Cover: Ede Wolf

Ede Wolf
Alpenkrimi


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 276
ISBN: 978-3-7116-1898-6
Erscheinungsdatum: 13.10.2026
Der Knecht Ede lebt auf einem abgelegenen Bergbauernhof unter der brutalen Herrschaft des Bauern Gilmor. Als er eines Nachts ein gut gehütetes Geheimnis entdeckt, gerät sein ohnehin trostloses Leben endgültig außer Kontrolle.
1


Langsam kommen die ersten Sonnenstrahlen hinter den felsigen, schroffen Bergen hervor. Ede schwitzt gehörig, da er bereits seit den Nachtstunden in unwegsamem Gelände unterwegs ist.
Gilmor, der Bauer, den er mehr hasst als die Pest und alles andere auf der Welt, war schon gegen zwei Uhr bei ihm im Zimmer. Er stürmte in die Kammer, die er mit Georg teilt, und hat ihn mit einem Fußtritt aus dem Bett befördert. Raus aus dem Bett, raus aus der warmen Stube, mein Freundchen, ich warte unten in der Küche auf dich.
Ede schlägt den mit Stroh gefüllten Sack zurück, steigt aus dem warmen Bett und fröstelt, obwohl es der Beginn des Sommers ist. Aus allen Ecken zieht es kalt herein, ob durch die Ritzen in der Holzverkleidung, unter der Tür oder den schlecht verkitteten Fenstern.
Der Bergbauernhof liegt hoch oben über einem schmalen Tal, das die gewaltige Gebirgskette zerschneidet. Nur selten schafft es Ede, hinunter in das kleine Dorf zu kommen, außer an den Sonn- und Feiertagen. Dann aber müssen sie geschlossen mit der gesamten Familie, den Mägden und dem anderen Knecht hinuntersteigen. Nach der Messe wird an der Ortstafel auf den Bauern gewartet, der aus dem Gasthaus kommt, bevor es sofort wieder die steilen Hänge hinauf zum Hof geht. Nur beim Dorffest zum heiligen Florian bleibt die Bauernfamilie mitsamt ihren Kindern am Platz, an dem getanzt und gesungen wird. Es ist für Ede und all die anderen Knechte der Umgebung eine der ganz seltenen Möglichkeiten, sich auszutoben und so richtig voll laufen zu lassen. Mit ganz viel Schwein findet sich sogar eine freie Minute mit einem der Mädchen, um in einem der Heustadel zu verschwinden.
Ede steigt in seine starre, hundertmal geflickte Arbeitshose, bindet sich die schweren Bergschuhe und nimmt sich das wollene Hemd vom Stuhl. So leise, wie er mit seinen schweren Tretern kann, versucht er, am schnarchenden Georg vorbei hinaus in den Gang zu kommen. Die Tür knarrt böse in der Finsternis, wie er sie öffnet und hinter sich wieder schließt. Die Bretter des Bodens ächzen beim Versuch, sich in den hintersten Winkel des Ganges zu tasten. Dort erhellt eine einsame Kerze den Tisch mit der blechernen Schüssel und den Krug eisig kalten Wassers. Ein schwacher Schein der Kerze leuchtet rüber an die Tür zum Scheißhaus, ein Fallklo aus Holz, das Hunderten Mistfliegen ein Zuhause schenkt.
Ede wäscht sich das struppige Gesicht, fährt sich durchs Haar und ist in Sekunden hellwach. Er schlüpft in sein kratziges Hemd, holt sich die Jacke aus dem Kasten, der als einziges Möbelstück im Flur steht, und setzt sich seine dicke Kappe auf. Erst jetzt, eingepackt und geschützt vor der Kälte, wagt sich Ede aufs eisig kalte Klo, zieht sich Hose und Unterhose runter und setzt sich auf das Loch. Er versucht, so schnell wie nur möglich zu scheißen, fühlt, wie die eisige Hand des Windes seinen Arsch packt und umklammert, und hört das Klatschen der Scheiße, wie sie auf einem harten Berg aufprallt. Mit Zeitungspapier, das in kleine Teile gerissen ist, putzt er sich den Arsch, bevor er einfriert, und packt alles wieder in die Hose. Ede steigt die Holzstiege hinunter.
Noch auf dem Weg denkt er sich, dass es etwas Besonderes geben muss, was sich der Bauer für heute ausgedacht hat, denn so früh wird er normalerweise nicht rausgeschmissen. In der Küche schlägt ihm etwas Wärme entgegen, da immer noch das Feuer des Vortages im schwarzen, verrußten Herd schwelt und der Bauer ein Holzscheit nachgeschmissen hat.
„Wird höchste Zeit, dass du auftauchst“, murrt Gilmor, „du hast einen weiten Weg vor dir.“
„Wo soll ich denn um diese Zeit hin. Es ist stockfinster draußen. Da sind ja nicht einmal Füchse unterwegs.“ Ede wirkt besorgt.
„Rauf, Ede, rauf auf den Berg, so schnell du kannst. Ich habe gestern Abend unseren Nachbarn getroffen, weißt schon, der Rupert. Der hat mir erzählt, dass die Schafe, seine, aber auch unsere, beim letzten Unwetter nach oben gelaufen sind. Du steigst rauf und schaust nach, ob sie noch vollzählig sind, damit das klar ist. Aber bleib nicht zu lange aus, hier wartet viel Arbeit auf uns.“
Ede holt sich Brot aus der Speisekammer und eine Tasse mit lauwarmer Milch, die immer am Rande des Herdes steht. Er schneidet sich einen mächtigen Kanten vom Brotlaib und beschmiert ihn mit Hofbutter.
Nach dem Frühstück nimmt er sich ein Stück Schafskäse, getrocknete Wurst und eingelegtes Kraut, das er zusammen mit einem Keil Brot im Rucksack verstaut. Er streift sich den dicken Pullover drüber, nimmt Mantel und Hut, dann verlässt er den Bauern ohne ein Wort durch die Hintertür.
Es müsste ungefähr drei Uhr sein, denkt er sich, wie ihn der Schäferhund erschreckt, oder umgekehrt, und bellend verabschiedet. Ede schaut noch kurz im Stadel vorbei, um sich eine Plastikplane zu holen, sollte er in einen Regenschauer kommen, bevor er sich endgültig auf die Socken macht.
Er steigt über Serpentinen die steile Wiese hinauf, die sich hinter dem
Hof zum Wald hinauf ausbreitet. Mit der Taschenlampe in der Hand taucht er bald ein ins dunkle Gehölz, durch das ein Hohlweg stetig weiter nach oben führt. Kann er sich die Wiese hinauf noch nach dem Schein des Mondes orientieren, der ihm ein wenig die Umgebung erhellt, ist es nun mystisch, dunkel und schwarz. Nur der Lichtkegel der Taschenlampe tanzt durch die Finsternis. Er lässt Äste wie Fratzen erscheinen, bringt die Augen von Kleintieren zum Leuchten, und mit Moos überwucherte Baumstämme bauen sich rachsüchtig vor Ede auf.
Er rutscht über den feuchten Boden, hält sich an verrotteten, schleimigen Stümpfen fest, die ihn erschaudern lassen, da sie ihn an warme Leichenteile erinnern. Ede stürzt über einige Wurzeln, die sich über den Weg winden und sich ihre Spur auf der Suche nach nährstoffreichem Boden legen. Er liegt zusammengekrümmt am Boden und schimpft fürchterlich in den Wald hinein, in dem sich die Wörter wie Scheiße, verdammte Drecksarbeit, zum Teufel mit allem verlieren. Wie er sich aufrappelt, die Hose vom Moos und Blättern abklopft, verliert er die Lampe, die wie ein leuchtender Ball die Böschung hinunterspringt. Ein unmenschlicher Schrei lässt den Rest des Rotwildes, sollte eines in der Nähe gewesen sein, aber auch alle anderen nachtaktiven Tiere das Weite suchen. Ede steigt fluchend den Hang hinunter, um zur Lampe zu gelangen, bevor er weiterziehen kann. Wenigstens dankt er irgendjemanden im Himmel, dass sie nicht in die Schlucht gefallen ist. Der Wald lichtet sich allmählich, der Weg wird steiniger, und die letzten knorrigen, verkrüppelten Bäume und Büsche verabschieden sich.
Der Morgen graut, wie es steil und felsig kontinuierlich, Schritt für Schritt, nach oben geht.
Ede setzt sich auf einen Felsen, und Schweiß strömt unter dem dicken Mantel aus allen Poren. Er legt sich den Mantel über den Stein, genießt zum ersten Mal die Ruhe und holt sich etwas von der Jause, die er mitgebracht hat, aus dem Rucksack heraus. Er verschnauft, wartet auf die Sonne, die in Kürze ihre ersten Strahlen senden wird, da es jene Augenblicke sind, die ihn friedlich stimmen. Es sind für ihn immer wieder die wenigen Glücksgefühle in einem sonst beschwerlichen und beschissenen Leben.
Dieses verdammte Arschloch, Drecksack, denkt sich Ede, und meint damit den Nachbarn. Der war heroben am Berg und hätte genauso nachschauen können, ob einige der Schafe fehlen. Spaziert dieses Miststück doch tatsächlich hier heroben herum und unternimmt nichts. Obwohl es kurz nach dem Unwetter gewesen sein muss, das hier vor Kurzem tobte, so wie er dem Bauern erzählte. Er hätte locker nach den Schafen von Gilmor schauen können und hätte sie zählen können, so wie er auch seine gezählt hat.
Aber nein, so etwas tut man nicht, da die Hassliebe zwischen den Bergbauern in diesem Tal viel zu tief verwurzelt ist. So ist das Arschloch wieder ins Tal gestiegen, mit der Auffassung, dass jeder Bauer selbst für seine Viecher verantwortlich ist.
Endlich, die ersten Sonnenstrahlen erreichen Ede und lassen seine Lebensgeister ein wenig erwachen. Er packt zusammen, steht auf, steigt weiter und weiter den nicht ungefährlichen Steig dem Himmel entgegen. Er erreicht einen schmalen Grat, der mit Wildblumen überwuchert ist, die sich hier heroben angesiedelt haben und den Witterungen trotzen. Fasziniert, wie jedes Mal, wenn er hier heraufkommt, schaut er hinunter in eine weite Hochebene, auf der Kühe friedlich grasen, und zu den schneebedeckten Dreitausendern, die das saftige Grün wie ein Gemälde einrahmen.
Auf dem Grat läuft nun Ede weiter steil hinauf und ist ab jetzt auf der Hut, da mit jeder Minute, die vergeht, Schafe auf einer der Flanken auftauchen könnten. Ihm wäre es nur recht, bald die gesamte Herde, oder was übrig geblieben ist, gefunden zu haben, um noch bei Tageslicht abzusteigen. Auch wenn er viel lieber für immer hier heroben bleiben möchte.
Auf den Hof, den Bauern und seine Frau könnte er liebend gerne verzichten, genauso wie auf die Kinder, die fünf dummen und frechen Idioten, die ihm das Leben schwer machen. Vier von ihnen sind Gott sei Dank in einem Heim in der Stadt und kommen nur selten heim. So bleibt Franz, der Älteste, der aber das größte Schwein von allen ist, obwohl er nicht bis drei zählen kann. Aber es sind die Gene, die er vom Bauern geerbt hat.
Die ersten Schafe kommen in einer kleinen Gruppe in Sicht, grasen wilden Thymian und scheinen zufrieden zu sein. Ede nähert sich langsam und bedacht, er beginnt leise in der Sprache der Hirten auf die Tiere einzureden. „Mampale, Mampale, löök, löök“ ruft er ihnen zu und wird lauter und lauter, um auch die anderen Tiere heranzulocken. Bald schon tauchen weitere Schafe auf, die hinter einer Böschung gemütlich gegrast haben, und schließen zur Herde auf. Immer wieder zählt Ede die Tiere durch, was gar nicht so einfach ist, da er in Mathematik kein Genie war. So beginnt er wieder einmal von vorne, versucht sich die Tiere zu merken, von denen er einige noch kennt. Bald kommt er dann aber zur Einsicht, dass zur größten Wahrscheinlichkeit einige der Schafe abgestürzt sind. Innerlich ist es für Ede eine Genugtuung, und er hätte sich noch mehrere tote Tiere gewünscht, da er für diesen, seinen Chef, nicht das Geringste empfindet. Die Tiere aber, die tun ihm leid, und so streicht er über das dichte Fell des Widders und spricht ihm gut zu. Es ist bereits Mittag vorbei, wie er die Herde, die nun dicht zusammengedrängt am Hang steht, verlässt, um wieder abzusteigen.
Nach wenigen Metern vernimmt er dann aber jämmerliches Geplärre und bleibt stehen. Das passt ihm überhaupt nicht in den Kram, da er schnellstens runter möchte. Doch das elende Schreien, das der Wind zu ihm herüberträgt, geht durch Mark und Bein und lässt ihn frösteln. Er dreht um und macht sich auf den Weg, um die Tiere zu finden, die so klägliche Laute von sich geben.
Er folgt dem Grat, der immer weiter nach oben führt. Es wird enger, unwegsamer und von Schritt zu Schritt gefährlicher, da es unglaublich rutschig und der Stein sehr brüchig ist. Es dauert aber noch eine gehörige Zeit, bis er endlich drei Jungtiere auf einem Felsvorsprung auffindet. Ede wird es mulmig vor Angst, Schweißperlen bilden sich auf der Stirn, allein beim Gedanken, wie er es anstellen soll. Er muss einen Weg finden, wenn es geht so schnell wie möglich, da auch die Zeit gegen ihn ist. Er will, und er muss die Schafe aus ihrer misslichen Lage befreien.
Er ist kein guter Kletterer, das ist ihm bewusst. Außerdem hat er Höhenangst, da er ursprünglich aus dem Flachland kommt.
Auf allen vieren kriecht er voran, macht im Schneckentempo einen Meter nach dem anderen und hat die Augen nach vorne gerichtet, um ja nicht in den Abgrund zu schauen, wo, wie er glaubt, der Teufel auf ihn wartet. Das Einzige, das ihm dabei zugute kommt, ist die Tatsache, dass er nur ins linke der tiefen Täler schauen kann, da er auf dem rechten Auge blind ist.
Es ist lange her, und Ede war gerade mal sieben Jahre alt. Es war sein Bruder, der ihn beim Indianerspielen aus kürzester Distanz mit Pfeil und Bogen bewaffnet abgeschossen hat. Der Pfeil traf inmitten des rechten Auges ins Schwarze, wie bei einem Volltreffer am Schießstand. Nach einer schmerzlichen und schwierigen Operation wurde ihm Monate später ein Glasauge eingesetzt. Ab diesem Augenblick war es vorbei mit der Ruhe in der Straße, in der er lebte, denn er wurde ab nun als Krüppel, als der Einäugige abgestempelt. Es war vorbei mit seinen Freunden, mit relativ guten Noten in der Schule und einem normalen Leben zu Hause.
Nicht lange nach diesem Vorfall hat ihn sein Vater mit den Worten mitgenommen: „Es ist zu deinem Besten, Eduard, ich will nur das Beste für dich.“ Sein Vater brachte ihn auf den Bergbauernhof, wo er ihn wie einen Sack Kartoffeln abgab und sich verabschiedete, ohne ihn je wieder zu besuchen.
Einmal erreichte ihn eine Nachricht, dass sein Vater gestorben sein soll und die Mutter mit dem Bruder irgendwo anders hingezogen sei, ohne zu wissen wohin. Endlich, nach großer Anstrengung, kommt er recht nahe an die Schafe heran, die zitternd auf dem Felsvorsprung stehen. Nur kurze Zeit ist er unvorsichtig und nicht konzentriert genug und rutscht auf einem feuchten Grasflecken ab. Er rutscht einige Meter nach unten, verliert die Tiere aus den Augen und kann sich im allerletzten Moment an ein paar starre Büsche krallen. Er schreit fürchterlich auf, flucht und stöhnt, schreit weiter wie am Spieß. Er hört dabei seinen makabren Widerhall, der immer wieder und wieder von den Felswänden zurückkommt. Ede läuft es kalt den Rücken hinunter, er schaut auf seine blutigen, aufgerissenen Hände und spürt den Puls, der ihm bis zum Hals hinaufschlägt. Es stehen Ede die Haare zu Berge, und der Rucksack zieht ihn bedrohlich in Richtung der Tiefe, die unter ihm liegt.
Die jungen Schafe erschrecken bei dem Schrei dermaßen, dass sie ihre verzwickte Lage vergessen und hintereinander einen gewaltigen Satz vom Felsvorsprung weg in die Freiheit machen. Sie springen direkt auf Ede zu, sind schnell an ihm vorbei und hüpfen, endlich wieder sicheren Boden unter den Beinen, vergnügt den Hang hinunter. Er sieht ihnen noch zu, wie sie vergnügt, typisch für Kinder, der Herde entgegenlaufen.
Ede bleibt nichts mehr anderes übrig, als dumm dreinzuschauen und zu versuchen, rückwärts auf sicheres Gelände hinauszukommen. Schweißüberströmt, mit immer noch pochendem Herzen kommt er endlich wieder zur Herde zurück. Noch einmal kontrolliert er die Zahl der Schafe, die ihn reumütig und doof anstarren. Gleichmütig, als wäre nichts geschehen, fressen sie weiter. Es bleibt aber dabei, dass zwei der Schafe fehlen. So wie es aussieht, sind es Muttertiere, da zwei Junge meckernd herumirren.
Ede weiß aber, dass es hier oben nichts mehr zu tun gibt, und schaut zur Sonne hinauf. Er meint, noch gut im Rennen zu sein, ist froh, dass er die Scheiße ohne Absturz hinter sich gebracht hat, und endlich wieder absteigen kann.
Das Einzige, was ihm im Moment Sorgen bereitet, sind die dunklen Wolken am Horizont, da er einen Horror vor Gewittern hat. Aber sie hängen schwarz und mächtig weit drinnen im Tal, wo sie hoffentlich auch bleiben werden und zum Teufel noch mal auch bleiben sollen. Ede verlässt die Herde, sucht auf der steil abfallenden Hochalm nach ausgetretenen Spuren und steigt den Pfad hinunter, den er gekommen ist. Am Rande des hier oben spärlichen Waldes macht er, nach einem kurzen Blick zu den Wolken, noch eine letzte Pause, um die Reste seiner trockenen Jause zu verdrücken.
Er rülpst laut auf, trinkt einen Schluck Gebirgswasser und lässt sich zurück ins starre, wohlriechende Gras fallen. Mit seinem Kopf auf dem alten, steifen Rucksack grunzt er zufrieden, krault sich schnaufend die Eier und schläft ein. Er träumt von einem weiten Land mit einem mächtigen Hof, großen Arbeitsgeräten, Kornfeldern, soweit das Auge reicht, und Wiesen mit Tausenden von Kühen.
Er ist der absolute Herr, ein Großgrundbesitzer, der über ein Regiment von Arbeiterinnen und Arbeitern bestimmt, die auf den Feldern, den Äckern und in den weitläufigen Ställen arbeiten. Er ist über die Dorfgrenze hinaus als äußerst großzügig und gutherzig bekannt. Außerdem wird überall erzählt, dass er seine Leute gut behandelt, nicht ausbeutet und noch niemals geschlagen hat.
Die Sonne verschwindet wie durch Geisterhand hinter einer Wolke, was zu einem schnellen Temperatursturz führt und Ede in die Wirklichkeit zurückbringt. Zitternd vor Kälte schlägt er die Augen auf und blickt in dicke, bedrohende Wolken, die über ihn hinwegfegen. Im Nu legt sich eine unheimliche Dunkelheit über die Landschaft, die noch vor wenigen Minuten im Sonnenlicht strahlte. Die Gipfel der mächtigen Berge sind bereits eingehüllt, und dicke Nebelschwaden ziehen alles verschlingend die Hänge herunter. Ede wird klar, dass es nach einem verdammten Gewitter aussieht. Wie er den pechschwarzen Wolken, die sich ins Unermessliche aufbauen, folgt, wird ihm bewusst, dass es ein stürmisches Gewitter werden wird. Ein Unwetter, wie er es in diesem Augenblick als Letztes brauchen kann.
Er steht auf, nimmt sich den Rucksack, legt sich den Mantel um und lässt seinen Blick noch einmal in die Runde gehen.
Dann macht er sich mit der Gewissheit auf den Weg, nicht mehr rechtzeitig genug zum Bauernhof zu kommen. Mit weiten Schritten steigt er über Wurzelwerk, rutscht über Geröll und kommt dem dichten, etwas schützenden Wald immer näher. Während er sich den ersten Bäumen und dichten Sträuchern nähert und sich verbissen vorwärtskämpft, wird ihm übel. Er merkt, dass ihm das hastige Runterschlingen des trockenen Brotes, des strengen Käses und der harten Wurst ganz und gar nicht gutgetan haben. Der Bauch beginnt einen gewaltigen Aufstand zu inszenieren, bei dem es wild drunter und drüber geht und fürchterlich rumort.
Ede erreicht gerade noch den Hohlweg, der durch das Dickicht führt, wie es zur Explosion kommt, bei der er glaubt, dass es ihm den Arsch zerreißt.
Im letzten Bruchteil einer Sekunde reißt er sich die Hosen runter und atmet erleichtert und tief durch. Viel hat nicht gefehlt, und er hätte sich von oben bis unten angeschissen. Hätte mit der gesamten Ladung warmer Scheiße den Weg ins Tal fortsetzen müssen. So aber schießt der immense Inhalt mit einem Knall raus in die Wildnis. Die Kacke verteilt sich über einen großen, von Moos überwucherten Stein und versaut für die nächste Zeit die wundervolle Waldluft.
Wie er so mitten am Weg hockt, durch die hinuntergelassenen Hosen arg in der Bewegung eingeschränkt, fährt ein Blitz nicht weit von ihm in einen Baum. Dem Treffer einer Granate ähnlich gibt’s eine Detonation, und Holzsplitter sausen wie Pfeile durch die Gegend.
Ede versucht hockend und mit kurzen Schritten einen Busch mit Blättern zu erreichen, um sich bedürftig den Arsch zu putzen. Er strauchelt aber über einige Steine, knallt mit dem Kopf gegen einen Baumstumpf und gibt sich schlussendlich mit den Blättern eines Farns zufrieden. Es wird eine beschissene Angelegenheit, da er von den dünnen Blättern immer wieder abrutscht und mit den Fingern im Arsch landet.
Ede fühlt sich wortwörtlich beschissen, ist unzufrieden und launisch und von seiner eigenen Scheiße braun verschmiert. Er nimmt sich den Rucksack und läuft gerade noch rechtzeitig los, bevor die ersten schweren Regentropfen auf seinen Kopf knallen. Ede hat Angst, zieht sich die Kappe weit ins Gesicht und zuckt bei jedem Blitz zusammen. Er betet laut und innig vor sich hin, schreit, wenn ein weiterer ohrenbetäubender Donnerschlag den Wald sowie das ganze Tal erdröhnen lässt.
Der Himmel öffnet seine Schleusen, als wäre es das Letzte, was noch zu erledigen wäre, bevor die Welt in der Ewigkeit versinkt. Der Wald ist zu einem düsteren Kaleidoskop an Schattierungen, Geräuschen und Bewegungen geworden, die vor den Augen eines armselig dahin schlurfenden Knechts verschwimmen.
Blitze dringen bis in den letzten Winkel des Waldes vor und erhellen für Sekunden einen zum Untergang bestimmten Wald. Äste, die brechen, krachen zu Boden, verfehlen Ede nur um Haaresbreite und bäumen sich nochmals kurz auf, bevor sie endgültig erschlaffen. Sturzbäche schießen den Hohlweg hinunter, reißen alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist, außer Ede, der zwar immer wieder strauchelt, sich aber dank der Büsche und Äste festhalten und retten kann.
Längst schon rinnt das Regenwasser beim Jackenkragen hinein, läuft wie ein Rinnsal durch zu seinen langen Unterhosen, verschwindet in den steif gewordenen Hosenrohren und rinnt unten wieder raus. Die Socken sind zum Schwamm geworden, die Schuhe ein Haufen Elend, die in Schlamm und Geröll verschwunden sind, und die Zehen sind taub, auf der Suche nach ein wenig Stabilität.
Immer wieder erhellen grelle, scharfe Blitze die geisterhafte Szenerie. Aufkommende Böen fahren in die Baumwipfel, lassen sie gefährlich knarren und beben, zerren an den Ästen. Sie lassen, wie auch die gewaltigen Donnerschläge, das Rauschen des Wassers für Momente vergessen.
Ede hat mit dem einen Auge, das ihm geblieben ist, Probleme, seinen Weg durch den Wald zu finden, der immer finsterer und undurchdringlicher wird. Er denkt an den Tod, an das Ende seines Lebens, um ihn endlich von seinen seelischen Qualen zu erlösen.
Es schießen ihm Bilder durch den Kopf, die ihn an die Kindheit erinnern, was aber bei Gott nichts Gutes bedeutet. Es sind Bilder an den Lehrer, der ihn, den einäugigen Krüppel, beim Turnunterricht immer wieder betatscht hat, was beschissen, aber trotz allem nicht unangenehm war. Es taucht das Gesicht des Herrn Pfarrer vor ihm auf, der ihn vor den anderen Kindern gedemütigt und geschlagen hat, und Gesichter der Schüler, die ihn hänselten. Erst ein dicker, schwarzer Baumstamm, der sich vor Ede aufbaut, reißt ihn aus seinen wilden Gedanken, da er glaubt, darin die Fratze des Bauern zu erkennen, der ihn hämisch und zähnefletschend anlacht.
...

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