Cover: Sehnsucht nach Île de Ré

Sehnsucht nach Île de Ré


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 192
ISBN: 978-3-7116-0408-8
Erscheinungsdatum: 18.03.2025
Als Hanna noch jung und voller Träume ist, trifft sie Adrien. Eine schicksalhafte Begegnung, die ihr so schnell zwischen den Fingern zerrinnt, wie sie in ihr Leben gekommen ist. Und für Hanna stellt sich die Frage: Was kommt nach der großen Liebe?
Kapitel 2


Mit dem letzten Tropfen der alten Liebe trank sie auf die neue. Gegen die sie sich mit Händen und Füßen gewehrt hatte und immer noch wehrte. Gegen die sie an ihre Vernunft appellierte. Ohne Erfolg. Diese Liebe, die sie so unvorbereitet gepackt hatte und durchschüttelte wie der Wind die Blätter im Herbst. Völlig kopflos.

lch kann nicht ganz normal sein, dachte sie, warum gerate ich immer an Männer, mit denen ich nicht einfach so glücklich sein kann. Was würde daraus werden?

Abschied, Trauer, Sehnsucht, Briefe, Hoffnung, Scheitern an einer Grenze oder Liebe für immer?

Keine Tränen, sie hatte doch gelernt, ließ es nicht mehr so leicht zu, dass man ihr das Herz brach. War es wirklich so?

Hanna stand auf der äußersten Spitze Land, war über die windumtoste Mole geklettert, stand an dem Leuchtturm und winkte der Liebe nach, der sie nicht zugestand, dass sie wehtat. Hanna hob den Arm mechanisch, die Hand, die winkte, war es wirklich ihre? Eine halbe Stunde oder mehr hatte sie nun gewartet, steif war sie vor Kälte, da half auch der dicke Norwegerpullover nichts mehr. Sie sah zu, wie die Schlepper die beiden Schiffe aus dem Kanal zogen.

Langsam, ganz langsam bewegten sie sich. Noch konnte sie nicht erkennen, welches der beiden Schiffe die Maillé Brézé war, doch im tiefsten Innern wusste sie, dass er sie schon sah. Zentimeter für Zentimeter schob sich das Schiff aus dem Hafenbecken, Hanna war wie erstarrt, nicht nur wegen der Kälte.

Sie beobachtete das Schiff genau, ließ es keine Sekunde aus den Augen, es war die Maillé Brézé. Sein Schiff. Das zweite war die Primauguet. Sekunden lag es still, dann kam es. Schob sich langsam näher, näher … Sie konnte schon die Mützen der Matrosen sehen. Sie standen alle an Deck, in geraden Reihen, am Bug, am Heck und auf dem oberen Deck. Für wen, fragte sie sich, der Hafen lag lange hinter ihnen. Hanna sah sich um, nein, sie war allein.

Eine durchaus beeindruckende Szene, 277 Männer, davon 17 Offiziere und 100 Unteroffiziere, nur für sie. Hanna sah sie und fragte sich, wie viele von ihnen jetzt traurig waren, weil sie ein Mädchen im Hafen zurücklassen mussten.

Aber nur ein Mädchen stand hier draußen am Leuchtturm. Das Mädchen suchte in den Reihen der weißen Mützen. Da hob einer die seine und winkte wie verrückt. Hanna hasste Abschied, doch sie hob den Arm und winkte zurück. Sie sah nichts anderes mehr als seine Gestalt auf dem oberen Deck. Sie spürte die Kälte nicht mehr. Zwei Augenpaare brannten sich ineinander, suchten, sich zu fesseln. Nein, sowas gibt es nur in Filmen, dachte Hanna, solch dramatische Abschiede. Das Schiff wurde schneller. Bleib doch stehen, wollte sie schreien. Sie ließ den Arm sinken, verzweifelt, sinnlos, es sollte ihr doch nie wieder jemand wehtun. Doch dann sah sie, dass da noch jemand ganz traurig war, ein Band spannte sich über das Wasser und schon warf sie ihm eine Kusshand zu. Sie bekam sie augenblicklich zurück.

In diesem Moment fühlten sie beide die gleiche Hilflosigkeit dem Schicksal gegenüber, die gleiche Verzweiflung, den gleichen Zorn.

Sie wollten ja gar nicht Abschied nehmen, waren noch gar nicht bereit dazu. Hanna und ihr Adrien! Das Mädchen am Leuchtturm, der Soldat stach in See. Billiges Klischee. Aber für sie beide die bittere Realität.

Adrien sah ihre einsame Gestalt am Leuchtturm, seine Hanna. Sie war stark und tapfer.


Er konnte nichts machen, er weinte, konnte die Tränen nicht aufhalten, sie war diejenige welche, die, nach der er sich so lange gesehnt hatte, und ihr Name war Hanna. Alain sah ihn an und meinte: „Adrien, jetzt hat es dich aber so richtig erwischt.“

Er entschwand ihren Blicken. Die Mannschaft wurde zu Punkten. Das Schiff wurde kleiner und kleiner, es war wohl besser, sie ging jetzt.

Wieder und wieder, den ganzen langen Weg zurück auf der Mole, wandte sich Hanna um. Einmal rutschte sie aus und schlug sich das Knie auf. Aber sie fühlte es nicht. Sicher konnte er sie noch durchs Fernglas sehen. lm Auto dann die Musik laut. Gefühle übertönen. Aber mussten sie jetzt ausgerechnet ein Liebeslied spielen? Was nun? Der Verkehr in der Stadt war grauenhaft, alles war grauenhaft. Nach Hause? Gott sei Dank hatte sie heute frei. Sie dachte, dass sie einen Black Bush gebrauchen konnte, einen, der den riesigen Kloß im Hals wegspülte.

Dann der Gedankenblitz, dass sie das Schiff vom Ende der Bucht aus in Grötvik vielleicht noch eine Weile sehen könnte. Sie fuhr hin. Gerade, als sie über den Hügel kam, sah sie die Silhouette der Maillé Brézé dem Horizont entgegeneilen, wendete den Blick nicht mehr ab. Krachte fast mit einem anderen Auto zusammen.

Versuchte, sich zu beherrschen, und stellte den Motor ab. Sah er noch zum Land hin? Sicher hatte er jetzt alle Hände voll zu tun. Genau 25 Minuten saß Hanna da und wartete, dass die Maillé Brézé ihrem Blick entschwand. Um 11:24 Uhr tat sie ihr den Gefallen. Hanna wusste nicht, dass es die letzte Reise der Maillé Brézé war.

Der Horizont war so leer wie sie selbst. Hanna saß eine Weile nur still. Zitterte. Herr im Himmel, dachte sie, wo kommt dieser Mann auf einmal her? Dieser absolut wunderbare Mann! Sie versuchte, sich zu fassen, fuhr nach Hause und legte sich ins Bett. Großer Fehler! Es roch nach ihm. Aber sie weinte nicht. Weinte auch später nicht. Niemand sollte ihr mehr wehtun.

Hanna war vorsichtig geworden. Der Abend, an dem sie Adrien kennengelernt hatte, war einer der wenigen, an denen sie ausging. Enge Jeans, Seidenbluse, Herrenjackett, alles in schwarz. Die langen blonden Haare trug sie offen. Sie hatte sich mit Sussie verabredet, ein Abend, von dem sie nicht viel erwartete, außer ein paar Bier zu trinken und gescheite Musik zu hören. Sie fuhr mit dem Bus zu Sussie, die noch mitten im Umzug steckte. Sie half ihr, noch ein paar Sachen in den vierten Stock zu tragen. Bei Pia und Nils tranken sie den ersten Wein. Dann zogen sie los. Die Diskothek Norre Kavaljeren hatte heute eindeutig Männerüberschuss. Alles voll mit hübschen oder auch weniger hübschen dunkelhaarigen Jungs. Ach herrjeh, es lagen zwei große französische Kriegsschiffe im Hafen. Sie hatte es in der Zeitung gelesen. Die Schiffe sollten eigentlich Göteborg anlaufen, da hatten jedoch Umweltaktivisten behauptet, sie hätten Atomwaffen an Bord, und somit den Besuch gestoppt. Die Halmstädter ließen sich nicht so leicht erschrecken und hießen die Franzosen willkommen.

Na, das konnte ja heiter werden. Als Hanna sich und Sussie das erste Bier holte, wurde sie schon von zwei Seiten angequasselt. Aber Hanna hatte ihre letzte Franzosenerfahrung Thierry noch allzu deutlich in Erinnerung und reagierte nicht. Thierry hatte ihr auf dem Schüleraustausch in der Bretagne schöne Augen gemacht. Er war lustig, sah umwerfend aus und war ein ausgezeichneter Koch. Er hatte ihr alles über das Hummerkochen und über Austern beigebracht. Abends hatte er ihr langes blondes Haar gebürstet, sehr sinnlich, und machte Komplimente.

Als Hanna nach dem Austernessen krank geworden, sehr unangenehm und im Krankenhaus gelandet war, hatte er sie kurzerhand und, ohne mit der Wimper zu zucken, ausgetauscht. Nein, danke! Franzosen, alles Schönschwätzer, und die, die zur See fuhren, waren noch einen Zahn schärfer. Die beiden Mädels wagten kaum, den Kopf zu wenden, weil sie völlig eingekreist waren. Nicht, dass da noch einer dachte, sie wären auf ein Abenteuer aus. Das fehlte gerade noch. Doch da man sie nicht übersehen konnte, wurden sie natürlich auch Gesprächsthema Nummer Eins. Sussie fand die Matrosenmützen so süß, dass sie unbedingt eine haben wollte, und wenn das nicht ging, dann wenigstens einen der roten Bommel.

Herausforderung des Abends. Hanna sah sich um, die meisten trugen Zivil, doch Moment mal, da hinten an der Theke stand einer in fescher Uniform. Und der starrte auch noch zu ihr rüber. Sussie hatte ihn auch gesehen und meinte, er sei zwar nicht der Allerhübscheste von allen, aber Hanna fand ihn wahnsinnig attraktiv und das lag nicht nur an der Uniform. Er sah urtypisch französisch aus, schwarze Haare und Schnurrbart, markante Gesichtszüge und eine stattliche Figur. „Komm schon, Hannchen“, quengelte Sussie. „Mach doch mal einen Versuch, du kannst doch etwas Französisch.“ Hanna zierte sich und konnte sich plötzlich an kein einziges Wort erinnern. Als sie sich umdrehte, sah er immer noch zu ihr hin und der Blitz schlug ein. Ehe sie sich versah, stand er schon samt Bier, Mütze und Kamerad neben ihr. Scheiß verzweifelte Seeleute.

Und sie hatten doch alle den Film „Ein Offizier und Gentleman“ gesehen, wie blöd konnte man denn sein. Was solls, jetzt würde sie Sussie die Mütze beschaffen. Er stellte sich mit einer Verbeugung vor, sein Name war Adrien Vien. Er sprach etwas Englisch und sogar ein paar Brocken Deutsch, sehr gut. Da sagte sie dem jungen Mann doch gleich einmal, wie toll sie das fand, dass er in Uniform ausging und zu seinem Land stand und zwar im Jahr 1987. Als er Hanna dann noch erzählte, dass er heute mit dem Fahrrad 40 km ins Landesinnere geradelt war, um etwas von Schweden zu sehen, war sie doch beeindruckt. Erstaunt stellten beide fest, dass ihr Gespräch über das übliche Blabla hinausging. Er erzählte, dass die Offiziere und ein Teil der Matrosen am Nachmittag von dem Marineverein von Halmstad eingeladen waren, das fand er ganz toll, ein totaler Gegensatz zu der Aktion in Göteborg. Überhaupt waren alle sehr freundlich hier.

Adrien sah ihr tief in die Augen, obwohl Hanna lieber wegsah. Seine Augen hatten die Farbe von weißblaugrau schäumender Gischt, sich verändernd in leuchtenden Nuancen. Augen, in denen man leicht ertrinken konnte. Sie spürte, dass da etwas auf sie zukam, dem sie nicht gewachsen war. Schnell auf Toilette gehen. Sich im Spiegel ansehen und sich den Vogel zeigen. Doch das Flackern in ihren Augen war schon da und ließ sich auch nicht wegdenken. Als sie an den Tisch zurückkam, strahlte er sie so seltsam glücklich wissend an.

Gerade so, als wüsste er etwas, das sie nicht wusste. Dann nahm er Hanna einfach bei der Hand und entführte sie auf den Tanzboden. Ein langsames Lied. Hanna legte ihre Arme um seinen Nacken, er roch so gut. Ganz fest hielten sie sich. Doch immer noch dachte sie daran, hart zu bleiben. Keine One-Night-Stands mehr bitte, ja? Davon hatte sie die Nase voll. Plötzlich riss Adrien sie mit einem Wirbel aus den Träumen. Rock’n’Roll. Hilfe! Doch er führte sie, hielt sie und wirbelte mit ihr durch den Saal, dass ihr fast das Herz stehenblieb. Adrien hatte das voll im Griff, noch nie hatte jemand so mit ihr getanzt. Als das Lied zu Ende ging, hielt er sie ganz fest. Sekunden standen sie engumschlungen. Sie spürte seinen warmen Körper. Lass mich nicht los, dachte sie. Nie, nie wieder! Weiß Gott, damit habe ich mich mal wieder selbst übertroffen. Wegen dem Tanzen hatte sie nämlich einen Komplex. Wie hätte sie auf Bikertreffen auch Tanzen lernen sollen. Adrien lud sie zum zweiten Bier ein und Hanna versuchte, ihm zu erklären, dass sie eventuell nach Fisch riechen könnte, weil sie als Fischköchin arbeitete, aber darüber lachte er laut. Damit hatte er nämlich kein Problem. Mit Fischgeruch war er aufgewachsen. In einem kleinen Fischereihafen in Frankreich. Er wollte ihr gerade mehr davon erzählen, als ein Kamerad dazukam und ihn aufgeregt in ein Gespräch verwickelte. Erst verstand Hanna nicht, worum es ging, doch dann wurde ihr klar, dass er zu einer bestimmten Uhrzeit wieder auf dem Schiff sein musste. Darum ging es. Sie fragte ihn wann. Er sah ganz niedergeschlagen aus. Der Kamerad zuckte mit den Schultern. „Wann?“, fragte sie wieder. „Um 1:00 Uhr“, gestand er. Es war fünf vor eins. „Verrückter Kerl, du willst wohl in den Arrest! Auf dem Weg zur Garderobe gab sie Sussie Bescheid. Schnell zog sie ihn mit sich in Richtung Hafen. In fünf Minuten war das natürlich nicht zu schaffen, aber vielleicht ging es ja noch mal gut. Hanna zog die Schuhe mit den hohen Absätzen aus. Dass es kalt war und nieselte, war ihr völlig egal. Sie wollte ihn retten, warum auch immer. Sie rannten, so schnell sie konnten. Sie wusste den kürzesten Weg. Erst runter zum Fluss Nissan, die Hafenstraße entlang, an ihrem Arbeitsplatz, dem Hotel Scandic, vorbei, über die Brücke, bei Rot die Straße überqueren und am Kai entlang, bald waren sie da. Kurz vor den Schiffen zog Adrien fest Hanna an sich, sie waren ganz außer Atem.

Sie spürte die Wärme seines Körpers, die starken Arme, die sie hielten, der Kuss, der alle guten Vorsätze ins Nichts zerrinnen ließ und Hannas Versprechen, morgen Vormittag um halb elf am Schiff zu sein, zur Folge hatte. Da hatte er Ausgang. Es war genau dieser Kuss, den sie sich immer gewünscht hatte. Ein Kuss, der sich richtig anfühlte. Sie war sich sicher. Ihr Herz jubelte. Er war es, er war es, er war es! Ihr Ritter! Er war zwar nicht auf einem weißen Schimmel gekommen, sondern einem Kriegsschiff aus Stahl, aber das war ja nun mal völlig egal! Hauptsache, er war da!

Und Hanna hatte nicht das Herz, hier Schluss zu machen. Sie hatte eigentlich bei Sussie übernachten wollen, sah aber ein, dass sie ihr Auto morgen brauchte. Gerade so noch erwischte sie den letzten Bus nach Bäckagård, der sie nach Hause brachte. Innerhalb von fünf Minuten schlief sie ein und träumte, na was wohl, von Adrien. Der Wecker riss Hanna ungnädig aus dem Schlaf. Gott sei Dank war sie noch so geistesgegenwärtig gewesen, ihn weit genug vom Bett zu postieren. Trotz Brummschädel hatte sie ein glückliches Lächeln auf den Lippen. Dieses Wochenende gehört uns, dachte sie, alles andere zählt jetzt nicht. Ich habe frei und er ist so nett. Die Wirklichkeit würde sie schon früh genug wieder einholen. Denn was es bedeutete, mit einem Seemann anzubändeln, darüber machte sie sich keine Illusionen.

Kalte Dusche! Sie richtete sich einigermaßen ansehnlich her. Die langen blonden Haare trug sie offen. Enge Jeans und eine blau-weiß-gestreifte Baumwollbluse mit kleinen Rüschen an der Knopfleiste. Etwas Maritimes wollte sie heute tragen. Die Kopfschmerzen blieben. Sie hätte das letzte Bier lieber sein lassen sollen. Langsam fuhr sie in Richtung Hafen. Die Stadt wimmelte schon wieder von Matrosen. Um fünf vor halb elf kam sie zu einer Sperre mit Wache. Oh mein Gott, was für ein Theater. Hunderte von Neugierigen versperrten ihr den Weg. Na, das war’s dann wohl. Aber er hatte das anscheinend geahnt, denn er stand an der Straße und wartete. Er strahlte über beide Ohren, als er sie sah. Hanna war froh, ihn nicht enttäuscht zu haben. Ihr Herz machte den gleichen Sprung, ihn wiederzusehen. Dann saßen sie in ihrem Auto, sahen sich zum ersten Mal nüchtern und im hellen Sonnenschein an. Ganz still saßen sie da, hielten sich nur an der Hand, sahen sich an. Seine Augen, die Farbe von weißblaugrau schäumender Gischt, sich verändernd. Ihre blau und glitzernd wie das Meer. Diesen Moment vergaßen sie nie in ihrem Leben. Und was um Gottes Willen passierte ihnen gerade?

Hanna machte den Vorschlag, ihm etwas von der Umgebung zu zeigen. Er fragte, ob sein Freund auch mitkommen könne. Natürlich, warum nicht. Ein paar für Hanna unverständliche Handzeichen zum Schiff hin, dann kam er, Alain hieß er. Ein richtig lustiger und netter Kerl. Sie verbrachten einen wunderschönen, herrlichen und unvergesslichen Tag zusammen. Die beiden Männer waren hinreißend freundlich, humorvoll und vollendete Kavaliere. Wie die meisten Franzosen, dachte Hanna. Und dann musste sie über sich selbst lachen. Gestern hatte sie darüber noch anders gedacht. Immer diese Vorurteile. Hanna zeigte ihnen das Hotel, in dem sie als Fischköchin tätig war. „Da sind wir heute Nacht in rasender Fahrt dran vorbeigelaufen“, lachte sie. Es war die erste Adresse in der Stadt. Sie, die vom Land war und nur die Forellen aus den Teichen kannte.

Der Chef hatte sie damals genau gemustert. „Kannst du schwedisch?“, hatte er gefragt. „Jag kan laga mat, ich kann kochen“, hatte sie geantwortet und das war ungefähr der eine Satz, den sie konnte. Dass die Stelle in dem Partnerprogramm den Fischkoch besetzen sollte, hatte sie nicht gewusst. Bange war ihr aber deswegen nicht gewesen. Ein Fisch ist ein Fisch, dachte sie sich. Die erste Herausforderung hatte darin bestanden, eine riesige Meerkatze von eineinhalb Metern in die richtigen Teile zu zerlegen, das hieß, sie überhaupt zu zerlegen. Hanna war den Tränen nahe gewesen, die Forelle war einfacher gewesen. In den achtziger Jahren galt es, in Männerdomänen doppelt so gut zu sein, sonst war man weg. Und eine Restaurantküche war so eine Domäne. Aber Hanna hatte Glück, der Fleischkoch war Spanier und half ihr mit allem, was da kam, er wusste, wie es war, Einwanderer zu sein.

Hanna, Adrien und Alain tranken Unmengen von Kaffee an diesem Tag, fuhren durch die Gegend und Hanna zeigte ihnen den berühmten Strand von Tylösand. Picknick machten sie aber in Lynga, wo man erst durch den knorrigen Märchenwald wandern musste, um zum Meer zu kommen.

Es wimmelt nur so vor Pfaden und verdrehten, gewundenen Baumstämmen in seltsamen Formen, die die Fantasie anregten. Niemand wusste wirklich, warum sie so gewachsen waren, ob vom Wetter geformt, durch Insektenangriffen oder vielleicht waren es einfach nur die Gene. Der Fluss Skintan schlängelte sich dazwischen und wollte zum Meer, sie folgten ihm. Es gefiel den Jungs sehr. Wohl in den Dünen angekommen lagen sie in einer Mulde und sahen den Wolken zu, wie sie ihre Formationen veränderten. Ein warmer Tag, dafür dass es Oktober war. Sie erzählten sich von Gott und der Welt. Hanna hatte einen Picknickkorb gepackt mit Cider, Wasser, Kaffee und Lachsbaguettes, die sie in der Bäckerei Regnbågen noch schnell gekauft hatte. Sie schmausten, den Sand unter den Füßen, an dem herrlichen Strand. Adrien, der sie immer so ansah und leise ihre Hand berührte. Alain entfernte sich diskret für einen Strandspaziergang. Adrien und Hanna lagen nebeneinander, als er sich über sie beugte und küsste.

„I fell in love with you at first sight“, sagte er einfach. Hannas Herz machte einen Sprung, nein, sie konnte ihm nicht widersprechen, denn es ging ihr genauso. Sie schmiegte sich an ihn, legte den Kopf auf seinen Arm. Sog seinen Geruch ein, er gefiel ihr. Sie öffnete zwei Knöpfe seines Hemdes und streichelte sanft seinen Brustkorb, fuhr mit den Fingern durch die Haare, die sie da bis jetzt nur vermuten konnte. Sie fühlte sich geborgen. Hanna schloss die Augen, nichts fehlte. Wenn es nach ihr ging, konnte es für immer so bleiben.

Die sprachlichen Barrieren parierten sie mit Küssen, Lachen und Herumalbern. Hanna erzählte ihm von Plougrescant und Thierry. „So einer bin ich aber nicht“, lachte Adrien und zog sie in seine Arme. Ein unvergesslicher Tag.

Gegen Abend versuchten die beiden Männer, Hanna etwas zu erklären, aber sie verstand nur „7:00 Uhr“ und „am Schiff sein“. Na, da müssen die Jungs wohl wieder zurück sein, dachte sie und fuhr in Richtung Hafen. Alain bedankte sich herzlich und verschwand lachend auf das Schiff. Es war fünf vor sieben, als Adrien Hanna fragte, ob sie vorhatte, hier zu übernachten. Und Hanna, die sich selbst mittlerweile für begriffsstutzig hielt, fragte, ob er wieder zu spät kommen wolle. „Du musst doch um sieben auf dem Schiff sein.“ „Ja“, meinte er lachend, „morgen früh um sieben.“ Die Würfel waren gefallen. „Okay, und wo willst du denn dann die Nacht verbringen?“, lachte sie. Wieder sah er sie so unwiderstehlich an.

Hanna machte eine Käseplatte mit frischem Obst und Baguette. Viel hatte sie nicht da, weil sie immer im Restaurant, wo sie arbeitete, aß und nur Kleinigkeiten zu Hause hatte. Gott sei Dank gab es aber noch eine Flasche teuren Amarone. Sie bat ihn, diese zu öffnen, er sah sich die Flasche an und meinte: „Are you sure?“ „Of course“, antwortete sie, „for special occasions“ Aha, Weinkenner war er also auch noch.
...
5 Sterne
Sehnsucht nach Île de Ré  - 08.02.2026
Marie

Hanna glaubte, das Kapitel abgeschlossen zu haben. Das Leben, mit seinen Verpflichtungen, Abschieden und seinem Schweigen, hatte ihre Tage und Erinnerungen geprägt. Doch manche Erinnerungen verblassen nie ganz, und manche Begegnungen hinterlassen unauslöschliche Spuren. Von den stillen Ufern des Kattegats in Schweden bis zu den lichtdurchfluteten Küsten des Atlantiks auf der Île de Ré besucht Hanna Orte, Gesten und Gefühle wieder, die sie längst verloren glaubte. Auf diesen Reisen und in diesen Wiederbegegnungen erkennt sie, dass sich Liebe, Reue und Hoffnung oft auf unerwartete Weise miteinander verweben. Sehnsucht nach der Île de Ré ist die Geschichte einer Liebe, die die Zeit überdauert – von Erinnerungen, die niemals sterben, und von zweiten Chancen – oder zumindest der Hoffnung, dass es sie gibt. Ein zärtlicher und bewegender Roman über das Leben, den Verlust und die unzerstörbare Kraft der Bande des Herzens.

5 Sterne
Schön geschrieben - 11.09.2025
Marlene F.

Habe das Buch an 2 Tagen im Urlaub gelesen und mich keinen Moment gelangweilt, ein gutes Buch, auch als Geschenk für die Freundin.

5 Sterne
Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite  - 16.08.2025
Desiree

Ich konnte das Buch kaum weglegen. Man fühlt mit Hanna und will einfach wissen wie sich ihr Leben und die große Liebe entwickelt.Die Autorin schafft es von Anfang an einen auf eine traumhafte Reise durch die Höhen und Tiefen des Lebens mitzunemhen. Tolles Buch ❤️

5 Sterne
Mitfühlend und lebhaft beschrieben  - 10.08.2025
Sabrina Kölsch

Ich mag Bücher, in die ich richtig eintauchen kann und die mir imaginäre Bilder vor die Augen zaubern. Der Autorin gelingt hier beides, in dem sie nicht nur lebhaft und detailliert beschreibt, sondernd es auch schafft, Hanna dreidimensional und so nahbar vorzustellen. Ich fühlte mit und war ganz gefangen von ihrer Geschichte. Die Rezepte im Anhang sind eine besonderes Goodie - bin jetzt schon gespannt, sie auszuprobieren.Unbedingte Leseempfehlung!

5 Sterne
Lesesucht  - 16.05.2025
Chrissi Wagner

Das Buch ist spannend, und liebevoll geschrieben. Ich konnte mich beim Lesen entspannen, mitfiebern und wegträumen. Mehr davon bitte

4 Sterne
Sehnsucht nach ile de re - 05.04.2025
Elvira Benger

Sehr schön geschrieben ,ein Schicksal mit gutem Ende ,kann nicht aufhören zu lesen ,will wissen ,wie es endet .Toll

5 Sterne
Spannend! - 01.04.2025
Simone Lind

Ein Frauenschicksal mitten im Leben, einfühlsam und lebendig geschildert, spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Dieses Buch empfehle ich gern weiter und hoffe auf eine Fortsetzung. Schön auch mit den Recepten im Anhang,.

5 Sterne
Guters Buch - 31.03.2025
Sarah H

Ich habe das Buch auf einer langen Bahnfahrt gelesen, es hat mich bewegt, man fühlt mit Hanna mit und es ist sehr gut und flüssig geschrieben. Die Autorin beschreibt das Leben von Hanna sehr intensiv, man kann sich alles sehr gut vorstellen, ich hatte alles vor Augen. Mich hat das Buch sehr gut unterhalten.Ich hoffe man liest noch mehr von Dorothea Paul.

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