Loslassen lernen (Dies ist kein Ratgeber)
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 210
ISBN: 978-3-7116-1362-2
Erscheinungsdatum: 03.02.2026
Eine Ehe zerbricht, ein Vater verliert sich in Kontrollsucht, und eine Tochter wächst im Schatten seiner zerstörerischen Liebe auf. Ein schonungsloser Roman über Abhängigkeit, Angst und die schwere Kunst des Loslassens.
Sieh doch mal in der Küche nach.“ Als Klaus-Dieter an diesem Nachmittag nach Hause kam, erschien ihm die Begrüßung seiner Frau ebenso merkwürdig wie ihr Verhalten beim Frühstück. Ungewohnt wortkarg hatte sie ihm gegenüber gesessen vor einer großen Tasse Tee.
Tee.
Wann hatte sie den zum letzten Mal getrunken? Das mochte gut 12 Jahre her sein. Damals hatten sie sich an der Uni kennengelernt, und in den Zeiten geistiger und körperlicher Annäherung verbrachten sie lange Abende bei unzähligen parfümierten Aufgussgetränken. Allein der Duft von Vanille, Kirsch oder dem Favoriten Earl Grey füllte das kleine Zimmer im Studentenwohnheim bis in den letzten Winkel aus. Damit aber nicht genug. Um das Ambiente perfekt zu machen, verglomm lautlos neben einer obligatorischen Kerze stets ein Räucherstäbchen. Die Asche fiel in Minutenabständen stückchenweise davon ab, aber nie auf den dafür bereitgelegten Bierdeckel oder auf das später in einem Indienladen angeschaffte Holzschiffchen, das eigens nur für den Zweck der Aufnahme von Verglimmungsrückständen hergestellt worden war. Immer landete das feine Aschepulver auf dem Tisch, im Tee oder wurde einfach fortgeatmet, um sich zu den anderen Räucherstäbchenresten zu begeben, die im Laufe der Zeit die spärlichen Möbel schutzschildgleich mit einer einzigartigen Patina überzogen.
Zusammen mit dem Qualm Dutzender Zigaretten umwaberte die zwei ein fast sauerstoffloses Luftgemisch, das von jeder Textilfaser dankbar gespeichert wurde. Das war keineswegs unangenehm, denn beim morgendlichen Ankleiden stellte sich durch den einmaligen Duftmix ad hoc die anheimelnde Stimmung des Vorabends wieder ein. So starteten die Tage zu dieser Zeit mit großer Vorfreude auf den folgenden Abend.
Überaus wichtig war es, das aromatische Gebräu aus stilechtem Geschirr zu trinken. Die Teekanne musste inwändig mit einem dicken schwarzen Schmier, jahrelang dort abgelagert von konzentrierten Überbrühkräutern, ausgekleidet sein, der bis in die Ausläufer der beharrlich tropfenden Ausgusstülle sichtbar war. Der bastumwickelte Henkel war meistens in Auflösung begriffen und ein zweifaches Nachfassen war unerlässlich, um das kostbare Nass nicht über das indische Tablett zu schülpern. Getrunken wurde aus winzigen tönernen Tassen, denen man einen bastumwickelten Henkel gewünscht hätte. Leider waren die Behältnisse kochendheißen Getränks rundherum glatt wie eine Badezimmerkachel, nur um ein Vielfaches dünner und unglasiert. Ohne alberne Bewegungen und schmerzandeutende Zischlaute war das Trinken frisch aufgebrühten Tees unmöglich. Oft wartete man, bis das unbedingt dazugehörende Stück Kandiszucker (braun! Niemals weiß!) sich zur Gänze aufgelöst hatte und schlürfte dann erst die mittlerweile lauwarme Tunke und gab um keinen Preis zu, dass der Geschmack sich nicht wesentlich von dem des Flüssigkeitsrests einer Kindermüslimahlzeit unterschied. Die Stimmung war ausschlaggebend und ein duftendes Bröselblattgetränk, das auf einem porzellanenen Stövchen in die Teekanneninnenwand einsuppte, gehörte einfach dazu.
Klaus-Dieter und Gertrud, so hieß seine mittlerweile Angetraute, kannten damals jeden Teeladen mit Räucherstäbchenabteilung und Duftkerzensortiment. Aufgrund der vielfältigen Gemeinsamkeiten, die sie an diesen endlosen Abenden entdeckten, und der körperlichen Freuden innigster Zweisamkeit beschlossen sie, zusammenzubleiben und waren fortan ein Paar.
Nach dem Studium zogen sie in eine Wohnung am Stadtrand. 86 Quadratmeter, eingetauscht gegen zweimal 24. Das Teegeschirr wurde mit spitzen Fingern aussortiert und landete klirrend im Hausmüll. Eine nagelneue rote Kaffeemaschine bestimmte nun die morgendlichen Trinkgewohnheiten. Abends übernahmen Bier und Wein den Platz von Tee und Räucherstäbchen.
Und an diesem Morgen trank Gertrud Tee. Kamille oder Pfefferminz wären nicht weiter aufgefallen. Diese Beutel gehörten einfach in jeden gut sortierten Medizinschrank. In der Küche roch es intensiv nach Earl Grey. Für einen kurzen Moment hüllte sich Klaus-Dieters Kleinhirn in Schwaden vor sich hinglimmernder Räucherstäbchen und verpasste ihm ein emotionales Déjà-vu. Zu einer Tageszeit, die noch lange nicht den späten Vormittag erreicht hatte, war er außerstande, Gefühle in Worte zu fassen. Einen drängenden Anlass dafür sah er auch nicht. Seine Frau war ungewohnt schweigsam, strahlte aber eine raumfüllende Zufriedenheit aus.
Um kurz vor 8 verabschiedete er sich von seiner Frau und statt des üblichen „Tschüs“ oder auch „Bis heute Abend“ sagte Gertrud freundlich lächelnd „Wart’s nur ab!“ und schüttete sich einen weiteren Tee nach. Dieses befremdliche Frühstücksszenario beschäftigte Klaus-Dieter jedoch nur, bis er sein Auto erreichte. Mit dem Zuschlagen der Autotür und der Musik, die gleichzeitig mit dem Motorengeräusch ertönte, drehten sich seine Gedanken um das anstehende Gespräch mit einer zutiefst besorgten Mutter. Nach seinem Studium der Pädagogik und einer Allerweltsprache beschied ihm die Einstellungsmisere an deutschen Schulen eine unübersehbar lange Wartezeit.
Gertrud hatte es besser angetroffen. Hobby und Beruf hatten sich regelrecht ineinander verhakt. Nach acht Semestern Theaterwissenschaft konnte sie nahtlos an den städtischen Bühnen arbeiten. Allerdings hatte es ein neuer Intendant geschafft, dass das Publikum während der Aufführung neuer Stücke Werbepausen wünschte und schließlich konsequenterweise gleich vor der heimischen Theateralternative sitzen blieb. Der Spielplan musste zusammengestrichen werden und „Liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie haben es sicherlich mitbekommen und werden verstehen, und es fällt mir nicht leicht, oh nein, glauben Sie mir, ich bin wirklich persönlich ein Stück weit echt betroffen, aber die momentane wirtschaftliche und in Teilen auch künstlerische Situation lässt uns keine Wahl …“ Gertrud war seit zwei Jahren arbeitslos, hatte aber zu einigen ehemaligen Arbeitskollegen noch guten Kontakt. Der Pleitenintendant war weitergereicht worden, und die Chancen auf eine mögliche Wiedereinstellung waren gar nicht so schlecht. Klaus-Dieter hatte sich umorientiert und war nun Beamter im Jugendamt. Er kümmerte sich um schwer erziehbare oder auch straffällig gewordene Jugendliche, leitete Resozialisierungsmaßnahmen und bemühte sich um Kontakte zu Firmen und Einrichtungen, die Ausbildungsplätze bereitstellen. Im Grunde genommen auch eine Art Lehrerjob in anderer Umgebung.
Gegen 9:30 Uhr hatte er einen Termin mit der Mutter eines 16-jährigen Schulabbrechers, der nun ohne Abschluss dastand, dem Alkohol sehr zugetan war und schon mehrmals im Gästebuch der örtlichen Polizeistation stand. Da rückten morgendliche Trinkauffälligkeiten oder geheimnisvolle Abschiedswendungen schnell in die Treibsandhirnregion, die solche Kleinigkeiten dankbar schluckte. Am späten Nachmittag kam er nach Hause. Als er den Motor und die damit gekoppelte stets zu laut eingestellte Musik ausschaltete, stand plötzlich das leicht unbehagliche Gefühl vom Morgen im nun schalltoten Fahrgastraum. So ein Gefühl kann man nicht durchtexten. Es ist wie ein dickes Taschentuch im Kopf. Man spürt es, weiß aber nicht, was es da tut.
Und jetzt sollte er mal in der Küche nachsehen!? Kein „Hallo, wie war dein Tag?“ Ein karg fallengelassener Befehlssatz, bei dem sie nicht einmal selbst in Erscheinung trat. Die folgende Stille ließ auch nicht vermuten, dass sie sich gerade aufmachte, um ihn dorthin zu begleiten. Er steckte den Kleiderbügel in seine Jacke und dachte an einen Rohrbruch, Insektenbefall oder defekte Küchengeräte. Fast gleichzeitig meldete sich das alte Taschentuch aus der mittleren Hirnregion mit der Frage: „Wenn es da einen Zusammenhang mit heute Morgen gibt, warum dieses verklärte Grinsen, und was sollte der Tee?“ Zu seiner Frau zu gehen und sie zu fragen, kam ihm nicht in den Sinn. Unsicher, aber zügig lenkte er seine Schritte Richtung Küche. Die Hoffnung keimte in ihm auf, ein Aha-Erlebnis möge ihn erlösen. Die Küche sah aus wie immer. Es roch nicht verbrannt, der Boden war trocken und es gab auch keine sichtbaren Neuanschaffungen. Gerade wollte er sich zu einem klärenden Gespräch umdrehen, als sein Blick auf den Küchentisch fiel. Dort lagen, unregelmäßig angeordnet, kleine Holzherzchen. Das alte Taschentuch bildete kurzzeitig ein Fragezeichen, bevor es sich zellstoffgleich auflöste. „Hochzeitstag vergessen? Jahrestag? Geburtstag?“ Nichts von alledem traf zu. Klaus-Dieter trat an den Tisch und entdeckte inmitten der kleinen roten Herzen ein schmales Plastikkästchen mit einem Sichtfenster, in dem zwei senkrechte Striche zu sehen waren. Immer noch der zunehmenden Verwirrung näher als der erleuchtenden Erkenntnis, griff er nach dem Kästchen, als ihn der sprichwörtliche Blitz traf. Manche Erkenntnisse sickern, andere strömen. In diesem Fall schienen sich sämtliche Emotionshormone der letzten 10 Generationen, wenn es so etwas überhaupt gibt, gleichzeitig den Weg durch sämtliche Blut- und Nervenbahnen zu brechen und drohten, sein sonst sehr verlässliches Gleichgewichtsgefühl in Sekundenbruchteilen vollkommen außer Kraft setzen zu lassen. In solchen Fällen greifen Kameramänner zu der Technik, auf das Antlitz der Hauptperson zuzugehen und gleichzeitig den Hintergrund wegzuzoomen. Ein Gefühlssturz in unergründliche Tiefen oder Höhen. In diesem Fall Höhen. Solche innerlichen Ganzkörperbeben kommen in einem Menschenleben, wenn überhaupt, äußerst selten vor. Wenn sämtliche Synapsen im Nanosekundenbereich den Halt verlieren, um sich kurz darauf wieder zu formieren, geschieht das, wenn man einem schweren Unfall um Haaresbreite entgeht oder den ersten veritablen Orgasmus durchlebt. Alles andere sind inszenierte Hirnstunts. Gerade als Klaus-Dieters Kopfinnereien sich zu 80 % wieder die Hand gereicht hatten und ihm erlaubten, sich umzudrehen, blickte er in das zufriedene Lächeln seiner Angetrauten. Sie sah in seine noch nicht wieder zur Gänze geordneten Gesichtszüge und sprach mit unverhohlener Freude: „Jawoll – wir sind schwanger!“
Den Rest des Abends verbrachten die beiden mit unendlich langen Umarmungen, innigen Küssen, unnatürlich anmutendem Grinsen und dem Schmieden utopisch klingender Zukunftspläne, und zum Tagesabschluss tranken sie einen viel zu stark parfümierten Vanilletee. Räucherstäbchen hatte Gertrud leider nicht bekommen.
Es war ein gutes halbes Jahr her, da in ihnen der Wunsch gereift war, ihre Zweisamkeit durch ein Kind zu vervollständigen. In dem großen Rund der Menschenmachung sahen sie vorerst keinen Zeitdruck oder gar ein Zeitlimit. Das gemeinsam abgesteckte Lebensfeld mit Eckpunkten wie Liebe, Freude, Freunde, Kultur, finanzielle Sicherheit und verträgliche Schwiegereltern war stabil und hielt im Inneren viel Freiheit für Zusatzpunkte offen.
Richard Hartmann, ein gemeinsamer Freund aus Studententagen, war es, der eine Außenlinie des Bollwerks Lebensfeld in bedenkliche Schwingungen versetzte. Seines Zeichens überzeugter Single, hatte Richard einen Hang zu bildhaft überhöhter Sprechweise. Gertrud und Klaus-Dieter trafen ihn eines Abends in ihrer Lieblingskneipe „Zum grünen Krokodil“. Klaus-Dieter fand den Namen vollkommen bescheuert und bestellte sich dort gerne ein durchsichtiges Mineralwasser, gelbes Bier oder roten Rotwein. Ambiente und Personal waren aber sehr angenehm. Richard saß an seinem Stammplatz in der äußersten Ecke des Etablissements. Von dort aus habe er einen vortrefflichen Blick auf die ein- und ausströmende Klientel und könne so gegebenenfalls spontan entscheiden, ob sein Dortsein noch seinem selbst gesteckten Niveau entspräche. Vor ihm stand sein obligatorisches Herrengedeck – eine Apfelschorle und ein doppelter Jägermeister. ‚Ein Ausgleichsgetränk, das innere Säfte im Gleichklang hält.‘, wie er gerne und oft kundtat. Klaus-Dieter und Gertrud setzten sich zu ihm und man plauderte über alte Zeiten. Es wurde spät und der Herr des Hauses klirrte mehr als auffällig mit leeren Gläsern. Richard bestellte sein 7. Herrengedeck, starrte seinen Bierdeckel an, den er wie einen kleinen Spiegel in der großflächigen Hand hielt, und begann einen seiner gefürchteten Monologe.
„Bedenket, meine Freunde, unser Leben ist doch nichts anderes als eine willkürliche Aneinanderreihung von mehr oder weniger wichtigen Ereignissen. Wir alle – sogar ich – sind Gottes Kinder, aber wissen wir doch alle, dass er die Alimente sehr ungleichmäßig verteilt. Höret auf zu lamentieren, dass es euch schlecht ergehe, dafür geht es anderen eben besser. Ausgleichende Gerechtigkeit soll eure Seelen erfüllen und nicht der Hass auf die tatsächlichen Sausäcke dieser Welt, die jedoch mehr als sonstwas mal richtig auf die Fresse verdient hätten. Und sollte es einem nicht die Panik in die Stirnfalte treiben, dass es von diesen Menschenverachtern immer mehr gäbe und das von Hirnschrumpfung befallene Volk längst vergessen geglaubte Hassparolen blökend durch die Straßen laufen? Gibt es eine virale Ansteckungsgefahr für Menschenverachtung? Haben wir eine Altersregion betreten, in der unsere Brüder und Schwestern auf feuchtem Karton gebettet unter Brücken nächtigen und alle Hoffnung auf ein glückliches Dasein haben fahren lassen, im Alter von Mitte 20? Wir sitzen im Warmen und Trockenen und ein Fingerschnipp genügt, um uns mit allem versorgen zu lassen, was lebensnotwendig ist.“ Als wollte er den Beweis dafür antreten, hob er die Hand und ließ sich ein weiteres Gedeck bringen. „Habt ihr euch schon einmal gewahr werden lassen, dass in 40 bis 50 Jahren 80 % der gesamten Weltbevölkerung gestorben sein werden? Vor dem Hintergrund bekommt der alltägliche Zwist mit dem Nachbarn über die Höhe des Gartenzauns doch eine ganz andere Dimension. Lediglich unsere Nachkommenschaft kann im Staffellauf des Lebens den Stab für kurze Zeit übernehmen und zum nächsten Läufer tragen. Und wir alle wissen, dass nicht wenige den Stab bei der Übergabe verlieren.“ Es entstand eine kurze Pause, und während Richard den gerade servierten Jägermeister nach einem kurzen Rülpsen, der sicherlich dezenter und geräuschärmer hätte ausfallen können, verinnerlichte, deutete sein erhobener linker Zeigefinger an, dass er seine Ausführungen noch nicht beendet hatte und keine Zwischenbemerkungen duldete. „Höret! Es mag euch ein gerütteltes Maß an Erstaunen abringen, aber ich habe mich fest dazu entschlossen, mein Dasein auf Erden durch Nachkommenschaft zu verlängern, denn ein kurzes Menschenleben lang auszuharren, ohne bleibende Spuren zu hinterlassen, ist mehr als fahrlässig. Außerdem benötige ich jemanden, der oder die mich im Alter hegt und pflegt.“ Als Richard das leere Schnapsglas zu einem weiteren Schluck ansetzen wollte, war endgültig klar, dass er den Pfad nachvollziehbarer Gedanken längst verlassen hatte. Mit dem darauffolgenden Satz unterstrich er diesen Eindruck. „Ich bin nur noch auf der Suche nach einem geeigneten Samenspender.“ Kurz bevor er den Rest seiner Apfelschorle über die Tischplatte verteilte, fiel der folgenschwere Nachsatz auf das fast schon komatöse Hirn von Gertrud und Klaus-Dieter. „Wohl aufgemerkt nun – unser Daseinsrest ist arg eng bemessen, denn wir haben einen Lebenspunkt erreicht, da unsere Zeit nicht mehr gemächlich rieselt, sondern gar klumpengleich durch die gläserne Zeitacht klatscht und Lücken reißt, die nur noch unzulänglich mit Substanz aufgefüllt werden können.“ Sprach’s, erhob sich, so gerade es eben noch ging, rief in Richtung Tresen: „Deckel wie usus!“, nahm noch unfreiwillig Körperkontakt mit dem Flipperautomaten auf und verschwand.
Die beiden Zurückgebliebenen sahen sich stumm an. Es war Gertrud, die die entscheidende Bemerkung auf den klebrigen Tisch fallen ließ, wo sie sich mehrere Male um sich selbst drehte und dann lauter als verträglich klickend bleischwer liegen blieb. „Im nächsten Jahr werden wir 30.“ Ein Zusatz, der auf embryonale Vervielfältigung hindeutete, war überflüssig. Auch Klaus-Dieters Vaterschaftshirnzweig hatte das Signal empfangen und fliegenpapiergleich aufgeschnappt. Sie zahlten und gingen schweigend nach Hause. Dort angekommen, schien ihnen die eheliche Liegestatt durch die nur angelehnte Schlafzimmertür zuzurufen: „So, das war’s, meine lieben Liebenden! Schluss mit lustig! Das Ziel nicht aus den Augen verlieren und ran an die Arbeit!“
Was waren das für Zeiten reinster Triebhaftigkeit. Ungeachtet der Tageszeiten oder Lokalitäten suchten herrenlose Hände warme Stellen, oft über oft senkte sich wohlig schaudernd Fleisch in Fleisch und der einzige Grund war pure Sinnesbefriedigung. Danach sah man jeweils in ein verschwitztes, leicht debil grinsendes Gesicht und ein kurz anhaltendes Gefühl von Unsterblichkeit huschte durch den Raum, oder das Auto, oder die Umkleidekabine bei Karstadt, oder den Swimmingpool in einem Hotel auf Malta, das sie nie wieder buchen durften, oder den elterlichen Partykeller kurz nach einer Familienfeier, oder, oder, oder.
Normalerweise saßen sie nach einem aushäusigen Abend noch beieinander, tranken ein oder zwei Absacker und redeten den gerade ersterbenden Tag in Stücke. Nicht so an diesem Abend. Recht wortkarg stiegen sie ins Bett und prüften über Gebühr lange die Struktur der Zimmerdecke. Gertrud durchbrach die Stille und legte den oralen Finger auf die mentale Wunde. „Richard hat recht. Wir werden alt und bald viel zu alt für ein Kind.“ Klaus-Dieter tat so, als schreckte er gerade aus einem leichten Dämmerschlaf auf. Er wollte nicht zugeben, dass er genau das Gleiche gedacht hatte, und etwas Schlagfertigeres als ein angegähntes „Wieso?“ fiel ihm nicht ein. „Denk doch mal nach.“ Gertrud setzte sich auf. „Wenn wir es schaffen, schwanger zu werden, bin ich 32 oder 33. Ich gehe dann stramm auf die 40 zu, wenn unser Kind dann eingeschult wird. Die anderen Eltern werden denken – ach, da kommt wieder die Oma mit ihrem Enkelkind.“ „Jetzt übertreib mal nicht.“ Klaus-Dieter saß nun ebenfalls. „Viele Leute bekommen erst mit Anfang 30 ihr erstes Kind. Die jungen Hüpfer, die schon 10 Jahre früher einen Kindergartenplatz suchen müssen, sind doch allesamt unreif und hoffnungslos überfordert. Wir haben die Reife und die Übersicht und …“ Seine Augen trafen auf Gertruds, und er stoppte seine Rede. „OK, stimmt schon irgendwie. 30 – überleg mal. Das Alter, das Mick Jagger nie erreichen wollte. Und jetzt wirbelt er mit 81 noch über große Bühnen und ist vor Kurzem wieder Vater geworden.“ „Genau“, pflichtete ihm Gertrud bei, „und die Mutter ist doch seine 79 Jahre alte Geliebte, oder?“ Klaus-Dieter hatte sich da etwas verzettelt. „Ja, ganz schlechtes Beispiel. Früher taten mir Leute über 30 auch irgendwie leid. Sie hatten die besten Jahre bereits hinter sich, hörten nur Volksmusik und warteten auf die Rente.“ Auch diesmal stoppte Klaus-Dieter, als er in Gertruds immer größer werdenden Augen sah. „Ja ja, ich weiß – kommt jetzt auch nicht so richtig rüber. Aber wir sind doch ganz anders alt … also älter. Die Menschen werden ja auch allgemein immer älter. Schau mal, wenn ich meinen 90. Geburtstag feiere, dann ist unser Kind schon immerhin …“ „Deinen 90. Geburtstag feierst du mit Mr Pommeroy und Mr Winterbottom – wenn überhaupt. Mach dir doch nichts vor. Wenn wir überhaupt ein Kind bekommen, sind wir einfach alte Eltern. Punktum.“ Damit war Klaus-Dieters Redezeit erloschen. ‚Punktum‘ war so ziemlich das Ultimativste, das Gertrud von sich geben konnte (und damit sei auch der grammatikalisch falsche Superlativ verziehen). Sie sagte dieses Wort zwar selten, aber wenn es geschah, war jede weitere Einlassung ein donnernder Hammerschlag, der ihre Stimmung immer tiefer in die Mucksigkeitsphase trieb. Klaus-Dieter versiegelte ad hoc seine Lippen und stimmte im Stillen seiner Gattin sogar ein wenig zu, aber sooooo dramatisch fand er das alles auch nicht. „HA!“, dachte er plötzlich, „Klaus-Jürgen Wussow, zum Beispiel, hatte auch noch im Alter von …“ als er realisierte, was und vor allem wer sich da in seine Vaterschaftsplanung eingeschlichen hatte, wurde ihm ein wenig übel. An diesem Abend fand noch ein bemitleidenswerter Versuch statt, den ehelichen Beischlaf (Sex verbietet sich, diese eher an auferlegte körperliche Ertüchtigung erinnernde, hospitalistisch erscheinenden Bewegungen zu nennen) zu vollziehen. Es gab durchaus ernst gemeinte Erektionsbemühungen, aber weder Befriedigung noch das Abschicken eines virulenten Samenpäckchens krönte die Aktion. Anstelle der durch den Raum huschenden Unsterblichkeit quälte sich ein Hauch von Altersschwäche am ehelichen Doppelbett vorbei. Klaus-Dieter schlief tief und traumlos. Gertrud schlief noch lange nicht.
In den nächsten Wochen änderte sich ihre Sexualität von Grund auf. Jede Art körperlicher Annäherung sollte, ja musste, den Akt zur Folge haben. Unromantischer konnte man das sonst so sinneserfüllende Tun nicht umschreiben. Vollzug musste vermeldet werden. Sinnlose Samenplemperei war fahrlässig und wurde mit bösen Blicken nicht unter 5 Sekunden bestraft. Ein Zeitplan wurde aufgestellt und musste eingehalten werden. An manchen Tagen, die auf dem Küchenkalender mit drei Ausrufezeichen versehen waren, sollten es durchaus zwei bis drei Begattungsversuche sein. An weniger fruchtbaren Tagen wurde ein spontaner Lustanfall schon mal mit den Worten „Bist du denn verrückt? So eine Verschwendung!“ im Spross zum Welken gebracht. Beide machten sich zudem den Stammzellenzieleinlauf besonders schwer, da sie sich bei jedem aussichtsreichen Versuch merken wollten, wo und wann der Lebensurknall geschah, was man gerade dabei gedacht hatte und wie das Wetter war. So konnte man später vielleicht gewisse Charakterstärken oder -schwächen besser erklären oder zum Beispiel ein sonniges Gemüt auf die seinerzeit herrschende Großwetterlage zurückführen.
...
Tee.
Wann hatte sie den zum letzten Mal getrunken? Das mochte gut 12 Jahre her sein. Damals hatten sie sich an der Uni kennengelernt, und in den Zeiten geistiger und körperlicher Annäherung verbrachten sie lange Abende bei unzähligen parfümierten Aufgussgetränken. Allein der Duft von Vanille, Kirsch oder dem Favoriten Earl Grey füllte das kleine Zimmer im Studentenwohnheim bis in den letzten Winkel aus. Damit aber nicht genug. Um das Ambiente perfekt zu machen, verglomm lautlos neben einer obligatorischen Kerze stets ein Räucherstäbchen. Die Asche fiel in Minutenabständen stückchenweise davon ab, aber nie auf den dafür bereitgelegten Bierdeckel oder auf das später in einem Indienladen angeschaffte Holzschiffchen, das eigens nur für den Zweck der Aufnahme von Verglimmungsrückständen hergestellt worden war. Immer landete das feine Aschepulver auf dem Tisch, im Tee oder wurde einfach fortgeatmet, um sich zu den anderen Räucherstäbchenresten zu begeben, die im Laufe der Zeit die spärlichen Möbel schutzschildgleich mit einer einzigartigen Patina überzogen.
Zusammen mit dem Qualm Dutzender Zigaretten umwaberte die zwei ein fast sauerstoffloses Luftgemisch, das von jeder Textilfaser dankbar gespeichert wurde. Das war keineswegs unangenehm, denn beim morgendlichen Ankleiden stellte sich durch den einmaligen Duftmix ad hoc die anheimelnde Stimmung des Vorabends wieder ein. So starteten die Tage zu dieser Zeit mit großer Vorfreude auf den folgenden Abend.
Überaus wichtig war es, das aromatische Gebräu aus stilechtem Geschirr zu trinken. Die Teekanne musste inwändig mit einem dicken schwarzen Schmier, jahrelang dort abgelagert von konzentrierten Überbrühkräutern, ausgekleidet sein, der bis in die Ausläufer der beharrlich tropfenden Ausgusstülle sichtbar war. Der bastumwickelte Henkel war meistens in Auflösung begriffen und ein zweifaches Nachfassen war unerlässlich, um das kostbare Nass nicht über das indische Tablett zu schülpern. Getrunken wurde aus winzigen tönernen Tassen, denen man einen bastumwickelten Henkel gewünscht hätte. Leider waren die Behältnisse kochendheißen Getränks rundherum glatt wie eine Badezimmerkachel, nur um ein Vielfaches dünner und unglasiert. Ohne alberne Bewegungen und schmerzandeutende Zischlaute war das Trinken frisch aufgebrühten Tees unmöglich. Oft wartete man, bis das unbedingt dazugehörende Stück Kandiszucker (braun! Niemals weiß!) sich zur Gänze aufgelöst hatte und schlürfte dann erst die mittlerweile lauwarme Tunke und gab um keinen Preis zu, dass der Geschmack sich nicht wesentlich von dem des Flüssigkeitsrests einer Kindermüslimahlzeit unterschied. Die Stimmung war ausschlaggebend und ein duftendes Bröselblattgetränk, das auf einem porzellanenen Stövchen in die Teekanneninnenwand einsuppte, gehörte einfach dazu.
Klaus-Dieter und Gertrud, so hieß seine mittlerweile Angetraute, kannten damals jeden Teeladen mit Räucherstäbchenabteilung und Duftkerzensortiment. Aufgrund der vielfältigen Gemeinsamkeiten, die sie an diesen endlosen Abenden entdeckten, und der körperlichen Freuden innigster Zweisamkeit beschlossen sie, zusammenzubleiben und waren fortan ein Paar.
Nach dem Studium zogen sie in eine Wohnung am Stadtrand. 86 Quadratmeter, eingetauscht gegen zweimal 24. Das Teegeschirr wurde mit spitzen Fingern aussortiert und landete klirrend im Hausmüll. Eine nagelneue rote Kaffeemaschine bestimmte nun die morgendlichen Trinkgewohnheiten. Abends übernahmen Bier und Wein den Platz von Tee und Räucherstäbchen.
Und an diesem Morgen trank Gertrud Tee. Kamille oder Pfefferminz wären nicht weiter aufgefallen. Diese Beutel gehörten einfach in jeden gut sortierten Medizinschrank. In der Küche roch es intensiv nach Earl Grey. Für einen kurzen Moment hüllte sich Klaus-Dieters Kleinhirn in Schwaden vor sich hinglimmernder Räucherstäbchen und verpasste ihm ein emotionales Déjà-vu. Zu einer Tageszeit, die noch lange nicht den späten Vormittag erreicht hatte, war er außerstande, Gefühle in Worte zu fassen. Einen drängenden Anlass dafür sah er auch nicht. Seine Frau war ungewohnt schweigsam, strahlte aber eine raumfüllende Zufriedenheit aus.
Um kurz vor 8 verabschiedete er sich von seiner Frau und statt des üblichen „Tschüs“ oder auch „Bis heute Abend“ sagte Gertrud freundlich lächelnd „Wart’s nur ab!“ und schüttete sich einen weiteren Tee nach. Dieses befremdliche Frühstücksszenario beschäftigte Klaus-Dieter jedoch nur, bis er sein Auto erreichte. Mit dem Zuschlagen der Autotür und der Musik, die gleichzeitig mit dem Motorengeräusch ertönte, drehten sich seine Gedanken um das anstehende Gespräch mit einer zutiefst besorgten Mutter. Nach seinem Studium der Pädagogik und einer Allerweltsprache beschied ihm die Einstellungsmisere an deutschen Schulen eine unübersehbar lange Wartezeit.
Gertrud hatte es besser angetroffen. Hobby und Beruf hatten sich regelrecht ineinander verhakt. Nach acht Semestern Theaterwissenschaft konnte sie nahtlos an den städtischen Bühnen arbeiten. Allerdings hatte es ein neuer Intendant geschafft, dass das Publikum während der Aufführung neuer Stücke Werbepausen wünschte und schließlich konsequenterweise gleich vor der heimischen Theateralternative sitzen blieb. Der Spielplan musste zusammengestrichen werden und „Liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie haben es sicherlich mitbekommen und werden verstehen, und es fällt mir nicht leicht, oh nein, glauben Sie mir, ich bin wirklich persönlich ein Stück weit echt betroffen, aber die momentane wirtschaftliche und in Teilen auch künstlerische Situation lässt uns keine Wahl …“ Gertrud war seit zwei Jahren arbeitslos, hatte aber zu einigen ehemaligen Arbeitskollegen noch guten Kontakt. Der Pleitenintendant war weitergereicht worden, und die Chancen auf eine mögliche Wiedereinstellung waren gar nicht so schlecht. Klaus-Dieter hatte sich umorientiert und war nun Beamter im Jugendamt. Er kümmerte sich um schwer erziehbare oder auch straffällig gewordene Jugendliche, leitete Resozialisierungsmaßnahmen und bemühte sich um Kontakte zu Firmen und Einrichtungen, die Ausbildungsplätze bereitstellen. Im Grunde genommen auch eine Art Lehrerjob in anderer Umgebung.
Gegen 9:30 Uhr hatte er einen Termin mit der Mutter eines 16-jährigen Schulabbrechers, der nun ohne Abschluss dastand, dem Alkohol sehr zugetan war und schon mehrmals im Gästebuch der örtlichen Polizeistation stand. Da rückten morgendliche Trinkauffälligkeiten oder geheimnisvolle Abschiedswendungen schnell in die Treibsandhirnregion, die solche Kleinigkeiten dankbar schluckte. Am späten Nachmittag kam er nach Hause. Als er den Motor und die damit gekoppelte stets zu laut eingestellte Musik ausschaltete, stand plötzlich das leicht unbehagliche Gefühl vom Morgen im nun schalltoten Fahrgastraum. So ein Gefühl kann man nicht durchtexten. Es ist wie ein dickes Taschentuch im Kopf. Man spürt es, weiß aber nicht, was es da tut.
Und jetzt sollte er mal in der Küche nachsehen!? Kein „Hallo, wie war dein Tag?“ Ein karg fallengelassener Befehlssatz, bei dem sie nicht einmal selbst in Erscheinung trat. Die folgende Stille ließ auch nicht vermuten, dass sie sich gerade aufmachte, um ihn dorthin zu begleiten. Er steckte den Kleiderbügel in seine Jacke und dachte an einen Rohrbruch, Insektenbefall oder defekte Küchengeräte. Fast gleichzeitig meldete sich das alte Taschentuch aus der mittleren Hirnregion mit der Frage: „Wenn es da einen Zusammenhang mit heute Morgen gibt, warum dieses verklärte Grinsen, und was sollte der Tee?“ Zu seiner Frau zu gehen und sie zu fragen, kam ihm nicht in den Sinn. Unsicher, aber zügig lenkte er seine Schritte Richtung Küche. Die Hoffnung keimte in ihm auf, ein Aha-Erlebnis möge ihn erlösen. Die Küche sah aus wie immer. Es roch nicht verbrannt, der Boden war trocken und es gab auch keine sichtbaren Neuanschaffungen. Gerade wollte er sich zu einem klärenden Gespräch umdrehen, als sein Blick auf den Küchentisch fiel. Dort lagen, unregelmäßig angeordnet, kleine Holzherzchen. Das alte Taschentuch bildete kurzzeitig ein Fragezeichen, bevor es sich zellstoffgleich auflöste. „Hochzeitstag vergessen? Jahrestag? Geburtstag?“ Nichts von alledem traf zu. Klaus-Dieter trat an den Tisch und entdeckte inmitten der kleinen roten Herzen ein schmales Plastikkästchen mit einem Sichtfenster, in dem zwei senkrechte Striche zu sehen waren. Immer noch der zunehmenden Verwirrung näher als der erleuchtenden Erkenntnis, griff er nach dem Kästchen, als ihn der sprichwörtliche Blitz traf. Manche Erkenntnisse sickern, andere strömen. In diesem Fall schienen sich sämtliche Emotionshormone der letzten 10 Generationen, wenn es so etwas überhaupt gibt, gleichzeitig den Weg durch sämtliche Blut- und Nervenbahnen zu brechen und drohten, sein sonst sehr verlässliches Gleichgewichtsgefühl in Sekundenbruchteilen vollkommen außer Kraft setzen zu lassen. In solchen Fällen greifen Kameramänner zu der Technik, auf das Antlitz der Hauptperson zuzugehen und gleichzeitig den Hintergrund wegzuzoomen. Ein Gefühlssturz in unergründliche Tiefen oder Höhen. In diesem Fall Höhen. Solche innerlichen Ganzkörperbeben kommen in einem Menschenleben, wenn überhaupt, äußerst selten vor. Wenn sämtliche Synapsen im Nanosekundenbereich den Halt verlieren, um sich kurz darauf wieder zu formieren, geschieht das, wenn man einem schweren Unfall um Haaresbreite entgeht oder den ersten veritablen Orgasmus durchlebt. Alles andere sind inszenierte Hirnstunts. Gerade als Klaus-Dieters Kopfinnereien sich zu 80 % wieder die Hand gereicht hatten und ihm erlaubten, sich umzudrehen, blickte er in das zufriedene Lächeln seiner Angetrauten. Sie sah in seine noch nicht wieder zur Gänze geordneten Gesichtszüge und sprach mit unverhohlener Freude: „Jawoll – wir sind schwanger!“
Den Rest des Abends verbrachten die beiden mit unendlich langen Umarmungen, innigen Küssen, unnatürlich anmutendem Grinsen und dem Schmieden utopisch klingender Zukunftspläne, und zum Tagesabschluss tranken sie einen viel zu stark parfümierten Vanilletee. Räucherstäbchen hatte Gertrud leider nicht bekommen.
Es war ein gutes halbes Jahr her, da in ihnen der Wunsch gereift war, ihre Zweisamkeit durch ein Kind zu vervollständigen. In dem großen Rund der Menschenmachung sahen sie vorerst keinen Zeitdruck oder gar ein Zeitlimit. Das gemeinsam abgesteckte Lebensfeld mit Eckpunkten wie Liebe, Freude, Freunde, Kultur, finanzielle Sicherheit und verträgliche Schwiegereltern war stabil und hielt im Inneren viel Freiheit für Zusatzpunkte offen.
Richard Hartmann, ein gemeinsamer Freund aus Studententagen, war es, der eine Außenlinie des Bollwerks Lebensfeld in bedenkliche Schwingungen versetzte. Seines Zeichens überzeugter Single, hatte Richard einen Hang zu bildhaft überhöhter Sprechweise. Gertrud und Klaus-Dieter trafen ihn eines Abends in ihrer Lieblingskneipe „Zum grünen Krokodil“. Klaus-Dieter fand den Namen vollkommen bescheuert und bestellte sich dort gerne ein durchsichtiges Mineralwasser, gelbes Bier oder roten Rotwein. Ambiente und Personal waren aber sehr angenehm. Richard saß an seinem Stammplatz in der äußersten Ecke des Etablissements. Von dort aus habe er einen vortrefflichen Blick auf die ein- und ausströmende Klientel und könne so gegebenenfalls spontan entscheiden, ob sein Dortsein noch seinem selbst gesteckten Niveau entspräche. Vor ihm stand sein obligatorisches Herrengedeck – eine Apfelschorle und ein doppelter Jägermeister. ‚Ein Ausgleichsgetränk, das innere Säfte im Gleichklang hält.‘, wie er gerne und oft kundtat. Klaus-Dieter und Gertrud setzten sich zu ihm und man plauderte über alte Zeiten. Es wurde spät und der Herr des Hauses klirrte mehr als auffällig mit leeren Gläsern. Richard bestellte sein 7. Herrengedeck, starrte seinen Bierdeckel an, den er wie einen kleinen Spiegel in der großflächigen Hand hielt, und begann einen seiner gefürchteten Monologe.
„Bedenket, meine Freunde, unser Leben ist doch nichts anderes als eine willkürliche Aneinanderreihung von mehr oder weniger wichtigen Ereignissen. Wir alle – sogar ich – sind Gottes Kinder, aber wissen wir doch alle, dass er die Alimente sehr ungleichmäßig verteilt. Höret auf zu lamentieren, dass es euch schlecht ergehe, dafür geht es anderen eben besser. Ausgleichende Gerechtigkeit soll eure Seelen erfüllen und nicht der Hass auf die tatsächlichen Sausäcke dieser Welt, die jedoch mehr als sonstwas mal richtig auf die Fresse verdient hätten. Und sollte es einem nicht die Panik in die Stirnfalte treiben, dass es von diesen Menschenverachtern immer mehr gäbe und das von Hirnschrumpfung befallene Volk längst vergessen geglaubte Hassparolen blökend durch die Straßen laufen? Gibt es eine virale Ansteckungsgefahr für Menschenverachtung? Haben wir eine Altersregion betreten, in der unsere Brüder und Schwestern auf feuchtem Karton gebettet unter Brücken nächtigen und alle Hoffnung auf ein glückliches Dasein haben fahren lassen, im Alter von Mitte 20? Wir sitzen im Warmen und Trockenen und ein Fingerschnipp genügt, um uns mit allem versorgen zu lassen, was lebensnotwendig ist.“ Als wollte er den Beweis dafür antreten, hob er die Hand und ließ sich ein weiteres Gedeck bringen. „Habt ihr euch schon einmal gewahr werden lassen, dass in 40 bis 50 Jahren 80 % der gesamten Weltbevölkerung gestorben sein werden? Vor dem Hintergrund bekommt der alltägliche Zwist mit dem Nachbarn über die Höhe des Gartenzauns doch eine ganz andere Dimension. Lediglich unsere Nachkommenschaft kann im Staffellauf des Lebens den Stab für kurze Zeit übernehmen und zum nächsten Läufer tragen. Und wir alle wissen, dass nicht wenige den Stab bei der Übergabe verlieren.“ Es entstand eine kurze Pause, und während Richard den gerade servierten Jägermeister nach einem kurzen Rülpsen, der sicherlich dezenter und geräuschärmer hätte ausfallen können, verinnerlichte, deutete sein erhobener linker Zeigefinger an, dass er seine Ausführungen noch nicht beendet hatte und keine Zwischenbemerkungen duldete. „Höret! Es mag euch ein gerütteltes Maß an Erstaunen abringen, aber ich habe mich fest dazu entschlossen, mein Dasein auf Erden durch Nachkommenschaft zu verlängern, denn ein kurzes Menschenleben lang auszuharren, ohne bleibende Spuren zu hinterlassen, ist mehr als fahrlässig. Außerdem benötige ich jemanden, der oder die mich im Alter hegt und pflegt.“ Als Richard das leere Schnapsglas zu einem weiteren Schluck ansetzen wollte, war endgültig klar, dass er den Pfad nachvollziehbarer Gedanken längst verlassen hatte. Mit dem darauffolgenden Satz unterstrich er diesen Eindruck. „Ich bin nur noch auf der Suche nach einem geeigneten Samenspender.“ Kurz bevor er den Rest seiner Apfelschorle über die Tischplatte verteilte, fiel der folgenschwere Nachsatz auf das fast schon komatöse Hirn von Gertrud und Klaus-Dieter. „Wohl aufgemerkt nun – unser Daseinsrest ist arg eng bemessen, denn wir haben einen Lebenspunkt erreicht, da unsere Zeit nicht mehr gemächlich rieselt, sondern gar klumpengleich durch die gläserne Zeitacht klatscht und Lücken reißt, die nur noch unzulänglich mit Substanz aufgefüllt werden können.“ Sprach’s, erhob sich, so gerade es eben noch ging, rief in Richtung Tresen: „Deckel wie usus!“, nahm noch unfreiwillig Körperkontakt mit dem Flipperautomaten auf und verschwand.
Die beiden Zurückgebliebenen sahen sich stumm an. Es war Gertrud, die die entscheidende Bemerkung auf den klebrigen Tisch fallen ließ, wo sie sich mehrere Male um sich selbst drehte und dann lauter als verträglich klickend bleischwer liegen blieb. „Im nächsten Jahr werden wir 30.“ Ein Zusatz, der auf embryonale Vervielfältigung hindeutete, war überflüssig. Auch Klaus-Dieters Vaterschaftshirnzweig hatte das Signal empfangen und fliegenpapiergleich aufgeschnappt. Sie zahlten und gingen schweigend nach Hause. Dort angekommen, schien ihnen die eheliche Liegestatt durch die nur angelehnte Schlafzimmertür zuzurufen: „So, das war’s, meine lieben Liebenden! Schluss mit lustig! Das Ziel nicht aus den Augen verlieren und ran an die Arbeit!“
Was waren das für Zeiten reinster Triebhaftigkeit. Ungeachtet der Tageszeiten oder Lokalitäten suchten herrenlose Hände warme Stellen, oft über oft senkte sich wohlig schaudernd Fleisch in Fleisch und der einzige Grund war pure Sinnesbefriedigung. Danach sah man jeweils in ein verschwitztes, leicht debil grinsendes Gesicht und ein kurz anhaltendes Gefühl von Unsterblichkeit huschte durch den Raum, oder das Auto, oder die Umkleidekabine bei Karstadt, oder den Swimmingpool in einem Hotel auf Malta, das sie nie wieder buchen durften, oder den elterlichen Partykeller kurz nach einer Familienfeier, oder, oder, oder.
Normalerweise saßen sie nach einem aushäusigen Abend noch beieinander, tranken ein oder zwei Absacker und redeten den gerade ersterbenden Tag in Stücke. Nicht so an diesem Abend. Recht wortkarg stiegen sie ins Bett und prüften über Gebühr lange die Struktur der Zimmerdecke. Gertrud durchbrach die Stille und legte den oralen Finger auf die mentale Wunde. „Richard hat recht. Wir werden alt und bald viel zu alt für ein Kind.“ Klaus-Dieter tat so, als schreckte er gerade aus einem leichten Dämmerschlaf auf. Er wollte nicht zugeben, dass er genau das Gleiche gedacht hatte, und etwas Schlagfertigeres als ein angegähntes „Wieso?“ fiel ihm nicht ein. „Denk doch mal nach.“ Gertrud setzte sich auf. „Wenn wir es schaffen, schwanger zu werden, bin ich 32 oder 33. Ich gehe dann stramm auf die 40 zu, wenn unser Kind dann eingeschult wird. Die anderen Eltern werden denken – ach, da kommt wieder die Oma mit ihrem Enkelkind.“ „Jetzt übertreib mal nicht.“ Klaus-Dieter saß nun ebenfalls. „Viele Leute bekommen erst mit Anfang 30 ihr erstes Kind. Die jungen Hüpfer, die schon 10 Jahre früher einen Kindergartenplatz suchen müssen, sind doch allesamt unreif und hoffnungslos überfordert. Wir haben die Reife und die Übersicht und …“ Seine Augen trafen auf Gertruds, und er stoppte seine Rede. „OK, stimmt schon irgendwie. 30 – überleg mal. Das Alter, das Mick Jagger nie erreichen wollte. Und jetzt wirbelt er mit 81 noch über große Bühnen und ist vor Kurzem wieder Vater geworden.“ „Genau“, pflichtete ihm Gertrud bei, „und die Mutter ist doch seine 79 Jahre alte Geliebte, oder?“ Klaus-Dieter hatte sich da etwas verzettelt. „Ja, ganz schlechtes Beispiel. Früher taten mir Leute über 30 auch irgendwie leid. Sie hatten die besten Jahre bereits hinter sich, hörten nur Volksmusik und warteten auf die Rente.“ Auch diesmal stoppte Klaus-Dieter, als er in Gertruds immer größer werdenden Augen sah. „Ja ja, ich weiß – kommt jetzt auch nicht so richtig rüber. Aber wir sind doch ganz anders alt … also älter. Die Menschen werden ja auch allgemein immer älter. Schau mal, wenn ich meinen 90. Geburtstag feiere, dann ist unser Kind schon immerhin …“ „Deinen 90. Geburtstag feierst du mit Mr Pommeroy und Mr Winterbottom – wenn überhaupt. Mach dir doch nichts vor. Wenn wir überhaupt ein Kind bekommen, sind wir einfach alte Eltern. Punktum.“ Damit war Klaus-Dieters Redezeit erloschen. ‚Punktum‘ war so ziemlich das Ultimativste, das Gertrud von sich geben konnte (und damit sei auch der grammatikalisch falsche Superlativ verziehen). Sie sagte dieses Wort zwar selten, aber wenn es geschah, war jede weitere Einlassung ein donnernder Hammerschlag, der ihre Stimmung immer tiefer in die Mucksigkeitsphase trieb. Klaus-Dieter versiegelte ad hoc seine Lippen und stimmte im Stillen seiner Gattin sogar ein wenig zu, aber sooooo dramatisch fand er das alles auch nicht. „HA!“, dachte er plötzlich, „Klaus-Jürgen Wussow, zum Beispiel, hatte auch noch im Alter von …“ als er realisierte, was und vor allem wer sich da in seine Vaterschaftsplanung eingeschlichen hatte, wurde ihm ein wenig übel. An diesem Abend fand noch ein bemitleidenswerter Versuch statt, den ehelichen Beischlaf (Sex verbietet sich, diese eher an auferlegte körperliche Ertüchtigung erinnernde, hospitalistisch erscheinenden Bewegungen zu nennen) zu vollziehen. Es gab durchaus ernst gemeinte Erektionsbemühungen, aber weder Befriedigung noch das Abschicken eines virulenten Samenpäckchens krönte die Aktion. Anstelle der durch den Raum huschenden Unsterblichkeit quälte sich ein Hauch von Altersschwäche am ehelichen Doppelbett vorbei. Klaus-Dieter schlief tief und traumlos. Gertrud schlief noch lange nicht.
In den nächsten Wochen änderte sich ihre Sexualität von Grund auf. Jede Art körperlicher Annäherung sollte, ja musste, den Akt zur Folge haben. Unromantischer konnte man das sonst so sinneserfüllende Tun nicht umschreiben. Vollzug musste vermeldet werden. Sinnlose Samenplemperei war fahrlässig und wurde mit bösen Blicken nicht unter 5 Sekunden bestraft. Ein Zeitplan wurde aufgestellt und musste eingehalten werden. An manchen Tagen, die auf dem Küchenkalender mit drei Ausrufezeichen versehen waren, sollten es durchaus zwei bis drei Begattungsversuche sein. An weniger fruchtbaren Tagen wurde ein spontaner Lustanfall schon mal mit den Worten „Bist du denn verrückt? So eine Verschwendung!“ im Spross zum Welken gebracht. Beide machten sich zudem den Stammzellenzieleinlauf besonders schwer, da sie sich bei jedem aussichtsreichen Versuch merken wollten, wo und wann der Lebensurknall geschah, was man gerade dabei gedacht hatte und wie das Wetter war. So konnte man später vielleicht gewisse Charakterstärken oder -schwächen besser erklären oder zum Beispiel ein sonniges Gemüt auf die seinerzeit herrschende Großwetterlage zurückführen.
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