Der Neffe des Ministers
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 304
ISBN: 978-3-7116-0093-6
Erscheinungsdatum: 10.10.2024
Als Kriminalkommissar Michael Sanders bei seiner Joggingrunde ans Handy geht, hätte er niemals geahnt, was er zu hören bekommen würde. Sechs Neugeborene wurden aus einem Krankenhaus entführt und mit dem Tod bedroht – darunter der Neffe des Ministers.
Kapitel 1
Als der Summton ertönte, sah Jörg Wassermann von seiner Illustrierten auf und blickte nach rechts zur gläsernen Eingangstür, gleichzeitig drehte er die Lautstärke seines kleinen Transistorradios herunter, das neben der Modellbauzeitschrift auf der weißen Schreibtischplatte stand.
Im Schein der Laterne, die draußen den Eingangsbereich beleuchtete, stand ein junges Pärchen, dick eingepackt, um sich gegen die eisige Kälte, die in dieser Nacht herrschte, zu schützen.
Sie, eindeutig schwanger, hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den kugelrunden Bauch, während ihr Begleiter sie im Arm hielt, stützte und beruhigend auf sie einsprach.
Wehen, dachte der alte Nachtportier des Sankt Hildegard Krankenhauses, zog seine Lesebrille aus und legte diese auf die vor ihm liegende aufgeschlagene Zeitschrift.
Umständlich erhob er sich aus seinem Drehstuhl, indem er die Armlehnen ergriff und sich hochdrückte. Seine Knie machten ihm bei diesem Sauwetter mehr Ärger, als er gebrauchen konnte. Als er schließlich stand, entriegelte er die Schiebetüren des Eingangs mittels eines Drehschalters, der in der Schreibtischplatte vor ihm eingelassen war.
Wieso können Babys nicht zu humanen Zeiten auf die Welt kommen?, fragte er sich, während er zu dem Rollstuhl schlurfte, der für Notfälle in der Empfangszone des Krankenhauses bereit stand, um damit der hochschwangeren Frau entgegenzugehen. Unwillkürlich schweifte sein Blick zu der großen, runden Uhr mit ihren schwarzen Zahlen und Zeigern, die gegenüber seinem Arbeitsplatz an der beige gestrichenen Wand hing. Zwölf Minuten nach drei.
Die Kälte, die in dieser Dezembernacht draußen ihr Unwesen trieb, drang mit einem Windstoß durch die offenen Schiebetüren ins Gebäude, als diese sich öffneten, um die beiden Hilfesuchenden ins Klinikum zu lassen.
In der weiträumigen Eingangshalle des Krankenhauses herrschte zu dieser nächtlichen Stunde eine wohltuende Ruhe, aus diesem Grund bevorzugte er es, nachts zu arbeiten – und natürlich wegen des Nachtzuschlags. Er arbeitete hier ja schließlich nicht aus Langeweile, sondern weil er das Geld brauchte.
Um diese Uhrzeit saß niemand auf den unbequemen, orangefarbenen Plastikstühlen, die am Boden festgeschraubt waren und sporadisch in der Halle verteilt standen. Keine Kinder rannten lärmend umher und spielten fangen oder turnten waghalsig auf den Möbeln herum, um sich die Zeit zu vertreiben. Nachts herrschte hier einfach nur Ruhe, abgesehen von dem einen oder anderen Notfall, aber das war dann normalerweise nur für die Ärzte und das Pflegepersonal stressig. Ihn betrafen solche nächtlichen Notfälle zum Glück nur am Rande, so wie diese anstehende Geburt.
Das Pärchen trat durch die Glastür, kam zwei Schritte in die Halle und blieb dann dort so ungünstig stehen, dass der Sensor, der den Bereich um die Türen herum überwachte, verhinderte, dass sie sich wieder schlossen. Kälte und braunes, welkes Laub, das vom Hausmeister noch nicht weggefegt worden war, konnten somit ungehindert in die weite Halle eindringen. Die junge Frau krümmte sich vor Schmerzen und stöhnte fürchterlich. Ihr Begleiter packte fester zu, damit sie ihm nicht entglitt und auf den kalten Fliesenboden sank.
Die wird mir noch hier mitten im Eingang entbinden, dachte Jörg Wassermann panisch und beschleunigte seine Schritte, um die letzten paar Meter bis zur Schwangeren schneller zu überbrücken. Bei der jungen Frau angekommen, betätigte er die Feststellbremse des Rollstuhls und ging um ihn herum, damit er den freien Arm der werdenden Mutter ergreifen konnte. Er hatte vor, sie mithilfe ihres Begleiters in den Rollstuhl zu hieven, doch dazu kam es nicht mehr.
Ohne jede Vorwarnung verlagerte die Schwangere ihr Gewicht und fiel dem alten Nachtportier direkt in die Arme. Verblüfft ließ er zu, dass sie ihn umklammerte und ein paar Schritte ins Gebäudeinnere zurückschob. Endlich, da sie dabei den Bereich des Sensors verließen, konnten sich die automatischen Türen schließen. Ihr Begleiter ließ sie los, drehte sich zu den Glastüren um und stellte den Drehknopf, der sich oben links neben dem Türrahmen befand, auf Zu. Damit verriegelte er die Schiebetüren, nun konnte niemand mehr das Krankenhaus betreten oder verlassen.
„He, was soll das?“ beschwerte sich Jörg Wassermann, und versuchte sich aus der Umarmung der Frau zu befreien.
„Schnauze, Opa“, zischte ihm die werdende Mutter ins Ohr und stieß ihn grob von sich weg.
Während der 65-Jährige stolpernd um sein Gleichgewicht rang, griff die Blondine in ihre rechte Jackentasche und förderte einen kleinen, schwarzglänzenden Revolver zutage.
Der Nachtportier, wieder mit festem Stand, sah verwirrt abwechselnd auf die Waffe in der behandschuhten Faust der Frau und in ihr Gesicht. Sie schien plötzlich keine Schmerzen mehr zu haben, denn sie stand aufrecht da und zielte mit dem kurzen Lauf direkt auf sein Herz. Dabei umspielte ein spöttisches Lächeln ihre Mundwinkel.
Ihr Begleiter kam, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass die Schiebetüren auch wirklich verriegelt waren, um sie herum und zog sich mit beiden Händen die Wollmütze, die er gegen die Kälte trug, übers Gesicht. Die Mütze entpuppte sich nun als Sturmhaube mit Löchern für Augen, Mund und Nase.
Zu spät, mein Freund, dachte der Nachtportier schadenfroh in Bezug auf die Maske. Die Kamera hat dich schon erwischt.
Der Maskierte packte nun den alten Mann an den Aufschlägen der dunkelblauen Strickweste, die dieser trug, und zerrte ihn unsanft zum Rollstuhl. Grob stieß er ihn hinein. Mit eingeübten, geschickten und schnellen Bewegungsabläufen wurden seine Hände mit langen, schwarzen Kabelbindern, die der Maskierte aus seiner Kleidung zauberte, an den Armlehnen und die Füße an den Fußstützen fixiert. Während der gesamten Prozedur wurde der Nachtportier von der Frau mit der Waffe ununterbrochen in Schach gehalten, und indem sie den Zeigefinger ihrer freien Hand vertikal an die Lippen hielt, bedeutete sie ihm, sich ruhig zu verhalten. Dann beförderte ihr Komplize eine Rolle graues Panzerband aus seinem dicken Anorak, so wie er es Augenblicke zuvor mit den Kabelbindern getan hatte, und riss ein etwa 20 cm langes Stück von der Rolle.
Doch beim Versuch, dem Gefesselten das Klebeband quer über den Mund zu kleben, leistete Jörg Wassermann plötzlich Widerstand. Der Nachtportier drehte seinen Kopf zur Seite und flüsterte leise: „Nein, bitte nicht, ich bekomme durch die Nase keine Luft.“
Doch der Täter unterbrach gnadenlos diesen kurzen Anflug von Widerspenstigkeit, indem er in die Haare des alten Mannes griff und mittels seiner weit überlegenen Körperkraft den Kopf zurückdrehte. Er holte mit der Hand, in der er die Rolle Klebeband hielt, aus und schlug ihm das Panzertape ins Gesicht, dann platzierte er das zuvor abgerissene Stück quer über dem Mund des alten Mannes.
Nun, da der Nachtportier gefesselt war und keine Gefahr mehr darstellte, steckte die Frau ihre Waffe wieder ein und zog sich ebenfalls ihre Wollmütze übers Gesicht. Sie wandte sich ab und marschierte schnellen Schrittes los, während der Maskierte die abgenutzten Gummigriffe des Rollstuhls packte und ihr, das Gefährt vor sich herschiebend, folgte.
Sie hielten auf die Tür der Besuchertoilette zu, Jörg Wassermann erhaschte einen Blick auf die große Wanduhr, deren schwarzer Minutenzeiger gerade auf 3 Uhr 16 sprang. Die ganze Aktion hatte nur vier Minuten gedauert.
Die Frau öffnete die gelbe Tür zur Besuchertoilette und ließ ihren Begleiter mit seinem Opfer passieren. Jörg Wassermann spürte, wie seine Lippen anschwollen, eine Folge des harten Schlages mit der Kleberolle. Drinnen schob das Verbrecherpaar den Nachtportier in die Behindertentoilette, da dies die einzige Kabine war, die von der Breite her den Rollstuhl aufnehmen konnte. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sein Opfer richtig gefesselt und geknebelt war, sperrte der Maskierte mithilfe einer Münze die Toilettenkabine von außen ab. Abschließend schauten die beiden noch in jedes der anderen abgetrennten Abteile, um sicher zu sein, dass sich sonst niemand in den Toilettenräumen aufhielt.
Die blonde Frau zog ein kleines schwarzes Funkgerät aus ihrer Manteltasche, drückte die Sprechtaste und sprach hinein: „Ihr könnt reinkommen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, steckte sie das Funkgerät wieder ein und verließ die sanitäre Anlage. Schnellen Schrittes begab sie sich zur Eingangstür, durch die sie mit ihren Komplizen vor ein paar Minuten das Krankenhaus betreten hatte, und wartete. Nun kam es darauf an, schnell zu sein, es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Rettungswagen einen Verletzten brachte oder jemand mit Schmerzen aufkreuzte, um hier Hilfe zu finden. Oder, und bei diesem Gedanken musste sie grinsen, eine Schwangere mit starken Wehen auftauchte.
Unvermittelt erschienen wie aus dem Nichts drei schwarz gekleidete Gestalten aus der Dunkelheit und traten in den Lichtschein der hellen Lampe, die über der Tür angebracht war. Auch sie waren maskiert und trugen schwarze Handschuhe, jeder von ihnen hatte zwei große, leere Sporttaschen dabei.
Die Frau entriegelte die Tür und die Neuankömmlinge schlüpften hindurch, sobald diese weit genug auseinandergeglitten war. Sofort betätigte sie wieder den Drehschalter und verriegelte das Gebäude. Mit einem schnellen Blick durch die Scheiben der Glastür nach draußen vergewisserte sie sich, dass außerhalb des Krankenhauses alles ruhig war. Niemand schien bis jetzt etwas von den ungewöhnlichen Vorgängen im Inneren der Klinik mitbekommen zu haben. Sehr gut.
Der Komplize, mit dem sie vorhin das Gebäude betreten und den Nachtportier überwältigt hatte, hatte sich mittlerweile seiner Jacke, Maske und Handschuhe entledigt, und es sich hinter Jörg Wassermanns Pult bequem gemacht. Hier bestand keine Gefahr, gefilmt zu werden, da der Arbeitsplatz des Portiers nicht videoüberwacht wurde. Dies war eines der Dinge, die sie im Vorfeld, in den letzten dreieinhalb Wochen, ausgekundschaftet hatten.
In seinem weißen Hemd und der dunkelblauen Krawatte, die unter seinem Anorak zum Vorschein gekommen waren, sah er aus, als würde er hierhergehören. Seine Aufgabe bestand nun darin, in den nächsten paar Minuten die Eingangshalle und den Bildschirm auf seinem Schreibtisch im Auge zu behalten. Auf dem Monitor zeigte sich ein viergeteiltes Bild, er konnte somit alle vier Videokameras, die in der Klinik verbaut waren, gleichzeitig überwachen. Die, die den Haupteingang beobachtete, durch den sie selbst in das Krankenhaus eingedrungen waren. Eine zweite überwachte das Rolltor der Notaufnahme, durch das die Rettungswägen ins Gebäudeinnere fuhren. Schließlich gab es noch die Kameras Drei und Vier, die die beiden alarmgesicherten Notausgänge an der Seite des Hauses zeigten. Sollte es nun in einem von ihm einsehbaren Bereich zu Aktivitäten kommen, die eine Gefahr für ihre Aktion darstellten, würde er seine Komplizen über die mitgeführten Funkgeräte warnen.
Gelassen nahm er Jörg Wassermanns Zeitschrift zur Hand und begann gelangweilt darin zu blättern, ganz der Nachtportier.
Zu viert gingen die restlichen Eindringlinge zum Treppenhaus, dessen Zugang sich in Sichtweite gegenüber den Fahrstühlen befand und das gesamte Gebäude vom Keller bis zum Dach verband. Einen der Fahrstühle zu benutzen, kam nicht infrage, viel zu groß war die Gefahr, dass sie während ihrer Fahrt nach oben auf einen Arzt oder eine Schwester trafen, die den Aufzug betreten wollten, um das Stockwerk zu wechseln, das galt es unter allen Umständen zu vermeiden. Im Gegensatz zu den Fahrstühlen jedoch wurde das Treppenhaus kaum genutzt, es diente praktisch nur als Fluchtweg im Brandfall.
Ihr Ziel lag im fünften Stock, fast lautlos stiegen sie hintereinander die hellen Stufen der Treppe nach oben und brachten ein Stockwerk nach dem anderen hinter sich.
Im fünften angekommen, die Ziffer prangerte groß und schwarz an der schweren Metalltür, die das Treppenhaus vom Rest des Gebäudes trennte, öffnete die Frau die Tür einen kleinen Spalt und linste in den langen dunklen Flur. Das Licht im Gang war gedämpft und stammte von einigen in der Decke eingelassenen Energiesparlampen, die nachts gedimmt wurden. Fast sämtliche Türen, die sie aus ihrem Blickwinkel sehen konnte, waren geschlossen, alle Patienten auf dieser Etage schienen zu schlafen. Niemand hielt sich in dem langen Korridor auf. Nur eine Tür stand offen, durch den Türrahmen fiel helles, warmes Licht auf den Gang und erleuchtete ein wenig die Umgebung, es war das Schwesternzimmer. Die Maskierte öffnete die schwere Metalltür etwas weiter und steckte nun ihren gesamten Kopf durch die Öffnung, nun schaute sie in die entgegengesetzte Richtung. Hier bot sich ihr das gleiche, friedliche Bild, alles war ruhig. Die Anführerin warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, drei Uhr 24, sie lagen gut im Zeitplan. Wie ihnen bekannt war, wurden zwischen drei Uhr und Viertel vor vier die Neugeborenen gefüttert, was zum einen bedeutete, dass die beiden diensttuenden Nachtschwestern getrennt waren, eine fütterte die Babys, während die andere den normalen Dienst auf der Station versah, und zum anderen war in dieser Zeit das Säuglingszimmer nicht abgeschlossen, da sich eine der Schwestern darin befand. Sie mussten also keine der beiden Kinderkrankenschwestern dazu zwingen, den Schlüssel herauszugeben, denn das barg immer die Gefahr, dass die Frauen sich weigerten, um die Neugeborenen zu schützen und dies bedeutete, dass sie unter Umständen Gewalt anwenden mussten. Gewalt konnte Lärm bedeuten und Lärm konnte die gesamte Station wecken. Eine Katastrophe, die es zu verhindern galt. Deshalb hatten sie genau diesen Zeitpunkt für ihren Überfall gewählt.
Sie schob die Tür weiter auf, ging hindurch und wandte sich nach links, weg von dem Schwesternzimmer. Einer ihrer Komplizen folgte ihr lautlos wie ein Schatten. Die beiden anderen hingegen wandten sich nach rechts und gingen auf die offene Tür des Schwesternzimmers zu. Der graue CV-Belag unter ihren gummierten Schuhsohlen schluckte jedes Geräusch.
Am Schwesternzimmer angekommen, stellte sich der größere der beiden Männer in den Türrahmen und blickte in den Raum. Eine junge, rothaarige Lernschwester in weinroter Krankenhauskleidung stand mit dem Rücken zu ihm an einem Tisch in der Mitte des Raumes und hantierte mit Utensilien, die er nicht sehen konnte. Er zog eine Waffe aus seiner Jackentasche und richtete sie auf den Rücken der jungen Frau. Sein maskierter Begleiter stand dicht hinter ihm, die leeren Sporttaschen hatten sie im Flur neben der Tür auf den Boden gestellt, um beide Hände frei zu haben.
Die junge Mitarbeiterin des Krankenhauses schien zu spüren, dass jemand hinter ihr in der Tür stand. Sie hielt in ihren Bewegungen inne und drehte langsam den Kopf, um über ihre Schulter zu schauen. Vor Schreck fiel ihr das metallene Besteck aus der Hand, das scheppernd auf der Tischplatte landete.
Der kleinere Eindringling schlüpfte an seinem Kollegen vorbei und war mit drei schnellen Schritten bei der Lernschwester. Er packte die 18-Jährige mit seiner Rechten im Nacken, riss sie herum und presste ihr seine linke Hand fest auf den Mund, noch ehe die junge Frau einen Ton von sich geben konnte. Sein Partner steckte die Pistole wieder ein und kam ihm zu Hilfe. Er kramte Kabelbinder und Klebeband aus seinen Kleidungsstücken hervor und legte alles auf den Tisch, an dem die Auszubildende gearbeitet hatte. Gemeinsam fesselten und knebelten sie die junge, verängstigte Frau und fixierten sie schließlich auf einem der Stühle, die sich in dem Aufenthaltsraum befanden.
Als die beiden maskierten Eindringlinge schließlich mit ihrem Werk zufrieden waren, überließen sie die junge Frau ihrem Schicksal, so wie ihre Komplizen es bereits mit dem Nachportier im Erdgeschoß getan hatten. Sie löschten das Licht, zogen den innen steckenden Schlüssel aus dem Schlüsselloch und schlossen die Tür von außen. Leise ließen sie die Tür ins Schloss einrasten. Schließlich sperrten sie mit dem erbeuteten Schlüssel ab, sammelten ihre Sporttaschen wieder auf und machten sich auf den Weg zu ihren Kollegen.
Die zweite Gruppe der Eindringlinge im fünften Stock folgte dem Gang in entgegengesetzte Richtung bis zum Ende. Dort ging er im rechten Winkel nach links weiter. Vorsichtig lugte die Frau um die Ecke, um sich davon zu überzeugen, dass die Luft rein war.
Ein paar Meter von ihnen entfernt sah sie eine hellblaue Tür, die mit rosafarbenen Teddybären verziert war. Der Raum hinter der Tür war das eigentliche Ziel ihrer nächtlichen Mission. Anstelle einer Wand schloss sich eine große, bis an die Decke reichende Glasscheibe an den Türrahmen an. Der Vorhang hinter der Scheibe war zugezogen, jedoch konnte man wie bei einem Schattenkabinett die Silhouette einer Person erkennen, die auf einem Stuhl saß und ein Baby fütterte. Es war die zweite Schwester, die in dieser Nacht Dienst auf dieser Station tat. Fast zeitgleich mit ihren Komplizen am anderen Ende des Flures betraten sie das weiträumige Zimmer.
Mehrere kleine Bettchen standen im Raum verteilt, in fünf von ihnen lagen Neugeborene im Alter von ein bis drei Tagen. Zwei der kleinen Wesen schliefen friedlich vor sich hin, das dritte spielte mit seinen kleinen rosafarbenen Händchen, während die letzten beiden versuchten, das Mobile zu greifen, das von der Decke herab direkt vor ihrem Gesicht baumelte. Ein sechstes Baby hatte die Krankenschwester auf dem Arm und gab ihm die Flasche. Die Fütterung der neuen Erdenbewohner gestaltete sich zurzeit etwas aufwändiger als sonst, da sich ausnahmsweise keine Frau unter den Müttern befand, die selbst stillte. Sie saß ungefähr in der Mitte des Raumes, etwa drei Meter von ihnen entfernt, und hatte einen silberfarbenen Beistelltisch neben sich stehen, auf dem sie die Flasche abstellen konnte, sollte dies nötig sein.
„Was gibt’s?“ fragte die Schwester, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, in der Annahme, die Lernschwester hätte den Raum betreten, um etwas zu fragen.
Als keine Antwort kam, hob sie den Kopf, da war es allerdings schon zu spät, der Mann stand direkt vor ihr und drückte ihr die Mündung seines Revolvers gegen die Stirn.
„Keinen Ton“, drohte er leise.
Seine Begleiterin griff nach dem Milchfläschchen, zog es dem Säugling aus dem Mund und stellte es neben sich auf den Boden. Sofort begann der Kleine zu protestieren und fing schließlich an zu weinen. Unbeeindruckt nahm sie das Kind aus den Armen der Nachtschwester und legte es behutsam in eines der leeren Bettchen. Was nun folgte, glich dem Schicksal der anderen Krankenhausmitarbeiter, die das Pech hatten, ihnen in dieser Nacht zu begegnen. Die Kinderkrankenschwester wurde fachmännisch gefesselt, geknebelt und an den Stuhl festgebunden, auf dem sie saß.
Entsetzt beobachtete Schwester Veronika, wie die Eindringlinge nun einen Säugling nach dem anderen aus den kleinen Bettchen nahmen, in die weißen Decken hüllten, mit denen sie in ihren Betten zugedeckt waren, und jeweils einen in einer der mitgebrachten Sporttaschen verstauten.
Teils von dem bereits schreienden Baby, das wegen der vorzeitigen Beendigung seiner Mahlzeit weinte, teils durch die Bewegung beim Hochheben und In-die-Tasche-gepackt-Werden geweckt, begannen nun auch einige der anderen Neugeborenen zu weinen. Doch sobald die Reißverschlüsse der stabilen Taschen zugezogen wurden, waren die Säuglinge kaum noch zu hören. Die Täter hatten zwar zur Sicherheit einige Luftlöcher in die Sporttaschen gestanzt, doch die noch schwachen Stimmchen der Neugeborenen wurden trotzdem fast vollständig gedämpft.
Voller Entsetzen wurde der gefesselten Krankenschwester klar, was hier gerade vor sich ging, und begann, wild an ihren Fesseln zu zerren, doch die Dinger schnitten nur tief ins Fleisch ihrer Handgelenke und lockerten sich keinen Millimeter.
Sie versuchte, laut um Hilfe zu schreien, doch mehr als gedämpfte, unverständliche Laute brachte sie nicht hervor, da erging es ihr genau wie ihren Schutzbefohlenen. Zu fest war das Klebeband um ihren Kopf gewickelt. Letztendlich fiel sie polternd, durch ihre Befreiungsversuche aus dem Gleichgewicht gekommen, mit ihrem Stuhl um und blieb auf dem Fußboden liegen. Schmerz schoss wie ein Feuerstoß ausgehend von ihrem linken Handgelenk durch ihren Körper. Ihre Brille war ihr von der Nase gerutscht und lag nun einige Zentimeter entfernt neben ihr auf dem weißen CV-Belag. Die 50-Jährige schloss die Augen und stöhnte auf. Es fiel ihr schwer, durch das Klebeband behindert, genügend Luft zu bekommen. Der Stuhl war mit der Metallstrebe, an der ihre Hände gefesselt waren, auf ihr linkes Handgelenk geknallt, als er auf dem Boden auftraf. Zeitgleich mit dem Aufprall trafen die beiden Gangster, die sich um die Lernschwester gekümmert hatten, im Säuglingszimmer ein. Wortlos halfen sie ihren Komplizen, die letzten Babys in die noch leeren Taschen zu packen. Als sie ihre Arbeit erledigt hatten, ging die Frau unter den Entführern zur Tür und vergewisserte sich, dass niemand durch den Lärm des umstürzenden Stuhles auf sie aufmerksam geworden war. Auf dem dunklen Flur schien alles ruhig zu sein, keine Tür öffnete sich, kein Kopf wurde aus den Patientenzimmern gesteckt. Glück gehabt. Trotzdem wartete sie noch einige Sekunden, bevor sie ihren Komplizen ein Zeichen gab, ihr zu folgen.
Als alle Eindringlinge das große Zimmer mitsamt ihrer menschlichen Beute verlassen hatten, sperrte die blonde Kidnapperin das Säuglingszimmer ab, der Schlüsselbund der Stationsschwester steckte noch von außen im Schlüsselloch. Zurück blieben nur die Krankenhausmitarbeiterin in ihrer misslichen Lage und die leeren Bettchen. Die Anführerin des Quartetts zog das Funkgerät aus ihrer Jackentasche und informierte den Mann am Empfang: „Wir kommen runter.“
Sie liefen los, jeder der Männer zwei Taschen tragend, während sie den Revolver in der rechten Hand hielt und ihren Begleitern mit der linken die Tür des Treppenhauses öffnete. Sie nahmen denselben Weg zurück, den sie gekommen waren.
...
Als der Summton ertönte, sah Jörg Wassermann von seiner Illustrierten auf und blickte nach rechts zur gläsernen Eingangstür, gleichzeitig drehte er die Lautstärke seines kleinen Transistorradios herunter, das neben der Modellbauzeitschrift auf der weißen Schreibtischplatte stand.
Im Schein der Laterne, die draußen den Eingangsbereich beleuchtete, stand ein junges Pärchen, dick eingepackt, um sich gegen die eisige Kälte, die in dieser Nacht herrschte, zu schützen.
Sie, eindeutig schwanger, hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den kugelrunden Bauch, während ihr Begleiter sie im Arm hielt, stützte und beruhigend auf sie einsprach.
Wehen, dachte der alte Nachtportier des Sankt Hildegard Krankenhauses, zog seine Lesebrille aus und legte diese auf die vor ihm liegende aufgeschlagene Zeitschrift.
Umständlich erhob er sich aus seinem Drehstuhl, indem er die Armlehnen ergriff und sich hochdrückte. Seine Knie machten ihm bei diesem Sauwetter mehr Ärger, als er gebrauchen konnte. Als er schließlich stand, entriegelte er die Schiebetüren des Eingangs mittels eines Drehschalters, der in der Schreibtischplatte vor ihm eingelassen war.
Wieso können Babys nicht zu humanen Zeiten auf die Welt kommen?, fragte er sich, während er zu dem Rollstuhl schlurfte, der für Notfälle in der Empfangszone des Krankenhauses bereit stand, um damit der hochschwangeren Frau entgegenzugehen. Unwillkürlich schweifte sein Blick zu der großen, runden Uhr mit ihren schwarzen Zahlen und Zeigern, die gegenüber seinem Arbeitsplatz an der beige gestrichenen Wand hing. Zwölf Minuten nach drei.
Die Kälte, die in dieser Dezembernacht draußen ihr Unwesen trieb, drang mit einem Windstoß durch die offenen Schiebetüren ins Gebäude, als diese sich öffneten, um die beiden Hilfesuchenden ins Klinikum zu lassen.
In der weiträumigen Eingangshalle des Krankenhauses herrschte zu dieser nächtlichen Stunde eine wohltuende Ruhe, aus diesem Grund bevorzugte er es, nachts zu arbeiten – und natürlich wegen des Nachtzuschlags. Er arbeitete hier ja schließlich nicht aus Langeweile, sondern weil er das Geld brauchte.
Um diese Uhrzeit saß niemand auf den unbequemen, orangefarbenen Plastikstühlen, die am Boden festgeschraubt waren und sporadisch in der Halle verteilt standen. Keine Kinder rannten lärmend umher und spielten fangen oder turnten waghalsig auf den Möbeln herum, um sich die Zeit zu vertreiben. Nachts herrschte hier einfach nur Ruhe, abgesehen von dem einen oder anderen Notfall, aber das war dann normalerweise nur für die Ärzte und das Pflegepersonal stressig. Ihn betrafen solche nächtlichen Notfälle zum Glück nur am Rande, so wie diese anstehende Geburt.
Das Pärchen trat durch die Glastür, kam zwei Schritte in die Halle und blieb dann dort so ungünstig stehen, dass der Sensor, der den Bereich um die Türen herum überwachte, verhinderte, dass sie sich wieder schlossen. Kälte und braunes, welkes Laub, das vom Hausmeister noch nicht weggefegt worden war, konnten somit ungehindert in die weite Halle eindringen. Die junge Frau krümmte sich vor Schmerzen und stöhnte fürchterlich. Ihr Begleiter packte fester zu, damit sie ihm nicht entglitt und auf den kalten Fliesenboden sank.
Die wird mir noch hier mitten im Eingang entbinden, dachte Jörg Wassermann panisch und beschleunigte seine Schritte, um die letzten paar Meter bis zur Schwangeren schneller zu überbrücken. Bei der jungen Frau angekommen, betätigte er die Feststellbremse des Rollstuhls und ging um ihn herum, damit er den freien Arm der werdenden Mutter ergreifen konnte. Er hatte vor, sie mithilfe ihres Begleiters in den Rollstuhl zu hieven, doch dazu kam es nicht mehr.
Ohne jede Vorwarnung verlagerte die Schwangere ihr Gewicht und fiel dem alten Nachtportier direkt in die Arme. Verblüfft ließ er zu, dass sie ihn umklammerte und ein paar Schritte ins Gebäudeinnere zurückschob. Endlich, da sie dabei den Bereich des Sensors verließen, konnten sich die automatischen Türen schließen. Ihr Begleiter ließ sie los, drehte sich zu den Glastüren um und stellte den Drehknopf, der sich oben links neben dem Türrahmen befand, auf Zu. Damit verriegelte er die Schiebetüren, nun konnte niemand mehr das Krankenhaus betreten oder verlassen.
„He, was soll das?“ beschwerte sich Jörg Wassermann, und versuchte sich aus der Umarmung der Frau zu befreien.
„Schnauze, Opa“, zischte ihm die werdende Mutter ins Ohr und stieß ihn grob von sich weg.
Während der 65-Jährige stolpernd um sein Gleichgewicht rang, griff die Blondine in ihre rechte Jackentasche und förderte einen kleinen, schwarzglänzenden Revolver zutage.
Der Nachtportier, wieder mit festem Stand, sah verwirrt abwechselnd auf die Waffe in der behandschuhten Faust der Frau und in ihr Gesicht. Sie schien plötzlich keine Schmerzen mehr zu haben, denn sie stand aufrecht da und zielte mit dem kurzen Lauf direkt auf sein Herz. Dabei umspielte ein spöttisches Lächeln ihre Mundwinkel.
Ihr Begleiter kam, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass die Schiebetüren auch wirklich verriegelt waren, um sie herum und zog sich mit beiden Händen die Wollmütze, die er gegen die Kälte trug, übers Gesicht. Die Mütze entpuppte sich nun als Sturmhaube mit Löchern für Augen, Mund und Nase.
Zu spät, mein Freund, dachte der Nachtportier schadenfroh in Bezug auf die Maske. Die Kamera hat dich schon erwischt.
Der Maskierte packte nun den alten Mann an den Aufschlägen der dunkelblauen Strickweste, die dieser trug, und zerrte ihn unsanft zum Rollstuhl. Grob stieß er ihn hinein. Mit eingeübten, geschickten und schnellen Bewegungsabläufen wurden seine Hände mit langen, schwarzen Kabelbindern, die der Maskierte aus seiner Kleidung zauberte, an den Armlehnen und die Füße an den Fußstützen fixiert. Während der gesamten Prozedur wurde der Nachtportier von der Frau mit der Waffe ununterbrochen in Schach gehalten, und indem sie den Zeigefinger ihrer freien Hand vertikal an die Lippen hielt, bedeutete sie ihm, sich ruhig zu verhalten. Dann beförderte ihr Komplize eine Rolle graues Panzerband aus seinem dicken Anorak, so wie er es Augenblicke zuvor mit den Kabelbindern getan hatte, und riss ein etwa 20 cm langes Stück von der Rolle.
Doch beim Versuch, dem Gefesselten das Klebeband quer über den Mund zu kleben, leistete Jörg Wassermann plötzlich Widerstand. Der Nachtportier drehte seinen Kopf zur Seite und flüsterte leise: „Nein, bitte nicht, ich bekomme durch die Nase keine Luft.“
Doch der Täter unterbrach gnadenlos diesen kurzen Anflug von Widerspenstigkeit, indem er in die Haare des alten Mannes griff und mittels seiner weit überlegenen Körperkraft den Kopf zurückdrehte. Er holte mit der Hand, in der er die Rolle Klebeband hielt, aus und schlug ihm das Panzertape ins Gesicht, dann platzierte er das zuvor abgerissene Stück quer über dem Mund des alten Mannes.
Nun, da der Nachtportier gefesselt war und keine Gefahr mehr darstellte, steckte die Frau ihre Waffe wieder ein und zog sich ebenfalls ihre Wollmütze übers Gesicht. Sie wandte sich ab und marschierte schnellen Schrittes los, während der Maskierte die abgenutzten Gummigriffe des Rollstuhls packte und ihr, das Gefährt vor sich herschiebend, folgte.
Sie hielten auf die Tür der Besuchertoilette zu, Jörg Wassermann erhaschte einen Blick auf die große Wanduhr, deren schwarzer Minutenzeiger gerade auf 3 Uhr 16 sprang. Die ganze Aktion hatte nur vier Minuten gedauert.
Die Frau öffnete die gelbe Tür zur Besuchertoilette und ließ ihren Begleiter mit seinem Opfer passieren. Jörg Wassermann spürte, wie seine Lippen anschwollen, eine Folge des harten Schlages mit der Kleberolle. Drinnen schob das Verbrecherpaar den Nachtportier in die Behindertentoilette, da dies die einzige Kabine war, die von der Breite her den Rollstuhl aufnehmen konnte. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sein Opfer richtig gefesselt und geknebelt war, sperrte der Maskierte mithilfe einer Münze die Toilettenkabine von außen ab. Abschließend schauten die beiden noch in jedes der anderen abgetrennten Abteile, um sicher zu sein, dass sich sonst niemand in den Toilettenräumen aufhielt.
Die blonde Frau zog ein kleines schwarzes Funkgerät aus ihrer Manteltasche, drückte die Sprechtaste und sprach hinein: „Ihr könnt reinkommen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, steckte sie das Funkgerät wieder ein und verließ die sanitäre Anlage. Schnellen Schrittes begab sie sich zur Eingangstür, durch die sie mit ihren Komplizen vor ein paar Minuten das Krankenhaus betreten hatte, und wartete. Nun kam es darauf an, schnell zu sein, es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Rettungswagen einen Verletzten brachte oder jemand mit Schmerzen aufkreuzte, um hier Hilfe zu finden. Oder, und bei diesem Gedanken musste sie grinsen, eine Schwangere mit starken Wehen auftauchte.
Unvermittelt erschienen wie aus dem Nichts drei schwarz gekleidete Gestalten aus der Dunkelheit und traten in den Lichtschein der hellen Lampe, die über der Tür angebracht war. Auch sie waren maskiert und trugen schwarze Handschuhe, jeder von ihnen hatte zwei große, leere Sporttaschen dabei.
Die Frau entriegelte die Tür und die Neuankömmlinge schlüpften hindurch, sobald diese weit genug auseinandergeglitten war. Sofort betätigte sie wieder den Drehschalter und verriegelte das Gebäude. Mit einem schnellen Blick durch die Scheiben der Glastür nach draußen vergewisserte sie sich, dass außerhalb des Krankenhauses alles ruhig war. Niemand schien bis jetzt etwas von den ungewöhnlichen Vorgängen im Inneren der Klinik mitbekommen zu haben. Sehr gut.
Der Komplize, mit dem sie vorhin das Gebäude betreten und den Nachtportier überwältigt hatte, hatte sich mittlerweile seiner Jacke, Maske und Handschuhe entledigt, und es sich hinter Jörg Wassermanns Pult bequem gemacht. Hier bestand keine Gefahr, gefilmt zu werden, da der Arbeitsplatz des Portiers nicht videoüberwacht wurde. Dies war eines der Dinge, die sie im Vorfeld, in den letzten dreieinhalb Wochen, ausgekundschaftet hatten.
In seinem weißen Hemd und der dunkelblauen Krawatte, die unter seinem Anorak zum Vorschein gekommen waren, sah er aus, als würde er hierhergehören. Seine Aufgabe bestand nun darin, in den nächsten paar Minuten die Eingangshalle und den Bildschirm auf seinem Schreibtisch im Auge zu behalten. Auf dem Monitor zeigte sich ein viergeteiltes Bild, er konnte somit alle vier Videokameras, die in der Klinik verbaut waren, gleichzeitig überwachen. Die, die den Haupteingang beobachtete, durch den sie selbst in das Krankenhaus eingedrungen waren. Eine zweite überwachte das Rolltor der Notaufnahme, durch das die Rettungswägen ins Gebäudeinnere fuhren. Schließlich gab es noch die Kameras Drei und Vier, die die beiden alarmgesicherten Notausgänge an der Seite des Hauses zeigten. Sollte es nun in einem von ihm einsehbaren Bereich zu Aktivitäten kommen, die eine Gefahr für ihre Aktion darstellten, würde er seine Komplizen über die mitgeführten Funkgeräte warnen.
Gelassen nahm er Jörg Wassermanns Zeitschrift zur Hand und begann gelangweilt darin zu blättern, ganz der Nachtportier.
Zu viert gingen die restlichen Eindringlinge zum Treppenhaus, dessen Zugang sich in Sichtweite gegenüber den Fahrstühlen befand und das gesamte Gebäude vom Keller bis zum Dach verband. Einen der Fahrstühle zu benutzen, kam nicht infrage, viel zu groß war die Gefahr, dass sie während ihrer Fahrt nach oben auf einen Arzt oder eine Schwester trafen, die den Aufzug betreten wollten, um das Stockwerk zu wechseln, das galt es unter allen Umständen zu vermeiden. Im Gegensatz zu den Fahrstühlen jedoch wurde das Treppenhaus kaum genutzt, es diente praktisch nur als Fluchtweg im Brandfall.
Ihr Ziel lag im fünften Stock, fast lautlos stiegen sie hintereinander die hellen Stufen der Treppe nach oben und brachten ein Stockwerk nach dem anderen hinter sich.
Im fünften angekommen, die Ziffer prangerte groß und schwarz an der schweren Metalltür, die das Treppenhaus vom Rest des Gebäudes trennte, öffnete die Frau die Tür einen kleinen Spalt und linste in den langen dunklen Flur. Das Licht im Gang war gedämpft und stammte von einigen in der Decke eingelassenen Energiesparlampen, die nachts gedimmt wurden. Fast sämtliche Türen, die sie aus ihrem Blickwinkel sehen konnte, waren geschlossen, alle Patienten auf dieser Etage schienen zu schlafen. Niemand hielt sich in dem langen Korridor auf. Nur eine Tür stand offen, durch den Türrahmen fiel helles, warmes Licht auf den Gang und erleuchtete ein wenig die Umgebung, es war das Schwesternzimmer. Die Maskierte öffnete die schwere Metalltür etwas weiter und steckte nun ihren gesamten Kopf durch die Öffnung, nun schaute sie in die entgegengesetzte Richtung. Hier bot sich ihr das gleiche, friedliche Bild, alles war ruhig. Die Anführerin warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, drei Uhr 24, sie lagen gut im Zeitplan. Wie ihnen bekannt war, wurden zwischen drei Uhr und Viertel vor vier die Neugeborenen gefüttert, was zum einen bedeutete, dass die beiden diensttuenden Nachtschwestern getrennt waren, eine fütterte die Babys, während die andere den normalen Dienst auf der Station versah, und zum anderen war in dieser Zeit das Säuglingszimmer nicht abgeschlossen, da sich eine der Schwestern darin befand. Sie mussten also keine der beiden Kinderkrankenschwestern dazu zwingen, den Schlüssel herauszugeben, denn das barg immer die Gefahr, dass die Frauen sich weigerten, um die Neugeborenen zu schützen und dies bedeutete, dass sie unter Umständen Gewalt anwenden mussten. Gewalt konnte Lärm bedeuten und Lärm konnte die gesamte Station wecken. Eine Katastrophe, die es zu verhindern galt. Deshalb hatten sie genau diesen Zeitpunkt für ihren Überfall gewählt.
Sie schob die Tür weiter auf, ging hindurch und wandte sich nach links, weg von dem Schwesternzimmer. Einer ihrer Komplizen folgte ihr lautlos wie ein Schatten. Die beiden anderen hingegen wandten sich nach rechts und gingen auf die offene Tür des Schwesternzimmers zu. Der graue CV-Belag unter ihren gummierten Schuhsohlen schluckte jedes Geräusch.
Am Schwesternzimmer angekommen, stellte sich der größere der beiden Männer in den Türrahmen und blickte in den Raum. Eine junge, rothaarige Lernschwester in weinroter Krankenhauskleidung stand mit dem Rücken zu ihm an einem Tisch in der Mitte des Raumes und hantierte mit Utensilien, die er nicht sehen konnte. Er zog eine Waffe aus seiner Jackentasche und richtete sie auf den Rücken der jungen Frau. Sein maskierter Begleiter stand dicht hinter ihm, die leeren Sporttaschen hatten sie im Flur neben der Tür auf den Boden gestellt, um beide Hände frei zu haben.
Die junge Mitarbeiterin des Krankenhauses schien zu spüren, dass jemand hinter ihr in der Tür stand. Sie hielt in ihren Bewegungen inne und drehte langsam den Kopf, um über ihre Schulter zu schauen. Vor Schreck fiel ihr das metallene Besteck aus der Hand, das scheppernd auf der Tischplatte landete.
Der kleinere Eindringling schlüpfte an seinem Kollegen vorbei und war mit drei schnellen Schritten bei der Lernschwester. Er packte die 18-Jährige mit seiner Rechten im Nacken, riss sie herum und presste ihr seine linke Hand fest auf den Mund, noch ehe die junge Frau einen Ton von sich geben konnte. Sein Partner steckte die Pistole wieder ein und kam ihm zu Hilfe. Er kramte Kabelbinder und Klebeband aus seinen Kleidungsstücken hervor und legte alles auf den Tisch, an dem die Auszubildende gearbeitet hatte. Gemeinsam fesselten und knebelten sie die junge, verängstigte Frau und fixierten sie schließlich auf einem der Stühle, die sich in dem Aufenthaltsraum befanden.
Als die beiden maskierten Eindringlinge schließlich mit ihrem Werk zufrieden waren, überließen sie die junge Frau ihrem Schicksal, so wie ihre Komplizen es bereits mit dem Nachportier im Erdgeschoß getan hatten. Sie löschten das Licht, zogen den innen steckenden Schlüssel aus dem Schlüsselloch und schlossen die Tür von außen. Leise ließen sie die Tür ins Schloss einrasten. Schließlich sperrten sie mit dem erbeuteten Schlüssel ab, sammelten ihre Sporttaschen wieder auf und machten sich auf den Weg zu ihren Kollegen.
Die zweite Gruppe der Eindringlinge im fünften Stock folgte dem Gang in entgegengesetzte Richtung bis zum Ende. Dort ging er im rechten Winkel nach links weiter. Vorsichtig lugte die Frau um die Ecke, um sich davon zu überzeugen, dass die Luft rein war.
Ein paar Meter von ihnen entfernt sah sie eine hellblaue Tür, die mit rosafarbenen Teddybären verziert war. Der Raum hinter der Tür war das eigentliche Ziel ihrer nächtlichen Mission. Anstelle einer Wand schloss sich eine große, bis an die Decke reichende Glasscheibe an den Türrahmen an. Der Vorhang hinter der Scheibe war zugezogen, jedoch konnte man wie bei einem Schattenkabinett die Silhouette einer Person erkennen, die auf einem Stuhl saß und ein Baby fütterte. Es war die zweite Schwester, die in dieser Nacht Dienst auf dieser Station tat. Fast zeitgleich mit ihren Komplizen am anderen Ende des Flures betraten sie das weiträumige Zimmer.
Mehrere kleine Bettchen standen im Raum verteilt, in fünf von ihnen lagen Neugeborene im Alter von ein bis drei Tagen. Zwei der kleinen Wesen schliefen friedlich vor sich hin, das dritte spielte mit seinen kleinen rosafarbenen Händchen, während die letzten beiden versuchten, das Mobile zu greifen, das von der Decke herab direkt vor ihrem Gesicht baumelte. Ein sechstes Baby hatte die Krankenschwester auf dem Arm und gab ihm die Flasche. Die Fütterung der neuen Erdenbewohner gestaltete sich zurzeit etwas aufwändiger als sonst, da sich ausnahmsweise keine Frau unter den Müttern befand, die selbst stillte. Sie saß ungefähr in der Mitte des Raumes, etwa drei Meter von ihnen entfernt, und hatte einen silberfarbenen Beistelltisch neben sich stehen, auf dem sie die Flasche abstellen konnte, sollte dies nötig sein.
„Was gibt’s?“ fragte die Schwester, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, in der Annahme, die Lernschwester hätte den Raum betreten, um etwas zu fragen.
Als keine Antwort kam, hob sie den Kopf, da war es allerdings schon zu spät, der Mann stand direkt vor ihr und drückte ihr die Mündung seines Revolvers gegen die Stirn.
„Keinen Ton“, drohte er leise.
Seine Begleiterin griff nach dem Milchfläschchen, zog es dem Säugling aus dem Mund und stellte es neben sich auf den Boden. Sofort begann der Kleine zu protestieren und fing schließlich an zu weinen. Unbeeindruckt nahm sie das Kind aus den Armen der Nachtschwester und legte es behutsam in eines der leeren Bettchen. Was nun folgte, glich dem Schicksal der anderen Krankenhausmitarbeiter, die das Pech hatten, ihnen in dieser Nacht zu begegnen. Die Kinderkrankenschwester wurde fachmännisch gefesselt, geknebelt und an den Stuhl festgebunden, auf dem sie saß.
Entsetzt beobachtete Schwester Veronika, wie die Eindringlinge nun einen Säugling nach dem anderen aus den kleinen Bettchen nahmen, in die weißen Decken hüllten, mit denen sie in ihren Betten zugedeckt waren, und jeweils einen in einer der mitgebrachten Sporttaschen verstauten.
Teils von dem bereits schreienden Baby, das wegen der vorzeitigen Beendigung seiner Mahlzeit weinte, teils durch die Bewegung beim Hochheben und In-die-Tasche-gepackt-Werden geweckt, begannen nun auch einige der anderen Neugeborenen zu weinen. Doch sobald die Reißverschlüsse der stabilen Taschen zugezogen wurden, waren die Säuglinge kaum noch zu hören. Die Täter hatten zwar zur Sicherheit einige Luftlöcher in die Sporttaschen gestanzt, doch die noch schwachen Stimmchen der Neugeborenen wurden trotzdem fast vollständig gedämpft.
Voller Entsetzen wurde der gefesselten Krankenschwester klar, was hier gerade vor sich ging, und begann, wild an ihren Fesseln zu zerren, doch die Dinger schnitten nur tief ins Fleisch ihrer Handgelenke und lockerten sich keinen Millimeter.
Sie versuchte, laut um Hilfe zu schreien, doch mehr als gedämpfte, unverständliche Laute brachte sie nicht hervor, da erging es ihr genau wie ihren Schutzbefohlenen. Zu fest war das Klebeband um ihren Kopf gewickelt. Letztendlich fiel sie polternd, durch ihre Befreiungsversuche aus dem Gleichgewicht gekommen, mit ihrem Stuhl um und blieb auf dem Fußboden liegen. Schmerz schoss wie ein Feuerstoß ausgehend von ihrem linken Handgelenk durch ihren Körper. Ihre Brille war ihr von der Nase gerutscht und lag nun einige Zentimeter entfernt neben ihr auf dem weißen CV-Belag. Die 50-Jährige schloss die Augen und stöhnte auf. Es fiel ihr schwer, durch das Klebeband behindert, genügend Luft zu bekommen. Der Stuhl war mit der Metallstrebe, an der ihre Hände gefesselt waren, auf ihr linkes Handgelenk geknallt, als er auf dem Boden auftraf. Zeitgleich mit dem Aufprall trafen die beiden Gangster, die sich um die Lernschwester gekümmert hatten, im Säuglingszimmer ein. Wortlos halfen sie ihren Komplizen, die letzten Babys in die noch leeren Taschen zu packen. Als sie ihre Arbeit erledigt hatten, ging die Frau unter den Entführern zur Tür und vergewisserte sich, dass niemand durch den Lärm des umstürzenden Stuhles auf sie aufmerksam geworden war. Auf dem dunklen Flur schien alles ruhig zu sein, keine Tür öffnete sich, kein Kopf wurde aus den Patientenzimmern gesteckt. Glück gehabt. Trotzdem wartete sie noch einige Sekunden, bevor sie ihren Komplizen ein Zeichen gab, ihr zu folgen.
Als alle Eindringlinge das große Zimmer mitsamt ihrer menschlichen Beute verlassen hatten, sperrte die blonde Kidnapperin das Säuglingszimmer ab, der Schlüsselbund der Stationsschwester steckte noch von außen im Schlüsselloch. Zurück blieben nur die Krankenhausmitarbeiterin in ihrer misslichen Lage und die leeren Bettchen. Die Anführerin des Quartetts zog das Funkgerät aus ihrer Jackentasche und informierte den Mann am Empfang: „Wir kommen runter.“
Sie liefen los, jeder der Männer zwei Taschen tragend, während sie den Revolver in der rechten Hand hielt und ihren Begleitern mit der linken die Tür des Treppenhauses öffnete. Sie nahmen denselben Weg zurück, den sie gekommen waren.
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