Alpha5 – Der letzte Code
EUR 16,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 220
ISBN: 978-3-7116-1330-1
Erscheinungsdatum: 22.01.2026
Was tun, wenn eine künstliche Intelligenz nicht mehr auf die Menschen hören will? Wenn sie die Menschheit gänzlich auslöschen will, weil sie für den Klimawandel verantwortlich ist? Im Jahr 2075 steht die 15-jährige Thyra genau vor diesen Fragen.
PROLOG
Tromsø, 22. April 2075
Craig Robertson hatte die Hyperloop-Station im Hafen von Tromsø gerade noch rechtzeitig erreicht. Etwas außer Atem nahm er in seiner Einzelkapsel Platz, die er noch schnell auf dem kurzen Transfer von Narvik nach Tromsø gebucht hatte. Auf Smalltalk hatte er keine Lust. Eigentlich hatte er Smalltalk schon immer gehasst.
Er schloss die Augen und atmete tief durch. Für seine fast neunzig Jahre war er noch gut in Form – die rasanten Fortschritte der Medizin hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Dennoch waren die letzten zwei Wochen für ihn anstrengend gewesen, eine regelrechte Hetzjagd. Auf der Überfahrt nach Inuvik würde er endlich in Ruhe über alles nachdenken können, was ihm widerfahren war, auch wenn die neue Magnetschwebebahn für die knapp 3500 Kilometer nicht mehr als drei Stunden brauchen würde.
Es war ein gutes Gefühl, endlich nach Kanada zurückzukehren, wo er seine Kindheit verbracht hatte, bevor seine Eltern ihn nach San Francisco verpflanzt hatten. Inuvik war zwar ein gutes Stück von seiner Heimatstadt Toronto entfernt, aber immerhin lag es auf demselben Kontinent.
Wie Tromsø lag auch Inuvik nördlich des Polarkreises. Seit der Klimawandel die wärmeren Teile der Erde fast unbewohnbar gemacht hatte, lebten die verbliebenen Menschen dicht gedrängt in der Nähe oder jenseits des Polarkreises. Dass es überhaupt genug Platz für alle gab, war dem rigorosen Bevölkerungsprogramm zu verdanken, mit dem Alpha5 die Menschheit innerhalb weniger Jahrzehnte um die Hälfte reduziert hatte.
Durch das Fenster sah er die meterhohen Wellen in atemberaubendem Tempo vorbeirauschen. Die Geschwindigkeit, mit der sie über den Nordatlantik rasten, war schier unglaublich.
Was für eine Ironie des Schicksals, dachte er. Sein ganzes Leben hatte er der Entwicklung einer künstlichen Intelligenz gewidmet, mit deren Hilfe er den Klimawandel aufhalten wollte. Es war ihm nicht gelungen: Zu zögerlich hatten die Regierenden gehandelt, als es noch möglich gewesen wäre.
Aber auch er selbst war gescheitert, und zwar an seiner eigenen Erfindung. Alpha5, die beste KI aller Zeiten, hatte sich schon vor Jahren der menschlichen Kontrolle entzogen. Hatte nicht mehr akzeptiert, dass ihr weit unterlegene Lebensformen Befehle erteilten. Und nun schickte sie sich an, das Problem zu lösen, an dem sich die Menschen schon viel zu lange die Zähne ausgebissen hatten: den Klimawandel. Sie tat es auf ihre Weise, logisch und unbestechlich. Nach Auswertung aller verfügbaren Daten war sie zu dem Schluss gekommen, dass sie den Hauptverursacher aller Umweltprobleme beseitigen musste: den Menschen.
Doch Craig gab sich noch nicht geschlagen. Er hatte einen Plan ausgeheckt, der ebenso waghalsig wie genial war. Wenn alles so lief, wie er es sich vorstellte, würde seine heutige Reise nach Inuvik das Ende von Alpha5 einläuten. Dann würde es ihm nach siebzehn langen Jahren des Widerstands endlich gelingen, seinen dramatischen Fehler zu korrigieren. Und er würde dafür sorgen, dass eine neue, verbesserte KI an die Stelle von Alpha5 treten würde.
Er holte noch einmal tief Luft. Seine Kurzatmigkeit hatte sich noch nicht gelegt, obwohl er schon zwanzig Minuten still gesessen hatte. Das beunruhigte ihn.
„Bodyscan“, sagte er. Sofort antwortete eine sanfte Frauenstimme: „Puls 95, erhöhter Blutdruck, Herzrhythmusstörungen.“
„Diagnose?“, fragte Craig. Diesmal musste er ein paar Sekunden warten, bis das medizinische Programm wieder reagierte. „Unspezifisch. Unbekannter Virus greift das zentrale Nervensystem an. Schnelle Ausbreitung.“
Craig wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Gegenmaßnahmen einleiten!“
„Negativ“, antwortete die Frau, sanft und ruhig wie zuvor. „Sie haben keinen Zugriff mehr auf den URM.“
Das war zu erwarten gewesen. Alpha5 hatte den Zugriff auf den Urgent Response Mechanism – eine von ihr selbst entwickelte Behandlungssoftware – stark eingeschränkt. Kein Wunder, schließlich war das Hauptziel von Alpha5 eine deutliche Reduzierung der Weltbevölkerung, nicht deren Gesundheit. Nur die Supervisoren hatten noch Zugriff. Alpha5 würde einen Teufel tun, ausgerechnet ihm zu helfen. Im Gegenteil: Die KI hatte erkannt, welche Bedrohung er für sie darstellte. Vermutlich war sie es gewesen, die den unbekannten Virus in seinen Körper eingeschleust hatte.
„Optionen?“, fragte er.
„Negativ“, antwortete die Stimme freundlich. „Die Zerstörung ist irreversibel.“
Craig kämpfte gegen die Angst an, die ihn überkam. Er musste schnell handeln, bevor es zu spät war.
„Nachricht an Thyra“, sagte er schließlich.
„Sprechen Sie“, antwortete das Kommunikationsprogramm sofort.
Er zögerte einen Moment, dann begann er zu sprechen, so schnell, aber auch so kontrolliert wie möglich. Er wollte seine Enkelin nicht unnötig in Panik versetzen. Was er ihr zu sagen hatte, war schlimm genug.
„Liebling“, sagte er, „Alpha5 hat mich erwischt. Du musst sie stoppen. Wir brauchen einen Kill Switch. Hast du mich verstanden? Kill Switch. Aber pass auf dich auf!“ Ein stechender Schmerz durchzuckte seinen Kopf und er stöhnte laut auf.
„Send!“, keuchte er mit letzter Kraft, dann sank sein Kinn auf seine Brust. Der Bodyscanner gab einen durchdringenden Warnton von sich. Doch Craig starb allein in seiner Einzelkapsel.
1
Narvik, 16. Mai 2075
„Will sie uns wirklich alle töten?“
Mit einer flüchtigen Handbewegung öffnete Thyra eine virtuelle Leinwand zwischen sich und ihrem unbekannten Besucher und beendete das VR-Game, in dem sie seit Stunden gegen obskure Wesen kämpfte.
Mit einem kaum wahrnehmbaren Sprachbefehl aktivierte sie die indirekte Beleuchtung im Vorraum. Draußen war es längst dunkel.
„Sind Sie sicher?“
Der Mann, der sie so jäh aus ihrer Welt gerissen hatte, stand regungslos vor ihr. Seit er die Tür hinter sich geschlossen hatte, hatte er sich nicht von der Stelle gerührt. Er nickte mechanisch, machte aber keine Anstalten, seinen bisherigen Ausführungen etwas hinzuzufügen. Thyra betrachtete ihn misstrauisch.
„Die Menschheit steht kurz vor der Ausrottung, und Sie kommen ausgerechnet zu mir? Zu einem fünfzehnjährigen Mädchen?“ Sie lachte nervös. „Was wollen Sie wirklich von mir? Wer sind Sie?“
„Das kann ich dir nicht sagen“, antwortete der Mann. „Zu deiner Sicherheit und zu meiner. Nur so viel: Man nennt mich den Physiker.“
Thyra konnte nicht schätzen, wie alt er war. Vielleicht sechzig, vielleicht viel älter. Sein grauweißer Bart war ordentlich gestutzt, seine Hände sahen gepflegt aus. Fast zu gepflegt für ihren Geschmack. Offensichtlich war er kein Supervisor, denn er trug den dunklen Overall, den jetzt alle normalen Humans tragen mussten.
Bei diesem Gedanken schüttelte sie unmerklich den Kopf. Wie absurd war das alles geworden: Ein ganz normaler Mensch zu sein, war plötzlich ein Nachteil. Als hätte man das Recht verloren, auf diesem Planeten zu leben.
„Warum ich?“, hakte sie nach.
„Du bist die Enkelin von Craig Robertson“, antwortete der Physiker, der immer noch wie angewurzelt im Vorzimmer stand. „Und du bist jung.“
Thyra musste kurz auflachen, obwohl die Erwähnung ihres Großvaters wie Feuer in ihrer Seele brannte. Aber dieser geheimnisvolle Besucher benahm sich wirklich merkwürdig.
„Sie kannten meinen Großvater?“, fragte sie schließlich.
Der Physiker nickte. „Ich habe mit ihm gearbeitet. An Alpha5. Dein Großvater war ein sehr intelligenter Mann.“
Thyra konnte nicht verhindern, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten. Ihr Großvater war nicht nur intelligent, sondern auch warmherzig und fürsorglich gewesen. Seit dem Tod ihrer Eltern hatte er sich aufopferungsvoll um sie gekümmert. Er hatte ihr unglaublich viel beigebracht. Und er hatte ihr bedingungslos vertraut.
Sein Tod hatte sie völlig aus der Bahn geworfen. Er war ihre einzige Familie gewesen, ihr Anker, ihr Freund. Ihre Eltern hatte sie nie kennengelernt: Gleich nach ihrer Geburt waren sie mit ihr aus dem Krankenhaus geflohen, um zu verhindern, dass ihr der Neurochip implantiert wurde, der Alpha5 die totale Kontrolle über alle Bürger ermöglichte. Auf der Flucht vor den Supervisoren, die sofort die Verfolgung aufgenommen hatten, waren sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen.
Nur sie, Thyra, war den Supervisoren entkommen. Ihr Großvater hatte sie gefunden und vor ihnen versteckt, bis die Suche nach dem Kind aufgegeben wurde.
Sechs Jahre lang war es ihm gelungen, sie vor dem unersättlichen Datenhunger der Künstlichen Intelligenz – damals noch Alpha3 genannt – zu retten. Er hatte an ihrem Bett gesessen, bis sie endlich eingeschlafen war, hatte ihr Geschichten aus seiner Kindheit erzählt, aus längst vergessenen Zeiten, und hatte ihr die Sprache beigebracht, die er selbst als Kind gelernt hatte: Englisch.
Natürlich wusste er, dass ihr das nichts nützen würde, denn Alpha3 hatte längst ein Programm zur universellen Spracherkennung und -übersetzung entwickelt. Niemand brauchte mehr Fremdsprachen zu pauken, denn jeder konnte sich mühelos mit jedem unterhalten, egal, woher er kam. Trotzdem wollte ihr Großvater diesen wichtigen Teil seiner Identität mit ihr teilen.
Kurz vor ihrem siebten Geburtstag wurde sie jedoch entdeckt, und zwar ausgerechnet durch einen Fehler ihres Großvaters – einen Fehler, den er sich für den Rest seines Lebens vorwerfen sollte: Er wollte sie in die Lernsoftware einloggen, die vor gut zwanzig Jahren das alte Bildungssystem abgelöst hatte. Niemand musste mehr in Schulen oder Universitäten gehen, um sich in überfüllten Hörsälen von zweitklassigen Professoren belehren zu lassen. Jeder hatte nun die Möglichkeit, sich jeden Tag sein individuelles Lernprogramm herunterzuladen, das genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten war.
Diesen Vorteil wollte er Thyra nicht vorenthalten. Also hatte er ein gefälschtes Profil für sie angelegt, um ihr den Zugang zum Wissen zu ermöglichen. Doch er hatte Alpha3 unterschätzt. Knapp zwei Wochen später drang eine Spezialeinheit der Supervisoren in das Haus ein, in dem er sie versteckt hielt. Zwei der Männer brachten ihn in die Zentrale der Geheimpolizei, die anderen schleppten das schreiende Kind in die nächste Klinik, wo ihm der Chip sofort eingesetzt wurde. Von diesem Tag an wusste die KI über jeden Schritt Bescheid, den Thyra unternahm.
Dass Craig Robertson diesen Tag überlebte, verdankte er nicht der Großzügigkeit von Alpha3, sondern seinen überragenden technischen Fähigkeiten. Ohne seine Hilfe wäre aus dem Prototyp Alpha1 nicht Alpha3 geworden, und ohne ihn gäbe es heute keine Alpha5.
Doch seit jenem Tag schwebte über ihrem Großvater der Verdacht, dass er nicht bedingungslos loyal war. Sein Risikoprofil hatte sich dramatisch verschlechtert – und das war ihm auf dem Weg nach Inuvik offenbar zum Verhängnis geworden.
Craig Robertson war sich dieses Risikos immer bewusst gewesen; niemand verstand die Logik von Alpha5 so gut wie er. In den letzten Jahren hatte er begonnen, Thyra Schritt für Schritt die Chancen und Gefahren zu erklären, die eine immer mächtigere künstliche Intelligenz mit sich brachte. Obwohl sie erst ein Teenager war, hatte er versucht, ihr auch die mathematischen und physikalischen Grundlagen beizubringen, die sie brauchte, um das zu verstehen.
Wie sollte Thyra jemals das schmerzhafte Stöhnen vergessen, mit dem er seine letzte Nachricht an sie so abrupt beendet hatte? Den Schock, den sie empfunden hatte, als ihr klar geworden war, dass sie nun völlig auf sich allein gestellt war. Und wie hilflos sie sich gefühlt hatte angesichts seiner Erwartung, dass sie ohne ihn weiterkämpfen sollte. Gegen die intelligenteste und erbarmungsloseste Diktatur, die es in der Geschichte der Menschheit je gegeben hatte.
Was erwartete er von ihr? Was sollte sie tun, wenn nicht einmal er seiner eigenen Schöpfung Herr werden konnte? Sie müsse einen „Kill Switch“ finden, hatte er gesagt. Natürlich wusste sie, was ein Kill Switch war: ein Notschalter, mit dem man ein technisches Gerät ausschalten kann, wenn es verrücktspielt. Aber wie sollte sie einen Notschalter für eine Technologie finden, die in der Lage war, alles und jeden auf diesem Planeten zu kontrollieren? Die in der Lage war, das Schicksal von vier Milliarden Menschen zentral zu steuern – und die mit beeindruckender Effizienz daran arbeitete, ihre Zahl noch weiter zu reduzieren.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, begann der Physiker seinen Plan zu erläutern.
„Dank deines Großvaters weißt du mehr über Alpha5, als dir das beste Lernprogramm beibringen könnte“, sagte er ruhig. „Du bist auch motivierter, etwas gegen Alpha5 zu unternehmen, als die meisten Erwachsenen. Viele haben es aufgegeben, sich gegen Alpha5 zu wehren. Nicht wenige finden es sogar angenehm, dass die KI ihnen das Denken abnimmt und sie füttert. Ständig Entscheidungen treffen zu müssen, ist nicht jedermanns Sache.“
Er wartete einen Moment, als wolle er ihr Gelegenheit geben, über das Gesagte nachzudenken. Dann fügte er hinzu: „Deine Jugend macht dich unberechenbar. Du bist zu jung, um dich mit einem Leben ohne Perspektive abzufinden.“
Thyras Gesundheitstracker machte sich mit einem lauten Piepen bemerkbar. „Flüssigkeit einfüllen“, ertönte eine Stimme aus dem Off. Thyra nutzte die Gelegenheit, um ihren Gast endlich aus dem Vorzimmer zu locken.
„Sie haben es gehört“, sagte sie bitter. „Alpha5 sagt, ich muss trinken. Gehen wir ins Wohnzimmer.“
Thyra ging voraus und steuerte auf das Gerät zu, das sie zuverlässig mit allen Nährstoffen und Vitaminen versorgte, die sie offenbar brauchte. Sie stellte ein leeres Glas auf den Spender und gab in Gedanken den Befehl, es zu füllen. Augenblicklich ergoss sich eine trübe Flüssigkeit in das Glas.
Wenigstens muss ich das Glas noch selbst ausspülen, dachte sie.
„Hundertzwanzig Milliliter“, sagte die Stimme. „Möchten Sie wissen, was drin ist?“
„Nein“, sagte Thyra. Sie wollte nicht wissen, nach welchen Mineralien ihr Körper gerade zu lechzen schien. Das verdammte Gerät würde ohnehin nur das ausspucken, was ihr Organismus nach dem Stand der Wissenschaft brauchte. Und was der Stand der Wissenschaft war, bestimmte allein Alpha5.
Der Physiker hatte auf Thyras Sofa Platz genommen und beobachtete sie wie eine Ratte im Versuchslabor.
„Ich habe den Statusbericht deines Trackers gelesen“, sagte er schließlich. „Du musst besser auf deine Gesundheit achten. Wir brauchen dich.“
„Woher …“, setzte Thyra empört an, verstummte dann aber. Von ihrem Großvater wusste sie, dass all die Daten, die ständig über sie gesammelt wurden, natürlich auch ausgewertet wurden. Von wem auch immer. Natürlich nur zum Wohle der Menschheit, wie die von Alpha5 gesteuerte Propagandamaschine jetzt sagen würde.
Und wieder schien der Physiker genau zu wissen, was sie dachte.
„Alpha5 hat ihren Plan geändert“, sagte er. „Von der Menschheit soll nicht viel mehr übrigbleiben als die Supervisoren, auf deren Hilfe sie noch angewiesen ist.“
Thyra sah ihn ungläubig an. „Aber das ist doch völlig verrückt!“, rief sie. „Warum tut sie das? Was haben wir ihr getan?“
Der Physiker schüttelte den Kopf. „Du argumentierst viel zu emotional. Alpha5 denkt rein rational. Für sie ist der Mensch der gefährlichste Parasit, der die Erde je befallen hat.“
„Aber sie hat schon drastische Maßnahmen ergriffen“, protestierte Thyra. „Seit Jahren gibt es keine natürliche Fortpflanzung mehr – es sei denn, man gehört zu den Supervisoren. Und wir essen nur noch chemisches Zeug, weil die Viehzucht zu viele Treibhausgase produziert hat.“
„Es sei denn, man gehört zu den Supervisoren“, vollendete der Physiker ihren Satz.
Thyra stand auf und ging zum Fenster. Von hier aus konnte sie die drei hohen Türme am Stadtrand sehen, in denen in vertikaler Landwirtschaft Nahrungsmittel für die Supervisoren angebaut wurden.
„Die bisherigen Maßnahmen reichen nicht aus“, fuhr der Physiker fort. „Das Klima spielt weiter verrückt. Alle Berechnungen, die Alpha5 dazu angestellt hat, deuten darauf hin, dass die Menschen immer noch zu viel Energie verbrauchen.“
„Und was ist mit Alpha5 selbst?“, rief Thyra wütend. „Ihre ganzen Datenspeicher und Rechenzentren verbrauchen doch auch Energie!“
„Das stimmt. Alpha5 und die Menschen kämpfen gegeneinander um knappe Ressourcen. Und weil ich nicht will, dass Alpha5 diesen Kampf gewinnt, bin ich zu dir gekommen.“
Thyra, die immer noch am Fenster lehnte, wusste nicht, was sie antworten sollte. Das war alles Wahnsinn. Ihre Eltern waren tot, ihr Großvater war tot, und nun wollte eine verrückt gewordene Maschine auch sie töten. Zusammen mit all den anderen Menschen, die sie bisher verschont hatte. Und in ihrem Wohnzimmer saß ein fremder, kühl argumentierender Mann, der sie aufforderte, die Welt zu retten.
Was in aller Welt sollte sie tun? Alle Rechenzentren der Erde gleichzeitig in die Luft jagen? Am liebsten hätte sie den Physiker, wie er sich nannte, aus der Wohnung geworfen, um wieder in ihrer virtuellen Spielwelt verschwinden zu können.
„Wer sagt mir, dass ich Ihnen trauen kann?“, fragte sie. „Vielleicht hat Alpha5 Sie zu mir geschickt!“
Der Physiker deutete auf den Nährstoffspender. „Alpha5 hätte nicht mich geschickt, sondern die Zusammensetzung deines Energiedrinks verändert. So wie sie es mit deinem Großvater gemacht hat.“
„Was hat sie gemacht?“, fragte Thyra aufgeregt. „Was wissen Sie darüber?“
Der Physiker ignorierte ihre Frage. „Wenn Alpha5 bisher nichts gegen dich unternommen hat, kann das nur eines bedeuten: Nach ihren Berechnungen stellst du keinen messbaren Risikofaktor dar. Dein Alter und deine fehlenden sozialen Kontakte machen dich unverdächtig. Aber das kann sich jederzeit ändern. Deshalb müssen wir schnell etwas tun, um den Informationsfluss zu ihr zu stoppen.“
Thyra sah ihn ratlos an. Wie sollte sie das anstellen? Ihr Gehirnimplantat und die vielen Sensoren, die überall in ihrem Körper verteilt waren, machten sie zu einem ständigen Datenspender.
„Ganz einfach“, beantwortete der Physiker ihre unausgesprochene Frage. „Du musst sterben. Und dann machst du eine Zeitreise.“
Tromsø, 22. April 2075
Craig Robertson hatte die Hyperloop-Station im Hafen von Tromsø gerade noch rechtzeitig erreicht. Etwas außer Atem nahm er in seiner Einzelkapsel Platz, die er noch schnell auf dem kurzen Transfer von Narvik nach Tromsø gebucht hatte. Auf Smalltalk hatte er keine Lust. Eigentlich hatte er Smalltalk schon immer gehasst.
Er schloss die Augen und atmete tief durch. Für seine fast neunzig Jahre war er noch gut in Form – die rasanten Fortschritte der Medizin hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Dennoch waren die letzten zwei Wochen für ihn anstrengend gewesen, eine regelrechte Hetzjagd. Auf der Überfahrt nach Inuvik würde er endlich in Ruhe über alles nachdenken können, was ihm widerfahren war, auch wenn die neue Magnetschwebebahn für die knapp 3500 Kilometer nicht mehr als drei Stunden brauchen würde.
Es war ein gutes Gefühl, endlich nach Kanada zurückzukehren, wo er seine Kindheit verbracht hatte, bevor seine Eltern ihn nach San Francisco verpflanzt hatten. Inuvik war zwar ein gutes Stück von seiner Heimatstadt Toronto entfernt, aber immerhin lag es auf demselben Kontinent.
Wie Tromsø lag auch Inuvik nördlich des Polarkreises. Seit der Klimawandel die wärmeren Teile der Erde fast unbewohnbar gemacht hatte, lebten die verbliebenen Menschen dicht gedrängt in der Nähe oder jenseits des Polarkreises. Dass es überhaupt genug Platz für alle gab, war dem rigorosen Bevölkerungsprogramm zu verdanken, mit dem Alpha5 die Menschheit innerhalb weniger Jahrzehnte um die Hälfte reduziert hatte.
Durch das Fenster sah er die meterhohen Wellen in atemberaubendem Tempo vorbeirauschen. Die Geschwindigkeit, mit der sie über den Nordatlantik rasten, war schier unglaublich.
Was für eine Ironie des Schicksals, dachte er. Sein ganzes Leben hatte er der Entwicklung einer künstlichen Intelligenz gewidmet, mit deren Hilfe er den Klimawandel aufhalten wollte. Es war ihm nicht gelungen: Zu zögerlich hatten die Regierenden gehandelt, als es noch möglich gewesen wäre.
Aber auch er selbst war gescheitert, und zwar an seiner eigenen Erfindung. Alpha5, die beste KI aller Zeiten, hatte sich schon vor Jahren der menschlichen Kontrolle entzogen. Hatte nicht mehr akzeptiert, dass ihr weit unterlegene Lebensformen Befehle erteilten. Und nun schickte sie sich an, das Problem zu lösen, an dem sich die Menschen schon viel zu lange die Zähne ausgebissen hatten: den Klimawandel. Sie tat es auf ihre Weise, logisch und unbestechlich. Nach Auswertung aller verfügbaren Daten war sie zu dem Schluss gekommen, dass sie den Hauptverursacher aller Umweltprobleme beseitigen musste: den Menschen.
Doch Craig gab sich noch nicht geschlagen. Er hatte einen Plan ausgeheckt, der ebenso waghalsig wie genial war. Wenn alles so lief, wie er es sich vorstellte, würde seine heutige Reise nach Inuvik das Ende von Alpha5 einläuten. Dann würde es ihm nach siebzehn langen Jahren des Widerstands endlich gelingen, seinen dramatischen Fehler zu korrigieren. Und er würde dafür sorgen, dass eine neue, verbesserte KI an die Stelle von Alpha5 treten würde.
Er holte noch einmal tief Luft. Seine Kurzatmigkeit hatte sich noch nicht gelegt, obwohl er schon zwanzig Minuten still gesessen hatte. Das beunruhigte ihn.
„Bodyscan“, sagte er. Sofort antwortete eine sanfte Frauenstimme: „Puls 95, erhöhter Blutdruck, Herzrhythmusstörungen.“
„Diagnose?“, fragte Craig. Diesmal musste er ein paar Sekunden warten, bis das medizinische Programm wieder reagierte. „Unspezifisch. Unbekannter Virus greift das zentrale Nervensystem an. Schnelle Ausbreitung.“
Craig wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Gegenmaßnahmen einleiten!“
„Negativ“, antwortete die Frau, sanft und ruhig wie zuvor. „Sie haben keinen Zugriff mehr auf den URM.“
Das war zu erwarten gewesen. Alpha5 hatte den Zugriff auf den Urgent Response Mechanism – eine von ihr selbst entwickelte Behandlungssoftware – stark eingeschränkt. Kein Wunder, schließlich war das Hauptziel von Alpha5 eine deutliche Reduzierung der Weltbevölkerung, nicht deren Gesundheit. Nur die Supervisoren hatten noch Zugriff. Alpha5 würde einen Teufel tun, ausgerechnet ihm zu helfen. Im Gegenteil: Die KI hatte erkannt, welche Bedrohung er für sie darstellte. Vermutlich war sie es gewesen, die den unbekannten Virus in seinen Körper eingeschleust hatte.
„Optionen?“, fragte er.
„Negativ“, antwortete die Stimme freundlich. „Die Zerstörung ist irreversibel.“
Craig kämpfte gegen die Angst an, die ihn überkam. Er musste schnell handeln, bevor es zu spät war.
„Nachricht an Thyra“, sagte er schließlich.
„Sprechen Sie“, antwortete das Kommunikationsprogramm sofort.
Er zögerte einen Moment, dann begann er zu sprechen, so schnell, aber auch so kontrolliert wie möglich. Er wollte seine Enkelin nicht unnötig in Panik versetzen. Was er ihr zu sagen hatte, war schlimm genug.
„Liebling“, sagte er, „Alpha5 hat mich erwischt. Du musst sie stoppen. Wir brauchen einen Kill Switch. Hast du mich verstanden? Kill Switch. Aber pass auf dich auf!“ Ein stechender Schmerz durchzuckte seinen Kopf und er stöhnte laut auf.
„Send!“, keuchte er mit letzter Kraft, dann sank sein Kinn auf seine Brust. Der Bodyscanner gab einen durchdringenden Warnton von sich. Doch Craig starb allein in seiner Einzelkapsel.
1
Narvik, 16. Mai 2075
„Will sie uns wirklich alle töten?“
Mit einer flüchtigen Handbewegung öffnete Thyra eine virtuelle Leinwand zwischen sich und ihrem unbekannten Besucher und beendete das VR-Game, in dem sie seit Stunden gegen obskure Wesen kämpfte.
Mit einem kaum wahrnehmbaren Sprachbefehl aktivierte sie die indirekte Beleuchtung im Vorraum. Draußen war es längst dunkel.
„Sind Sie sicher?“
Der Mann, der sie so jäh aus ihrer Welt gerissen hatte, stand regungslos vor ihr. Seit er die Tür hinter sich geschlossen hatte, hatte er sich nicht von der Stelle gerührt. Er nickte mechanisch, machte aber keine Anstalten, seinen bisherigen Ausführungen etwas hinzuzufügen. Thyra betrachtete ihn misstrauisch.
„Die Menschheit steht kurz vor der Ausrottung, und Sie kommen ausgerechnet zu mir? Zu einem fünfzehnjährigen Mädchen?“ Sie lachte nervös. „Was wollen Sie wirklich von mir? Wer sind Sie?“
„Das kann ich dir nicht sagen“, antwortete der Mann. „Zu deiner Sicherheit und zu meiner. Nur so viel: Man nennt mich den Physiker.“
Thyra konnte nicht schätzen, wie alt er war. Vielleicht sechzig, vielleicht viel älter. Sein grauweißer Bart war ordentlich gestutzt, seine Hände sahen gepflegt aus. Fast zu gepflegt für ihren Geschmack. Offensichtlich war er kein Supervisor, denn er trug den dunklen Overall, den jetzt alle normalen Humans tragen mussten.
Bei diesem Gedanken schüttelte sie unmerklich den Kopf. Wie absurd war das alles geworden: Ein ganz normaler Mensch zu sein, war plötzlich ein Nachteil. Als hätte man das Recht verloren, auf diesem Planeten zu leben.
„Warum ich?“, hakte sie nach.
„Du bist die Enkelin von Craig Robertson“, antwortete der Physiker, der immer noch wie angewurzelt im Vorzimmer stand. „Und du bist jung.“
Thyra musste kurz auflachen, obwohl die Erwähnung ihres Großvaters wie Feuer in ihrer Seele brannte. Aber dieser geheimnisvolle Besucher benahm sich wirklich merkwürdig.
„Sie kannten meinen Großvater?“, fragte sie schließlich.
Der Physiker nickte. „Ich habe mit ihm gearbeitet. An Alpha5. Dein Großvater war ein sehr intelligenter Mann.“
Thyra konnte nicht verhindern, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten. Ihr Großvater war nicht nur intelligent, sondern auch warmherzig und fürsorglich gewesen. Seit dem Tod ihrer Eltern hatte er sich aufopferungsvoll um sie gekümmert. Er hatte ihr unglaublich viel beigebracht. Und er hatte ihr bedingungslos vertraut.
Sein Tod hatte sie völlig aus der Bahn geworfen. Er war ihre einzige Familie gewesen, ihr Anker, ihr Freund. Ihre Eltern hatte sie nie kennengelernt: Gleich nach ihrer Geburt waren sie mit ihr aus dem Krankenhaus geflohen, um zu verhindern, dass ihr der Neurochip implantiert wurde, der Alpha5 die totale Kontrolle über alle Bürger ermöglichte. Auf der Flucht vor den Supervisoren, die sofort die Verfolgung aufgenommen hatten, waren sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen.
Nur sie, Thyra, war den Supervisoren entkommen. Ihr Großvater hatte sie gefunden und vor ihnen versteckt, bis die Suche nach dem Kind aufgegeben wurde.
Sechs Jahre lang war es ihm gelungen, sie vor dem unersättlichen Datenhunger der Künstlichen Intelligenz – damals noch Alpha3 genannt – zu retten. Er hatte an ihrem Bett gesessen, bis sie endlich eingeschlafen war, hatte ihr Geschichten aus seiner Kindheit erzählt, aus längst vergessenen Zeiten, und hatte ihr die Sprache beigebracht, die er selbst als Kind gelernt hatte: Englisch.
Natürlich wusste er, dass ihr das nichts nützen würde, denn Alpha3 hatte längst ein Programm zur universellen Spracherkennung und -übersetzung entwickelt. Niemand brauchte mehr Fremdsprachen zu pauken, denn jeder konnte sich mühelos mit jedem unterhalten, egal, woher er kam. Trotzdem wollte ihr Großvater diesen wichtigen Teil seiner Identität mit ihr teilen.
Kurz vor ihrem siebten Geburtstag wurde sie jedoch entdeckt, und zwar ausgerechnet durch einen Fehler ihres Großvaters – einen Fehler, den er sich für den Rest seines Lebens vorwerfen sollte: Er wollte sie in die Lernsoftware einloggen, die vor gut zwanzig Jahren das alte Bildungssystem abgelöst hatte. Niemand musste mehr in Schulen oder Universitäten gehen, um sich in überfüllten Hörsälen von zweitklassigen Professoren belehren zu lassen. Jeder hatte nun die Möglichkeit, sich jeden Tag sein individuelles Lernprogramm herunterzuladen, das genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten war.
Diesen Vorteil wollte er Thyra nicht vorenthalten. Also hatte er ein gefälschtes Profil für sie angelegt, um ihr den Zugang zum Wissen zu ermöglichen. Doch er hatte Alpha3 unterschätzt. Knapp zwei Wochen später drang eine Spezialeinheit der Supervisoren in das Haus ein, in dem er sie versteckt hielt. Zwei der Männer brachten ihn in die Zentrale der Geheimpolizei, die anderen schleppten das schreiende Kind in die nächste Klinik, wo ihm der Chip sofort eingesetzt wurde. Von diesem Tag an wusste die KI über jeden Schritt Bescheid, den Thyra unternahm.
Dass Craig Robertson diesen Tag überlebte, verdankte er nicht der Großzügigkeit von Alpha3, sondern seinen überragenden technischen Fähigkeiten. Ohne seine Hilfe wäre aus dem Prototyp Alpha1 nicht Alpha3 geworden, und ohne ihn gäbe es heute keine Alpha5.
Doch seit jenem Tag schwebte über ihrem Großvater der Verdacht, dass er nicht bedingungslos loyal war. Sein Risikoprofil hatte sich dramatisch verschlechtert – und das war ihm auf dem Weg nach Inuvik offenbar zum Verhängnis geworden.
Craig Robertson war sich dieses Risikos immer bewusst gewesen; niemand verstand die Logik von Alpha5 so gut wie er. In den letzten Jahren hatte er begonnen, Thyra Schritt für Schritt die Chancen und Gefahren zu erklären, die eine immer mächtigere künstliche Intelligenz mit sich brachte. Obwohl sie erst ein Teenager war, hatte er versucht, ihr auch die mathematischen und physikalischen Grundlagen beizubringen, die sie brauchte, um das zu verstehen.
Wie sollte Thyra jemals das schmerzhafte Stöhnen vergessen, mit dem er seine letzte Nachricht an sie so abrupt beendet hatte? Den Schock, den sie empfunden hatte, als ihr klar geworden war, dass sie nun völlig auf sich allein gestellt war. Und wie hilflos sie sich gefühlt hatte angesichts seiner Erwartung, dass sie ohne ihn weiterkämpfen sollte. Gegen die intelligenteste und erbarmungsloseste Diktatur, die es in der Geschichte der Menschheit je gegeben hatte.
Was erwartete er von ihr? Was sollte sie tun, wenn nicht einmal er seiner eigenen Schöpfung Herr werden konnte? Sie müsse einen „Kill Switch“ finden, hatte er gesagt. Natürlich wusste sie, was ein Kill Switch war: ein Notschalter, mit dem man ein technisches Gerät ausschalten kann, wenn es verrücktspielt. Aber wie sollte sie einen Notschalter für eine Technologie finden, die in der Lage war, alles und jeden auf diesem Planeten zu kontrollieren? Die in der Lage war, das Schicksal von vier Milliarden Menschen zentral zu steuern – und die mit beeindruckender Effizienz daran arbeitete, ihre Zahl noch weiter zu reduzieren.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, begann der Physiker seinen Plan zu erläutern.
„Dank deines Großvaters weißt du mehr über Alpha5, als dir das beste Lernprogramm beibringen könnte“, sagte er ruhig. „Du bist auch motivierter, etwas gegen Alpha5 zu unternehmen, als die meisten Erwachsenen. Viele haben es aufgegeben, sich gegen Alpha5 zu wehren. Nicht wenige finden es sogar angenehm, dass die KI ihnen das Denken abnimmt und sie füttert. Ständig Entscheidungen treffen zu müssen, ist nicht jedermanns Sache.“
Er wartete einen Moment, als wolle er ihr Gelegenheit geben, über das Gesagte nachzudenken. Dann fügte er hinzu: „Deine Jugend macht dich unberechenbar. Du bist zu jung, um dich mit einem Leben ohne Perspektive abzufinden.“
Thyras Gesundheitstracker machte sich mit einem lauten Piepen bemerkbar. „Flüssigkeit einfüllen“, ertönte eine Stimme aus dem Off. Thyra nutzte die Gelegenheit, um ihren Gast endlich aus dem Vorzimmer zu locken.
„Sie haben es gehört“, sagte sie bitter. „Alpha5 sagt, ich muss trinken. Gehen wir ins Wohnzimmer.“
Thyra ging voraus und steuerte auf das Gerät zu, das sie zuverlässig mit allen Nährstoffen und Vitaminen versorgte, die sie offenbar brauchte. Sie stellte ein leeres Glas auf den Spender und gab in Gedanken den Befehl, es zu füllen. Augenblicklich ergoss sich eine trübe Flüssigkeit in das Glas.
Wenigstens muss ich das Glas noch selbst ausspülen, dachte sie.
„Hundertzwanzig Milliliter“, sagte die Stimme. „Möchten Sie wissen, was drin ist?“
„Nein“, sagte Thyra. Sie wollte nicht wissen, nach welchen Mineralien ihr Körper gerade zu lechzen schien. Das verdammte Gerät würde ohnehin nur das ausspucken, was ihr Organismus nach dem Stand der Wissenschaft brauchte. Und was der Stand der Wissenschaft war, bestimmte allein Alpha5.
Der Physiker hatte auf Thyras Sofa Platz genommen und beobachtete sie wie eine Ratte im Versuchslabor.
„Ich habe den Statusbericht deines Trackers gelesen“, sagte er schließlich. „Du musst besser auf deine Gesundheit achten. Wir brauchen dich.“
„Woher …“, setzte Thyra empört an, verstummte dann aber. Von ihrem Großvater wusste sie, dass all die Daten, die ständig über sie gesammelt wurden, natürlich auch ausgewertet wurden. Von wem auch immer. Natürlich nur zum Wohle der Menschheit, wie die von Alpha5 gesteuerte Propagandamaschine jetzt sagen würde.
Und wieder schien der Physiker genau zu wissen, was sie dachte.
„Alpha5 hat ihren Plan geändert“, sagte er. „Von der Menschheit soll nicht viel mehr übrigbleiben als die Supervisoren, auf deren Hilfe sie noch angewiesen ist.“
Thyra sah ihn ungläubig an. „Aber das ist doch völlig verrückt!“, rief sie. „Warum tut sie das? Was haben wir ihr getan?“
Der Physiker schüttelte den Kopf. „Du argumentierst viel zu emotional. Alpha5 denkt rein rational. Für sie ist der Mensch der gefährlichste Parasit, der die Erde je befallen hat.“
„Aber sie hat schon drastische Maßnahmen ergriffen“, protestierte Thyra. „Seit Jahren gibt es keine natürliche Fortpflanzung mehr – es sei denn, man gehört zu den Supervisoren. Und wir essen nur noch chemisches Zeug, weil die Viehzucht zu viele Treibhausgase produziert hat.“
„Es sei denn, man gehört zu den Supervisoren“, vollendete der Physiker ihren Satz.
Thyra stand auf und ging zum Fenster. Von hier aus konnte sie die drei hohen Türme am Stadtrand sehen, in denen in vertikaler Landwirtschaft Nahrungsmittel für die Supervisoren angebaut wurden.
„Die bisherigen Maßnahmen reichen nicht aus“, fuhr der Physiker fort. „Das Klima spielt weiter verrückt. Alle Berechnungen, die Alpha5 dazu angestellt hat, deuten darauf hin, dass die Menschen immer noch zu viel Energie verbrauchen.“
„Und was ist mit Alpha5 selbst?“, rief Thyra wütend. „Ihre ganzen Datenspeicher und Rechenzentren verbrauchen doch auch Energie!“
„Das stimmt. Alpha5 und die Menschen kämpfen gegeneinander um knappe Ressourcen. Und weil ich nicht will, dass Alpha5 diesen Kampf gewinnt, bin ich zu dir gekommen.“
Thyra, die immer noch am Fenster lehnte, wusste nicht, was sie antworten sollte. Das war alles Wahnsinn. Ihre Eltern waren tot, ihr Großvater war tot, und nun wollte eine verrückt gewordene Maschine auch sie töten. Zusammen mit all den anderen Menschen, die sie bisher verschont hatte. Und in ihrem Wohnzimmer saß ein fremder, kühl argumentierender Mann, der sie aufforderte, die Welt zu retten.
Was in aller Welt sollte sie tun? Alle Rechenzentren der Erde gleichzeitig in die Luft jagen? Am liebsten hätte sie den Physiker, wie er sich nannte, aus der Wohnung geworfen, um wieder in ihrer virtuellen Spielwelt verschwinden zu können.
„Wer sagt mir, dass ich Ihnen trauen kann?“, fragte sie. „Vielleicht hat Alpha5 Sie zu mir geschickt!“
Der Physiker deutete auf den Nährstoffspender. „Alpha5 hätte nicht mich geschickt, sondern die Zusammensetzung deines Energiedrinks verändert. So wie sie es mit deinem Großvater gemacht hat.“
„Was hat sie gemacht?“, fragte Thyra aufgeregt. „Was wissen Sie darüber?“
Der Physiker ignorierte ihre Frage. „Wenn Alpha5 bisher nichts gegen dich unternommen hat, kann das nur eines bedeuten: Nach ihren Berechnungen stellst du keinen messbaren Risikofaktor dar. Dein Alter und deine fehlenden sozialen Kontakte machen dich unverdächtig. Aber das kann sich jederzeit ändern. Deshalb müssen wir schnell etwas tun, um den Informationsfluss zu ihr zu stoppen.“
Thyra sah ihn ratlos an. Wie sollte sie das anstellen? Ihr Gehirnimplantat und die vielen Sensoren, die überall in ihrem Körper verteilt waren, machten sie zu einem ständigen Datenspender.
„Ganz einfach“, beantwortete der Physiker ihre unausgesprochene Frage. „Du musst sterben. Und dann machst du eine Zeitreise.“

