Cover: „N‘ büschen Wind ist immer“

„N‘ büschen Wind ist immer“


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 184
ISBN: 978-3-7116-1612-8
Erscheinungsdatum: 08.04.2026
Humor aus dem Norden, von einem aus dem Norden. Wahres, Halbwahres und vieles mehr, über den Norden, über den Norden hinaus und ganz viel über Eier. Wenn wir etwas brauchen, auch im Norden, dann Eier und Humor. Dieses Buch ist rezeptfrei, hilft aber trotzdem.
1. Der Vogel im Bad


Es gibt so Tage, an denen man schon sehr früh feststellt: Nö, das wird heute nix! Mir drängt sich dann immer die Frage auf, hat sich dieser besagte Tag, gleich heute Morgen, als für ihn der Tag anfing, schon vorgenommen, wem genau er so richtig vor den Koffer scheißen wird? Oder gibt es den großen Benemucki wirklich, der oder die mit Hilfe ihres/seines magischen Würfels das Zufallsprinzip entscheiden lässt, wen es treffen soll? Ich glaube nicht so recht dran. Weder an Benemucki noch an den Würfel. Aber das Leben hält viele Überraschungen bereit, da würde es mich nicht wundern, wenn dem doch so wäre. Bei Trumps zweiter Amtszeit hat auch niemand daran geglaubt. Ha, dumm gelaufen! Vermutlich entscheidet der Tag gleich ganz früh, so gegen 00.01 Periode Uhr: „Jawoll, heute ist das Eumelgesicht so und so dran.“ Dann schickt er eine Rundmail an alle seine Helferlein, in der die Anweisungen zur Durchführung des Plans detailliert aufgeführt sind. Und währenddessen träumt das auserwählte Eumelgesicht, in diesem Falle ich, noch so von Dingen, von denen man sonst nur träumen kann. Dann kommt die Zeit des Erwachens. Sofern der Wecker oder die Smartphone-Uhr tatsächlich an diesem Morgen den gewünschten Dienst verrichten will. Meiner war gewillt. Vielleicht nur Zufall, oder aber mein Zeitmeldegerät war, gewollt oder ungewollt, bei der Rundmail nicht mit im Verteiler. Aber spätestens nach Ausstellen des Klingeltons begann die Umsetzung des perfiden Plans des Tages, den dieser gegen das Eumelgesicht – mich! – erkoren hatte, um seinen abartigen Gelüsten nachzukommen. Aufschlagen der Augenlider sowie Ausstellen des Weckers, ohne besondere Vorkommnisse. Alles ist gut! Leichtes Strecken: geht grad noch so. Dann Beine langsam aus dem Bett hebeln und mit dem linken Fuß direkt auf ein vor dem Bett liegendes Hundespielzeug, in diesem Falle ein zerpflücktes Kuscheltier, dessen ursprüngliche Form nur noch zu erahnen ist, treten. Eben dieses extrem geschundene Stück Stoff, welches dem Anschein nach durchaus die Rundmail gelesen hat, fand nun Gefallen daran, sich zwischen meinem kleinen und dem Ringzeh derart zu verkeilen, dass die meinerseits daraus folgende Darbietung einer ungeplanten Tanzeinlage, die den normalen Gesetzen der Schwerkraft widersprach, selbst Herrn Llambi Respekt abgerungen hätte. Glücklicherweise haben wir getrennte Schlafzimmer. Nicht das Stück Stoff oder Herr Llambi und ich, sondern meine Ehefrau und ich. Ansonsten wären ähnliche Situationen bestimmt schon mal von ihr filmisch festgehalten worden. Diesbezüglich besitzt sie einen stark ausgeprägten Sinn für Humor, ganz besonders für diese Art von Situationskomik.

Das ist aber nicht der Grund für getrennte Separees. Der liegt darin, dass ich zu der Zeit, als wir noch gemeinsam das Bett teilten, wiederholt versucht habe, mich durch das Einstellen der Atmung meiner aktiven Teilnahme am Leben zu entziehen. Dies wiederum beeinträchtigte die Schlafqualität meiner Frau und auch meine eigene extrem. Resultat meiner ungewollten und auch unbewussten suizidalen Ausrutscher: Ich trage nun eine Atemmaske. Um’s kurz zu machen: Das hilft! Meine Frau stört sich auch nicht an der Maske oder der bemitleidenswerten Gestalt hinter dieser. Aber unser Hund, der selbstverständlich auch im Schlafzimmer nächtigt, zum Schutze der schlafenden Ehefrau – ha, ha! –, dem scheint das seltsame Gebilde, welches mein Haupt des Nachts umgibt, nicht so recht zuzusagen. Und eben dieser, an sich so treue und liebenswürdige Weggefährte, eigentlich mehr Gefährtin, da es sich, wie Fachleute zu sagen pflegen, um eine Rüdin mit dem bezeichnenden Namen „Tante Kaethe“ handelt, schaut mich beim Tragen der Atemmaske an, als wäre ich einem Alien-Film entsprungen und das Monster würde förmlich nur drauf warten, meinen geschundenen Körper zu verlassen, um sich ihr dann unsittlich zu nähern. Um Tante Kaethe und mir diese Unannehmlichkeiten zu ersparen, schlafe ich sicherheitshalber auswärtig. Nach der von mir dargebotenen und der Welt, dem großen Benemucki sei Dank, verborgen gebliebenen Tanzeinlage fand ich wohl auch mit Hilfe der Erdrotation meine Mitte, soll heißen: die Balance wieder. Ich entledigte mich des Stoffs und fing unmittelbar damit an, das sich täglich wiederholende, morgendliche Ritual der Körperpflege und anschließenden Nahrungszuführung vorzubereiten. Dieses vorher beschriebene Szenario hätte mich sensibilisieren sollen. Hat es aber nicht. Meine nächsten Schritte führten mich ins Bad, auf die Toilette, um genauer zu sein. Ausschließlich, um zuerst den natürlichen Forderungen der inneren Organe, explizit hier der Blase, nachzukommen. Dies ging ebenso unfallfrei vonstatten. Nach intensivem Händereinigen zog es mich in die Küche, um die Vorbereitungen für das geplante Frühstück vorzunehmen. Die Brötchen zum Aufbacken in den Backofen legen, diesen auf die vorgegebene Temperatur einstellen und anschalten. Zwei Hühnereier der Größe L (natürlich Bio, von regionalem Anbieter) in den Eierkocher stellen, mit der nötigen Menge an Wasser auffüllen und ebenfalls anschalten. Auch hierbei: keine besonderen Vorkommnisse. Zurück ins Bad, um sich dem Genuss einer warmen, aufbauenden Dusche hinzugeben. Auch der Duschvorgang ging verhältnismäßig glimpflich ab. Die Tatsache, dass mir der Duschkopf nach dem Einhängen in die dafür vorgesehene Halterung auf den Schädel dengelte, halte ich jetzt nicht direkt für erwähnenswert. Dies passiert regelmäßig und sei hier nur vollständigkeitshalber aufgeführt. Abtrocknen: Check! Eincremen: Check (in meinem Alter braucht die Haut mehr Feuchtigkeit. Genau wie der Rest des Körpers, außen wie innen.), Unterhose, Socken und neues T-Shirt anziehen: Check! Bis hierhin: alles in Ordnung! Der tägliche Akt der Zahnreinigung mit Hilfe einer elektrischen Zahnbürste könnte, nach so vielen regelmäßigen Wiederholungen in einem Leben, durchaus als Routine eingestuft werden. Die Zahnbürste schien mir zur Mitarbeit bereit. Nicht so die Zahnpasta, dieses kleine, zickige Miststück. Hier bin ich mir im Nachhinein sicher, dass sie die Rundmail gelesen hatte. Um eine geringe Menge der benötigten Pasta (die für die Zähne, nicht die für die Nudeln! Nur zum besseren Verständnis) aus der Tube zu pressen, bedarf es eigentlich keines Hochschulabschlusses. Man muss nur bei der Zielansprache etwas Genauigkeit walten lassen, um auch direkt den Bürstenaufsatz zum Platzieren der Pasta zu treffen. An sich eine lang geübte und oft wiederholte Tätigkeit, die der Motorik eines halbwegs normal agierenden Lebewesens der Spezies Homo sapiens nicht zu viel abverlangen sollte. Nicht aber an Tagen wie diesen! Wenn sich eine Luftblase innerhalb der Tube befindet und förmlich nur nach Freiheit lechzt, ist der Druck auf die Tube die beste Gelegenheit, ihr diese auch zu verschaffen. Es scheint auch ein logisches, physikalisches Gesetz zu sein, dass nach der Luft, der soeben durch mein Einwirken die lang ersehnte Freiheit geschenkt wurde, plötzlich und unvermittelt wieder Pasta folgt. Resultat ist, dass eine weitaus größere Menge Pasta als angedacht austritt. So auch in meinem Fall. Und aus plötzlicher Überraschung über den so zügigen Austritt der klebrigen Masse habe ich mit der Bürste haltenden Hand, vielleicht zusätzlich aufgeschreckt durch das spontan ansetzende und nervige Geräusch des Eierkochers, der in der Küche um eiliges Abschalten bettelte, die Funktion des Bürstens in Gang gesetzt. Durch gleichzeitiges Auftreffen der Zahnpasta auf den sich schnell bewegenden Bürstenkopf kamen auch hier einige Regeln der Physik zum Tragen: Trägheit der Masse, Bewegung + Beschleunigung, dann Schwerkraft, Blödheit und, und, und. Fazit des vom Tag so schön eingefädelten Dramas am Waschbecken: Das neue T-Shirt war versaut. Und das nach einer Tragezeit von ca. 9 Minuten. Diesen Vorgang bezeichnet man im Allgemeinen mit den Worten: „Mir hat der Zahnpastavogel voll aufs Shirt gekackt!“ Besser kann man diese Situation nicht beschreiben. Ich frage mich nur, wo sich dieser, vermutlich unsichtbare Vogel im Bad versteckt. Bevor er dir genau im richtigen Moment aufs Shirt kackt? Unter dem Toilettendeckel? Im Abfluss vom Waschbecken? Hinter dem Spiegel? Und wenn das Geflügel in der Balz ist, bekommt man davon was mit? Egal, mit dem Geschisse auf dem Shirt war ich vorgewarnt. Auf dem Weg in die Küche habe ich mich bewegt wie jemand vom mobilen Einsatzkommando bei der Erstürmung einer Wohnung von RAF-Verdächtigen. Absichern nach allen Seiten. Hierbei ganz wichtig: das Oben nicht vergessen. Alles Gute kommt ja angeblich von da. Muss aber nicht immer nur das Gute sein. An solchen Tagen wird’s wahrscheinlich das Schlechte sein. Aber: unfallfrei die Küche erreicht. Da ich alleine frühstücken wollte – meine Frau und Tante Kaethe waren in der glücklichen Lage, weiterschlafen zu können –, begab ich mich zum Backofen, um die Brötchen zu entnehmen. Zuvor hatte ich mit einer geschmeidigen Bewegung den nervenden Eierkocher zum Schweigen gebracht. Und zwar zum ewigen Schweigen. So geschmeidig schien die Bewegung dann doch nicht gewesen zu sein, denn ich riss den Eierkocher direkt von seiner Stellfläche. Auch hier tat die Schwerkraft ihr Übriges. Der Kocher baumelte am Kabel so lustlos vor sich hin, während die Eier der Größe L es vorzogen, nach einem harten Aufschlag direkt unter die Anrichte zu rollen. Bei der Suche nach den Eiern, welche ich natürlich im Liegen verrichten musste, griff ich in ein weiteres Spielzeug von Tante Kaethe, das sich genau an diesem Ort ihrem Zugriff entzogen hatte. Bei diesem Spielzeug handelte es sich um einen stark malträtierten Kauknochen, der sich bei dem Versuch, ihn herauszuziehen, derart verkeilt hatte, dass eine gefahrlose Entfernung unmöglich erschien. Zumal ich ja auch schon ein Ei in der Hand hielt. Das andere hatte es vorgezogen, sich weit hinter dem Knochen zur Ruhe zu betten. Aus Alters- und auch aus Zeitgründen (langes Liegen erschwert das Aufstehen und ich musste ja auch zur Arbeit), zog ich es vor, mich einzig dem greifbaren Ei zuzuwenden. Nach verhältnismäßig sicherem Aufstehen, ohne Ei Nr. 1 weiter zu beschädigen, wendete ich mich dem Backofen zu. Bei Entnahme der Brötchen stellte ich fest, dass die noch vorhandene Restwärme des Gitterrostes, auf dem die Brötchen sich zu betten vorliebgenommen hatten, eben noch ausreichte, um an meiner Hand einen Schmerzimpuls zu setzen. Soll heißen: Autsch! Männer sind Luschen. Kann ich bestätigen. Aber nach den frühmorgendlichen Angriffen, denen mich der Tag schon ausgesetzt hatte, war meine Toleranz- und Schmerzgrenze ziemlich weit gesunken. Irgendwann hatte ich es an den Frühstückstisch geschafft. Die Kaffeemaschine hatte ohne Wenn und Aber ihren Dienst verrichtet, die Milch war nicht sauer, im Radio lief nicht „Jolene“ von Dolly Parton und die Butter war streichbar. Das Einzige, was in dieser Situation noch schiefgehen könnte, wäre: wenn das Ei dottert. Und natürlich kam es, wie es kommen musste. Das Ei hatte die Rundmail vom Tag wohl förmlich verinnerlicht. Das zeigte sich ja schon in den Fluchtversuchen. Aber dass es nun auch noch dottern musste! Irgendwann ist die Belastungsgrenze eines halbwegs klardenkenden norddeutschen Mannes in den besten Jahren (!) erreicht. Dieser Moment war mit dem dotternden Ei bei mir nun gekommen. Ich hielt mich mit einem verzweifelten Urschrei nur zurück, um meine Frau und Tante Kaethe nicht zu wecken. Zur Verdeutlichung sollte ich hier für alle Unwissenden das Dottern des Eis und dessen Bedeutung etwas näher erläutern. Ein Ei dottert, wenn man nach der Entfernung des Eikopfes, also des oberen Teils des Eis, diesen schon abgetrennt, abgelöffelt, abgehoben oder wie sonst auch immer man es nennen will, entfernt hat. Dann kann es vorkommen, dass es bei falscher Löffelführung dazu kommt, dass sich das im unteren Teil des Eis befindliche Eigelb, welches ja durch das etwas verzögerte Ausstellen des Eierkochers, bedingt durch das vorausgegangene Debakel im Bad, eine stärkere Konsistenz bekommen hatte, also knapp über wachsweich, dass eben dieses Eigelb sich durch den gebildeten Unterdruck am Löffel festsaugt. Und weil es das in meinem Fall tat, nach gelesener Rundmail, auf Anweisung des Tages, der mir ja wie oben erwähnt vor den Koffer scheißen wollte, dann hebelt man das gesamte Eigelb, völlig unbeabsichtigt, aufgrund des Vakuums, mit aus dem restlichen Ei. Die Sache mit dem Vakuum ist auch wieder so ein Ding! Eine Zeit lang funktioniert es und dann plötzlich nicht mehr. Vermutlich sitzt neben dem großen Benemucki der kleine Vakuum-Beauftragte, welcher völlig frei Schnauze, ganz nach eigenem Ermessen entscheidet, wann, wie lange, mit welcher Intensität so ein Vakuum mit den verbundenen Gegenständen verbunden bleiben soll. In meiner Situation war dieser Zeitraum verhältnismäßig kurz bemessen. Das Eigelb wurde von dem Vakuum-Beauftragten ausgeklinkt, kurz bevor es der von mir geplanten oralen Zuführung Folge leisten konnte. Und direkt nach dem Ausklinkvorgang fühlte sich umgehend die Schwerkraft wieder gemüßigt, ins Geschehen einzugreifen. Hatte der bescheuerte Zahnpastavogel mein T-Shirt erwählt, so zog es das Eigelb vor, direkt auf meiner Hose zu landen. Was ihm auch ohne Probleme gelang. Der Tag war erst sechs Stunden und 28 Minuten alt. Ich war nur ungefähr 32 Minuten aktiv dabei. Was sollte da noch kommen …




2. Das letzte Drittel


Ich war neulich beim Arzt. Nicht ungewöhnlich in meinem Alter. Während meines Besuchs tat ich dem Doc gegenüber meine Verwunderung darüber kund, wie lange es mittlerweile dauert, bis so ein einfacher Heilungsprozess in meinem Körper, der ja genauso alt ist wie ich, dauert. Diese Erkenntnis bezog ich auf eine immer noch schmerzende Rippenprellung, die nun schon lange zurücklag. Zeit und Schmerz sind ja relativ. Ich empfand die Zusammenarbeit der beiden aber als durchaus noch ausbaufähig. Mein Arzt, welcher beiden Eigenschaften an sich schon sehr lange nachkommt, also Arzt sein und mein Arzt sein, gab mir darauf die Antwort: „Das dauert eben. Besonders, wenn man schon älter ist.“ Diese Aussage entlockte mir ein kurzes: „Aha, schon älter?“ Ich habe mal gelesen, dass der Körper eines Menschen schon in jungen Jahren, so Mitte 20, anfängt, langsam aufzuhören. Also mit dieser Zell-Vergniesgnaddelung und Synapsen-Nachproduktion. Halt mit so Sachen, die er zuvor noch ohne Murren erneuert hat, innen drin. Mit diesen und noch anderen Dingen wird also ab einem gewissen Alter nicht mehr weitergemacht und man könnte sagen, der Körper fängt schon mal ganz, ganz langsam an zu verwesen. Das würde auch die Gerüche mancher Menschen, selbst in noch jungen Jahren, erklären. Obwohl ich da oft vermute, dass mangelnde Hygiene ebenfalls ein Grund sein könnte. Aber ich bin kein Arzt. Ich fing nun an, meinen Arzt listig anzuschauen und wissend zu nicken. Listig schauen habe ich während meiner langen Tätigkeit im öffentlichen Dienst bis zum höchsten Level perfektioniert. Auch mein wissend nicken kommt nicht von schlechten Eltern. Nachdem ich beides eine Zeit lang getan hatte, sprach ich zu meinem Arzt: „Du bist fünf Jahre älter, verwest somit schon länger als ich und bist der Meinung, ich wäre in meinem Alter? Erkläre dich mir, du promovierter Akademiker!“ Ich muss dazu sagen, wir kennen uns schon sehr lange und haben auch schon einiges gemeinsam erlebt. Daraus resultiert die lockere Umgangsart, selbst im Angesicht des Todes, was ja grundsätzlich bei einem Arztbesuch wie diesem der Fall ist. Mein Arzt erwiderte daraufhin: „Klar bist du alt. Überleg doch mal, du bist im letzten Drittel deines Lebens angekommen. Da wird alles weniger oder dauert länger: Heilung, Pinkeln, Beweglichkeit, Flexibilität, Gehör, Augenlicht, Knochengerüst, Erektionswinkel, Kniebeugefähigkeit, Hunger, Durst …“ – „Danke“, warf ich ein, „ich hab’s verstanden.“ Der Rest der Untersuchung verlief ohne weitere besondere Vorkommnisse. Weder für mich noch für meinen Arzt. Nach Rückkehr in mein Zuhause, welches schräg gegenüber der Praxis des Arztes liegt und somit als nah dran bezeichnet werden kann, sagte ich zu meiner Frau, dass ich nun das letzte Drittel erreicht hätte. Sie blickte mich stutzend an und fragte: „Von was?“ – „Wie von was?“ erwiderte ich doch sehr pikiert. „Von was hast du das letzte Drittel erreicht?“ – „Na von mir“, war meine Antwort. „Du hast also gerade eben drüben beim Doc das letzte Drittel von dir erreicht, richtig so?“ fragte meine Frau. – „So richtig“, gab ich zurück. „Äh, jetzt vielleicht nicht unmittelbar eben beim Doktor drüben, sondern auch irgendwie schon früher, oder so. Ich weiß auch nicht.“ Ihr Blick wurde kritischer, als sie fragte: „Wo sind denn dann bitte die anderen zwei?“ – „Hä? Welche anderen zwei?“ rief ich erschrocken. „Ich war allein beim Arzt. Wen hätte ich denn mitnehmen sollen? Stan und Olli? Ursula von der Leyen und Barbara Schöneberger, Hanni und Nanni oder was? Was stimmt denn mit dir nicht? Ich komme mit so einer verheerenden Nachricht vom Arzt zurück und du fragst, wo die anderen zwei sind? Sorgst du dich gar nicht um mich? Andere Frauen hätten schon mal das Fieberthermometer geholt oder ein Klistier bereitgelegt. Zumindest was zu trinken angeboten. So wie Bier. Bier wäre jetzt toll, in meiner Situation.“ – „In deiner Situation?“ kam es nun von meiner Frau. „Du kommst hier rüber und sagst mir, du hast das letzte Drittel erreicht. Alles gut und schön. Aber ich frage mich doch, was ist mit den anderen beiden Dritteln? Sind die noch in der Praxis, hast du die auf der Straße verloren? Und fehlen die jetzt nicht irgendwo? Wie z. B. bei dir am Cerebrum, auch als Gehirn bekannt? Mein lieber Ehemann …?“ Danach hatte ich keine Lust mehr, die Sache weiter auszuführen. Wenn man so wie ich in einer solchen Situation mit einer so schockierenden Nachricht vom Arzt heimkehrt, dann erwartet man doch mehr Anteilnahme und Verständnis. Ich habe mir mein Bier selbst geholt, mir einen Taschenrechner geschnappt und dann versucht, die Sache mit dem einen Drittel und den ganzen anderen Dritteln, die ja irgendwo sein müssen, selbst zu errechnen. Hat leider auch nach fünf Bieren zu nix geführt, außer dass der Kasten Bier dann nur noch zu drei Vierteln voll war! Das Leben kann so gemein sein. Besonders im letzten Drittel.
...
5 Sterne
So wahr - 12.07.2026
Erika

So wahr, genau so habe ich das Kleinstadt-Dorf in Erinnerung.

5 Sterne
Humorvolles aus dem Leben - 04.05.2026
Birgit Esser

Tolle Kurzgeschichten mit Lach-Garantie und Situationen in denen man sich teilweise wiederfindet. Sehr gut geschrieben und gerne mehr.

5 Sterne
Tolles Buch mit Wohlfühlcharakter, mehr davon, bitte! - 24.04.2026
Petra Peneder

Echter norddeustcher Humor vom Feinsten! Man fängt an und will nur so ein, zwei dieser Kurzgeschichten lesen .... und dann merkt man nach einer Stunde, wie die Lachmuskeln schmerzen, weil man nicht mehr aufhören kann. Da ich selbst Norddeutsche bin, weiß ich diesen Humor ganz besonders zu schätzen. Wo nimmt der Autor nur diese ganzen phanatsievollen Formulierungen her? Sowas bewundere ich sehr! Einfach köstlich! Ich erhole mich gerade von einem operativen Eingriff unf glaube, dieses Buch trägt sogar zu meiner Genesung bei. Man steht quasi neben dem Autor, wenn er so erzählt, was er alles so erlebt. Tolles Buch mit Wohlfühlcharakter, mehr davon, bitte!

5 Sterne
„N‘ büschen Wind ist immer“ - 18.04.2026
Westermann

Ein sehr toll geschriebenes Buch mit urwitzigen Beschreibungen wo sich jeder im Alltag wiederfindet. Hoffentlich bibt es bald Nachschub.

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