Cover: Wer Schmetterlinge lachen hört ...

Wer Schmetterlinge lachen hört ...


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 208
ISBN: 978-3-7116-1070-6
Erscheinungsdatum: 22.09.2025
Die von Schicksalsschlägen geprüfte Marita erkrankt an einer Angststörung und beginnt, am Leben zu zweifeln. Doch mithilfe eines erfahrenen Therapeuten gelingt es ihr, einen neuen Blick auf die Angst zu bekommen und ihr Leben anders wahrzunehmen.
Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken.
Der wird im Mondschein, ungestört von Furcht,
die Nacht entdecken.

Der wird zur Pflanze, wenn er will.
Zum Tier, zum Narr, zum Weisen.
Und kann in einer Stunde
durchs ganze Weltall reisen.

Der weiß, dass er nichts weiß.
Wie alle anderen auch nichts wissen.
Nur weiß er, was die anderen,
und auch er noch lernen müssen.

Wer in sich fremde Ufer spürt
und Mut hat, sich zu recken;
der wird allmählich ungestört von Furcht,
sich selbst entdecken.

Abwärts zu den Gipfeln
seiner selbst blickt er hinauf.
Den Kampf mit seiner Unterwelt
nimmt er gelassen auf.

Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken.
Der wird im Mondschein, ungestört von Furcht,
die Nacht entdecken.

Wer mit sich selbst in Frieden lebt,
der wird genauso sterben;
und ist selbst dann lebendiger
als alle seine Erben.

Text: Novalis (Friedrich Freiherr von Hardenberg)
überarbeitet von der Gruppe „Novalis“
Tonträger: BRAIN/Metronome




Nach reiflichen Überlegungen entschloss ich mich, das Leben von Marita in der Gegenwart zu schreiben. Der Leserin und dem Leser soll Gelegenheit gegeben werden, Marita ein Stück auf ihrem Lebensweg zu begleiten. Und wie kann das besser gehen als im Hier und im Jetzt.

Die Autorin.




Dezember 45. Die Kälte, die sich nicht nur in den Straßen und Häusern ausbreitet, sondern sich auch tief in die Herzen der Menschen gegraben hat, lässt sie in ihrem Wunsch nach Nähe, ihrer Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit zusammenrücken. Die Wertvorstellungen der letzten Jahre haben ihre Gültigkeit verloren. Wer jetzt übrig geblieben ist nach all dem Grauen der vergangenen Jahre, rückt zusammen.

Auch in Hamburg rücken zwei Menschen zusammen: Isabell Kern und Hagen Leist. Beide haben die Kriegsgeschehnisse physisch überlebt. Wie es mit dem Überleben der Seele aussieht???
Beide wissen um ihre Verletzungen und Verluste, die der Krieg ihnen zugefügt hat. Doch darüber sprechen sie an diesem bitterkalten Dezemberabend, einen Tag vor Heiligabend, nicht.
Isabell lebte vor Kriegsbeginn in einer alten Patriziervilla, eingebettet in die Geborgenheit einer Hamburger Kaufmannsfamilie. Schwere Verluste musste sie während des Krieges hinnehmen. Bis auf die älteste Schwester Hanne, die seit ihrer Heirat außerhalb Hamburgs wohnt, verlor sie bei einem der ersten Bombenangriffe ihre gesamte Familie.

Zunächst sah es so aus, als ob Isabell die schmerzlichen Verluste nicht verkraften würde; letztendlich aber siegte ihr Überlebenswille.

Hagen hatte Glück im Unglück. Der Verlust eines Beines lange vor Kriegsende führte dazu, dass er die letzten sinnlosen Kämpfe an der Front nicht mehr miterleben musste und in die Heimat zurückkehren konnte. Doch wie sah diese aus?
Hagen bezweifelte mitunter, ob sich das Leben für ihn – den Krüppel – noch lebenswert gestalten würde.

Keiner von beiden verschwendet an diesem Abend, in dieser Nacht, einen Gedanken an die Folgen, die sich aus ihrem Zusammensein ergeben können.

***

Am 5. September 46 trägt der Hamburger Standesbeamte Stelling die Geburt des Kindes Marita ein, Kind des Arbeiters Hagen Leist und seiner Ehefrau Isabell Leist, geborene Kern.




Marita …




Zwei Tage nach meinem vierten Geburtstag soll ich als nachträgliches Geburtstagsgeschenk meine kleine Schwester Elke bekommen. Das wird ein Spaß werden. Hoffentlich wird sie schnell groß, damit ich mit ihr spielen kann.

Gespannt warte ich bei der Nachbarin, Frau Böhme, wie meine kleine Schwester aussieht. Endlich höre ich die Haustür und Mutter eilt mit einem kleinen Bündel so schnell die Treppen hoch, dass Vater auf seinen Krücken gar nicht folgen kann. Ich bin ganz zappelig vor lauter Vorfreude. Mutter beugt sich zu mir hinunter und hält mir behutsam das Kleine hin. „Schau, Marita, dies ist dein kleiner Bruder Heiner. Wir müssen ganz behutsam mit ihm umgehen, denn er ist ja noch so klein.“

Entsetzt weiche ich zurück.
Dann stimmt es also, was Papa mir freudestrahlend erzählte, als er aus dem Krankenhaus kam. Mir erst ein Schwesterchen versprechen und dann einen Bruder präsentieren. Das ist doch die Höhe. Aber schließlich bin ich bereits vier Jahre alt und habe meine Strategien gelernt.

Als Erstes Plan A: Ich reibe mit den Händen meine Augen und weine dabei ganz jämmerlich. Aus Erfahrung weiß ich, dass Mutter dann sofort auf mich zueilt und mich tröstet.

Heute scheint ein Fehler in meinem System zu sein, denn Mutter kümmert sich keineswegs wie sonst um mich. Im Gegenteil, nun fängt dieses Bündel Mensch auf ihrem Arm auch noch zu weinen an, und Mutter wiegt es sanft auf ihrem Arm. Sie flüstert dabei zärtliche Worte der Beruhigung.

Also Plan B: Mein bisher leises Weinen steigert sich zu sirenenähnlichem Geheul. Mein so dokumentierter Protest wird von mir noch durch Füßetrampeln unterstützt. Zu meiner Überraschung nehmen mich weder Mutter noch Vater in den Arm, sondern wenden sich wortlos von mir ab, um in unsere Wohnung in den zweiten Stock zu gehen.

Kein Zweifel: ich bin entthront! Eine Ahnung beschleicht mich, dass in Zukunft nichts mehr so sein wird wie bisher.

***

Die folgenden Monate lassen mich durch eine Hölle gehen. Meine von mir über alles geliebten Eltern, die mir bisher ganz allein gehörten, haben nur noch Augen für Heiner. Ich hasse ihn von ganzem Herzen und hoffe immer noch auf das Wunder, dass dieser Störenfried, der mir die Aufmerksamkeit und die Liebe der Eltern stiehlt, verschwindet. Jeden Morgen nach dem Aufstehen sehe ich als Erstes nach, ob er noch da ist. Wo ich kann, kneife ich ihn und füge ihm Schmerzen zu. Ich achte genau darauf, dass keiner in der Nähe ist, wenn ich ihn trieze, denn in meinem Inneren ahne ich, dass ich etwas Böses, Verbotenes tue.
Manchmal, wenn Mutter in der Küche hantiert, sehe ich ihn mir lange an. Ich glaube, ich könnte ihn sogar niedlich finden, wenn er zu Frau Böhme oder einer anderen Mutter gehören würde.

Heiner ist jetzt zwei Monate alt. Heute Nachmittag bekommen wir Besuch von Mutters Freundinnen. Fröhlich trällernd trifft sie in der Küche die Vorbereitungen, und ich bin mit Heiner alleine im Zimmer. Heiner liegt ganz friedlich in seinem Bettchen und sieht sehr zufrieden aus. Kann er ja auch, schließlich kümmern sich alle um ihn!

Ich beschließe, ihn ein für alle Mal loszuwerden. Es ist ein Kinderspiel für mich, über einen kleinen Schemel in Heiners Bett zu gelangen. Ich packe ihn mit meiner ganzen Kraft, die ich habe, und beschließe, ihn aus dem Bett zu schmeißen. Ich bin mir noch nicht darüber im Klaren, was ich mit ihm machen werde, wenn ich es geschafft habe, ihn auf den Fußboden zu schmeißen. Das Einzige, was mich beherrscht, ist der Gedanke, den ungeliebten Nebenbuhler loszuwerden.

Der plötzliche Ruck, der Heiner aus seinem Schlaf reißt, lässt ihn sofort zu weinen anfangen. Mutter stürzt in das Zimmer und herrscht mich an: „Marita, was machst du mit dem Kleinen?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, gibt sie mir eine Ohrfeige, die meine Wange brennen lässt. Dann wendet sie sich liebevoll Heiner zu. Ich spüre, wie der Hass, den ich für Heiner empfinde, in meiner Brust brennt.

Mutters Freundinnen sind entsetzt, als sie von mir und dem Ereignis am Vormittag hören. Sie ermahnen mich noch einmal eindringlich, lieb zu Heiner zu sein und Mutter bei seiner Versorgung und Pflege beizustehen.

Als ich abends in meinem Bett liege, male ich mir aus, wie es sein könnte, wenn ich ganz alleine auf der Welt wäre. Mutter und Vater reden oft vom Krieg, der so vieles zerstört hat und viele Menschen hat sterben lassen. Vielleicht habe ich Glück und es wird bald wieder Krieg, und alle Menschen, die ich kenne, sind tot. Ich wäre dann ganz alleine und keiner könnte mir mehr wehtun.

Als Vater von seinem Pförtnerposten nach Hause kommt, krieche ich ganz tief unter meine Decke und stelle mich schlafend. Nach einer Weile wird es mir dort zu warm und ich strecke meinen Kopf etwas heraus. Gerade in diesem Moment höre ich Mutter sagen: „Ich weiß nicht mehr, was wir mit Marita noch machen sollen. Sie hat sich zu einem aggressiven, bösen Kind entwickelt. Ich kann sie nicht einmal mehr für ein paar Minuten mit dem Kleinen alleine lassen.“

Vaters Stimme klingt resigniert, als er Mutter antwortet. „Ja, unsere Marita ist ein richtiger Wüterich. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als sie in Zukunft noch härter anzufassen. Wir dürfen sie auf gar keinen Fall mit ihrem Zorn durchlassen. Sonst wächst sie uns eines Tages über den Kopf.“

Am liebsten möchte ich aus dem Bett springen und mich wie früher in Vaters Arme stürzen. Vater, du musst doch wissen, dass ich ein guter Mensch werden möchte – ich weiß doch aber nicht, wie das geht – und ich weiß nicht, wo mein Zorn herkommt. Jeden Abend bete ich mein Nachtgebet, so wie du es mich gelehrt hast; dass der liebe Gott mich fromm macht, damit ich in den Himmel komme. Aber am nächsten Morgen fühle ich mich wieder nicht fromm, sondern nur zornig.

***

Fünf Jahre bin ich alt, als wir eine größere Wohnung bekommen. Wir verlassen unser kleines, behagliches Zuhause und ziehen nach Eilbek in eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Der Schaden, den der Krieg angerichtet hat, ist noch immer zu sehen.
Nur wenige Häuser wurden von den Bomben verschont. Sie ragen einsam zwischen Trümmerflächen heraus. Zwischen verwilderter und überwucherter Erde liegen Behelfsheime, einige Hühnerställe und Nissenhütten. Sie sind inzwischen ausgebaut und vermitteln einen fast gemütlichen Eindruck.

Mutter und Vater sind überglücklich über die größere Wohnung. Der Verwalter des Hauses, Herr Heinzer, wohnt ebenfalls im Haus. Ich mache von Anfang an einen großen Bogen um ihn, denn Karin aus der Wohnung unter uns erzählt mir flüsternd und voller Respekt hinter vorgehaltener Hand bereits am Tag nach unserem Einzug von ihm. Er sei ein Kinderhasser und alle Kinder, die nicht hören und ihn ärgern, sperre er in den Rattenkeller, der sich unten im Mietshaus befindet. Herrn Heinzer obliegt auch die Aufgabe, regelmäßig mit einem uralten Benzinrasenmäher die Rasenflächen zu bearbeiten. Außerdem ist er dafür zuständig, an Feiertagen die Flagge zu hissen. Mutters Freude, am Haus eine große Rasenfläche zu haben, wird ihr von Herrn Heinzer rasch genommen. Denn das Betreten der Rasenflächen sei selbstverständlich verboten. Ich höre den drohenden Unterton in seiner Stimme, als er Mutter belehrt. Wenn sie auch keinen Hehl daraus macht, dass sie keineswegs mit diesem Verbot einverstanden ist und auch Bereitschaft zeigt, in dieser Angelegenheit dem Vermieter den Kampf anzusagen, so würden mich keine zehn Pferde dazu bringen, auch nur mit den Fußspitzen den Rasen zu betreten, denn Herr Heinzer und der Gedanke an seinen Rattenkeller sind mir allgegenwärtig, sobald ich die Rasenfläche sehe.

Karin und Gudrun wohnen mit mir in einem Haus. Karin ist mit ihren fünf Jahren so alt wie ich. Gudrun wird bald sieben. Sie schaut auf uns „Kleinen“ manchmal ganz geringschätzig herab. Dann kann ich sie nicht ausstehen. Als sie es nicht hörte, habe ich schon mal „alte Ziege“ hinter ihr hergemurmelt.

Gudrun hat ein Fahrrad, um das ich sie heiß beneide. Manchmal ist sie sehr nett. Dann darf ich auf ihrem Fahrrad fahren, und sie hält sogar hinten den Gepäckträger fest, damit ich nicht umfalle.

Eine Freifläche hat es uns Kindern besonders angetan. Wir nennen sie den Hein-Gummi-Platz. Kein Mensch weiß, wie dieser Name zustande gekommen ist. Liegt es an einigen alten Autoreifen, die unachtsam irgendjemand dort entsorgt hat? Wir Kinder – neun in der Straße im Alter von fünf bis zehn Jahren – lieben diesen Platz. Mit Schlangenblumen schmücken wir unsere Wohnung, die wir aus alten Brettern, weggeworfenen Tannenbäumen und zerbrochenen Steinen bauen. Kränze werden aus Kleeblumen geflochten und dienen als Schmuck für unsere Hochzeitsspiele und Prinzessinnenrollen. Für mich steht fest, dass Helmut, ein sechsjähriger Junge, später mein Ehemann wird. Ich achte sorgsam darauf, dass bei den Hochzeitsspielen niemand anderes als ich die Braut von ihm spielt. Viele Kinder werde ich mit ihm haben – mindestens sechs Stück – und natürlich werden wir nur lieb und nett zu unseren Kindern sein. Helmut muss dann, wenn wir verheiratet sind, arbeiten gehen, und ich mache unsere Wohnung sauber und spiele mit den Kindern.

Mein Traum zerplatzt wie eine Seifenblase, als die Familie Wender in unser Haus einzieht, und Helmut nur noch Augen für Inka, die Tochter des Hauses, hat.
...
5 Sterne
Sehr lesenswert! - 02.08.2026
Franka Gerstmann

Ein großartiger, einfühlsamer, lebensnaher Roman. Die bewegende Geschichte von Madita ist authentisch, wird nicht dramatisiert und zeigt einen fundierten Weg aus der psychischen Belastung.Erst einmal angefangen zu lesen, kann man dieses Buch nicht wieder aus der Hand legen.

5 Sterne
Tolles Buch  - 16.01.2026
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Einmal angefangen zu lesen möchte man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Trotz einer schweren Thematik einfach zu lesen. Sehr empfehlenswert .

5 Sterne
Eine sehr fesselndes Buch - 27.10.2025
Rosemarie

Die Lebensgeschichte von der Protagonistin wurde so interessant geschrieben, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.

5 Sterne
Kein Wort zu viel  - 24.10.2025
Friederike

Ein tolles Buch! Ich musste mir mehrere Sätze markieren. Ich schaue immer wieder rein ☺️

5 Sterne
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Interessante Geschichte, sehr lesenswert.

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