Projekt: Echtes Leben
Unperfekt. Ungefiltert. Unverzichtbar.
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 148
ISBN: 978-3-7116-1374-5
Erscheinungsdatum: 29.04.2026
Hanna hat alles – Familie, Haus, Alltag. Und doch fühlt sie sich verloren zwischen Brotdosen und Erwartungen. Auf der Suche nach sich selbst wagt sie einen Schritt ins Unbekannte – und riskiert dabei mehr, als sie ahnt. Ein Roman über Sehnsucht und Mut.
Die Stille war lauter als jedes Kinderlachen
Hanna stand am Fenster. Der Himmel brannte in dunklem Orange, während die letzten Sonnenstrahlen über die Felder strichen. Sie hielt die Kaffeetasse in der Hand, aber sie war längst kalt. Sie hatte vergessen zu trinken. Wieder einmal. Hinter ihr, irgendwo im Haus, das dumpfe Stampfen kleiner Füße, ein ausgelassenes Lachen. Ihre Jungs spielten im Wohnzimmer. Sie liebte ihr Lachen. Eigentlich. Doch gerade fühlte es sich an, als wäre es eine andere Welt, eine, in die sie nicht mehr richtig gehörte. Ihr Blick fiel auf die Wanduhr – 19:43 Uhr. Ihr Mann war noch nicht da. Natürlich nicht. Hanna atmete tief durch, rieb sich mit zwei Fingern über die Schläfen. War das nun Glück? War es das, wovon alle gesprochen hatten? Sie erinnerte sich an all die Sätze, die man ihr gesagt hatte, als sie schwanger war. „Ein Kind ist das Schönste, was dir passieren kann.“ „Genieß die Babyzeit, sie vergeht so schnell.“ „Wenn dein Baby dich das erste Mal anlächelt, wirst du alles vergessen.“ Aber warum hatte niemand gesagt, dass du dich auch verlieren kannst? Niemand hatte von den schlaflosen Nächten gesprochen, von dem Gefühl, nicht genug zu sein, egal, wie sehr du dich anstrengst. Niemand hatte erzählt, wie es sich anfühlt, wenn dein Mann zur Arbeit fährt und du mit einem schreienden Baby auf dem Arm in einem Haus stehst, das sich nie wirklich wie dein Zuhause angefühlt hat. Niemand hatte ihr gesagt, dass sich Liebe nicht immer wie ein warmes, sanftes Licht anfühlt, sondern manchmal wie eine rostige Kette, die einen an einen Ort bindet, an dem man nicht sein möchte. Sie schüttelte den Kopf. Nein, das stimmte nicht. Sie wollte hier sein. Sie wollte ihre Kinder, ihr Leben, ihren Mann. Sie hatte doch alles, oder nicht?
Und trotzdem …
Hanna spürte, wie sich die Stille langsam in ihr ausbreitete, wie eine dunkle Welle, die ihr den Atem nahm. Wie oft hatte sie am Fenster gestanden, so wie jetzt? Wie oft hatte sie in den Himmel gesehen und sich gefragt, ob es das war? Draußen wurde es langsam dunkler. Die ersten Sterne blitzten am Himmel auf, als wollten sie sie daran erinnern, dass es da draußen eine Welt gab, die sie einmal entdecken wollte. Eine Welt, die sie vergessen hatte.
Damals …
Damals, als sie noch Musik gemacht hatte. Als sie noch gesungen hatte. Als ihr Kopf voller Melodien gewesen war, nicht voller Einkaufslisten, Arztterminen und vergessener Waschmaschinenladungen.
Wann hatte sie aufgehört zu singen?
Hanna stellte die Kaffeetasse auf die Fensterbank. Ihre Finger fühlten sich kalt an, obwohl die Luft im Raum warm war. Morgen würde sie aufstehen, Frühstück machen, Brotdosen packen. Ihr Mann würde zur Arbeit fahren, ihre Kinder in die Schule gehen. Und sie? Sie würde funktionieren. So wie immer. Aber da war etwas in ihr, das nicht mehr schlafen wollte. Ein Gedanke, leise, aber hartnäckig.
Was wäre, wenn …?
Hanna hörte das Auto in die Einfahrt rollen. Die Scheinwerfer warfen lange Schatten an die Hauswand, dann verstummte der Motor. Sie blieb noch einen Moment am Fenster stehen, sah, wie Sebastian ausstieg, die Autotür schloss und kurz stehen blieb, bevor er ins Haus kam. Die Haustür fiel leise ins Schloss. Keine unnötige Härte, kein unnötiges Geräusch. Sie kannte jede seiner Bewegungen, wie er die Schultern kurz kreisen ließ, bevor er die Haustür aufschloss, wie er die Jacke immer an den ersten Haken hängte, die Schuhe irgendwo abstellte, nur nicht auf die Schuhablage, wo sie nach Hannas Auffassung hingehörten. Er trat in die Küche, noch in Arbeitskleidung – dunkelblaue Hose, das Poloshirt mit dem dezenten Firmenlogo. Ein leichter Geruch nach Metall und Maschinenöl lag an ihm. Früher hatte sie diesen Geruch gemocht.
„Hey.“ Seine Stimme war warm, vertraut. „Alles okay?“
Hanna drehte sich zu ihm um und zwang sich zu einem Lächeln. „Ja. Klar.“
Er kam auf sie zu, legte eine Hand an ihre Taille und küsste sie auf die Stirn. Ein sanftes Ritual, wie jeden Abend. „Die Jungs sind noch wach?“ Er warf einen Blick in den Flur, aus dem leises Murmeln kam.
„Ja. Ich hab sie noch spielen lassen.“ Sebastian lächelte.
„Gut. Sie haben schließlich nur die eine Kindheit.“ Hanna nickte. Und ich? wollte sie fragen. Habe ich nur ein Leben? Aber sie sagte es nicht. Stattdessen sah sie ihm zu, wie er die Kinder begrüßte, sie lachend hochhob, während sie johlten. Er war ein wunderbarer Vater. Sie hatte sich keinen besseren wünschen können. Und doch … Hanna wusste, dass sie heute Abend im Bett wieder nebeneinander liegen würden, in liebevoller Stille. Dass er fragen würde: „Alles gut?“ Und dass sie nicken würde. Und dass er ihr Lächeln glauben würde, weil es für ihn keinen Grund gab, daran zu zweifeln. Nachdem Sebastian den Jungs gute Nacht gesagt und sie in ihre Betten eingekuschelt hatte, kam er die Treppe herunter.
„Hey noch mal.“ Sein Lächeln war echt, warm. „Wie war dein Tag?“
Er fragte das jeden Abend, ohne Ausnahme, und trotzdem wusste Hanna, dass er keine langen Antworten erwartete, keine komplizierten Erklärungen. Einfach ein „Gut“ oder „War viel los mit den Jungs“, und er wäre zufrieden.
„Ganz okay“, sagte sie und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Und deiner?“
Er zog die Schultern hoch. „Viel zu tun, die neuen Maschinen laufen noch nicht rund.“ Er mochte seine Arbeit. Das war ein großer Unterschied zwischen ihnen – während Hanna sich oft fragte, ob das wirklich alles war, was das Leben für sie bereithielt, war Sebastian angekommen. Er brauchte keine großen Träume, keine Veränderungen. Arbeit, Familie, ein sicheres Zuhause – das war sein Glück. Er kam zu ihr, legte eine Hand auf ihren Rücken. Eine Geste, die beruhigen sollte, die Vertrautheit ausdrückte. „Hast du schon gegessen?“, fragte er.
„Nein, noch nicht.“ „Dann setz dich, ich mach uns schnell was.“ Das war Sebastian. Er fragte nicht lange, er tat einfach. Während sie sich noch fragte, ob sie überhaupt Hunger hatte, stand er schon am Kühlschrank, holte Brot und Aufschnitt heraus, goss ihr ein Glas Wasser ein. Er war ein guter Mann. Ein verdammt guter Mann. Und trotzdem … Manchmal fühlte sich seine Fürsorge wie eine unsichtbare Wand an. Wie eine sanfte Umarmung, die ein Stück zu fest war.
Sebastian ist in jeder Lebenslage routiniert, strukturiert. Er stand jeden Morgen um 05:00 Uhr auf. Machte das Bett glatt, bevor er das Haus verließ, selbst wenn Hanna noch darin lag. Kam am Abend zurück, zuverlässig wie ein Uhrwerk. Sie kannte seinen inneren Rhythmus. Er wusste, wie man Dinge regelte, wie man einen kühlen Kopf bewahrte. Wenn es um Termine ging, um Organisation, um Finanzen – Sebastian hatte alles im Griff. Nur sie nicht. Sie war das unberechenbare Element in seiner perfekt geordneten Welt.
Sebastian lehnte sich im Stuhl zurückund streckte die Beine aus. Seine Socken waren irgendwo im Flur gelandet, direkt neben seinen Schuhen, die er mal wieder nicht ordentlich hingestellt hatte. Hanna hatte nichts gesagt, aber er hatte ihren kurzen Blick gesehen. Er wusste, dass sie das störte. Oder vielleicht war es gar nicht das? Vielleicht störte sie inzwischen einfach alles. Er sah zu ihr. Sie wirkte müde. Nicht einfach nur „langer Tag“-müde, sondern anders. Tiefer. „Wollen wir am Wochenende mit den Jungs was unternehmen? Vielleicht in den Kletterpark?“, fragte er.
Sie nickte, ganz automatisch. Früher hätte sie gelächelt, gefragt, ob sie hinterher noch irgendwo essen gehen wollten. Vielleicht hätte sie ihn geneckt:Hoffentlich hast du keine HöhenangstHeute nickte sie einfach nur. Irgendetwas stimmte nicht. Schon lange nicht mehr. Aber Sebastian wusste nicht, wie er sie fragen sollte, ohne dass sie wieder nur „Alles gut“ sagte. Er wusste, wie man Probleme löste, wie man Dinge reparierte. Aber wie reparierte man eine Frau, die einem nicht mehr sagte, was in ihr vorging? Er legte seine Gabel neben den Teller und sah sie an. „Hanna … irgendwas ist doch los.“
Sie schluckte. Spürte, wie ihr Herz einen Moment schneller schlug. Zu spät. Er hatte es zu plump gesagt, zu direkt. Das Problem war nicht, dass er es nicht bemerkte. Das Problem war, dass er es nicht verstand. Er sah es. Aber er fühlte es nicht. Hanna zwang sich zu einem Lächeln. „Ich bin nur müde – lass uns einen Film schauen.“ Sebastian musterte sie, als wollte er abschätzen, ob das stimmte. Dann nickte er schließlich und startete den Fernseher. Er vertraute ihr. Er glaubte ihr. Und genau das machte es so schwer. Er wusste nicht, wie man eine Tür öffnete, die jemand anderes von innen verriegelt hatte.
05:45 Uhr.
Der Wecker summte leise, doch Hanna war längst wach. Seit zehn Minuten lag sie mit offenen Augen da, starrte an die Decke, während sich ihre Gedanken um nichts und trotzdem irgendwie um alles drehten. Sie seufzte, rieb sich übers Gesicht und stand auf. Im Badezimmerspiegel sah sie eine Frau mit müden Augen. „Jeden Tag starrt mich diese fremde Frau aus dem Spiegel an“, murmelte sie. Es war ein Morgen wie jeder andere. Sie schlang sich den Bademantel um, schlüpfte in ihre Hausschuhe und ging in die Küche. Die Stille im Haus war schwer. Sebastian war längst weg. Seit fünf Uhr war er draußen in der Welt – funktionierend, arbeitend, zuverlässig wie immer. Und sie? Sie bereitete Frühstück vor. Jeden Morgen dieselben Handgriffe: Brote schmieren, Butter, dann Käse. Für den Älteren noch ein paar Gurkenscheiben, für den Jüngeren nicht – der mochte die nicht. Jeden Morgen dieselben Brotdosen, dieselben Plastikdeckel, die manchmal klemmten, wenn sie sie einfach zuschnappen ließ. Dasselbe dumpfe Geräusch, wenn sie die Dosen in die Rucksäcke packte. Dann ein großer Kaffee für sie selbst. Der einzige Moment am Morgen, der nur ihr gehörte. Sie ließ sich auf den Stuhl sinken, umklammerte die warme Tasse und schloss kurz die Augen. Fünf Minuten Ruhe. Bevor die Jungs aufstanden, bevor die Stimmen laut wurden, bevor der Tag wieder durch sie hindurchraste, als wäre sie nur eine Haltestelle, an der alles hielt, aber nie verweilte.
06:30 Uhr.
Die ersten Schritte im Flur. Es beginnt. Türen öffneten sich, kleine Füße tappten über den Boden. Gleich würden die ersten Worte kommen: „Mama, was gibt’s zum Frühstück?“ „Wo ist mein T-Shirt?“ „Ich hab’ keine Lust auf Schule.“ Hanna nahm einen letzten, halb kalten Schluck Kaffee, während Jonas und Leo in die Küche kamen – zerzaust, verschlafen, mit dieser ungefilterten Direktheit, die nur Kinder beherrschen. Und sie sah sie an. Ihre Kinder. Diese zwei Wesen, die sie mit jeder Faser ihres Herzens liebte. Gott, sie liebte sie über alles. Aber es war eine Liebe, die manchmal schwer wog. Keine federleichte Instagram-Liebe mit Filtern und perfekt arrangierten Müslischalen. Sondern eine, die zerrte, die forderte, die nachts wach hielt. Die an ihr zerrte, an ihrem Körper, an ihrer Geduld, an ihrer Zeit. Es war diese Liebe, die einem den Atem nehmen konnte – im Guten wie im Herausfordernden. Manchmal dachte sie: Wenn ich gewusst hätte, wie sehr ich mich verliere – hätte ich dann … Aber eine Antwort darauf hatte sie nicht. Und vielleicht war genau das die ehrlichste Antwort von allen. Denn es gab Tage, an denen sie sich nicht wiedererkannte. Tage, an denen sie sich fragte, wann sie aufgehört hatte, einfach nur Hanna zu sein – und stattdessen nur noch „Mama“ war. Nicht als Titel, sondern als Funktion, als eine Art Dauerzustand. Immer erreichbar, immer bereit, immer ein Stück von sich gebend. Und doch gab es auch diese anderen Momente, wenn Leo im Schlaf leise murmelte: „Mama, du bist die Beste.“ Wenn Jonas ihr beim Abendessen sagte, dass ihr Lachen so verrückt ist, dass er auch immer lachen muss. Wenn beide mit schmutzigen Händen, aufgeschürften Knien und leuchtenden Augen von Abenteuern erzählten, als wären es Weltentdeckungen. Dann wusste sie wieder, warum sie geblieben war. Warum sie jeden Tag aufstand, auch wenn alles in ihr nach Pause schrie. Warum sie Toast mit allem drauf machte, obwohl sie früher dachte, sie würde irgendwann in Cafés schreiben und Menschen in Fernsehsendungen interviewen.
Weil sie sie liebte. So sehr, dass es manchmal wehtat. So sehr, dass sie sich selbst vergaß – und genau deshalb wiederfinden musste. Und in dieser Spannung lebte sie. In dem „Ich bereue nichts“ und dem „Manchmal will ich einfach nur weg“. In dem „Ich liebe euch bedingungslos“ und dem „Ich brauche Raum für mich“.
Es war kein Widerspruch. Es war Mutterschaft und sie war mittendrin.
Sie lächelte. „Morgen, meine Süßen.“
Sie frühstückten zusammen. Während die Jungs sich unterhielten, ließ Hanna ihren Blick schweifen. Der halb volle Geschirrspüler, die Brotmesser, noch mit Butter beschmiert, der Tisch, an dem immer ein paar Krümel zurückblieben, egal wie oft sie ihn abwischte.
07:15 Uhr.
„Tschüss, Mama!“ Die Tür fiel ins Schloss. Und jetzt? Hanna stand auf, räumte die Teller weg, wischte mechanisch über den Tisch. Dann starrte sie auf die Spüle, auf den Geschirrspüler, auf das Geschirr, das den Weg nicht in den Spüler fand, sondern immer obendrauf abgestellt wurde. Jeden Morgen das Gleiche. Sie war noch nicht mal auf der Arbeit und schon erschöpft. Nicht, weil sie die Nacht durchgefeiert oder den Mount Wäscheberg bestiegen hätte. Sondern, weil das Leben sich anfühlte wie ein endloser Staffelstab aus To-dos, Entscheidungen und mentalem Jonglieren. Diese Erschöpfung war nicht sichtbar. Sie hatte kein Fieber, keine blauen Flecken, keine Ausrede, die man ins Büro mailen konnte. Aber sie war da, im permanenten Gedankenkreisen, im mentalen Checklisten-Marathon, im hundertfachen „Denk dran, Jonas braucht noch …“ Es war die Erschöpfung der ständigen Verfügbarkeit und des emotionalen Bereitschaftsdienstes. Es war keine Pause in Sicht, auch kein „Abmelden“, kein „Ich mach das morgen“. Denn Kinder brauchen ein Jetzt und der Job ruft ein Heute. Der Alltag klopft – ständig.
Und sie selbst? Sie steht irgendwo zwischen Kaffeemaschine und Terminkalender und denkt sich: Ich war doch mal jemand. Jemand mit Träumen. Jemand mit Zeit für einen Gedanken, der nicht sofort wieder unterbrochen wird.
Diese Erschöpfung ist tückisch, weil sie sich nicht wie eine Pause einfordert, sondern sich leise in die Poren setzt, weil sie nicht laut schreit, sondern flüstert: Reiß dich zusammen.
Aber heute, inmitten dieser Müdigkeit, dachte Hanna: Vielleicht reiß ich mich mal nicht zusammen. Vielleicht halte ich diese Müdigkeit einfach mal aus – nicht als Schwäche, sondern als Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Dass etwas fehlt. Dass etwas neu sortiert werden will.
08:00 Uhr.
Hanna saß an ihrem Schreibtisch im Büro. Ein Stapel Papiere, das Telefon klingelte. Dieselbe Routine wie zu Hause – nur dass es hier keine Brotdosen, sondern Rechnungen und E-Mails waren. Sie war nicht unglücklich hier. Aber glücklich war sie auch nicht. Sie schaute auf die Uhr. Noch vier Stunden, dann durfte sie nach Hause. Nach Hause – aber nicht zu sich selbst.
11:45 Uhr.
Hanna schaltete den Computer aus. Eigentlich sollte sie noch bis 12:00 Uhr bleiben, aber es gab nichts mehr zu tun. Und selbst wenn – sie wollte nicht mehr. Sie nahm ihre Tasche, verabschiedete sich kurz bei den Kollegen und trat nach draußen. Die Luft war frisch, ein Hauch von Frühling lag in der Stadt. Normalerweise hätte sie jetzt direkt ins Auto steigen und nach Hause hetzen müssen – Mittagessen kochen, Haus aufräumen, funktionieren. Aber heute nicht. Heute nicht. Hanna blieb einfach stehen, nur für eine Minute. Sie schaute die Straße hinunter. Die Stadt war voller Menschen, die irgendwohin eilten – zur Arbeit, nach Hause, zum nächsten Termin. Alle schienen genau zu wissen, wo sie hingehörten. Und sie? Wohin gehörte Hanna? Ihr Blick fiel auf das kleine Café an der Ecke. Die Sonne fiel durch die große Glasfront, Tische mit weißen Tassen und dampfenden Getränken. Drinnen saßen Menschen – lachend, lesend, entspannt. Ein Kaffee. Ein Kaffee allein. Die Idee war verrückt. Sie hatte keine Zeit – sie musste doch nach Hause. Die Jungs würden bald kommen. Sie würde sich selbst verspäten. Aber trotzdem, sie ging hinein und roch den frischen Duft von Kaffee und frisch Gebackenem. Sie bestellte sich einen großen Cappuccino mit extra Milchschaum. Etwas, das sie sich nie gönnte. Sie setzte sich ans Fenster und lehnte sich zurück. Sie beobachtete das hastige Treiben draußen auf der Straße, das Eilen der vielen Menschen, die sogar während des Gehens beschäftigt waren, weil sie telefonierten oder Nachrichten tippten. Keiner von ihnen schien die Welt um sie herum wahrzunehmen. Gefangen im stressigen Alltag, im Medienkonsum, im unendlichen Universum des virtuellen Lebens. Währenddessen wurde Hanna bewusst, dass sie, außer dem Beobachten, gar nichts tat. Sie saß zurückgelehnt auf ihrem Stuhl und ließ sich treiben. Die Uhr tickte, aber zum ersten Mal seit Wochen fühlte sie sich nicht gehetzt. Sie nahm einen Schluck. Schmeckte die Wärme, den leichten Hauch von Schokolade im Schaum. Es war nur Kaffee, aber gleichzeitig so viel mehr. Für fünfzehn Minuten war sie nicht nur Mutter, nicht nur Ehefrau, nicht nur Sekretärin. Für fünfzehn Minuten war sie einfach Hanna.
Der Cappuccino war fast leer. Nur noch ein dünner Rest Milchkaffee am Tassenrand, ein Schatten von Milchschaum, der langsam verblasste. Hanna schob den Löffel durch die Schaumreste, ohne nachzudenken. Draußen liefen Menschen vorbei, hastig, zielgerichtet. Eine Frau mit einem Notizbuch unter dem Arm. Ein Mann mit Kopfhörern, der leise den Takt einer Musik mitnickte, die nur er hören konnte. Sie waren in ihren eigenen Welten. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Hanna sich nicht ausgeschlossen – sondern einfach frei. Es war nicht viel – nur fünfzehn Minuten. Aber sie schmeckten nach etwas Größerem. Sie schloss für einen Moment die Augen und fühlte die Wärme des Kaffees in ihrem Bauch, das leichte Ziehen in den Schultern, als würde sich eine unsichtbare Last einen Millimeter nach unten verschieben. Wie lange hatte sie sich nicht mehr einfach irgendwo hingesetzt, ohne eine To-do-Liste im Kopf? Sie dachte nicht an Brotdosen, nicht an Schulaufgaben, nicht an Wäscheberge oder Wochenessenpläne. Als sie die Augen wieder öffnete, war da ein kleines Lächeln. Es war nicht groß, auch nicht triumphierend. Aber es war da. Hanna wusste, dass sie aufstehen musste, dass die Uhr weiterlief, dass ihre Jungs bald nach Hause kamen. Aber Hanna sah einfach auf die leere Cappuccino-Tasse. Sie hätte nicht gedacht, dass etwas so Banales sich so verdammt gut anfühlen konnte. Aber es war nicht nur der Kaffee. Es war das Sitzenbleiben – das Innehalten. Das Spüren, dass die Welt nicht einstürzte, wenn sie sich für ein paar Minuten herausnahm. Warum tat sie das nicht öfter? Warum hatte sie das Gefühl, dass sie sich für alles rechtfertigen musste – sogar für einen simplen Kaffee, allein in einem Café? Sie war Mutter, Ehefrau, Angestellte und sie hatte sich immer gesagt, dass sie genau das sein wollte. Sie hatte sich entschieden, für ihre Familie da zu sein. Hatte ihre Arbeitszeit reduziert, damit die Kinder nach der Schule nicht allein waren. Sie hatte sich für dieses Leben entschieden. Oder? Ein merkwürdiger Gedanke kroch in ihr hoch. Einer, den sie schnell wieder wegschieben wollte. Hatte sie jemals wirklich die Wahl gehabt? Oder hatte sie einfach das getan, was von ihr erwartet wurde? Was „richtig“ war? Sie nahm den Löffel und drehte ihn zwischen den Fingern. Wann war sie zuletzt spontan gewesen? Wann hatte sie zuletzt etwas getan, das keinen Zweck hatte, das nicht Teil des großen Plans war? Sebastian machte das ständig. Er ging mit den Jungs ins Schwimmbad, ohne sich vorher zu fragen, ob noch Wäsche gemacht werden musste. Er buchte einen Urlaub, ohne darüber nachzudenken, ob sie nicht lieber das Geld sparen sollten. Warum konnte sie das nicht? Warum war ihr erster Impuls immer: „Ich kann nicht, ich muss noch …“? Sie blinzelte. Das Gefühl war seltsam. Wie ein Stein, der ins Wasser fiel – und erst jetzt die Kreise zog. Etwas in ihr hatte sich verschoben. Ein Kaffee war nur ein Kaffee. Aber vielleicht war er der Anfang von etwas.
...
Hanna stand am Fenster. Der Himmel brannte in dunklem Orange, während die letzten Sonnenstrahlen über die Felder strichen. Sie hielt die Kaffeetasse in der Hand, aber sie war längst kalt. Sie hatte vergessen zu trinken. Wieder einmal. Hinter ihr, irgendwo im Haus, das dumpfe Stampfen kleiner Füße, ein ausgelassenes Lachen. Ihre Jungs spielten im Wohnzimmer. Sie liebte ihr Lachen. Eigentlich. Doch gerade fühlte es sich an, als wäre es eine andere Welt, eine, in die sie nicht mehr richtig gehörte. Ihr Blick fiel auf die Wanduhr – 19:43 Uhr. Ihr Mann war noch nicht da. Natürlich nicht. Hanna atmete tief durch, rieb sich mit zwei Fingern über die Schläfen. War das nun Glück? War es das, wovon alle gesprochen hatten? Sie erinnerte sich an all die Sätze, die man ihr gesagt hatte, als sie schwanger war. „Ein Kind ist das Schönste, was dir passieren kann.“ „Genieß die Babyzeit, sie vergeht so schnell.“ „Wenn dein Baby dich das erste Mal anlächelt, wirst du alles vergessen.“ Aber warum hatte niemand gesagt, dass du dich auch verlieren kannst? Niemand hatte von den schlaflosen Nächten gesprochen, von dem Gefühl, nicht genug zu sein, egal, wie sehr du dich anstrengst. Niemand hatte erzählt, wie es sich anfühlt, wenn dein Mann zur Arbeit fährt und du mit einem schreienden Baby auf dem Arm in einem Haus stehst, das sich nie wirklich wie dein Zuhause angefühlt hat. Niemand hatte ihr gesagt, dass sich Liebe nicht immer wie ein warmes, sanftes Licht anfühlt, sondern manchmal wie eine rostige Kette, die einen an einen Ort bindet, an dem man nicht sein möchte. Sie schüttelte den Kopf. Nein, das stimmte nicht. Sie wollte hier sein. Sie wollte ihre Kinder, ihr Leben, ihren Mann. Sie hatte doch alles, oder nicht?
Und trotzdem …
Hanna spürte, wie sich die Stille langsam in ihr ausbreitete, wie eine dunkle Welle, die ihr den Atem nahm. Wie oft hatte sie am Fenster gestanden, so wie jetzt? Wie oft hatte sie in den Himmel gesehen und sich gefragt, ob es das war? Draußen wurde es langsam dunkler. Die ersten Sterne blitzten am Himmel auf, als wollten sie sie daran erinnern, dass es da draußen eine Welt gab, die sie einmal entdecken wollte. Eine Welt, die sie vergessen hatte.
Damals …
Damals, als sie noch Musik gemacht hatte. Als sie noch gesungen hatte. Als ihr Kopf voller Melodien gewesen war, nicht voller Einkaufslisten, Arztterminen und vergessener Waschmaschinenladungen.
Wann hatte sie aufgehört zu singen?
Hanna stellte die Kaffeetasse auf die Fensterbank. Ihre Finger fühlten sich kalt an, obwohl die Luft im Raum warm war. Morgen würde sie aufstehen, Frühstück machen, Brotdosen packen. Ihr Mann würde zur Arbeit fahren, ihre Kinder in die Schule gehen. Und sie? Sie würde funktionieren. So wie immer. Aber da war etwas in ihr, das nicht mehr schlafen wollte. Ein Gedanke, leise, aber hartnäckig.
Was wäre, wenn …?
Hanna hörte das Auto in die Einfahrt rollen. Die Scheinwerfer warfen lange Schatten an die Hauswand, dann verstummte der Motor. Sie blieb noch einen Moment am Fenster stehen, sah, wie Sebastian ausstieg, die Autotür schloss und kurz stehen blieb, bevor er ins Haus kam. Die Haustür fiel leise ins Schloss. Keine unnötige Härte, kein unnötiges Geräusch. Sie kannte jede seiner Bewegungen, wie er die Schultern kurz kreisen ließ, bevor er die Haustür aufschloss, wie er die Jacke immer an den ersten Haken hängte, die Schuhe irgendwo abstellte, nur nicht auf die Schuhablage, wo sie nach Hannas Auffassung hingehörten. Er trat in die Küche, noch in Arbeitskleidung – dunkelblaue Hose, das Poloshirt mit dem dezenten Firmenlogo. Ein leichter Geruch nach Metall und Maschinenöl lag an ihm. Früher hatte sie diesen Geruch gemocht.
„Hey.“ Seine Stimme war warm, vertraut. „Alles okay?“
Hanna drehte sich zu ihm um und zwang sich zu einem Lächeln. „Ja. Klar.“
Er kam auf sie zu, legte eine Hand an ihre Taille und küsste sie auf die Stirn. Ein sanftes Ritual, wie jeden Abend. „Die Jungs sind noch wach?“ Er warf einen Blick in den Flur, aus dem leises Murmeln kam.
„Ja. Ich hab sie noch spielen lassen.“ Sebastian lächelte.
„Gut. Sie haben schließlich nur die eine Kindheit.“ Hanna nickte. Und ich? wollte sie fragen. Habe ich nur ein Leben? Aber sie sagte es nicht. Stattdessen sah sie ihm zu, wie er die Kinder begrüßte, sie lachend hochhob, während sie johlten. Er war ein wunderbarer Vater. Sie hatte sich keinen besseren wünschen können. Und doch … Hanna wusste, dass sie heute Abend im Bett wieder nebeneinander liegen würden, in liebevoller Stille. Dass er fragen würde: „Alles gut?“ Und dass sie nicken würde. Und dass er ihr Lächeln glauben würde, weil es für ihn keinen Grund gab, daran zu zweifeln. Nachdem Sebastian den Jungs gute Nacht gesagt und sie in ihre Betten eingekuschelt hatte, kam er die Treppe herunter.
„Hey noch mal.“ Sein Lächeln war echt, warm. „Wie war dein Tag?“
Er fragte das jeden Abend, ohne Ausnahme, und trotzdem wusste Hanna, dass er keine langen Antworten erwartete, keine komplizierten Erklärungen. Einfach ein „Gut“ oder „War viel los mit den Jungs“, und er wäre zufrieden.
„Ganz okay“, sagte sie und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Und deiner?“
Er zog die Schultern hoch. „Viel zu tun, die neuen Maschinen laufen noch nicht rund.“ Er mochte seine Arbeit. Das war ein großer Unterschied zwischen ihnen – während Hanna sich oft fragte, ob das wirklich alles war, was das Leben für sie bereithielt, war Sebastian angekommen. Er brauchte keine großen Träume, keine Veränderungen. Arbeit, Familie, ein sicheres Zuhause – das war sein Glück. Er kam zu ihr, legte eine Hand auf ihren Rücken. Eine Geste, die beruhigen sollte, die Vertrautheit ausdrückte. „Hast du schon gegessen?“, fragte er.
„Nein, noch nicht.“ „Dann setz dich, ich mach uns schnell was.“ Das war Sebastian. Er fragte nicht lange, er tat einfach. Während sie sich noch fragte, ob sie überhaupt Hunger hatte, stand er schon am Kühlschrank, holte Brot und Aufschnitt heraus, goss ihr ein Glas Wasser ein. Er war ein guter Mann. Ein verdammt guter Mann. Und trotzdem … Manchmal fühlte sich seine Fürsorge wie eine unsichtbare Wand an. Wie eine sanfte Umarmung, die ein Stück zu fest war.
Sebastian ist in jeder Lebenslage routiniert, strukturiert. Er stand jeden Morgen um 05:00 Uhr auf. Machte das Bett glatt, bevor er das Haus verließ, selbst wenn Hanna noch darin lag. Kam am Abend zurück, zuverlässig wie ein Uhrwerk. Sie kannte seinen inneren Rhythmus. Er wusste, wie man Dinge regelte, wie man einen kühlen Kopf bewahrte. Wenn es um Termine ging, um Organisation, um Finanzen – Sebastian hatte alles im Griff. Nur sie nicht. Sie war das unberechenbare Element in seiner perfekt geordneten Welt.
Sebastian lehnte sich im Stuhl zurückund streckte die Beine aus. Seine Socken waren irgendwo im Flur gelandet, direkt neben seinen Schuhen, die er mal wieder nicht ordentlich hingestellt hatte. Hanna hatte nichts gesagt, aber er hatte ihren kurzen Blick gesehen. Er wusste, dass sie das störte. Oder vielleicht war es gar nicht das? Vielleicht störte sie inzwischen einfach alles. Er sah zu ihr. Sie wirkte müde. Nicht einfach nur „langer Tag“-müde, sondern anders. Tiefer. „Wollen wir am Wochenende mit den Jungs was unternehmen? Vielleicht in den Kletterpark?“, fragte er.
Sie nickte, ganz automatisch. Früher hätte sie gelächelt, gefragt, ob sie hinterher noch irgendwo essen gehen wollten. Vielleicht hätte sie ihn geneckt:Hoffentlich hast du keine HöhenangstHeute nickte sie einfach nur. Irgendetwas stimmte nicht. Schon lange nicht mehr. Aber Sebastian wusste nicht, wie er sie fragen sollte, ohne dass sie wieder nur „Alles gut“ sagte. Er wusste, wie man Probleme löste, wie man Dinge reparierte. Aber wie reparierte man eine Frau, die einem nicht mehr sagte, was in ihr vorging? Er legte seine Gabel neben den Teller und sah sie an. „Hanna … irgendwas ist doch los.“
Sie schluckte. Spürte, wie ihr Herz einen Moment schneller schlug. Zu spät. Er hatte es zu plump gesagt, zu direkt. Das Problem war nicht, dass er es nicht bemerkte. Das Problem war, dass er es nicht verstand. Er sah es. Aber er fühlte es nicht. Hanna zwang sich zu einem Lächeln. „Ich bin nur müde – lass uns einen Film schauen.“ Sebastian musterte sie, als wollte er abschätzen, ob das stimmte. Dann nickte er schließlich und startete den Fernseher. Er vertraute ihr. Er glaubte ihr. Und genau das machte es so schwer. Er wusste nicht, wie man eine Tür öffnete, die jemand anderes von innen verriegelt hatte.
05:45 Uhr.
Der Wecker summte leise, doch Hanna war längst wach. Seit zehn Minuten lag sie mit offenen Augen da, starrte an die Decke, während sich ihre Gedanken um nichts und trotzdem irgendwie um alles drehten. Sie seufzte, rieb sich übers Gesicht und stand auf. Im Badezimmerspiegel sah sie eine Frau mit müden Augen. „Jeden Tag starrt mich diese fremde Frau aus dem Spiegel an“, murmelte sie. Es war ein Morgen wie jeder andere. Sie schlang sich den Bademantel um, schlüpfte in ihre Hausschuhe und ging in die Küche. Die Stille im Haus war schwer. Sebastian war längst weg. Seit fünf Uhr war er draußen in der Welt – funktionierend, arbeitend, zuverlässig wie immer. Und sie? Sie bereitete Frühstück vor. Jeden Morgen dieselben Handgriffe: Brote schmieren, Butter, dann Käse. Für den Älteren noch ein paar Gurkenscheiben, für den Jüngeren nicht – der mochte die nicht. Jeden Morgen dieselben Brotdosen, dieselben Plastikdeckel, die manchmal klemmten, wenn sie sie einfach zuschnappen ließ. Dasselbe dumpfe Geräusch, wenn sie die Dosen in die Rucksäcke packte. Dann ein großer Kaffee für sie selbst. Der einzige Moment am Morgen, der nur ihr gehörte. Sie ließ sich auf den Stuhl sinken, umklammerte die warme Tasse und schloss kurz die Augen. Fünf Minuten Ruhe. Bevor die Jungs aufstanden, bevor die Stimmen laut wurden, bevor der Tag wieder durch sie hindurchraste, als wäre sie nur eine Haltestelle, an der alles hielt, aber nie verweilte.
06:30 Uhr.
Die ersten Schritte im Flur. Es beginnt. Türen öffneten sich, kleine Füße tappten über den Boden. Gleich würden die ersten Worte kommen: „Mama, was gibt’s zum Frühstück?“ „Wo ist mein T-Shirt?“ „Ich hab’ keine Lust auf Schule.“ Hanna nahm einen letzten, halb kalten Schluck Kaffee, während Jonas und Leo in die Küche kamen – zerzaust, verschlafen, mit dieser ungefilterten Direktheit, die nur Kinder beherrschen. Und sie sah sie an. Ihre Kinder. Diese zwei Wesen, die sie mit jeder Faser ihres Herzens liebte. Gott, sie liebte sie über alles. Aber es war eine Liebe, die manchmal schwer wog. Keine federleichte Instagram-Liebe mit Filtern und perfekt arrangierten Müslischalen. Sondern eine, die zerrte, die forderte, die nachts wach hielt. Die an ihr zerrte, an ihrem Körper, an ihrer Geduld, an ihrer Zeit. Es war diese Liebe, die einem den Atem nehmen konnte – im Guten wie im Herausfordernden. Manchmal dachte sie: Wenn ich gewusst hätte, wie sehr ich mich verliere – hätte ich dann … Aber eine Antwort darauf hatte sie nicht. Und vielleicht war genau das die ehrlichste Antwort von allen. Denn es gab Tage, an denen sie sich nicht wiedererkannte. Tage, an denen sie sich fragte, wann sie aufgehört hatte, einfach nur Hanna zu sein – und stattdessen nur noch „Mama“ war. Nicht als Titel, sondern als Funktion, als eine Art Dauerzustand. Immer erreichbar, immer bereit, immer ein Stück von sich gebend. Und doch gab es auch diese anderen Momente, wenn Leo im Schlaf leise murmelte: „Mama, du bist die Beste.“ Wenn Jonas ihr beim Abendessen sagte, dass ihr Lachen so verrückt ist, dass er auch immer lachen muss. Wenn beide mit schmutzigen Händen, aufgeschürften Knien und leuchtenden Augen von Abenteuern erzählten, als wären es Weltentdeckungen. Dann wusste sie wieder, warum sie geblieben war. Warum sie jeden Tag aufstand, auch wenn alles in ihr nach Pause schrie. Warum sie Toast mit allem drauf machte, obwohl sie früher dachte, sie würde irgendwann in Cafés schreiben und Menschen in Fernsehsendungen interviewen.
Weil sie sie liebte. So sehr, dass es manchmal wehtat. So sehr, dass sie sich selbst vergaß – und genau deshalb wiederfinden musste. Und in dieser Spannung lebte sie. In dem „Ich bereue nichts“ und dem „Manchmal will ich einfach nur weg“. In dem „Ich liebe euch bedingungslos“ und dem „Ich brauche Raum für mich“.
Es war kein Widerspruch. Es war Mutterschaft und sie war mittendrin.
Sie lächelte. „Morgen, meine Süßen.“
Sie frühstückten zusammen. Während die Jungs sich unterhielten, ließ Hanna ihren Blick schweifen. Der halb volle Geschirrspüler, die Brotmesser, noch mit Butter beschmiert, der Tisch, an dem immer ein paar Krümel zurückblieben, egal wie oft sie ihn abwischte.
07:15 Uhr.
„Tschüss, Mama!“ Die Tür fiel ins Schloss. Und jetzt? Hanna stand auf, räumte die Teller weg, wischte mechanisch über den Tisch. Dann starrte sie auf die Spüle, auf den Geschirrspüler, auf das Geschirr, das den Weg nicht in den Spüler fand, sondern immer obendrauf abgestellt wurde. Jeden Morgen das Gleiche. Sie war noch nicht mal auf der Arbeit und schon erschöpft. Nicht, weil sie die Nacht durchgefeiert oder den Mount Wäscheberg bestiegen hätte. Sondern, weil das Leben sich anfühlte wie ein endloser Staffelstab aus To-dos, Entscheidungen und mentalem Jonglieren. Diese Erschöpfung war nicht sichtbar. Sie hatte kein Fieber, keine blauen Flecken, keine Ausrede, die man ins Büro mailen konnte. Aber sie war da, im permanenten Gedankenkreisen, im mentalen Checklisten-Marathon, im hundertfachen „Denk dran, Jonas braucht noch …“ Es war die Erschöpfung der ständigen Verfügbarkeit und des emotionalen Bereitschaftsdienstes. Es war keine Pause in Sicht, auch kein „Abmelden“, kein „Ich mach das morgen“. Denn Kinder brauchen ein Jetzt und der Job ruft ein Heute. Der Alltag klopft – ständig.
Und sie selbst? Sie steht irgendwo zwischen Kaffeemaschine und Terminkalender und denkt sich: Ich war doch mal jemand. Jemand mit Träumen. Jemand mit Zeit für einen Gedanken, der nicht sofort wieder unterbrochen wird.
Diese Erschöpfung ist tückisch, weil sie sich nicht wie eine Pause einfordert, sondern sich leise in die Poren setzt, weil sie nicht laut schreit, sondern flüstert: Reiß dich zusammen.
Aber heute, inmitten dieser Müdigkeit, dachte Hanna: Vielleicht reiß ich mich mal nicht zusammen. Vielleicht halte ich diese Müdigkeit einfach mal aus – nicht als Schwäche, sondern als Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Dass etwas fehlt. Dass etwas neu sortiert werden will.
08:00 Uhr.
Hanna saß an ihrem Schreibtisch im Büro. Ein Stapel Papiere, das Telefon klingelte. Dieselbe Routine wie zu Hause – nur dass es hier keine Brotdosen, sondern Rechnungen und E-Mails waren. Sie war nicht unglücklich hier. Aber glücklich war sie auch nicht. Sie schaute auf die Uhr. Noch vier Stunden, dann durfte sie nach Hause. Nach Hause – aber nicht zu sich selbst.
11:45 Uhr.
Hanna schaltete den Computer aus. Eigentlich sollte sie noch bis 12:00 Uhr bleiben, aber es gab nichts mehr zu tun. Und selbst wenn – sie wollte nicht mehr. Sie nahm ihre Tasche, verabschiedete sich kurz bei den Kollegen und trat nach draußen. Die Luft war frisch, ein Hauch von Frühling lag in der Stadt. Normalerweise hätte sie jetzt direkt ins Auto steigen und nach Hause hetzen müssen – Mittagessen kochen, Haus aufräumen, funktionieren. Aber heute nicht. Heute nicht. Hanna blieb einfach stehen, nur für eine Minute. Sie schaute die Straße hinunter. Die Stadt war voller Menschen, die irgendwohin eilten – zur Arbeit, nach Hause, zum nächsten Termin. Alle schienen genau zu wissen, wo sie hingehörten. Und sie? Wohin gehörte Hanna? Ihr Blick fiel auf das kleine Café an der Ecke. Die Sonne fiel durch die große Glasfront, Tische mit weißen Tassen und dampfenden Getränken. Drinnen saßen Menschen – lachend, lesend, entspannt. Ein Kaffee. Ein Kaffee allein. Die Idee war verrückt. Sie hatte keine Zeit – sie musste doch nach Hause. Die Jungs würden bald kommen. Sie würde sich selbst verspäten. Aber trotzdem, sie ging hinein und roch den frischen Duft von Kaffee und frisch Gebackenem. Sie bestellte sich einen großen Cappuccino mit extra Milchschaum. Etwas, das sie sich nie gönnte. Sie setzte sich ans Fenster und lehnte sich zurück. Sie beobachtete das hastige Treiben draußen auf der Straße, das Eilen der vielen Menschen, die sogar während des Gehens beschäftigt waren, weil sie telefonierten oder Nachrichten tippten. Keiner von ihnen schien die Welt um sie herum wahrzunehmen. Gefangen im stressigen Alltag, im Medienkonsum, im unendlichen Universum des virtuellen Lebens. Währenddessen wurde Hanna bewusst, dass sie, außer dem Beobachten, gar nichts tat. Sie saß zurückgelehnt auf ihrem Stuhl und ließ sich treiben. Die Uhr tickte, aber zum ersten Mal seit Wochen fühlte sie sich nicht gehetzt. Sie nahm einen Schluck. Schmeckte die Wärme, den leichten Hauch von Schokolade im Schaum. Es war nur Kaffee, aber gleichzeitig so viel mehr. Für fünfzehn Minuten war sie nicht nur Mutter, nicht nur Ehefrau, nicht nur Sekretärin. Für fünfzehn Minuten war sie einfach Hanna.
Der Cappuccino war fast leer. Nur noch ein dünner Rest Milchkaffee am Tassenrand, ein Schatten von Milchschaum, der langsam verblasste. Hanna schob den Löffel durch die Schaumreste, ohne nachzudenken. Draußen liefen Menschen vorbei, hastig, zielgerichtet. Eine Frau mit einem Notizbuch unter dem Arm. Ein Mann mit Kopfhörern, der leise den Takt einer Musik mitnickte, die nur er hören konnte. Sie waren in ihren eigenen Welten. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Hanna sich nicht ausgeschlossen – sondern einfach frei. Es war nicht viel – nur fünfzehn Minuten. Aber sie schmeckten nach etwas Größerem. Sie schloss für einen Moment die Augen und fühlte die Wärme des Kaffees in ihrem Bauch, das leichte Ziehen in den Schultern, als würde sich eine unsichtbare Last einen Millimeter nach unten verschieben. Wie lange hatte sie sich nicht mehr einfach irgendwo hingesetzt, ohne eine To-do-Liste im Kopf? Sie dachte nicht an Brotdosen, nicht an Schulaufgaben, nicht an Wäscheberge oder Wochenessenpläne. Als sie die Augen wieder öffnete, war da ein kleines Lächeln. Es war nicht groß, auch nicht triumphierend. Aber es war da. Hanna wusste, dass sie aufstehen musste, dass die Uhr weiterlief, dass ihre Jungs bald nach Hause kamen. Aber Hanna sah einfach auf die leere Cappuccino-Tasse. Sie hätte nicht gedacht, dass etwas so Banales sich so verdammt gut anfühlen konnte. Aber es war nicht nur der Kaffee. Es war das Sitzenbleiben – das Innehalten. Das Spüren, dass die Welt nicht einstürzte, wenn sie sich für ein paar Minuten herausnahm. Warum tat sie das nicht öfter? Warum hatte sie das Gefühl, dass sie sich für alles rechtfertigen musste – sogar für einen simplen Kaffee, allein in einem Café? Sie war Mutter, Ehefrau, Angestellte und sie hatte sich immer gesagt, dass sie genau das sein wollte. Sie hatte sich entschieden, für ihre Familie da zu sein. Hatte ihre Arbeitszeit reduziert, damit die Kinder nach der Schule nicht allein waren. Sie hatte sich für dieses Leben entschieden. Oder? Ein merkwürdiger Gedanke kroch in ihr hoch. Einer, den sie schnell wieder wegschieben wollte. Hatte sie jemals wirklich die Wahl gehabt? Oder hatte sie einfach das getan, was von ihr erwartet wurde? Was „richtig“ war? Sie nahm den Löffel und drehte ihn zwischen den Fingern. Wann war sie zuletzt spontan gewesen? Wann hatte sie zuletzt etwas getan, das keinen Zweck hatte, das nicht Teil des großen Plans war? Sebastian machte das ständig. Er ging mit den Jungs ins Schwimmbad, ohne sich vorher zu fragen, ob noch Wäsche gemacht werden musste. Er buchte einen Urlaub, ohne darüber nachzudenken, ob sie nicht lieber das Geld sparen sollten. Warum konnte sie das nicht? Warum war ihr erster Impuls immer: „Ich kann nicht, ich muss noch …“? Sie blinzelte. Das Gefühl war seltsam. Wie ein Stein, der ins Wasser fiel – und erst jetzt die Kreise zog. Etwas in ihr hatte sich verschoben. Ein Kaffee war nur ein Kaffee. Aber vielleicht war er der Anfang von etwas.
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