Cover: Sieben Jahre nichts

Sieben Jahre nichts
Der tödliche Stoß


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 236
ISBN: 978-3-7116-2007-1
Erscheinungsdatum: 07.09.2026
Ein Parkplatz. Jahre der Untätigkeit. Ein Stoß – und ein Mensch stirbt. In diesem fesselnden Justizroman wird aus einem scheinbar banalen Nachbarschaftskonflikt ein Kriminalfall, der die Frage stellt: Wer trägt Verantwortung, wenn niemand handelt?
Handelnde Personen


Wohnhausanlage

Marko Steiner, 45 Jahre, Servicetechniker im Außendienst, geschieden. Seine ehemalige Frau und die minderjährige Tochter wohnen in der Wohnhausanlage, er selbst wohnt nicht am Ort des Geschehens. Er ist wegen Raufhandel (§ 91 StGB) zweimal vorbestraft.

Helmut Bachner, 62 Jahre, ständiger Falschparker auf den Besucherparkplätzen. Jemand, für den korrekte Bewohner, die Unrecht beim Namen nennen, Denunzianten sind. Er grüßt nicht, seine Ausstrahlung ist stets negativ.

Ludwig Kern, 67 Jahre, pensionierter Angestellter, mittlere Führungsebene. Von Beginn an mit seiner Frau Eigentümer einer 3-Zimmer-Wohnung in der Anlage. Er hat selbst einen eigenen Parkplatz. Er ist die treibende Kraft vieler Beschwerden an die Hausanlagenverwaltung Niederösterreich HAVN wegen der illegalen Nutzung der Besucherparkplätze.

Alfred Hausleitner, 56 Jahre, mit seiner Frau ebenfalls von Beginn an Mieter einer Wohnung in der Wohnhausanlage. Ein sehr engagierter Bewohner, der Unrecht stets anspricht und sich auch vor persönlichen Konfrontationen mit möglichen Übeltätern nicht scheut. Wird im Laufe der Jahre zum Vertrauten von Ludwig Kern. Gemeinsam versuchen sie, Zuwiderhandeln zu beenden.

Ingrid Mader (Eigentümerin, 63 Jahre), Julia Fass (Mieterin, 28 Jahre), Gerhard Pollak (Eigentümer, 55 Jahre), Daniel Seiler (Mieter, 29 Jahre), Angela Huber, Ida Leitner, Hans Brandner, Dalia Karim sind weitere Bewohner*innen.


Hausanlagenverwaltung Niederösterreich, HAVN

Thomas Nippal, 61 Jahre, Direktor, versteht sich nicht als handelnde Instanz, sondern als der Verwalter von Verantwortung. Die HAVN moderiert und verteilt Zuständigkeiten. Es gibt massenhaft Aushänge über Ge- und Verbote, bei Zuwiderhandeln jedoch immer ohne Konsequenzen.

Ing. Konrad Niegeher, 58 Jahre, Bereichsleiter Verwaltung, war anfangs kooperativ, handelt jedoch wie sein Vorgesetzter sehr zurückhaltend. Beteuert immer, dass die HAVN nichts tun könne. Antwortet auch de facto auf keine E-Mails.
Michael Auinger, 50 Jahre. Er kommt mit einem kleinen Team Woche für Woche zu der Wohnhausanlage, um diese zu reinigen. Er ist auch immer wieder Ansprechpartner für diverse Anliegen der Bewohner.


Landeskriminalamt Niederösterreich

Johannes Winter, 52 Jahre, Chefinspektor (CI) der Mordkommission der Kriminalpolizei Niederösterreich, hat einen neutralen Blick, benennt Muster, wertet nicht, ordnet sehr überlegt ein. Er sucht Zusammenhänge. Er will die Struktur verstehen, also das Grundproblem, und die damit verbundenen Auswirkungen. Seine größte Stärke: Geduld. Winter ist ein Ermittler, der Akten liest, bevor er Fragen stellt, Fragen stellt, bevor er Schlüsse zieht, und Schlüsse zieht, ohne sie laut auszusprechen. Er weiß: Eine Gewalttat ist selten der Anfang. Meist ist sie das Ende einer Entwicklung. Er arbeitet chronologisch, nicht emotional.

Christa Leitner, Elif Aydin, Martin Koller, Ewald Moser, alle zwischen 20 und 30 Jahre alt. Teammitglieder des Ermittlerteams rund um CI Johannes Winter.


Landesgericht Wiener Neustadt

Dr. Sebastian Lang, 54 Jahre, Richter im Hauptverfahren gegen Marko Steiner. Sehr erfahren bei Schöffengerichtsverfahren. Er agiert umsichtig und ist ein vertrauensvoller Anker für die nicht so erfahrenen Schöffen.

Die Schöffen: Franz Maier, 54 Jahre, Steuerberater und Sigrid Nissl, 56 Jahre, Krankenschwester. Beide wurden per Zufallsgenerator ausgewählt und sind für zwei Jahre im Pool.


Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt

Dr. Hubert Reiter, 56 Jahre, Staatsanwalt. Ist bekannt dafür, dass er mit Augenmaß agiert. Schon hart, jedoch nicht existenzvernichtend.

Ingrid Seidl, 38 Jahre, Schriftführerin in der Staatsanwaltschaft Niederösterreich


Anwälte

Mag. Karl Koll, 50 Jahre, Verteidiger von Marko Steiner

Mag. Andrea Bassinger, 46 Jahre, Opferanwältin. Sie vertritt die Witwe des Verstorbenen.


Gutachter

Univ. -Doz. Dr. Harald Nemeth, 62 Jahre, Facharzt für Gerichtsmedizin, Forensik, sehr erfahren, agiert sehr sachlich.

Dr. Albert Neumann, 60 Jahre, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Er hat in Fachkreisen einen sehr guten Namen.


Prolog

Ab Februar 2025 sind die Besucherparkplätze in einer Wohnhausanlage im südlichen Wiener Neustadt leer.
Alle 13.
Der Schnee liegt festgefahren am Rand, dort, wo sonst die Autos stehen. Die Markierungen sind aufgrund der Witterungsverhältnisse nicht sichtbar, die Schilder jedoch gut lesbar. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Ort seit Jahren mehr oder weniger „umkämpft“ ist.
Ein Auto fährt langsam durch die Anlage. Es hält kurz an, fährt weiter. Es findet keinen Grund, zu bleiben.
Im Eingangsbereich der Wohnhausanlage ist das Whiteboard … leer. Man sieht die helleren Stellen, wo Papier gehangen hat. Mehrere Lagen übereinander. Sorgfältig entfernt.
Es ist früh. Die meisten Bewohner schlafen noch. Die Fenster sind verdunkelt. Keine Stimmen, keine Schritte.
Die Hausordnung gilt unverändert.

Sie galt immer.

Um diese Zeit, vor mehr als sieben Jahren, standen hier die ersten Autos. Zögerlich. Für eine Nacht. Die Wohnhausanlage wurde erst kürzlich übergeben, die Mieter und Eigentümer bezogen nach und nach ihre neuen Heimstätten. Bald standen sie für länger dort. Niemand hat etwas gesagt.
Man hat informiert.
Man hat ersucht.
Man hat zur Kenntnis genommen.
Man hat nichts entschieden!
Jetzt ist alles geregelt. Die Plätze sind frei, die Wege geräumt.
Die Ordnung ist wiederhergestellt. Es hat lange gedauert …


Die Wohnhausanlage wurde im Herbst des Jahres 2017 übergeben. Sie liegt im Süden von Wiener Neustadt, dort, wo früher eine leere grüne Fläche war. Die Zufahrt war neu asphaltiert, die Gehwege gerade. Alles wirkte fertig, auch wenn noch nicht alles bezogen war.
Bei der Schlüsselübergabe, die getrennt nach Eigentümern und Mietern erfolgte, wurde nebst den Schlüsseln auch eine Hausordnung übergeben. Der Erhalt wurde durch die Eigentümer und Mieter schriftlich bestätigt.
Als Ludwig Kern zum ersten Mal die Hausordnung las, tat er es nicht aus Interesse, sondern aus Gewohnheit.
Er saß an seinem Küchentisch, die Umzugskartons noch nicht vollständig ausgepackt, das Papier glatt vor sich ausgebreitet, blickte er über die sauber gesetzten Absätze, als würde er prüfen, ob alles dort stand, wo es hingehörte. Es war ein Text, wie man ihn erwartete: ruhig formuliert, sachlich, ohne jede Dringlichkeit. Regeln, die nicht wie Regeln klangen, sondern wie Empfehlungen, auf die man sich stillschweigend einigen konnte.
Er blieb an einem Punkt hängen.
„Besucherparkplätze sind ausschließlich für kurzfristige Nutzung durch Gäste vorgesehen.“
Kern las den Satz ein zweites Mal, diesmal langsamer, und nickte kaum merklich. Es war eine klare Regel. Nicht kompliziert, nicht auslegungsbedürftig. Eine dieser Bestimmungen, die gerade deshalb funktionierten, weil sie so einfach waren, dass man sie eigentlich nicht missverstehen konnte.
Er legte das Blatt zur Seite. Draußen war es still.
In den ersten Wochen fiel ihm nichts auf. Die Anlage war neu, die Wege sauber, die Linien auf dem Asphalt noch scharf gezogen. Die Parkplätze wirkten, als wären sie Teil einer Ordnung, die man nicht hinterfragen musste. Wer dort parkte, hatte einen Grund, so nahm man es zumindest an.
Kern ging seinen Weg, wie er ihn sich vorgestellt hatte: morgens hinaus, abends zurück, ein kurzer Blick nach links, nach rechts, mehr aus Gewohnheit als aus Interesse.
Er zählte nicht.
Noch nicht.
Es war ein Nachmittag, an dem sich etwas verschob, nicht sichtbar und auch noch nicht deutlich.
Nur ein Moment, in dem sein Blick nicht weiterging.
Er blieb stehen, den Schlüssel schon in der Hand, und sah auf die Reihe der Besucherparkplätze. Drei Fahrzeuge standen dort. Das war nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich war, dass ihm eines davon bekannt vorkam. Er konnte nicht sagen, warum. Vielleicht war es die Farbe. Vielleicht die Art, wie es leicht schräg innerhalb der Markierung stand. Er ging weiter. Doch der Eindruck blieb.
Am nächsten Tag stand das Auto wieder dort.
Nicht exakt gleich, aber nah genug, dass sich das Gefühl bestätigte, ohne sich erklären zu müssen. Kern blieb diesmal nicht stehen. Aber er sah genauer hin. In den folgenden Tagen begann er, darauf zu achten. Nicht bewusst, eher nebenbei.
Ein Blick mehr, ein Schritt langsamer, ein kurzes Innehalten, bevor er die Tür öffnete.
Er stellte fest, dass sich etwas wiederholte. Nicht exakt, aber eindeutig genug. Die Hausordnung lag noch immer auf seinem Küchentisch. Er hatte sie noch nicht weggeräumt.
Eines Abends nahm er das Blatt wieder zur Hand. Nicht, weil er es vergessen hatte. Sondern weil er es überprüfen wollte. Er las den Satz erneut.
„Besucherparkplätze sind ausschließlich für kurzfristige Nutzung durch Gäste vorgesehen.“
Er ließ den Blick auf den Worten ruhen.
Kurzfristig.
Gäste.
Er sah hinaus. Die Plätze waren belegt. Er legte das Blatt wieder ab. Diesmal nicht ganz so glatt.
In den Wochen danach wurde die Wahrnehmung präziser.
Er begann, Kennzeichen zu erkennen und gedanklich abzuspeichern, ohne sie wirklich zu lesen. Formen, Farben, kleine Unregelmäßigkeiten, die sich einprägten, ohne dass er es beabsichtigte.
Ein dunkler Kombi, der fast immer auf dem dritten Platz stand.
Ein silberner Wagen, der zu nah an der Linie parkte.
Ein rotes Auto, das selten fehlte.
Es war kein Ärger.
Noch nicht.
Es war ein Widerspruch zwischen dem, was dort stand, und dem, was er sah.
Am Whiteboard im Stiegenhaus hing inzwischen ein Zettel.
„Wir ersuchen um Einhaltung der Hausordnung.“
Der Ton war derselbe wie im Dokument: ruhig, höflich, unverbindlich.
Kern blieb davor stehen, las den Satz und sah sich um, als würde er prüfen, ob jemand diesen Appell wahrnahm.
Niemand war da.
Draußen war alles unverändert. Einmal sprach er jemanden an.
Es war beiläufig gemeint, fast vorsichtig: „Die Plätze sind ja eigentlich für Besucher gedacht.“ Der Mann, den er ansprach – Bachner –, sah ihn an, ohne sich angegriffen zu fühlen.
„Ja“, sagte er, „aber es ist ja genug Platz.“
Kern nickte. Es war keine Antwort, die widersprach. Und genau darin lag das Problem.
Am Abend saß er wieder am Tisch. Die Hausordnung lag noch immer da. Er nahm sie nicht mehr zur Hand. Er kannte den Satz inzwischen auswendig. Was sich verändert hatte, war nicht die Regel. Sondern ihre Wirkung.
Er begann zu verstehen, dass eine Regel, die nicht durchgesetzt wurde, nicht verschwand. Sie wurde nur leiser. Und je leiser sie wurde, desto deutlicher wurde etwas anderes: Dass es nicht genügte, dass sie nur existierte.
Kern sah hinaus.
Die Plätze waren belegt.
Wie immer.
Er stand auf, ging zum Fenster und blieb dort stehen. Diesmal länger. Es war kein Ärger. Noch immer nicht.
Es war der Moment, in dem aus einer Regel ein Problem wurde.
Und aus einem Problem eine Entscheidung entstehen musste.
Er wusste noch nicht, welche. Aber er wusste, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.

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