Québec’s P.I. Ein Fall für Kaleya Burke und Lance Holst
Ein neuer Anfang
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 162
ISBN: 978-3-7116-1624-1
Erscheinungsdatum: 03.06.2026
Der Mord an einer jungen Frau versetzt die Stadt Québec in Entsetzen. Die Privatdetektivin Kaleya Burke macht es sich zur Aufgabe, den Täter zu schnappen. Dabei stößt sie auf Spuren, welche ein dunkles Geheimnis ans Licht bringen.
Kaleya
Es war ein sonniger, angenehm warmer Tag in der Provinz Québec, Kanada. Das dumpfe Klackern meiner schwarzen Doc Martens war deutlich zu hören, als ich mit meinem vollgepackten Koffer und einem eher mürrischen Gesichtsausdruck, wie ich beim Vorbeigehen eines Schaufensters feststellte, durch die Straßen lief. Dabei warf ich immer wieder einen Blick zu den verschiedenen Häusern, die aneinandergereiht die andere Seite des Bordsteins schmückten.
„Sag mal, wollen die mich verarschen!“, murmelte ich und fummelte genervt an meinem Handy herum. Auf dem Bildschirm war ein Pfeil abgebildet, der meine Position markieren sollte, und so wie es aussah, war ich schon wieder falsch abgebogen! Mist! Auf Google Maps war wirklich kein Verlass! Ich suchte nun schon seit fast einer halben Stunde nach dieser verdammten Archer Street. In diesem Moment bereute ich es, dass ich mit dem Zug gekommen bin und mich nicht von Trevor, unserem Chauffeur, habe fahren lassen. Andererseits war das der erste Schritt, um endlich von zu Hause loszukommen und meinen eigenen Weg zu gehen. Mich von Trevor fahren zu lassen, würde meiner Mutter doch nur zeigen, dass ich keine Eigenverantwortung habe und auf Hudsons und ihr Geld angewiesen wäre. Doch das war auf keinen Fall so. Genervt stöhnte ich auf und wollte mein Handy am liebsten auf dem Boden scheppern, als sich der blaue Pfeil nun wieder in die andere Richtung wendete. Außerdem war ich im Moment ganz schön sauer auf Sonya, obwohl sie mir vor einigen Tagen bereits sagte, dass sie heute arbeiten muss und mir leider mein neues Zuhause nicht zeigen könnte. Ich weiß, ich hatte kein Recht darauf, und eigentlich war meine Wut auch völlig unbegründet, aber wenn ich eins hasse, dann ist es, wenn ich unkoordiniert bin und keine Ahnung habe, wo ich lang muss.
Aber ich kenne Sonya, wir waren Brieffreundinnen seit der dritten Klasse. Sie war schon damals so herzlich und optimistisch, sie würde niemals irgendjemandem absichtlich etwas zuleide tun, eher im Gegenteil. Sie mochte es, die Leute zum Lachen zu bringen und mit ihrer überschwänglichen, fröhlichen Art Positivität und Liebe zu verbreiten. Ja, Leute, ihr habt recht, das klingt superkitschig. Verdammt widerliches Süßholzgeraspel, was eigentlich überhaupt nicht meine Art ist. Nun, da diese Worte meinen Mund verlassen haben, spüre ich bereits, wie mein Würgereflex einsetzt. Meine Beschreibung könnte der der Liebesgöttin Aphrodite höchstpersönlich entsprechen, aber es stimmt nun mal. Sonya war einer der liebsten Menschen, die ich je in meinem Leben kennengelernt habe. Seufzend steckte ich mein iPhone weg und fuhr mir mit einer Hand durch mein wirres, rotbraunes Haar, das mir in leichten Wellen über die Schultern fiel.
In diesem Moment bemerkte ich eine alte Dame, die einen grauen Strickschal trug und sich in eine warme Wolljacke eingewickelt hatte. Nach kurzem Zögern ging ich auf sie zu, vielleicht konnte sie mir ja helfen.
„Ähm, Miss? Sorry, Miss?“ Verwundert blickte sie auf. „Meinst du mich, mein Kind?“ „Ja, hi. Können Sie mir sagen, ob das hier die Archer Street ist?“ „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber das hier ist die Père Robert Street. Die Archer Street befindet sich auf der entgegengesetzten Seite.“ Die Grauhaarige zeigte in die Richtung, aus der ich gerade gekommen bin. Na super.
„Könnten Sie mir bitte sagen, wo ich lang muss? Das wäre wirklich nett von Ihnen.“ Bittend sah ich in das faltige Gesicht der Alten. „Aber gerne doch. Du gehst nur die Straße geradeaus, dann biegst du bei der zweiten Kreuzung rechts ab und läufst bis zur nächsten Ampel. Dort biegst du links ab und voilà! Schon befindest du dich in der Archer Street.“ Ich starrte sie nur überfordert an. Das ging mir jetzt einen Ticken zu schnell, zudem glich mein Orientierungssinn dem einer Schildkröte, was ihr wahrscheinlich alle schon bemerkt habt. Obwohl ich mir sicher war, dass die Anweisungen der Frau mich nicht zu meinem Ziel führen würden, weigerte ich mich, sie noch weiter mit Fragen zu durchlöchern. Ich wollte auf keinen Fall unbeholfen wirken. Außerdem werde ich das schon irgendwie allein schaffen, tue ich immer.
„Okay … Dankeschön.“ Unsicher sah ich auf mein Handy. „Ich glaube, ich komme schon klar.“ Bevor ich mich verduften konnte, spürte ich, wie mich die alte Frau am Jackenärmel fasste und mich mit einem Schmunzeln in die richtige Richtung zog. Meine Wangen glühten wie heiße Kohlen, und ich lief rosarot an. Gott, war das peinlich. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken, als die Grauhaarige vor mir einen kurzen Blick auf mein Smartphone und dann zurück in mein Gesicht warf.
„Die Jugend und ihre Technologie. Da führe ich dich lieber selbst dorthin, bevor du dich hier noch irgendwo verläufst, Kindchen.“
Am Ziel angekommen, bedankte ich mich bei meiner äußerst hilfsbereiten „Reiseführerin“ und steuerte zielstrebig auf eines der Häuser zu. Zum Glück scheint sie nicht meine Nachbarin zu sein, sonst wäre das teilweise unangenehm geworden. Als ich die Stufen zur kleinen Veranda hinaufstieg, sah ich direkt neben dem Eingang die vergoldete Nummer siebenundsiebzig. Vor der Tür angekommen, warf ich einen Blick auf das Namensschild. „Andrea & Eliot McEbert, Bingo!“
Ich kramte in meinem Rucksack nach dem Schlüssel, den Sonya von ihrer Freundin Andrea erhalten hatte. Ich öffnete die Tür und stand augenblicklich in einem schmalen Flur. Ein paar Meter weiter vorne führte eine Treppe links in die nächste Etage hoch. Als ich weiter in die Wohnung lief, sah ich geradeaus einen langen Gang. Links und rechts davon waren vier geschlossene Türen. Gespannt, wie ich war, konnte ich gar nicht schnell genug einen Blick in jeden Raum werfen. Auf der rechten Seite befanden sich zwei leere Zimmer. In dem einen stand bloß ein hölzernes Bettgestell, und in dem anderen eine in pastellgelb gestrichene Babywiege. Das mussten dann wohl das Schlaf- und Kinderzimmer sein. Ich wusste gar nicht, dass Andrea ein Baby hatte. Auf der linken Seite befanden sich ein großräumiges Badezimmer und ein weitgehend leerstehendes Zimmer, in dem nur einige alte Kartonschachteln vor sich hingammelten. Ich folgte dem Gang, der gerade eine leichte Biegung machte, und sah am Ende des Flures ein kleines Fenster. Zu seinen beiden Seiten befanden sich noch zwei letzte Türen. Ich warf hinter beide einen Blick. Eins von beiden Zimmer war klein, eng und wirkte wie eine Art Besenkammer. Das andere schien jedoch einst ein Büro gewesen zu sein. Auf dem alten Schreibtisch am Fenster lagen ein verstaubter Computermonitor und daneben ein Drucker, dessen Kabel defekt auf dem Boden lag. Mit ein paar Änderungen würde dieses Zimmer im Handumdrehen zu meinem eigenen Detektivbüro werden. Ich verließ den Raum und beeilte mich, in den offenen Wohnbereich zu kommen. Dabei streifte mein Blick kurz die Treppe, doch ich entschied mich dafür, ihr später zu folgen. Das Wohnzimmer war ein großer, hell beleuchteter Raum mit vielen breiten Fenstern. Anschließend konnte man, sobald man rechts abbog, in die etwas kleinere Küche gelangen. Nachdem ich den unteren Bereich des Hauses genauer inspiziert hatte, lief ich schnellen Schrittes die mysteriös wirkenden Treppen rauf. Dabei nahm ich immer zwei Stufen gleichzeitig. Ich wollte schon immer mal ein kleines Zimmer im Dachgeschoss. Oben angekommen, blieb ich vor einer Tür stehen und drückte erwartungsvoll die Klinke runter. Doch sie bewegte sich keinen Millimeter. Vielleicht war sie ja verrostet? Ich rüttelte an der Türklinke und lehnte mich mit meinem ganzen Gewicht dagegen, doch sie blieb weiterhin verschlossen. Bevor ich diese bescheuerte Tür am Schluss noch eintreten und mich mit dem Vermieter in die Haare kriegen würde, wich ich einen Schritt zurück und hielt nach einem Schlüssel Ausschau. Doch ich wurde nicht fündig. Kein Wunder, denn hier oben gab es absolut gar nichts bis auf diesen Eingang vor mir. Entschlossen legte ich mich flach auf den Boden und leuchtete mit meiner Handytaschenlampe unter den schmalen Türspalt, doch das Einzige, was ich erkennen konnte, waren einige Staubflusen, die bereits unter der Tür hervorkrochen.
„Mist!“, murmelte ich leise, während ich aufstand und mir den Staub von der Hose klopfte. Ich beschloss, wieder die Treppe runterzugehen und gleich Sonya anzurufen. Während mein Handy vor sich hin bimmelte, setzte ich mich auf einen kleinen Plastikhocker neben dem Kamin und wartete darauf, dass sie abnahm.
„Hey Soso, ich bin’s“, begrüßte ich sie sogleich mit ihrem Spitznamen. „Oh hey Girl! Und? Wie sieht’s aus? Hast du das Haus gefunden?“, erklang augenblicklich die Stimme meiner Brieffreundin. „Nachdem ich die Straßen von Québec etwa zehnmal hinauf und danach wieder hinunter gewandert bin, ja!“, gab ich etwas angepisst zurück. „Ach Mensch, Kali, nimm es mir doch bitte nicht übel, aber ich hatte heute einfach keine Zeit, dich zu begleiten. Auf der Wache ist gerade so viel los, und mein Vorgesetzter ist sowieso schon sauer auf mich, weil ich heute verschlafen habe.“
„Da ist dein Vorgesetzter nicht der Einzige, der sauer ist!“, entfuhr es mir etwas zu schroff, und ich versuchte, meinen Ton so schnell wie möglich zu mäßigen. Ich musste mein Temperament definitiv in den Griff kriegen, was mir zurzeit etwas schwerfiel, da ich schon lange nicht mehr beim Kickboxen war. Kein Wunder, dass ich in letzter Zeit bei jeder Kleinigkeit ausflippte. Ich muss zugeben, ich gehe ziemlich schnell in die Luft, wenn mir etwas nicht in den Kram passt. Doch solange ich mich auspowern kann, bin ich danach keine tickende Zeitbombe mehr. Dankt nicht mir, sondern meiner Mutter und meinem Stiefvater Hudson, die mich in diesen Verein für Kampfsport gesteckt haben, damit ich lerne, meine Wut zu zügeln. Zu Beginn war ich nur wenig begeistert davon, doch mit der Zeit machte mir das Ganze sogar wirklich Spaß. Ich fühlte mich danach so befreit und gleichzeitig irgendwie klar im Kopf, als wären all die Sorgen für einen Moment vergessen.
Für Mom und Hudson zahlte es sich ebenfalls aus. Meistens war ich abends so erschöpft vom Training, dass ich mich gar nicht erst mit ihnen auseinandersetzen mochte und unangenehmen Situationen mit wenigen Worten einfach aus dem Weg ging.
„Ich musste mich von einer alten Oma auf der Straße zum Haus begleiten lassen! Weißt du eigentlich, wie peinlich das für mich war?“, sagte ich nun schon sehr viel ruhiger, aber immer noch mit dem gleichen, angepissten Unterton in meiner Stimme. Aus dem Handylautsprecher war ein leises, unterdrücktes Kichern zu hören, das immer lauter wurde. Ich brauchte Sonya nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie gerade gekrümmt auf ihrem Stuhl saß und sich die Hand vor den Mund hielt, damit nicht das ganze Polizeirevier ihr Gelächter hörte.
„Bitte was?“, brachte sie hervor, offenbar bemüht, jetzt nicht komplett die Kontrolle zu verlieren. Genervt runzelte ich die Stirn: „Findest du das etwa witzig?“ „Oh glaub mir, ich amüsiere mich gerade köstlich bei dem Gedanken, dass du Sturkopf jemanden um Hilfe bittest! Das halbe Büro schaut mich schon so komisch an.“ „Gut so!“, gab ich beleidigt zurück.
„Ach komm, so schlimm wird’s schon nicht gewesen sein. Es ist ja keine Schande, um Hilfe zu fragen. Sag mir lieber, wie dir das Haus gefällt“, gab die Blonde nun deutlich gefasster von sich. „Ich find’s klasse, es ist groß und bietet so viel Platz. Andrea schien es echt gut zu haben, da frage ich mich ernsthaft, wieso sie ausgezogen ist.“
„Andrea mochte dieses Haus, keine Frage, es ist ja wirklich toll. Doch seit Eliots Firma nach Frankreich gezogen ist, war es schwierig für ihn, von Kanada aus zu arbeiten. Also leben sie jetzt in Verdun.“ „Was ist mit Eliots Frau? Ich meine, Andrea musste ja sicher ihren Job kündigen.“
„Keine Sorge, im Moment befindet sie sich sowieso noch im Mutterschaftsurlaub, währenddessen hat sie etwas Zeit, sich auf dem Jobmarkt in Frankreich umzusehen. Notfalls hat sie eine weit entfernte Verwandte in der Nähe von Verdun, die ihr einen Job in ihrem Schneiderladen anbieten könnte.“
„Wo wir doch gerade von meinen Vormietern sprechen, ein paar Sachen haben sie noch hiergelassen. Ich gehe mal davon aus, dass sie nicht mehr benötigt werden?“
„Ja, die Sachen können weg. Insbesondere diese abscheuliche Babywiege. Ich kann dieses Teil nicht ausstehen! Das Ding quietscht bei der kleinsten Bewegung wie ’ne verrostete Tür. Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie der kleine Ben bei solch einem Lärm einschlafen konnte.“
„Alles klar. Hey, bevor du weiterarbeitest, im oberen Stockwerk gibt es eine Tür, die sich nicht öffnen lässt. Hast du eine Ahnung, wo deine Freundin den Schlüssel hingelegt hat?“ „Nein. Ich habe keinen Schimmer, wieso, aber Andrea hatte niemals einen Schlüssel dafür.
Was eigentlich seltsam ist, ich meine, wer verkauft ein Haus, zu dem man nicht überall Zutritt hat?“ „Ich werde mal mit dem Vermieter sprechen. Ansonsten nehme ich das Haus, es ist perfekt.“ „Supi! Ich bin mir sicher, der Vermieter wird sich schon bald bei dir melden, wenn er wieder zurück ist. Du kannst so lange bei mir wohnen. Wir können uns ja schon einmal überlegen, wie die Inneneinrichtung aussehen soll“, hörte ich Sonyas heitere Stimme. „Ich denke, das wird nicht nötig sein.“ „Wieso?“ „Mom hat beschlossen, sich um die neue Einrichtung der Wohnung zu kümmern, damit alles ‚ordentlich‘ und ‚vorzeigbar‘ aussieht. Sie hat Hudson sogar überredet, einige Leute vorbeizuschicken, die sich um das Ganze kümmern“, sagte ich und bremste somit die Vorfreude meiner Brieffreundin. „Was? Aber ich dachte, wir wollten das Haus zusammen einrichten!“, antwortete diese enttäuscht.
„Tja, das dachte ich auch, und ich habe es ihr vor meiner Abreise bestimmt schon oft genug gesagt, dass ich das selbst machen will und sie sich nicht überall einmischen soll, was sie ja für gewöhnlich selten macht.“ Und das war wirklich seltsam, denn Mom interessierte sich sonst in den meisten Fällen nicht wirklich dafür, was genau in meinem Leben abgeht. „Stimmt, seit du von zu Hause wegziehen willst, ist deine Mom ja auf einmal ganz fürsorglich geworden.“
„Ja, sie schenkte mir neulich schon fast mehr Aufmerksamkeit als Leo“, witzelte ich, obwohl das eigentlich schon fast der Wahrheit entsprach. Egal in welcher Situation, egal an welchem Ort, welchem Tag, welcher Zeit, Leonell Wolfskin wurde immer bevorzugt. Seitdem er auf der Welt ist, dreht sich alles nur noch um ihn. Ich hatte vorher noch nie Geschwister, und als ich damals erfuhr, dass meine Mutter schwanger war, habe ich mich so darauf gefreut, endlich eine große Schwester zu werden. Tja, die Freude hielt nicht besonders lange. Man könnte sagen, mein Halbbruder und ich pflegten eine sogenannte Hassliebes-Beziehung zueinander. Tief in meinem Inneren mochte ich ihn … irgendwie. Ich meine, er ist ja schließlich immer noch mein Bruder. Doch der größte Teil von mir, was 95 % entsprach, hielt ihn für einen verwöhnten, kleinen Idioten.
„Am Schluss dreht sie dir noch die Hälfte eures Dienstpersonals an. Von der Gärtnerin bis zum Chauffeur“, riss mich Sonyas belustigte Stimme aus meinen Gedanken.
„Um ehrlich zu sein, würde mich das kaum wundern“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Ich sollte jetzt besser Schluss machen, meine Schicht endet in knapp zwei Stunden. Du kannst so lange bei mir bleiben, die Adresse hast du ja. Den Ersatzschlüssel hab ich dir unter die Fußmatte gelegt.
Mach’s dir bequem, fühl dich wie zu Hause, im Kühlschrank hat es genug …“
„Wow, Soso, komm mal wieder runter, ich komm schon klar, keine Sorge.“
„Okay, okay, tut mir leid, aber ich kann es immer noch nicht glauben, dass wir uns nach so langer Zeit endlich wiedersehen.“ „Stimmt, das letzte Mal, als wir uns Face to Face gesehen haben, war vor ungefähr fünfzehn Jahren.“ „Wahnsinn, wie klein wir damals waren. Oh Mist! Mein Chef kommt, ich muss auflegen. Bis später, HDGDL!“
Kopfschüttelnd packte ich mein Handy weg. Die aufgeweckte Art meiner einstigen Brieffreundin brachte mich immer wieder zum Schmunzeln. Sie hatte verschlafen, war auf der Arbeit, musste sich eine Standpauke ihres Vorgesetzten anhören, wurde von mir angezickt und hatte trotz allem so eine gute Laune wie jemand, der gerade einen All-Inclusive-Urlaub auf den Malediven gebucht hatte. Von ihrem Optimismus könnte ich mir echt eine Scheibe abschneiden. Das würde mir bestimmt auch guttun. Ich blickte mich noch einmal um, schulterte meinen Rucksack und nahm meinen Koffer. Vor dem Hauseingang warf ich noch einen letzten Blick zur Treppe. Ich würde schon noch herausfinden, was es mit dieser Tür auf sich hatte.
Kaleya
Während ich im Taxi saß und zu Sonyas Wohnung fuhr, nutzte ich die Gelegenheit, um, wie versprochen, Mom anzurufen.
„Rebecca Wolfskin, Kaleya, bist du’s?“, erklang ihre Stimme auch sogleich durch den Handylautsprecher. Vermutlich war sie gerade auf der Arbeit.
„Herzlichen Glückwunsch, Mrs. Wolfskin, Sie haben einen neuen Staubsauger der Marke Québec’s Electronics gewonnen. Das Lieferdatum ist der 10. September …“
„Du brauchst mich gar nicht veräppeln zu wollen, Kaleya, ich weiß, dass du es bist. Ich habe keine Zeit für solche Späße“, unterbrach meine Mutter mich augenblicklich.
Ich verdrehte die Augen. Natürlich hat sie das. Sie arbeitet ja auch nur einmal in der Woche, seitdem sie einen reichen Sportwagenhändler geheiratet hat, und verbringt die restliche Zeit damit, meinem Bruder hinterherzurennen und ihm den Hintern abzuwischen, als wäre er noch ein Kleinkind. „Oh, das tut mir schrecklich leid, dass ich deine Zeit verschwende. Es gibt natürlich viel wichtigere Sachen als das Wohlbefinden deiner einzigen Tochter“, sagte ich mit einem sarkastischen Unterton in der Stimme. Ich hörte, wie meine Mutter am anderen Ende der Leitung seufzte.
„So war das doch nicht gemeint, Schatz. Ich war nur …“ „Ich habe mich für das Haus entschieden, Ma“, fiel ich ihr augenblicklich ins Wort, da ich lediglich keine Lust hatte, mir wieder eine ‚Entschuldigung‘, oder besser gesagt Rechtfertigung, anzuhören.
…
Es war ein sonniger, angenehm warmer Tag in der Provinz Québec, Kanada. Das dumpfe Klackern meiner schwarzen Doc Martens war deutlich zu hören, als ich mit meinem vollgepackten Koffer und einem eher mürrischen Gesichtsausdruck, wie ich beim Vorbeigehen eines Schaufensters feststellte, durch die Straßen lief. Dabei warf ich immer wieder einen Blick zu den verschiedenen Häusern, die aneinandergereiht die andere Seite des Bordsteins schmückten.
„Sag mal, wollen die mich verarschen!“, murmelte ich und fummelte genervt an meinem Handy herum. Auf dem Bildschirm war ein Pfeil abgebildet, der meine Position markieren sollte, und so wie es aussah, war ich schon wieder falsch abgebogen! Mist! Auf Google Maps war wirklich kein Verlass! Ich suchte nun schon seit fast einer halben Stunde nach dieser verdammten Archer Street. In diesem Moment bereute ich es, dass ich mit dem Zug gekommen bin und mich nicht von Trevor, unserem Chauffeur, habe fahren lassen. Andererseits war das der erste Schritt, um endlich von zu Hause loszukommen und meinen eigenen Weg zu gehen. Mich von Trevor fahren zu lassen, würde meiner Mutter doch nur zeigen, dass ich keine Eigenverantwortung habe und auf Hudsons und ihr Geld angewiesen wäre. Doch das war auf keinen Fall so. Genervt stöhnte ich auf und wollte mein Handy am liebsten auf dem Boden scheppern, als sich der blaue Pfeil nun wieder in die andere Richtung wendete. Außerdem war ich im Moment ganz schön sauer auf Sonya, obwohl sie mir vor einigen Tagen bereits sagte, dass sie heute arbeiten muss und mir leider mein neues Zuhause nicht zeigen könnte. Ich weiß, ich hatte kein Recht darauf, und eigentlich war meine Wut auch völlig unbegründet, aber wenn ich eins hasse, dann ist es, wenn ich unkoordiniert bin und keine Ahnung habe, wo ich lang muss.
Aber ich kenne Sonya, wir waren Brieffreundinnen seit der dritten Klasse. Sie war schon damals so herzlich und optimistisch, sie würde niemals irgendjemandem absichtlich etwas zuleide tun, eher im Gegenteil. Sie mochte es, die Leute zum Lachen zu bringen und mit ihrer überschwänglichen, fröhlichen Art Positivität und Liebe zu verbreiten. Ja, Leute, ihr habt recht, das klingt superkitschig. Verdammt widerliches Süßholzgeraspel, was eigentlich überhaupt nicht meine Art ist. Nun, da diese Worte meinen Mund verlassen haben, spüre ich bereits, wie mein Würgereflex einsetzt. Meine Beschreibung könnte der der Liebesgöttin Aphrodite höchstpersönlich entsprechen, aber es stimmt nun mal. Sonya war einer der liebsten Menschen, die ich je in meinem Leben kennengelernt habe. Seufzend steckte ich mein iPhone weg und fuhr mir mit einer Hand durch mein wirres, rotbraunes Haar, das mir in leichten Wellen über die Schultern fiel.
In diesem Moment bemerkte ich eine alte Dame, die einen grauen Strickschal trug und sich in eine warme Wolljacke eingewickelt hatte. Nach kurzem Zögern ging ich auf sie zu, vielleicht konnte sie mir ja helfen.
„Ähm, Miss? Sorry, Miss?“ Verwundert blickte sie auf. „Meinst du mich, mein Kind?“ „Ja, hi. Können Sie mir sagen, ob das hier die Archer Street ist?“ „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber das hier ist die Père Robert Street. Die Archer Street befindet sich auf der entgegengesetzten Seite.“ Die Grauhaarige zeigte in die Richtung, aus der ich gerade gekommen bin. Na super.
„Könnten Sie mir bitte sagen, wo ich lang muss? Das wäre wirklich nett von Ihnen.“ Bittend sah ich in das faltige Gesicht der Alten. „Aber gerne doch. Du gehst nur die Straße geradeaus, dann biegst du bei der zweiten Kreuzung rechts ab und läufst bis zur nächsten Ampel. Dort biegst du links ab und voilà! Schon befindest du dich in der Archer Street.“ Ich starrte sie nur überfordert an. Das ging mir jetzt einen Ticken zu schnell, zudem glich mein Orientierungssinn dem einer Schildkröte, was ihr wahrscheinlich alle schon bemerkt habt. Obwohl ich mir sicher war, dass die Anweisungen der Frau mich nicht zu meinem Ziel führen würden, weigerte ich mich, sie noch weiter mit Fragen zu durchlöchern. Ich wollte auf keinen Fall unbeholfen wirken. Außerdem werde ich das schon irgendwie allein schaffen, tue ich immer.
„Okay … Dankeschön.“ Unsicher sah ich auf mein Handy. „Ich glaube, ich komme schon klar.“ Bevor ich mich verduften konnte, spürte ich, wie mich die alte Frau am Jackenärmel fasste und mich mit einem Schmunzeln in die richtige Richtung zog. Meine Wangen glühten wie heiße Kohlen, und ich lief rosarot an. Gott, war das peinlich. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken, als die Grauhaarige vor mir einen kurzen Blick auf mein Smartphone und dann zurück in mein Gesicht warf.
„Die Jugend und ihre Technologie. Da führe ich dich lieber selbst dorthin, bevor du dich hier noch irgendwo verläufst, Kindchen.“
Am Ziel angekommen, bedankte ich mich bei meiner äußerst hilfsbereiten „Reiseführerin“ und steuerte zielstrebig auf eines der Häuser zu. Zum Glück scheint sie nicht meine Nachbarin zu sein, sonst wäre das teilweise unangenehm geworden. Als ich die Stufen zur kleinen Veranda hinaufstieg, sah ich direkt neben dem Eingang die vergoldete Nummer siebenundsiebzig. Vor der Tür angekommen, warf ich einen Blick auf das Namensschild. „Andrea & Eliot McEbert, Bingo!“
Ich kramte in meinem Rucksack nach dem Schlüssel, den Sonya von ihrer Freundin Andrea erhalten hatte. Ich öffnete die Tür und stand augenblicklich in einem schmalen Flur. Ein paar Meter weiter vorne führte eine Treppe links in die nächste Etage hoch. Als ich weiter in die Wohnung lief, sah ich geradeaus einen langen Gang. Links und rechts davon waren vier geschlossene Türen. Gespannt, wie ich war, konnte ich gar nicht schnell genug einen Blick in jeden Raum werfen. Auf der rechten Seite befanden sich zwei leere Zimmer. In dem einen stand bloß ein hölzernes Bettgestell, und in dem anderen eine in pastellgelb gestrichene Babywiege. Das mussten dann wohl das Schlaf- und Kinderzimmer sein. Ich wusste gar nicht, dass Andrea ein Baby hatte. Auf der linken Seite befanden sich ein großräumiges Badezimmer und ein weitgehend leerstehendes Zimmer, in dem nur einige alte Kartonschachteln vor sich hingammelten. Ich folgte dem Gang, der gerade eine leichte Biegung machte, und sah am Ende des Flures ein kleines Fenster. Zu seinen beiden Seiten befanden sich noch zwei letzte Türen. Ich warf hinter beide einen Blick. Eins von beiden Zimmer war klein, eng und wirkte wie eine Art Besenkammer. Das andere schien jedoch einst ein Büro gewesen zu sein. Auf dem alten Schreibtisch am Fenster lagen ein verstaubter Computermonitor und daneben ein Drucker, dessen Kabel defekt auf dem Boden lag. Mit ein paar Änderungen würde dieses Zimmer im Handumdrehen zu meinem eigenen Detektivbüro werden. Ich verließ den Raum und beeilte mich, in den offenen Wohnbereich zu kommen. Dabei streifte mein Blick kurz die Treppe, doch ich entschied mich dafür, ihr später zu folgen. Das Wohnzimmer war ein großer, hell beleuchteter Raum mit vielen breiten Fenstern. Anschließend konnte man, sobald man rechts abbog, in die etwas kleinere Küche gelangen. Nachdem ich den unteren Bereich des Hauses genauer inspiziert hatte, lief ich schnellen Schrittes die mysteriös wirkenden Treppen rauf. Dabei nahm ich immer zwei Stufen gleichzeitig. Ich wollte schon immer mal ein kleines Zimmer im Dachgeschoss. Oben angekommen, blieb ich vor einer Tür stehen und drückte erwartungsvoll die Klinke runter. Doch sie bewegte sich keinen Millimeter. Vielleicht war sie ja verrostet? Ich rüttelte an der Türklinke und lehnte mich mit meinem ganzen Gewicht dagegen, doch sie blieb weiterhin verschlossen. Bevor ich diese bescheuerte Tür am Schluss noch eintreten und mich mit dem Vermieter in die Haare kriegen würde, wich ich einen Schritt zurück und hielt nach einem Schlüssel Ausschau. Doch ich wurde nicht fündig. Kein Wunder, denn hier oben gab es absolut gar nichts bis auf diesen Eingang vor mir. Entschlossen legte ich mich flach auf den Boden und leuchtete mit meiner Handytaschenlampe unter den schmalen Türspalt, doch das Einzige, was ich erkennen konnte, waren einige Staubflusen, die bereits unter der Tür hervorkrochen.
„Mist!“, murmelte ich leise, während ich aufstand und mir den Staub von der Hose klopfte. Ich beschloss, wieder die Treppe runterzugehen und gleich Sonya anzurufen. Während mein Handy vor sich hin bimmelte, setzte ich mich auf einen kleinen Plastikhocker neben dem Kamin und wartete darauf, dass sie abnahm.
„Hey Soso, ich bin’s“, begrüßte ich sie sogleich mit ihrem Spitznamen. „Oh hey Girl! Und? Wie sieht’s aus? Hast du das Haus gefunden?“, erklang augenblicklich die Stimme meiner Brieffreundin. „Nachdem ich die Straßen von Québec etwa zehnmal hinauf und danach wieder hinunter gewandert bin, ja!“, gab ich etwas angepisst zurück. „Ach Mensch, Kali, nimm es mir doch bitte nicht übel, aber ich hatte heute einfach keine Zeit, dich zu begleiten. Auf der Wache ist gerade so viel los, und mein Vorgesetzter ist sowieso schon sauer auf mich, weil ich heute verschlafen habe.“
„Da ist dein Vorgesetzter nicht der Einzige, der sauer ist!“, entfuhr es mir etwas zu schroff, und ich versuchte, meinen Ton so schnell wie möglich zu mäßigen. Ich musste mein Temperament definitiv in den Griff kriegen, was mir zurzeit etwas schwerfiel, da ich schon lange nicht mehr beim Kickboxen war. Kein Wunder, dass ich in letzter Zeit bei jeder Kleinigkeit ausflippte. Ich muss zugeben, ich gehe ziemlich schnell in die Luft, wenn mir etwas nicht in den Kram passt. Doch solange ich mich auspowern kann, bin ich danach keine tickende Zeitbombe mehr. Dankt nicht mir, sondern meiner Mutter und meinem Stiefvater Hudson, die mich in diesen Verein für Kampfsport gesteckt haben, damit ich lerne, meine Wut zu zügeln. Zu Beginn war ich nur wenig begeistert davon, doch mit der Zeit machte mir das Ganze sogar wirklich Spaß. Ich fühlte mich danach so befreit und gleichzeitig irgendwie klar im Kopf, als wären all die Sorgen für einen Moment vergessen.
Für Mom und Hudson zahlte es sich ebenfalls aus. Meistens war ich abends so erschöpft vom Training, dass ich mich gar nicht erst mit ihnen auseinandersetzen mochte und unangenehmen Situationen mit wenigen Worten einfach aus dem Weg ging.
„Ich musste mich von einer alten Oma auf der Straße zum Haus begleiten lassen! Weißt du eigentlich, wie peinlich das für mich war?“, sagte ich nun schon sehr viel ruhiger, aber immer noch mit dem gleichen, angepissten Unterton in meiner Stimme. Aus dem Handylautsprecher war ein leises, unterdrücktes Kichern zu hören, das immer lauter wurde. Ich brauchte Sonya nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie gerade gekrümmt auf ihrem Stuhl saß und sich die Hand vor den Mund hielt, damit nicht das ganze Polizeirevier ihr Gelächter hörte.
„Bitte was?“, brachte sie hervor, offenbar bemüht, jetzt nicht komplett die Kontrolle zu verlieren. Genervt runzelte ich die Stirn: „Findest du das etwa witzig?“ „Oh glaub mir, ich amüsiere mich gerade köstlich bei dem Gedanken, dass du Sturkopf jemanden um Hilfe bittest! Das halbe Büro schaut mich schon so komisch an.“ „Gut so!“, gab ich beleidigt zurück.
„Ach komm, so schlimm wird’s schon nicht gewesen sein. Es ist ja keine Schande, um Hilfe zu fragen. Sag mir lieber, wie dir das Haus gefällt“, gab die Blonde nun deutlich gefasster von sich. „Ich find’s klasse, es ist groß und bietet so viel Platz. Andrea schien es echt gut zu haben, da frage ich mich ernsthaft, wieso sie ausgezogen ist.“
„Andrea mochte dieses Haus, keine Frage, es ist ja wirklich toll. Doch seit Eliots Firma nach Frankreich gezogen ist, war es schwierig für ihn, von Kanada aus zu arbeiten. Also leben sie jetzt in Verdun.“ „Was ist mit Eliots Frau? Ich meine, Andrea musste ja sicher ihren Job kündigen.“
„Keine Sorge, im Moment befindet sie sich sowieso noch im Mutterschaftsurlaub, währenddessen hat sie etwas Zeit, sich auf dem Jobmarkt in Frankreich umzusehen. Notfalls hat sie eine weit entfernte Verwandte in der Nähe von Verdun, die ihr einen Job in ihrem Schneiderladen anbieten könnte.“
„Wo wir doch gerade von meinen Vormietern sprechen, ein paar Sachen haben sie noch hiergelassen. Ich gehe mal davon aus, dass sie nicht mehr benötigt werden?“
„Ja, die Sachen können weg. Insbesondere diese abscheuliche Babywiege. Ich kann dieses Teil nicht ausstehen! Das Ding quietscht bei der kleinsten Bewegung wie ’ne verrostete Tür. Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie der kleine Ben bei solch einem Lärm einschlafen konnte.“
„Alles klar. Hey, bevor du weiterarbeitest, im oberen Stockwerk gibt es eine Tür, die sich nicht öffnen lässt. Hast du eine Ahnung, wo deine Freundin den Schlüssel hingelegt hat?“ „Nein. Ich habe keinen Schimmer, wieso, aber Andrea hatte niemals einen Schlüssel dafür.
Was eigentlich seltsam ist, ich meine, wer verkauft ein Haus, zu dem man nicht überall Zutritt hat?“ „Ich werde mal mit dem Vermieter sprechen. Ansonsten nehme ich das Haus, es ist perfekt.“ „Supi! Ich bin mir sicher, der Vermieter wird sich schon bald bei dir melden, wenn er wieder zurück ist. Du kannst so lange bei mir wohnen. Wir können uns ja schon einmal überlegen, wie die Inneneinrichtung aussehen soll“, hörte ich Sonyas heitere Stimme. „Ich denke, das wird nicht nötig sein.“ „Wieso?“ „Mom hat beschlossen, sich um die neue Einrichtung der Wohnung zu kümmern, damit alles ‚ordentlich‘ und ‚vorzeigbar‘ aussieht. Sie hat Hudson sogar überredet, einige Leute vorbeizuschicken, die sich um das Ganze kümmern“, sagte ich und bremste somit die Vorfreude meiner Brieffreundin. „Was? Aber ich dachte, wir wollten das Haus zusammen einrichten!“, antwortete diese enttäuscht.
„Tja, das dachte ich auch, und ich habe es ihr vor meiner Abreise bestimmt schon oft genug gesagt, dass ich das selbst machen will und sie sich nicht überall einmischen soll, was sie ja für gewöhnlich selten macht.“ Und das war wirklich seltsam, denn Mom interessierte sich sonst in den meisten Fällen nicht wirklich dafür, was genau in meinem Leben abgeht. „Stimmt, seit du von zu Hause wegziehen willst, ist deine Mom ja auf einmal ganz fürsorglich geworden.“
„Ja, sie schenkte mir neulich schon fast mehr Aufmerksamkeit als Leo“, witzelte ich, obwohl das eigentlich schon fast der Wahrheit entsprach. Egal in welcher Situation, egal an welchem Ort, welchem Tag, welcher Zeit, Leonell Wolfskin wurde immer bevorzugt. Seitdem er auf der Welt ist, dreht sich alles nur noch um ihn. Ich hatte vorher noch nie Geschwister, und als ich damals erfuhr, dass meine Mutter schwanger war, habe ich mich so darauf gefreut, endlich eine große Schwester zu werden. Tja, die Freude hielt nicht besonders lange. Man könnte sagen, mein Halbbruder und ich pflegten eine sogenannte Hassliebes-Beziehung zueinander. Tief in meinem Inneren mochte ich ihn … irgendwie. Ich meine, er ist ja schließlich immer noch mein Bruder. Doch der größte Teil von mir, was 95 % entsprach, hielt ihn für einen verwöhnten, kleinen Idioten.
„Am Schluss dreht sie dir noch die Hälfte eures Dienstpersonals an. Von der Gärtnerin bis zum Chauffeur“, riss mich Sonyas belustigte Stimme aus meinen Gedanken.
„Um ehrlich zu sein, würde mich das kaum wundern“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Ich sollte jetzt besser Schluss machen, meine Schicht endet in knapp zwei Stunden. Du kannst so lange bei mir bleiben, die Adresse hast du ja. Den Ersatzschlüssel hab ich dir unter die Fußmatte gelegt.
Mach’s dir bequem, fühl dich wie zu Hause, im Kühlschrank hat es genug …“
„Wow, Soso, komm mal wieder runter, ich komm schon klar, keine Sorge.“
„Okay, okay, tut mir leid, aber ich kann es immer noch nicht glauben, dass wir uns nach so langer Zeit endlich wiedersehen.“ „Stimmt, das letzte Mal, als wir uns Face to Face gesehen haben, war vor ungefähr fünfzehn Jahren.“ „Wahnsinn, wie klein wir damals waren. Oh Mist! Mein Chef kommt, ich muss auflegen. Bis später, HDGDL!“
Kopfschüttelnd packte ich mein Handy weg. Die aufgeweckte Art meiner einstigen Brieffreundin brachte mich immer wieder zum Schmunzeln. Sie hatte verschlafen, war auf der Arbeit, musste sich eine Standpauke ihres Vorgesetzten anhören, wurde von mir angezickt und hatte trotz allem so eine gute Laune wie jemand, der gerade einen All-Inclusive-Urlaub auf den Malediven gebucht hatte. Von ihrem Optimismus könnte ich mir echt eine Scheibe abschneiden. Das würde mir bestimmt auch guttun. Ich blickte mich noch einmal um, schulterte meinen Rucksack und nahm meinen Koffer. Vor dem Hauseingang warf ich noch einen letzten Blick zur Treppe. Ich würde schon noch herausfinden, was es mit dieser Tür auf sich hatte.
Kaleya
Während ich im Taxi saß und zu Sonyas Wohnung fuhr, nutzte ich die Gelegenheit, um, wie versprochen, Mom anzurufen.
„Rebecca Wolfskin, Kaleya, bist du’s?“, erklang ihre Stimme auch sogleich durch den Handylautsprecher. Vermutlich war sie gerade auf der Arbeit.
„Herzlichen Glückwunsch, Mrs. Wolfskin, Sie haben einen neuen Staubsauger der Marke Québec’s Electronics gewonnen. Das Lieferdatum ist der 10. September …“
„Du brauchst mich gar nicht veräppeln zu wollen, Kaleya, ich weiß, dass du es bist. Ich habe keine Zeit für solche Späße“, unterbrach meine Mutter mich augenblicklich.
Ich verdrehte die Augen. Natürlich hat sie das. Sie arbeitet ja auch nur einmal in der Woche, seitdem sie einen reichen Sportwagenhändler geheiratet hat, und verbringt die restliche Zeit damit, meinem Bruder hinterherzurennen und ihm den Hintern abzuwischen, als wäre er noch ein Kleinkind. „Oh, das tut mir schrecklich leid, dass ich deine Zeit verschwende. Es gibt natürlich viel wichtigere Sachen als das Wohlbefinden deiner einzigen Tochter“, sagte ich mit einem sarkastischen Unterton in der Stimme. Ich hörte, wie meine Mutter am anderen Ende der Leitung seufzte.
„So war das doch nicht gemeint, Schatz. Ich war nur …“ „Ich habe mich für das Haus entschieden, Ma“, fiel ich ihr augenblicklich ins Wort, da ich lediglich keine Lust hatte, mir wieder eine ‚Entschuldigung‘, oder besser gesagt Rechtfertigung, anzuhören.
…

