Vorhang auf - Blaulicht an
High Heels im Kommissariat
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 254
ISBN: 978-3-7116-0344-9
Erscheinungsdatum: 20.01.2025
Olivia ist Schauspielerin, aber ein solches Theater wie auf ihrer Tournee durch England hat sie noch nie erlebt. Als sie dann auch noch zur Hauptverdächtigen eines Verbrechens wird, reicht es ihr. Sie muss etwas unternehmen.
1. Kapitel
Diese Kopfschmerzen! Ich fühle mich wie gerädert. Angestrengt versuche ich einen klaren Gedanken zu fassen. Was genau ist passiert? Wie lange bin ich schon hier?
Die ganzen Fragen zu meiner Person blieben unbeantwortet. Mein Kopf ist leer. Ich kann mich an nichts erinnern. Nur das Pochen in den Schläfen nehme ich wahr.
Die eingekehrte Ruhe, als die Krankenschwester das Zimmer verlässt, ist eine wahre Erleichterung. Sie wird wiederkommen und mir erneut Fragen stellen. Was soll ich ihr erzählen? Unter Aufwendung all meiner Kräfte öffne ich die Augen. Das grelle Neonlicht blendet mich. Ich drehe mich zur Seite. Das hätte ich nicht tun sollen, ein messerscharfer Schmerz durchbohrt meinen Kopf. Die Lider senken sich schwer über meine Augen. Lange verharre ich in dieser Position, nicht imstande sie wieder zu öffnen. Der Schreck fährt mir in alle Glieder. Habe ich alle Macht über mich verloren? Das ist ja grauenvoll! Nein, so geht das nicht, ich will meine Augen öffnen, wenn mir danach ist.
Neben mir sitzt ein junges Mädchen. Sie lässt die Beine baumeln und beobachtet mich. Ihr Bett ist höher als meines, sie sieht auf mich herab. Plötzlich beugt sie sich nach vorne und lächelt mich an. Ihre Beine baumeln munter weiter. Darum beneide ich sie. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder meine Beine baumeln zu lassen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, mich jemals wieder bewegen zu können. Ich fühle mich wie einbetoniert. Leblos, mit unendlichen Kopfschmerzen.
Irgendwie schaffe ich es, die Decke zurückzuschlagen. Ja, so ist es besser. Eine Last fällt von mir ab.
„Du hattest einen Unfall. Du bist vor ein Auto gerannt. Zu allem Unglück bist du auch noch mit dem Kopf auf dem Asphalt aufgeschlagen“, sagt das Mädchen.
Ihre Stimme tut mir gut. Es ist eine schöne Stimme. Sie stellt auch keine Fragen. Sie sieht mich nur an und spricht munter weiter.
„Das wird schon wieder, du hattest eigentlich sehr viel Glück. Du hast dir nichts gebrochen. Wenn man bedenkt, dass der Fahrer dich mit voller Wucht niedergestoßen hat, grenzt es fast an ein Wunder, dass dir nicht mehr passiert ist. Das hätte anders ausgehen können. Morgen wirst du dich an alles erinnern. Du brauchst Schlaf. Wahrscheinlich stehst du noch unter Schock.“ Sie nickt bekräftigend.
Ja, so ist es. Ich hatte einen Unfall. Die Tatsache, dass ich mich nicht erinnern kann, ist auf den Schock zurückzuführen. Erleichtert schließe ich die Augen, in der Hoffnung, weiter dieser angenehmen Stimme lauschen zu können. Dieser Stimme, die so aufmunternd und erfrischend klingt. Den Luxus, meine Augen geschlossen zu halten, gönne ich mir. Wenn mir danach ist, werde ich sie wieder öffnen. Das funktioniert wieder. Wenigstens etwas.
Das Gesicht des Mädchens habe ich mir eingeprägt. Die dunklen Augen und die ebenso dunklen Haare, die ihr bei jeder Wippbewegung ein Stück weiter ins Gesicht fallen. Leider ist mit dem Schließen meiner Augen auch ihre Stimme verstummt. Also öffne ich sie wieder. Ihr Blick geht an mir vorbei, sie schwingt ihre Beine in das Bett.
„So, jetzt kehrt hoffentlich Ruhe in dieses Zimmer ein.“
Diese Stimme kenne ich auch. Sie ist keinesfalls aufmunternd. Erfrischend dagegen schon, im Sinne von herrisch. Diese Stimme hat meinen Kopf schon einmal in einen gefährlichen Zustand gebracht, nahe an das Zerplatzen.
Die Krankenschwester scheint Gefallen an meiner Hilflosigkeit zu haben. Mit Vehemenz deckt sie mich zu. Die Decke scheint mich schier zu erdrücken.
„So ist das also. Die Decke aus dem Bett werfen kann die feine Dame, aber ansonsten ist sie nicht fähig, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Was für eine Vorstellung ziehen Sie hier ab? Mich täuschen Sie nicht und wenn Sie sich noch tagelang stumm stellen.“
Streng blickt sie auf mich, eine Infusion in die Höhe haltend. Wie ein Damoklesschwert lässt sie diese über mir pendeln. Jetzt käme es mir gelegen, wenn sich meine Lider senken würden. Aber nichts dergleichen passiert. Ich bin in Alarmbereitschaft. Von der Infusionsflasche und noch mehr von der Schwester geht eine Bedrohung aus, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Flüssigkeit, so klar und rein wie Wasser, hat es bestimmt in sich. Man will meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Welche Substanzen werden dafür verwendet? Alles, was ich brauche, ist eine Tablette, um die Kopfschmerzen loszuwerden, sonst nichts.
„Nach dieser Infusion werden Sie schlafen. Morgen um neun Uhr werden Sie von unserem Psychologen befragt. Ich hoffe, Ihre Antworten bestehen nicht nur aus einem nichtssagenden Nicken. Sie glauben wohl, Sie sind die einzige Patientin hier? Wenn Sie Hilfe erwarten, müssen Sie kooperieren.“
Wie gelähmt starre ich sie an. Es war doch keine Willkür meinerseits, nicht zu antworten. Es war nur leider so, dass ich keine Antworten auf die Fragen hatte. Meine Stimme versagte mir den Dienst, als ich nicht einmal meinen Namen wusste, geschweige denn, meinen Beruf oder meine Wohnanschrift. Dann haben sie in meiner Tasche gewühlt und meinen Ausweis gefunden. Das heftige Nicken beim Hören meines Namens legt mir diese Dienstbeflissene nun als Willkür aus. Das Wort Amnesie hat mir schließlich den Rest gegeben. Das leise Geraune zwischen den Ärzten und Schwestern über eine Einweisung in die Psychiatrie schlug mich nieder. Die Fragerei, wohin ich wollte und woher ich kam, als ich niedergefahren wurde, hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich konnte mich an gar nichts erinnern. Das Mädchen neben mir hat Recht, ich stehe unter Schock.
Die Infusion hängt über mir. Mit jedem Tropfen werde ich müder. Worüber habe ich gerade nachgedacht?
Ein Lachen, so hell wie eine Glocke, zwingt mich zur Seite zu schauen. Zuerst sehe ich nur baumelnde Beine, dann das lachende Gesicht des Mädchens. Sie wird von einem Mann geküsst. Halbherzig wehrt sie ihn ab. Die zur Schau gestellte Abwehr lässt ihn ganz übermütig werden. Er drückt sie fest an sich und dann in die Kissen. Halb sitzend, halb liegend schaut er ihr in die Augen.
„Geh von meinem Bett runter“, sagt sie lachend, „oder willst auch du von der Oberschwester behandelt werden?“
„Gott bewahre, mir fehlt nichts.“
Er richtet sich auf und zieht das Mädchen mit in die Höhe.
„Jetzt hast du sie aufgeweckt.“ Ein Finger zeigt nach mir.
Von der Infusion ist nichts mehr zu sehen. Trotzdem fühle ich mich ausgelaugt und leer und sehr müde. Die Kopfschmerzen sind verschwunden. Einen klaren Gedanken kann ich dennoch nicht fassen. In meinem Kopf geht es drunter und drüber. Das wilde Durcheinander lässt sich nicht steuern. Alles dreht sich im Kreis, schnell, beängstigend. Ich muss doch Rede und Antwort stehen. Name, Adresse, Beruf. Wo kam ich her? Wo wollte ich hin? Mir wird übel. Mit aller Kraft kämpfe ich dagegen an. Ich kämpfe auch noch gegen etwas anderes an, aber gegen was?
„Du kannst wohl keine Minute stillsitzen? Deine Beine scheinen die Bettruhe nicht zu akzeptieren?“ Der Mann ist äußerst vergnügt. „Deinem Naturell als geborener Wildfang scheint es nicht zu behagen, hier den letzten Tag auszuharren.“ Er lacht dröhnend und wird in die Seite gepufft.
„Benimm dich und sprich leiser. Sie soll unbedingt schlafen. Sie wurde von einem Pkw niedergestoßen. Als sie eingeliefert wurde, war sie bewusstlos. Sie ist mit dem Kopf auf dem Asphalt aufgeschlagen. Das Schädel-CD war ohne Befund. Eine Verletzung hat sie nicht davongetragen.“ Sie räuspert sich und spricht sehr leise weiter.
Angestrengt versuche ich mehr über mich zu erfahren. Ohne Erfolg, ihr Flüstern hallt in meinem Kopf, ohne dass ich auch nur ein Wort verstehe.
„Das ist die beste Klinik weit und breit, sie werden ihr helfen können. Sie ist in guten Händen“, sagt der Mann.
Ich bin in guten Händen, wie Balsam fühlen sich diese Worte an. Die Übelkeit verflüchtigt sich. Na also, es geht mir schon besser. Ob ich auch ein Wildfang bin? Natürlich. Ich schiebe ein Bein unter der verknüllten Decke hervor und lasse es neben dem Bett baumeln. Was für ein gutes Gefühl. Jetzt kann ich mit ruhigem Gewissen weiterschlafen, obwohl mich die Worte des Mädchens mehr interessieren. Warum sie plötzlich so leise sprach, wüsste ich schon gerne, schließlich geht es um mich. Im Grunde ist sie kein Mädchen mehr, sie ist eine junge, hübsche Frau mit viel Temperament. Eine eigenartige Faszination geht von ihr aus. Der Mann hat sie einen Wildfang genannt. Das hört sich gut an. Sie scheinen sehr verliebt zu sein. Leise sprechen sie weiter und halten sich an den Händen.
Es gehört sich nicht, ihrem Gemurmel zu lauschen. Was sich diese Verliebten zu sagen haben, geht mich nichts an. Sie sprechen nicht mehr über mich. Erleichtert wende ich mich ab. Erleichtert auch deswegen, mich nicht mehr konzentrieren zu müssen. Das Unvermögen, ihre Worte nicht verstanden zu haben, hat einen regelrechten Druck in meinem Kopf erzeugt.
Ein Lachen, diesmal verhaltener, lässt mich wieder zur Seite blicken. Neugierig schiele ich zum Bett, in der Erwartung zwei schwingende Beine zu sehen. Ich richte mich auf. Das Bett wird frisch bezogen. Zwei Krankenschwestern machen sich daran zu schaffen. Die Matratze hat eine U-Form angenommen. Das Leintuch ist zu straff gespannt. Die sehr jungen Krankenschwestern machen sich einen Spaß daraus. Sie lassen sich mit ihrem Gewicht darauf fallen, um das unbändige Ding wieder in Form zu bringen.
„Wo ist denn die junge Frau?“
„Entlassen.“ Beide richten sich auf und starren mich an.
„Entlassen? Wann?“
„Heute Morgen. Sie haben noch geschlafen. Sie haben sehr lange geschlafen. Geht es ihnen heute besser? Haben Sie Schmerzen?“
„Nein, ich habe keine Schmerzen.“
Die Enttäuschung, die junge Frau nicht mehr zu sehen, ist größer als das Pochen in meinem Kopf.
„Ich bringe Ihnen jetzt Ihr Frühstück, Sie haben nämlich um elf Uhr einen Termin bei Dr. Konsik. Den Termin um neun Uhr hat ein anderer Patient in Anspruch genommen. Sie waren nicht aufzuwecken.“
„Ja, weil sie mich an irgendeinen Tropf angehängt haben, was für Substanzen waren denn in der Flasche? Ich hatte von Anfang an ein komisches Gefühl.“
„Das war eine physiologische Kochsalzlösung. Die meisten unserer Patienten bekommen diese verordnet.“
„Standard-Therapie, wie?“ Ich weiß auch nicht, warum ich plötzlich so aggressiv bin.
„Von einer Kochsalzlösung schläft man aber nicht so gut, dass man nicht aufzuwecken ist, wie sie sagen.“
Die Schwesternschülerin, das lese ich von ihrem Namensschildchen ab, lässt die Matratze die U-Form wieder annehmen. Hilfesuchend blickt sie zur Tür. Jetzt bräuchte sie Unterstützung von ihrer Kollegin, die holt aber gerade mein Frühstück.
„Ein Beruhigungsmittel und ein Schmerzmittel waren der Kochsalzlösung auch beigemengt.“
„Ja, wahrscheinlich war noch viel mehr beigemengt. Nicht umsonst hat die Schwester drohend die Flasche über mir geschwungen.“
„Nein, das war keine Drohung, die Flasche muss so hoch gehängt werden. Wie soll denn sonst die Flüssigkeit in ihre Vene?“
Sofort bereue ich meine Worte. Der Druck in meiner Brust lässt nach, die Wut ebenso. Mir fällt nämlich ein, dass ich wieder weiß, wer ich bin. Ein Glücksgefühl sondergleichen überfällt mich. Ich stürze zu der Schwesternschülerin und umarme sie. Noch nie spürte ich eine so große Erleichterung.
Ihr wird mein Gebaren zu viel, pure Unverständnis steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie entschuldigt sich und verlässt unverrichteter Dinge das Zimmer. Natürlich, sie kann mich nicht verstehen. Mein Verhalten muss für sie mehr als sonderbar und zugleich erschreckend gewesen sein. Zuerst bin ich aggressiv, dann umarme ich sie. Das alles in nur einer Minute. Sie hat aber sicherlich noch nie die Diagnose Amnesie erhalten. Sie weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn man sich an nichts erinnern kann. Und wie erleichtert man ist, wenn das Gedächtnis wieder zurückkehrt.
Das Raunen der Ärzte hallt mir noch in den Ohren. Wenn man da nicht aggressiv wird, wann dann? Mein Verhalten darf ruhig befremdlich auf sie wirken. Sie steht noch in der Ausbildung, wahrscheinlich ganz am Anfang. Das Bettenüberziehen ist so ziemlich das Erste, was zu absolvieren ist.
Als ich aus dem Bad komme, steht mein Frühstück schon auf dem Tisch. Ich bin allein im Zimmer. Die Betten sind gemacht, die Rollos zur Hälfte heruntergezogen. Die Stille ist sehr angenehm. Auch in meinem Kopf ist es still geworden. Kein Hämmern, kein Zermartern meiner grauen Zellen wegen meiner Herkunft und Tätigkeiten. Hungrig mache ich mich über die frischen Brötchen her. Es ist kaum zu glauben, was für ein tolles Lebensgefühl es ist, wenn man weiß, wer man ist. Ich könnte Bäume ausreißen, so energiegeladen bin ich.
Da stürmt auch schon die Schwester von gestern herein, die mich mit der Infusion beglückt hat. Einen Rollstuhl vor sich herschiebend, mit einem strengen Blick im Gesicht. Geistesgegenwärtig ziehe ich meine Beine an. Die Funktionalität meiner Füße ist mir wichtig. Sie hält erst an, als sie den Widerstand meiner Knie an dem Geschoß spürt. Gekonnt stellt sie die Lehne in Sitzposition.
„Hineinsetzen“, ist das kurze Kommando, dann zurrt sie die Bremsen fest.
„Nein.“ Dieser Dame hat wohl noch nie jemand Paroli geboten.
Sie stemmt ihre Hände in die Hüften. „Wie, nein?“
„Nein, ich gehe. Ich habe keine Beschwerden in den Beinen.“
„Da hinein, aber schnell, ich wiederhole mich nicht gerne.“
„Ich wiederhole mich auch nicht gerne.“
„Sie wurden vorgestern bewusstlos eingeliefert, Sie setzen sich da hinein. Sie haben einen Termin bei Dr. Konsik.“
„Vorgestern war vorgestern, heute ist heute. Dann wollen wir einmal.“ Geschickt zwänge ich mich an der Koryphäe an Autorität vorbei und laufe auf den Flur.
„Ich muss zu Dr. Konsik.“
„Am Ende des Ganges“, ruft jemand freundlich.
Ich sprinte los.
Gleichzeitig kommen wir vor dem Behandlungszimmer an. Die Schwester mit dem Rollstuhl, ich ohne Behelf. Das Gerangel vor der Tür gewinnt sie. Null zu eins. Klarer Fall von Heimvorteil. Das Zepter nun nicht mehr aus der Hand gebend, saust sie auf den Arzt zu. Dieser erkennt den Ernst der Lage oder vielleicht auch nur die Gefahr, die von dem auf ihn zurasenden Rollstuhl ausgeht und verschanzt sich geistesgegenwärtig hinter seinem Schreibtisch.
„Diese da“, räuspert sich die Krankenschwester. „Diese Patientin wollte sich partout nicht in den Rollstuhl setzen, obwohl sie gestern bewusstlos eingeliefert wurde. Ihr fehlt es an jeglicher Kooperation.“
„Aber Schwester Gundula, beruhigen Sie sich doch. Es ist doch ein gutes Zeichen, wenn sie den Weg zu mir ohne fremde Hilfe schafft.“
Sehr sympathisch und kompetent, ich bin erleichtert.
„Setzen Sie sich“, sagt er und deutet auf den Sessel, ohne mich anzusehen. Er stellt sich nicht vor, er reicht mir auch nicht die Hand. Zu viel an Vertraulichkeit ist wahrscheinlich in dieser Berufssparte zu vermeiden. Es ist nicht von Belang, wie der Patient heißt. Vermutlich wird man nur mehr als Krankheit wahrgenommen. Ich bin der Unfall mit den Kopfschmerzen und der anfänglichen Bewusstlosigkeit. Deswegen sollte sein Name auch für mich ohne Belang sein. Er ist Arzt, das genügt. Er stellt die Diagnose und ist für die Anordnung der Behandlung zuständig. Das allein ist entscheidend. So in der Art kann ich mir Ihren Alltag vorstellen. Das sind natürlich nur Vermutungen. Das würde ich gegenüber einem Arzt auch nie äußern oder deswegen eine Diskussion anfangen. In meinem Fall wäre das schon gar nicht sinnvoll. Ich möchte entlassen werden. Ich fühle mich heute schon recht gut. Verwunderlich ist nur, dass er mir die Hand nicht gegeben hat. Ein Händedruck ist doch aufschlussreich, zumindest habe ich das einmal gelesen. Hat die Schwester nicht gesagt, er wäre Psychologe? Für ihn könnte so ein Händedruck informativ sein. Jemand, der sich ganz verschüchtert gibt und einen starken Händedruck hat, könnte doch ein Simulant sein? Nein, wie gesagt, davon verstehe ich nichts. Die Mutmaßungen sind umsonst. Ich setze mich. Da fällt mir wieder ein, dass er nicht der Psychologe ist, das wäre der Arzt gewesen, bei dem ich um neun Uhr einen Termin gehabt hätte.
Schwester Gundula verlässt pikiert den Raum. Sie scheint weder von dem Arzt noch von mir viel zu halten.
„Wohl umsonst, die teure Anschaffung“, pfaucht sie. Damit ist wohl der Rollstuhl gemeint, an dem sie jetzt auch keine Freude mehr hat. Sie stößt ihn regelrecht zur Tür hinaus. So teuer kann er auch nicht gewesen sein. Unter teuer verstehe ich etwas anderes. Ein Computertomograph zum Beispiel ist eine teure Anschaffung. Egal. Interessiert verfolge ich das Blättern in meiner Krankenakte. Unglaublich, wie viel sich in der kurzen Zeit angesammelt hat. Röntgenbilder und Dokumentationen, daraus könnte man ein ganzes Skript erstellen. Wer um Gottes willen hat das alles niedergeschrieben in nur zwei Tagen? Das ist die gefürchtete Bürokratie, von der alle sprechen. Die nimmt mehr Zeit in Anspruch als die tatsächliche Arbeit. Jetzt verstehe ich das Unverständnis von Schwester Gundula bezüglich meiner Verweigerung ihrer Anweisung. Das gibt sicher zusätzliche Notizen in meiner Krankenakte. Noch mehr Schreibereien für nichts und wieder nichts.
Dr. Konsik gibt sich ganz dem Geschriebenen hin. Er blättert angeregt vor und zurück. Seine Stirn legt sich mehr und mehr in Falten. Das beunruhigt mich. Was steht denn da drin? Zu welcher Diagnose ist man gekommen? Von einer einzigen Diagnose kann unmöglich die Rede sein. Nach dem Ausmaß der Aufzeichnungen muss es sich um mehrere Diagnosen handeln. Hier geht es um mich. Seine gefurchte Stirn bedeutet nichts Gutes. Zögert er deswegen so lange, mit mir zu sprechen, weil die Diagnosen so schrecklich sind? Man hört immer wieder, dass Leute wegen einer Lappalie in die Klinik gehen und bei Routineuntersuchungen unheilbare Krankheiten zutage kommen. Die Ärzte, sie sind ja keine Unmenschen, wissen dann oft nicht, wie sie die furchtbaren Diagnosen den Patienten beibringen sollen. Meine Lider flattern, meine Sehkraft lässt nach. Die Falten, nein das ganze Erscheinungsbild des gutaussehenden Dr. Konsik verschwimmt vor meinen Augen.
„Zu welchen Diagnosen sind sie gekommen?“, wage ich endlich zu fragen. Meine Stimme versagt vollends den Dienst. Die Kopfschmerzen kehren zurück.
„Diagnosen? Wieso sprechen Sie in der Mehrzahl. Von Diagnosen kann keine Rede sein, nicht einmal von einer Diagnose. Dafür ist es noch zu früh. Es müssen noch viele Untersuchungen durchgeführt werden, ganz besonders in Ihrem Fall. Eine Diagnose passiert auf Fakten, davon sind wir noch meilenweit entfernt. Ich orientiere mich fürs Erste an Ihrem Verhalten gestern bei Ihrer Einweisung.“
Keine Diagnosen, meine Sehkraft kehrt zurück. Gott sei Dank!
Von welchen Untersuchungen spricht er? Nein, das möchte ich nicht wissen. Dem muss ich schleunigst entgegenwirken. In den Unterlagen hat man sicher auf Amnesie hingewiesen. Bevor dieses Hirngespinst weiterverfolgt wird, muss ich handeln.
„Ich möchte entlassen werden. Mir geht es wieder gut, bis auf die Kopfschmerzen, und die sind schon erträglich.“
„Jetzt aber mal halblang. Von Entlassung ist noch lange keine Rede. Hier muss noch mehr abgeklärt werden.“
„Was muss noch abgeklärt werden? Gestern stand ich unter Schock. Ich konnte mich an nichts erinnern. Heute sieht das anders aus. Ich kann mich an alles erinnern. Ich bin Schauspielerin und Mitglied im hiesigen Ensemble des Theaters. Sie müssten mich doch kennen. Gehen Sie nie ins Theater?“
„Selten.“ Er nimmt mich nun bewusst wahr. Neugierig schaut er mich an.
Er geht doch ins Theater. Jetzt versucht er, sich an mich zu erinnern. Seinem Blick zufolge gelingt es ihm nicht. Ja, so kann es gehen Herr Doktor. Aber deswegen leiden Sie nicht an Amnesie und es äußert auch niemand diesen Verdacht. Mit solchen Vermutungen sollte man vorsichtig umgehen. Man erschreckt damit Leute, insbesondere Patienten, die gerade einen Unfall hatten.
…
Diese Kopfschmerzen! Ich fühle mich wie gerädert. Angestrengt versuche ich einen klaren Gedanken zu fassen. Was genau ist passiert? Wie lange bin ich schon hier?
Die ganzen Fragen zu meiner Person blieben unbeantwortet. Mein Kopf ist leer. Ich kann mich an nichts erinnern. Nur das Pochen in den Schläfen nehme ich wahr.
Die eingekehrte Ruhe, als die Krankenschwester das Zimmer verlässt, ist eine wahre Erleichterung. Sie wird wiederkommen und mir erneut Fragen stellen. Was soll ich ihr erzählen? Unter Aufwendung all meiner Kräfte öffne ich die Augen. Das grelle Neonlicht blendet mich. Ich drehe mich zur Seite. Das hätte ich nicht tun sollen, ein messerscharfer Schmerz durchbohrt meinen Kopf. Die Lider senken sich schwer über meine Augen. Lange verharre ich in dieser Position, nicht imstande sie wieder zu öffnen. Der Schreck fährt mir in alle Glieder. Habe ich alle Macht über mich verloren? Das ist ja grauenvoll! Nein, so geht das nicht, ich will meine Augen öffnen, wenn mir danach ist.
Neben mir sitzt ein junges Mädchen. Sie lässt die Beine baumeln und beobachtet mich. Ihr Bett ist höher als meines, sie sieht auf mich herab. Plötzlich beugt sie sich nach vorne und lächelt mich an. Ihre Beine baumeln munter weiter. Darum beneide ich sie. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder meine Beine baumeln zu lassen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, mich jemals wieder bewegen zu können. Ich fühle mich wie einbetoniert. Leblos, mit unendlichen Kopfschmerzen.
Irgendwie schaffe ich es, die Decke zurückzuschlagen. Ja, so ist es besser. Eine Last fällt von mir ab.
„Du hattest einen Unfall. Du bist vor ein Auto gerannt. Zu allem Unglück bist du auch noch mit dem Kopf auf dem Asphalt aufgeschlagen“, sagt das Mädchen.
Ihre Stimme tut mir gut. Es ist eine schöne Stimme. Sie stellt auch keine Fragen. Sie sieht mich nur an und spricht munter weiter.
„Das wird schon wieder, du hattest eigentlich sehr viel Glück. Du hast dir nichts gebrochen. Wenn man bedenkt, dass der Fahrer dich mit voller Wucht niedergestoßen hat, grenzt es fast an ein Wunder, dass dir nicht mehr passiert ist. Das hätte anders ausgehen können. Morgen wirst du dich an alles erinnern. Du brauchst Schlaf. Wahrscheinlich stehst du noch unter Schock.“ Sie nickt bekräftigend.
Ja, so ist es. Ich hatte einen Unfall. Die Tatsache, dass ich mich nicht erinnern kann, ist auf den Schock zurückzuführen. Erleichtert schließe ich die Augen, in der Hoffnung, weiter dieser angenehmen Stimme lauschen zu können. Dieser Stimme, die so aufmunternd und erfrischend klingt. Den Luxus, meine Augen geschlossen zu halten, gönne ich mir. Wenn mir danach ist, werde ich sie wieder öffnen. Das funktioniert wieder. Wenigstens etwas.
Das Gesicht des Mädchens habe ich mir eingeprägt. Die dunklen Augen und die ebenso dunklen Haare, die ihr bei jeder Wippbewegung ein Stück weiter ins Gesicht fallen. Leider ist mit dem Schließen meiner Augen auch ihre Stimme verstummt. Also öffne ich sie wieder. Ihr Blick geht an mir vorbei, sie schwingt ihre Beine in das Bett.
„So, jetzt kehrt hoffentlich Ruhe in dieses Zimmer ein.“
Diese Stimme kenne ich auch. Sie ist keinesfalls aufmunternd. Erfrischend dagegen schon, im Sinne von herrisch. Diese Stimme hat meinen Kopf schon einmal in einen gefährlichen Zustand gebracht, nahe an das Zerplatzen.
Die Krankenschwester scheint Gefallen an meiner Hilflosigkeit zu haben. Mit Vehemenz deckt sie mich zu. Die Decke scheint mich schier zu erdrücken.
„So ist das also. Die Decke aus dem Bett werfen kann die feine Dame, aber ansonsten ist sie nicht fähig, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Was für eine Vorstellung ziehen Sie hier ab? Mich täuschen Sie nicht und wenn Sie sich noch tagelang stumm stellen.“
Streng blickt sie auf mich, eine Infusion in die Höhe haltend. Wie ein Damoklesschwert lässt sie diese über mir pendeln. Jetzt käme es mir gelegen, wenn sich meine Lider senken würden. Aber nichts dergleichen passiert. Ich bin in Alarmbereitschaft. Von der Infusionsflasche und noch mehr von der Schwester geht eine Bedrohung aus, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Flüssigkeit, so klar und rein wie Wasser, hat es bestimmt in sich. Man will meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Welche Substanzen werden dafür verwendet? Alles, was ich brauche, ist eine Tablette, um die Kopfschmerzen loszuwerden, sonst nichts.
„Nach dieser Infusion werden Sie schlafen. Morgen um neun Uhr werden Sie von unserem Psychologen befragt. Ich hoffe, Ihre Antworten bestehen nicht nur aus einem nichtssagenden Nicken. Sie glauben wohl, Sie sind die einzige Patientin hier? Wenn Sie Hilfe erwarten, müssen Sie kooperieren.“
Wie gelähmt starre ich sie an. Es war doch keine Willkür meinerseits, nicht zu antworten. Es war nur leider so, dass ich keine Antworten auf die Fragen hatte. Meine Stimme versagte mir den Dienst, als ich nicht einmal meinen Namen wusste, geschweige denn, meinen Beruf oder meine Wohnanschrift. Dann haben sie in meiner Tasche gewühlt und meinen Ausweis gefunden. Das heftige Nicken beim Hören meines Namens legt mir diese Dienstbeflissene nun als Willkür aus. Das Wort Amnesie hat mir schließlich den Rest gegeben. Das leise Geraune zwischen den Ärzten und Schwestern über eine Einweisung in die Psychiatrie schlug mich nieder. Die Fragerei, wohin ich wollte und woher ich kam, als ich niedergefahren wurde, hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich konnte mich an gar nichts erinnern. Das Mädchen neben mir hat Recht, ich stehe unter Schock.
Die Infusion hängt über mir. Mit jedem Tropfen werde ich müder. Worüber habe ich gerade nachgedacht?
Ein Lachen, so hell wie eine Glocke, zwingt mich zur Seite zu schauen. Zuerst sehe ich nur baumelnde Beine, dann das lachende Gesicht des Mädchens. Sie wird von einem Mann geküsst. Halbherzig wehrt sie ihn ab. Die zur Schau gestellte Abwehr lässt ihn ganz übermütig werden. Er drückt sie fest an sich und dann in die Kissen. Halb sitzend, halb liegend schaut er ihr in die Augen.
„Geh von meinem Bett runter“, sagt sie lachend, „oder willst auch du von der Oberschwester behandelt werden?“
„Gott bewahre, mir fehlt nichts.“
Er richtet sich auf und zieht das Mädchen mit in die Höhe.
„Jetzt hast du sie aufgeweckt.“ Ein Finger zeigt nach mir.
Von der Infusion ist nichts mehr zu sehen. Trotzdem fühle ich mich ausgelaugt und leer und sehr müde. Die Kopfschmerzen sind verschwunden. Einen klaren Gedanken kann ich dennoch nicht fassen. In meinem Kopf geht es drunter und drüber. Das wilde Durcheinander lässt sich nicht steuern. Alles dreht sich im Kreis, schnell, beängstigend. Ich muss doch Rede und Antwort stehen. Name, Adresse, Beruf. Wo kam ich her? Wo wollte ich hin? Mir wird übel. Mit aller Kraft kämpfe ich dagegen an. Ich kämpfe auch noch gegen etwas anderes an, aber gegen was?
„Du kannst wohl keine Minute stillsitzen? Deine Beine scheinen die Bettruhe nicht zu akzeptieren?“ Der Mann ist äußerst vergnügt. „Deinem Naturell als geborener Wildfang scheint es nicht zu behagen, hier den letzten Tag auszuharren.“ Er lacht dröhnend und wird in die Seite gepufft.
„Benimm dich und sprich leiser. Sie soll unbedingt schlafen. Sie wurde von einem Pkw niedergestoßen. Als sie eingeliefert wurde, war sie bewusstlos. Sie ist mit dem Kopf auf dem Asphalt aufgeschlagen. Das Schädel-CD war ohne Befund. Eine Verletzung hat sie nicht davongetragen.“ Sie räuspert sich und spricht sehr leise weiter.
Angestrengt versuche ich mehr über mich zu erfahren. Ohne Erfolg, ihr Flüstern hallt in meinem Kopf, ohne dass ich auch nur ein Wort verstehe.
„Das ist die beste Klinik weit und breit, sie werden ihr helfen können. Sie ist in guten Händen“, sagt der Mann.
Ich bin in guten Händen, wie Balsam fühlen sich diese Worte an. Die Übelkeit verflüchtigt sich. Na also, es geht mir schon besser. Ob ich auch ein Wildfang bin? Natürlich. Ich schiebe ein Bein unter der verknüllten Decke hervor und lasse es neben dem Bett baumeln. Was für ein gutes Gefühl. Jetzt kann ich mit ruhigem Gewissen weiterschlafen, obwohl mich die Worte des Mädchens mehr interessieren. Warum sie plötzlich so leise sprach, wüsste ich schon gerne, schließlich geht es um mich. Im Grunde ist sie kein Mädchen mehr, sie ist eine junge, hübsche Frau mit viel Temperament. Eine eigenartige Faszination geht von ihr aus. Der Mann hat sie einen Wildfang genannt. Das hört sich gut an. Sie scheinen sehr verliebt zu sein. Leise sprechen sie weiter und halten sich an den Händen.
Es gehört sich nicht, ihrem Gemurmel zu lauschen. Was sich diese Verliebten zu sagen haben, geht mich nichts an. Sie sprechen nicht mehr über mich. Erleichtert wende ich mich ab. Erleichtert auch deswegen, mich nicht mehr konzentrieren zu müssen. Das Unvermögen, ihre Worte nicht verstanden zu haben, hat einen regelrechten Druck in meinem Kopf erzeugt.
Ein Lachen, diesmal verhaltener, lässt mich wieder zur Seite blicken. Neugierig schiele ich zum Bett, in der Erwartung zwei schwingende Beine zu sehen. Ich richte mich auf. Das Bett wird frisch bezogen. Zwei Krankenschwestern machen sich daran zu schaffen. Die Matratze hat eine U-Form angenommen. Das Leintuch ist zu straff gespannt. Die sehr jungen Krankenschwestern machen sich einen Spaß daraus. Sie lassen sich mit ihrem Gewicht darauf fallen, um das unbändige Ding wieder in Form zu bringen.
„Wo ist denn die junge Frau?“
„Entlassen.“ Beide richten sich auf und starren mich an.
„Entlassen? Wann?“
„Heute Morgen. Sie haben noch geschlafen. Sie haben sehr lange geschlafen. Geht es ihnen heute besser? Haben Sie Schmerzen?“
„Nein, ich habe keine Schmerzen.“
Die Enttäuschung, die junge Frau nicht mehr zu sehen, ist größer als das Pochen in meinem Kopf.
„Ich bringe Ihnen jetzt Ihr Frühstück, Sie haben nämlich um elf Uhr einen Termin bei Dr. Konsik. Den Termin um neun Uhr hat ein anderer Patient in Anspruch genommen. Sie waren nicht aufzuwecken.“
„Ja, weil sie mich an irgendeinen Tropf angehängt haben, was für Substanzen waren denn in der Flasche? Ich hatte von Anfang an ein komisches Gefühl.“
„Das war eine physiologische Kochsalzlösung. Die meisten unserer Patienten bekommen diese verordnet.“
„Standard-Therapie, wie?“ Ich weiß auch nicht, warum ich plötzlich so aggressiv bin.
„Von einer Kochsalzlösung schläft man aber nicht so gut, dass man nicht aufzuwecken ist, wie sie sagen.“
Die Schwesternschülerin, das lese ich von ihrem Namensschildchen ab, lässt die Matratze die U-Form wieder annehmen. Hilfesuchend blickt sie zur Tür. Jetzt bräuchte sie Unterstützung von ihrer Kollegin, die holt aber gerade mein Frühstück.
„Ein Beruhigungsmittel und ein Schmerzmittel waren der Kochsalzlösung auch beigemengt.“
„Ja, wahrscheinlich war noch viel mehr beigemengt. Nicht umsonst hat die Schwester drohend die Flasche über mir geschwungen.“
„Nein, das war keine Drohung, die Flasche muss so hoch gehängt werden. Wie soll denn sonst die Flüssigkeit in ihre Vene?“
Sofort bereue ich meine Worte. Der Druck in meiner Brust lässt nach, die Wut ebenso. Mir fällt nämlich ein, dass ich wieder weiß, wer ich bin. Ein Glücksgefühl sondergleichen überfällt mich. Ich stürze zu der Schwesternschülerin und umarme sie. Noch nie spürte ich eine so große Erleichterung.
Ihr wird mein Gebaren zu viel, pure Unverständnis steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie entschuldigt sich und verlässt unverrichteter Dinge das Zimmer. Natürlich, sie kann mich nicht verstehen. Mein Verhalten muss für sie mehr als sonderbar und zugleich erschreckend gewesen sein. Zuerst bin ich aggressiv, dann umarme ich sie. Das alles in nur einer Minute. Sie hat aber sicherlich noch nie die Diagnose Amnesie erhalten. Sie weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn man sich an nichts erinnern kann. Und wie erleichtert man ist, wenn das Gedächtnis wieder zurückkehrt.
Das Raunen der Ärzte hallt mir noch in den Ohren. Wenn man da nicht aggressiv wird, wann dann? Mein Verhalten darf ruhig befremdlich auf sie wirken. Sie steht noch in der Ausbildung, wahrscheinlich ganz am Anfang. Das Bettenüberziehen ist so ziemlich das Erste, was zu absolvieren ist.
Als ich aus dem Bad komme, steht mein Frühstück schon auf dem Tisch. Ich bin allein im Zimmer. Die Betten sind gemacht, die Rollos zur Hälfte heruntergezogen. Die Stille ist sehr angenehm. Auch in meinem Kopf ist es still geworden. Kein Hämmern, kein Zermartern meiner grauen Zellen wegen meiner Herkunft und Tätigkeiten. Hungrig mache ich mich über die frischen Brötchen her. Es ist kaum zu glauben, was für ein tolles Lebensgefühl es ist, wenn man weiß, wer man ist. Ich könnte Bäume ausreißen, so energiegeladen bin ich.
Da stürmt auch schon die Schwester von gestern herein, die mich mit der Infusion beglückt hat. Einen Rollstuhl vor sich herschiebend, mit einem strengen Blick im Gesicht. Geistesgegenwärtig ziehe ich meine Beine an. Die Funktionalität meiner Füße ist mir wichtig. Sie hält erst an, als sie den Widerstand meiner Knie an dem Geschoß spürt. Gekonnt stellt sie die Lehne in Sitzposition.
„Hineinsetzen“, ist das kurze Kommando, dann zurrt sie die Bremsen fest.
„Nein.“ Dieser Dame hat wohl noch nie jemand Paroli geboten.
Sie stemmt ihre Hände in die Hüften. „Wie, nein?“
„Nein, ich gehe. Ich habe keine Beschwerden in den Beinen.“
„Da hinein, aber schnell, ich wiederhole mich nicht gerne.“
„Ich wiederhole mich auch nicht gerne.“
„Sie wurden vorgestern bewusstlos eingeliefert, Sie setzen sich da hinein. Sie haben einen Termin bei Dr. Konsik.“
„Vorgestern war vorgestern, heute ist heute. Dann wollen wir einmal.“ Geschickt zwänge ich mich an der Koryphäe an Autorität vorbei und laufe auf den Flur.
„Ich muss zu Dr. Konsik.“
„Am Ende des Ganges“, ruft jemand freundlich.
Ich sprinte los.
Gleichzeitig kommen wir vor dem Behandlungszimmer an. Die Schwester mit dem Rollstuhl, ich ohne Behelf. Das Gerangel vor der Tür gewinnt sie. Null zu eins. Klarer Fall von Heimvorteil. Das Zepter nun nicht mehr aus der Hand gebend, saust sie auf den Arzt zu. Dieser erkennt den Ernst der Lage oder vielleicht auch nur die Gefahr, die von dem auf ihn zurasenden Rollstuhl ausgeht und verschanzt sich geistesgegenwärtig hinter seinem Schreibtisch.
„Diese da“, räuspert sich die Krankenschwester. „Diese Patientin wollte sich partout nicht in den Rollstuhl setzen, obwohl sie gestern bewusstlos eingeliefert wurde. Ihr fehlt es an jeglicher Kooperation.“
„Aber Schwester Gundula, beruhigen Sie sich doch. Es ist doch ein gutes Zeichen, wenn sie den Weg zu mir ohne fremde Hilfe schafft.“
Sehr sympathisch und kompetent, ich bin erleichtert.
„Setzen Sie sich“, sagt er und deutet auf den Sessel, ohne mich anzusehen. Er stellt sich nicht vor, er reicht mir auch nicht die Hand. Zu viel an Vertraulichkeit ist wahrscheinlich in dieser Berufssparte zu vermeiden. Es ist nicht von Belang, wie der Patient heißt. Vermutlich wird man nur mehr als Krankheit wahrgenommen. Ich bin der Unfall mit den Kopfschmerzen und der anfänglichen Bewusstlosigkeit. Deswegen sollte sein Name auch für mich ohne Belang sein. Er ist Arzt, das genügt. Er stellt die Diagnose und ist für die Anordnung der Behandlung zuständig. Das allein ist entscheidend. So in der Art kann ich mir Ihren Alltag vorstellen. Das sind natürlich nur Vermutungen. Das würde ich gegenüber einem Arzt auch nie äußern oder deswegen eine Diskussion anfangen. In meinem Fall wäre das schon gar nicht sinnvoll. Ich möchte entlassen werden. Ich fühle mich heute schon recht gut. Verwunderlich ist nur, dass er mir die Hand nicht gegeben hat. Ein Händedruck ist doch aufschlussreich, zumindest habe ich das einmal gelesen. Hat die Schwester nicht gesagt, er wäre Psychologe? Für ihn könnte so ein Händedruck informativ sein. Jemand, der sich ganz verschüchtert gibt und einen starken Händedruck hat, könnte doch ein Simulant sein? Nein, wie gesagt, davon verstehe ich nichts. Die Mutmaßungen sind umsonst. Ich setze mich. Da fällt mir wieder ein, dass er nicht der Psychologe ist, das wäre der Arzt gewesen, bei dem ich um neun Uhr einen Termin gehabt hätte.
Schwester Gundula verlässt pikiert den Raum. Sie scheint weder von dem Arzt noch von mir viel zu halten.
„Wohl umsonst, die teure Anschaffung“, pfaucht sie. Damit ist wohl der Rollstuhl gemeint, an dem sie jetzt auch keine Freude mehr hat. Sie stößt ihn regelrecht zur Tür hinaus. So teuer kann er auch nicht gewesen sein. Unter teuer verstehe ich etwas anderes. Ein Computertomograph zum Beispiel ist eine teure Anschaffung. Egal. Interessiert verfolge ich das Blättern in meiner Krankenakte. Unglaublich, wie viel sich in der kurzen Zeit angesammelt hat. Röntgenbilder und Dokumentationen, daraus könnte man ein ganzes Skript erstellen. Wer um Gottes willen hat das alles niedergeschrieben in nur zwei Tagen? Das ist die gefürchtete Bürokratie, von der alle sprechen. Die nimmt mehr Zeit in Anspruch als die tatsächliche Arbeit. Jetzt verstehe ich das Unverständnis von Schwester Gundula bezüglich meiner Verweigerung ihrer Anweisung. Das gibt sicher zusätzliche Notizen in meiner Krankenakte. Noch mehr Schreibereien für nichts und wieder nichts.
Dr. Konsik gibt sich ganz dem Geschriebenen hin. Er blättert angeregt vor und zurück. Seine Stirn legt sich mehr und mehr in Falten. Das beunruhigt mich. Was steht denn da drin? Zu welcher Diagnose ist man gekommen? Von einer einzigen Diagnose kann unmöglich die Rede sein. Nach dem Ausmaß der Aufzeichnungen muss es sich um mehrere Diagnosen handeln. Hier geht es um mich. Seine gefurchte Stirn bedeutet nichts Gutes. Zögert er deswegen so lange, mit mir zu sprechen, weil die Diagnosen so schrecklich sind? Man hört immer wieder, dass Leute wegen einer Lappalie in die Klinik gehen und bei Routineuntersuchungen unheilbare Krankheiten zutage kommen. Die Ärzte, sie sind ja keine Unmenschen, wissen dann oft nicht, wie sie die furchtbaren Diagnosen den Patienten beibringen sollen. Meine Lider flattern, meine Sehkraft lässt nach. Die Falten, nein das ganze Erscheinungsbild des gutaussehenden Dr. Konsik verschwimmt vor meinen Augen.
„Zu welchen Diagnosen sind sie gekommen?“, wage ich endlich zu fragen. Meine Stimme versagt vollends den Dienst. Die Kopfschmerzen kehren zurück.
„Diagnosen? Wieso sprechen Sie in der Mehrzahl. Von Diagnosen kann keine Rede sein, nicht einmal von einer Diagnose. Dafür ist es noch zu früh. Es müssen noch viele Untersuchungen durchgeführt werden, ganz besonders in Ihrem Fall. Eine Diagnose passiert auf Fakten, davon sind wir noch meilenweit entfernt. Ich orientiere mich fürs Erste an Ihrem Verhalten gestern bei Ihrer Einweisung.“
Keine Diagnosen, meine Sehkraft kehrt zurück. Gott sei Dank!
Von welchen Untersuchungen spricht er? Nein, das möchte ich nicht wissen. Dem muss ich schleunigst entgegenwirken. In den Unterlagen hat man sicher auf Amnesie hingewiesen. Bevor dieses Hirngespinst weiterverfolgt wird, muss ich handeln.
„Ich möchte entlassen werden. Mir geht es wieder gut, bis auf die Kopfschmerzen, und die sind schon erträglich.“
„Jetzt aber mal halblang. Von Entlassung ist noch lange keine Rede. Hier muss noch mehr abgeklärt werden.“
„Was muss noch abgeklärt werden? Gestern stand ich unter Schock. Ich konnte mich an nichts erinnern. Heute sieht das anders aus. Ich kann mich an alles erinnern. Ich bin Schauspielerin und Mitglied im hiesigen Ensemble des Theaters. Sie müssten mich doch kennen. Gehen Sie nie ins Theater?“
„Selten.“ Er nimmt mich nun bewusst wahr. Neugierig schaut er mich an.
Er geht doch ins Theater. Jetzt versucht er, sich an mich zu erinnern. Seinem Blick zufolge gelingt es ihm nicht. Ja, so kann es gehen Herr Doktor. Aber deswegen leiden Sie nicht an Amnesie und es äußert auch niemand diesen Verdacht. Mit solchen Vermutungen sollte man vorsichtig umgehen. Man erschreckt damit Leute, insbesondere Patienten, die gerade einen Unfall hatten.
…

