Der Tod in Wien

Der Tod in Wien

Gregor Haas


EUR 17,90
EUR 10,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 96
ISBN: 978-3-903861-47-3
Erscheinungsdatum: 31.05.2021
Der Tod ist fast am Ende! Seine ewig gleichbleibende, deprimierende Arbeit treibt ihn an den Rand des Burnouts. Schwere Fehler bei der Verwaltung des Jenseits gefährden das Schicksal der Menschheit. Ein gescheiterter Motivationscoach soll helfen.
Gedämpftes Licht erhellt das Innere einer kleinen Altbauwohnung, im Hier und Jetzt in Wien.
Alte Zeitungsausschnitte in unzähligen Holzkisten stehen verteilt in der Wohnung herum. Die Albino-Hausratte Fieps taucht in der Unordnung auf. Über ein altes Regal bahnt sie sich geschickt einen Weg durch die verschiedensten Reliquien aus den unterschiedlichen Zeitepochen der Menschheit. Dabei hinterlassen ihre kleinen Füßchen eine niedliche Spur im dicken Staub.
Sie läuft vorbei an einer Buddha Statue mit zwei Mönchen, zwei Anubis-Wächtern aus der glorreichen Zeit Ägyptens, einem schwarzen Meteoriten und schlussendlich weiter, mit einem eleganten Sprung über einen alten Helm aus der Antike, ans Ende des Regals.
Sie rutscht einen alten Mopp voller Spinnweben hinunter und taucht mit einem Plumps, gefolgt von einer kleinen Staubwolke, in das Chaos am Boden ein. Untergetaucht zwischen antiken Gegenständen und alten Zeitungsauschnitten kämpft sie sich weiter durch das dichte Labyrinth am Boden.
Kurz darauf taucht sie wieder aus der Tiefe auf und springt auf einen Stapel von Selbsthilfebüchern. Sie sammelt kurz ihre Kräfte und setzt zum finalen Sprung an. Mit einem weiten Bogen landet sie schlussendlich an ihrem Ziel, auf dem Schoß des Todes.
Der Tod wacht seufzend in seinem zerschlissenen Fernsehsessel von seinem Tagtraum auf. Er sieht schon längst nicht mehr so gepflegt aus wie damals, mit seinem Dreitagebart und ungekämmten Haaren. Das weiße Leinen- Outfit ist einem einfachen Büroangestellten-Outfit gewichen.
Fieps blickt den Tod bemitleidend mit ihren roten Augen an. Der Tod streichelt sanft über ihren Kopf.
„Wie schön war doch die gute alte Zeit, Fieps.“
Fieps ist das einzige Wesen, dem sich der Tod in seinem trostlosen Leben anvertrauen kann. Verständnisvoll gibt sie ein bestätigendes Piepsen von sich.
„Du bist die Einzige, die mich versteht“, seufzt der Tod vor sich hin. Für ihn sind die goldenen Zeiten von Ruhm und Ehre nur noch längst vergangene Erinnerungen.
Schwerfällig erhebt er sich aus seinem alten Sessel. Mit schlurfenden Schritten geht er durch die Unordnung seiner Wohnung. Er schaut in den Spiegel und wird schon von seinem eigenen Anblick enttäuscht.
Motivationslosigkeit und Niedergeschlagenheit blicken ihm entgegen. Der Tod kann nicht einmal seinem eigenen Blick standhalten und wendet sich angewidert ab. Deprimiert senkt er seinen Kopf und hängt den alten Zeiten nach, als das Leben noch aufregend und lebenswert war.
Das Spiegelbild vom Tod, eine der unzähligen Persönlichkeiten vom ihm selbst, schüttelt bedauernd den Kopf über ihn.

Auf dem Weg zur Arbeit schleppt sich der Tod mit schweren Schritten durch den ersten Wiener Gemeindebezirk. Repräsentative Architektur, aus den verschiedenen Epochen der Zivilisation, erinnert dabei an die glanzvollen Zeiten der Menschheit. Doch der Tod kann sich schon lange nicht mehr für die schöne Baukunst begeistern. Zu sehr wird er durch sie daran erinnert, dass sich für ihn, im Gegensatz zum Rest der Welt, nichts verändert.
Der Weg des Todes führt ihn weiter über eine Seitengasse, zum Hintereingang eines ehrwürdigen Palais. Durch eine Küche, in der hektisches Treiben herrscht, gelangt er unsichtbar für die Sterblichen in einen engen Zwischengang. Vorbei am Lastenaufzug gelangt er zu einer unscheinbaren Tür. Wie die unzähligen Male davor öffnet er sie.

Vor ihm offenbart sich eine große, prunkvolle Halle mit mächtigen weißen Säulen. Goldener Stuck an der Decke und feinste Deckenmalereien lassen jeden anderen Palast dagegen verblassen. Motivationslos geht der Tod den weißen Marmorgang entlang, weiter zu seinem Arbeitsplatz.

Die Halle ist in zwei Bereiche unterteilt. Der Schreibtisch des Todes bildet den Schalter zur anderen Seite der Halle.
Mit einem tiefen Seufzer lässt sich der Tod in seinen Sessel fallen.
Auf der anderen Seite des Schalters warten bereits verwirrte Seelen von verstorbenen Frauen und Männern auf den Durchlass. Noch immer verstört und orientierungslos vom Übergang, geht eine Seele nach der anderen wortlos am Tod vorbei.
Der Tod hakt motivationslos einen Namen nach dem anderen auf einem Tablet ab. Selbst hier ist die Zeit des technischen Fortschrittes nicht spurlos an ihm vorüber gegangen.
„Wenigstens die Todesliste hätte Gott persönlich vorbeibringen können“, grummelt er missmutig vor sich hin.
Der Tod hat Probleme mit dem Touchscreen und tippt wild darauf herum.
„Verdammtes Klumpert!“
Eine verstorbene Seele nach der anderen geht unbemerkt am Tod vorbei, ohne abgehakt zu werden. Hektisch ruft der Tod den stoischen Seelen hinterher.
„Stehen bleiben!“
Keine der Seelen hört nur annähernd auf den Tod. Die Menschenschlange bewegt sich ungebremst weiter am Tod vorbei.
„Ich sagte, stehen bleiben!“, brüllt er außer sich in die Menge der Verstorbenen. Doch auch diesmal werden seine Worte von den Seelen einfach ignoriert.
Das linke Auge des Todes fängt nervös zu zucken an und er sieht im wahrsten Sinne rot. Eine schrille Sirene, die den Raum in ein rotes Licht getaucht hat, reißt den Tod aus seiner Wutstarre. Es ist Zeit für den Außendienst.

Der Tod sitzt entspannt mit Fliegerbrille und Helm auf einer Drohne, die lautlos durch die sternenklare Nacht gleitet.
Eine Rakete wird unter ihm mit einem Zischen von der Drohne abgefeuert.
Auf dem Weg zu ihrem Ziel zeichnet die Rakete einen langen Feuerstreifen in den Himmel. Gedankenverloren blickt der Tod auf die Explosion am Boden, die die Nacht in ein dunkles Rot taucht.
„Selbst die Kriege sind so unpersönlich geworden“, sinniert er vor sich hin.
Verträumt blickt er auf den Horizont vor sich, der von den Sternen erhellt wird.

Der Hammerschlag des Hohen Gerichts, ein dicklicher Mann mit einer Schweinsnase, gekleidet in roter Robe und mit weißer Perücke, reißt den Tod aus seinen Gedanken.
Der Tod befindet sich auf der Anklagebank in einem alten, ehrwürdigen Gerichtssaal. Das Hohe Gericht blickt vorwurfsvoll auf den Tod.
„Da nun alle anwesend sind, eröffne ich das Verfahren. Die Schicksalsschwestern gegen den Tod.“
Die drei Schicksalsschwestern gegenüber dem Tod, drei wunderschöne Moiren in hauchdünnen Seidenkleidern, winken dem Tod mit einem Lächeln zu. Der Tod schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen.
„Nicht ihr schon wieder.“
Das Lächeln der drei Schwestern verschwindet so schnell, wie es anfangs gekommen ist. Mit ernster Miene zeigt die erste Schicksalsschwester anschuldigend auf den Tod.
„Wir beschuldigen den Tod, dass er nicht mehr seiner Aufgabe gewachsen ist und seines Amtes enthoben werden muss!“
Der Tod springt empört auf und ruft dem Hohen Gericht zu.
„Einspruch! Diese Anschuldigung entbehrt jeglicher Grundlagen.“
Den Tod ignorierend, gehen die drei Schwestern mit erhobenen Zeigefingern auf ihn zu. Eine Beschuldigung nach der anderen kommt aus den Schwestern herausgeschossen.
„Nicht registrierte Seelen im Jenseits!“, ruft die erste Schwester.
„Falsche Bombenabwürfe!“, ruft die zweite Schwester.
„Frühzeitig abgeholte Seelen!“, feuert die dritte Schwester ihre Salve heraus.
Der Tod zuckt bei jeder der Anschuldigung zusammen, als würde er von einer Kugel getroffen werden.
Die erste Schwester holt zum finalen Hieb aus.
„Und alles, weil der Tod überfordert ist!“
Zusammengekauert blickt der Tod zu den drei Schwestern auf, die inzwischen ganz nah zu ihm herangekommen sind und grimmig auf ihn herabblicken.
„Einspruch?“, antwortet der Tod mit leiser Stimme und mehr fragend als fordernd.
Das Hohe Gericht, sichtlich angewidert von den Anschuldigungen, schmettert seinen Einwand nieder.
„Abgelehnt!“, hallt es durch den ehrwürdigen Gerichtssaal.
Die Schwestern drehen sich mit einem schadenfrohen Lächeln vom Tod weg. Mit sanfter Stimme wendet sich die erste Schwester an das Hohe Gericht.
„Aufgrund der Fahrlässigkeit vonseiten des Todes beantragen wir hiermit, dass die gesamten Pflichten von ihm auf uns übertragen werden.“
Stolz und mit erhobenem Haupt geht die erste Schwester durch den Gerichtssaal.
„Die Vorbestimmung wird wieder Ordnung in das Chaos der Menschheit bringen!“, verkündet sie salbungsvoll.
Bei diesen Worten kann sich der Tod nicht mehr zurückhalten. Er springt empört von seiner Holzbank auf und wedelt wild mit seinem Finger in der Luft herum.
„Das darf nicht zugelassen werden! Wenn diese wunderschönen, aber grauenhaften Schicksalsschwestern die Kontrolle übernehmen, ist es das Ende vom freien Willen der Menschheit!“, kontert er mit scharfer Stimme.
Die zweite Schwester winkt ab und lacht amüsiert.
„Der freie Wille wird ohnehin überbewertet.“
Der Tod ignoriert die Bemerkung und beugt sich selbstsicher in Richtung des Hohen Gerichts.
„Ich glaube nicht, dass es Gott gefallen würde, wenn das mit seiner Schöpfung passieren würde.“
„Gott hat sich schon längst interessanteren Themen als der Menschheit gewidmet“, antwortet das Hohe Gericht trocken und ohne eine Miene zu verziehen.
Die drei Schicksalsschwestern schauen hoffnungsvoll auf das Hohe Gericht. Der Tod hat seinerseits die Hoffnung verloren und lässt deprimiert seinen Kopf hängen.
Die erste Schwester nutzt ihre Gelegenheit.
„Das heißt, unserem Antrag wird stattgegeben?“
Das Hohe Gericht rückt sich in seinem Stuhl zurecht und nimmt Haltung an.
„Dem Antrag wird nicht stattgegeben!“, ruft es bestimmt. Das Hohe Gericht besiegelt das Urteil mit einem lauten Hammerschlag.
Der Tod kann sein Glück gar nicht fassen und ballt siegreich die Faust.
„Yesss!“
Die drei Schwestern schauen zornerfüllt auf den Tod. Schon wieder ist ihnen der Tod davongekommen.
Das Hohe Gericht räuspert sich und begründet weiter das Urteil.
„Trotz der nachweislich fehlerhaften Arbeitsweise des Todes wird ihm noch einmal Aufschub gewährt.“
Das Hohe Gericht lehnt sich schwerfällig über den breiten Holztisch und fixiert den Tod.
„Ich rate Ihnen aber eindringlich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das nächste Mal kenne ich keine Gnade.“
Der Tod nickt reuig und muss schwer schlucken. Der Hammerschlag des Hohen Gerichts beendet die Sitzung.

Der Tod nimmt, wie angeordnet vom Hohen Gericht, an einer Gruppentherapie teil, die von Professor Freud geleitet wird. Zusammen mit fünf anderen Problemfällen sitzt er in einem alten Keller im Kreis.
Professor Freud beginnt mit seiner Einleitung.
„Ich möchte, dass ihr reflektiert in euch hineinschaut. Sagt mir, was euch tief im Inneren bewegt.“
Professor Freud lässt seinen Blick durch die Runde der Anwesenden schweifen, bis er bei jemandem innehält.
„Willst du den Anfang machen, Amor?“, fragt Professor Freud ermutigend.
Das Amor-Baby, ein süßes, dickliches Kleinkind mit Engelsflügeln und Windeln, hatte schon immer Probleme damit, sein Temperament und seine Aggression im Zaum zu halten.
Nervös hält er einen Pfeil in seinen Händen fest und redet zur Gruppe.
„Ich kann nicht zuschauen, wie meine Pfeile das Ziel treffen. Im letzten Moment schau ich immer weg – dann treffe ich jemand anderen, für den der Pfeil nicht bestimmt ist.“
In seinem Jähzorn zerbricht er zähneknirschend den Pfeil in seinen Händen. Professor Freud nickt bestätigend und macht eine Notiz.
„Hermes, mein Freund. Willst du vielleicht als nächstes deine Gedanken mit uns teilen?“, fährt Professor Freud weiter fort.
Hermes, der schöne Götterbote mit einem kleinen Wohlstandsbauch, gekleidet in einem zu engen, aber stylischen Nylon-Outfit, seufzt auf.
„Durch die Sozialen Medien ist alles so schnell geworden. Ich komme schon gar nicht mehr mit, immer die neuesten Nachrichten zu liefern“, beschwert er sich.
Zum Beweis streckt Hermes seine zwei gekrümmten Daumen in die Runde.
Aletheia, die wunderschöne Göttin der Wahrheit, bemitleidet Hermes.
„Es tut mir aufrichtig leid.“
„Danke, Aletheia“, antwortet Hermes.
Professor Freud richtet sein Wort an Aletheia.
„Mit welchen Sorgen hat denn die Göttin der Wahrheit zu kämpfen?“
Aletheia schaut beschämt auf den Boden und antwortet.
„Ich bin eine notorische Lügnerin.“
Sie lächelt entschuldigend in Richtung von Hermes. Hermes bekommt die Doppeldeutigkeit nicht mit und lächelt in seiner naiven Art nur zurück.
Professor Freud wendet sich an die maskuline Justicia, die sich lautstark fluchend ihre Augenbinde zurechtrückt.
„Was bedrückt dich, meine liebe Justicia?“, fragt Professor Freud feinfühlig.
„Das verdammte Ding bleibt nie, wo es hinsoll. Es ist verdammt schwer, Richterin der Gerechtigkeit zu sein, wenn man die Angeklagten kaum sehen kann“, antwortet Justicia genervt.
Hades, ein rotes Teufelchen mit halbnacktem Oberköper und kleinen Hörnern auf seiner Stirn, lacht laut auf.
„Deine Sorgen möchte ich haben. Hast du schon jemals versucht, in der Unterwelt in Ruhe Play Station zu spielen? Bei dem andauernden Gejammer und Schreien der Verdammten kann man sich einfach nicht konzentrieren“, beklagt er sich.
Hades streckt seine Faust dem Tod entgegen.
„Aber Respekt an diesen Typen. Danke für den regelmäßigen Nachschub, Mann!“
„Danke – Mann“, antwortet der Tod unbeholfen und gibt Hades ungeschickt einen Fist Bump.
Professor Freud wendet sich an den Tod. „Was beschäftigt dich, mein Junge?“
Der Tod räuspert sich unbehaglich und antwortet zögerlich.
„Ich glaube, ich vermisse die gute alte Zeit, als das Leben noch aufregend und spannend war. Zusätzlich wollen die wunderschönen, aber grauenhaften Schicksalsschwestern mir meinen Platz im Jenseits streitig machen.“
Der Tod kommt ins Stocken. Professor Freud hakt motivierend nach.
„Gut so. Sag uns, was dich bedrückt.“
Der Tod rutscht unbehaglich in seinem Sessel herum und bringt kein Wort heraus. Nach einer gefühlten Ewigkeit platzt es aus dem Tod heraus.
„Am liebsten wäre ich tot!“
Nach einer kurzen Stille fangen die anderen Teilnehmer lauthals zu lachen an. Der schöne Hermes bemerkt einfältig:
„Du bist doch schon Tod.“
Das Amor-Baby ahmt den Tod mit einer weinerlichen Stimme nach, und reibt sich die Augen.
„Buhuu! Ich bin der Tod und möchte tot sein.“
Alle müssen lachen. Selbst Professor Freud huscht ein Lächeln übers Gesicht.
Aletheia, die notorische Lügnerin, beugt sich zum Tod und meint mit einem breiten Lächeln.
„Es tut mir sehr, sehr leid.“
Alle lachen wieder laut auf.
Der Tod ist deprimierter als zuvor und lässt den Kopf hängen. Selbst hier, am letzten Zufluchtsort des Verständnisses und der Toleranz, findet der Tod nur noch den absoluten Tiefpunkt seiner gesamten Existenz.

Der Motivationscoach Maché, mittleren Altern und von nicht unhübschem Äußeren, redet sich selbst in einem kleinen Spiegel zu.
„Alles wird gut!“
Er befindet sich Backstage hinter einer Bühne, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Schon lange gibt es keine private Umkleidekabine mehr für den ehemaligen Shootingstar der Szene.
Konzentriert bereitet sich Maché für seinen nächsten Auftritt vor. Mit gekonnten Bewegungen zupft er die letzte Haarsträhne in seiner Frisur zurecht. Er wird in seiner Konzentration von einem lauten Schmatzen im Hintergrund gestört. Er dreht sich genervt in Richtung der Störquelle. Ein Hausmeister und eine Putzfrau essen hingebungsvoll ihre Mittagsbrote und schauen dabei die Nachrichten auf einem aufgestellten Handy.
„Echt jetzt!“, beschwert sich Maché, doch seine Worte werden von den beiden ignoriert.
Der Hausmeister fühlt sich nur bemüßigt, einen lauten Rülpser als Antwort zu geben.
Der Moderator der Nachrichten verkündet emotionslos die letzten Neuigkeiten über einen tragischen Raketenangriff in Syrien.
„Aus den Resten des Spitals konnten nur noch die letzten Überreste der Verstorbenen geborgen werden.“
„Immer dasselbe“, kommentiert die Putzfrau angewidert.
Sie können natürlich nicht wissen, dass dies ein Missgeschick vom Tod höchstpersönlich war. Mit vollem Mund und vor sich hin schmatzend schaltet die Putzfrau weiter.
Maya, die Assistentin von Maché, kommt mit einem Handy zu ihm.
„Bernhardt will dich sprechen. Außerdem hat deine Schwester schon fünfmal angerufen.“
Maché antwortet genervt, ohne seinen Blick vom Spiegel zu nehmen.
„Ich hab im Moment wirklich andere Sorgen.“
Maya gibt seine Antwort verschönert an Bernhardt weiter.
„Maché ist gerade kurz vorm Auftritt und kann dich leider nicht sprechen. Ok, ich werde es ihm ausrichten. Ciao.“
Maya wendet sich zu Maché, der gerade seine Frisur vollendet.
„Bernhardt will, dass du heute pünktlich nach Hause kommst.“
Ohne aufzuschauen antwortet Maché gelangweilt.
„Wollen wir nicht alle etwas?“
Maya lässt nicht locker.
„Er ist ein netter Kerl. Er ist das einzig Gute an dir.“
Maché ist der Diskussion überdrüssig und will das Thema beenden.
„Fang du bitte nicht auch noch damit an. Verstehe doch, ich brauche einfach meine Freiheiten.“
„Es ist dein Leben“, antwortet Maya resignierend.
Mit einem breiten Lächeln reißt sich Maché, nach einem letzten kontrollierenden Blick, vom Spiegelbild los und nimmt Maya an den Schultern.
„So ist es, es ist mein Leben! Wie schaut’s draußen aus?“
„Es ist wie immer die Hölle los“, kommt die sarkastische Antwort von Maya.
„Alles wird gut!“, ist Maché von sich selbst überzeugt.

Das spärlich anwesende Publikum wartet auf den Beginn des Seminars. So wie der Zufall, oder die Vorbestimmung, es so will, befindet sich der Tod aus beruflichen Gründen unter den Teilnehmern.
Es ist so weit, die Show beginnt. Laute Bässe hallen aus den schlechten Boxen der Anlage. Maché betritt energiegeladen die Bühne.
„Willkommen!“, begrüßt er euphorisch das Publikum.
Kaum jemand klatscht. Doch Maché macht unbeirrt weiter.
„Mit meiner Hilfe schaffen Sie es, Ihre Träume zu realisieren!“
Maché hält seinen alten Bestseller in die Höhe.
„Folgen Sie meinem Beispiel und erleben Sie die wahre Bedeutung von Glück.“
Das Publikum ist gelangweilt.
Ein beleibter Mann erhebt sich in der Reihe vor dem Tod und will den Raum verlassen. Im selben Moment erhebt sich auch der Tod. Mit einer bedächtigen Bewegung legt er die Hand auf die Schulter des Mannes und flüstert:
„Es ist Zeit.“
Der beleibte Mann greift sich mit einem letzten, lauten Schrei an den Brustkorb und sackt auf den Boden zusammen. Ohne eine weitere Regung bleibt er tot liegen. Das Publikum ist geschockt und es herrscht Stille.
Maché blickt verunsichert zu Maya hinter der Bühne, die bereits den Notarzt verständigt.
Maché übernimmt die Initiative und lenkt das Publikum auf sich.
„Endlich hat er es hinter sich!“, kommt es aus ihm herausgeschossen.
Mit betroffener Miene nähert sich Maché dem Bühnenrand und blickt auf den regungslosen Mann im Saal.test
4 Sterne
Witzige Idee, ausbaufähig - 28.07.2021
MB

Geschichten vom Tod passen zu Wien. Und dass der Tod ein verkappter Wiener ist - melancholisch, ein bisserl wehleidig, ein bisserl Beamter und das nicht gerne, sarkastisch (obwohl er Sarkasmus nicht kennt, wie der Autor betont) - wird einem spätestens nach diesem Buch klar. Die Idee, dass auch der Tod eine Sinnkrise durchlebt, ist erfrischend.In der Umsetzung merkt man dem Buch den filmerfahrenen Autor an, der ohne Umschweife ein flottes Drehbuch mit angenehmem Witz vorlegt, das durch einen sprachlich feineren Schliff in Formulierung, abwechslungsreicherem Satzbau und genaueres Eingehen auf die Gefühlsebene der Figuren noch zusätzlich gewinnen würde. Dies und die durch ihre Häufung den Lesefluss doch störenden Grammatik- als auch Satzzeichenfehler trüben ein wenig das Lesevergnügen, nicht aber die Vorfreude auf weitere Werke von Gregor Haas.

5 Sterne
Sehr kurzweiliger Lesegenuss - 12.07.2021
Roman Glasher

Ein völlig neuer Blickwinkel auf Gevatter Tod! Habe jede Seite genossen.

5 Sterne
Spannend und Unterhaltsam - 12.07.2021
Georg

Ich kann dieses Buch wärmstens empfehlen!Spannend und unterhaltsam zugleich!Bitte mehr solche Bücher !

5 Sterne
Lustige Geschichte mit interessantem Twist - 12.07.2021
Mauki

Der Autor gibt mit dieser Geschichte dem Spruch „zu Tode gelangweilt“ eine neue Perspektive. Insgesamt eine amüsante Geschichte die zum Weiterlesen einlädt.

5 Sterne
Der Tod im Burnout - 12.07.2021
CB4

Manche Menschen befinden sich am Rande eines boreout, nicht so der Tod - der ist am Rande eines burnout !Sehr amüsante Geschichte - kann ich nur weiterempfehlen.

5 Sterne
isabelle.reitbauer@orf.at - 08.07.2021
isabelle.reitbauer@orf.at

Absolute Leseempfehlung!!!

5 Sterne
Hervoragende Unterhaltung! - 28.06.2021
reading4life

Ein unterhaltsames Buch mit viel Humor und einer originellen, abwechslungsreichen Geschichte, bei dem auch der Sinn und Unsinn im Leben, nicht zu kurz kommt.

5 Sterne
Tolle und witzige Geschichte! - 08.06.2021
Olive

Ein wirklich lesenswertes Buch! Sehr witzig, mit typisch wienerischem Schmäh, tolle Geschichte. Hat mich sehr unterhalten, absolute Kaufempfehlung - 5 Sterne!!!

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