Cover: Laurentius' Wunder

Laurentius' Wunder


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 230
ISBN: 978-3-7116-0600-6
Erscheinungsdatum: 08.05.2025
Der kleine Giuliano durchlebt einen Albtraum nachdem seine Mutter spurlos verschwindet. Sein Vater verstößt ihn. Qualvolle Jahre in einer ungeliebten Lehre folgen bis er Im Kloster von Assisi Zuflucht findet - doch hier ist nichts so, wie es scheint …
Assisi, Italien im Jahr 2012


„Der Leib Christi!“
„Amen!“
„Der Leib Christi!“
In der Kirche herrschte noch Dunkelheit zur Matutin, der ersten Messe des Tages. Die in der kühlen Zugluft flackernden Kerzen warfen wild tanzende Schatten auf die marmorverkleideten Wände. In Laurentius’ Vorstellung schienen die Figuren auf den Gemälden zum Leben zu erwachen, und er konnte sich an ihrem lebhaften Reigen kaum sattsehen. Wenn ihn die Müdigkeit überkam und er kaum die Augen offen halten konnte, verwischten manchmal die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit.
Aus vollem Herzen singend oder im Gebet, an der Seite seiner Ordensbrüder, empfand Laurentius tiefe Geborgenheit. Er war angekommen und das Kloster war in kürzester Zeit zu seinem Zuhause geworden.
Nur Bruder Angelo machte ihm das Leben schwer, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Angelo rechtfertigte sich mit den strengen Regeln des Franziskanerordens, denen zufolge ein Neuling es nicht zu leicht haben sollte, dem Orden beizutreten. Laurentius jedoch hatte den Verdacht, dass Angelos Verhalten auch von persönlichen Motiven geprägt war.
Er versuchte, diese Demütigungen auszublenden und sich ganz auf die heilige Messe zu konzentrieren. Doch das beklemmende Gefühl in seiner Kehle blieb.
„Der Leib Christi!“
Laurentius erschrak. Die Kommunion.
Der Guardian stand dicht vor ihm. Als er ihm die Hostie reichte, vermied Laurentius den Blick und senkte demütig den Kopf.
„Amen.“
Raphael sollte nicht merken, wie gekränkt und wütend er war – vor allem wütend auf sich selbst, weil er gestern erneut nicht verhindern konnte, dass Angelo ihn verletzte und ihm die Freude nahm, wie er es nur allzu gut aus seinen Kindertagen kannte. Laurentius’ Gedanken schweiften ab.
An seinem zwölften Geburtstag hatte er auch einen Gottesdienst besucht. Damals war sein Name noch Giuliano gewesen – Giuliano Ferrari.

***

7 Jahre früher

Giuliano sehnte das Ende des sonntäglichen Gottesdienstes herbei. Als die Gläubigen endlich die Kirche verließen, streifte er hastig sein Messdienergewand ab, verstaute es in dem modrig riechenden Schrank und verabschiedete sich mit einem laut in die Sakristei gerufenen „Arrivederci“ von Monsignore Rossi. Ohne auf die gemächlich nach Hause schlendernden Kirchgänger zu achten, rannte er die schmale Gasse hinauf, sicher, dass seine Mutter zu Hause mit einer Geburtstagstorte auf ihn warten würde. Mit knurrendem Magen und vor Erwartung glänzenden Augen betrat er die Küche. Er konnte sich noch genau an die Torte vom letzten Jahr erinnern: ein Meisterwerk, das die Form eines Drachens hatte, dessen köstlicher Marzipanmantel grünlich glitzerte und schimmerte, während die kandierten Kirsch-Augen des Monsters blutrot leuchteten. Überrascht hielt Giuliano inne. Die Küche war leer. Er strich sich eine Locke aus dem Gesicht. Wo konnte sie sich versteckt haben? Bestimmt im Speisezimmer. Beschwingt trat er ein – und wich sogleich zurück. Abgestandene Luft und der ekelhafte Gestank kalten Rauchs schlugen ihm entgegen. Enttäuscht und mit hängenden Schultern blieb er im Flur stehen. Was ging hier vor? Langsam verlor er die Geduld. Er war hungrig und hatte keine Lust, noch länger auf seine Geschenke zu warten.
Verärgert presste Giuliano die Lippen zusammen, als er zum Arbeitszimmer seines Vaters ging. Vor der Tür legte er das Ohr an – nichts. Langsam drückte er die Klinke nach unten: abgeschlossen! Wie immer, wenn der Vater ungestört arbeiten wollte.
Plötzlich überkam Giuliano die Ahnung, dass seine Familie im Wohnzimmer auf ihn wartete. Vielleicht war sogar die Oma zu Besuch gekommen?
Übermütig lief er hin, riss die Tür weit auf und rief freudig: „Da bin ich!“

***

Laurentius zuckte zusammen. Der harte Rippenstoß beförderte ihn jäh in die Wirklichkeit.
Hämisch grinsend schob sich Angelo an ihm vorbei und raunte ihm zu: „Ausgeträumt, Freundchen. Du hast Küchendienst.“
Gesenkten Hauptes lenkte Laurentius seine Schritte aus der Kirche. Angelos Kommentar war überflüssig und unverschämt. Außerdem war es noch viel zu früh für die entsprechenden Arbeiten.
Laurentius wollte noch eine Stunde schlafen, doch der Ärger hielt ihn wach. Angelos Verachtung ließ ihn sprachlos zurück, und passende Antworten fielen ihm erst später ein.
Auch in anderen Klöstern war er auf Brüder gestoßen, mit denen es zu Konflikten kam – Neid, Eifersucht und Missgunst gehörten zum Alltag.
Laurentius hatte gelernt, sein Umfeld genau zu beobachten und konflikthafte Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. Meist gelang es ihm, Streitigkeiten zu umgehen oder sie mit ein paar geschickt gewählten Sätzen zu schlichten. Doch Angelos Feindseligkeit machte ihn hilflos. Seufzend stand er auf und versuchte, die Schatten unter seinen Augen mit kaltem Wasser zu vertreiben. Kurz nachdem er die Klosterküche betreten hatte, holte ihn seine Vergangenheit wieder ein.

***

Auch im Wohnzimmer fand er niemanden. Vielleicht war es ein Versteckspiel, dachte Giuliano, und stellte sich vor, wie erfreut alle sein würden, wenn er sie fand. Er durchsuchte jedes Zimmer, selbst den Keller und den Speicher, bis er sich eingestand, dass tatsächlich niemand da war. Enttäuscht trottete er zurück in die Küche und bekam es mit der Angst zu tun. Vielleicht war etwas Schlimmes passiert? Verschiedene Szenarien kamen ihm in den Sinn. Der Oma konnte etwas zugestoßen sein, weshalb die Eltern sofort zu ihr gefahren waren, oder eine von Papas Schwestern hatte um Hilfe gebeten.
Gegen Mittag legte er sich mit knurrendem Magen ins Bett. Als er ein Poltern hörte, sprang er auf und lief in den Flur. Vor Hunger wurde ihm schwindelig, und er stützte sich an der Wand ab.
Den Geräuschen nach befand sich jemand in der Küche. Eine Schranktür schlug krachend zu, gefolgt von dem dumpfen Aufprall eines Gegenstands auf den Holztisch.

***

Laurentius beeilte sich, die Glut im alten Kaminofen der Klosterküche zu schüren. Behutsam legte er ein paar Späne auf die Kohle, spitzte die Lippen und blies hinein. Sobald die schwachen Flammen aufflackerten, legte er dickere Scheite nach. Zum ersten Mal an diesem Morgen atmete der junge Mönch tief durch.
Die behagliche Wärme des Feuers bildete einen starken Gegensatz zu der eisigen Kälte, die ihn einst in der Küche seiner Kindheit empfing.
Laurentius war ein routinierter Koch. Geschickt schlug er Eier auf, hackte Schnittlauch und genoss den Duft, den die bratenden Rühreier verströmten. Er schnitt das am Vortag gebackene Brot auf und befüllte große Kannen mit frisch gebrühtem Kaffee und Tee. Es machte ihm nichts aus, allein zu sein. Tatsächlich kam er schneller voran, wenn er keine Anweisungen geben musste. In der Klosterküche konnte er seine Fähigkeiten einbringen. Diese praktische Arbeit bot ihm den perfekten Ausgleich zu seinen geistigen Studien und er freute sich, damit der Gemeinschaft dienen zu können.
Die Brüder würden bald zum Frühstück kommen. Angelo würde vermutlich wieder demonstrativ nachwürzen oder seinen Teller missmutig beiseiteschieben. Laurentius spürte die Anspannung in seinem Nacken, die sich immer einstellte, wenn Angelo in der Nähe war.
Als alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, gestattete er sich, zu seinen Erinnerungen zurückzukehren.

***

Ängstlich schob Giuliano die angelehnte Küchentür auf, um den Raum überblicken zu können. Am Tisch saß sein Vater und griff nach einer Flasche mit einer klaren Flüssigkeit, aus der er gierig trank.
Mit klopfendem Herzen trat Giuliano ein. Sein Vater musterte ihn mit glasigen Augen.
„Wo ist Mama?“, brachte Giuliano mit heiserer Stimme hervor.
„Weg!“
Dieses eine, kalt dahingeblaffte Wort hing zwischen ihnen wie ein unsichtbares Monster. Sein Vater starrte ihn an, als wäre er ein Fremder.
Giuliano verstand, dass es dieses Jahr keine Torte geben würde. Sein Magen verkrampfte sich, und der Würgereiz ließ einen bitteren Geschmack in seinem Mund aufsteigen. Unnatürliche Hitze durchströmte seinen Körper, während sich sein Kopf gleichzeitig leer anfühlte.
Sich an der Wand abstützend, zog Giuliano sich in sein Zimmer zurück und schlüpfte ins Bett. Was sollte „weg“ heißen? An seinem Geburtstag? Wohin weg, und für wie lange?
Es musste eine Erklärung geben, doch instinktiv wusste Giuliano, dass er den Vater nicht danach fragen durfte.
Am nächsten Morgen versuchte er sich einzureden, dass er schlecht geträumt hatte, und dass seine Mutter in der Küche auf ihn warten würde. Obwohl sein Magen knurrte, zog er sich langsam an, als ob er die Minuten mit Hoffnung füllen könnte. Doch die Stille im Haus und die verwaiste Küche belehrten ihn eines Besseren.
Er trank ein Glas Milch und starrte auf seine Vesperdose. Seine Mama hatte sie jeden Morgen gefüllt. Jetzt lag sie leer da, wie ein stummer Vorwurf. Giuliano ließ sie liegen – sein Appetit war verflogen.
An manchen Tagen vergaß er, dass seine Mutter fort war, und ertappte sich dabei, wie er nach ihr rief. Die Stille ließ ihn ins Bodenlose fallen. Erschöpft von Angst und Wut suchte er Zuflucht in seinem Bett.
Wie in Trance folgte er seinem täglichen Rhythmus: aufstehen nach dem Wecker, Zähne putzen, zur Schule gehen. Ständig auf der Hut vor der Trauer, die wie ein Raubtier in jeder Sekunde zuschlagen konnte. Wenn sie ihn plötzlich überfiel, hatte er das dringende Bedürfnis, etwas zu zerstören – vorzugsweise etwas, das ihn an seine Mutter erinnerte. Auf die Sofakissen, die sie an den langen Winterabenden mit zierlichen Mustern bestickt hatte, schlug er ein, bis sie völlig zerschlissen waren. Wenn er seinem Zorn freien Lauf ließ, wich die lähmende Ohnmacht, und er fühlte sich zumindest kurzzeitig besser.
Er hoffte, dass seine Mutter zurückkehren würde. Fantasien über ihr Verschwinden quälten ihn. So stellte er sich vor, dass sie auf einem ihrer Spaziergänge gestürzt war und schwer verletzt irgendwo auf Hilfe wartete. Mehrmals durchstreifte er die Umgebung. Er besuchte ihre Lieblingsplätze in der Stadt oder tauchte unangemeldet bei Freunden und Verwandten auf.
Eine Fernsehsendung über die Suche nach vermissten Personen bereitete ihm eine schlaflose Nacht. Die Hoffnung, die er daraus schöpfte, belebte ihn, dass er es kaum noch im Bett aushielt. Am nächsten Morgen suchte er den Polizeiposten auf, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Die Beamten hörten sich seinen Wunsch an, tauschten bedeutungsschwere Blicke, gaben ihm eine Tafel Schokolade und baten ihn, seinen Vater zu schicken.
Giuliano wusste, dass es nichts bringen würde, seinen Vater darum zu bitten. Es hatte sich herumgesprochen, dass seine Mutter verschwunden war. Sobald er auftauchte, rief einer höhnisch „Ciao-Ciao-Giuliano“, und sogleich stimmte ein ganzer Chor den Spottnamen an. Giuliano erduldete es schweigend. Mit gesenktem Kopf verließ er den Schulhof, und suchte weiter.
Am meisten quälte ihn die Frage nach seiner Schuld. Was hatte er falsch gemacht, dass sie ausgerechnet an seinem Geburtstag verschwunden war? Es gab niemanden, dem er diese Frage stellen konnte.
Lediglich in der Nähe des Pfarrers fühlte sich Giuliano sicher. Monsignore Rossi unterrichtete Religion. In seiner Gegenwart traute sich keiner, den „Ciao-Ciao“-Gesang anzustimmen.
Als der Pfarrer die Selig- und Heiligsprechung erklärte und die wichtigsten Heiligen des Landes vorstellte, war Giuliano sofort Feuer und Flamme. Monsignore Rossi sparte nicht mit Details, wenn es darum ging, die Wunder der Heiligen zu beschreiben, und erst recht nicht, wenn er von ihren Qualen berichtete.
Da sich in den letzten Jahren öfter Mütter beschwert hatten, die solche Erzählungen nicht für kindgerecht hielten, beendete er den Unterricht mit besten Grüßen an die Eltern und der Legende des heiligen Laurentius. Ansonsten ließ er sich nicht beirren und entgegnete seinen Kritikern, dass sich diese Dinge genauso zugetragen hätten, weswegen er sie nicht anders darstellen könne. Schließlich hänge der Heiland auch nicht kindgerecht am Kreuz.
Giuliano klebte förmlich an den Lippen des Pfarrers, als dieser erzählte, dass die Perseiden „Laurentiustränen“ genannt würden, weil der Märtyrer damals auf einem glühenden Rost zu Tode gefoltert worden war. Dabei habe er Tränen über die Sünden der Menschen vergossen, und die jährlich wiederkehrenden Sternschnuppen sollten als ewige Erinnerung daran dienen.
Von seiner Mutter würde mit Sicherheit keine Beschwerde über den Unterricht kommen. Von ihr kam gar nichts mehr. Bitterkeit stieg in ihm auf, aber zum ersten Mal nach ihrem Verschwinden konnte er an etwas anderes denken. In der Bibliothek lieh er ein dickes Buch über Heilige aus und las darin bis tief in die Nacht. Ihm stockte der Atem angesichts ihrer unvorstellbaren Qualen. Er konnte nicht umhin, sich mit ihnen zu vergleichen. Sein eigener Schmerz mutete im Vergleich lächerlich an. Seine Mutter war verschwunden, und er hatte keine Geburtstagstorte bekommen, aber die Heiligen waren gequält, geschändet und gefoltert worden. Viele mussten für ihren Glauben sterben.
Giuliano begann sich zu hinterfragen. Gläubig war er. Aber eine solche Festigkeit im Glauben, wie die Heiligen, würde er nie erreichen, geschweige denn wäre er fähig, einem Martyrium standzuhalten. Ihm liefen schon die Tränen über die Wangen, wenn er sich an Brennnesseln verbrannte. Er würde vor eventuellen Peinigern jegliches Geständnis ablegen und sofort seinem Glauben abschwören, um keine Qualen erleiden zu müssen. Umso mehr bewunderte er die Hingabe der Heiligen. Vielleicht, dachte er, konnte er auf andere Weise ein guter Christ sein. Vielleicht durch Liebe und Mitgefühl. Doch reichte das?
Laurentius’ Geschichte ließ ihn nicht los. Die Tränen des Heiligen schienen mit seinem eigenen Kummer verknüpft zu sein. Und doch – wenn ein Heiliger solch unvorstellbare Qualen ertragen konnte, musste auch er, Giuliano, seinen Schmerz überwinden.
Er durfte sich nicht länger von der Trauer lähmen lassen. Vielleicht, dachte er, könnte er sich eines Tages so unerschütterlich im Glauben fühlen wie die Märtyrer. Vielleicht war das der Weg, um mit der Leere umzugehen, die seine Mutter hinterlassen hatte.
Sein größtes Mitgefühl galt den Heiligen, die unschuldig gelitten und das Pech gehabt hatten, nur mit einem künftigen Heiligen verwandt oder befreundet zu sein.
Seine Mutter war weg, das war auch Pech, aber sein Pech war verglichen mit ihrem Schicksal überschaubar.
Endlich hatte Giuliano etwas gefunden, mit dem er sich identifizieren konnte. Er fühlte sich nicht mehr allein, weil viele Schlimmeres durchgestanden hatten. An ihrem Beispiel richtete er sich auf.
Von diesem Tag an wichen die Heiligen nicht mehr von seiner Seite. Begierig suchte er mehr über ihre Lebensumstände und ihre Heiligsprechung zu erfahren. Die Wunder, die sie vollbracht hatten – Kranke heilen und Tote erwecken –, beeindruckten ihn tief. Giuliano entdeckte, dass sie außergewöhnliche Fähigkeiten besaßen: Sie konnten schweben, verschwinden oder an mehreren Orten gleichzeitig sein. Besonders faszinierte ihn das Leben des heiligen Franziskus, der zu den Vögeln sprach und sie als Symbol für Gottes Fürsorge sah. Er schloss sich einer Vogelschutzinitiative an und half, die Jagd auf Singvögel in seiner Heimat zu bekämpfen. Jährlich besuchte er am 4. Oktober, dem Ehrentag des Heiligen Franziskus, dessen Grab in Assisi.
Als die Trauer um seine Mutter nachließ, zog es ihn in die Natur. Stundenlang wanderte er, befreite Vögel aus Leimfallen und Schlingen und pflegte verletzte Tiere zu Hause gesund. Sie wurden seine neuen Freunde.
Giuliano war sechzehn, als sein Vater wieder heiratete. Von seiner leiblichen Mutter hatte er nie wieder etwas gehört. Ob es zwischen den Eltern eine Scheidung gegeben oder ob der Vater sie gar für tot erklären lassen hatte, wie eine der Nachbarinnen vermutete, war ihm einerlei. Er wollte nichts davon wissen, und er wollte schon gar nichts mit Signora Stefania, seiner Stiefmutter, zu tun haben. Sie war sogleich zur Stelle gewesen, um sich um den verwaisten Haushalt zu kümmern. Da sie ihren Charme geschickt einsetzte, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie seinen Vater um den Finger gewickelt hatte. Nach der Hochzeit verbrachte sie die meiste Zeit des Tages damit, Rezepte zu lesen oder zu kochen, was sich entsprechend auf ihr Gewicht auswirkte. Wenn sie nicht damit beschäftigt war, mischte sie sich ungefragt in Giulianos Angelegenheiten ein.
Sie durchkreuzte seinen Plan, weiter zur Schule zu gehen, um später Theologie zu studieren, indem sie seinem Vater einredete, er sei dafür nicht geeignet. Tatsächlich ging es ihr jedoch darum, ihn so schnell wie möglich aus dem Haus zu bekommen. Nicht zuletzt wegen ihrer Fresssucht musste Giuliano eine Lehre als Koch antreten. Sie fand, er sollte sich nützlich machen können, wenn er zukünftig besuchsweise nach Hause kam.
Signora Stefanias Vetter bewirtschaftete das beste Hotel der Stadt und suchte dringend einen Lehrling. Geschickt arrangierte die Signora ein Treffen der Männer, brachte die offene Ausbildungsstelle zur Sprache, und schon bald wurde der Lehrvertrag geschlossen. Giuliano sah sich vor vollendete Tatsachen gestellt. Er unterschrieb mit gemischten Gefühlen. Das Elternhaus verlassen zu können hatte auch verlockende Seiten.
Die Stiefmutter wies ihn an, persönliche Sachen, die er nicht mitnehmen konnte, in Kisten zu verstauen, die umgehend in den Keller geräumt wurden. Sein neues Zuhause würde eine Personalunterkunft im Hotel sein.
Mit einem abgewetzten Koffer in der Hand stand er vor seinem Elternhaus und wartete darauf, abgeholt zu werden. Als sein Vater aus der Tür trat und auf ihn zukam, glaubte Giuliano, dass er sich von ihm verabschieden würde. Er wandte sich seinem Vater zu, um ihn zu umarmen. Doch der Vater hatte anderes im Sinn. Zu Giulianos Erstaunen überreichte er ihm einen Brief, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Der ist für dich. Mach’s gut!“ Dann drehte er sich um und ging zurück ins Haus.
Giuliano starrte auf den vergilbten Umschlag. Für Giuliano. Das war die Handschrift seiner Mutter.
Hatte sie ihm einen Brief geschrieben? Warum jetzt? Er begriff, dass dieser Brief schon vor Jahren geschrieben worden war. Sein Vater hatte ihn die ganze Zeit vor ihm verborgen. Unvermittelt brachen die Gefühle von damals wie ein Tsunami erneut über ihn herein. Giuliano krümmte sich, als der alte Schmerz sich in seinem Bauch zurückmeldete.
Es gab einen Brief, der ihm vielleicht hätte helfen können, zu verstehen, der ihm eine Erklärung für das plötzliche Verschwinden seiner Mutter hätte geben können – und diesen Brief hatte man ihm vorenthalten! Heiße Wut stieg in ihm auf. Mit geballten Fäusten widerstand er dem Impuls, ins Haus zu stürmen und seinem Vater den Hass ins Gesicht zu schreien.
Und er unterdrückte den Drang, den Brief sofort zu öffnen. So viel Zeit war vergangen, in der er nichts kontrollieren konnte. Jetzt war es an ihm, zu entscheiden, wann er den Brief lesen würde. Reglos wie ein geprügelter Hund verharrte er neben seinem Koffer und versteckte den Brief unter seinen Kleidern.
Über eine Stunde nach der vereinbarten Zeit bremste ein Wagen scharf vor ihm ab. Der Fahrer musterte Giuliano und deutete mit einer Kopfbewegung auf den Sitz neben sich.
...
5 Sterne
Nabehamhmwd940@gmail.com - 14.08.2025
نبيهه محمود.

Nabehamhmwd940@gmail.com

4 Sterne
Giuliano`s schwerer Weg - 11.08.2025
Karin Sommer

Der Roman Laurentius` Wunder ist im Novum-Verlag erschienen. Der Roman umfasst 230 lesenswerte Seiten. Giuliano ist 12 Jahre jung, als seine Mutter die Familie verlässt. Giuliano beginnt eine Ausbildung zum Koch. Die Ausbildung ist grausam. Der Ausbilder missbraucht Giuliano. Giuliano flüchtet ins Kloster von Assissi. Giuliano wird im Kloster Zeuge eines Wunders. Doch niemand glaubt ihm. Giuliano wird in die Psychiatrie eingewiesen. Giuliano hält an dem Wunder fest. Der Roman ist sehr einfühlsam geschrieben. Giuliano ist ein junger Mensch, der seine Kraft aus dem Glauben nimmt. Die Autorin Irene Matt zeigt auf was passieren kann, wenn ein junger Mensch seelisch labil ist. Die Autorin Irene Matt zeigt wie verletzlich und widerstandsfähig Giuliano ist. Ein Buch das zum Nachdenken anregt.

4 Sterne
Eine tiefgründige und bewegende Geschichte - 14.07.2025
Tina

Giuliano alias Laurentius hat es nicht leicht. Erst verschwindet seine Mutter an seinem zwölften Geburtstag spurlos. Dann beginnt er eine Lehre als Koch und erleidet Missbrauch durch seinen Ausbilder. Er sucht Zuflucht im Kloster von Assisi. Aber auch da erschlagen sich die Ereignisse, als er Zeuge eines Wunder wird. Niemand möchte ihm glauben und sein Mitbruder Angelo macht es ihm auch nicht leicht. So kommt es, dass er in die Psychiatrie zwangseingewiesen wird. Aber er hält weiterhin an dem Wunder fest und möchte am liebsten die ganzen Welt daran teilhaben lassen.Ein unerwarteter Weg führt ihn in den Vatikan. Doch dann bricht die Corona-Pandemie aus und zwingt ihn wieder in den Kloster von Assisi zurück.Was hat es mit dem Wunder auf sich?Eine tiefgründige Geschichte die mich sehr bewegt hat. Der Autorin ist es sehr gut gelungen die Pandemie in der Geschichte miteinzubringen.Laurentius ist ein gutmütiger und authentischer Charakter, der trotz seines schweren Weges sich nicht brechen ließ. Er hält an dem fest was er gesehen hat.Das Setting im Kloster fand ich doch sehr interessant und konnte es mir auch bildhaft vorstellen.Der Schreibstil ist flüssig und die Storyline ist spannend und emotional geschrieben.Allerdings hätte ich mir gerade ab der Mitte hin, mehr Absätze gewünscht. Das wäre doch einfacher dem Geschehen besser folgen zu können.Auch das Ende ist etwas offen gehalten.Aber Nichtsdestotrotz ist es eine bewegende und tiefgründige Geschichte, die mich sehr berühren konnte und ich auch gerne gelesen habe.Ein Buch das ich sehr gerne weiterempfehle.

5 Sterne
Ein echtes Wunder - 30.06.2025
rewareni

Früher als gedacht, muss der junge Giuliano lernen was es heißt alleine und schutzlos durchs Leben zu gehen. Als seine Mutter verschwindet und sein Vater eine neue Frau kennen lernt, ist für ihn schon bald kein Platz mehr zu Hause. Abgeschoben in ein Hotel, wo er eine Kochlehre absolvieren soll, dauert es nicht lange bis er durch seinen Ausbilder missbraucht wird und Giuliano einzig Zuflucht und Halt in seinem Glauben und den Wundern der Heiligen findet. Im Kloster von Assisi findet er nun als Bruder Laurentius endlich Zuflucht und eine Heimat, wo ihm eines Tages ein großes Wunder widerfährt als ihm der Heilige Franziskus in der Basilika erscheint.Doch so sehr er auch daran glaubt, findet er bei seinen Mitbrüdern niemanden der ihm glaubt. Dies führt sogar so weit, dass er in eine Psychiatrie zwangseingewiesen wird.Doch zum Glück wendet sich das Blatt und er darf in den Vatikan reisen, wo er als Beauftragter für Selig- und Heiligsprechung mitwirken darf. Vieles trauriges und erschütterndes erlebt er dabei, bis er wieder ins Kloster zurück kehrt und er spürt, dass er den Spuren der Heiligen und deren Wundern immer näher kommt.,, Laurentiu`s Wunder“ ist ein stiller und einfühlsamer Roman, wo ein junger Mensch seine Kraft und Energie aus seinem tiefen Glauben und der Religion nimmt. Die Autorin Irene Matt zeigt dabei, dass sie dem Protagonisten tief in die Seele blicken kann. Es ist das Bild eines Jugendlichen, der von einem Tag auf den anderen seine Hoffnung auf ein schönes und friedvolles Leben verliert und der lernen muss, sich durch eine Welt voll Hass, Missgunst und Neid durchzuschlagen. Laurentius ist ein bemitleidenswerter Mensch, dem sein erlebtes Wunder viele Steine in den Weg legt. Er kann und will nicht glauben, dass es niemand anderer bemerkt, wie die vielen Heilige durch ihre Aktionen zeigen, dass sie mit dem Lebenswandel der Menschen und wie sie mit der Natur und den Tieren umgehen, nicht einverstanden sind.Die Autorin zeigt dabei sehr intensiv, was es aus einem Menschen machen kann, wenn er seelisch labil ist, in seiner Jugend nie wirklich die Möglichkeit bekommen hat eine helfende Hand zu ergreifen und schließlich in einer Spirale landet, aus der er nicht mehr heraus kommt. Auch wenn man merkt, wie verzweifelt er manchmal ist, so ist sein ,,erlebtes Wunder“ immer wieder ein Anker für ihn.Gut beschrieben waren auch die Szenen, wo man bei der Befragung dabei sein konnte, wenn die Mönche die Menschen nach ihren erlebten Wundern befragt haben, wo man gesehen hat, dass es nicht nur wirklich gläubige Personen gibt, sondern auch solche, die diese schamlos ausnützen, wenn sie sich Aufmerksamkeit oder finanzielle Zuwendung erhoffen.Es war interessant Laurentius auf seinem Weg zu begleiten wo man gesehen hat, dass man selbst bei Widrigkeiten des Lebens an sich glauben sollte, egal was andere von einem denken.

5 Sterne
Packend, bis zum letzten Satz! - 02.06.2025
Martina Wirthwein

Es war für mich schon eine Überraschung, als ich das Titelbild vor Augen, im Klappentext von der Corona-Pandemie gelesen habe und mir klar wurde, dass ist ein Roman, der in der aktuellen Zeit spielt. Eigentlich verortet man ja „Klostergeschichten“ eher zeitlich im Mittelalter. Umso mehr faszinierender war ich von der Story über einen Jungen, der sozusagen auszog, um in der hiesigen Welt die schrecklichsten menschlichen Abgründe und Wunder; Hoffnungen und zerstörte Weltbilder; Dramen und Entschlossenheit kennenzulernen.Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage: dieses Buch ist packend und tiefgründig und das - wie man es von Irene Matt kennt - bis zum letzten Satz. Meine Empfehlung hat dieses Buch!

4 Sterne
Eine tiefgründige Geschichte  - 01.06.2025
Jutta von Vietinghoff

Bei diesem Buch habe ich etwas länger überlegen müssen, ob ich es lesen und rezensieren möchte. Mystische Erlebnisse und der Vatikan sind normalerweise nicht meine bevorzugten Themen. Ich wurde jedoch nicht enttäuscht. Nachdem ich in der Geschichte drin war, habe ich sie auch in einem Rutsch gelesen. Giulianos (Lautentius) Schicksal ist sehr bewegend. Der Schreibstil der Autorin ist flüssig, bildhaft und mitfühlend. Das Buchcover passt meiner Meinung nach sehr gut zur Geschichte. Fazit:Laurentius Wunder ist ein tiefgründiger Roman über einen jungen Mann, der sein altes Leben hinter sich lässt, als dieses aus den Fugen gerät.

5 Sterne
.....und wieder ein spannender Roman von Irene Matt - 26.05.2025
Margarete

Mit großer Spannung habe ich auf die neue Geschichte von Irene Matt gewartet. Ich liebe diese erzählbegabte Autorin. Sie schreibt so ergreifend, elektrisierend und tiefgründig, dass mich ihre Geschichten jedes Mal in den Bann ziehen. So ist es auch mit dem neuen Roman geschehen, den ich in kurzer Zeit "verschlungen" habe. Besonders die Kunst der Autorin, die menschlichen Abgründe in ihre Erzählung einzuflechten und ihre bildhafte Sprache faszinieren mich auch in Laurentius´Wunder wieder. Klare Kaufempfehlung!

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