Erbentod
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 284
ISBN: 978-3-7116-1350-9
Erscheinungsdatum: 01.12.2025
Ein Anschlag auf öffentlicher Straße und eine Tötung mit einhergehender Kindesentführung auf der Entbindungsstation scheinen vorerst ohne Zusammenhang. Vor diesem Hintergrund gerät das Leben einer jungen Ermittlerin in schweres Fahrwasser.
1
Es hatte ein paar Mal „plopp“, „plopp“ gemacht …
Ihm war klar: Er musste sich sortieren. Es war eine außergewöhnliche Situation, in der er sich befand. Er lag, das Gesicht leicht nach rechts geneigt, auf dem gepflasterten Bürgersteig. Sein Sweatshirt war geringfügig mit der Kapuze über seinen Hinterkopf geschoben, auf der Höhe seines Bauchnabels zwischen Shirt und Hosenbund lagerte ein circa fünfjähriger Zwerg-Teckelrüde, der sich in seinem Sixpack zwischen der rechtsseitigen zwölften Rippe und dem Hosenbund verbissen hatte. Der Druck des Körpergewichtes des ausgewachsenen Mannes über ihm hinderte den kleinen Gesellen nicht nur daran, den Griff seiner Kiefer zu lösen, sondern auch, seinen Körper über den Vorgang der ungestörten Atmung mit dem notwendigen Sauerstoff zu versorgen. Kurz: Er war dabei zu ersticken, ohne dass man davon sprechen konnte, dass er sein Leben aushauchte, denn selbst das Ausatmen der verbrauchten Luft aus seiner winzigen Hundelunge war in dieser Position nicht möglich.
Neben dem ungleichen Paar lag eine ältere Frau kleinerer Statur, deren Augenlider noch ein wenig flatterten, während sie ihrem männlichen Widerpart auf dem Bürgersteig einen letzten ungläubigen Blick zuwarf, bevor das vegetative Nervensystem pflichtbewusst dafür sorgte, dass sich die Lider dieser einst so lebensfrohen Dame für immer schlossen. Ihr Gesicht war wie das ihres Nachbarn blutüberströmt. Vor einem kurzen Moment hatte ihre Halsschlagader aufgehört, springbrunnenartig Blut aus einer aufgerissenen Halswunde emporspritzen zu lassen. Es war jetzt noch ein kleines Rinnsal, hatte doch das energiegeladene Herz die Zwecklosigkeit seines Pump-Auftrages eingesehen und angesichts des enormen Verlustes an Blut seine Tätigkeit eingestellt.
Gerne hätte er mit einer Wendung seines Kopfes den Blick von der Verstorbenen gelöst, spürte aber, dass ein solcher Vorgang für ihn tödlich enden könnte. Es galt jetzt, sich darauf zu konzentrieren, wie sich der Motorradfahrer verhalten würde, der sich soeben noch auf der benachbarten Fahrbahn gut vernehmbar entfernt hatte, jetzt aber wohl wendete, um abermals die Stelle des Unheils zu passieren.
Nach einer kurzen Herleitung der ungewöhnlichen Geschehnisse der letzten Minuten blieb ihm nichts anderes übrig als davon auszugehen, dass vom Motorrad aus mit einer schalldämpferbestückten Waffe geschossen worden war. Ziel dürfte dabei nicht die ältere Dame oder gar ihr Fliegenschiss von Hund gewesen sein, sondern zweifellos hatte der Anschlag ihm gegolten. Unklar im Moment: War der Schütze Sozius auf dem Krad gewesen und womöglich noch in der Nähe, um in wenigen Minuten vom zurückkehrenden Fahrzeug aufgesammelt zu werden oder gab es nur den Fahrer, der kurz gestoppt hatte, um die beiden Schüsse abzufeuern? Ganz gleich, es schien von elementarer Bedeutung liegen zu bleiben, um für sein mordendes Umfeld als getroffen und damit als getötet zu gelten. Der großzügige Blutfluss aus der Halsschlagader der neben ihm liegenden Dame sorgte dafür, dass es für Außenstehende so aussehen musste, als wären zwei Personen getötet worden. Es bestand für den Schützen insofern auch kein Anlass, nochmals zu feuern, zumal ein abermaliges Abstoppen des Motorrades erhebliche Risiken beinhalten dürfte. Die Aufmerksamkeit von Passanten und Anwohnern könnte geweckt, das Augenmerk auf ein langsamer werdendes Krad gerichtet und dann womöglich Bilder über die allgegenwärtigen Handys gemacht werden.
Es war ein Fehler gewesen, das sich nähernde und langsam werdende Motorrad anfangs nicht registriert zu haben. Jetzt durfte der Schütze nicht den Eindruck bekommen, dass sein Anschlag fehlgeschlagen war. Er entschloss sich, Millimeter für Millimeter den Kopf nach links zu drehen, weg vom Anblick der getöteten Dame, hin zur Fahrbahn, auf der sich das Motorrad näherte. Er glaubte, eine Suzuki GSX-R 750 mit Rennverkleidung erkennen zu können. Der Fahrer war in schwarzem Leder gekleidet und trug auf dem Kopf einen Shoei Neotec II Excursion TC-3 Integralhelm. Er hatte die Geschwindigkeit gedrosselt und bemühte sich angestrengt, im Schritttempo einen Überblick über die Situation auf dem Bürgersteig zu erlangen. Was er sah, schien ihn zufrieden zu stellen. Die Maschine jaulte auf und verschwand mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Weststadt.
Schritte näherten sich aus Richtung City. Es waren seit Abgabe der Schüsse erst wenige Minuten vergangen. Passanten tauschten sich beim Nähern aufgeregt aus und begannen, sich gegenseitig Anweisungen zu geben. Aus seiner Bodenlage heraus konnte er wahrnehmen, dass offenbar Einvernehmen bestand, hier zwei getötete Menschen vorzufinden, denen nicht mehr zu helfen sei. Die großen Mengen Blut dürften großen Anteil an dieser Urteilsfindung gehabt haben. Das Feststellen von Puls und Atmung bei Verletzten und deren Fixierung in der stabilen Seitenlage schienen zudem aus der Mode gekommen zu sein.
„Guck mal, unter dem Typen liegt ein Hund. Komm, ich versuche den Körper zu drehen und du ziehst den Hund da raus.“ Der Stimme nach musste es eine junge Frau sein, der das Schicksal eines Zwergdackelrüden mehr am Herzen lag als das von zwei erwachsenen Menschen in einer Blutlache.
Er musste hier weg, und zwar so, dass möglichst später keine Angaben über ihn gemacht werden konnten. Auf keinen Fall durfte sein Gesicht später auf irgendeinem Handyfoto zu erkennen sein.
Ruckartig zog er die Hände Richtung Kopf, schlug die Kapuze hoch, stützte sich auf die Arme, zog die Beine unter seinen Körper und richtete sich auf, um sofort im Laufschritt dem makabren Geschehen zu entfliehen. Diese Abläufe gelangen fließend, da seine Glieder zwar durch die Bodenlage angefangen hatten auszukühlen, jedoch in der Kürze der Zeit noch nicht steif geworden waren. Der Teckelrüde hatte, bedingt durch sein Ableben, den Widerstand aufgegeben. Sein Kiefer löste sich aus dem Bauch des ehemaligen Opfers und der kleine Kerl fiel wie ein nasser Kartoffelsack zu Boden. Das Erstaunen der Umstehenden äußerte sich auf vielfältige Weise.
Später wurde berichtet, dass die zwei jungen Frauen sich des Hundeleichnams bemächtigt und ihn auf dem Boden liegend mit Herzdruckmassage bearbeitet hätten, um ihn letztlich nach jeweils 80 bis 100 Druckanwendungen auch noch zu beatmen. Dafür drückten sie den Oberkiefer gegen den Unterkiefer, peinlich bemüht, darauf zu achten, dass die Zunge, schlimmstenfalls dazwischenliegend, nicht perforiert wurde. Die stoßweise Beatmung erfolgte durch die beiden Löcher im Nasenschwamm des Hundes, Nasenlöcher genannt. Es schien wie ein Wunder: Da der Vorgang des Erstickens nur wenige Minuten zurücklag, gelang es den jungen Damen, den Rüden aus dem Jenseits zurückzuholen. Der quittierte diese Heldentat mit Knurren und einem herzhaften Biss in die rechte Wange seiner luftspendenden Retterin, wähnte er sich wohl noch im Kampfmodus. Dank seiner Schwächung dürfte der Kieferdruck bei mäßigen 20 statt der sonst möglichen 300 Kilopond gelegen haben, sodass das Gesicht der jungen Frau nicht maßgeblich verletzt wurde, sondern lediglich ein blauer Fleck verblieb. Eine Hundenothilfe-Organisation, die sich bundesweit für unsere vierfüßigen Mitgeschöpfe einsetzt, fühlte sich bemüßigt, den beiden Damen im Nachhinein die Ehrenmitgliedschaft anzutragen. In einer spätabendlichen Talkshow äußerte sich ein Tierarzt dahingehend, dass eine solche Wiederbelebung bei Hunden oder auch Katzen durchaus vielversprechend sei, aber eine gehörige Portion Zivilcourage abverlangen würde.
Bis zu seinem Hotel waren es bummelige zwei Kilometer. Mit einem Blick in eines der vielen Schaufenster stufte er sein Aussehen auf eine Mischung zwischen Dracula und Frankenstein Junior zur besten Halloweenzeit ein. Er würde Aufsehen erregen. Im Laufen entledigte er sich seines Sweatshirts und versuchte so gut es ging, sich damit das Gesicht zu säubern. Da heute in diesem Stadtteil die Entleerung der Mülltonnen auf dem Plan stand, konnte er das Shirt problemlos entsorgen, ohne zu befürchten, verfolgbare Spuren zu hinterlassen. Das wesentlich leichtere Hemd darunter hatte ebenfalls eine Kapuze. Es war eine seiner Vorsichtsmaßnahmen: Kapuzen gewährleisten, dass das Gesicht zumindest in Teilbereichen abgedeckt werden kann. So wie jetzt auch.
Gegenüber dem Menschen, der ihn seines Lebenslichtes berauben wollte, hatte er für einen Moment einen zeitlichen Vorsprung, den er nutzen wollte. Er konnte nicht ausschließen, dass sich der motorradbewehrte Killer angesichts seines scheinbaren Erfolges in seinem Hotelzimmer ungestört umsehen wollen würde.
Wenige hundert Meter vor seinem Hotel wurden seine Schritte langsamer und er verschwand schließlich in einem Hauseingang. Vorsichtig lugte er um die Ecke: Eine Person in schwarzer Lederkluft stellte auf dem Parkplatz eine 750er Suzuki ab und verschwand durch den hinteren Hoteleingang, ohne den Helm abgenommen zu haben. Jetzt galt es schnell zu sein. Mit einem kurzen Spurt gelangte auch er an diesen Eingang, dessen Tür am Tage nicht abgeschlossen war. Sein Zimmer mit der Nummer 222 befand sich im zweiten Stock und die Situation gab vor, es über die Treppe zu erreichen. Abermals war das Glück auf seiner Seite, konnte er doch, oben angekommen, im letzten Moment den Ledermenschen dabei beobachten, wie dieser nicht die Richtung zu den 220er Zimmern einschlug, sondern entgegengesetzt zu den 240ern abbog. Was für ein makabres Spiel des Schicksals, wohnte sein potenzieller Mörder nicht nur im selben Hotel, sondern auch noch im selben Stockwerk auf dem gleichen Gang, sozusagen fast Tür an Tür. Günstig für ihn, ungünstig für seinen Widersacher: Auf dem Flur befand sich ein kleiner Erker, der ein kurzes Verbergen ermöglichte, bis der Killer seine Tür zum Zimmer 246 hinter sich schloss. Wenige Sekunden später klopfte es an dieser Tür: „Zimmerservice!“
Die Tür wurde geöffnet, die Überraschung war gelungen. Wer kann schon behaupten erlebt zu haben, in Erwartung des hoteleigenen Personals einen vermeintlich von ihm ermordeten Menschen von Angesicht zu Angesicht vor sich stehen zu sehen? Mit einem knappen „Hallo“ betrat der Totgeglaubte, ohne eine Aufforderung abzuwarten, den Raum und begann, seine Arbeit zu verrichten.
2
Judith Goldenthal war am 9.3.1930 als Judith Fleischmann, dritte und letzte Tochter von Abraham und Sarah Fleischmann, bei Weißwasser in der Lausitz geboren worden. Ihr Vater war Prokurist der Firma „Oberlausitzer Glaswerke J. Schweig & Co“, die mit großem Erfolg in aller Welt geschätzte Medizin- und Bonbongläser herstellte und später auch Glasröhren und Glühlampen in das Sortiment aufnahm. Mit fünfzig Juden war der israelitische Anteil zu gering, um eine eigene jüdische Gemeinde zu repräsentieren, sodass die religiöse Zuständigkeit in der Gemeinde Görlitz angesiedelt war. Der Firmeninhaber, Joseph Schweig, hatte große unternehmerische Ambitionen, die zur Eröffnung weiterer Werke führten. Er fühlte sich aufgrund seiner geschäftlichen Erfolge gemüßigt, sich für die Allgemeinheit zu engagieren und wurde kommunalpolitisch aktiv. So gehörte er zu den Begründern der Deutschen Demokratischen Partei.
Abraham Fleischmann konnte sich als einer der vielen rechten Hände Schweigs bezeichnen. Im ersten Weltkrieg hatte er als Pionier gedient und war in der Schlacht von Verdun schwer verwundet worden, was den Verlust des linken Beines und des linken Augenlichtes mit sich brachte. Ausgezeichnet mit dem Ehrenzeichen für Schwerverletzte 1915 bis 1918, wurde er 1917 mit einundzwanzig Jahren aus dem Wehrdienst entlassen. Seine Frau Sarah lernte er bei einer Genesungskur in Bad Schlema, damals einer der fünf größten Kurorte Deutschlands, kennen. Aus der anfangs auf Mitleid beruhenden Verbindung wurde eine beiderseitige tiefe Liebe, erkannte Sarah doch in diesem Mann eine große charakterliche Festigkeit, die sich in einer überwältigenden Fürsorge gegenüber ihr und den späteren gemeinsamen Töchtern offenbarte. An allen Ecken und Kanten waren die Nachwehen des grausamen Krieges zu spüren. Das stattliche und auch beständige Einkommen des Familienoberhauptes sicherte nicht nur die Existenz dieser kleinen Gemeinschaft, sondern erlaubte auch, an den Turbulenzen der „Zwanziger“ teilzuhaben. Engagierte Kindermädchen umsorgten die Kleinen, sodass sich die Eltern regelmäßig in das Nachtleben stürzen konnten. Eine gutsitzende Prothese ließ es zu, dass Abraham und Sarah auf der Tanzfläche eine Runde nach der anderen drehen konnten. Abraham fühlte sich in guter Gesellschaft. Es war zu jener Zeit eine Vielzahl von Kriegsversehrten mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen in der Öffentlichkeit präsent.
Zum Ende des Jahrzehnts machte sich in der kleinen jüdischen Gemeinschaft Weißwassers, so wie im ganzen Land, ein ungutes Gefühl breit. Offenbar waren einige Menschen in der großen weiten Welt nicht bereit, die jüdische Glaubensgemeinschaft in Ruhe zu lassen. In einer Ruhe, die allen friedlichen Gläubigen zusteht, egal wie sie ausgerichtet sind.
Kurzfristig in der Flasche verschwunden, stieg der Geist des Unheils wieder heraus, ohne dass das Gefäß zuvor gewissenhaft verschlossen wurde.
Für die kleine Judith war anfangs nicht erkennbar, dass die Stimmung im Land wieder einmal kippte. Die Sorgenfalten der Eltern wurden jedoch tiefer. Anfeindungen auf der Straße gehörten in den dreißiger Jahren zur Tagesordnung. Der reichsweit angeordnete Judenboykott führte sehr schnell zur gesellschaftlichen Isolation. Enge „Freunde“ wollten im Umgang mit Fleischmanns nicht „verbrennen“, Fensterscheiben wurden mit Steinen eingeschmissen, umhüllt von Papier, auf dem zu lesen war: „Judensau, verschwinde aus unserem Land!“, Passanten wechselten die Straßenseite, um den Fleischmanns nicht begegnen zu müssen. Im Alter von elf Jahren, der zweite Weltkrieg tobte bereits, musste auch Judith den Judenstern tragen. Die Familie hielt sich so lange wie möglich im Haus auf. Es gab noch eine nichtjüdische Familie, die die Fleischmanns mit Lebensmitteln versorgte. Dann passierte es: Denunzianten versahen ihren verräterischen Dienst, die SS trommelte unhöflich an die Tür, stürmte das Haus und riss die Familie auseinander. Mutter Fleischmann wurde mit ihren Töchtern nach Ausschwitz deportiert, Vater Fleischmann nach Görlitz. Sie sollten sich nicht wieder sehen. Mutter Sarah erkrankte im Lager an einer Lungenentzündung mit der Folge, dass sie zusammen mit zwei Töchtern vorzeitig in den Gaskammern „entsorgt“ wurde. Judith gehörte aufgrund ihrer Musikalität, sie spielte Klavier und Flöte, einer Lager-Musikgruppe an und hatte zudem den privilegierten Status, der Tochter des Lagerkommandanten Gesellschaft leisten zu dürfen. Als am 27.1.1945 die Rote Armee das Lager befreite, gehörte sie zu den 7.000 Insassen, die den Gräueltaten entkommen waren, nachdem über 1,1 Mill. ihr Leben auf teilweise grausame Weise verloren hatten. Während ausgewachsene Männer bis auf vierzig Kilogramm heruntergehungert waren, gehörte sie zu den wenigen, die nicht ausgemergelt oder krank waren. Vater Abraham verstarb 1945 im KZ-Außenlager Görlitz Biesnitzer Grund. Er war in den letzten Jahren des Krieges als Zwangsarbeiter in der Waggon- und Maschinenbau AG Görlitz (WUMAG) eingesetzt worden. Als der NSDAP-Kreisleiter Bruno Malitz aufgrund des Vorrückens der Roten Armee die Evakuierung des Lagers befahl, gehörte Abraham zu denjenigen Häftlingen, die als „gehunfähig“ erschossen wurden, was ihm die Qualen des Evakuierungsmarsches, auch Todesmarsch genannt, „ersparte“.
Judith schloss sich mit ihren fünfzehn Jahren einer Gruppe Erwachsener an, die sie in fürsorglicher Art beeinflussten, mit nach Palästina auszuwandern. „Nichts wie weg hier!“, war die Devise, war man sich doch im Klaren darüber, dass eine nicht geringe Anzahl von Nazi-Schergen Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung nach dem Krieg haben würde.
„Alija“, der Begriff für die historische Einwanderung der Juden nach Palästina bzw. seit 1948 nach Israel, stammt aus der Bibel. Die Übersetzung lautet „Aufsteigen“, bezieht sich auf das höher gelegene Bergland, das „Zion“. Was Judith betraf, war es einfach auf den Punkt zu bringen: Es wurde ihr, wie anderen Juden auch, der Weg nach Israel aufgezeigt, an dessen Ziel man sie willkommen hieß.
Judith konnte in ihrer neuen Heimat mit viel Fleiß ihr Abitur ablegen, studierte Musikwissenschaft, heiratete einen Verleger, dem sie eine Tochter gebar. Als ihr Mann früh verstarb, beschloss sie, siebzigjährig, ihrer Tochter nach Deutschland zu folgen. Sie war sich durchaus bewusst, dass es schon wieder, oder immer noch, antisemitische Tendenzen gab. Es waren die Enkelkinder, die ihre Ängste als zweitrangig erscheinen ließen. Besonders ihre Enkeltochter Mira hatte es ihr angetan.
Mira hatte als Vierzehnjährige beschlossen, später Geschichte zu studieren, um damit zu helfen, die Vergangenheit der Deutschen aufzuarbeiten. Ihre Geschichtslehrerin war begeistert und so kamen beide zusammen auf die Idee, Oma Judith in die Schule zu bitten, um vor den Schülern zu berichten, wie es ihrer Familie und den vielen jüdischen Mitbürgern zu Zeiten des Dritten Reiches ergangen war. Es wurde ein großer Erfolg. Die rüstige alte Dame hinterließ große Beklommenheit in den Klassenzimmern. Judith hatte für sich beschlossen, den Deutschen keine Erbschuld zu unterstellen. Es ging nicht darum zu verzeihen. Dazu war sie nicht bereit. Vielmehr war es wichtig, der neuen Generation nicht anzulasten, was ehemals an Verbrechen verübt worden war. Die Art ihres Vortragens sprach sich herum, sodass sie viele Tage im Jahr in den unterschiedlichsten Schulen des Landes unterwegs war, um den Geschichtsunterricht in ihrer unnachahmlichen Art zu bereichern.
Das Erlebnis der Schmähungen dummer Jungen auf den Schulfluren blieb ihr und den meisten Lehrern erspart. Nicht so die anonyme Briefpost und die darin enthaltenen Beleidigungen und Drohungen. Da waren sie wieder, die chaotischen Kaputtmacher, die wie blutsaugende Vampire den Gräbern zurückliegender Epochen entstiegen, meinend, dem Drachen der Intoleranz Menschenopfer schuldig zu sein.
Judith fühlte sich anfangs wie ins Mark getroffen. Sie begann mutlos zu werden, wurde dann aber von ihrer Familie und einer Vielzahl Schüler wieder aufgerichtet, um kämpferisch weiterzumachen.
Mira täuschte gerne vor, dass sie einmal keine Lust, das andere Mal keine Zeit hatte, um mit ihrem Zwerg-Teckelrüden namens Terminator spazieren zu gehen. Die Bitte, ob ihre liebe kleine Oma das nicht übernehmen könnte, wurde so gut wie nie ausgeschlagen. So tippelte die rüstige ältere Dame mehrmals in der Woche wohlgemut erst durch den Park, dann über den Bürgersteig, hin zum See und wieder zurück. Bis …
Die querenden Katzen fand sie ja noch ganz lustig. Zwei Stubentiger im Liebesrausch. Sie zielstrebig vorweg, er wie von Sinnen hinterher. Wie Männer eben mal so sind. Auch mit dem Gebaren des blutrünstigen Terminators, herausgefordert von diesem bescheuerten Kater, meinte sie fertig werden zu können. Als der aber anfing, sie mit der langen Ablaufleine paketartig einzuschnüren, war Schluss mit lustig. Erleichtert war sie über das Erscheinen des Herrn, der wie gerufen auf sie zu stürzte, um einzugreifen. Und stoppte nicht sogar ein Motorradfahrer mit der Absicht zu helfen? Dieser verflixte Dackel. Dann der stechende Schmerz am Hals, die einsetzende Schwäche und schließlich der Sturz, den sie so gerne vermieden hätte. Die sorgenvollen Gedanken um den Dackel, der sich anschickte, dem netten, ebenfalls gestürzten Herrn in den Bauch zu beißen und damit sein Leben zu riskieren, waren ihre letzten. Wie sollte sie das Mira erklären, wenn …
3
Ganz spurlos war der Tag nicht an ihm vorbeigegangen. Den Wechsel vom Hotel aus der Nordstadt zur kleinen Pension in der Südstadt konnte man durchaus als ungewöhnlich bezeichnen. Der Unterschied von „Vier Sterne“ zu einem „Zimmer mit dem Bad über den Gang“ sollte zu verkraften sein. Die Rückzugsmodalitäten wurden wie gewohnt routiniert abgespult. Der Seesack war geübt in unter vier Minuten gepackt. Von ihm hinterlassene Spuren konnten nur insofern beseitigt werden, als er alle möglichen Kontaktflächen von seinen Fingerabdrücken reinigte. Genetische Fingerabdrücke wie Haare und Schuppen wurden aus seinem „Gentresor“ vervielfältigt. Stets führte er in unterschiedlichen kleinen Plastiktüten Haare, Zigarettenstummel oder auch mal Fremdsperma mit sich. Hinsichtlich der Kopfhaare bediente er sich an Mülltonnen von Friseursalons. Mit Schamhaaren oder epilierten Damenhaaren war es weitaus schwieriger. Er musste warten, bis Gäste im Hotel auscheckten und hoffen, dass ihre Zimmer nicht abgeschlossen waren. Bevor die Reinigungstruppen anrückten, sammelte er in den Abläufen der Waschbecken und Duschen Haare jedweder Couleur ein. Männliche Schamhaare fanden sich gerne in der Bettwäsche, weibliche an Rasierklingen oder ganzen Einwegapparaten, die man in Mülleimern finden konnte. Gefüllte Kondome in den Abfalleimern, diskret in Toilettenpapier verpackt oder schamlos hineingeworfen, lieferten genetisch aufschlussreiches Material, was sich aufgrund der eiweißreichen Konsistenz allerdings nur kurzfristig aufbewahren ließ, fing es doch nach einigen Tagen an, erbarmungslos zu stinken. So konnte er auch heute ein breites Relief unterschiedlichster Genabdrücke hinterlassen. Eine möglicherweise später sondierende Spurensicherung musste davon ausgehen, dass im Zimmer 222 aneinandergereihte Betriebsfeiern ausschweifender Natur stattgefunden haben mussten.
...
Es hatte ein paar Mal „plopp“, „plopp“ gemacht …
Ihm war klar: Er musste sich sortieren. Es war eine außergewöhnliche Situation, in der er sich befand. Er lag, das Gesicht leicht nach rechts geneigt, auf dem gepflasterten Bürgersteig. Sein Sweatshirt war geringfügig mit der Kapuze über seinen Hinterkopf geschoben, auf der Höhe seines Bauchnabels zwischen Shirt und Hosenbund lagerte ein circa fünfjähriger Zwerg-Teckelrüde, der sich in seinem Sixpack zwischen der rechtsseitigen zwölften Rippe und dem Hosenbund verbissen hatte. Der Druck des Körpergewichtes des ausgewachsenen Mannes über ihm hinderte den kleinen Gesellen nicht nur daran, den Griff seiner Kiefer zu lösen, sondern auch, seinen Körper über den Vorgang der ungestörten Atmung mit dem notwendigen Sauerstoff zu versorgen. Kurz: Er war dabei zu ersticken, ohne dass man davon sprechen konnte, dass er sein Leben aushauchte, denn selbst das Ausatmen der verbrauchten Luft aus seiner winzigen Hundelunge war in dieser Position nicht möglich.
Neben dem ungleichen Paar lag eine ältere Frau kleinerer Statur, deren Augenlider noch ein wenig flatterten, während sie ihrem männlichen Widerpart auf dem Bürgersteig einen letzten ungläubigen Blick zuwarf, bevor das vegetative Nervensystem pflichtbewusst dafür sorgte, dass sich die Lider dieser einst so lebensfrohen Dame für immer schlossen. Ihr Gesicht war wie das ihres Nachbarn blutüberströmt. Vor einem kurzen Moment hatte ihre Halsschlagader aufgehört, springbrunnenartig Blut aus einer aufgerissenen Halswunde emporspritzen zu lassen. Es war jetzt noch ein kleines Rinnsal, hatte doch das energiegeladene Herz die Zwecklosigkeit seines Pump-Auftrages eingesehen und angesichts des enormen Verlustes an Blut seine Tätigkeit eingestellt.
Gerne hätte er mit einer Wendung seines Kopfes den Blick von der Verstorbenen gelöst, spürte aber, dass ein solcher Vorgang für ihn tödlich enden könnte. Es galt jetzt, sich darauf zu konzentrieren, wie sich der Motorradfahrer verhalten würde, der sich soeben noch auf der benachbarten Fahrbahn gut vernehmbar entfernt hatte, jetzt aber wohl wendete, um abermals die Stelle des Unheils zu passieren.
Nach einer kurzen Herleitung der ungewöhnlichen Geschehnisse der letzten Minuten blieb ihm nichts anderes übrig als davon auszugehen, dass vom Motorrad aus mit einer schalldämpferbestückten Waffe geschossen worden war. Ziel dürfte dabei nicht die ältere Dame oder gar ihr Fliegenschiss von Hund gewesen sein, sondern zweifellos hatte der Anschlag ihm gegolten. Unklar im Moment: War der Schütze Sozius auf dem Krad gewesen und womöglich noch in der Nähe, um in wenigen Minuten vom zurückkehrenden Fahrzeug aufgesammelt zu werden oder gab es nur den Fahrer, der kurz gestoppt hatte, um die beiden Schüsse abzufeuern? Ganz gleich, es schien von elementarer Bedeutung liegen zu bleiben, um für sein mordendes Umfeld als getroffen und damit als getötet zu gelten. Der großzügige Blutfluss aus der Halsschlagader der neben ihm liegenden Dame sorgte dafür, dass es für Außenstehende so aussehen musste, als wären zwei Personen getötet worden. Es bestand für den Schützen insofern auch kein Anlass, nochmals zu feuern, zumal ein abermaliges Abstoppen des Motorrades erhebliche Risiken beinhalten dürfte. Die Aufmerksamkeit von Passanten und Anwohnern könnte geweckt, das Augenmerk auf ein langsamer werdendes Krad gerichtet und dann womöglich Bilder über die allgegenwärtigen Handys gemacht werden.
Es war ein Fehler gewesen, das sich nähernde und langsam werdende Motorrad anfangs nicht registriert zu haben. Jetzt durfte der Schütze nicht den Eindruck bekommen, dass sein Anschlag fehlgeschlagen war. Er entschloss sich, Millimeter für Millimeter den Kopf nach links zu drehen, weg vom Anblick der getöteten Dame, hin zur Fahrbahn, auf der sich das Motorrad näherte. Er glaubte, eine Suzuki GSX-R 750 mit Rennverkleidung erkennen zu können. Der Fahrer war in schwarzem Leder gekleidet und trug auf dem Kopf einen Shoei Neotec II Excursion TC-3 Integralhelm. Er hatte die Geschwindigkeit gedrosselt und bemühte sich angestrengt, im Schritttempo einen Überblick über die Situation auf dem Bürgersteig zu erlangen. Was er sah, schien ihn zufrieden zu stellen. Die Maschine jaulte auf und verschwand mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Weststadt.
Schritte näherten sich aus Richtung City. Es waren seit Abgabe der Schüsse erst wenige Minuten vergangen. Passanten tauschten sich beim Nähern aufgeregt aus und begannen, sich gegenseitig Anweisungen zu geben. Aus seiner Bodenlage heraus konnte er wahrnehmen, dass offenbar Einvernehmen bestand, hier zwei getötete Menschen vorzufinden, denen nicht mehr zu helfen sei. Die großen Mengen Blut dürften großen Anteil an dieser Urteilsfindung gehabt haben. Das Feststellen von Puls und Atmung bei Verletzten und deren Fixierung in der stabilen Seitenlage schienen zudem aus der Mode gekommen zu sein.
„Guck mal, unter dem Typen liegt ein Hund. Komm, ich versuche den Körper zu drehen und du ziehst den Hund da raus.“ Der Stimme nach musste es eine junge Frau sein, der das Schicksal eines Zwergdackelrüden mehr am Herzen lag als das von zwei erwachsenen Menschen in einer Blutlache.
Er musste hier weg, und zwar so, dass möglichst später keine Angaben über ihn gemacht werden konnten. Auf keinen Fall durfte sein Gesicht später auf irgendeinem Handyfoto zu erkennen sein.
Ruckartig zog er die Hände Richtung Kopf, schlug die Kapuze hoch, stützte sich auf die Arme, zog die Beine unter seinen Körper und richtete sich auf, um sofort im Laufschritt dem makabren Geschehen zu entfliehen. Diese Abläufe gelangen fließend, da seine Glieder zwar durch die Bodenlage angefangen hatten auszukühlen, jedoch in der Kürze der Zeit noch nicht steif geworden waren. Der Teckelrüde hatte, bedingt durch sein Ableben, den Widerstand aufgegeben. Sein Kiefer löste sich aus dem Bauch des ehemaligen Opfers und der kleine Kerl fiel wie ein nasser Kartoffelsack zu Boden. Das Erstaunen der Umstehenden äußerte sich auf vielfältige Weise.
Später wurde berichtet, dass die zwei jungen Frauen sich des Hundeleichnams bemächtigt und ihn auf dem Boden liegend mit Herzdruckmassage bearbeitet hätten, um ihn letztlich nach jeweils 80 bis 100 Druckanwendungen auch noch zu beatmen. Dafür drückten sie den Oberkiefer gegen den Unterkiefer, peinlich bemüht, darauf zu achten, dass die Zunge, schlimmstenfalls dazwischenliegend, nicht perforiert wurde. Die stoßweise Beatmung erfolgte durch die beiden Löcher im Nasenschwamm des Hundes, Nasenlöcher genannt. Es schien wie ein Wunder: Da der Vorgang des Erstickens nur wenige Minuten zurücklag, gelang es den jungen Damen, den Rüden aus dem Jenseits zurückzuholen. Der quittierte diese Heldentat mit Knurren und einem herzhaften Biss in die rechte Wange seiner luftspendenden Retterin, wähnte er sich wohl noch im Kampfmodus. Dank seiner Schwächung dürfte der Kieferdruck bei mäßigen 20 statt der sonst möglichen 300 Kilopond gelegen haben, sodass das Gesicht der jungen Frau nicht maßgeblich verletzt wurde, sondern lediglich ein blauer Fleck verblieb. Eine Hundenothilfe-Organisation, die sich bundesweit für unsere vierfüßigen Mitgeschöpfe einsetzt, fühlte sich bemüßigt, den beiden Damen im Nachhinein die Ehrenmitgliedschaft anzutragen. In einer spätabendlichen Talkshow äußerte sich ein Tierarzt dahingehend, dass eine solche Wiederbelebung bei Hunden oder auch Katzen durchaus vielversprechend sei, aber eine gehörige Portion Zivilcourage abverlangen würde.
Bis zu seinem Hotel waren es bummelige zwei Kilometer. Mit einem Blick in eines der vielen Schaufenster stufte er sein Aussehen auf eine Mischung zwischen Dracula und Frankenstein Junior zur besten Halloweenzeit ein. Er würde Aufsehen erregen. Im Laufen entledigte er sich seines Sweatshirts und versuchte so gut es ging, sich damit das Gesicht zu säubern. Da heute in diesem Stadtteil die Entleerung der Mülltonnen auf dem Plan stand, konnte er das Shirt problemlos entsorgen, ohne zu befürchten, verfolgbare Spuren zu hinterlassen. Das wesentlich leichtere Hemd darunter hatte ebenfalls eine Kapuze. Es war eine seiner Vorsichtsmaßnahmen: Kapuzen gewährleisten, dass das Gesicht zumindest in Teilbereichen abgedeckt werden kann. So wie jetzt auch.
Gegenüber dem Menschen, der ihn seines Lebenslichtes berauben wollte, hatte er für einen Moment einen zeitlichen Vorsprung, den er nutzen wollte. Er konnte nicht ausschließen, dass sich der motorradbewehrte Killer angesichts seines scheinbaren Erfolges in seinem Hotelzimmer ungestört umsehen wollen würde.
Wenige hundert Meter vor seinem Hotel wurden seine Schritte langsamer und er verschwand schließlich in einem Hauseingang. Vorsichtig lugte er um die Ecke: Eine Person in schwarzer Lederkluft stellte auf dem Parkplatz eine 750er Suzuki ab und verschwand durch den hinteren Hoteleingang, ohne den Helm abgenommen zu haben. Jetzt galt es schnell zu sein. Mit einem kurzen Spurt gelangte auch er an diesen Eingang, dessen Tür am Tage nicht abgeschlossen war. Sein Zimmer mit der Nummer 222 befand sich im zweiten Stock und die Situation gab vor, es über die Treppe zu erreichen. Abermals war das Glück auf seiner Seite, konnte er doch, oben angekommen, im letzten Moment den Ledermenschen dabei beobachten, wie dieser nicht die Richtung zu den 220er Zimmern einschlug, sondern entgegengesetzt zu den 240ern abbog. Was für ein makabres Spiel des Schicksals, wohnte sein potenzieller Mörder nicht nur im selben Hotel, sondern auch noch im selben Stockwerk auf dem gleichen Gang, sozusagen fast Tür an Tür. Günstig für ihn, ungünstig für seinen Widersacher: Auf dem Flur befand sich ein kleiner Erker, der ein kurzes Verbergen ermöglichte, bis der Killer seine Tür zum Zimmer 246 hinter sich schloss. Wenige Sekunden später klopfte es an dieser Tür: „Zimmerservice!“
Die Tür wurde geöffnet, die Überraschung war gelungen. Wer kann schon behaupten erlebt zu haben, in Erwartung des hoteleigenen Personals einen vermeintlich von ihm ermordeten Menschen von Angesicht zu Angesicht vor sich stehen zu sehen? Mit einem knappen „Hallo“ betrat der Totgeglaubte, ohne eine Aufforderung abzuwarten, den Raum und begann, seine Arbeit zu verrichten.
2
Judith Goldenthal war am 9.3.1930 als Judith Fleischmann, dritte und letzte Tochter von Abraham und Sarah Fleischmann, bei Weißwasser in der Lausitz geboren worden. Ihr Vater war Prokurist der Firma „Oberlausitzer Glaswerke J. Schweig & Co“, die mit großem Erfolg in aller Welt geschätzte Medizin- und Bonbongläser herstellte und später auch Glasröhren und Glühlampen in das Sortiment aufnahm. Mit fünfzig Juden war der israelitische Anteil zu gering, um eine eigene jüdische Gemeinde zu repräsentieren, sodass die religiöse Zuständigkeit in der Gemeinde Görlitz angesiedelt war. Der Firmeninhaber, Joseph Schweig, hatte große unternehmerische Ambitionen, die zur Eröffnung weiterer Werke führten. Er fühlte sich aufgrund seiner geschäftlichen Erfolge gemüßigt, sich für die Allgemeinheit zu engagieren und wurde kommunalpolitisch aktiv. So gehörte er zu den Begründern der Deutschen Demokratischen Partei.
Abraham Fleischmann konnte sich als einer der vielen rechten Hände Schweigs bezeichnen. Im ersten Weltkrieg hatte er als Pionier gedient und war in der Schlacht von Verdun schwer verwundet worden, was den Verlust des linken Beines und des linken Augenlichtes mit sich brachte. Ausgezeichnet mit dem Ehrenzeichen für Schwerverletzte 1915 bis 1918, wurde er 1917 mit einundzwanzig Jahren aus dem Wehrdienst entlassen. Seine Frau Sarah lernte er bei einer Genesungskur in Bad Schlema, damals einer der fünf größten Kurorte Deutschlands, kennen. Aus der anfangs auf Mitleid beruhenden Verbindung wurde eine beiderseitige tiefe Liebe, erkannte Sarah doch in diesem Mann eine große charakterliche Festigkeit, die sich in einer überwältigenden Fürsorge gegenüber ihr und den späteren gemeinsamen Töchtern offenbarte. An allen Ecken und Kanten waren die Nachwehen des grausamen Krieges zu spüren. Das stattliche und auch beständige Einkommen des Familienoberhauptes sicherte nicht nur die Existenz dieser kleinen Gemeinschaft, sondern erlaubte auch, an den Turbulenzen der „Zwanziger“ teilzuhaben. Engagierte Kindermädchen umsorgten die Kleinen, sodass sich die Eltern regelmäßig in das Nachtleben stürzen konnten. Eine gutsitzende Prothese ließ es zu, dass Abraham und Sarah auf der Tanzfläche eine Runde nach der anderen drehen konnten. Abraham fühlte sich in guter Gesellschaft. Es war zu jener Zeit eine Vielzahl von Kriegsversehrten mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen in der Öffentlichkeit präsent.
Zum Ende des Jahrzehnts machte sich in der kleinen jüdischen Gemeinschaft Weißwassers, so wie im ganzen Land, ein ungutes Gefühl breit. Offenbar waren einige Menschen in der großen weiten Welt nicht bereit, die jüdische Glaubensgemeinschaft in Ruhe zu lassen. In einer Ruhe, die allen friedlichen Gläubigen zusteht, egal wie sie ausgerichtet sind.
Kurzfristig in der Flasche verschwunden, stieg der Geist des Unheils wieder heraus, ohne dass das Gefäß zuvor gewissenhaft verschlossen wurde.
Für die kleine Judith war anfangs nicht erkennbar, dass die Stimmung im Land wieder einmal kippte. Die Sorgenfalten der Eltern wurden jedoch tiefer. Anfeindungen auf der Straße gehörten in den dreißiger Jahren zur Tagesordnung. Der reichsweit angeordnete Judenboykott führte sehr schnell zur gesellschaftlichen Isolation. Enge „Freunde“ wollten im Umgang mit Fleischmanns nicht „verbrennen“, Fensterscheiben wurden mit Steinen eingeschmissen, umhüllt von Papier, auf dem zu lesen war: „Judensau, verschwinde aus unserem Land!“, Passanten wechselten die Straßenseite, um den Fleischmanns nicht begegnen zu müssen. Im Alter von elf Jahren, der zweite Weltkrieg tobte bereits, musste auch Judith den Judenstern tragen. Die Familie hielt sich so lange wie möglich im Haus auf. Es gab noch eine nichtjüdische Familie, die die Fleischmanns mit Lebensmitteln versorgte. Dann passierte es: Denunzianten versahen ihren verräterischen Dienst, die SS trommelte unhöflich an die Tür, stürmte das Haus und riss die Familie auseinander. Mutter Fleischmann wurde mit ihren Töchtern nach Ausschwitz deportiert, Vater Fleischmann nach Görlitz. Sie sollten sich nicht wieder sehen. Mutter Sarah erkrankte im Lager an einer Lungenentzündung mit der Folge, dass sie zusammen mit zwei Töchtern vorzeitig in den Gaskammern „entsorgt“ wurde. Judith gehörte aufgrund ihrer Musikalität, sie spielte Klavier und Flöte, einer Lager-Musikgruppe an und hatte zudem den privilegierten Status, der Tochter des Lagerkommandanten Gesellschaft leisten zu dürfen. Als am 27.1.1945 die Rote Armee das Lager befreite, gehörte sie zu den 7.000 Insassen, die den Gräueltaten entkommen waren, nachdem über 1,1 Mill. ihr Leben auf teilweise grausame Weise verloren hatten. Während ausgewachsene Männer bis auf vierzig Kilogramm heruntergehungert waren, gehörte sie zu den wenigen, die nicht ausgemergelt oder krank waren. Vater Abraham verstarb 1945 im KZ-Außenlager Görlitz Biesnitzer Grund. Er war in den letzten Jahren des Krieges als Zwangsarbeiter in der Waggon- und Maschinenbau AG Görlitz (WUMAG) eingesetzt worden. Als der NSDAP-Kreisleiter Bruno Malitz aufgrund des Vorrückens der Roten Armee die Evakuierung des Lagers befahl, gehörte Abraham zu denjenigen Häftlingen, die als „gehunfähig“ erschossen wurden, was ihm die Qualen des Evakuierungsmarsches, auch Todesmarsch genannt, „ersparte“.
Judith schloss sich mit ihren fünfzehn Jahren einer Gruppe Erwachsener an, die sie in fürsorglicher Art beeinflussten, mit nach Palästina auszuwandern. „Nichts wie weg hier!“, war die Devise, war man sich doch im Klaren darüber, dass eine nicht geringe Anzahl von Nazi-Schergen Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung nach dem Krieg haben würde.
„Alija“, der Begriff für die historische Einwanderung der Juden nach Palästina bzw. seit 1948 nach Israel, stammt aus der Bibel. Die Übersetzung lautet „Aufsteigen“, bezieht sich auf das höher gelegene Bergland, das „Zion“. Was Judith betraf, war es einfach auf den Punkt zu bringen: Es wurde ihr, wie anderen Juden auch, der Weg nach Israel aufgezeigt, an dessen Ziel man sie willkommen hieß.
Judith konnte in ihrer neuen Heimat mit viel Fleiß ihr Abitur ablegen, studierte Musikwissenschaft, heiratete einen Verleger, dem sie eine Tochter gebar. Als ihr Mann früh verstarb, beschloss sie, siebzigjährig, ihrer Tochter nach Deutschland zu folgen. Sie war sich durchaus bewusst, dass es schon wieder, oder immer noch, antisemitische Tendenzen gab. Es waren die Enkelkinder, die ihre Ängste als zweitrangig erscheinen ließen. Besonders ihre Enkeltochter Mira hatte es ihr angetan.
Mira hatte als Vierzehnjährige beschlossen, später Geschichte zu studieren, um damit zu helfen, die Vergangenheit der Deutschen aufzuarbeiten. Ihre Geschichtslehrerin war begeistert und so kamen beide zusammen auf die Idee, Oma Judith in die Schule zu bitten, um vor den Schülern zu berichten, wie es ihrer Familie und den vielen jüdischen Mitbürgern zu Zeiten des Dritten Reiches ergangen war. Es wurde ein großer Erfolg. Die rüstige alte Dame hinterließ große Beklommenheit in den Klassenzimmern. Judith hatte für sich beschlossen, den Deutschen keine Erbschuld zu unterstellen. Es ging nicht darum zu verzeihen. Dazu war sie nicht bereit. Vielmehr war es wichtig, der neuen Generation nicht anzulasten, was ehemals an Verbrechen verübt worden war. Die Art ihres Vortragens sprach sich herum, sodass sie viele Tage im Jahr in den unterschiedlichsten Schulen des Landes unterwegs war, um den Geschichtsunterricht in ihrer unnachahmlichen Art zu bereichern.
Das Erlebnis der Schmähungen dummer Jungen auf den Schulfluren blieb ihr und den meisten Lehrern erspart. Nicht so die anonyme Briefpost und die darin enthaltenen Beleidigungen und Drohungen. Da waren sie wieder, die chaotischen Kaputtmacher, die wie blutsaugende Vampire den Gräbern zurückliegender Epochen entstiegen, meinend, dem Drachen der Intoleranz Menschenopfer schuldig zu sein.
Judith fühlte sich anfangs wie ins Mark getroffen. Sie begann mutlos zu werden, wurde dann aber von ihrer Familie und einer Vielzahl Schüler wieder aufgerichtet, um kämpferisch weiterzumachen.
Mira täuschte gerne vor, dass sie einmal keine Lust, das andere Mal keine Zeit hatte, um mit ihrem Zwerg-Teckelrüden namens Terminator spazieren zu gehen. Die Bitte, ob ihre liebe kleine Oma das nicht übernehmen könnte, wurde so gut wie nie ausgeschlagen. So tippelte die rüstige ältere Dame mehrmals in der Woche wohlgemut erst durch den Park, dann über den Bürgersteig, hin zum See und wieder zurück. Bis …
Die querenden Katzen fand sie ja noch ganz lustig. Zwei Stubentiger im Liebesrausch. Sie zielstrebig vorweg, er wie von Sinnen hinterher. Wie Männer eben mal so sind. Auch mit dem Gebaren des blutrünstigen Terminators, herausgefordert von diesem bescheuerten Kater, meinte sie fertig werden zu können. Als der aber anfing, sie mit der langen Ablaufleine paketartig einzuschnüren, war Schluss mit lustig. Erleichtert war sie über das Erscheinen des Herrn, der wie gerufen auf sie zu stürzte, um einzugreifen. Und stoppte nicht sogar ein Motorradfahrer mit der Absicht zu helfen? Dieser verflixte Dackel. Dann der stechende Schmerz am Hals, die einsetzende Schwäche und schließlich der Sturz, den sie so gerne vermieden hätte. Die sorgenvollen Gedanken um den Dackel, der sich anschickte, dem netten, ebenfalls gestürzten Herrn in den Bauch zu beißen und damit sein Leben zu riskieren, waren ihre letzten. Wie sollte sie das Mira erklären, wenn …
3
Ganz spurlos war der Tag nicht an ihm vorbeigegangen. Den Wechsel vom Hotel aus der Nordstadt zur kleinen Pension in der Südstadt konnte man durchaus als ungewöhnlich bezeichnen. Der Unterschied von „Vier Sterne“ zu einem „Zimmer mit dem Bad über den Gang“ sollte zu verkraften sein. Die Rückzugsmodalitäten wurden wie gewohnt routiniert abgespult. Der Seesack war geübt in unter vier Minuten gepackt. Von ihm hinterlassene Spuren konnten nur insofern beseitigt werden, als er alle möglichen Kontaktflächen von seinen Fingerabdrücken reinigte. Genetische Fingerabdrücke wie Haare und Schuppen wurden aus seinem „Gentresor“ vervielfältigt. Stets führte er in unterschiedlichen kleinen Plastiktüten Haare, Zigarettenstummel oder auch mal Fremdsperma mit sich. Hinsichtlich der Kopfhaare bediente er sich an Mülltonnen von Friseursalons. Mit Schamhaaren oder epilierten Damenhaaren war es weitaus schwieriger. Er musste warten, bis Gäste im Hotel auscheckten und hoffen, dass ihre Zimmer nicht abgeschlossen waren. Bevor die Reinigungstruppen anrückten, sammelte er in den Abläufen der Waschbecken und Duschen Haare jedweder Couleur ein. Männliche Schamhaare fanden sich gerne in der Bettwäsche, weibliche an Rasierklingen oder ganzen Einwegapparaten, die man in Mülleimern finden konnte. Gefüllte Kondome in den Abfalleimern, diskret in Toilettenpapier verpackt oder schamlos hineingeworfen, lieferten genetisch aufschlussreiches Material, was sich aufgrund der eiweißreichen Konsistenz allerdings nur kurzfristig aufbewahren ließ, fing es doch nach einigen Tagen an, erbarmungslos zu stinken. So konnte er auch heute ein breites Relief unterschiedlichster Genabdrücke hinterlassen. Eine möglicherweise später sondierende Spurensicherung musste davon ausgehen, dass im Zimmer 222 aneinandergereihte Betriebsfeiern ausschweifender Natur stattgefunden haben mussten.
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