Angekommen
High in the Air
EUR 26,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 240
ISBN: 978-3-99185-294-0
Erscheinungsdatum: 30.09.2026
Ein Meteoriteneinschlag enthüllt ein grausames Geheimnis um den gefeierten Künstler Luca. Zwischen Kunst, Schuld und kosmischer Bedrohung verschwimmen Wahrheit und Wahnsinn in einem düsteren literarischen Thriller.
Prolog
„Eigentlich ist die 2021 gestartete NASA-Raumsonde Lucy auf dem Weg ins äußere Sonnensystem zu zwei Gruppen von Asteroiden, die auch als ‚Jupiter-Trojaner‘ bekannt sind, da sie sich auf der gleichen Umlaufbahn wie Jupiter um die Sonne befinden.
Der Asteroid Dinkinesh, der einen Durchmesser von 790 m hat, liegt quasi auf dem Weg: Dabei handelt es sich um einen Asteroiden im sogenannten Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter.
Aber nun kann das Forscherteam, das mit der Raumsonde ‚Lucy‘ erstmals einen geteilten Mond entdeckt hat, der den Asteroiden Dinkinesh umkreist, weder die beiden Teile des Mondes noch Dinkinesh selbst wiederfinden. Obwohl sie wissen, dass die Anziehungskraft sehr schwach ist, aber durchaus ausreicht, um beide Teile zusammenzuhalten, ist das Forscherteam verblüfft, dass diese Balance durch offensichtlich größere Kräfte außer Kontrolle geraten ist.“1
„Mit dem Vorbeiflug wollte die NASA vorrangig die Tracking-Systeme von Lucy testen. Diese sorgen dafür, dass Lucy während ihrer Asteroidenvorbeiflüge das jeweilige Ziel immer genau im Blick behält, während sie mit einer Geschwindigkeit von rund 16.000 Kilometern pro Stunde daran vorbeisaust.
Im Dezember 2024 ist sie noch einmal an der Erde vorbeigeflogen und hat dabei Schwung für den Weiterflug durchs Sonnensystem geholt. 2025 ist ein Vorbeiflug an einem weiteren Asteroiden des Asteroidengürtels geplant, bevor Lucy dann im August 2027 ihr erstes eigentliches Ziel bei den Jupiter-Trojanern im äußeren Sonnensystem erreicht. Insgesamt elf Asteroiden soll die NASA-Sonde ins Visier nehmen.“2
Protagonisten aus „EMPORGEHOBEN“
Mit Hinweis – in memento mori – auf den tragischen Tod des Galeristen und Kunsthändlers, der nach der Eröffnung von Lucas als Weltsensation gefeierter Kunstausstellung in Cannes während der nächtlichen Feier auf der Hotelterrasse kurz nach der Detonation eines Meteoriten, von Wut und Kontrollverlust übermannt, aus dem Leben stürzt – sei es durch die Druckwelle oder eigenen Willen.
Der schwerkriminelle Künstlerstar Luca
Der radikale Interessenvertreter und Strafverteidiger Lucas
Die Psychologin und Sachverständige
Die freischaffende Autorin
Der berühmte Schauspieler, Kunstsammler, Musiker und Filmemacher
Der Kunstvermittler und Kunstberater des Filmemachers
Neu in „ANGEKOMMEN“
Die Ermittlerin
Der Künstler, Filmemacher und Regisseur
Die berühmte Filmemacherin und Co-Regisseurin
Die berühmte Schauspielerin
Der Kameramann
Der Künstler und Filmmusiker
Kapitel 1
Luca, der Überlebende
Er tritt im Klatschmohnfeld nur einen halben Schritt zur Seite, vielleicht aus Sentimentalität, vielleicht, weil der Wind gerade für einen Moment standhält oder weil ihn das Rot an etwas erinnert, das er eigentlich nicht kennt – Sanftheit.
Die Klatschmohnblüte steht einsam da, wie ein Tropfen Blut auf dem Kalk der Insel Saint Honorat. Er beugt sich, streckt die Hand aus – und in diesem Moment, kaum hörbar, reißt die Luft und der Himmel zittert, als habe er Atem geholt.
Der Einschlag kommt nicht mit einem Knall, sondern mit einem KLATSCH und einem Sog. Der Boden vibriert, Erde, Gestein, Pollen – alles fliegt auf, alle Blüten des Klatschmohnfeldes fliegen wie Blutstropfen umher, nur er – einen halben Schritt neben dem Zentrum – bleibt stehen, Staub in den Haaren, Krater zu seinen Füßen – genau dort, wo die einzelne Klatschmohnblüte wuchs, die er pflücken wollte.
Er blickt hinunter, kein Feuer, kein Rauch, nur ein rundes, sargtiefes, schwarzes Loch, darin ein glimmender Kern, als habe das Universum kurz ein Auge geöffnet – und dann wieder geschlossen.
Er wartet, vielleicht auf den Schmerz, vielleicht auf das Licht, aber es kommt nichts, nur Stille und das Rauschen des Meeres, als sei nichts geschehen.
Er lässt die Hand sinken. Sie zittert nicht. Sein Blick wandert über das Feld, das jetzt keines mehr ist, nur zerrissene Erde, Furchen, als habe ein Riese seine Faust in die Insel geschlagen, und mittendrin – sein Leben.
Er lächelt – zum ersten Mal seit wann eigentlich?
Er denkt an die anderen, an jene, die im Kloster noch geschlafen haben, an jene, die keine Blüte gesehen haben, an all die falschen Entscheidungen, die sich nun wie Sternenstaub um ihn legen – bedeutungslos.
Er ist noch da und vielleicht ist er nicht mehr derselbe.
Die Mönche dulden ihn noch immer und haben ihm einen leerstehenden Schuppen am Rand der Klosteranlage zugewiesen. Schlafen kann er dort kaum. Die Nächte sind zu ruhig. Und wenn der Wind durch die Zypressen streicht, glaubt er manchmal, sie zu hören – die Freischaffende, die Autorin.
Sie ist immer noch in seinem Kopf, nicht als Opfer, sondern als Rätsel. Etwas in ihr entzieht sich ihm, ihre Ruhe, ihre Klarheit, ihre Verletzbarkeit, die keine Schwäche ist, sondern ein Spiegel.
Er hat sie aus der Ferne beobachtet, manchmal mit einem Feldstecher, meistens mit bloßem Auge, in der Kapelle oder verborgen zwischen Pinien. Sie weiß es nicht oder tut so, als ob sie es nicht wüsste.
Er sagt sich, dass er sie nicht mehr, wie alle seine Opfer durchdringen, foltern und töten will, dass das Spiel vorbei sei, und doch bleibt der Impuls wie ein Zucken im Augenlid, ein Jucken unter der Haut oder eine Klinge, die nicht stumpf wird.
Nach dem Einschlag im Klatschmohnfeld hat sich etwas verändert. Er erinnert sich immer wieder an den Moment, als er zur Seite tritt, die Blüte pflücken will – und diese ihm entgleitet, im selben Augenblick der Klatsch, der Sog, das Beben, das Glimmen im Loch.
Er hat nicht aus Zufall überlebt. Davon ist er überzeugt.
„Ich bin nicht fertig“, murmelt er manchmal in die Dunkelheit.
Aber was das bedeutet, weiß er selbst nicht so genau.
Kapitel 2
Fünf Buchstaben
„Erst 2022 haben Forscher auch die letzten beiden fehlenden von insgesamt fünf DNA-Buchstaben in Meteoriten nachgewiesen – die DNA-Basen Cytosin und Thymin.
Damit ist nun belegt, dass alle Bausteine des Erbguts in unserem Universum vorkommen und einst durch Meteoriteneinschläge auf die Erde gelangt sind. Wahrscheinlich sind solche DNA-Komponenten auf interstellaren Staubkörnchen gebildet und dann durch Meteoriten zur Erde gebracht worden.
Schon länger gibt es die Vermutung, dass wichtige Bausteine des Lebens nicht allein in der ‚Ursuppe‘ entstanden, sondern möglicherweise durch Meteoriten und Kometen auf die junge Erde gelangten. Denn Messdaten von Raumsonden und Analysen von Meteoritenproben belegen, dass organische Verbindungen wie Zucker, Aminosäuren und auch einige DNA-Basen im Staub und Eis dieser Himmelskörper enthalten sein können. Von den fünf in der irdischen DNA und RNA verbauten Basen wurden drei bereits in Himmelskörpern nachgewiesen: die beiden Purinbasen Adenin und Guanin, deren Molekülgerüst aus zwei Ringen besteht, sowie die Pyrimidinbase Uracil, die in RNA vorkommt und aus nur einem Ring aufgebaut ist.
Jetzt ist es einem Team um Yasuhiro Oba von der Universität Hokkaido gelungen, auch die beiden noch fehlenden Pyrimidinbasen in Meteoriten aufzuspüren. Für ihre Studie hatten sie Proben der drei kohlenstoffhaltigen Meteoriten Murchison, Murray und Tagish Lake einem speziellen, besonders schonenden Extraktionsverfahren unterzogen. Denn sie vermuteten, dass die beiden besonders fragilen Basen Cytosin und Thymin durch die bisher gängige Methode zerstört wurden. Anders als in früheren Ansätzen nutzte das Team deshalb zur Extraktion der Moleküle aus den zermahlenen Proben keine heiße Ameisensäure, sondern verwendete kaltes Wasser und Ultraschall.
‚Wir haben eine Technik eingesetzt, die eher einem Cold Brew statt heißem Tee entspricht und daher empfindlichere Verbindungen schont‘, erklärt Koautor Jason Dworkin vom Goddard Space Flight Center der NASA. Die Extrakte wurden dann mithilfe von Chromatografie und Massenspektrometrie analysiert. Die Analysen waren erfolgreich: ‚Wir haben verschiedene Pyrimidin-Nukleobasen identifiziert, darunter Cytosin, Thymin und Uracil sowie mehrere Strukturisomere dieser Basen wie Isocytosin, Imidazol-4-Karbonsäure und 6-Methyluracil‘, berichten die Wissenschaftler.
Allerdings waren die Konzentrationen dieser Basen und ihrer Vorstufen im Meteoritenmaterial mit nur wenigen parts per billion extrem gering – so gering, dass sie theoretisch auch durch Kontamination in das Material gelangt sein könnten. Um eine solche Kontamination auszuschließen, analysierten die Forscher zusätzlich Proben aus dem Erdreich, in dem Murchison-Meteorit gefunden worden war. Zwar wurden wie erwartet auch darin einige DNA-Basen und verwandte Moleküle nachgewiesen, aber nicht alle. Zudem unterschied sich der Aufbau einiger dieser Verbindungen von denen im Meteoritenmaterial.
Das Team hält es daher für eher unwahrscheinlich, dass die DNA-Basen allein durch irdische Kontamination in die Proben gelangt sind. Damit ist es nun gelungen, alle fünf ‚Buchstaben‘ des Erbguts in Meteoritenproben nachzuweisen. Diese Lebensbausteine könnten demnach einst über Weltraumstaub und Meteoriten auf die frühe Erde gelangt sein.
‚Wir haben damit jetzt den Beweis, dass der komplette Satz an Nukleobasen, der heute in Lebewesen vorkommt, schon zur Zeit der Lebensentstehung auf der Erde verfügbar gewesen ist‘, erklärt Koautor Danny Glavin vom Goddard Space Flight Center der NASA.“3
Kapitel 3
Der Kunstberater
Er hat es geahnt oder besser – gespürt, nicht in Fakten und nicht in Gesten, sondern in dieser nervösen, tiefschwarzen Energie, die von den Zeichnungen ausging, ein oszillierender Sog, wie das Flirren in der Luft vor einem Sturm, Kunst, die nicht nur ästhetisch, sondern existenziell ist.
Damals, als der Kunsthändler mit leuchtenden Augen davon sprach, den neuen Goya entdeckt zu haben, war er skeptisch. Doch der Druck, die Sensation, die Inszenierung, all das ließ sich nicht aufhalten. Der Kunsthändler hat ihn, Luca, emporgehoben – aus der Zelle, aus dem Nichts, aus dem inneren Schattenreich – in die Weltöffentlichkeit – und mit seiner Hilfe als Kunstvermittler ins Licht der Museen gezerrt.
Und nun zeigt das Licht nichts außer Schatten.
Er hat sich in den Gebäudetrümmern die zerstörten Wandmalereien und Keramikskulpturen heimlich noch einmal angeschaut, nach den Leichenfunden, nachdem der Brand des durch die Druckwelle des Meteoriten eingestürzten Gebäudes gelöscht war, nach dem Ende.
Die Fragmente sprechen und schreien.
Damals empfand er es als radikal, als Aufbrechen der Grenzen zwischen Körper und Form, Gewalt und Ästhetik, als künstlerisches Zeugnis eines Menschen, der durch Kunst gezähmt worden war. Heute weiß er, es war keine Zähmung, es war ein Ventil, ein Lockruf.
Die Trümmer der zerborstenen Keramiken haben nicht nur Glasurreste und Eisenfragmente freigegeben, sondern auch verbrannte menschliche Überreste und Skelettfragmente.
Luca hat die Körper seiner Opfer in die Keramikskulpturen eingebrannt – und er hat es „materialintegrierte Kunst“ genannt.
Der Galerist ist über die Wandmalereien so begeistert gewesen. „Wie bei Goya, Bacon, Berlinde de Bruyckere – es geht um den Körper, um Schmerz, um Transformation!“
Doch jetzt wirkt alles anders, die Linien zuckend, kriechend, gierig, kein Ausdruck des Unbewussten, sondern die Handschrift eines Täters, der seine Tatspuren zu Kunst umdeutete, der seine Beweismittel ausstellte, ohne erkannt zu werden.
Wie konnten sie das übersehen?
Wie konnten sie glauben, dass man ein Monstrum ästhetisieren kann, ohne selbst Teil der Inszenierung zu werden?
Und doch, die Arbeiten waren und sind vielleicht immer noch in ihren Fragmenten genial, unerträglich, aber genial. Das ist das Paradox, mit dem er nun leben muss. Der Galerist hat ihn früh gewarnt:
„Du kannst das Böse nicht ausstellen, ohne dich ihm zu nähern, und wenn du zu nah kommst – wird es dich vereinnahmen.“
Er hatte ihm widersprochen, jetzt nicht mehr.
In einer Mappe in seinem Studio liegt noch ein unveröffentlichter Text: „Von der Deformation zur Substanz. Gewalt als künstlerische Geste“. Er hatte ihn für den Ausstellungskatalog mitverfasst – und dann zurückgezogen, zu theoretisch, zu gewagt, hieß es. Heute klingt er wie ein Geständnis.
Und sein berühmter Klient, der Filmemacher? Der spricht von einer Verfilmung der Ereignisse. „Kein Biopic“, sagt er. „Etwas Größeres, etwas Dunkleres.“ Der Kunstberater nickt. Kunst und Film – beide hatten sie ihn getragen, gefördert, legitimiert.
„Er ist ein Produkt der Vernachlässigung, aber auch ein Produkt unserer ästhetischen Gier.“
So steht es in seinen Notizen.
Was bleibt also?
Ein Werk, ein Name, ein Schaudern.
…
„Eigentlich ist die 2021 gestartete NASA-Raumsonde Lucy auf dem Weg ins äußere Sonnensystem zu zwei Gruppen von Asteroiden, die auch als ‚Jupiter-Trojaner‘ bekannt sind, da sie sich auf der gleichen Umlaufbahn wie Jupiter um die Sonne befinden.
Der Asteroid Dinkinesh, der einen Durchmesser von 790 m hat, liegt quasi auf dem Weg: Dabei handelt es sich um einen Asteroiden im sogenannten Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter.
Aber nun kann das Forscherteam, das mit der Raumsonde ‚Lucy‘ erstmals einen geteilten Mond entdeckt hat, der den Asteroiden Dinkinesh umkreist, weder die beiden Teile des Mondes noch Dinkinesh selbst wiederfinden. Obwohl sie wissen, dass die Anziehungskraft sehr schwach ist, aber durchaus ausreicht, um beide Teile zusammenzuhalten, ist das Forscherteam verblüfft, dass diese Balance durch offensichtlich größere Kräfte außer Kontrolle geraten ist.“1
„Mit dem Vorbeiflug wollte die NASA vorrangig die Tracking-Systeme von Lucy testen. Diese sorgen dafür, dass Lucy während ihrer Asteroidenvorbeiflüge das jeweilige Ziel immer genau im Blick behält, während sie mit einer Geschwindigkeit von rund 16.000 Kilometern pro Stunde daran vorbeisaust.
Im Dezember 2024 ist sie noch einmal an der Erde vorbeigeflogen und hat dabei Schwung für den Weiterflug durchs Sonnensystem geholt. 2025 ist ein Vorbeiflug an einem weiteren Asteroiden des Asteroidengürtels geplant, bevor Lucy dann im August 2027 ihr erstes eigentliches Ziel bei den Jupiter-Trojanern im äußeren Sonnensystem erreicht. Insgesamt elf Asteroiden soll die NASA-Sonde ins Visier nehmen.“2
Protagonisten aus „EMPORGEHOBEN“
Mit Hinweis – in memento mori – auf den tragischen Tod des Galeristen und Kunsthändlers, der nach der Eröffnung von Lucas als Weltsensation gefeierter Kunstausstellung in Cannes während der nächtlichen Feier auf der Hotelterrasse kurz nach der Detonation eines Meteoriten, von Wut und Kontrollverlust übermannt, aus dem Leben stürzt – sei es durch die Druckwelle oder eigenen Willen.
Der schwerkriminelle Künstlerstar Luca
Der radikale Interessenvertreter und Strafverteidiger Lucas
Die Psychologin und Sachverständige
Die freischaffende Autorin
Der berühmte Schauspieler, Kunstsammler, Musiker und Filmemacher
Der Kunstvermittler und Kunstberater des Filmemachers
Neu in „ANGEKOMMEN“
Die Ermittlerin
Der Künstler, Filmemacher und Regisseur
Die berühmte Filmemacherin und Co-Regisseurin
Die berühmte Schauspielerin
Der Kameramann
Der Künstler und Filmmusiker
Kapitel 1
Luca, der Überlebende
Er tritt im Klatschmohnfeld nur einen halben Schritt zur Seite, vielleicht aus Sentimentalität, vielleicht, weil der Wind gerade für einen Moment standhält oder weil ihn das Rot an etwas erinnert, das er eigentlich nicht kennt – Sanftheit.
Die Klatschmohnblüte steht einsam da, wie ein Tropfen Blut auf dem Kalk der Insel Saint Honorat. Er beugt sich, streckt die Hand aus – und in diesem Moment, kaum hörbar, reißt die Luft und der Himmel zittert, als habe er Atem geholt.
Der Einschlag kommt nicht mit einem Knall, sondern mit einem KLATSCH und einem Sog. Der Boden vibriert, Erde, Gestein, Pollen – alles fliegt auf, alle Blüten des Klatschmohnfeldes fliegen wie Blutstropfen umher, nur er – einen halben Schritt neben dem Zentrum – bleibt stehen, Staub in den Haaren, Krater zu seinen Füßen – genau dort, wo die einzelne Klatschmohnblüte wuchs, die er pflücken wollte.
Er blickt hinunter, kein Feuer, kein Rauch, nur ein rundes, sargtiefes, schwarzes Loch, darin ein glimmender Kern, als habe das Universum kurz ein Auge geöffnet – und dann wieder geschlossen.
Er wartet, vielleicht auf den Schmerz, vielleicht auf das Licht, aber es kommt nichts, nur Stille und das Rauschen des Meeres, als sei nichts geschehen.
Er lässt die Hand sinken. Sie zittert nicht. Sein Blick wandert über das Feld, das jetzt keines mehr ist, nur zerrissene Erde, Furchen, als habe ein Riese seine Faust in die Insel geschlagen, und mittendrin – sein Leben.
Er lächelt – zum ersten Mal seit wann eigentlich?
Er denkt an die anderen, an jene, die im Kloster noch geschlafen haben, an jene, die keine Blüte gesehen haben, an all die falschen Entscheidungen, die sich nun wie Sternenstaub um ihn legen – bedeutungslos.
Er ist noch da und vielleicht ist er nicht mehr derselbe.
Die Mönche dulden ihn noch immer und haben ihm einen leerstehenden Schuppen am Rand der Klosteranlage zugewiesen. Schlafen kann er dort kaum. Die Nächte sind zu ruhig. Und wenn der Wind durch die Zypressen streicht, glaubt er manchmal, sie zu hören – die Freischaffende, die Autorin.
Sie ist immer noch in seinem Kopf, nicht als Opfer, sondern als Rätsel. Etwas in ihr entzieht sich ihm, ihre Ruhe, ihre Klarheit, ihre Verletzbarkeit, die keine Schwäche ist, sondern ein Spiegel.
Er hat sie aus der Ferne beobachtet, manchmal mit einem Feldstecher, meistens mit bloßem Auge, in der Kapelle oder verborgen zwischen Pinien. Sie weiß es nicht oder tut so, als ob sie es nicht wüsste.
Er sagt sich, dass er sie nicht mehr, wie alle seine Opfer durchdringen, foltern und töten will, dass das Spiel vorbei sei, und doch bleibt der Impuls wie ein Zucken im Augenlid, ein Jucken unter der Haut oder eine Klinge, die nicht stumpf wird.
Nach dem Einschlag im Klatschmohnfeld hat sich etwas verändert. Er erinnert sich immer wieder an den Moment, als er zur Seite tritt, die Blüte pflücken will – und diese ihm entgleitet, im selben Augenblick der Klatsch, der Sog, das Beben, das Glimmen im Loch.
Er hat nicht aus Zufall überlebt. Davon ist er überzeugt.
„Ich bin nicht fertig“, murmelt er manchmal in die Dunkelheit.
Aber was das bedeutet, weiß er selbst nicht so genau.
Kapitel 2
Fünf Buchstaben
„Erst 2022 haben Forscher auch die letzten beiden fehlenden von insgesamt fünf DNA-Buchstaben in Meteoriten nachgewiesen – die DNA-Basen Cytosin und Thymin.
Damit ist nun belegt, dass alle Bausteine des Erbguts in unserem Universum vorkommen und einst durch Meteoriteneinschläge auf die Erde gelangt sind. Wahrscheinlich sind solche DNA-Komponenten auf interstellaren Staubkörnchen gebildet und dann durch Meteoriten zur Erde gebracht worden.
Schon länger gibt es die Vermutung, dass wichtige Bausteine des Lebens nicht allein in der ‚Ursuppe‘ entstanden, sondern möglicherweise durch Meteoriten und Kometen auf die junge Erde gelangten. Denn Messdaten von Raumsonden und Analysen von Meteoritenproben belegen, dass organische Verbindungen wie Zucker, Aminosäuren und auch einige DNA-Basen im Staub und Eis dieser Himmelskörper enthalten sein können. Von den fünf in der irdischen DNA und RNA verbauten Basen wurden drei bereits in Himmelskörpern nachgewiesen: die beiden Purinbasen Adenin und Guanin, deren Molekülgerüst aus zwei Ringen besteht, sowie die Pyrimidinbase Uracil, die in RNA vorkommt und aus nur einem Ring aufgebaut ist.
Jetzt ist es einem Team um Yasuhiro Oba von der Universität Hokkaido gelungen, auch die beiden noch fehlenden Pyrimidinbasen in Meteoriten aufzuspüren. Für ihre Studie hatten sie Proben der drei kohlenstoffhaltigen Meteoriten Murchison, Murray und Tagish Lake einem speziellen, besonders schonenden Extraktionsverfahren unterzogen. Denn sie vermuteten, dass die beiden besonders fragilen Basen Cytosin und Thymin durch die bisher gängige Methode zerstört wurden. Anders als in früheren Ansätzen nutzte das Team deshalb zur Extraktion der Moleküle aus den zermahlenen Proben keine heiße Ameisensäure, sondern verwendete kaltes Wasser und Ultraschall.
‚Wir haben eine Technik eingesetzt, die eher einem Cold Brew statt heißem Tee entspricht und daher empfindlichere Verbindungen schont‘, erklärt Koautor Jason Dworkin vom Goddard Space Flight Center der NASA. Die Extrakte wurden dann mithilfe von Chromatografie und Massenspektrometrie analysiert. Die Analysen waren erfolgreich: ‚Wir haben verschiedene Pyrimidin-Nukleobasen identifiziert, darunter Cytosin, Thymin und Uracil sowie mehrere Strukturisomere dieser Basen wie Isocytosin, Imidazol-4-Karbonsäure und 6-Methyluracil‘, berichten die Wissenschaftler.
Allerdings waren die Konzentrationen dieser Basen und ihrer Vorstufen im Meteoritenmaterial mit nur wenigen parts per billion extrem gering – so gering, dass sie theoretisch auch durch Kontamination in das Material gelangt sein könnten. Um eine solche Kontamination auszuschließen, analysierten die Forscher zusätzlich Proben aus dem Erdreich, in dem Murchison-Meteorit gefunden worden war. Zwar wurden wie erwartet auch darin einige DNA-Basen und verwandte Moleküle nachgewiesen, aber nicht alle. Zudem unterschied sich der Aufbau einiger dieser Verbindungen von denen im Meteoritenmaterial.
Das Team hält es daher für eher unwahrscheinlich, dass die DNA-Basen allein durch irdische Kontamination in die Proben gelangt sind. Damit ist es nun gelungen, alle fünf ‚Buchstaben‘ des Erbguts in Meteoritenproben nachzuweisen. Diese Lebensbausteine könnten demnach einst über Weltraumstaub und Meteoriten auf die frühe Erde gelangt sein.
‚Wir haben damit jetzt den Beweis, dass der komplette Satz an Nukleobasen, der heute in Lebewesen vorkommt, schon zur Zeit der Lebensentstehung auf der Erde verfügbar gewesen ist‘, erklärt Koautor Danny Glavin vom Goddard Space Flight Center der NASA.“3
Kapitel 3
Der Kunstberater
Er hat es geahnt oder besser – gespürt, nicht in Fakten und nicht in Gesten, sondern in dieser nervösen, tiefschwarzen Energie, die von den Zeichnungen ausging, ein oszillierender Sog, wie das Flirren in der Luft vor einem Sturm, Kunst, die nicht nur ästhetisch, sondern existenziell ist.
Damals, als der Kunsthändler mit leuchtenden Augen davon sprach, den neuen Goya entdeckt zu haben, war er skeptisch. Doch der Druck, die Sensation, die Inszenierung, all das ließ sich nicht aufhalten. Der Kunsthändler hat ihn, Luca, emporgehoben – aus der Zelle, aus dem Nichts, aus dem inneren Schattenreich – in die Weltöffentlichkeit – und mit seiner Hilfe als Kunstvermittler ins Licht der Museen gezerrt.
Und nun zeigt das Licht nichts außer Schatten.
Er hat sich in den Gebäudetrümmern die zerstörten Wandmalereien und Keramikskulpturen heimlich noch einmal angeschaut, nach den Leichenfunden, nachdem der Brand des durch die Druckwelle des Meteoriten eingestürzten Gebäudes gelöscht war, nach dem Ende.
Die Fragmente sprechen und schreien.
Damals empfand er es als radikal, als Aufbrechen der Grenzen zwischen Körper und Form, Gewalt und Ästhetik, als künstlerisches Zeugnis eines Menschen, der durch Kunst gezähmt worden war. Heute weiß er, es war keine Zähmung, es war ein Ventil, ein Lockruf.
Die Trümmer der zerborstenen Keramiken haben nicht nur Glasurreste und Eisenfragmente freigegeben, sondern auch verbrannte menschliche Überreste und Skelettfragmente.
Luca hat die Körper seiner Opfer in die Keramikskulpturen eingebrannt – und er hat es „materialintegrierte Kunst“ genannt.
Der Galerist ist über die Wandmalereien so begeistert gewesen. „Wie bei Goya, Bacon, Berlinde de Bruyckere – es geht um den Körper, um Schmerz, um Transformation!“
Doch jetzt wirkt alles anders, die Linien zuckend, kriechend, gierig, kein Ausdruck des Unbewussten, sondern die Handschrift eines Täters, der seine Tatspuren zu Kunst umdeutete, der seine Beweismittel ausstellte, ohne erkannt zu werden.
Wie konnten sie das übersehen?
Wie konnten sie glauben, dass man ein Monstrum ästhetisieren kann, ohne selbst Teil der Inszenierung zu werden?
Und doch, die Arbeiten waren und sind vielleicht immer noch in ihren Fragmenten genial, unerträglich, aber genial. Das ist das Paradox, mit dem er nun leben muss. Der Galerist hat ihn früh gewarnt:
„Du kannst das Böse nicht ausstellen, ohne dich ihm zu nähern, und wenn du zu nah kommst – wird es dich vereinnahmen.“
Er hatte ihm widersprochen, jetzt nicht mehr.
In einer Mappe in seinem Studio liegt noch ein unveröffentlichter Text: „Von der Deformation zur Substanz. Gewalt als künstlerische Geste“. Er hatte ihn für den Ausstellungskatalog mitverfasst – und dann zurückgezogen, zu theoretisch, zu gewagt, hieß es. Heute klingt er wie ein Geständnis.
Und sein berühmter Klient, der Filmemacher? Der spricht von einer Verfilmung der Ereignisse. „Kein Biopic“, sagt er. „Etwas Größeres, etwas Dunkleres.“ Der Kunstberater nickt. Kunst und Film – beide hatten sie ihn getragen, gefördert, legitimiert.
„Er ist ein Produkt der Vernachlässigung, aber auch ein Produkt unserer ästhetischen Gier.“
So steht es in seinen Notizen.
Was bleibt also?
Ein Werk, ein Name, ein Schaudern.
…



