Zerbrochenes Herz – Die ersten 366 Tage ohne Bianka
Gedanken, Gedichte und Tagebucheinträge eines trauernden Witwers
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 250
ISBN: 978-3-7116-1672-2
Erscheinungsdatum: 23.07.2026
Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau zerbricht eine Lebenswelt. In „Zerbrochenes Herz“ schildert ein Witwer die ersten 366 Tage der Trauer – in Gedichten, Tagebucheinträgen und ehrlichen Worten. Ein offenes Zeugnis von Liebe, Verlust und Hoffnung.
Vorwort
Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn dieses Buch gar nicht zustande gekommen wäre! Wenn meine Frau heute noch leben würde und wir unser Leben weiterleben könnten, wie wir es uns gemeinsam vorgestellt hatten. Doch mit dem plötzlichen und unvorhersehbaren Tod meiner Frau ist ein Riss in meinem Leben und dem meiner Kinder entstanden. Ein Riss, den wir unser ganzes Leben lang mit uns herumtragen werden. Mit dem Todestag meiner Frau hat sich unser Leben total verändert. Das Leben hat es brutal anders mit uns vorgesehen, als wir es wollten. Vielleicht wundern Sie sich, dass ein Mann offen und ehrlich über seine Trauer schreibt – da uns Männern doch oft eine gewisse Unsensibilität nachgesagt wird. Es gibt jedoch einige Bücher, die von trauernden Witwern verfasst wurden. Die Besonderheit dieses Buchs ist, dass neben Tagebucheinträgen und Kommentaren auch von mir selbst verfasste Gedichte enthalten sind. Gedichte, in denen ich den Schmerz und die Trauer verarbeitet habe. Ich möchte Ihnen, liebe/r Leser/in, nicht vorenthalten, wie es überhaupt zu der Idee kam, ein Buch über meine Trauer zu schreiben. Knapp vier Wochen nach dem völlig überraschenden Tod meiner Frau ließ ich mich auf eine Wanderung mit Männern in der Trauer ein, die unser Hospizverein im Gemeindeblatt veröffentlichte. „Wir möchten auf einem Abschnitt des Pfads der Stille unterwegs sein mit Männern, die Verluste erlebt haben. Beim Unterwegssein auf gute Art ins Gespräch kommen. Auch Schweigen ist erlaubt, nichts muss, manches kann.“ So war der Text zu dieser Einladung. Ich meldete mich 14 Tage zuvor an und traf neben einem Seelsorger vom Hospiz auf drei weitere Trauermänner, die ihre Frauen verloren hatten. Die Männer waren vor einem halben Jahr bzw. einem ganzen Jahr zu trauernden Witwern geworden. Verliebt, verlobt, verheiratet – verwitwet. Verwitwet ist die absolute Endstufe in der Liebe. Bei mir war das Ganze noch sehr „frisch“. Und wenn ich mir vorher noch nicht im Klaren darüber war, ob es nun Fluch oder Segen ist, neben sich selbst auch noch für drei Kinder im Alter von 19, 16 und 10 Jahren stark sein zu müssen, wurde mir nach dieser Wanderung eines deutlich: Die anderen Männer gingen abends wieder in ihre völlig leeren Wohnungen zurück. Ich habe zumindest noch „Leben in der Bude“ in Form von drei einzigartigen, wunderbaren Kindern. Ab diesem Zeitpunkt empfinde ich es als Segen, meine drei Sprösslinge zu haben. Auch wenn manches alleine leichter wäre.
Und so marschierten wir zunächst im Wald einen größeren Berg hinauf. Beim Wandern kamen mir dann die folgenden Gedanken:
Was mache ich hier eigentlich? Wandere mit drei trauernden Männern und einem Seelsorger vom Hospiz auf dem Pfad der Stille. Ich bin schwer atmend vom sich hinziehenden, steilen Bergaufstieg, mir selbst eine elendig schlechte Kondition bescheinigend und völlig aus der Puste. Was tue ich mir hier an – bin ich verrückt geworden?
Was man nicht alles tut, um dem unendlichen Verlustschmerz eines verstorbenen, geliebten Menschen zu entkommen. Eigentlich könnte man darüber ein Buch schreiben. Ein Schmerztagebuch, ein Trauerbuch, ein Buch über Verlust und Schmerz. So wie H. P. Kerkeling seinen Pilgerweg in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ aufgeschrieben hat, so könnte ich meinen Leidensweg aufschreiben.
Aber warum nur? Für mich? Für meine verstorbene Frau Bianka? Für die Welt? Für alle, die das gleiche Schicksal mit mir teilen?
Warum nicht – was spricht dagegen, fragt mich der Seelsorger, als ich ihm von meiner Blitzidee erzähle. Wenn es hilft – mir und anderen.
FAZIT: Mit einem Buch könnte ich posthum meiner Frau Bianka ein Denkmal setzen. Und ich hätte ein neues, großes Ziel vor Augen. Verrückt? Vielleicht – aber trotzdem ein geradezu genialer Gedanke.
Ob ich das wirklich mache? Ob ich wirklich durchhalte und hartnäckig an dieser Idee dranbleibe? Wir werden sehen bzw. lesen!
Und tatsächlich habe ich es hinbekommen. Vor Ihnen liegt das Druckwerk. Wie aus einer Idee im Wald ein Projekt verwirklicht wurde …
Ich empfand diesen Blitzgedanken als schön und schrieb meine Gedichte und Gedanken, die aus meiner poetischen Ader flossen, zur eigenen Therapie und Verarbeitung zunächst in meinen Laptop. Sorry, aber Sie als Leser/in hatte ich dabei nicht im Kopf. Zunächst sollte es mir guttun und in meinem größten Schmerz heilsam sein. Ich wollte zwar schon immer ein Buch schreiben, allerdings einen romantischen Liebesroman. Irgendwie fehlte der absolute Entschluss dazu, und die Zeit war als Familienvater auch begrenzt. Deshalb gab es immer wieder gewisse Zweifel an der Trauerbuchidee, ob diese wirklich so gut ist und ob das überhaupt jemand lesen möchte. Es ist nun einmal ein sehr trauriges Thema, aber irgendwie auch eine Liebesgeschichte – eine der anderen Art – posthum sozusagen. Denn hätte ich meine Frau nicht so sehr über alles geliebt, wären nicht diese schönen Gedichte entstanden. Das geht nur aus tiefster, empfundener, reinster Liebe. Ich bin meinem Schöpfer sehr dankbar, diese Gabe des Schreibens zu haben. Sie hat mir in all der Trauerarbeit sehr geholfen, den Schmerz und die Trauer zu verarbeiten. Manchmal bin ich dabei selbst erschrocken, was da in kürzester Zeit aus mir in Buchstaben und Worten auf Papier floss.
Es war mir sehr bewusst, dass es 1000 Tage dauern würde, bis ich halbwegs mit dem Tod meiner geliebten Frau würde umgehen können.
Warum 1000 Tage? Wegen der arabisch anklingenden Erzählung von 1000 und einer Nacht? Nein, sondern aus Erfahrung. Bevor ich meine Frau kennenlernen durfte, vergingen ganze 33 Lebensjahre. Mit 18 erlebte ich die erste Liebe und mit ihr den ersten Liebeskummer, der mich rund eineinhalb Jahre nach unten zog. Mit 21 lernte ich wieder eine bezaubernde junge Frau kennen, die mich magisch in ihren Bann zog. Auch diese suchte sich einen anderen Mann aus. Und wieder waren es fast zwei Jahre tiefsten Liebeskummers. Erst zehn Jahre später, also mit 31, verliebte ich mich auf höchst ungewöhnliche Weise wieder in eine Frau. Und ich dachte schon, ich könnte mich nie wieder in jemanden verlieben! Doch das Wunder hielt leider nicht an – auch sie lernte einen anderen Mann kennen. Und wieder war ich nur „zweite Wahl“. Ein gebrochenes Herz braucht bei mir ca. eineinhalb Jahre, bis es halbwegs geheilt ist. Zwei Jahre nach diesem dritten Liebeskummer lernte ich meine Frau Bianka auf einer Freizeit kennen. Mein Herz war gerade erst wieder gesundet. Und diesmal war es die Frau, die mich zur ersten Wahl auserkor – was mich anfangs zutiefst verunsicherte. Denn warum sollte ich nach all dem jämmerlichen Scheitern der vergangenen 15 Jahre auf einmal Glück in den Liebesdingen haben? Doch Bianka wurde zur großen und mit Abstand größten Liebe meines Lebens. Ich hatte meine schönsten Lebensjahre mit ihr. Und ihr Tod ist viel schlimmer als alle Liebeskummer, die ich je auszuhalten hatte. Deshalb rechne ich mit mindestens drei Jahren, also rund 1000 Tagen, bis dieser Schmerz halbwegs auszuhalten sein wird.
Seit ihrem Tod male ich bis heute jeden Tag ein zerbrochenes, rotes Herz in meinen Terminplaner, in dessen Mitte „BIANKA“ steht. Daneben vier Tränen, die in einen See münden. Die vier Tränen sind wir, als übrig gebliebene Rumpffamilie, deren Tränen in einen endlosen Tränensee münden. Und oben drüber steht täglich in Rot geschrieben: Tag Nr. XX ohne meinen geliebten, blonden Engel. Diese Tageskennzeichnung habe ich beim Tagebuchschreiben fortgeführt. Und so heißt ein Kapitel z. B. Tag 16 ohne Bianka. Ich zähle die Tage seit ihrem Tod weiter. Und wer weiß, wo ich an Tag 1000 ohne Bianka stehen werde? Werde ich bis dahin mit dieser schlimmen Lebenssituation umgehen können? Ich weiß es nicht.
Das erste Weihnachten ohne sie war extrem schlimm und traurig. Es flossen viele Tränen. Und ich bemerkte, dass gerade in den schlimmsten Stunden, in den Untiefen des Schmerzes, die kreativsten und wunderschönsten Gedichte entstanden. An Weihnachten entstanden aus dem Schmerz und der Trauer heraus zwei sehr schöne davon. Danach stand mein Entschluss endgültig fest, nach dem ersten Jahr der Trauer die Gedichte, Gedanken und Tagebucheinträge zu einem Buch zu verarbeiten. Ich war wild entschlossen, meine Begabung der Welt nicht vorzuenthalten. Und nun halten Sie dieses Trauerbuch in Händen. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich es nun selbst in Händen halten kann. Es war ein wirklich hartes Stück Arbeit, dieses Buchprojekt umzusetzen. Umso mehr wünsche ich mir, dass Sie mit mir beim Lesen der Buchseiten manche Tränen vergießen werden, dass Sie meinen Schmerz mit mir teilen und ich Ihren Schmerz teilen kann. Denn nach wie vor ist es so, dass geteilter Schmerz halber Schmerz ist. Dass wir uns in der Trauer verbunden fühlen und Sie wissen dürfen, es ist erlaubt, zu weinen und zu trauern. Jeder darf das auf seine individuelle Art und Weise tun. Und vor allem: Sie sind nicht allein mit Ihrer Trauer, mit Ihrem Schmerz und Ihren Tränen. Es gibt viele, die ein ähnliches Schicksal ertragen müssen. Geben Sie sich dem Schmerz und den Tränen hin, so wie ich es auch getan habe. Alles andere hilft nicht. Wenn mein Buch eine kleine Hilfe beim Aushalten Ihrer Trauer sein kann, dann freut mich das sehr. Ich wünsche es Ihnen. Viel neue Kraft und Energie wünsche ich Ihnen beim Lesen meiner Gedanken, die ehrlicher nicht aufgeschrieben sein könnten.
Kommen Sie mit mir auf eine sehr schmerzhafte Reise ins Trauerland und begegnen Sie mit mir der Odyssee des Schmerzes. Erleben Sie mit mir die Ohnmacht gegenüber dem Leid beim ersten Mal ohne meine Frau: an Weihnachten, Ostern, Muttertag, Hochzeitstag und Geburtstag. Das erste Mal tut es am meisten weh, doch der Schmerz wird nie gänzlich versiegen.
Dieses Buch ist meiner wunderbaren Frau Bianka, meinem blonden Engel, gewidmet. Du warst das Beste, was mir je in meinem Leben passieren konnte. Ich liebe dich bis in alle Ewigkeit.
Ich hoffe auf ein Wiedersehen im Himmel.
Helmut Ehrmann
Kapitel 1
Geglaubt, gehofft, geliebt und mitgelitten
Die letzten neun Lebensmonate meiner Frau waren für uns als Familie nicht einfach. Mir ist es wichtig, diese Achterbahn der Gefühle, den großen Kraftaufwand, den diese Wochen und Monate von mir abverlangt haben, zu beschreiben. Denn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sollen wissen, dass vor dem Tod meiner Frau etliche Herausforderungen an uns als Familie standen. Herausforderungen, die mir sehr viel Kraft und enorme Flexibilität abverlangten. Ich werde diese in Tagebucheinträgen und Kommentaren schildern.
Es begann damit, dass sich meine Frau im Dezember, kurz vor Weihnachten, eine sehr schmerzhafte Rippenprellung zuzog. Um an ein Produkt ganz hinten in einer der Gefriertruhen im Supermarkt zu gelangen, schwang sich meine Frau auf die Gefriertruhe und prellte sich dabei die Rippen am Griff der benachbarten Truhe. Obwohl sie eine dicke Daunenjacke trug, war diese Prellung etliche Tage so schmerzhaft, dass sie nur in wenigen Positionen im Bett liegen konnte. Das erschwerte natürlich auch ihren Schlaf. Es dauerte ca. vier Wochen, bis sie wieder den normalen Bewegungsablauf hatte. Dadurch musste ich viele Taxifahrten zu und von der Schule übernehmen, da ihr Autofahren zu Beginn gar nicht möglich war. Und als wäre das nicht schon genug, brachte meine große Tochter in ihrer Ausbildung als Erzieherin die Läuse vom Kindergarten in unser Haus. Die drei Damen des Hauses mussten also aktive Läusebekämpfung mit Shampoos und Ähnlichem durchführen. David und ich, also die Kurzhaar-Männerfraktion, blieben davon verschont. Auch dieser Akt dauerte ungefähr vier Wochen. Und Ende Februar hatte meine Frau dann Probleme mit ihrem Darm. Immer wieder hatte sie Durchfall, es war ihr schlecht, und sie konnte öfters nichts oder kaum etwas essen. Genau in diese Zeit fiel dann auch noch der Tanzkursabschlussball von David. Das ist natürlich eine Pflichtveranstaltung für die Eltern. Wir fuhren absichtlich mit zwei Autos, da es Bianka an diesem Tag auch wieder sehr unterschiedlich ging. Keiner wusste, ob sie diesen Abend gut überstehen würde. Gegessen hat sie an diesem Abend nichts. Sie fuhr dann auch eine Stunde vor uns nach Hause.
Da man nach zwei Wochen Darmproblemen von Hausärzten noch nicht ernst genommen wird, wurde das Ganze erst nach fast vier Wochen untersucht. Bis dahin hatte meine Frau bereits knapp 30 kg an Körpergewicht abgenommen. Umso glücklicher war sie, als es sich nicht um eine Salmonellenvergiftung handelte, die weitere eineinhalb Wochen Abführmittel zur Folge gehabt hätte und somit weitere Gewichtsverluste. Sie hatte sich einen Darmkeim namens Campylobacter eingefangen, der sich nach diesen vier Wochen von selbst verabschiedete.
Warum mein Hausarzt bei einer Frau Anfang 50 nicht auch gleichzeitig auf Tumormarker untersuchte, bleibt mir im Nachhinein ein Rätsel. Es wird doch sonst immer auf Vorsorgeuntersuchungen hingewiesen. Allerdings bekommen Frauen erst ab 55 diese Krebsvorsorgeuntersuchungen von der Krankenkasse bezahlt. Und wahrscheinlich hätte die Tumormarkerbestimmung keiner bezahlen wollen. Leider geht es in unserem kapitalistischen Staat oft mehr ums Geld als um die Gesundung der Patienten.
Wir atmeten erst einmal auf und konnten ca. sechs Wochen ohne weitere Beeinträchtigungen hinter uns bringen. Doch dann setzte sich Biankas Leidensweg fort. Und wieder mussten wir mit ansehen, wie sie unter nicht nachvollziehbaren Schmerzen litt. Bianka verspeiste an einem Freitagabend eine Woche vor Pfingsten einen Döner mit Zwiebeln und bekam danach wieder Durchfall und Bauchschmerzen. Diese hielten eine Woche an, bis es dann am Pfingstsamstag zum Super-GAU kam. Die weitere Entwicklung dieser Geschichte entnehmen Sie nun meinen Tagebucheinträgen, die offen, ehrlich und einfühlsam beschreiben, wie es uns allen ging.
Samstag, 27.05.
Biankas Bauchschmerzen sind sehr groß. Wenn sie Mineralwasser trinkt, spuckt sie es sofort wieder aus. Ich will sie ins Krankenhaus fahren, doch sie erklärt mir, dass sie nicht in der Lage ist, länger zu sitzen, da die Schmerzen dann unaushaltbar für sie wären. So rufe ich den Rettungswagen, der sie auf unsere ausdrückliche Bitte nicht ins nahegelegenste, schlechter medizinisch betreute Krankenhaus, sondern in das von uns gewünschte Krankenhaus bringt, das gerade einmal 15 km weiter entfernt ist.
Pfingstmontag, 29.05.
Bianka hat starke Bauchschmerzen und es ist ihr total schlecht. Auf der Heimfahrt, bei der meine große Tochter Sarah mich mit ihrem Auto fährt, weine ich die ganze Zeit. Es ist so schlimm, meine Frau so leiden sehen zu müssen, ohne ihr irgendwie helfen zu können. Ohnmacht und Verzweiflung verbreiten sich im Raum! Warum kann ich ihr nicht irgendwie helfen?!
Gegen Abend bekommt Bianka etwas gegen die Übelkeit, was ihr guttut, wie sie im abendlichen Telefonat mitteilt. Das beruhigt mich wieder ein wenig.
Dienstag, 30.05.
Bianka wird einer Ultraschalluntersuchung unterzogen. Diese zeigt, dass der Darm nicht richtig funktioniert. Am Nachmittag bestellt uns Bianka alle ins Krankenhaus ein. Ich sehe sie noch genau vor mir, wie sie mit gesenktem Kopf auf der Krankenhausbettkante sitzt und sagt: „Ich muss euch etwas Schlimmes sagen. Ich habe Darmkrebs.“ Diese Mitteilung schlägt ein, als wäre das Fallbeil einer Guillotine auf uns herabgefallen. Sofort schießen mir die Tränen in die Augen. Wir sind alle zutiefst geschockt. Bei Bianka hatte ich Krebs kategorisch ausgeschlossen, da in ihrer Verwandtschaft niemand mit Krebs vorbelastet war. Da wäre ich zehnmal krebsanfälliger gewesen als sie. Deshalb hatte ich bis hierher den Krebs in keinerlei Weise auf meiner Rechnung.
Die Computertomografie am Nachmittag brachte den Beleg dafür. Wir sind alle geschockt und erschlagen. Damit hat niemand gerechnet. Es handelt sich um einen langsam wachsenden Krebs, der ca. fünf cm groß sein soll. Wahrscheinlich hat sie ihn unbemerkt knapp zwei Jahre lang in ihrem Körper. Er soll schon am nächsten Tag entfernt werden.
Mittwoch, 31.05.
Wir sind vormittags bei Bianka im Krankenhaus, bis sie gegen 11:30 Uhr in den OP-Saal gebracht wird. Ich gehe mit den Kindern zum Krankenhausseelsorger, der vor allem David guttut, weil der Junge dann endlich seine Tränen herauslässt. Bisher hat er die Trauer in sich „hineingefressen“. In einer fünfstündigen Operation wird der Darmtumor herausoperiert. Es muss doch der Bauchraum großzügiger aufgeschnitten werden als zuvor gedacht. Um 12 Uhr ist der Beginn der OP und ich rufe im Krankenhaus gegen 17 Uhr an – doch da ist Bianka noch im Operationssaal. Etwa eine halbe Stunde später werde ich vom Krankenhaus angerufen, dass die OP zwar größer ausgefallen ist als zuvor angedacht, dass es meiner Frau aber den Umständen entsprechend gut geht und ich sie am nächsten Tag auf der Intensivstation besuchen darf.
Donnerstag, 01.06.
Auf der Fahrt zum Krankenhaus kommen mir Tränen. Und ich ermahne mich selbst dazu, stark zu sein und mich darüber zu freuen, dass die OP gut verlaufen ist. Ich will meiner Frau Hoffnung geben und ihr nichts vorheulen, denn sie braucht mich jetzt mehr denn je. Und schließlich darf ich heute als Einziger zu ihr auf die Intensivstation. Aber natürlich ist es heftig, wenn man ausgerechnet den 21. Hochzeitstag zusammen auf der Intensivstation verbringen muss. Das sind schon sehr gemischte Gefühle. Aber wir haben es bei unserem Ehegelübde geschworen: In guten wie in schlechten Zeiten halten wir zusammen – bis dass der Tod uns scheidet (doch dass dies schon sehr bald der Fall sein würde, daran dachte niemand von uns – warum auch).
Unseren 21. Hochzeitstag verbringen wir also gemeinsam auf der Intensivstation Talseite im Krankenhaus. Bianka hat die OP gut überstanden und ist froh, dass sie diese Hürde gut gemeistert hat. Sie ist sehr zufrieden mit der krankenhausärztlichen Betreuung und ist begeistert von den 9 sehr großen OP-Räumen. Natürlich hat sie da ein Auge drauf als gelernte Krankenschwester. Da ich kein Held bin, was diese rote Masse namens Blut anbelangt, hat sie das Krankenhauspersonal gebeten, alle Blutsachen entweder abzumachen oder zu verdecken. So rücksichtsvoll ist meine Frau zu mir. DANKE. Und es ist auch nicht ganz so gefängnismäßig abgeschottet, wie man es aus dem TV kennt. Eigentlich eine ganz schöne Intensivstation, wenn man sie unbedingt benötigt.

