Weberknechte webern und Schwebefliegen können lesen

Weberknechte webern und Schwebefliegen können lesen

Andreas Tatowsky


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 232
ISBN: 978-3-99107-212-6
Erscheinungsdatum: 12.11.2020
Andreas Tatowsky erzählt auf humorvolle Weise von den Abenteuern, die Camper auf ihren Reisen erwarten. Als Vorlage dient sein eigener Aufenthalt in Osttirol und Kärnten, den er in Begleitung seiner Göttin und der lieben Frau Wanderlust genossen hat.
Warum sollte unsere Reise nach Osttirol auch gut verlaufen? – Wenn es der Zufall anders will, dann beschert er uns Geschichten, die es wert sind, weitererzählt zu werden, wenn auch ihr Wahrheitsgehalt mehr der Aussage entspricht, dass Schnecken oder Kängurus rückwärtslaufen können.
So liegt auch eine Nebelwolke aus Fiktion und Wahrheit wie ein Schleier über meiner Welt aus Tagträumen und tatsächlich erlebten Geschichten. Manchmal glaube ich daran, schon ein wenig dem Wahnsinn verfallen zu sein, wenn ich mir vorstelle, einer sprichwörtlichen Personifizierung einiger meiner Alltagsgegenstände Glauben schenken zu sollen. Fantasie ist für mich dabei ein ganz brauchbares Werkzeug, wenn ich mir die Zeit nehme, ein wenig dabei zuzusehen, was die Welt um mich bereit ist, von ihren Geheimnissen preiszugeben.
Eine schwarzgelbe, lederne Werkzeugtasche bleibt, was sie ist, wenn sie dich aber grimmig ansieht und dabei knurrend Anstalten macht, dir den Arm abzuknabbern, wenn du versuchst, auch nur einen Schraubenzieher aus ihr herauszunehmen, dich dann mit ihrer riesigen bogenförmigen Öffnung Stück für Stück ins Innere zieht, bis du am Boden angelangt bist und nur noch deine Füße sichtbar sind, deren Geruch sie mit ihrer nasenförmigen Verschlussklappe wahrnimmt, dessen sie dann aber überdrüssig wird, woraufhin sie dich dann hochwürgt und auf den Schreibtisch spuckt, um dir den Schraubenzieher auch noch hinterherzuwerfen, dann kommt sie aus meiner Welt, in der man es ohne Weiteres zulassen darf, dahin entführt zu werden.

Andreas Tatowsky
Wien, 25. 02. 2020



Damals war alles anders

Müde von den vielen erstiegenen Almen und Gipfeln, mit der Erkenntnis, das nächste Jahr wieder hierherzufahren, um für uns neue Pfade zu erkunden und uns vor allem der Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit der Osttiroler und der Kärntner Bevölkerung hinzugeben, besteigen wir mit Wehmut unser Gefährt, winken unseren Nachbarn noch einmal zu und fahren durch jenen rot-weiß-roten Schranken, der die Campingplatzanlage von dem Rest der Welt abgrenzt, die von all den grau asphaltierten, breiten, hell beleuchteten und lärmenden Straßen, welche zwischen festgemauerten, vielstöckigen Häusern verlaufen, geprägt ist, unserer eigentlichen Heimat entgegen. Aber …

… begonnen hat alles damit, dass ein geeigneter Campingplatz gefunden werden musste.
Die Vorgeschichte dazu ist, dass wir, das sind meine Frau und meine Wenigkeit, seit vielen Jahren das Zigeunerleben ohne jeglichen großen Komfort wie Fernsehen, Radio, eigene Toilette, eigenes Bad und jegliche feste Bausubstanz, die einen umgebenden Wände, Dach und Keller sowie das Nicht-vorhanden-Sein jeglicher praktischer Küchenutensilien wie Mixer, Geschirrspüler, Kühlgefrierschrank und auch das Wegfallen der Waschmaschine sehr schätzen. Man ist in diesem stoffumhüllten Refugium zwar vor Regen und anderen Umwelteinflüssen geschützt, aber gleichzeitig direkter Teilhaber an der Natur. Mit Aussteiger würde die richtige Bezeichnung getroffen werden, würde da nicht noch das Hindernis sein, noch einer geregelten Arbeit nachkommen zu müssen. Meine mich liebende Frau ist noch immer eine schulpflichtige Lehrerin, die nur zu Ferienzeiten diese Freiheiten genießen kann, und ich bin noch auf der Suche nach einer geeigneten Tätigkeit, die es Wert ist, sie auch im etwas fortgeschrittenen Alter noch ausführen zu dürfen. Als Zeltarchivar hätte ich da eine ganz gute Berechtigung, denn die Anzahl der über die Jahre wahrscheinlich aus Sentimentalität im Keller aufbewahrten Zelte unterschiedlichster Bauarten lässt sich nicht mehr so genau ermitteln. Die Summe der zusammengesetzten Grundflächen würde mit Sicherheit die Grundfläche eines größeren Bierzeltes bei weitem überschreiten. Die Funktionalität und Gemütlichkeit der einzelnen Zelte waren immer den Gegebenheiten angepasst, denen sie auch entsprechen sollten. Das betrifft im weitesten Sinne die Größe meiner Familie und den Stand der Mobilität seiner Benutzer.

Am Anfang begann alles mit einem Drei-bis Viermannzelt aus Leinen, wie das damals so üblich war, ohne jeglichen Komfort, eine einzige Stütze, ein einziges Hauptseil, aber eine rundum aufgestellte Gummisohle, die allerdings für damalige Verhältnisse schon sehr sorgfältig ausgeführt wurde und damit auch wasserdicht war. Mit neun Heringen fixiert stand das Zelt, ein sehr praktisches System, an dem sich bis heute nicht viel geändert hat. Das Zeltchen konnte, wie das von mir auch getan wurde, bequem mit dem Fahrrad transportiert werden. Vererbt hat mir das mein Vater, der seinerseits mit seiner damaligen Freundin, meiner Mutter, auch diese Reisevariante gewählt hat. Die beiden haben dann geheiratet und sollen, wenn ich mich recht entsinne, 1955 verehelicht ihre anschließende Hochzeitsreise damit in Rauris verbracht haben. Uns leistete es jedenfalls die ersten Jahre unserer langen Campingkarriere sehr gute Dienste, und es fristet sein nunmehr ruhiges Dasein immer noch aufstellbereit im Keller. Das neueste Zelt ist allerdings um einiges größer, in seiner Handhabung aber wieder recht einfach gehalten, sodass die Zeit seiner Errichtung mit einer halben Stunde eingegrenzt werden kann. Alle Handgriffe werden von uns fast wie einstudiert ausgeführt.

Damals war das allerdings anders, als Zelte noch fantasievolle Konstruktionen waren, aus zahlreichen sperrigen Stahlrohren mit Eckverbindern, die teilweise an Federn miteinander verbunden waren, was das Zusammenfinden der Teile hätte erleichtern sollen, mit kuriosen, selbst nachgerüsteten Anbauten der Vor-Zelte, für eine kleine Küchennische vorgesehene exotische Erkerkonstruktionen mit Lüftungsfenster. Da war ich über jede helfende Hand froh, die anpackte, Hauptsache man verlor dabei nicht den Überblick. Ich habe schon oftmals sehr amüsiert bei Zeltnachbarn zugesehen, wenn sie ihre Zelte errichteten, wobei ein gigantisches Heer von Personen nur versuchte, Kommandos zu erteilen, wie man ein Zelt richtig aufstellt, ein etwas kleineres Heer, das Gestänge zu ordnen, um es dann wieder umzuordnen, um es wieder umzuordnen. Ein noch kleineres Heer versuchte, die im Vorjahr äußerst schlampig zusammengelegten Spannleinen zu entwirren, und es war nur ein Einziger (!), der die wichtige Arbeit verrichtete, die Heringe mit einem Hämmerchen in den Boden zu hämmern, weil eben gerade nur ein Hämmerchen zur Verfügung stand, das benützt werden konnte. Nach einigen Stunden war auch dieses Zelt bewohnbar gemacht und bezogen worden.
Damals war das allerdings anders, da waren auch wir mit einem Zelt unterwegs, welches von einer Größe war, die es unseren Kindern erlaubte, auch bei Schlechtwetter im Zelt zu bleiben, und Schlechtwetter gab es in Sankt Wolfgang, unserem damals ausgewählten Reiseziel, recht reichlich. In diesem Steilwandzelt wurde bei Schlechtwetter sogar Federball und Fußball gespielt, und bei umgebauter Vorzeltwand hätte auch mein Auto bei Starkregen noch Platz gefunden. Die Sorge bei dieser Zeltgröße bestand darin, einen passenden Stellplatz zu finden, der eben, frei von Bäumen und vor allem groß genug war, die 4,80 mal 6,20 Meter große Bleibe aufzunehmen. Die Gefahr hingegen bestand darin, dass sich, wenn man am Morgen aufwachte, im Vorzelt ein Motorradlfahrer samt Gattin in einem kleinen Schlafwurmzelt eingenistet und sein Motorradl untergestellt hat, damit es nicht nass wird, wenn es in der Nacht regnet. Ungarische Bauern hingegen hätten das Vorzelt für ihre Paprikakulturen als Glashaus nützen können. Damals war halt alles anders …

… begonnen hat heuer alles damit, einen geeigneten Campingplatz zu finden.
Der in Lienz sehr zentralgelegene Comfort Campingplatz Falken schien uns dabei der geeignetste zu sein. Auf 675 Metern Seehöhe gelegen ist er nach unseren bisherigen Erfahrungen zwar etwas höher gelegen, aber noch im Rahmen. Wenn ich da an den in Montenegro denke, der mit 1560 Metern der bislang höchstgelegene und mit seinen abendlichen Temperaturen, die mit fünf Grad Celsius Gott sei Dank noch im Plus-Bereich lagen, auch der kühlste war, den wir jemals besucht haben, dann ist dieser hier „noch im Rahmen“. Damals war es uns gelungen, wenn wir am Abend vor dem Zelt gemütlich zusammensaßen und noch ein Buch lesen wollten, ein Kleidungsstück nach dem anderen auszupacken und anzuziehen, bis alle unsere Vorräte an T-Shirts, Hemden, Trainingsjacken, Pullovern, Regenzeugs einschließlich aller Wolldecken, die wir finden konnten, aufgebraucht waren und wir feststellen mussten, es ist immer noch kalt. Damals haben wir es vorgezogen, uns in unsere Schlafsäcke zu kuscheln und vorzeitig schlafen zu gehen. Damals war alles anders …

Beim Anmeldeschalter saß ein mir etwa gleichaltriger Herr mit leichtem Kärntner Dialekt (nicht verwunderlich ob der Nähe zu Kärnten) und bot uns einige Stellplätze an, die laut Platzplan frei waren, aber alle irgendwie gleich aussahen. Ich bemerkte: „Die werden ja eh alle gleichwertig sein.“ „Na-Na“, kam zurück, „a jeder hot sei Eigenheit.“ Dabei kam ich zur Einsicht, dort einen schönen, ebenen und für die Größe unseres Zeltes angepassten Stellplatz zu finden ist ebenso schwierig wie die Suche nach dem passenden Christbaum. Jeder Baum ist der geeignetste, jeder hat eigene Vorzüge, jeder kann der geradeste, regelmäßigste oder ausgefallenste sein. Unser Plätzchen, das wir endlich gefunden hatten, ist das Schönste! Vielleicht am Abend ein bisschen zu kühl, am Morgen ein wenig zu windig, in der Nacht zu kalt und untertags nicht vorhanden, weil man da ja auf Achse ist. Na gut, nach längerem Suchen hatten wir mit dem Zeltplatz dann auch wirklich den richtigen gefunden. Er hat einen Baum gut für die Wäscheleine und gut gegen die Mittagssonne. Einen weiteren gut gegen die zu helle Morgensonne. Der Platz ist ideal und eben, um das Zelt fast faltenfrei aufzustellen. Der Zeitpunkt der Suche war günstig gewählt, in der näheren Umgebung vorne, hinten, rechts und links sind noch keine Nachbarn angesiedelt, damit war es bisweilen direkt gespenstisch ruhig … Auch die bereits angereisten entfernteren Nachbarn, Italiener, Holländer, Schweizer und auch Deutsche, sind erträglich und ruhig bisweilen … „Ihre Hunde sind erwünscht“ stand im Prospekt zu lesen, einer war auch schon da. Ich will ihn kurz „Waldi“ nennen, seines Zeichens ein Dackel von edlem Geblüt – ein Deutscher, niederbayrischer Herkunft, mit entsprechend treuem Blick ausgestattet, war er auch sehr ruhig und erträglich bisweilen …
Mit unserem Gefährt steuern wir den ausgesuchten Platz an …

Zum besseren Verständnis, Gefährt ist unser fahrbarer Untersatz, ein VW Multivan, sieben Sitzplätze, also jede Menge Stauraum für nur zwei Personen, der meistens bis auf den letzten Millimeter ausgenützt wird, sodass die Zuladung dermaßen hart an der Grenze ist und die Benützung mit einem B-Führerschein gerade noch zulässt. Entschieden haben wir uns bereits ein zweites Mal, ein so großes Fahrzeug zu kaufen, da die Reisen, die wir im Urlaub unternehmen, sowieso jedes Mal gleich ausfallen: mit dem Zelt wie Zigeuner von Stadt zu Stadt fahren. Gefährt wäre allerdings nicht Gefährt, wenn es nach meiner Gattin ginge, die das Auto finanziert hatte und sich das Recht nicht nehmen lässt, ihm auch noch einen Namen zu geben, was Musikbezogenes muss es natürlich schon sein, da wir beide Musiker sind, meine Frau studierte Gitarristin und ich sagen wir mal Hobby-Saxophonist. Wir beide sind auch leidenschaftliche Chorsänger, darum heißt das Fahrzeug meiner Frau auch „Allegro“. Ich werde es trotzdem Gefährt nennen, da mir die Ableitung von „Gefährten“ – Freund – besser gefällt, es bringt uns schließlich auch treu und ergeben überall hin, ohne viel zu murren. Wir lassen ihm immerhin auch einige entsprechende Freiheiten wie Ruhetage, Schattenpausen, Regenduschen zukommen. Eine auf der Dachgalerie montierte Markise und eine Sonnenblende in der Windschutzscheibe bringen ihm zusätzlichen schützenden Schatten. Bei unserer guten Fütterung mit etwas fetterer, reichhaltiger Dieselnahrung und reichlich Frischwasser in sein Bäuchlein brummt es zufrieden vor sich hin und bringt uns überall dorthin, wohin wir uns wünschten gebracht zu werden. Im Winter bekommt es das passende Schuhwerk und etwas Alkohol gegen die Kälte und es darf im Schnee herumtollen. Darum heißt das Gefährt bei mir nur Gefährt.

Mit unserem Gefährt steuern wir den ausgesuchten Platz an …



Wo ist überhaupt Norden?

Wie jedes Jahr ist die Ausrichtung des Zeltes eine der wichtigsten und ersten Fragen. Wo fällt der Nachmittagsschatten hin und wie steht es in der Morgensonne, wo ist überhaupt Süden oder Norden?
Meine mir angetraute Gattin soll nicht umsonst einen naturverbundenen Partner gefunden haben, der mit einem feinen Gespür für Orientierung ausgestattet ist und die Nord-Süd-Achse bis auf ein paar Grade plus und minus mit den Fingerspitzen erfühlen kann. Somit sollten der Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ganz leicht festzustellen sein, sie verrät uns das aber auch gerne selbst. Wir beschlossen dann allerdings doch, uns nach der vorgegebenen Markierung eines quadratisch anmutenden Rechtecks zu richten, die mit zwei Bäumen an der Vorderseite den Eingang und einem Begrenzungszaun die Rückseite unseres zeitlich limitierten Pachtgrundstückes bildet. Die Zeltplane ist schnell ausgerollt und mit Heringen fixiert, die in den Boden eingeschlagen werden müssen. Komisch nur, dass unter meinen Heringen stets ein Stein lauert, der das Einschlagen der Heringe derart erschwert, dass der Hering dann leider meist zum Bückling wird. Wenigstens erweckt mein selbst gebauter Eichenechtholzhammer die Aufmerksamkeit unserer netten nordischen Zeltnachbarn und der Nachbarn anderer unterschiedlicher Nationalitäten, die mich dabei nachdenklich beäugen. Thor lässt grüßen, denk ich bei mir, den nächsten Hering schlage ich mit Sicherheit und Blitzeskraft durch einen Stein in den Boden. Ich schlage zu und … ich will nicht darüber reden, auch nicht darüber, dass ein Exorzist wird kommen müssen, der meine Flüche wieder aus der Erde extrahiert. Einige klärende Blicke meiner Göttin später beende ich meinen Freudentanz und es werden die Gestänge eingefädelt, die dem Zelt zu einer aufrechten Haltung verhelfen. Dafür vorgesehen sind Durzugslaschen, durch die man erst vorne beim Eingang, dann in der Mitte, dann hinten einzufädeln hat und die man zu einem halbmondförmigen Bogen aufspannen muss. Jetzt sieht das Ganze aus wie eine riesige Raupe mit rechteckigem Kopf. Danach ist die Sturmverspannung dran. Elf Heringe weiter offenbart sich das Ergebnis einer jahrzehntelangen Erfahrung mit schiefen Ebenen und buckligen Wiesen. Diese Wiese ist allerdings äußerst gerade und das Zelt sieht aus wie aus einem Katalog gerissen, kaum zu glauben, bügelfaltenfrei mit glattem Boden. So sollte das Zelt einem Survival-Bunker gleichen, der laut dem Versprechen der Hersteller eine Wassersäule von Dach-/Wandflächen 6000 mm und Boden 10.000 mm nebst Windstärke 10 laut Beaufortskala, das bedeutet schwerer Sturm, auszuhalten vermag.

Wie wir unser letztes Zelt bei einem Hagelsturm mit kirschengroßen Hagelkörnern verloren haben, sollte dabei nicht unerwähnt bleiben. Das war allerdings in St. Johann in Tirol. Nach einem superheißen Sommertag (ca. 36 °C) kam am Nachmittag eine Gewitterfront heran, die zwar nur kurz, aber halt sehr intensiv war. Begonnen hat sie mit einem lauen Lüfterl, das sich vom Wind zum heftigen Sturm hin entwickelte, dann trat auch eine Finsternis ein, die uns glauben ließ, die Welt gehe unter. Zuerst Regen, in gefälliger Litermenge, dann mehr Liter – und dann noch mehr Liter. Dann sahen wir durch die mittlerweile trüb gewordenen Nylonfenster unseres im Halbbogenstil gebauten Stoffhauses eine weiße Wand auf uns zukommen, die recht grauslich anzusehen war. Wer klopft an? fällt mir dabei ein, wie bei der Herbergssuche von Maria und Josef im Winter, nur waren das keine flauschigen Flöckchen, sondern ziemlich massive Eiskörner, so ungefähr Korngröße, fünf Stück pro Handteller. Dass das jetzt unser Hügelgrab werden sollte, will ich nicht so recht glauben. Rasch rief ich meiner Göttin zu, dass wir uns ins Innenzelt flüchten sollten, weil ich schon einen Riss in der Außenhülle erkannte, der sich anschickte, den Hagelkörnern mehr Platz zu lassen und sich entsprechend zu erweitern. Die innere Schutzbehausung hielt auch nicht das aus, was sie versprach, und löste sich plötzlich vom Hauptrestzelt. Ein neuerliches Kommando hieß: „Alles unter die Schlafsäcke und Isomatten“, damit wenigstens nicht allzu viel von unserem Blut fließen musste, wenn das Körndlwerk sich anschickte, noch größer zu werden. Beim ersten Nachlassen des Getöses, und mit bildlich gesprochen voller Hose, flüchteten wir dann in unser treues Gefährt, was bei nachträglichem Überlegen die erste Wahl hätte sein müssen.
Da wurde uns klar, der klaffende Riss über der Mitte unserer jetzigen Nass-Schlafstätte war der Todesstoß für das uns einst so beschützende, winderprobte und regenfeste, aber auch weitgereiste und liebgewonnene Heim für die das Zigeunerleben liebenden Hinterbliebenen. Bemerkt sei auch, dass es einiger Kreativität bedurfte, mit einer Plane und einigen Gummiseilen nebst zusätzlichen Heringen ein einstweiliges Weiterwohnen zu ermöglichen. Getrocknet war alles recht schnell, auch alle Innereien wie Schlafsäcke, Decken und Matten, weil auch die Sonne jetzt wieder zu lachen begonnen hatte, etwas kühler zwar, aber sie lachte wieder, als ob nie etwas gewesen wäre. Einige Tage später wurde der Leichnam von uns nach Salzburg überführt und dort im Campingplatz Aigen bei Salzburg in einer würdigen Zeremonie in der Restmüllverwertung zur letzten Ruhe gebettet, was uns schließlich zum Erwerb dieses neuen, aber sehr viel stabileren, regenfesteren Nachfolgemodelles veranlasste.

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