Arasis
Identität
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 508
ISBN: 978-3-7116-0249-7
Erscheinungsdatum: 18.02.2025
Favon, Gabryelle und Rhemus kämpfen um den Eintritt in die Garde des Königreichs Derelictia. Dabei enthüllen sie korrupte Machenschaften, während die Söldnerin Reika in eine gefährliche Mission verwickelt wird, die das Schicksal des Königreichs beeinflusst.
Prolog
Der Große Bruch
[…] Katastrophen und deren Auswirkungen sind weit über Generationen hinweg zu spüren. Sei es durch Verschwörungen, um die Auslöser der Ereignisse herunterzuspielen, sogar zu verschleiern, oder vielleicht dienen sie sogar als Auslöser für ein Umdenken. Ein Wandel in den Gewohnheiten der Lebewesen, der den Weg für eine bessere Zukunft ebnet. Eine Zukunft, die vielleicht nicht wir selbst, sondern unsere Nachfahren erleben werden, um die Früchte zu ernten, die von all jenen gesät wurden, die sich für eine bessere Welt eingesetzt haben, als es noch nicht zu spät war.
Wenn der Mensch vor einer Katastrophe steht, teilt sich die Gemeinschaft meist in drei größere Gruppen auf. Es gibt die, die das nahende Unheil ignorieren und sich lieber in Glanz und Gloria im eigenen Wohlfühlradius bewegen. Der größte Teil will keinen Gedanken an Unannehmlichkeiten verschwenden und treibt nebeneinander im Fluss der Apathie, hoffend, dass diejenigen, die etwas zu sagen haben, die richtigen Entscheidungen treffen werden. Zu guter Letzt ist es aber der kleinste Teil, der die Macht hat, gegen das Unabwendbare anzukämpfen. Das sind diejenigen, die sich mit all ihren Mitteln auflehnen und sich weder vom Gewicht des Müßiggangs anderer zurückhalten, noch von der Gegenwehr der Ignoranten stoppen lassen. Die große Frage jedoch ist, warum sich genau diese Menschen meist zu spät einschalten, sich meist zu spät versammeln. So betrachtet scheint Trägheit der Menschheit größte Sünde zu sein. […]
Die Ereignisse, die die Menschheit zuletzt heimsuchten, zeigten, dass es auch in diesem Fall und wahrscheinlich im wichtigsten Zeitpunkt wieder zu spät war. Unsere Vergangenheit hatte wieder einmal offengelegt, dass der Mensch mit seiner Gier nach Profit und Macht alles andere ausblenden konnte, um seinem eigenen Untergang entgegenzusteuern, zielstrebig wie eine Nussschale auf den letzten Metern vor einem reißenden Wasserfall.
Schuld und Auslöser dieser Raffgier war ein ganz besonderes Material, welches die Welt über ein Jahrhundert lang beschäftigte: ein oranges Gestein, welches inzwischen Arasis genannt wird und im Sturm den Alltag der Menschen eroberte. Die Menschen erkannten früh, wie vielseitig einsetzbar es in seiner Beschaffung ist, und natürlich wollte jeder Wirtschaftszweig etwas davon abhaben, der glaubte, daraus Geld machen zu können.
Dieses orange Gestein war zu diesen Zeiten Energiequelle, Kraftstoff, Heilmittel und Waffe zugleich. Der Mensch hatte sofort Mittel und Wege gefunden, diese einzigartige Kraft für all seine Bedürfnisse anzupassen, und so begann der Kampf um diese Ressource, welcher die Welt in ihren Untergang führen sollte.
Als die Bevölkerung der alten Welt während eines der zwei weltumfassenden Kriege bei einer Bohrung auf dieses Material stieß, war sofort klar, dass es sich um etwas Weltveränderndes handelte. So neu wie es war, so umfassend waren auch die Möglichkeiten, es zu verwenden. Kaum ein Anwendungsgebiet, in dem es nicht auf irgendeine Art wirkte, und schon bald war nicht mehr genug davon für alle da. Die Menschen versuchten, die Struktur und dessen Magie industriell nachzuahmen, scheiterten jedoch nach Jahrzehnten der Forschung daran und widmeten sich mit allen Mitteln der Schürfung.
Früher hatten die Menschen ihre damals sogenannten Maschinen – aneinandergereihte Metallstücke, die sich von allein bewegten – mit dem Blut der Erde, dem Erdöl, angetrieben und schnell wurde jener Treibstoff durch Arasis ersetzt. Anders als das dunkle Öl war es bei Benutzung nicht schädlich für die Umwelt. Keine Rauchsäulen, die die Luft verpesteten und die Welt in ihrem schmutzigen Mantel erwärmten. Keine Verschmutzung des Wassers, worauf das Öl seine seidene Decke legte, und damit Fische ersticken ließ. Pure Reinheit in oranger Farbe.
Unter dem Deckmantel der damals sogenannten Nachhaltigkeit wurde immer weiter nach besagtem Rohstoff gesucht. Eigentlich eine nachahmenswerte Richtung. Wenn nicht auch hier der Mensch mit seiner Gier alles verpestet hätte. Die Welt verbannte alles, was schlecht für die Umwelt war, und ersetzte es durch Arasis. Ein Geschäft, welches die Reichen noch reicher, die Armen noch ärmer machte und die Welt noch mehr ihrem Untergang entgegensteuern ließ. Der Profit gebar apokalyptische Kinder. Die Welt wurde nun nicht mehr passiv von den Menschen langsam in den Tod getrieben, sondern sie verursachten nun aktiv und vorsätzlich tiefe Wunden, die immer weiter aufzuplatzen drohten. Kriege wurden geführt und schon seit Generationen bestehende Landesgrenzen wurden angefochten, damit hohe Vorkommnisse nicht geteilt werden mussten. Die Welt wurde buchstäblich auseinandergenommen. Um dieses Gestein zu schürfen, musste man unter die oberste Erdschicht graben. Kontinente wurden wegen der massiven äußerlichen Einwirkung aufgerissen und entfernten sich sowohl geographisch als auch im Geiste voneinander. So kam es, dass der Mensch mit dem größten Geschenk, welches ihm die Erde geben konnte – ein Geschenk, um den Planeten wieder zu heilen –, einen Keil formte, um die Welt zu teilen und ihrem Untergang entgegenzuführen.
Ein Mythos besagt, dass Mutter Erde selbst das orange Gestein erschuf, damit wir Menschen Opfer unserer eigenen Gier werden – und sie damit endlich wieder frei wird von der wandelnden Pest auf zwei Beinen. Doch sie hatte nicht bedacht, wie zerstörerisch wir selbst im Angesicht des Abgrunds sind.
Was folgte, war das, was wir unter dem Namen »Der Große Bruch« kennen. Das Erdinnere implodierte und zerriss die gesamte Oberfläche in ihre Einzelteile. Das orange Gestein war die einzige Kraft, die den Planeten davor bewahrte, in die Weiten des Universums geschleudert zu werden. Die daraus entstandenen Brocken formten sich so zu fliegenden Inseln, die die neue Lebensgrundlage für all jene werden sollte, die überlebten. Wären wir doch alle ins Weltall katapultiert worden, dann wäre der Virus Mensch kein Problem mehr für die Welt. Aber spezielle Schutzbunker, gebaut von denen, die den Untergang lange vorhergesagt hatten, beherbergten einige Hunderte Menschen, die den Grundstein für eine neue Zivilisation legen sollten.
Das Wissen der alten Welt wurde zerstört und ist nun kurz davor, in Vergessenheit zu geraten. Zu dem Zeitpunkt, an dem dieses Buch geschrieben wird, besteht der Planet nur noch aus Fragmenten dessen, was ihn früher ausmachte und dort, wo früher der Erdkern gewesen sein mochte, wabert inzwischen ein unheimlicher, violetter Nebel, der den Tod für all jene bedeutet, die sich in seine Untiefen begeben. […]
Unsere Gemeinde der Semina glaubt, dass der Mensch den Samen der Gier immer in sich trägt. Der Mensch bleibt immer gleich. Es ist an jenen, die sich dessen bewusst sind, eine Änderung zu bewirken. Wir sehen uns als solche und sind bereit, die Gier, die all das angerichtet hat, zu tilgen und den Menschen als reines Wesen zu erziehen. […] Bleibt nur zu hoffen, dass der Neustart von allen überlebenden Lebewesen auch genutzt wird und Konsequenzen aus den Ereignissen gezogen werden, bevor der Planet ein weiteres Mal zurückschlägt. Um ihn vor sich selbst zu retten, stehen wir von Semina dem Menschen bei.
Auszug aus: »Tief graben die Wurzeln«
Seite 36–39
verfasst von: Hanz Verta – Erster Schreiber der Sekte »Semina«
56 Jahre nach dem Großen Bruch
verwahrt in der Bibliothek von Tum
Fallen
Kiesel rieselte den Abgrund hinunter. Favons Füße standen fest am Boden, nur seine Fußspitzen ragten über die Klippe hinaus. Er blickte hinunter in den purpurnen, wabernden Nebel, sein Herz raste. Wolken zogen unter ihm vorbei und betonten das, was schon die ganze Zeit seine Gedanken beherrschte: Dass er wohl sehr lange fallen würde, wenn er vornüberkippte. Ein Luftzug schien ihm den letzten Stoß geben zu wollen und blies voller Euphorie gegen den Rücken des jungen auszubildenden Gardisten. Er atmete die trockene, kühle Luft ein. Es roch nach frischem Gras und Frühlingsblüten. Der Tag war wundervoll! Perfekt, um sich im Himmel zu räkeln und hochjauchzend gegen die Luftströmungen ankämpfend die Freiheit zu spüren.
Hinter ihm standen die anderen Kandidaten der bevorstehenden Prüfung. Es war der vorletzte Schritt, den er schaffen musste, damit er endlich als Neuling in der Garde des Königs aufgenommen wurde. Deswegen stand er hier vor dem Abgrund mit einem so lauten Hämmern in der Brust, dass er hätte wetten können, die anderen hörten jeden einzelnen Herzschlag. Doch die Angst ist nur ein Teil der Prüfung – die Angst, in den purpurnen Nebel zu fallen und nie mehr den Weg nach oben zu finden. Wer vom sogenannten Fractura Nebula verschluckt wurde, konnte nie geborgen werden. Der Boden unter den Füßen bestand auf jedem Ort dieser Welt nur aus fliegenden Gesteinsbrocken – schwebende Inseln. So war es schon seit Jahrhunderten, so lehrte man es jedem Kind in den Schulen. Wenn man die Welt entdecken, andere Inseln sehen und neue Kulturen kennenlernen wollte, dann brauchte man ein fliegendes Reittier an seiner Seite. Die Garde war in Favons Augen die beste Gelegenheit, weite Teile im Auftrag des Königs in allen Ecken der Welt zu entdecken und gleichzeitig dafür bezahlt zu werden. Seit er klein war, hatte er diesem Wunsch entgegengestrebt. König Putir Rex XXV war der Herrscher des Reichs Derelictia, in dem Favon aufwuchs. Seit Anfang der Prüfungen wohnte er zusammen mit den anderen Auszubildenden in dessen Hauptstadt Mota. Putir war kein König, den Favon unbedingt schützenswert fand. Eher das Gegenteil war der Fall, denn nach all den Jahren war er zu einem faulen, alten Greis geworden, der sich um Derelictia und die angrenzenden fliegenden Inseln, die zu seinem Reich gehörten, nichts scherte. Er war schon so lange an der Macht und zeigte so wenig Interesse an seinem Volk, dass auf Derelictia die einzelnen Dörfer selbst nochmals Oberhäupter wählten, die alle Aufgaben, die eigentlich dem König zustanden, erledigten.
Aber Favon meldete sich nicht für die Leibgarde, sondern ihm ging es nur um das Fliegen. Als Beauftragter im Namen Putir Rex würde er endlich die Möglichkeit haben, beruflich an neue Orte zu reisen. Er wollte frei sein und überall dorthin fliegen, wohin er wollte, und das war am einfachsten, wenn man sich als Teil der Garde etablierte. Zuerst musste er aber die Prüfung, wegen der er gerade am Rande der Klippe stand, bestehen.
»Wenn du noch länger dort stehen bleibst, kannst du die nächste Prüfung gleich dranhängen, Junge.« Diese Stimme kam von seinem Prüfer hinter ihm. Ein stämmiger Mann mit einem ärmellosen Hemd und Armen so dick wie Baumstämme, was wahrscheinlich der Grund war, warum er keine Ärmel trug. Kein Hemd, das Favon bis jetzt gesehen hatte, würde diesen Bizeps widerstandslos bedecken. Sein mit Edelsteinen verziertes Schwert, das so kostbar wirkte, dass es kaum für den Kampf gedacht sein konnte, hing an seinem Gürtel. Mit der linken Hand darauf ruhend, stellte er das rechte Bein auf einen Stein und lehnte sich herausfordernd nach vorne. Der Brustharnisch, welcher in schwarzem Leder mit grünen Stickereien die Farben des Königreichs repräsentierte, knirschte laut. Offenbar war er neu und noch nicht lang genug getragen. Er lächelte Favon schief entgegen und kaute an einem Stück Holz herum. Seine dicke Nase mit den breiten Nasenflügeln hatte wohl schon den ein oder anderen Schlag abbekommen. So wulstig, wie sie war, warf sie im Sonnenlicht Schatten.
Favon schluckte konzentriert und hob sein rechtes Bein, bevor er seinen Oberkörper vom Wind unterstützt nach vorne fallen ließ. Sein Herz setzte aus und sein Innerstes fühlte sich an, als würde es von einem Blizzard eingehüllt werden. Doch nur für die ersten Momente. Er hatte die letzten Mondzyklen dafür geübt und nun war es an der Zeit, die Früchte vorzuzeigen. Als er an der Klippe vorbeifiel und sein Gesicht vom Gegenwind straff nach hinten gezogen wurde, als wäre es von unsichtbaren Händen gehalten worden, funktionierte Favon wie von selbst. Er positionierte seine Gliedmaßen so, dass sein Körper sich von selbst umdrehte.
Mit dem Rücken nach unten gerichtet, stieß er einen schrillen Pfiff aus. Man mochte gar nicht glauben, wie schwer es war, im freien Fall zu pfeifen. Er presste seine Zähne zusammen, schob seine Unterlippe über die unteren Zähne und stieß all die Luft in seiner Lunge aus. Zu seiner Linken hörte er als Antwort den Schrei seines fliegenden Reittieres, mit dem er die letzten Monde jedes Kommando immer wieder wiederholt hatte, damit dieser Moment so reibungslos wie möglich funktionierte. Favon drehte sich mit einer weiteren geschickten Umverteilung des Luftwiderstandes um, sodass er wieder den violetten Nebel unter sich auf ihn zurasen sah. Er streckte all seine Gliedmaßen aus und versuchte so, den Sturz zu verlangsamen.
Plötzlich tauchte unter ihm ein großer Luchs auf mit buschigen Ohren und mächtigen, gefiederten Flügeln und einer Spannweite von über drei Schritt. Die fliegende Raubkatze fing an, sich Favons Sturz in die Tiefe anzupassen, und richtete seinen Körper parallel zu ihm aus. Favon griff nach dem Horn des Sattels und zog sich heran, spreizte seine Beine und presste sie am Leib des Luchses zusammen. Für seinen treuen Gefährten war das ein Zeichen, dass er nun den Sturz abbrechen und die angewinkelten Flügel ausbreiten konnte, um an Höhe zu gewinnen. Mit einem kurzen Schrei flogen sie auch schon wieder nach oben, drehten Pirouetten und genossen es, sich gemeinsam der Schwerkraft zu widersetzen.
»Sehr gut gemacht, Nappa! War doch gar nicht so schwer! Die ganze Übung hat sich ausgezahlt!« Favon lehnte sich zum Kopf des Tieres, lobte es mit einer kraulenden Bewegung durch das Fell hinter den Pinselohren. Ein wohliges Schnurren war die Antwort. »Nun widmen wir uns dem eigentlichen Teil.«
Noch bevor er sich die Umgebung näher ansehen konnte, durchfuhr ihn schon ein Ruck und der Aufschrei eines riesigen Truthahngeiers mit einem purpurroten Kopf ließ das Duo herumwirbeln. Sein Prüfer mit der wulstigen Nase, Traogenta, saß auf dem Hals eines übergroßen Greifvogels und lachte amüsiert. Der Hüne saß am unteren Ende des Halses auf einem Sattel. Der Vogel selbst war sicherlich fünf Schritt groß und mit ausgebreiteten Flügeln nahm er eine furchteinflößende Gestalt an. Die scharfen Krallen des Ungetüms wollten Favon während eines Sturzflugs packen, verpassten den Jungen aber um Haaresbreite. Durch den Schwung des Angriffs schoss der Prüfer weiterhin nach unten und selbst das schnelle Ausbreiten der mächtigen Flügel bremste den Sturzflug nur sehr langsam. Das gab Favon genug Zeit, sich zu sammeln und die Situation neu zu bewerten.
Das Ziel war es, Traogenta oder seinen fliegenden Begleiter mit der Handfläche zu berühren, nachdem man das Aufsitzen nach einem Fall absolviert hatte. Der Prüfer tat natürlich sein Möglichstes, um dies zu verhindern. Jahrelange Erfahrung in der Garde und Ausbilder in den Fächern Flugbefehle und Aerodynamik erkoren ihn zum Favoriten dieses Scharmützels.
Nun da Favon über Traogenta flog, war er in der günstigeren Position und er wollte das so schnell wie möglich zu seinem Vorteil nutzen. Mit einem leichten Druck gegen den Brustkorb seines fliegenden Luchses signalisierte er ihm, die Verfolgung aufzunehmen, und sie setzten hinterher. Er vertraute auf die angeborene Geschicklichkeit der Katze und wollte gemeinsam mit Nappa auf dem Rücken des Vogels landen, doch kurz bevor die Pfoten das Gefieder berühren konnten, wirbelte Traogenta mit seinem Geier in der Vertikale herum und traf Favon mit einem Fausthieb mitten ins Gesicht. Der Sturzflug und die geballte Kraft des muskulösen Mannes ließen alles um ihn herum dunkel werden.
Ein stechendes Pochen im Kopf ließ Favon wieder erwachen. Er lag inzwischen auf borstigem Gras und der Wind ließ die Nadeln der Tannenbäume wie tausend kleine Finger über sein Gesicht streichen. Ein Klingeln in seinen Ohren verdrängte die Dunkelheit um ihn. Von weit weg hörte er Getuschel. Der junge zukünftige Gardist öffnete seine Augen und hielt die Hand vors Gesicht. Die Sonne ließ seine Pupillen verengen. Vorsichtig richtete er sich auf und das Getuschel wandelte sich in Gesprächsfetzen um, die er inzwischen mit großer Not zuordnen konnte. Seine Mitprüflinge schienen über die Prüfung zu sprechen. Er wusste nur noch, dass er sein Bewusstsein verlor, als die große Faust sein Kiefer traf. Was danach passiert war, konnte er nicht mehr sagen.
»Das war haarscharf! Fast hättest du ihn gehabt«, sagte Rhemus aufmunternd.
Sein schlanker, muskulöser Freund kniete lächelnd über ihm. In seinen blauen Augen funkelte eine leichte Schadenfreude, und sein verschmitztes Grinsen reichte von einem Ohr zum anderen.
»Haarscharf?«, antwortete Favon erschöpft und griff nach Rhemus‘ Handgelenk, um sich hochzuziehen. Sein Freund half ihm auf die Beine. Alle anderen standen um ihn herum. »Wohl eher vollkommen desaströs. Dieser Muskelberg hat mir bei meinem Sturzflug direkt ins Gesicht geschlagen und mir die Lichter ausgeblasen.« Verärgert klopfte er sich den Staub und das Gras von seiner Lederrüstung und merkte, dass sich alles um ihn herum drehte. Er musste sich breitbeiniger hinstellen, um nicht umzufallen.
...
Der Große Bruch
[…] Katastrophen und deren Auswirkungen sind weit über Generationen hinweg zu spüren. Sei es durch Verschwörungen, um die Auslöser der Ereignisse herunterzuspielen, sogar zu verschleiern, oder vielleicht dienen sie sogar als Auslöser für ein Umdenken. Ein Wandel in den Gewohnheiten der Lebewesen, der den Weg für eine bessere Zukunft ebnet. Eine Zukunft, die vielleicht nicht wir selbst, sondern unsere Nachfahren erleben werden, um die Früchte zu ernten, die von all jenen gesät wurden, die sich für eine bessere Welt eingesetzt haben, als es noch nicht zu spät war.
Wenn der Mensch vor einer Katastrophe steht, teilt sich die Gemeinschaft meist in drei größere Gruppen auf. Es gibt die, die das nahende Unheil ignorieren und sich lieber in Glanz und Gloria im eigenen Wohlfühlradius bewegen. Der größte Teil will keinen Gedanken an Unannehmlichkeiten verschwenden und treibt nebeneinander im Fluss der Apathie, hoffend, dass diejenigen, die etwas zu sagen haben, die richtigen Entscheidungen treffen werden. Zu guter Letzt ist es aber der kleinste Teil, der die Macht hat, gegen das Unabwendbare anzukämpfen. Das sind diejenigen, die sich mit all ihren Mitteln auflehnen und sich weder vom Gewicht des Müßiggangs anderer zurückhalten, noch von der Gegenwehr der Ignoranten stoppen lassen. Die große Frage jedoch ist, warum sich genau diese Menschen meist zu spät einschalten, sich meist zu spät versammeln. So betrachtet scheint Trägheit der Menschheit größte Sünde zu sein. […]
Die Ereignisse, die die Menschheit zuletzt heimsuchten, zeigten, dass es auch in diesem Fall und wahrscheinlich im wichtigsten Zeitpunkt wieder zu spät war. Unsere Vergangenheit hatte wieder einmal offengelegt, dass der Mensch mit seiner Gier nach Profit und Macht alles andere ausblenden konnte, um seinem eigenen Untergang entgegenzusteuern, zielstrebig wie eine Nussschale auf den letzten Metern vor einem reißenden Wasserfall.
Schuld und Auslöser dieser Raffgier war ein ganz besonderes Material, welches die Welt über ein Jahrhundert lang beschäftigte: ein oranges Gestein, welches inzwischen Arasis genannt wird und im Sturm den Alltag der Menschen eroberte. Die Menschen erkannten früh, wie vielseitig einsetzbar es in seiner Beschaffung ist, und natürlich wollte jeder Wirtschaftszweig etwas davon abhaben, der glaubte, daraus Geld machen zu können.
Dieses orange Gestein war zu diesen Zeiten Energiequelle, Kraftstoff, Heilmittel und Waffe zugleich. Der Mensch hatte sofort Mittel und Wege gefunden, diese einzigartige Kraft für all seine Bedürfnisse anzupassen, und so begann der Kampf um diese Ressource, welcher die Welt in ihren Untergang führen sollte.
Als die Bevölkerung der alten Welt während eines der zwei weltumfassenden Kriege bei einer Bohrung auf dieses Material stieß, war sofort klar, dass es sich um etwas Weltveränderndes handelte. So neu wie es war, so umfassend waren auch die Möglichkeiten, es zu verwenden. Kaum ein Anwendungsgebiet, in dem es nicht auf irgendeine Art wirkte, und schon bald war nicht mehr genug davon für alle da. Die Menschen versuchten, die Struktur und dessen Magie industriell nachzuahmen, scheiterten jedoch nach Jahrzehnten der Forschung daran und widmeten sich mit allen Mitteln der Schürfung.
Früher hatten die Menschen ihre damals sogenannten Maschinen – aneinandergereihte Metallstücke, die sich von allein bewegten – mit dem Blut der Erde, dem Erdöl, angetrieben und schnell wurde jener Treibstoff durch Arasis ersetzt. Anders als das dunkle Öl war es bei Benutzung nicht schädlich für die Umwelt. Keine Rauchsäulen, die die Luft verpesteten und die Welt in ihrem schmutzigen Mantel erwärmten. Keine Verschmutzung des Wassers, worauf das Öl seine seidene Decke legte, und damit Fische ersticken ließ. Pure Reinheit in oranger Farbe.
Unter dem Deckmantel der damals sogenannten Nachhaltigkeit wurde immer weiter nach besagtem Rohstoff gesucht. Eigentlich eine nachahmenswerte Richtung. Wenn nicht auch hier der Mensch mit seiner Gier alles verpestet hätte. Die Welt verbannte alles, was schlecht für die Umwelt war, und ersetzte es durch Arasis. Ein Geschäft, welches die Reichen noch reicher, die Armen noch ärmer machte und die Welt noch mehr ihrem Untergang entgegensteuern ließ. Der Profit gebar apokalyptische Kinder. Die Welt wurde nun nicht mehr passiv von den Menschen langsam in den Tod getrieben, sondern sie verursachten nun aktiv und vorsätzlich tiefe Wunden, die immer weiter aufzuplatzen drohten. Kriege wurden geführt und schon seit Generationen bestehende Landesgrenzen wurden angefochten, damit hohe Vorkommnisse nicht geteilt werden mussten. Die Welt wurde buchstäblich auseinandergenommen. Um dieses Gestein zu schürfen, musste man unter die oberste Erdschicht graben. Kontinente wurden wegen der massiven äußerlichen Einwirkung aufgerissen und entfernten sich sowohl geographisch als auch im Geiste voneinander. So kam es, dass der Mensch mit dem größten Geschenk, welches ihm die Erde geben konnte – ein Geschenk, um den Planeten wieder zu heilen –, einen Keil formte, um die Welt zu teilen und ihrem Untergang entgegenzuführen.
Ein Mythos besagt, dass Mutter Erde selbst das orange Gestein erschuf, damit wir Menschen Opfer unserer eigenen Gier werden – und sie damit endlich wieder frei wird von der wandelnden Pest auf zwei Beinen. Doch sie hatte nicht bedacht, wie zerstörerisch wir selbst im Angesicht des Abgrunds sind.
Was folgte, war das, was wir unter dem Namen »Der Große Bruch« kennen. Das Erdinnere implodierte und zerriss die gesamte Oberfläche in ihre Einzelteile. Das orange Gestein war die einzige Kraft, die den Planeten davor bewahrte, in die Weiten des Universums geschleudert zu werden. Die daraus entstandenen Brocken formten sich so zu fliegenden Inseln, die die neue Lebensgrundlage für all jene werden sollte, die überlebten. Wären wir doch alle ins Weltall katapultiert worden, dann wäre der Virus Mensch kein Problem mehr für die Welt. Aber spezielle Schutzbunker, gebaut von denen, die den Untergang lange vorhergesagt hatten, beherbergten einige Hunderte Menschen, die den Grundstein für eine neue Zivilisation legen sollten.
Das Wissen der alten Welt wurde zerstört und ist nun kurz davor, in Vergessenheit zu geraten. Zu dem Zeitpunkt, an dem dieses Buch geschrieben wird, besteht der Planet nur noch aus Fragmenten dessen, was ihn früher ausmachte und dort, wo früher der Erdkern gewesen sein mochte, wabert inzwischen ein unheimlicher, violetter Nebel, der den Tod für all jene bedeutet, die sich in seine Untiefen begeben. […]
Unsere Gemeinde der Semina glaubt, dass der Mensch den Samen der Gier immer in sich trägt. Der Mensch bleibt immer gleich. Es ist an jenen, die sich dessen bewusst sind, eine Änderung zu bewirken. Wir sehen uns als solche und sind bereit, die Gier, die all das angerichtet hat, zu tilgen und den Menschen als reines Wesen zu erziehen. […] Bleibt nur zu hoffen, dass der Neustart von allen überlebenden Lebewesen auch genutzt wird und Konsequenzen aus den Ereignissen gezogen werden, bevor der Planet ein weiteres Mal zurückschlägt. Um ihn vor sich selbst zu retten, stehen wir von Semina dem Menschen bei.
Auszug aus: »Tief graben die Wurzeln«
Seite 36–39
verfasst von: Hanz Verta – Erster Schreiber der Sekte »Semina«
56 Jahre nach dem Großen Bruch
verwahrt in der Bibliothek von Tum
Fallen
Kiesel rieselte den Abgrund hinunter. Favons Füße standen fest am Boden, nur seine Fußspitzen ragten über die Klippe hinaus. Er blickte hinunter in den purpurnen, wabernden Nebel, sein Herz raste. Wolken zogen unter ihm vorbei und betonten das, was schon die ganze Zeit seine Gedanken beherrschte: Dass er wohl sehr lange fallen würde, wenn er vornüberkippte. Ein Luftzug schien ihm den letzten Stoß geben zu wollen und blies voller Euphorie gegen den Rücken des jungen auszubildenden Gardisten. Er atmete die trockene, kühle Luft ein. Es roch nach frischem Gras und Frühlingsblüten. Der Tag war wundervoll! Perfekt, um sich im Himmel zu räkeln und hochjauchzend gegen die Luftströmungen ankämpfend die Freiheit zu spüren.
Hinter ihm standen die anderen Kandidaten der bevorstehenden Prüfung. Es war der vorletzte Schritt, den er schaffen musste, damit er endlich als Neuling in der Garde des Königs aufgenommen wurde. Deswegen stand er hier vor dem Abgrund mit einem so lauten Hämmern in der Brust, dass er hätte wetten können, die anderen hörten jeden einzelnen Herzschlag. Doch die Angst ist nur ein Teil der Prüfung – die Angst, in den purpurnen Nebel zu fallen und nie mehr den Weg nach oben zu finden. Wer vom sogenannten Fractura Nebula verschluckt wurde, konnte nie geborgen werden. Der Boden unter den Füßen bestand auf jedem Ort dieser Welt nur aus fliegenden Gesteinsbrocken – schwebende Inseln. So war es schon seit Jahrhunderten, so lehrte man es jedem Kind in den Schulen. Wenn man die Welt entdecken, andere Inseln sehen und neue Kulturen kennenlernen wollte, dann brauchte man ein fliegendes Reittier an seiner Seite. Die Garde war in Favons Augen die beste Gelegenheit, weite Teile im Auftrag des Königs in allen Ecken der Welt zu entdecken und gleichzeitig dafür bezahlt zu werden. Seit er klein war, hatte er diesem Wunsch entgegengestrebt. König Putir Rex XXV war der Herrscher des Reichs Derelictia, in dem Favon aufwuchs. Seit Anfang der Prüfungen wohnte er zusammen mit den anderen Auszubildenden in dessen Hauptstadt Mota. Putir war kein König, den Favon unbedingt schützenswert fand. Eher das Gegenteil war der Fall, denn nach all den Jahren war er zu einem faulen, alten Greis geworden, der sich um Derelictia und die angrenzenden fliegenden Inseln, die zu seinem Reich gehörten, nichts scherte. Er war schon so lange an der Macht und zeigte so wenig Interesse an seinem Volk, dass auf Derelictia die einzelnen Dörfer selbst nochmals Oberhäupter wählten, die alle Aufgaben, die eigentlich dem König zustanden, erledigten.
Aber Favon meldete sich nicht für die Leibgarde, sondern ihm ging es nur um das Fliegen. Als Beauftragter im Namen Putir Rex würde er endlich die Möglichkeit haben, beruflich an neue Orte zu reisen. Er wollte frei sein und überall dorthin fliegen, wohin er wollte, und das war am einfachsten, wenn man sich als Teil der Garde etablierte. Zuerst musste er aber die Prüfung, wegen der er gerade am Rande der Klippe stand, bestehen.
»Wenn du noch länger dort stehen bleibst, kannst du die nächste Prüfung gleich dranhängen, Junge.« Diese Stimme kam von seinem Prüfer hinter ihm. Ein stämmiger Mann mit einem ärmellosen Hemd und Armen so dick wie Baumstämme, was wahrscheinlich der Grund war, warum er keine Ärmel trug. Kein Hemd, das Favon bis jetzt gesehen hatte, würde diesen Bizeps widerstandslos bedecken. Sein mit Edelsteinen verziertes Schwert, das so kostbar wirkte, dass es kaum für den Kampf gedacht sein konnte, hing an seinem Gürtel. Mit der linken Hand darauf ruhend, stellte er das rechte Bein auf einen Stein und lehnte sich herausfordernd nach vorne. Der Brustharnisch, welcher in schwarzem Leder mit grünen Stickereien die Farben des Königreichs repräsentierte, knirschte laut. Offenbar war er neu und noch nicht lang genug getragen. Er lächelte Favon schief entgegen und kaute an einem Stück Holz herum. Seine dicke Nase mit den breiten Nasenflügeln hatte wohl schon den ein oder anderen Schlag abbekommen. So wulstig, wie sie war, warf sie im Sonnenlicht Schatten.
Favon schluckte konzentriert und hob sein rechtes Bein, bevor er seinen Oberkörper vom Wind unterstützt nach vorne fallen ließ. Sein Herz setzte aus und sein Innerstes fühlte sich an, als würde es von einem Blizzard eingehüllt werden. Doch nur für die ersten Momente. Er hatte die letzten Mondzyklen dafür geübt und nun war es an der Zeit, die Früchte vorzuzeigen. Als er an der Klippe vorbeifiel und sein Gesicht vom Gegenwind straff nach hinten gezogen wurde, als wäre es von unsichtbaren Händen gehalten worden, funktionierte Favon wie von selbst. Er positionierte seine Gliedmaßen so, dass sein Körper sich von selbst umdrehte.
Mit dem Rücken nach unten gerichtet, stieß er einen schrillen Pfiff aus. Man mochte gar nicht glauben, wie schwer es war, im freien Fall zu pfeifen. Er presste seine Zähne zusammen, schob seine Unterlippe über die unteren Zähne und stieß all die Luft in seiner Lunge aus. Zu seiner Linken hörte er als Antwort den Schrei seines fliegenden Reittieres, mit dem er die letzten Monde jedes Kommando immer wieder wiederholt hatte, damit dieser Moment so reibungslos wie möglich funktionierte. Favon drehte sich mit einer weiteren geschickten Umverteilung des Luftwiderstandes um, sodass er wieder den violetten Nebel unter sich auf ihn zurasen sah. Er streckte all seine Gliedmaßen aus und versuchte so, den Sturz zu verlangsamen.
Plötzlich tauchte unter ihm ein großer Luchs auf mit buschigen Ohren und mächtigen, gefiederten Flügeln und einer Spannweite von über drei Schritt. Die fliegende Raubkatze fing an, sich Favons Sturz in die Tiefe anzupassen, und richtete seinen Körper parallel zu ihm aus. Favon griff nach dem Horn des Sattels und zog sich heran, spreizte seine Beine und presste sie am Leib des Luchses zusammen. Für seinen treuen Gefährten war das ein Zeichen, dass er nun den Sturz abbrechen und die angewinkelten Flügel ausbreiten konnte, um an Höhe zu gewinnen. Mit einem kurzen Schrei flogen sie auch schon wieder nach oben, drehten Pirouetten und genossen es, sich gemeinsam der Schwerkraft zu widersetzen.
»Sehr gut gemacht, Nappa! War doch gar nicht so schwer! Die ganze Übung hat sich ausgezahlt!« Favon lehnte sich zum Kopf des Tieres, lobte es mit einer kraulenden Bewegung durch das Fell hinter den Pinselohren. Ein wohliges Schnurren war die Antwort. »Nun widmen wir uns dem eigentlichen Teil.«
Noch bevor er sich die Umgebung näher ansehen konnte, durchfuhr ihn schon ein Ruck und der Aufschrei eines riesigen Truthahngeiers mit einem purpurroten Kopf ließ das Duo herumwirbeln. Sein Prüfer mit der wulstigen Nase, Traogenta, saß auf dem Hals eines übergroßen Greifvogels und lachte amüsiert. Der Hüne saß am unteren Ende des Halses auf einem Sattel. Der Vogel selbst war sicherlich fünf Schritt groß und mit ausgebreiteten Flügeln nahm er eine furchteinflößende Gestalt an. Die scharfen Krallen des Ungetüms wollten Favon während eines Sturzflugs packen, verpassten den Jungen aber um Haaresbreite. Durch den Schwung des Angriffs schoss der Prüfer weiterhin nach unten und selbst das schnelle Ausbreiten der mächtigen Flügel bremste den Sturzflug nur sehr langsam. Das gab Favon genug Zeit, sich zu sammeln und die Situation neu zu bewerten.
Das Ziel war es, Traogenta oder seinen fliegenden Begleiter mit der Handfläche zu berühren, nachdem man das Aufsitzen nach einem Fall absolviert hatte. Der Prüfer tat natürlich sein Möglichstes, um dies zu verhindern. Jahrelange Erfahrung in der Garde und Ausbilder in den Fächern Flugbefehle und Aerodynamik erkoren ihn zum Favoriten dieses Scharmützels.
Nun da Favon über Traogenta flog, war er in der günstigeren Position und er wollte das so schnell wie möglich zu seinem Vorteil nutzen. Mit einem leichten Druck gegen den Brustkorb seines fliegenden Luchses signalisierte er ihm, die Verfolgung aufzunehmen, und sie setzten hinterher. Er vertraute auf die angeborene Geschicklichkeit der Katze und wollte gemeinsam mit Nappa auf dem Rücken des Vogels landen, doch kurz bevor die Pfoten das Gefieder berühren konnten, wirbelte Traogenta mit seinem Geier in der Vertikale herum und traf Favon mit einem Fausthieb mitten ins Gesicht. Der Sturzflug und die geballte Kraft des muskulösen Mannes ließen alles um ihn herum dunkel werden.
Ein stechendes Pochen im Kopf ließ Favon wieder erwachen. Er lag inzwischen auf borstigem Gras und der Wind ließ die Nadeln der Tannenbäume wie tausend kleine Finger über sein Gesicht streichen. Ein Klingeln in seinen Ohren verdrängte die Dunkelheit um ihn. Von weit weg hörte er Getuschel. Der junge zukünftige Gardist öffnete seine Augen und hielt die Hand vors Gesicht. Die Sonne ließ seine Pupillen verengen. Vorsichtig richtete er sich auf und das Getuschel wandelte sich in Gesprächsfetzen um, die er inzwischen mit großer Not zuordnen konnte. Seine Mitprüflinge schienen über die Prüfung zu sprechen. Er wusste nur noch, dass er sein Bewusstsein verlor, als die große Faust sein Kiefer traf. Was danach passiert war, konnte er nicht mehr sagen.
»Das war haarscharf! Fast hättest du ihn gehabt«, sagte Rhemus aufmunternd.
Sein schlanker, muskulöser Freund kniete lächelnd über ihm. In seinen blauen Augen funkelte eine leichte Schadenfreude, und sein verschmitztes Grinsen reichte von einem Ohr zum anderen.
»Haarscharf?«, antwortete Favon erschöpft und griff nach Rhemus‘ Handgelenk, um sich hochzuziehen. Sein Freund half ihm auf die Beine. Alle anderen standen um ihn herum. »Wohl eher vollkommen desaströs. Dieser Muskelberg hat mir bei meinem Sturzflug direkt ins Gesicht geschlagen und mir die Lichter ausgeblasen.« Verärgert klopfte er sich den Staub und das Gras von seiner Lederrüstung und merkte, dass sich alles um ihn herum drehte. Er musste sich breitbeiniger hinstellen, um nicht umzufallen.
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