selbst Steine zerbricht.“
Auf dem Nagel des dritten Fingers bildete sich ein kleiner Fluss. „Die Macht alles hinwegzuspülen, aber auch um Durstenden zu helfen.“ Ein kleiner Tornado wirbelte über dem vierten Finger. „Die Macht wie ein Vogel in der Luft zu fliegen oder ganze Länder zu verwüsten.“
Über dem letzten Finger bildete sich eine schwarze Kugel. „Die Macht alles in Dunkelheit zu hüllen, was du nicht sehen willst.“
Die Flamme über dem Daumen wurde heller und blendete den interessierten Jungen. „Und die Macht aus dieser Finsternis zu entkommen.“
„Also genügt dir meine Kraft?“, fragte der Mann abschließend.
„Unter einer Bedingung.“
„Ich erfülle dir jeden Wunsch.“ Der Mann klang aufrichtig und hatte wirklich Mitleid mit dem Jungen.
„Nimm mir meine Gefühle. Ich will alle loswerden.“
„Bist du dir sicher? Gefühle sind der Quell unserer Macht. Schmerzen zeigen uns, dass wir am Leben sind.“
„Mit meinen Gefühlen gehe ich nicht.“
„Na gut, wenn du es wirklich so willst, dann erfülle ich dir deinen Wunsch.“
„Ich will es.“
Der Mann nahm ein Stück Papier zur Hand und kritzelte etwas, was aussah wie Runen, darauf. Anschließend legte er es an die Stirn des Jungen, wo es einsank.
„Das ist ein Siegel. Es wird jegliche Gefühle verschließen“, versprach er.
„Danke.“
„Dann schreite jetzt durch das Tor“, befahl der Alte.
Der Namenlose blieb noch im Torrahmen stehen und drehte sich um. „Wer sind Sie eigentlich?“
„Nur ein viel zu alter, verbitterter Mann, der sich in sein Universum zurückzog und dabei zusah, wie seine Welt zugrunde ging.“ Der Mann wirkte, als würde auch er unter traurigen Erinnerungen leiden.
„Tut mir leid.“
„Nein, mir tut es leid.“ Mit diesen Worten schubste er den Jungen durch das Tor.
Der Junge fiel. Plötzlich fühlte er einen brennenden Schmerz, welcher sich tief in seine Haut brannte. Er riss die Augen auf. Ein Meer aus Flammen umhüllte ihn, während er fiel. Stunden fiel er, doch kurz bevor ihn die Schmerzen zu verschlingen drohten, fiel er in kühles Wasser. Anfangs fühlte es sich angenehm an, doch das schöne Gefühl verwandelte sich in Qual, denn der Junge konnte nicht atmen. So vergingen die weiteren Stunden damit, gequält um Luft zu flehen. Sie kam, doch nicht gewöhnliche Luft, sondern heftige Winde peitschten ihm ins Gesicht. Die Wirbelstürme waren kurz davor, den Jungen zu zerreißen. Er kauerte sich auf den Boden. Dann wurde alles still. Der Junge hob sein Haupt und sah nichts, um ihn war alles schwarz. Nicht mal sich selbst konnte er sehen. Die Dunkelheit verschlang einfach alles. Blind und voller Panik rannte er kilometerweit, ohne Erschöpfung zu spüren, durch die Finsternis. Zum Glück kam ihm das Licht zur Rettung. Eine helle Sonne drängte die Finsternis zurück und ätzte sich in die Netzhaut des Namenlosen. Obwohl der Junge fast erblindete, konnte er nicht von dem schönen Feuerball wegschauen. Dann fiel er wieder. Diesmal landete er in einem Feld aus Früchten. Etwas tropfte ihm in den leicht geöffneten Mund und zerstörte den Jungen von innen. Vor Schmerzen gekrümmt hockte er auf der Erde und flehte darum, dass es endlich aufhörte. Dann wurde erneut alles dunkel.
In einem Wald erwachte er wieder. Er lag in etwas Weichem, Blätter raschelten über ihm, Tiere streiften um ihn herum. In der Ferne konnte er Wasser rauschen hören. Es roch nach Lavendel. Der Junge wollte sich bewegen, schaffte es aber nicht. Als er sich seinen Arm ansah, erkannte er auch, warum.
Statt seinen normal langen und recht muskulösen Armen hatte er zwei kurze, an denen sich jeweils eine kleine Patschehand befand. „Ich bin im Körper eines Neugeborenen? Warum?“, fragte er sich. Erinnerungen von dem Gespräch kamen ihm in den Sinn, wodurch er zu verstehen begann. Während der neugeborene Sechzehnjährige seine Gedanken ordnete, sprang ein zähnefletschender Wolf auf das Kind im Korb zu. Von Hunger getrieben kam das Tier immer näher. „Das war ja ein langes Leben in dieser Welt“, bemerkte er sachlich und spürte kurz darauf, dass die Gefühllosigkeit schon eingesetzt hatte. Er spürte nichts, weder Angst noch Trauer. Inzwischen konnte er den nach Fleisch stinkenden Atem des Tieres riechen. Sabber tropfte ihm ins Gesicht. Der Junge schloss die Augen, um seine letzten Momente zu genießen. Doch kurz bevor der Vierbeiner zubeißen konnte, spürte er eine starke Hitze in seiner Brust. Im nächsten Moment wurde der Wolf von einem Flammenwirbel erfasst und weggeschleudert. Ein lautes Jaulen war zu hören, daraufhin schnelle Schritte, die sich immer weiter entfernten.
„Da vorne, sieh mal“, rief eine weibliche Stimme. Nach einigen Sekunden ragte auch das dazugehörige Gesicht über den Korbrand und starrte verwundert auf das Baby hinunter.
„Denkst du wirklich, das Baby hat diese Flammensäule erschaffen?“, fragte ein heiser klingender Mann.
„Siehst du hier jemand anderen?“, argumentierte die blonde Frau genervt und wandte sich wieder dem Kind zu. „Hast du diese Flammensäule erschaffen?“ Sie sprach in einem Ton, den man normalerweise verwendete, wenn man mit Kleinkindern redete.
„Denkst du ernsthaft, es antwortet dir?“
„Ja“, sagte das Kind. Beide Erwachsenen schauten schockiert in den Korb. Es selbst war verblüfft, dass es reden konnte.
„Das ist mir nicht geheuer, wir sollten gehen“, schlug der stäimmige Mann vor.
„Und das Kind einfach hierlassen?“, meckerte die Frau.
„Du hast doch gesehen, dass es sich selbst verteidigen kann“, drängte der Mann weiter.
„Wir nehmen es mit“, bestimmte die Frau in einem Ton, der keine Widerrede zuließ.
„Na gut, mach aber schnell, der Wolf holt bald seine Eltern“, knickte er schließlich ein. Die Frau nahm das Kind aus dem Korb und drückte es an ihre Brust. Gemeinsam rannten sie zum Waldrand. Nur noch ein paar Meter trennten die Gestalten vom Waldrand. Plötzlich liefen die drei im Schatten. Über sie schien ein riesiger Wolf hinwegzufliegen. Es war aber nur ein sehr weiter Sprung, der Landeplatz befand sich direkt zwischen ihnen und dem Waldrand.
„Verdammt, jetzt bekommen wir ein Problem“, sagte der Mann mit leiser, angespannter Stimme und entzündete eine Flammenkugel in seiner Hand.
„Lasst uns bitte passieren“, flehte die Frau den zweiten Wolf hinter ihnen an. Die majestätische Gestalt sprang in einem Satz über die drei und kam bei dem anderen Wolf zum Stehen. Der Wolf mit dem dickeren Fell rieb seinen Kopf gegen den Hals des anderen, welcher glatteres Fell hatte. „Wenn ihr uns das Kind gebt, dürft ihr gerne passieren“, sagte dieser.
„Gib ihnen das Kind“, bettelte der Mann.
„Ich werde das Kind nicht aushändigen!“, schrie die Frau zurück.
„Du bringst uns mit deiner Sturheit alle ins Grab.“
„Warum wollt ihr das Kind unbedingt?“, richtete sich die Frau an die zwei Wölfe.
Sie war sich der Antwort natürlich schon bewusst, wollte aber etwas Zeit schinden, bis ihr einfiel, wie man die Situation überstehen konnte. Das Kind abzugeben, kam ihr aber keine Sekunde in den Sinn.
„Dieses Kind hat unser Kind verletzt, wir wollen es dafür bestrafen.“ Dieser Satz wurde von einem Jaulen begleitet.
„Ihr Kind hat doch angefangen“, beklagte sich die Frau.
„Lügnerin!“, schrie nun eine kindlichere Stimme hinter den beiden Wölfen., und Dder kleinere Wolf von vorhin trat hervor. „Dieses Kind hat mich ohne Grund verletzt“, fuhr er fort und leckte sich das verkohlte Fell an seinem Bauch.
Die erwachsenen Wölfe machten sich zum Angriff bereit, doch der Mann nahm der Frau das Kind ab und warf es zu den viel zu großen Tieren.
„Was tust du da?“, schrie ihn seine Frau an.
„Ich rette uns das Leben, und jetzt komm.“ Er nahm seine Partnerin an die Hand und rannte aus dem Wald.
Mit jeder Faser seines Körpers nahm das Baby den Wind wahr. Es bemerkte die unterschiedlichen Windströme, wusste zwar selber nicht wie, aber es flog.
Seine Flugbahn ging über die Köpfe der Bestien hinweg und aus dem Wald heraus. Dort landete es neben der erstaunten Frau, welche es direkt wieder an ihre Brust drückte. Eine erleichterte Träne rann über ihre Wange. Die Wölfe wollten aus dem Wald springen, doch eine Art Barriere hielt sie davon ab. Schon nach wenigen Minuten gaben sie ihre Beute auf und rannten tief in den Wald.
„Wir behalten das Kind“, bestimmte die Frau erneut.
„Ein Baby mit solchen Fähigkeiten darfst du gerne behalten.“
Die Frau schaute dem Kind in die Augen und sagte: „Ab heute bist du unser Sohn Letos.“
„Letos ist ein guter Name“, gab der Mann zu.
Letos wurde in eine Kutsche verfrachtet, welche zu einem riesigen Anwesen fuhr.
Dieses war eine halbe Stunde entfernt, was bei der Geschwindigkeit ungefähr drei Kilometer bedeutete.
Dienstmädchen und Diener begrüßten die beiden Erwachsenen, welche freundlich zurückgrüßten. „Mein Leben wird wohl wirklich anders laufen als zuvor“, dachte sich der Junge, während seine glitzernden Augen das riesige Anwesen bewunderten.
„Das ist Letos. Behandelt ihn ab heute wie unseren Sohn“, befahl die Herrin des Hauses einem Dienstmädchen an der Tür und gab ihm das Kind.
„Jawohl“, sagte dieses, drehte sich um und verschwand mit dem Kind im Haus. In einem riesigen Zimmer blieb das Dienstmädchen stehen und legte Letos in ein selbst für Erwachsene zu großes Bett. Anschließend verließ es den Raum wieder. Das neue Familienmitglied war nun alleine. Letos versuchte aufzustehen, was ihm, wenn auch schwerfällig, gelang. Nun saß er breitbeinig auf seinem weichen Bett. Seine Finger fühlten sich schwach an. Er wusste, er würde damit noch nichts greifen können.
Das erste Jahr seines neuen Lebens konnte Letos nichts machen, außer sich von den Bediensteten herumtragen zu lassen. Sonst lag er nur in seinem Bett. Doch mit seinem ersten Geburtstag hatte er seine Beine genug trainiert, um sich darauf zu halten, wenn auch etwas unsicher. Die Zeit des Erkundens fing endlich an. Zwar fiel es ihm schwer, doch er kam gerade so zur Tür, welche sein Abenteuer kurzfristig beendete, denn sie war geschlossen. „Bestimmt kann ich die irgendwie mit Magie öffnen“, dachte er sich.
Letos versuchte alles, um seine Magie einzusetzen. Er versuchte, sich an das Gefühl seines ersten Fluges zu erinnern, allerdings gelang ihm nichts. Egal was er versuchte, nichts brachte die Tür dazu aufzugehen. Er gab seine kurze Erkundung auf und setzte sich schmollend auf den Boden, weil er nicht mal zurück in sein Bett konnte.„Ich muss mich mehr mit der Magie beschäftigen“, überlegte er.
Nach dieser Erfahrung verschrieb sich der Junge immer mehr der Magie. Zumindest dem, was er dachte, was Magie wäre. Zu meditieren und über das Gefühl nachzudenken war das Einzige, das er machen konnte. Am liebsten hätte er das Dienstmädchen gefragt, welches von seinen Eltern extra für ihn angestellt wurde. Jedoch hatten seine neuen Eltern ihm verboten, mit anderen zu reden.
Beim nächsten gemeinsamen Abendessen wollte er unbedingt fragen, aber bis dahin versuchte er, Magie ohne Hilfe zu lernen. Zum Glück gab es auch in dieser Welt Buchstabensuppe, womit er das Wort „reden“ schreiben konnte.
Seine Mutter schaute zum Dienstpersonal und deutete mit einer schwungvollen Handbewegung, dass es gehen sollte. „Ich brauche Bücher über Magie“, sagte er, nachdem die Tür mit einem lauten Knall zufiel.
„Du kannst doch schon Magie verwenden, sogar ziemlich starke.“ Der Vater meinte damit den Flammenwirbel und den Flug vor einem Jahr.
„Das war nur im Affekt, ich kann das aber nicht kontrollieren“, berichtigte er seinen Vater.
„Gut, wir lassen dir alle Bücher zukommen, die wir über Magie haben“, unterbrach ihn die Mutter und beendete das Gespräch.
Zu dem Zeitpunkt, an dem Letos wieder in sein Zimmer getragen wurde, lagen die Bücher schon auf seinem Tisch. Die Tischplatte war bündig mit der Matratze. Sogar der kleine Letos kam daran. Insgesamt waren es acht Bücher, alle waren in teures Leder gebunden. Darunter war jeweils ein Buch für jede Magie, die er besaß, ein Buch, welches die Magie an sich erklärte, und eins für „Sondermagie“, woran der Junge besonders interessiert war. Das Erklärungsbuch las er zuerst und erfuhr nebenbei gleich etwas über die Welt. Er las zum Beispiel, dass Adlige von Geburt an über mehr magische Kraft verfügen, dass Magie kurzzeitig verstärkt wird, wenn man starke Gefühle verspürt, und dass jede Magie einen anderen Ursprung im Körper innehat. Was das genau bedeutet, stand nicht im Buch. Anschließend nahm er das Buch über Windmagie. Er fand, es sei für den Anfang am nützlichsten fliegen zu können, damit er alles leicht erreichen und überall hin könne. Im Buch war es simpel beschrieben. Man musste die Windströme in der Umgebung fühlen und kontrollieren lernen. Die ganze Nacht las er in dem Buch, verinnerlichte jedes einzelne Wort und probierte einige Sachen aus, von denen aber nichts gelang.
Am nächsten Tag kam Letos’ Mutter, deren Name er immer noch nicht wusste, in sein Zimmer und sagte aufgeregt: „Heute lernst du deinen Bruder kennen.“ Letos hatte bis jetzt noch nichts von einem Bruder gehört, aber eigentlich war es ihm auch egal. Am späten Nachmittag wurde er aus seinem Zimmer geholt und in den Empfangsbereich getragen, wo schon ein Junge stand und mit seinen braunen Haaren spielte. „Luminos, das ist Letos“, stellte die Mutter das Kleinkind vor.
Luminos wirkte verständlicherweise überrascht und glücklich. „Wann hast du denn ein Kind bekommen, Mutter?“, fragte der Junge.
„Wir haben ihn im Wald gefunden. Deine Mutter wollte ihn unbedingt mitnehmen“, beichtete der Vater. Der Gesichtsausdruck von Luminos verfinsterte sich schlagartig. „Er ist also nur ein Ausgesetzter und nicht mein echter Bruder?“, fragte er enttäuscht.
„Ich will, dass du ihn wie einen echten Bruder behandelst“, tadelte ihn seine Mutter.
„Wieso sollte ich einen Ausgestoßenen wie einen Bruder behandeln?“, schrie der Junge zurück.
Seine Mutter schlug ihrem ältesten Sohn ins Gesicht. „Wir haben dir immer beigebracht, dass du jeden gleich behandeln sollst.“ Ein enttäuschter Ausdruck lag auf dem Gesicht des Jungen. Derweil wurde Letos wieder in sein Zimmer gebracht und schlafen gelegt. Das war alles, was Letos von seinem Bruder sah.
Danach vergrub er sich wieder in seine Bücher. Recht schnell hatte er den Dreh mit der Magie raus. Der Fluss der Magie war für ihn erst etwas ungewohnt. Nachdem er aber den Fluss in seinem Körper wahrnahm, hatte er den Grundstein gelegt, um jegliche Magie zu erlernen. Danach musste er nur noch die einzelnen Elemente und die Zauber dazu spüren lernen. Innerhalb von drei Jahren hatte er alles gelernt und konnte praktische Übungen machen. Ein Gefühl für das Fliegen bekam er sehr schnell. Schon bald flog er durch den Vorgarten.
Mit dem fünften Geburtstag fing der Vater an, seinem neuen Sohn genug Aufmerksamkeit zu schenken, um ihm Kampfsport beizubringen.
So vergingen die Jahre. Schließlich war Letos alt genug, um in die Schule zu kommen.

