Jäger oder Beute?
Anfang und Ende
EUR 29,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 446
ISBN: 978-3-7116-0902-1
Erscheinungsdatum: 11.05.2026
Ein kleines Dorf, jeder kennt jeden: Alles beginnt mit einem Wolfsbaby, das die Gemüter spaltet. Doch nach und nach kommen Geheimnisse ans Licht, die alles verändern.
Es war ein frischer Dezembermorgen, kurz vor Tagesanbruch – schön frisch und sonnig zugleich. Noch herrschte nicht der Morgen über die Dämmerung. Es fand noch ein unsichtbarer Kampf statt, denn die Dämmerung wollte noch nicht die Herrschaft an den Morgen übergeben. Doch es gab keine andere Wahl und der Wintermorgen übernahm den Posten. Der Himmel war kristallklar, so fein blau. Hin und wieder blickte die Wintersonne hervor und sonst schwebten rauchweiße Wolken vorbei.
Vögel erkundigten sich mal mit lautem Schrei und mal etwas leiser, was der junge Tag noch für Überraschungen bringen soll.
Alle Bäume hatten einen fein weiß-silbern gestrickten Schal um. Es funkelte so geheimnisvoll, als ob es Mutter Natur mit feinstem Pinsel gezeichnet hätte.
Der Boden war mit einer weichen und kuscheligen Schneedecke überzogen. Darauf war eine geheimnisvolle Geschichte geschrieben, mit Füßen, Pfoten von allen möglichen Waldbewohnern und Pflanzen. Es waren auch viele dabei, die Schutz unter der Schneedecke gesucht und gefunden hatten. Der Winterwald war Beschützer und strenger Hüter der Waldgeschichte zugleich.
Die allgemeinen Naturgespräche wurden von einem lauten Bellen eines mittelgroßen Schäferhundes unterbrochen. Er stand vor einer kleinen, aber gemütlichen Holzhütte mit Strohdach und bellte pausenlos. Die Hütte hatte eine große, alte Holztür mit fast verrostetem eisernem Haken und einfachem Schloss. Die Tür war fast immer offen. Drinnen, auf dem groben Holzboden, lag ein alter handgeknüpfter Buchara-Teppich und in der anderen Ecke befand sich ein kleiner Ofen. Daneben standen ein einfacher, grober Thron und ein künstliches, aber warmes Polster für den Hund. An der Wand hingen ein paar einfache Holzregale. Dort war immer Holz für den Ofen gelagert und es standen eine Kerosinlampe und haufenweise Kerzen darauf. Diese Gegenstände sorgten für allgemeine Gemütlichkeit in der Hütte, denn Strom gab es nicht und keinen störte es. An der Wand neben dem Regal hingen eine doppelläufige Schrotflinte und ein Dolch.
„Na Rex, mein Junge, was ist denn los?“, fragte eine kräftige, männliche Stimme.
Sie gehörte einem in Jägeruniform und langen, schwarzen Stiefeln gekleideten Herrn. Parallel zu dem Bellen seines Hundes hörte der junge Jäger auch andere Schreie der Dorfbewohner, die eigentlich so frühmorgens im Wald nichts zu suchen hatten. Schnell nahm er die Flinte von der Wand und eilte zu dem Geschrei. Rex raste so schnell, wie er nur könnte, hinterher:
„Eugen, Hilfe, ein Wolf!“
„Ganz langsam, was ist denn hier los?“
Er blickte in die Lichtung des Waldes und sah einen Kampf um Leben und Tod. Ein weißes, wildes Pferd versuchte mit allen Kräften, ihr Fohlen vor einem grauen Wolf zu beschützen. Sein gnadenloser, hungriger Blick wirkte wie ein Blitz. Er grub seine erschreckenden, weißen Klauen in die Beine des fast hilflosen Pferdes und knurrte so laut wie eine Killermaschine. Allen Zuschauern stockte der Atem bei der Betrachtung einer solchen Kampfszene. Der Wolf wollte an das total verängstigte Fohlen und die Mutter verteidigte ihr Kleines, wie sie nur konnte. Das Blut lief in kleinen, roten Bächen von ihren Beinen herunter auf den weißen Schnee. Der Blick der verzweifelten Mutter war sowohl furchterregend als auch respektvoll. Sie hatte Schmerzen und Angst, doch hatte nicht vor, ihr Fohlen dieser hungrigen Kampfmaschine zum Fressen zu überlassen, um ihr eigenes Leben zu retten.
Eugen sah, wie ein paar Eltern mit ihren Kindern aus sicherer Entfernung diese atemberaubende Szene beobachteten, und schrie nur herum. „Gut, dass sie wenigstens nicht zu nah kommen, denn es kann Mina ablenken und dann hat die Kleine keine Chance zu überleben.“
Er hob die Flinte an die Schulter, zielte kurz und schoss. Das Echo rollte blitzschnell durch den ganzen Wald und verschluckte andere Schreie. Nur Rex war noch ganz laut. Im nächsten Augenblick versank der leblose Körper des getroffenen Wolfes im Schnee. Er prallte fast auf die Füße von Mina. Sie sprang erschrocken zurück und schaute dankbar tief in Eugens braune Augen. Völlig erschöpft und außer Atem.
Der Jäger schloss kurz die Augen, um sich zu beruhigen, doch die Stimme, die vom hohen, mit Schnee bedeckten Gras kam, ließ sein Herz rasen. Er öffnete erschrocken seine Augen und sein Blick traf ein kleines Wolfsbaby, das ihn fragend anstarrte: „Warum hast du meine Mutter umgebracht?“
Eugen hatte ein schlechtes Gewissen, als er in diese verlorenen Augen schaute. Sein Winseln klang wie das Weinen eines Waisenkindes. Beide Mütter wollten das Gleiche, ihre Kleinen versorgen, doch dafür sollte eine Mutter ihr Kleines verlieren, damit die andere überleben kann. Der ewige Kreis von Leben und Tod. Fressen und nicht gefressen werden. Und so böse war die Wölfin doch nicht. Ihr toter Körper liegt jetzt so wehrlos vor den Pfoten ihrer kleinen Tochter im Schnee. Sie kann ihr Kind nicht mehr durch die harten Winter begleiten. Eugen schluckte seine Verzweiflung hinunter und schaute zu den Pferden.
Tja Mina, um dein Kind zu retten, habe ich dieses arme, unschuldige Wesen zur Waise gemacht.
Ein ziemlich starker Schmerz unterbrach seine Gedanken. Das kleine Wolfskind bohrte seine noch kleinen, aber spürbar scharfen Zähne in die Finger desjenigen, der gerade seine Mutter auf dem Gewissen hatte.
„Au!“, schrie der Mann laut.
Er starrte auf seine blutigen Finger und biss die Lippen zusammen.
Schau mal, Mina, mein Blut, deine Kleine und dieses arme Lebewesen haben die gleiche Farbe. Das Leben ist manchmal gnadenlos.
„Das hast du gut gemacht. Lass uns diese kleine Killermaschine im Zoo verkaufen, damit es sich später nicht in ein Monster verwandelt!“
Eugen sprang wie von der Tarantel gestochen hoch und blickte wütend auf die Menschenmasse.
„Hört auf, Quatsch zu reden!“, schrie er laut, „ihr klingt selbst wie gnadenlose Monster. Ich habe keine Ahnung, was ihr so früh hier zu suchen habt, aber die Kleine ziehe ich selbst groß. Geht alle nach Hause und so was wie Zoo will ich nie wieder hören!“
„Du bist verrückt“, die Menschenmasse war noch lauter geworden als er eben, „du hast gesehen, was sie vor Kurzem gemacht hat. Wie wagst du es, Köter von Monstern hier im Wald zu behalten? Wir lassen es nicht zu! Noch ist es klein, wer weiß, was es noch alles anrichten kann. Es kann nicht hierbleiben.“
Der nächste Schuss in den Himmel erschrak die Zuschauer so, dass sie still wurden. Eine Zeit lang herrschte fast Todesstille.
„Sie hat nur versucht, ihr Kind zu ernähren, wer von uns isst kein Fleisch?“
Es kam keine Antwort. Der Jäger konnte von den Gesichtern der Menschen lesen, dass er sie nicht überzeugt hatte. Trotzdem gingen sie langsam, aber noch voll verärgert, ins Dorf zurück.
Rex saß ruhig auf dem gefrorenen Waldboden. Er schaute mit fragendem Blick, was weiter passieren sollte. Seine Augen trafen traurig die dunkelbraunen Augen seines Besitzers. Er war ein ziemlich großer, kräftig gebauter Mann mit dunklen, mittellangen, gewellten Haaren bis zur Schulter. Und die Konturen von seinem weißen Gesicht zeichnete ein kurzer, akkurat geschnittener Bart. Er betonte seine Männlichkeit noch mehr.
Dann blickte der Hund auf Mina, deren Beine noch von Bisswunden bluteten. Sie stand mit tief versunkenen Augen, neben ihren Füßen saßen ihr Fohlen und das Wolfskind. Sie hatte keinen Hass im Blick, nur Schmerzen und Erschöpfung. Auf den Lippen von Eugen stand ein bitteres Lächeln.
„Kannst du Menschen Güte beibringen? Sie hätte beinah deine Tochter gefressen und du bist nicht mal ein bisschen sauer auf ihr Kleines. Dagegen versuchen die Menschen, ihre eigene übertriebene Angst zu begründen, sehen Gefahr, da, wo es überhaupt nicht gefährlich ist. Und versuchen, normale wilde Naturwesen als Monster darzustellen.“
Er stand langsam auf, verschwand mit noch wackeligen Beinen in Richtung seiner Hütte und brachte den kleinen, schon angerosteten Feldspaten mit.
„Es tut mir leid, dass ich dein Leben ausgelöscht habe. Ich werde deine Tochter anständig großziehen, das verspreche ich dir.“
Und mit diesen Worten beerdigte er die Wolfsmutter. Dann nahm er die Kleine und sagte: „Ich werde dich Luna nennen, weil der Name einfach zu dir passt.“
Die Kleine wehrte sich nicht mehr.
Rex, komm mein Junge, ab nach Hause.
Mina versuchte zu laufen, doch die Bisswunden waren noch viel zu frisch und taten noch sehr weh.
„Komm Mina, ich versorge deine Beine, bis du besser laufen kannst.“
Das Pferd kannte ihn ziemlich gut, denn Eugen war schon fünf Jahre Jäger in diesem Wald, doch sie wollte ihm nicht folgen. Sie war misstrauisch und stand noch zwischen dem jungen Jäger und ihrem Fohlen. Eine Zeit lang herrschte Stille und keiner wagte, den nächsten Schritt zu tun. Eugen wurde bewusst, dass ihr Mutterinstinkt stärker ist als die Schmerzen, die sie spürte, und wollte nicht drängeln. Er saß mit etwas Abstand und wartete auf Minas Reaktion. Rex lag lautlos vor seinen Füßen, das kleine Wolfskind lag auf seinem Schoß. Den ersten Schritt machte das kleine Fohlen. Seine Neugier besiegte die Angst und sie kam mit unsicherem Gang etwas näher und hielt ihre Nase direkt an die Nase der kleinen Luna. Die kleine Wölfin fand es gut und antwortete fröhlich darauf, indem sie mit der Spitze ihrer Nase die kleine Nase des Fohlens berührte.
Eugens Herz schmolz ein bisschen. Er lächelte etwas wärmer.
„Na, das wäre noch was, wenn ihr beide noch Freunde werdet“, sagte er mit etwas Ironie in der Stimme, „das ganze Dorf wird sich drehen.“
Als der junge Mann langsam in Richtung Hütte gehen wollte, mit Luna auf dem Arm und Hund hinterher, folgte ihm das kleine Fohlen fröhlich. Ihre Mutter folgte ihm ebenfalls. Eugen war noch etwas misstrauisch und erwartete, dass die beiden umkehren würden, doch sie folgten ihm tatsächlich mit gewissem Abstand bis zur Hütte. Kurz vor der Hütte blieb Mina stehen und beobachtete aufmerksam das Verhalten ihrer Tochter und Luna. Der Jäger und sein Hund waren ebenfalls neugierig. Sie hielten genug Abstand, um ihnen keine Angst anzujagen.
„Ich versorge erst mal deine Wunden.“
Mit diesen Worten setzte er die kleine Luna ab und ging hinein, um den Verbandskasten zu holen. Als er nach einer gewissen Zeit wiederkam, saßen das Fohlen und die kleine Jägerin nebeneinander, Mina und Rex einander gegenüber. Alle waren viel zu erschöpft und still. Aber als der Mann kleine Schritte zum Pferd machte, sprang sie fast kampfbereit, trotz Schmerzen, wieder auf die Beine. Eugen blieb stehen und schaute ihr tief in die Augen: „Hab keine Angst, mein Mädchen, ich möchte nur helfen.“
Mina machte ein paar Schritte zurück, dann blieb sie stehen. Er ging langsam zu ihr und versuchte, sie zu streicheln. Das Pferd war immer noch verängstigt, doch die Angst um ihre kleine Tochter war größer und sie ließ sich anfassen. Bald nachdem der junge Mann sie gestreichelt hatte, hat sie sich beruhigt und ließ ihre schmerzenden Beine versorgen. Einen Augenblick herrschte Ruhe, doch diese wurde von Lunas herzzerreißendem Heulen unterbrochen. Die Kleine hatte Hunger.
„Na toll!“, rief er und schüttelte verzweifelt den Kopf, „wie soll ich dich füttern?“
Er holte etwas Milch in einer kleinen Schüssel, doch Luna kippte sie um. Sie hatte keine Ahnung, was sie damit machen soll. Rex sprang auch nervös bellend hoch und lief hin und her.
„Es gibt einen Tierarzt im Dorf, ich versuche da, einen Rat zu holen. Rex, du trägst die Verantwortung für alle hier.“
Eugen holte seine Ski, und eilte mit ungutem Gefühl ins Dorf. Bestimmt wussten schon alle, was heute Morgen passiert war, und er war auf alle möglichen Reaktionen gefasst. Die kleine Luna braucht jetzt Hilfe und er muss alle möglichen Kommentare über sich ergehen lassen. Augen zu und durch.
Als er die ersten mit schneebedeckten Dächern versehenen Wohnhäuser in Sichtweite sah, zog er sich zusammen und stellte sich in Verteidigungsposition: Komme, was kommen soll, kein Schritt zurück. Los gehts, dachte er und schon hörte er hinter sich:
„Stimmt es, Herr Jäger, dass Sie ein kleines Wolfsbaby bei sich hüten?“
Der Mann blieb stehen und drehte sich ganz langsam um: „Ja, es stimmt.“
„Herr Jäger, Sie können es doch nicht ernst meinen, oder? In der Nähe unseres Dorfes ein Monster großziehen. Es ist nicht ungefährlich für uns alle. Ihnen geht es gut, Sie haben nichts zu verlieren. Doch wir haben Vieh und Kinder. So einen gefährlichen Räuber in unserer Nähe wollen wir nicht haben. Stefan hat Recht, es muss so schnell wie möglich in den Zoo! Außerdem, das Geld, das wir für diesen Köter bekommen, können wir in unserem armen Dorf ganz gut gebrauchen.“
„Ach!“, zischte er wütend durch die halb geschlossenen Zähne, „so, so, es geht um Geld, ja?“
Er fühlte sich total verbittert.
„Ihr glaubt tatsächlich, dass euer gieriger Steffan vorhat, das Geld, das er für die kleine Luna bekommt, mit euch zu teilen? Seid ihr wirklich so naiv oder tut ihr nur so? Eventuell kennt ihr ihn nicht oder reden wir gerade über verschiedene Menschen? Wie viel Vieh und Landvögel hat er schon geklaut und verkauft und wie viel Cent hat euer teuerster Steffan mit euch geteilt? Eine Sache ist, dass ihr keinen Mut habt, diesen wahren Räuber anzuzeigen, aber jetzt hat er es noch geschafft, eure Angst zu manipulieren, um noch mehr Geld zu kassieren! Was seid ihr nur für Menschen.“
„Ich bekomme den kleinen Köter noch, Jäger, und du wirst mich nicht stoppen können!“, rief Stefan verärgert.
„Wag es nicht, es zu versuchen. Ich werde dich hinter Gitter bringen, ohne zu zögern“, sagte der Jäger.
Ein paar Minuten standen beide da und schauten, kampf- und verteidigungsbereit, einander in die Augen.
Der mittelgroße, hellbraunhaarige Mann mit den etwas schmalen, grünen Augen blieb noch einen Augenblick stehen und schaute dem Jäger mit gezieltem Blick hinterher.
„Wir werden noch sehen, wer von uns zuletzt lacht, Eugi“, knurrte er leise.
Inzwischen stand der junge Mann vor einem auffallenden Gebäude, dessen Eingangstür mit einem Hund und einer Katze gekennzeichnet war und oben stand mit großen Druckbuchstaben geschrieben: Tierarztpraxis. Die Tür zur Praxis war selten geschlossen, denn fast alle Dorfbewohner hatten verschiedene Landtiere und Vögel und brauchten immer einen Rat. Die Praxis war beliebt, wie die normale Arztpraxis, die ein paar Häuser weiter stand. Auch ein schönes, großes, buntes Gebäude.
Eugen ging langsam hinein und schaute sich um. Der junge Jäger kannte diese Praxis berufsmäßig zu gut und war mit Tierarzt Dr. Jan Jakobson gut befreundet. Die Praxis wurde durch eine Glastür in zwei Hälften geteilt: den Wartebereich und einen etwas größeren Bereich, in dem es zwei mittelgroße Zimmer mit verschlossenen Holztüren gab.
Eugen klopfte an einer Tür.
„Jan, darf ich rein?“
„Ja, komm rein“, antwortete eine etwas tiefe, männliche Stimme.
Der Jäger öffnete zügig die Zimmertür und ging hinein.
„Hallo“, begrüßte er seinen alten Freund mit möglichst ruhiger Stimme.
Der Doktor saß an seinem Schreibtisch und schrieb etwas.
Er war ungefähr 50 Jahre alt, mit etwas angegrauten, welligen Haaren und kleinen blauen Augen. Er hatte einen weißen Kittel und Kniebundhosen an.
Der Mann unterbrach seine Tätigkeit und sah seinen Besucher fragend an.
„Hallo Eugen, wie kann ich dir helfen? Ich hoffe sehr, dass es nicht um das Wolfskind geht, wovon seit heute Morgen das ganze Dorf redet.“
„Schön, dass du Bescheid weißt. Dann kann ich mir eine lange Rede sparen. Ja, es geht um Luna, so habe ich die Kleine genannt. Ich brauche deine Hilfe.“
Jan stand auf und schaute seinen Freund ernst an.
„Du willst mich ernsthaft fragen, ob ich dir helfen werde, ein Raubtier großzuziehen?“
„Na wenigstens höre ich nicht nochmal über irgendwelche nicht existierenden Monster. Das ist schon mal ein positiver Anfang.“
„Nein, das, was andere Bewohner sagen, ist massenweise übertrieben. Das sind schmutzige Spielchen von diesem „Prominenten“, mit dessen Mund spricht das ganze Dorf, wenn es sein muss auch Unsinn. Aber es ist kein Vieh oder Vogel, Eugen. Es ist und bleibt ein Raubtier und leider ernährt es sich von Landtieren. Es ist zwar weit und breit nicht so gierig wie Steffan, aber allein die Tatsache reicht vollkommen, um den Leuten Angst anzujagen. Sie haben sich schon damit abgefunden, mit Angst vor diesem Schurken zu leben, aber nicht noch zusätzlichen Stress. Es reicht. Deine Luna hat hier in der Nähe des Dorfes nichts zu suchen.“
„Wo soll sie hin, sag bitte nicht in den Zoo.“
„Nein, es ist ein wildes Tier und es soll nicht eingesperrt sein. So habe ich es nicht gemeint. Ich kann mit meinem Kollegen vom Wildreservat reden. Er hat genug Platz, um ein anständiges Zuhause für sie zu finden. Er und sein Team sind extra dafür ausgebildet. Und dieser Dorfschurke wird davon nicht profitieren. Du weißt so gut wie ich, wozu er fähig ist.“
...
Vögel erkundigten sich mal mit lautem Schrei und mal etwas leiser, was der junge Tag noch für Überraschungen bringen soll.
Alle Bäume hatten einen fein weiß-silbern gestrickten Schal um. Es funkelte so geheimnisvoll, als ob es Mutter Natur mit feinstem Pinsel gezeichnet hätte.
Der Boden war mit einer weichen und kuscheligen Schneedecke überzogen. Darauf war eine geheimnisvolle Geschichte geschrieben, mit Füßen, Pfoten von allen möglichen Waldbewohnern und Pflanzen. Es waren auch viele dabei, die Schutz unter der Schneedecke gesucht und gefunden hatten. Der Winterwald war Beschützer und strenger Hüter der Waldgeschichte zugleich.
Die allgemeinen Naturgespräche wurden von einem lauten Bellen eines mittelgroßen Schäferhundes unterbrochen. Er stand vor einer kleinen, aber gemütlichen Holzhütte mit Strohdach und bellte pausenlos. Die Hütte hatte eine große, alte Holztür mit fast verrostetem eisernem Haken und einfachem Schloss. Die Tür war fast immer offen. Drinnen, auf dem groben Holzboden, lag ein alter handgeknüpfter Buchara-Teppich und in der anderen Ecke befand sich ein kleiner Ofen. Daneben standen ein einfacher, grober Thron und ein künstliches, aber warmes Polster für den Hund. An der Wand hingen ein paar einfache Holzregale. Dort war immer Holz für den Ofen gelagert und es standen eine Kerosinlampe und haufenweise Kerzen darauf. Diese Gegenstände sorgten für allgemeine Gemütlichkeit in der Hütte, denn Strom gab es nicht und keinen störte es. An der Wand neben dem Regal hingen eine doppelläufige Schrotflinte und ein Dolch.
„Na Rex, mein Junge, was ist denn los?“, fragte eine kräftige, männliche Stimme.
Sie gehörte einem in Jägeruniform und langen, schwarzen Stiefeln gekleideten Herrn. Parallel zu dem Bellen seines Hundes hörte der junge Jäger auch andere Schreie der Dorfbewohner, die eigentlich so frühmorgens im Wald nichts zu suchen hatten. Schnell nahm er die Flinte von der Wand und eilte zu dem Geschrei. Rex raste so schnell, wie er nur könnte, hinterher:
„Eugen, Hilfe, ein Wolf!“
„Ganz langsam, was ist denn hier los?“
Er blickte in die Lichtung des Waldes und sah einen Kampf um Leben und Tod. Ein weißes, wildes Pferd versuchte mit allen Kräften, ihr Fohlen vor einem grauen Wolf zu beschützen. Sein gnadenloser, hungriger Blick wirkte wie ein Blitz. Er grub seine erschreckenden, weißen Klauen in die Beine des fast hilflosen Pferdes und knurrte so laut wie eine Killermaschine. Allen Zuschauern stockte der Atem bei der Betrachtung einer solchen Kampfszene. Der Wolf wollte an das total verängstigte Fohlen und die Mutter verteidigte ihr Kleines, wie sie nur konnte. Das Blut lief in kleinen, roten Bächen von ihren Beinen herunter auf den weißen Schnee. Der Blick der verzweifelten Mutter war sowohl furchterregend als auch respektvoll. Sie hatte Schmerzen und Angst, doch hatte nicht vor, ihr Fohlen dieser hungrigen Kampfmaschine zum Fressen zu überlassen, um ihr eigenes Leben zu retten.
Eugen sah, wie ein paar Eltern mit ihren Kindern aus sicherer Entfernung diese atemberaubende Szene beobachteten, und schrie nur herum. „Gut, dass sie wenigstens nicht zu nah kommen, denn es kann Mina ablenken und dann hat die Kleine keine Chance zu überleben.“
Er hob die Flinte an die Schulter, zielte kurz und schoss. Das Echo rollte blitzschnell durch den ganzen Wald und verschluckte andere Schreie. Nur Rex war noch ganz laut. Im nächsten Augenblick versank der leblose Körper des getroffenen Wolfes im Schnee. Er prallte fast auf die Füße von Mina. Sie sprang erschrocken zurück und schaute dankbar tief in Eugens braune Augen. Völlig erschöpft und außer Atem.
Der Jäger schloss kurz die Augen, um sich zu beruhigen, doch die Stimme, die vom hohen, mit Schnee bedeckten Gras kam, ließ sein Herz rasen. Er öffnete erschrocken seine Augen und sein Blick traf ein kleines Wolfsbaby, das ihn fragend anstarrte: „Warum hast du meine Mutter umgebracht?“
Eugen hatte ein schlechtes Gewissen, als er in diese verlorenen Augen schaute. Sein Winseln klang wie das Weinen eines Waisenkindes. Beide Mütter wollten das Gleiche, ihre Kleinen versorgen, doch dafür sollte eine Mutter ihr Kleines verlieren, damit die andere überleben kann. Der ewige Kreis von Leben und Tod. Fressen und nicht gefressen werden. Und so böse war die Wölfin doch nicht. Ihr toter Körper liegt jetzt so wehrlos vor den Pfoten ihrer kleinen Tochter im Schnee. Sie kann ihr Kind nicht mehr durch die harten Winter begleiten. Eugen schluckte seine Verzweiflung hinunter und schaute zu den Pferden.
Tja Mina, um dein Kind zu retten, habe ich dieses arme, unschuldige Wesen zur Waise gemacht.
Ein ziemlich starker Schmerz unterbrach seine Gedanken. Das kleine Wolfskind bohrte seine noch kleinen, aber spürbar scharfen Zähne in die Finger desjenigen, der gerade seine Mutter auf dem Gewissen hatte.
„Au!“, schrie der Mann laut.
Er starrte auf seine blutigen Finger und biss die Lippen zusammen.
Schau mal, Mina, mein Blut, deine Kleine und dieses arme Lebewesen haben die gleiche Farbe. Das Leben ist manchmal gnadenlos.
„Das hast du gut gemacht. Lass uns diese kleine Killermaschine im Zoo verkaufen, damit es sich später nicht in ein Monster verwandelt!“
Eugen sprang wie von der Tarantel gestochen hoch und blickte wütend auf die Menschenmasse.
„Hört auf, Quatsch zu reden!“, schrie er laut, „ihr klingt selbst wie gnadenlose Monster. Ich habe keine Ahnung, was ihr so früh hier zu suchen habt, aber die Kleine ziehe ich selbst groß. Geht alle nach Hause und so was wie Zoo will ich nie wieder hören!“
„Du bist verrückt“, die Menschenmasse war noch lauter geworden als er eben, „du hast gesehen, was sie vor Kurzem gemacht hat. Wie wagst du es, Köter von Monstern hier im Wald zu behalten? Wir lassen es nicht zu! Noch ist es klein, wer weiß, was es noch alles anrichten kann. Es kann nicht hierbleiben.“
Der nächste Schuss in den Himmel erschrak die Zuschauer so, dass sie still wurden. Eine Zeit lang herrschte fast Todesstille.
„Sie hat nur versucht, ihr Kind zu ernähren, wer von uns isst kein Fleisch?“
Es kam keine Antwort. Der Jäger konnte von den Gesichtern der Menschen lesen, dass er sie nicht überzeugt hatte. Trotzdem gingen sie langsam, aber noch voll verärgert, ins Dorf zurück.
Rex saß ruhig auf dem gefrorenen Waldboden. Er schaute mit fragendem Blick, was weiter passieren sollte. Seine Augen trafen traurig die dunkelbraunen Augen seines Besitzers. Er war ein ziemlich großer, kräftig gebauter Mann mit dunklen, mittellangen, gewellten Haaren bis zur Schulter. Und die Konturen von seinem weißen Gesicht zeichnete ein kurzer, akkurat geschnittener Bart. Er betonte seine Männlichkeit noch mehr.
Dann blickte der Hund auf Mina, deren Beine noch von Bisswunden bluteten. Sie stand mit tief versunkenen Augen, neben ihren Füßen saßen ihr Fohlen und das Wolfskind. Sie hatte keinen Hass im Blick, nur Schmerzen und Erschöpfung. Auf den Lippen von Eugen stand ein bitteres Lächeln.
„Kannst du Menschen Güte beibringen? Sie hätte beinah deine Tochter gefressen und du bist nicht mal ein bisschen sauer auf ihr Kleines. Dagegen versuchen die Menschen, ihre eigene übertriebene Angst zu begründen, sehen Gefahr, da, wo es überhaupt nicht gefährlich ist. Und versuchen, normale wilde Naturwesen als Monster darzustellen.“
Er stand langsam auf, verschwand mit noch wackeligen Beinen in Richtung seiner Hütte und brachte den kleinen, schon angerosteten Feldspaten mit.
„Es tut mir leid, dass ich dein Leben ausgelöscht habe. Ich werde deine Tochter anständig großziehen, das verspreche ich dir.“
Und mit diesen Worten beerdigte er die Wolfsmutter. Dann nahm er die Kleine und sagte: „Ich werde dich Luna nennen, weil der Name einfach zu dir passt.“
Die Kleine wehrte sich nicht mehr.
Rex, komm mein Junge, ab nach Hause.
Mina versuchte zu laufen, doch die Bisswunden waren noch viel zu frisch und taten noch sehr weh.
„Komm Mina, ich versorge deine Beine, bis du besser laufen kannst.“
Das Pferd kannte ihn ziemlich gut, denn Eugen war schon fünf Jahre Jäger in diesem Wald, doch sie wollte ihm nicht folgen. Sie war misstrauisch und stand noch zwischen dem jungen Jäger und ihrem Fohlen. Eine Zeit lang herrschte Stille und keiner wagte, den nächsten Schritt zu tun. Eugen wurde bewusst, dass ihr Mutterinstinkt stärker ist als die Schmerzen, die sie spürte, und wollte nicht drängeln. Er saß mit etwas Abstand und wartete auf Minas Reaktion. Rex lag lautlos vor seinen Füßen, das kleine Wolfskind lag auf seinem Schoß. Den ersten Schritt machte das kleine Fohlen. Seine Neugier besiegte die Angst und sie kam mit unsicherem Gang etwas näher und hielt ihre Nase direkt an die Nase der kleinen Luna. Die kleine Wölfin fand es gut und antwortete fröhlich darauf, indem sie mit der Spitze ihrer Nase die kleine Nase des Fohlens berührte.
Eugens Herz schmolz ein bisschen. Er lächelte etwas wärmer.
„Na, das wäre noch was, wenn ihr beide noch Freunde werdet“, sagte er mit etwas Ironie in der Stimme, „das ganze Dorf wird sich drehen.“
Als der junge Mann langsam in Richtung Hütte gehen wollte, mit Luna auf dem Arm und Hund hinterher, folgte ihm das kleine Fohlen fröhlich. Ihre Mutter folgte ihm ebenfalls. Eugen war noch etwas misstrauisch und erwartete, dass die beiden umkehren würden, doch sie folgten ihm tatsächlich mit gewissem Abstand bis zur Hütte. Kurz vor der Hütte blieb Mina stehen und beobachtete aufmerksam das Verhalten ihrer Tochter und Luna. Der Jäger und sein Hund waren ebenfalls neugierig. Sie hielten genug Abstand, um ihnen keine Angst anzujagen.
„Ich versorge erst mal deine Wunden.“
Mit diesen Worten setzte er die kleine Luna ab und ging hinein, um den Verbandskasten zu holen. Als er nach einer gewissen Zeit wiederkam, saßen das Fohlen und die kleine Jägerin nebeneinander, Mina und Rex einander gegenüber. Alle waren viel zu erschöpft und still. Aber als der Mann kleine Schritte zum Pferd machte, sprang sie fast kampfbereit, trotz Schmerzen, wieder auf die Beine. Eugen blieb stehen und schaute ihr tief in die Augen: „Hab keine Angst, mein Mädchen, ich möchte nur helfen.“
Mina machte ein paar Schritte zurück, dann blieb sie stehen. Er ging langsam zu ihr und versuchte, sie zu streicheln. Das Pferd war immer noch verängstigt, doch die Angst um ihre kleine Tochter war größer und sie ließ sich anfassen. Bald nachdem der junge Mann sie gestreichelt hatte, hat sie sich beruhigt und ließ ihre schmerzenden Beine versorgen. Einen Augenblick herrschte Ruhe, doch diese wurde von Lunas herzzerreißendem Heulen unterbrochen. Die Kleine hatte Hunger.
„Na toll!“, rief er und schüttelte verzweifelt den Kopf, „wie soll ich dich füttern?“
Er holte etwas Milch in einer kleinen Schüssel, doch Luna kippte sie um. Sie hatte keine Ahnung, was sie damit machen soll. Rex sprang auch nervös bellend hoch und lief hin und her.
„Es gibt einen Tierarzt im Dorf, ich versuche da, einen Rat zu holen. Rex, du trägst die Verantwortung für alle hier.“
Eugen holte seine Ski, und eilte mit ungutem Gefühl ins Dorf. Bestimmt wussten schon alle, was heute Morgen passiert war, und er war auf alle möglichen Reaktionen gefasst. Die kleine Luna braucht jetzt Hilfe und er muss alle möglichen Kommentare über sich ergehen lassen. Augen zu und durch.
Als er die ersten mit schneebedeckten Dächern versehenen Wohnhäuser in Sichtweite sah, zog er sich zusammen und stellte sich in Verteidigungsposition: Komme, was kommen soll, kein Schritt zurück. Los gehts, dachte er und schon hörte er hinter sich:
„Stimmt es, Herr Jäger, dass Sie ein kleines Wolfsbaby bei sich hüten?“
Der Mann blieb stehen und drehte sich ganz langsam um: „Ja, es stimmt.“
„Herr Jäger, Sie können es doch nicht ernst meinen, oder? In der Nähe unseres Dorfes ein Monster großziehen. Es ist nicht ungefährlich für uns alle. Ihnen geht es gut, Sie haben nichts zu verlieren. Doch wir haben Vieh und Kinder. So einen gefährlichen Räuber in unserer Nähe wollen wir nicht haben. Stefan hat Recht, es muss so schnell wie möglich in den Zoo! Außerdem, das Geld, das wir für diesen Köter bekommen, können wir in unserem armen Dorf ganz gut gebrauchen.“
„Ach!“, zischte er wütend durch die halb geschlossenen Zähne, „so, so, es geht um Geld, ja?“
Er fühlte sich total verbittert.
„Ihr glaubt tatsächlich, dass euer gieriger Steffan vorhat, das Geld, das er für die kleine Luna bekommt, mit euch zu teilen? Seid ihr wirklich so naiv oder tut ihr nur so? Eventuell kennt ihr ihn nicht oder reden wir gerade über verschiedene Menschen? Wie viel Vieh und Landvögel hat er schon geklaut und verkauft und wie viel Cent hat euer teuerster Steffan mit euch geteilt? Eine Sache ist, dass ihr keinen Mut habt, diesen wahren Räuber anzuzeigen, aber jetzt hat er es noch geschafft, eure Angst zu manipulieren, um noch mehr Geld zu kassieren! Was seid ihr nur für Menschen.“
„Ich bekomme den kleinen Köter noch, Jäger, und du wirst mich nicht stoppen können!“, rief Stefan verärgert.
„Wag es nicht, es zu versuchen. Ich werde dich hinter Gitter bringen, ohne zu zögern“, sagte der Jäger.
Ein paar Minuten standen beide da und schauten, kampf- und verteidigungsbereit, einander in die Augen.
Der mittelgroße, hellbraunhaarige Mann mit den etwas schmalen, grünen Augen blieb noch einen Augenblick stehen und schaute dem Jäger mit gezieltem Blick hinterher.
„Wir werden noch sehen, wer von uns zuletzt lacht, Eugi“, knurrte er leise.
Inzwischen stand der junge Mann vor einem auffallenden Gebäude, dessen Eingangstür mit einem Hund und einer Katze gekennzeichnet war und oben stand mit großen Druckbuchstaben geschrieben: Tierarztpraxis. Die Tür zur Praxis war selten geschlossen, denn fast alle Dorfbewohner hatten verschiedene Landtiere und Vögel und brauchten immer einen Rat. Die Praxis war beliebt, wie die normale Arztpraxis, die ein paar Häuser weiter stand. Auch ein schönes, großes, buntes Gebäude.
Eugen ging langsam hinein und schaute sich um. Der junge Jäger kannte diese Praxis berufsmäßig zu gut und war mit Tierarzt Dr. Jan Jakobson gut befreundet. Die Praxis wurde durch eine Glastür in zwei Hälften geteilt: den Wartebereich und einen etwas größeren Bereich, in dem es zwei mittelgroße Zimmer mit verschlossenen Holztüren gab.
Eugen klopfte an einer Tür.
„Jan, darf ich rein?“
„Ja, komm rein“, antwortete eine etwas tiefe, männliche Stimme.
Der Jäger öffnete zügig die Zimmertür und ging hinein.
„Hallo“, begrüßte er seinen alten Freund mit möglichst ruhiger Stimme.
Der Doktor saß an seinem Schreibtisch und schrieb etwas.
Er war ungefähr 50 Jahre alt, mit etwas angegrauten, welligen Haaren und kleinen blauen Augen. Er hatte einen weißen Kittel und Kniebundhosen an.
Der Mann unterbrach seine Tätigkeit und sah seinen Besucher fragend an.
„Hallo Eugen, wie kann ich dir helfen? Ich hoffe sehr, dass es nicht um das Wolfskind geht, wovon seit heute Morgen das ganze Dorf redet.“
„Schön, dass du Bescheid weißt. Dann kann ich mir eine lange Rede sparen. Ja, es geht um Luna, so habe ich die Kleine genannt. Ich brauche deine Hilfe.“
Jan stand auf und schaute seinen Freund ernst an.
„Du willst mich ernsthaft fragen, ob ich dir helfen werde, ein Raubtier großzuziehen?“
„Na wenigstens höre ich nicht nochmal über irgendwelche nicht existierenden Monster. Das ist schon mal ein positiver Anfang.“
„Nein, das, was andere Bewohner sagen, ist massenweise übertrieben. Das sind schmutzige Spielchen von diesem „Prominenten“, mit dessen Mund spricht das ganze Dorf, wenn es sein muss auch Unsinn. Aber es ist kein Vieh oder Vogel, Eugen. Es ist und bleibt ein Raubtier und leider ernährt es sich von Landtieren. Es ist zwar weit und breit nicht so gierig wie Steffan, aber allein die Tatsache reicht vollkommen, um den Leuten Angst anzujagen. Sie haben sich schon damit abgefunden, mit Angst vor diesem Schurken zu leben, aber nicht noch zusätzlichen Stress. Es reicht. Deine Luna hat hier in der Nähe des Dorfes nichts zu suchen.“
„Wo soll sie hin, sag bitte nicht in den Zoo.“
„Nein, es ist ein wildes Tier und es soll nicht eingesperrt sein. So habe ich es nicht gemeint. Ich kann mit meinem Kollegen vom Wildreservat reden. Er hat genug Platz, um ein anständiges Zuhause für sie zu finden. Er und sein Team sind extra dafür ausgebildet. Und dieser Dorfschurke wird davon nicht profitieren. Du weißt so gut wie ich, wozu er fähig ist.“
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