Cover: Hummelherz

Hummelherz


EUR 27,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 330
ISBN: 978-3-7116-0877-2
Erscheinungsdatum: 14.08.2025
Ein lebensbejahendes Memoir über Aufbruch, Freundschaft und die Kunst, sich selbst neu zu erfinden. „Hummelherz“ erzählt von Mut, Liebe und der Kraft, auch nach Rückschlägen wieder zu fliegen – poetisch, ehrlich und voller Hoffnung auf das Leben.
Prolog

Ich bin eine Schriftstellerin. Ich weine keine Tränen, ich blute sie wie Tinte auf das Papier.

„Weshalb schreiben Sie?“ Seine Frage klang beiläufig, fast distanziert, aber sie bohrte sich tief in mich hinein. Ich zögerte. Dann zeigte ich auf die nasse Straße vor uns, das Kopfsteinpflaster glänzte im kalten Licht des Regens. Es schien, als würde es sich unendlich durch die Stadt ziehen.

„Weil Geschichten sterben, wenn niemand sie erzählt“, sagte ich schließlich leise. „Wir Schriftsteller*innen – wir sind ihre Stimme, ihr Flüstern, ihr Ruf. Wir holen sie zurück aus dem Schatten, holen sie in die Gegenwart. Als Spiegel unserer Zeit. Damit sie nicht verloren gehen.“
Er schwieg, sein Blick wanderte in die Ferne. Nach einem Moment lehnte er sich zurück, seine Worte kamen zögerlich. „Aber warum all die Mühe? Warum diese Fantasiewelten erschaffen, wenn man in der Realität lebt?“

Ich senkte den Blick. Worte waren mir nie fremd, aber eine Antwort, die Gewicht hatte, fand ich nicht sofort. Schließlich sprach ich. Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern: „Vielleicht, weil Kunst dort beginnt, wo die Sicherheit endet. Wo wir uns fremd fühlen. Geschichten wachsen aus Rissen. Geschichten entstehen nicht aus dem Gleichgewicht, sondern aus dem Ungleichgewicht. Vor allem aus der Sehnsucht, die Vergangenheit mit den Händen greifen zu wollen. Sie ist in unseren Gesten, in den Worten, die wir wählen, in den Lücken, die wir lassen. Sie sitzt in den Muskeln, in den Knochen. Manchmal schreit sie, manchmal flüstert sie nur. Und wenn ich schreibe, dann versuche ich, sie zu befreien. Aber nicht unbedingt, um sie zu archivieren, nicht, um sie zu vergessen, sondern um sie aus dem Körper herauszuschreiben, um sie zu verstehen. Vielleicht auch, um Frieden mit ihr zu schließen.“
Er sah mich an, sein Blick war undurchdringlich. „Und was, wenn der Frieden nicht kommt?“
Ich hielt inne. Diese Frage hatte ich mir selbst oft gestellt, ohne je eine endgültige Antwort zu finden. „Vielleicht kommt er auch nicht“, sagte ich langsam. „Vielleicht bleibt die Sehnsucht. Aber selbst das hat eine Schönheit, findest du nicht? Eine Geschichte, die nicht ganz abgeschlossen ist, lebt weiter. Sie bleibt lebendig, weil sie uns dazu bringt, sie immer wieder zu erzählen, immer wieder zu betrachten – von neuen Seiten, mit neuen Worten.“
Er nickte, schien etwas sagen zu wollen, doch ich sprach weiter, von einer inneren Dringlichkeit getrieben. „Schreiben ist ein bisschen wie Atmen. Es ist nicht nur ein Überlebenstrieb, es ist auch eine Form von Loslassen. Manchmal fühlt es sich an, als würde ich etwas aus mir herausziehen, das ich nicht länger tragen kann. Etwas, das mich erdrückt, wenn ich es nicht teile. Worte sind meine Art zu schreien, ohne laut zu sein. Zu trauern, ohne zu zerbrechen. Zu lieben, ohne etwas zurückzuhalten.“
Die letzten Worte hingen in der Luft wie ein Echo. Es war ein Geständnis, das ich nicht geplant hatte, und doch fühlte es sich richtig an.
„Manche Dinge“, fügte ich hinzu, „kann man nur ertragen, indem man sie in Geschichten verwandelt. Worte geben uns die Möglichkeit, das Unaussprechliche zu formen, es greifbar zu machen. Und selbst wenn es schmerzt, selbst wenn es uns aufreibt – es gibt nichts Ehrlicheres, nichts Befreienderes.“

Seine Antwort blieb aus. Das Gespräch endete hier, aber die Gedanken blieben.

Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper.

Unsicher, unbeholfen, als würde ich durch eine Welt gehen, die mich nicht wirklich bemerkte. Es war keine Angst, kein Verlorensein – eher ein stetes Gefühl, nicht ganz zu passen. Schreiben wurde meine Ordnung in diesem Chaos. Eine Möglichkeit, dem, was in mir tobte, einen Platz zu geben.
Es war keine Flucht. Es war die Suche nach einem Raum, der mir fehlte. Schreiben ist wie das Anzünden eines Lichts in einem dunklen Zimmer – ein Versuch, zu sehen, was verborgen ist. Ein Akt der Selbstbegegnung.
Gute Schriftsteller*innen erzählen keine Geschichten. Sie geben sich preis, ohne dass es aufdringlich wirkt. Sie legen ihre Seele in ihre Worte, und doch bleibt etwas Unsagbares, etwas, das zwischen den Zeilen flüstert. Ich fragte mich oft, ob ich das auch konnte – ob ich den Mut hatte, es wirklich zu wollen.

Kaum etwas ist so schmerzhaft wie eine Geschichte, die unerzählt bleibt.

Für mich war Kunst nie ein Ziel. Kein Gipfel, den man erreicht, keine Trophäe, die man stolz in den Händen hält. Kunst war immer ein Weg. Ein Pfad, der sich im Gehen formt, der Brüche und Umwege kennt. Vielleicht scheitern wir alle an unseren eigenen Erwartungen. Vielleicht ist der unvollendete Versuch das Einzige, was bleibt. Doch manchmal – ganz selten – fügen sich die Worte. In diesen Momenten verschwindet die Fremdheit. In diesen Momenten fühle ich mich ganz. Vielleicht reicht das. Vielleicht ist das Grund genug.

Es gibt keine endgültigen Antworten und vielleicht hat es sie auch nie gegeben.




November 2023

Das Treffen der falschen Person zur richtigen Zeit, die Wahl der falschen Worte für die richtigen Gedanken, das Verfassen des richtigen Buches mit den falschen Sätzen. Ein Teil von dir, der niemals wirklich zu mir gehörte; ein Spiel des Schicksals mit meinem Herzen.

Vor mir erstreckte sich ein Bild, das in seiner Schönheit beinahe kitschig wirkte. Der Sonnenaufgang zeichnete sich hinter den kahlen Ästen ab. Die Farben waren zu intensiv, um echt zu wirken. Ich war allein, wie so oft. Neben mir lag das Tagebuch, in welches ich über die letzten fünf Jahre meine Gedanken nackt niederschrieb. Worte, die mir halfen, mich selbst und die Welt um mich herum kennenzulernen. Sie waren ein Versuch, das Chaos einzufangen und ihm eine Form zu geben. Erfahrungen, die mich dahin brachten, wo ich bin. Es ist faszinierend, wie individuell jeder von uns seinen eigenen Weg des Selbstausdrucks findet. Wir tragen alle eine Fülle unausgesprochener Gedanken und Gefühle in uns, die darauf warten, durch die richtigen Worte an die Oberfläche zu gelangen. Manche durch Worte, andere durch Taten. Doch wie können wir dem Ozean erklären, dass wir hier an Land fast ertrinken? Unsere stummen Schreie, die sehnsüchtig darauf warten, von der endlosen Welle der vorbeiziehenden Menschen erkannt und geschätzt zu werden: schmerzende Rufe, unbeachtete Auseinandersetzungen, das Geflüster innerer Wirbelstürme, versunkener Widerhall – menschliches Leiden, ungehört.

Ich habe ständig versucht, dieses Unausdrückbare auszusprechen, das Unerklärliche zu erklären. Kommunikation schien mir immer das Wichtigste zu sein, bis ich erkannte, dass Verständnis der eigentliche Schlüssel ist. Man kann reden, doch wenn das Gegenüber einen nicht versteht, bleibt es ein stilles Chaos. Und ich realisierte, dass ich nicht von etwas berichten konnte, das ich nur in meiner Seele spürte und das nur in ihr existierte.
Ich blätterte in meinem Tagebuch. Die Worte kamen mir fremd vor, obwohl sie meine waren. Vielleicht, weil sie in einer anderen Zeit geschrieben wurden, von einer Version von mir, die längst vergangen war. Und doch waren sie da, Zeugen von Gedanken, die damals so klar erschienen und heute nur noch leise widerhallten.

Die Worte fanden selbst den Ausdruck, als ich mich mit Tinte ans Papier setzte.

In der Niederschrift dieser Lektüre fand ich Trost und Klarheit. Wenn ich meine Vergangenheit teile, geschieht dies nicht, um euer Mitleid zu erregen. Ich möchte zeigen, warum ich heute so bin, wie ich bin – wie ich wieder fliegen konnte, indem ich lernte, im Einklang mit meinem Körper zu sein.

Die Menschen sehnen sich so sehr danach, verstanden zu werden, dass wir manchmal vergessen, uns selbst zu verstehen.

Und plötzlich frage ich mich: Wo ist die Person, die ich letztes Jahr war? Vor zwei Jahren? Drei? Diejenigen, die stillstehen, bemerken manchmal nicht die unsichtbaren Fesseln, die sie umgeben. Ich bin zurückgegangen, habe geweint, wo ich einst lachte, und gelacht, wo ich einst weinte. Ich habe mich wiedergefunden, wo ich mich verloren glaubte. Und ich begann, meine Geschichte neu zu schreiben. Ich war in dem Kampf, von dem ich bisher niemandem berichtete, siegreich. Ich bin die Autorin dieses Wandels. Es ist eine Geschichte von Wachstum, Widerstandskraft und Liebe.

In jenem Moment der Entscheidung bekam ich eine Nachricht meiner Mutter: „Schatz, bitte komm nach Hause“. Es waren die ersten Worte, die ich mit schwarzem Füller in das braune Lederbuch niederschrieb.





8. Juni 2023

Der Stier ist nicht perfekt. Er wird dich nerven, dich veräppeln, dumme Dinge sagen, aber du wirst wenige finden, die dich so lieben wie er (Horoskop).

Er war zwischen Anfang und Mitte 30, wer weiß das schon genau, unverheiratet und gut verdienend. Entweder weil er aus gutem Hause stammte oder weil er ein Flut von Überstunden auf sich nahm. Er achtete sehr auf seine Kleidung, sein Anzug war nicht einer von diesen billigen Marken, der Stoff war fein gewebt, die Kanten exakt abgesteppt, sodass keine Naht zu sehen war. Das Hemd war strahlend weiß und passte wie angegossen unter seinen Anzug. Der Kragen jedoch war geknickt. Er war nicht schlampig genug, um dieses Malheur nicht zu sehen. Ich vermutete, dass er bereits einen anstrengenden Tag hinter sich hatte, dessen Hektik zu diesem Missgeschick beigetragen hatte. Er trug Manschettenknöpfe, die glänzten – entweder war er so eitel, dass er sie jeden Morgen zusammen mit seinen perfekten braunen Lederschuhen polierte, oder er bezahlte Geld für jemanden, der das für ihn erledigte. Warum dachte ich, dass er keine Frau hatte? Zuerst einmal trug er keinen Ehering, das wäre auch zu offensichtlich. Aber er trug auch keinen bleibenden Abdruck, wo einmal ein Ring gewesen wäre. Nach spätestens einem Jahr zeigen die Finger nämlich Spuren eines Rings – Verfärbungen oder eine Vertiefung. Man könnte also argumentieren, er wäre kurz verheiratet gewesen. Unglaubwürdig. Bei genauer Betrachtung seiner Hände fiel mir die Maniküre auf – perfekte Hände. Er trug eine ziemlich teure Uhr an seinem Handgelenk, was mir bestätigte, dass er einen guten Job haben würde. Als er seine Hand mit der Innenseite nach oben drehte, bemerkte ich ein Detail, das meine anfängliche Frage seines Wohlstandes bestätigte. Der untere Teil des Armbands der Uhr wies Kratzer auf, schien abgenutzt zu sein. Diese Kratzer waren zu leicht, als dass sie vom reinen Öffnen und Schließen der Uhr stammen könnten, und gerade stark genug, um von den Kanten eines Computers zu kommen. Aufgrund der Tatsache, dass er so oft am Computer arbeitete, nahm ich an, dass er sein Geld hart verdiente. Vielleicht gab auch seine Aktentasche Aufschluss, die ebenfalls zu abgenutzt war, um nur zur Dekoration oder zur Täuschung zu dienen. In der Tasche lag dann der Beweis, der Laptop. Er war sicherlich kein schlechter Mann, aber auch kein guter. Auf jeden Fall war er eine Augenweide in der Bar, er war Teil der Dekoration. Ich erkannte meine Freundin neben ihm und gesellte mich dazu. Sein Blick war nachdenklich, während er gelegentlich einen Schluck seines Negronis nahm, dessen rote Farbe im gedämpften Licht der Bar schimmerte. Als ich näher kam, spürte ich eine gewisse Anspannung in der Luft, als ob er meine Annäherung bereits erwartet hätte. Er hob den Blick und musterte mich kurz, bevor er mich mit einem leichten Nicken grüßte. Seine Augen verrieten eine Mischung aus Überraschung und Neugier. Dies bestätigte sich, als er umgehend mit mir ein Gespräch begann. Ich stellte mich vor, er ebenfalls: Ian Fabert. Nach ein paar süßen Flirts fragte er mich nach meinem Studium, und ich antwortete ihm: Germanistik und Anglistik. Meine Antwort ließ ihn schmunzeln. Er erzählte mir, dass seine Deutschlehrerin ihn besonders mochte, weil er ein Meister in allen rhetorischen Stilmitteln war. Natürlich konnte ich nicht widerstehen und forderte ihn spielerisch heraus. Natürlich hatte er die richtige Antwort parat. Ich musste einen überraschten Schmollmund gemacht haben, denn ein Hauch von Belustigung glitt über sein makelloses Gesicht. Am Ende des Abends, als die Bar langsam leerer wurde und meine Freunde darauf drängten, weiterzuziehen, beschlossen wir gemeinsam, die Bar zu verlassen. Er war mit seinem Fahrrad unterwegs, doch sein lässiger Charme überredete mich, einen dieser elektrischen Roller zu nehmen und mit ihm nach Hause zu fahren. Es war eine spontane Entscheidung, aber ich konnte dem Reiz nicht widerstehen, die Nacht auf diese Weise zu verlängern.

Seine Wohnung war gemütlich und stilvoll eingerichtet und ich fühlte mich sofort wohl in seiner Gegenwart. Er bot mir etwas zum Trinken an und wir setzten uns auf sein Sofa, während wir weiterhin angeregte Gespräche führten. Die Spannung zwischen uns war spürbar und ich konnte die Anziehungskraft zwischen uns förmlich knistern hören. Plötzlich legte er sanft seine Hand auf meine und in diesem Moment wusste ich, dass wir beide dasselbe wollten. Unsere Lippen trafen sich in einem leidenschaftlichen Kuss, der die Luft zwischen uns elektrisierte. All die zurückgehaltene Energie und die verborgenen Gefühle entluden sich in diesem einen Moment und wir beide ließen uns vollkommen darauf ein. Wir verschmolzen miteinander, unsere Körper vereinten sich zu einem sinnlichen Tanz, der uns beide in Ekstase versetzte. Seine Hände fuhren sanft über meine Haut, erforschten jede Kurve und jede Vertiefung, als wollten sie jedes Geheimnis meines Körpers enthüllen. Ein Flüstern des Verlangens entkam meinen Lippen, als seine Lippen sanft über meinen Hals glitten und eine heiße Spur der Lust hinterließen. Seine Küsse beruhigten und verbrannten meine empfindliche Haut, mein Körper drehte sich gegen seinen Mund, elektrisiert und süchtig nach mehr. Er glitt immer tiefer hinab, zupfte meinen Tanga von meinen pulsierenden Schamlippen und belohnte mich mit einem Spiel – einem Zungenspiel, das mich auf den Gipfel meiner Leidenschaft führte. Jeder Augenblick war ein Sturm der Empfindungen, der mich in ein unendliches Meer der Ekstase stürzte. In diesem Moment, gefangen in der Euphorie der Lust, fühlte ich mich lebendiger als je zuvor. Außer Atem, klatschnass und erregt, machten wir uns auf den Weg in sein Schlafzimmer. Der Weg dorthin war gekennzeichnet durch hastiges Ausziehen seines Anzugs, begleitet von Gelächter, als er gelegentlich stolperte oder sein Hemd an den Armen hängen blieb – nicht so perfekt, wie es im Film funktioniert hätte. Als wir endlich sein Schlafzimmer erreichten, pulsierte die Luft vor Spannung und Verlangen. Schließlich legten wir uns auf sein Bett, unsere Körper zitterten vor Erregung. Ich saß rittlings auf ihm, spürte seine starken Hände an meiner Taille, während seine Augen vor Verlangen funkelten. Jeder Atemzug war ein Seufzer der Lust, ein Versprechen auf das, was kommen würde. Meine Hände wanderten über seine entblößte Haut, jede Berührung elektrisierend, jedes Beben seines Körpers eine Einladung zur Erkundung. Ich spürte seinen Puls unter meinen Fingerspitzen pochen, seinen Herzschlag im Einklang mit meinem eigenen. Es war, als stünde die Zeit still, während wir uns gegenseitig erforschten, unsere Körper verschmolzen langsam miteinander, wie füreinander geschaffen. Die Intensität unserer Verbindung war überwältigend und ich konnte spüren, wie sich die Spannung zwischen uns aufbaute, bereit, in einem wilden Sturm der Leidenschaft zu explodieren. Und als ich mich tiefer in seinen Schoß sinken ließ, wusste ich, dass wir beide bereit waren, uns ganz der Verzückung hinzugeben, die uns erwartete.

Entziehe mir meinen Verstand und lass meinen Schmerz verschwinden. Nimm meine Vergangenheit weg, ergreife mein Herz und meine Hand. Versichere mir, dass gewisse Dinge von Beständigkeit sind. Versichere mir, dass gewisse Dinge fortdauern.

Die Nacht verstrich wie im Flug und als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster drangen, fühlte ich mich wie in einem Wirbelwind aus Emotionen gefangen. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Die Realität klopfte bereits an die Tür – ich musste zur Arbeit. Er war süß und bot mir an, etwas zum Frühstück zu machen, doch ich lehnte dankend ab, bereits auf dem Sprung. Wir verabschiedeten uns mit einem zarten Lächeln und dem Versprechen, einander zu schreiben.

Ians Geburtstag war am 22.4. – er war Stier.




November 2023

Das Streben nach Spezifik bringt den Tod.

Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir sehnen uns nach Sicherheit, nach Klarheit. Das Unbekannte macht uns nervös. Und das war ich ebenfalls: Perfektionismus, Harmonie, Rigorosität. Ich erkenne den Wert, den diese Substantive in meinem Leben hatten – die Präzision, die sie mir verliehen haben, die hohen Standards, die ich mir selbst setzte. Ich weiß, dass ich nicht für mich allein spreche. Wir Menschen fordern zu viel und sind nie ganz zufrieden mit dem, was wir haben. Das Ego treibt uns zu immer mehr – mehr Erfolg, mehr Besitz, mehr Kontrolle. Und irgendwann streben wir nicht mehr nur nach mehr, sondern nach Spezifischem. Wir leben nach spezifischen Farben. Wir leben nach Augenfarben, Haarfarben, Hautfarben. Doch ich stand an dem Punkt und sagte mir: Wir brauchen keine Farben. Das Leben ist doch ein Schwarz-Weiß-Film. Es gibt keine Farben, weil sie nicht notwendig sind. Es spielt für niemanden eine Rolle, ob das Gras aus grünen oder doch roten Pigmenten gefärbt ist. Ob die Wolken wie weiße Watte oder harter Stahl aussehen. Es ist nur eine geschriebene Geschichte. Wozu also sind diese Farben gut? Was, wenn die Farben geschaffen wurden, um uns zu blenden? Um uns zu zeigen, was wir nicht fühlen oder wahrnehmen wollen, sondern nur als Ablenkung für unser eigenes Bewusstsein geschaffen wurden? Es wird für uns entschieden, welche geschriebene Geschichte wir erwählen werden. Welche Steine wir umdrehen müssen, welche Blumen erblühen und welche uns Schmerzen zufügen.
Eigentlich besteht das Leben aus diesen Dingen. Da sind jene Menschen, die nach der exakten Farbe der Rosen suchen und sich dabei schmerzhaft an den Dornen stechen, wenn sie nicht ihren Erwartungen entsprechen. Aber dann gibt es die, die die Blumen des Lebens in ihrer vollen Pracht akzeptieren, egal welche Farbe sie haben. So sind die Blinden eigentlich die, die sehen können. Dies mag wohl ein wenig philosophisch klingen. Kann schon sein. Aber betrachten wir die Situation rational. Von Anfang an werden wir Menschen darauf trainiert, die Welt als einen Ort mit begrenzten Ressourcen zu sehen. Wir investieren kostbare Zeit, um all das zu planen, was wir wollen, besitzen oder erleben möchten. Aber es gibt so viel von allem: endlose Reisemöglichkeiten, verschiedene Joboptionen, die Chance, unendlich viele Dinge zu besitzen, Freundschaften zu schließen, mit Jungs auszugehen, Männer zu heiraten. Ist es nicht an der Zeit, dass wir unsere Aufmerksamkeit nach innen richten? Um herauszufinden, wer wir wirklich sind und was wir wirklich benötigen? Es geht nicht darum, unbeschadet durch das Leben zu kommen, sondern darum, sich selbst besser kennenzulernen – herauszufinden, was uns wirklich glücklich macht und was nicht. Wenn wir aufhören, die Lektionen der Gesellschaften als Zweck zu betrachten und anfangen, sie als eine Reise der Selbstentdeckung zu betrachten, ändert sich unsere Perspektive grundlegend. Dieser Perspektivenwechsel hat mich geheilt und ich sehe es als meine Aufgabe an, ihn mit Ihnen zu teilen. Es liegt an uns, wie wir diese Momente im Leben sehen: als „eines Tages“, einen unbestimmten Punkt in der Zukunft, oder als „Tag eins“, den Beginn einer neuen Reise.

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