Cover: Sein rotes Telefon

Sein rotes Telefon


EUR 26,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 220
ISBN: 978-3-99185-085-4
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
Martin reist mit dem ICE zu seinen Anfängen im Osten Deutschlands. Und während er vor seinen Stasi-Akten sitzt, kommen Erinnerungen an die vielen Stationen auf seinem Weg raus aus der DDR auf, die ihn oft an einem guten Ende zweifeln ließen.
Eigentlich ist Martin Autofahrer. In seinem früheren Leben ist er zehn Jahre lang Rallye gefahren, viele Tausend Kilometer, gern auch nachts, manchmal mehr als tausend Kilometer am Stück.
Und heute fährt er mit dem Zug. Immerhin ICE. Und erste Klasse. Martin liebt das Bequeme. Das letzte Mal hat er vielleicht vor zwei Jahren in einem Waggon gesessen. Und er hat viel von den Erfahrungen anderer gehört. Volle Züge, große Verspätungen, unfreundliches Personal, ausverkauftes Zugrestaurant mit ungenießbarem Kaffee und warmem Bier. Martin fährt Zug.
Trotzdem ist Martin begeistert von dieser Art zu reisen. Er fährt schon zwei Stunden, hat im Speisewagen gut gefrühstückt, der Kaffee schmeckt sogar besser als bei vielen Freunden, die ihn vor der Bahn gewarnt hatten, eben im Großraumwagen war die Fahrscheinkontrolle – eine nette, gutaussehende, junge Frau –, sehr freundlich, so ein Hauch von Flirten, darf ich Ihnen was Gutes tun, ja, gern, wenn Sie mir erstmal ein Bier bringen?
Ist das nötig? Das Bier kommt, genau so, wie es Martin mag – schön kühl. Aber so richtig genießen kann er es gar nicht. Was kommt heute auf ihn zu? Auf der Fahrt nach Erfurt ist der Zug pünktlich, eben in Fulda kam er sogar eine Minute früher als geplant an. Das Glas Bier ist da, herrlich kühl.
Der ICE fährt jetzt plötzlich langsam. Baustelle? Nun steht er sogar. War das Lob über die angenehme Reise mit der Bahn eine voreilige Lorbeere? Die angenehme Stimme der netten Zugbegleiterin verrät mit einer Durchsage: Personenschaden! Das kannte er von Erzählungen. Martins Gedanken schweifen zu dem ab, was ihn wohl heute in Erfurt erwartet, sein Blick gleitet nach draußen in die Umgebung.
Er ist auf der Fahrt zu einem Termin. Hier hat er bis vor dreißig Jahren gelebt, gearbeitet, Motorsport betrieben, unter der DDR gelitten. Nicht so sehr wie manche andere, aber immerhin. Jedenfalls so sehr, dass er sich für heute einen Termin bei der Unterlagenbehörde für die Stasi-Akten, Archiv Erfurt, besorgt hat. Er ist sicher, dass es über ihn eine solche Akte gibt. Er hätte ja auch keinen Termin bekommen, wenn nicht. Ein bisschen aufgeregt war er bis eben schon. Nun beginnt er sich zu ärgern. Das lenkt ab. Bahnfahren ohne Verspätung scheint es nicht zu geben. Die anderen hatten wohl recht mit ihrer Meinung über die Bahn, jedenfalls was Pünktlichkeit betrifft … Der Zug steht schon seit zehn Minuten.
Die Gebäude eines nahen Bahnhofs sind schon älter. Martin könnte sie schon mal gesehen haben, aber sicher gibt es viele solcher Bauten auf kleineren Bahnhöfen aus dem vorigen Jahrhundert. Nur mit Mühe kann er ein Schild an einem der Häuser entziffern.
Gerstungen? Ja, Gerstungen!
Martin hatte so ein Gefühl schon lange nicht mehr. Es kribbelt im Bauch. Er kämpft mit den Tränen. Was ist das? Wut? Rührung? Eine unbekannte Spannung?
Er ist auf dem Weg zu seiner Stasi-Akte, um zu erfahren, wie ihn der Überwachungsstaat gesehen hat, der ihn im Sommer 1989 aus seiner Staatsbürgerschaft entließ. Und jetzt steht er auf dem Bahnhof Gerstungen und sieht die Gebäude wieder, in denen die Staatsmacht noch mal so richtig zugeschlagen hatte. Grenzübergang Gerstungen bei seiner Ausreise aus der DDR.
Martin will sich jetzt nicht an die Details von damals erinnern. Aber dieser Zwangsstopp genau an dieser Stelle, an der eigentlich eine neue Zeit für ihn begann, hat schon etwas Besonderes. Nach langer Pause bei Gerstungen verläuft der Rest der Reise ohne Probleme, die freundliche Zugbegleiterin flirtete weiter und servierte einen Kaffee am Platz, eine völlig neue Sicht auf das schöne alte Erfurt aus dem ICE und nicht aus dem Auto.
Martin ist berührt, als er aus dem Bahnhof tritt und gegenüber an einem Fenster der ersten Etage des ehemaligen Interhotels Erfurter Hof ein Bild von Willy Brandt sieht. Hier fand 1970 das Treffen von Willy Brandt und dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph statt. Viele Tausend DDR-Bürger standen damals auf dem Bahnhofsplatz. „Willy Brandt ans Fenster“ war damals weit zu hören. Martins heutige Frau war damals noch Schülerin, hatte den Unterricht geschwänzt und mitgebrüllt. In der Schule wurden am nächsten Tag alle Schüler, die am Vortag nicht anwesend waren, befragt. Sie hatte wohl eine glaubhafte Ausrede.
Martin war damals Fernstudent an der Technischen Universität Dresden und hatte an diesem aufregenden Tag dort eine Vorlesung. Er hörte nur mit einem Ohr auf den Vortrag, am anderen hatte er sein Hitachi-Kofferradio und lauschte dem Bericht des Hessischen Rundfunks. Als er zwei Tage nach dem Erfurter Treffen zurückkam und einen Studienkollegen am Erfurter Hauptbahnhof absetzte, war der Spuk vorüber. Vor dem Erfurter Hof standen mehrere Möbelwagen und wurden mit tollen Möbeln beladen …
Martin genießt den Blick aus der Straßenbahn, drei Stationen sind es bis zum Domplatz, vorbei am Anger, dem Fischmarkt mit dem historischen Erfurter Rathaus und dem Gildehaus. Am Domplatz genießt er den Blick auf Dom und Severikirche, zwängt sich durch die Stände des Wochenmarktes und ist auf die Minute pünktlich vor dem Gebäude auf dem Petersberg – trotz der Verspätung.
Martin betritt die Dienststelle auf dem Petersberg, wird sachlich korrekt in Empfang genommen, der Raum ist klein, die Einrichtung nüchtern, nur ein Tisch und zwei Stühle ohne Sitzkissen, Stasi-Kälte! Ist das so gewollt? Ist das ein weiterer Hinweis abzubrechen? Steh auf, Martin, und geh!?
Die nette Zugbegleiterin hätte gut hierhin gepasst, die Angestellte der Behörde dagegen ist streng sachlich. Sie legt zwei dicke Akten auf den Tisch. Kurze Erklärung, Notizen sind erlaubt, Kopien sind möglich, keine Zeitbegrenzung, sie verlässt wortlos den Raum. Was hätte sie auch sagen sollen. Viel Spaß? Viel Erfolg? Viel Kraft? Die Wortlosigkeit ist wohl doch angebracht.
Martin ist plötzlich sehr aufgeregt. Als ihm bewusst wird, dass da vielleicht eine Art von Erklärung seiner DDR-Vergangenheit vor ihm auf dem Tisch liegt, merkt er, wie ihm Tränen in die Augen steigen.
Die Fassung kommt schnell zurück. Weg mit dem Omen und den Zweifeln, sich selbst nicht mit den Augen der Stasi anzuschauen, jetzt will er es wissen.
Die erste Seite, wohl auch die älteste, ist für Martin eigentlich eine Enttäuschung, weil die Geschichte, wegen der ein solches Protokoll gefertigt wurde, nun eigentlich als erster Inhalt einer Stasi-Akte von ihm nicht erwartet wurde.
Er kann sich genau erinnern.
Martin und Dorothea hatten sich von weitläufigen Verwandten aus der Nähe von Hannover einen Besuch in Erfurt gewünscht. Martin schlug vor, die Gäste sollten im Jahr 1987 nun endlich mal mit dem Auto kommen und nicht mit dem Zug. Rolf, der Besucher, musste überredet werden, weil er sich nicht zutraute, auf Straßen und Orten in der DDR den Verkehr zu bewältigen. Für den Rallyefahrer Martin völlig unverständlich, aber er wollte helfen. Sie verabredeten sich auf einem Autobahnparkplatz an der Abfahrt Mühlberg auf der A 4. Martin wollte auf dem Weg bis zu seinem Zuhause vorausfahren.
Rolf sollte per Telefon die mögliche Zeit mitteilen. Nachdem der Ankunftstermin ausgemacht war, fuhren Martin und seine Dorothea los, erreichten den Parkplatz aus der falschen Richtung. Also fuhr Martin einfach rückwärts in den Parkplatz hinein. Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein Mensch in Polizeiuniform neben Martins Auto und erklärte den Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung. Rückwärtsfahren auf der Autobahn! Martin redete sich damit heraus, dass sein Motor überhitzt gewesen sei und er eine Weiterfahrt mit möglichem Notstopp auf der Autobahn nicht riskieren wollte und sich deshalb für diesen Nothalt entschieden hatte. Manchmal glaubte die Volkspolizei solchen Blödsinn.
Martin war viel zu früh am verabredeten Platz. Das hatte er erwartet und vorgesorgt. Im Kofferraum warteten zwei gefüllte Wasserkanister, eine Bürste und etwas Autoshampoo. Nachdem der Mensch in der grünen Uniform einige Zeit verschwunden war, nutzte Martin die Wartezeit für eine Autowäsche. Als es zu dämmern begann, war Martins Wartburg sauber. Rolf, der Besucher, hätte schon da sein sollen. Beim Einräumen der Waschutensilien entdeckte Martin hinter Büschen auf der gegenüberliegenden Autobahnseite, dass sich zwei Autoscheinwerfer mit Standlicht dem Fahrbahnrand der Autobahn näherten und stehen blieben. Licht aus!
Martin unterbrach das Einräumen, ein Kanister blieb draußen stehen.
Vielleicht eine Minute später, was für ein Timing, kam Rolfs Auto regelgerecht auf den Parkplatz gefahren und hielt am Anfang der Stellfläche. Rolf stieg aus, Dorothea, die bisher lesend im Wartburg verbracht hatte, auch. Der Besuch und die Gastgeber liefen freudig aufeinander zu.
Plötzlich ein mehrstimmiges Gebrüll. Zwei Polizisten stürmten über die Autobahn, schrien, dass man sich trennen solle, einer drängte Rolf zu seinem Auto und kontrollierte seine Papiere, der andere verlangte, dass Dorothea sofort wieder einsteigen solle, und widmete sich dann Martin. Er schrie etwas von Belügen der Staatsmacht, versuchter Kontaktaufnahme mit Transitreisenden und dass das Konsequenzen haben würde für Martin, und kontrollierte Martins und Dorotheas Papiere. Dann ging er wieder auf Martin los – er hätte die Staatsmacht belogen, er hätte gar kein Problem mit seinem Auto gehabt, weswegen er gegen die StVO verstoßen habe, und Martin solle ja nicht denken, dass die Staatsorgane ein bisschen doof seien …
Martin merkte erst jetzt, dass es der Polizist von dem Regelverstoß bei seiner falschen Auffahrt auf den Parkplatz war.
Martin brüllte mindestens genauso laut zurück:
„Erstens denke ich nicht, dass sie ein bisschen doof sind …“
Das Wort bisschen betonte er sehr, ließ dafür aber ein nur weg. So viel wollte er dann doch nicht riskieren. Worte konnten strafbar sein, Betonungen eher nicht.
„Zweitens treffe ich keine Transitreisenden. Und drittens meinen Sie, ich habe nur so zum Spaß meinen Wasserkanister noch hinter dem Auto stehen?“
Zum Glück schaute der Uniformierte nicht in den Kofferraum …
Inzwischen kam der andere Uniformierte und raunte dem Polizisten etwas zu. Beide drehten sich wortlos um und verschwanden als Fußgänger quer über die Autobahn ins Gebüsch auf der anderen Seite. Sie hatten nicht eingreifen können, weil Rolf und seine Begleitung ja keine Transitreisenden waren, sondern Besuchsreisende aus der BRD. Sie hatten ordnungsgemäße Einreisepapiere, sie besuchten als Bundesbürger die DDR …




In der Stasi-Akte liest Martin nur den Sachverhalt vom Verdacht des Missbrauchs der Transitwege durch die kontrollierten Personen. Der Verdacht sei gegenstandslos gewesen. Protokolliert von der Einsatzgruppe Autobahn des MfS. Also gar keine Volkspolizei …

Die zweite Seite der Stasi-Akte ist der Hammer. Martins Puls schnellt hoch.
Ein handgeschriebenes Blatt, ein Bericht über Martin. Diese Schrift! Er kennt diese Schrift! Er hat diese Schrift schon oft gesehen. In seiner Aufregung kann er dieses Schriftbild keiner Person zuordnen. Martin dreht das Blatt um. Eine Unterschrift gibt es, aber diesen Namen kennt er nicht. Harry! Martin kennt keinen Harry. Natürlich hatte Martin gehört, dass in Geheimdiensten fast immer mit Decknamen gearbeitet wurde. Wer ist Harry?
Martin beginnt zu lesen.
„Die jüngste Tochter des Walther besucht mit meiner Tochter die gleiche Klasse und …“
Dieser erste Satz haut Martin glatt um. Das ist die Schrift. Unverkennbar. Diese verschnörkelten und beinahe nach links umfallenden Buchstaben hatten ihn die letzten Jahre in der DDR an seinem Arbeitsplatz begleitet. Jürgen hieß der Kerl und war wissenschaftlicher Mitarbeiter des Betriebsdirektors in dem Betrieb, in dem Martin als stellvertretender Fachdirektor gearbeitet hatte. Und Harry, das ist der Name von Jürgens Vaters.
Der Betrieb, in dem Martin damals und bis zuletzt gearbeitet hatte, war sehr parteilastig. Der Betriebsdirektor war vorher Sekretär für Wirtschaft bei der SED-Bezirksleitung, viele seiner Mitarbeiter hatten gute Verbindungen zu höheren Parteifunktionären, hatten ihren Arbeitsplatz wahrscheinlich nur durch diese Kontakte bekommen. Martin war ja auch in der SED gewesen. Aber niemand wusste, was für ein Genosse …
Hatte er vielleicht deshalb seinen Job in diesem Betrieb bekommen, weil er Parteimitglied war?
Es gab parallel zu diesen Parteimitgliedern aber auch einen Stasi-Klüngel. Jedenfalls empfand Martin das so. Martins unmittelbarer Vorgesetzter hatte in seiner Familie zwei hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter, die oft im Betrieb auftauchten und dann hinter verschlossenen Türen mit Parteigenossen redeten. Dieser Jürgen gehörte auch dazu. Martin ist sehr aufgeregt, als er weiterliest.
Sofort fällt ihm eine Situation mit diesem Jürgen ein. Martin war an einem Wochenende im Jahr 1987 dienstlich nicht erreichbar gewesen. Im Auftrag des Betriebsdirektors wurde Martin deshalb von Jürgen heftig attackiert. Martins plausible Begründung war, dass es bei ihm zu Hause gar kein Telefon gab.
Daraufhin wurde dieser Jürgen sehr freundlich, schlug einen kumpelhaften Ton an und machte Martin unverhohlen ein Angebot. Er könne Martin sofort ein Telefon besorgen, gar kein Problem. Martin müsse sich nur erkenntlich zeigen und ihm, dem offensichtlich Stasi-vernetzten Jürgen, auch entgegenkommen und manchmal helfen. Martin erinnert sich noch an jedes Wort, das er erwidert hat:
„Ne, lass mal, ich habe vor fünfzehn Jahren einen Antrag auf Einrichtung eines Telefonanschlusses gestellt und ich möchte erleben, wie lange ein normaler DDR-Bürger auf sein Telefon warten muss, wenn er keine Beziehungen hat und sich nicht irgendwem verkauft.“
Und dann geschah damals das Telefonwunder.
Eine Woche später steckte eine Postkarte im Briefkasten mit der Ankündigung, dass eine weitere Woche später ein Telefon für Martin in seiner Wohnung eingerichtet wird.
Und dann stand das rote Telefon im Wohnzimmer.
Martin war sich damals sicher, dass Jürgen daran gedreht hatte. Und er vermutete eine Verbindung von Jürgen zur Stasi. Das war damals nur eine Annahme. Nun hat er zumindest den Beweis vor sich liegen, dass Jürgen >sein< Stasi-Mann war.
Es gab nie mehr einen für Martin erkennbaren Versuch, Martin für eine informelle Mitarbeit bei der Stasi zu gewinnen.
Martin kann nicht sofort weiterlesen. Er erinnert sich, wie wichtig das rote Telefon noch wurde …
Ein Telefon war in anderen Ländern ein wichtiger und nützlicher Alltagsgegenstand, in der DDR ein Exotikum.
In der ersten Woche, nachdem das Telefon noch gar nicht so richtig seinen Platz in der Wohnung gefunden hatte, wurde es häufig genutzt.
Alle Bekannten, die Dorothea und Martin hatten und die auch ein Telefon besaßen, wurden angerufen. Bei manchen Leuten überlegte Martin schon, wenn er deren Nummer wählte, wie sie wohl an den Telefonanschluss gekommen waren. Bei einigen hatte er ein ungutes Gefühl.
Das rote Telefon war bei Martin genau eine Woche alt, als es zum ersten Mal so richtig gebraucht wurde. Dorotheas Oma, eine sehr alte und ganz liebe Frau, war gestorben. So konnte die Verwandtschaft im Westen informiert werden. Das war natürlich gar nicht so einfach, weil man in die Bundesrepublik nicht ohne Weiteres anrufen konnte. Die Anmeldung musste über ein Fernamt erfolgen. Die Wartezeit, bis das Telefonat vermittelt wurde, war an manchen Tagen, besonders an den Wochenenden, extrem lang. Oft kam die Verbindung erst nach zehn oder zwölf Stunden zustande. Die wichtigsten Telefongespräche konnten dann aber schon im Direktwählverkehr mit großen Städten im Westen geführt werden, zum Beispiel mit Dorotheas Tante Hildegard nach Augsburg.
Das Telefon war eine Verbindung zum Rest der Welt, es gab plötzlich wieder gute Kontakte, vor allem auch in die Bundesrepublik, wo es vorher nur ruhende und entfernte verwandtschaftliche Verbindungen gegeben hatte. Zum Beispiel zu Achim, einem Westlehrer aus Mutterstadt. Der reiste sogar so bald wie möglich mit seiner Frau zu Dorothea in den Osten, besuchte mit Martin Dresden und Weimar.
Achim brachte sogar im halben Kofferraum seines Autos voll gehobelte Bretter für die Wandverkleidung von Martins Bad mit.
Martin strengte sich an, mit diesem Achim und seiner Frau eine gute Zeit zu haben.
Dorothea hatte eine Ananastorte gebacken, beim ersten Kennenlernkaffee gab es viel zu erzählen.
Martin unterbrach die Runde:
„Dorothea, ich habe gerade etwas beschlossen. Bitte erinnere mich später daran!“
Sie gingen alle zusammen gut essen, in Erfurt im Winzerkeller, Spitzenlokal im Hotel Erfurter Hof, und im Ratskeller in Dresden. Im Elefanten in Weimar, der Speisegaststätte im berühmten Hotel in Weimar, gab es keinen Platz. Martin hatte da einen Trick. Er ging zurück in das Restaurant, erwischte den Oberkellner etwas abseits von seinen Mitarbeitern:
„Ich möchte gern mit Ihnen wetten!“
Was Martin denn wolle?
„Ich wette mit Ihnen um zehn Westmark, dass Sie mir keinen Tisch für vier Personen anbieten können!“
Es dauerte nur eine halbe Minute, bis der Herr mit der Fliege zu Ende gedacht hatte.
„Bitte kommen Sie in zehn Minuten, dann habe ich Ihren Tisch frei …!“
Die zehn Westmark musste Achim für die Plätze im vielleicht besten Restaurant in Thüringen opfern …
Der Service in diesem Lokal war exzellent, das Essen exquisit, die Preise für DDR-Verhältnisse auch.
Nach dem vorzüglichen Abendessen fragte Martin seinen Besuch nach den Eindrücken von den ersten zwei Tagen in der DDR. Achim, von Beruf Lehrer, antwortete sehr strukturiert.
An der Grenze war alles sehr unfreundlich, die Straßen, besonders die Autobahnen, sind in einem katastrophalen Zustand, die Menschen im Land sind sehr freundlich, besonders wenn sie merken, dass ich aus dem Westen komme, manche Plätze und Straßen in den größeren Städten sind sehenswert, bei einem Blick in die meisten Nebenstraßen bekommt man das Grauen …
„Naja, und die Restaurants, die ich bisher kennengelernt habe, sind auch nicht schlechter als diejenigen in unserem Mutterstadt.“
Martin erfuhr, dass Mutterstadt etwa 13.000 Einwohner hatte, und klärte den Westbesuch auf, dass der Winzerkeller im Erfurter Hof zu den guten Restaurants in Erfurt gehörte, der Ratskeller in Dresden ein Spitzenlokal war und der Elefant hier in Weimar zu den besten in der DDR zählte.
Nach wenigen Tagen reisten Achim und seine Frau wieder ab.
Jetzt wollte Dorothea wissen, was Martin beim Kaffeetrinken am ersten Tag von Achims Besuch so Wichtiges beschlossen hätte.
„Wir tun etwas dafür, dass es uns gut geht, und gaukeln dem Westbesuch nicht mehr vor, wie gut es uns geht! Beim Genießen deiner hervorragenden Ananastorte ging mir ein Licht auf …“
Martin erinnerte seine Frau daran, dass die Dose mit den Ananas ein Mitbringsel von einem Westbesuch gewesen war. Statt die Ananas selbst zu genießen, wanderte sie in die Speisekammer und wurde geopfert, um Achim und seiner Frau zu zeigen, wie gut es ihnen ging. Dabei gab es im normalen Einzelhandel der DDR eigentlich nie Ananas. Ananastorte war für den DDR-Bürger ohne Westkontakte unbekannt.
...

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