Gullivers Mondfahrt
Ein satirischer Wirtschaftskrimi
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 176
ISBN: 978-3-7116-0406-4
Erscheinungsdatum: 27.02.2025
„Gullivers Mondfahrt“ beleuchtet auf amüsante Weise die Intrigen und kriminellen Machenschaften eines globalen Technologiekonzerns, der durch Korruption, Klüngelei und Skrupellosigkeit seiner Führungskräfte an den Rand des Abgrunds geführt wird.
Zusammenfassung
„Gullivers Mondfahrt“ beleuchtet die Intrigen und kriminellen Machenschaften eines globalen Technologiekonzerns, der durch Korruption, Klüngelei und Skrupellosigkeit seiner Führungskräfte an den Rand des Abgrunds geführt wird.
Gulliver, ein Vorstandsmitglied, deckt diese Machenschaften auf und nimmt die Leser mit auf eine humorvolle, aber kritische Reise durch die Welt der Unternehmensführung.
Eine amüsante satirische Komödie, die einen erhellenden Einblick in die Chefetagen der Managementkulturen gibt.
AMIGO AG
Die AMIGO AG, als ein im DAX gelisteter Technologie-Konzern, gilt als eines der deutschen Vorzeigeunternehmen. Mit seinen weltweit über 75 Standorten und knapp 650.000 Mitarbeitenden gilt der Konzern auch international als Schwergewicht. Mit den konzernweit 12 verschiedenen Sparten, angefangen von Medizintechnik über Industrie- und Gebäudeautomation, Energieerzeugung und -verteilung und mobile ICT-Lösungen bis hin zu Zügen und Beförderungsmitteln verschiedenster Art, erwirtschaftet die AMIGO AG einen Jahresumsatz von nahezu 82 Milliarden EUR.
Seit dem Börsengang in den USA vor neun Monaten und dem Einsitz im Wirtschaftsausschuss des Weißen Hauses ist die AMIGO AG zu einem echten „Global Player“ aufgestiegen.
Die Gazetten sind voll des Lobes über den wachsenden Erfolg des in München ansässigen Konzerns. Sogar die New York Times schreibt: „We welcome this unique German technology powerhouse to the United States!“
Leider hat das AMIGO HQ in München seit Neuestem mit Korruptionsvorwürfen und Anzeigen wegen vermeintlicher Kartellabsprachen zu kämpfen. Die zunächst von der Konzernleitung bagatellisierten Vorwürfe erweisen sich jedoch zunehmend als hartnäckig.
Nachdem sich die Strafanträge wegen „schwarzer Kassen“ weiter häufen, sind sich Insider inzwischen einig, dass sich hier ein Tsunami anbahnt.
Sie sollen Recht behalten! Seit vor Kurzem die US-Börsenaufsicht (SEC) gegen die AMIGO AG Strafanzeige wegen Preisabsprachen und Korruption gestellt hat, ist mit dem Schlimmsten zu rechnen.
Hier beginnt die eigentliche Geschichte.
Schlechte Nachrichten
Gulliver Reisaus sitzt in seinem Büro in der Hohenzollernstraße in München und liest die Süddeutsche Zeitung. Inzwischen vergeht kein Tag mehr, dass nicht neue Horrornachrichten über die AMIGO AG in den Gazetten erscheinen. Gulliver arbeitet schon seit 14 Jahren bei diesem deutschen Vorzeigeunternehmen und hat es in seiner Funktion als Marketing- und Kommunikationsleiter sogar bis in die Vorstandsetage gebracht.
Da sein Onkel, Heini Ballflach, noch bis vor sechs Jahren der Aufsichtsratsvorsitzende der AMIGO AG war, gilt Gulliver als der protegierte Paradiesvogel und hat diesen Status auch bewusst kultiviert. Seine farbenfrohen Anzüge, seine eleganten Hüte und sein lilafarbener Porsche sind inzwischen sein Markenzeichen. Er hat sich längst von der vorherrschenden Beamtenkultur gelöst und sich seine eigene Portion Sarkasmus zugelegt. Da man ihn aus politischen Gründen schlecht loswerden kann, hat man ihn schon seit Jahren mehrfach weitergelobt.
Gulliver klebt interessiert an einem Artikel in der Süddeutschen. Er weiß, dass Heinrich Binoben, der Nachfolger seines Onkels, sich heute früh auf den Weg nach Kärnten gemacht hat.
Die Österreichische Kronen Zeitung bringt es auf den Punkt: Kärnten im freien Fall – wirtschaftlich nur noch auf Platz acht der neun Bundesländer – vom Primus inter Pares zur Persona non grata!
Nach der gestrigen Erstürmung des Klagenfurter Rathauses durch radikalisierte Bürger hat die Polizeikommandantur Amtshilfe aus Salzburg angefordert. Nur durch ein Großaufgebot an Polizei ist es gelungen, das Rathaus gegen 17:00 Uhr von den gewaltbereiten Besetzern zu befreien.
Der Klagenfurter Bürgermeister hat durchaus Verständnis für die wirtschaftlich missliche Lage vieler Bürger, zeigt sich aber entsetzt über das skrupellose Vorgehen der Demonstranten. „Wir leben immer noch in einem zivilisierten Land und nicht im Dschungel!“
Hubertus-Schlösserl, Wörthersee, Kärnten
Langsam erhebt sich die Sonne majestätisch über dem historischen Hubertus-Schlösserl am Wörthersee. Nahezu lautlos verlässt der erste Ausflugsdampfer den Steg am Metnitzstrand. Die Bugwellen glitzern verspielt in der noch flach stehenden Sonne.
Es ist 10:00 Uhr morgens. Im Hubertus-Schlösserl ist ein konspiratives Treffen mit den einflussreichsten Familien Österreichs geplant. Seit dem bedauerlichen Tod des Landeshauptmannes von Kärnten, welcher es über Jahre erfolgreich verstanden hat, Großbanken und Industrie im Großraum Klagenfurt anzusiedeln, und der durch ein günstiges Steuerklima dem Land und dem Geldadel entsprechenden Wohlstand bescherte, ist Kärnten nun auf dem absteigenden Ast. Die vielversprechende Partei Bündnis Futura Österreich (BFÖ) ist in die Bedeutungslosigkeit versunken und auf Bundesebene nicht mehr sichtbar. Diese Entwicklung hat laut dem Geldadel vornehmlich mit der Politik des neuen Landeshauptmanns zu tun.
Er ist der Hochfinanz nicht zugetan, beweist geringes politisches Fingerspitzengefühl und zeigt sich wenig begeistert von dem, was ihm sein Vorgänger hinterlassen hat.
Die AMIGO AG aus München ist der größte industrielle Investor in Kärnten mit vier Produktionsstätten und über 85.000 Mitarbeitenden; die Umsatzvolumina entsprechen 67 % des Bruttoinlandproduktes (BIP) von Kärnten und knapp 20 % des BIPs von ganz Österreich. Die drei einflussreichsten Familien halten über eine Stiftung Eigentumsanteile von 45 % an der AMIGO AG Österreich, die wiederum ein Tochterunternehmen der AMIGO AG Deutschland ist.
Durch den durch die US-Behörden aufgedeckten Korruptionsskandal in den drei stärksten Hauptländern der AMIGO AG ist das deutsche Stammhaus aufgrund der zu erwartenden Strafen, Klagen und drohenden Marktausschlüsse nahezu handlungsunfähig; das Management ist extrem nervös. Begleitet durch den Umstand, dass der CEO vor fünf Tagen die AG verlassen hat und polizeilich gesucht wird, bangen die österreichischen Familien nun um ihr Geld und ihren Einfluss.
Die Repräsentantin der drei Investorenfamilien, Helga Raffzahn, sowie der frühere väterliche Berater (VB) des verstorbenen Landeshauptmanns, Justus Einfluss, sitzen im Marmorsaal der Jugendstilvilla „Hubertus-Schlösserl“ und warten auf den Aufsichtsratsvorsitzenden der AMIGO AG.
Um Macht und Einfluss zurückzugewinnen, haben die Investorenfamilien in nächtelangen Gesprächen einen gemeinsamen Vorschlag ersonnen, welchen man heute dem erwarteten Besuch schmackhaft machen möchte.
Dumpf gurgelnd hört man den schweren, von einem Chauffeur gesteuerten Wagen in der Auffahrt den Kies verdrängen. Beide Wartenden erheben sich und begeben sich nach unten in das mit Jagdtrophäen dekorierte Foyer, um den Gast gebührend zu empfangen. Der Chauffeur öffnet die Tür des Maybach und Dr. Heinrich Binoben, der Aufsichtsratsvorsitzende der AMIOGO AG, steigt aus. Seine Miene ist alles andere als sorgenfrei. Der Maßanzug mit Seideneinstecktuch (weiß mit roten Initialen) glänzt in der Sonne; man begrüßt sich knapp, aber herzlich.
Die schwere Eingangstür fällt ins Schloss und die Dreiergruppe zieht sich in den oberen Marmorsaal zurück.
Nach angebotenen Erfrischungsgetränken kommt man relativ schnell zur Sache; alle drei sitzen am Tisch. Die Manschettenknöpfe der Herren touchieren gleichzeitig mit einem einheitlichen „Klack“ den Marmortisch.
Jeder nimmt sein bereitgelegtes Exposee zur Hand.
Der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Heinrich Binoben schaut mit ernster Miene in die Runde und beginnt mit dünn geschürzten Lippen zu sprechen: „Die Korruptionsaffäre ist wie eine Schockwelle, die unseren gesamten Konzern an den Abgrund katapultiert (sein mit Brillanten besetzter Siegelring blitzt in der einfallenden Sonne). Die deutsche Kanzlerin hat mich schon ermahnt, das Problem mit der US-Börsenaufsicht schnell zu lösen – Deutschland kann sich keine weiteren bilateralen Spannungen mit dem großen amerikanischen Partner leisten. Neben vielem anderen muss also dieses Problem mit höchster Priorität aus der Welt geschafft werden. Dies geht meiner Meinung nach nur mit einem radikalen Neuanfang, d. h., es muss ein neuer CEO her und die Führungsmannschaft muss komplett ausgetauscht werden. Nur so kann das Vertrauen wieder hergestellt und die US-Börsenaufsicht beruhigt werden. Dies ist essenziell, damit das Kapital der Investoren sicher ist und der Neuanfang für alle zumindest mittelfristig wieder Früchte trägt.“
Er blickt in die Runde; beide nicken. „Nur wie soll man jetzt auf die Schnelle einen neuen CEO mit einem solchen Format aus dem Hut zaubern?“
Der VB meldet sich zu Wort: „Lieber Heinrich, uns ist deine Situation durchaus bewusst und wir haben lange nachgedacht, wie wir dir und der AMIGO AG am besten helfen können. Der Großneffe unseres verstorbenen Landeshauptmanns ist seit Jahren in führenden Positionen im Ausland tätig und außerordentlich gut mit den US-Behörden vernetzt. Er ist inzwischen ein anerkannter diplomatischer Drahtzieher für knifflige Situationen und könnte sicherlich auch für uns seine Beziehungen bei der US-Börsenaufsicht spielen lassen. Er ist äußerst durchsetzungsstark, hat politisches Gespür, ist loyal und leidensfähig! Sein Name ist Adolf Kreuzbrecher … ha, ha … nomen est omen!“
Heinrich verzieht keine Miene: „Wo sitzt der Mann jetzt?“ VB: „Er arbeitet derzeit in den USA, kommt aber nächste Woche quasi zum ‚Fronturlaub‘ (schmunzeln) an den Wörthersee …“ Heinrich blickt zögerlich auf die Tischplatte und spielt nervös mit seinem perlmuttfarben funkelnden Füller.
Die Vertreterin der Investoren-Familien meldet sich mit einem charmanten Lächeln zu Wort: „Lieber Heinrich, ich spreche zu dir quasi als derzeitige Ombudsfrau unserer gemeinsamen Stiftung, der Inter-Alpin. Ich denke, du kennst sie sehr gut; ich muss dir ehrlich sagen, ich merke immer mehr, dass ich eigentlich zu alt für diese Aufgabe bin. Lass es mich auf den Punkt bringen. Wir könnten uns sehr gut vorstellen, dass du künftig den Stiftungsratsvorsitz übernimmst.“ Heinrich blickt mit gespielt ernster Miene auf den Marmortisch. „Heinrich, wäre das nicht das passende „Austragshäuserl“ für dein Leben nach der AMIGO AG?“ Sie setzt wieder ihr charmantes österreichisches Lächeln auf, schaut ihm fest in die Augen und beugt ihr weitausgeschnittenes Dekolleté tief über den Tisch.
Heinrich erwidert den Blick und verwandelt sein Pokerface in ein breites Lächeln: „Helga, bei so viel versprühtem Charme fällt es wahrscheinlich jedem Mann schwer, nein zu sagen …! Aber zuerst haben wir hier noch ein paar Aufgaben zu lösen!“ Helga faltet entzückt die Hände vor ihrem Dekolleté zusammen.
Heinrich blättert in seinem Notizbüchlein: „Ich könnte euch anbieten, mich nächste Woche mit dem Herrn Kreuzbrecher zu treffen …“ VB: „Ich habe mir schon mal erlaubt, zwei mögliche Termine zu reservieren. Wie wäre der Mittwoch oder der Donnerstag? Ich denke, ihr trefft euch am besten wieder hier im Stiftungshaus … da seid ihr ungestört.“
Heinrich nickt ausdrucksvoll. „Ich würde euch einander vorstellen und mich dann zurückziehen … ich glaube, dies wäre am sinnvollsten …“ Heinrich nickt ein zweites Mal.
Helga wirft noch kurz ein: „Lieber Heinrich, bevor ich’s vergesse, Ende nächsten Monats feiern wir unser Stiftungsjubiläum im Jagd-Schlösserl; dieses Jahr ist das Who‘s who der Wirtschaft und Politik eingeladen … mein Gusterl sagt immer: Die ‚Österreich AG‘ gibt sich die Ehre. Wir würden uns mehr als freuen, dich unter uns zu wissen, sag bitte ja …“ Ein hoffnungsvoller Blick mit Augenaufschlag zu Heinrich; Heinrich nickt zuverlässig ein drittes Mal.
Der neue Prototyp
AMIGO AG, Entwicklungsabteilung für
Medizintechnik, Abteilung Messtechnik, Stuttgart
Die Medizintechnik der AMIGO AG ist in einem ausgedehnten Industriegebiet mit unzähligen nüchternen Industriegebäuden im Großraum Stuttgart untergebracht. Im Kellergeschoß, im sogenannten Block 5, gibt es eine große Halle mit verschiedenen technischen Versuchsaufbauten. Man hört elektrisches Surren und sich permanent wiederholende Signalgeräusche der eingesetzten technischen Geräte. Die Neonbeleuchtung und das Tageslicht aus den Schächten vermischen sich, mehrere Ingenieure in weißen Mänteln sitzen vor Computern oder beschäftigen sich mit Versuchsaufbauten.
In einem durch eine Glaswand abgetrennten Besprechungsraum sitzen vier Personen, der Entwicklungsleiter, zwei Ingenieure und ein indischer Praktikant. An die Wand wird ein Bild über eine technische Versuchsanordnung projiziert. Man sieht den Entwicklungsleiter aufstehen, die Türe schließen und die Glaswände per Vorhang verdunkeln.
Zwei Ingenieure präsentieren in breitestem Schwäbisch die Testergebnisse aus dem aktuellen Projekt mit dem Code-Namen „Hirnläpple“.
Einer von ihnen namens Wilfried erklärt: „Die letzten Tests brachten erstaunliche Ergebnisse zutage. Der neueste Aufbau für Gehirnstrommessungen erlaubt, aus der Sensorik auch eine Aktorik zu machen. In anderen Worten, es können Gehirnströme gezielt über die Synapsenenden stimuliert werden. Dies wird erreicht durch die Stimulation der synaptischen Trägerstoffe mit Hochfrequenzmodulation. Der Effekt besteht darin, dass durch die temporäre Hyperaktivierung die pathologischen Charaktereigenschaften eines Lebewesens ins Gegenteil umgedreht werden können. Lasst mich ein Beispiel bringen: Aus Depression wird Hochstimmung, aus Beherrschtheit wird Ausgelassenheit, aus Hyperaktivität wird Passivität, aus Zurückhaltung wird Dominanz usw.“ Der indische Praktikant Samir mit Spitznamen IT-Ra Gandhi betont: „Wir stimulieren derzeit nur temporär, d. h., wir wissen noch nicht, wie sich die Stimulationen langfristig auswirken. Dafür müssten noch Langzeittests gemacht werden!“
Herbert, der zweite Ingenieur, zusammenfassend: „Ich denke, wir sind uns alle einig, dass die Einsatzmöglichkeiten solch einer Technologie nahezu unbegrenzte Möglichkeiten bieten, vielen Menschen helfen könnte, aber auch beträchtliches kriminelles Potenzial hat!“
Dieter Immerda, der langjährige Entwicklungsleiter, hört sich die Ergebnisse gebannt an. In seinem Kopf beginnt es zu arbeiten; er sitzt schweigend am Tisch und starrt auf die Unterlagen. Nach kurzer Zeit erklärt er: „Liebe Kollegen, ich danke für eure Präsentation. Aber für heute machen wir Schluss. Ich würde euch bitten, morgen um die gleiche Zeit wieder hier zu sein. Bitte bewahrt über den Prototyp absolutes Stillschweigen. Ich erzähle euch morgen, warum … ich verlasse mich auf euch!“ Wilfried, Herbert und Samir nicken gleichzeitig. Die Mannschaft verlässt geschlossen den Raum.
Das Interview
Dr. Heinrich Binoben sitzt in seinem Chauffeurwagen und ist wieder auf dem Weg zum Wörthersee ins Hubertus-Schlösserl, um Herrn Kreuzbrecher das erste Mal zum Interview zu treffen.
Er blättert unkonzentriert und mit fahlem Gesicht in seiner krokodilledernen Unterschriftsmappe. In den letzten Wochen haben sich die Ereignisse überschlagen. Es stapeln sich täglich neue internationale Korruptionsklagen aus dem Privatsektor, aber schlimmer noch, auch von der „öffentlichen Hand“ aus Argentinien, Brasilien, Indien, Russland und am allerbedrohlichsten von der Börsenaufsicht in den USA, der SEC. Dort wird ein Strafmaß in Höhe von 2 Mrd. USD avisiert. Die derzeitigen Rechtsanwaltskosten belaufen sich täglich bereits auf 1,5 Mio. EUR.
Herr Binoben bleibt an einer Klageschrift hängen: „Verletzung des Kartellrechtes aufgrund von Preisabsprachen im Fördermittelsektor.“ Ihm stockt der Atem. Er hatte gehofft, dass dieser Kelch an ihm vorübergehe. Heinrich spricht leise vor sich hin: „Wenn das jetzt auch noch rauskommt, dann sind wir im Arsch …!“ Sein Gesicht überzieht sich mit neurodermitischen roten Flecken und kaltem Schweiß. Schnell schluckt er eine seiner Pillen aus einer Perlmuttbox in der Innentasche seines Sakkos.
Der schwere Wagen fährt die Allee entlang und erreicht die Auffahrt des Hubertus-Schlösserls. Der väterliche Berater (VB) kommt mit ausgebreiteten Armen aus der Eingangstür und empfängt Heinrich Binoben kameradschaftlich. Dahinter erscheint zurückhaltend und ehrfurchtsvoll und leicht nach vorne gebückt eine hagere, großgewachsene, gut gekleidete, graumelierte Person, es ist Adolf Kreuzbrecher.
Heinrich Binoben läuft, begleitet vom VB, mit festem Schritt die Eingangstreppe nach oben. Der VB stellt beide gegenseitig vor. Adolf Kreuzbrecher begrüßt Heinrich Binoben mit festem Händedruck und direktem Blick.
…
„Gullivers Mondfahrt“ beleuchtet die Intrigen und kriminellen Machenschaften eines globalen Technologiekonzerns, der durch Korruption, Klüngelei und Skrupellosigkeit seiner Führungskräfte an den Rand des Abgrunds geführt wird.
Gulliver, ein Vorstandsmitglied, deckt diese Machenschaften auf und nimmt die Leser mit auf eine humorvolle, aber kritische Reise durch die Welt der Unternehmensführung.
Eine amüsante satirische Komödie, die einen erhellenden Einblick in die Chefetagen der Managementkulturen gibt.
AMIGO AG
Die AMIGO AG, als ein im DAX gelisteter Technologie-Konzern, gilt als eines der deutschen Vorzeigeunternehmen. Mit seinen weltweit über 75 Standorten und knapp 650.000 Mitarbeitenden gilt der Konzern auch international als Schwergewicht. Mit den konzernweit 12 verschiedenen Sparten, angefangen von Medizintechnik über Industrie- und Gebäudeautomation, Energieerzeugung und -verteilung und mobile ICT-Lösungen bis hin zu Zügen und Beförderungsmitteln verschiedenster Art, erwirtschaftet die AMIGO AG einen Jahresumsatz von nahezu 82 Milliarden EUR.
Seit dem Börsengang in den USA vor neun Monaten und dem Einsitz im Wirtschaftsausschuss des Weißen Hauses ist die AMIGO AG zu einem echten „Global Player“ aufgestiegen.
Die Gazetten sind voll des Lobes über den wachsenden Erfolg des in München ansässigen Konzerns. Sogar die New York Times schreibt: „We welcome this unique German technology powerhouse to the United States!“
Leider hat das AMIGO HQ in München seit Neuestem mit Korruptionsvorwürfen und Anzeigen wegen vermeintlicher Kartellabsprachen zu kämpfen. Die zunächst von der Konzernleitung bagatellisierten Vorwürfe erweisen sich jedoch zunehmend als hartnäckig.
Nachdem sich die Strafanträge wegen „schwarzer Kassen“ weiter häufen, sind sich Insider inzwischen einig, dass sich hier ein Tsunami anbahnt.
Sie sollen Recht behalten! Seit vor Kurzem die US-Börsenaufsicht (SEC) gegen die AMIGO AG Strafanzeige wegen Preisabsprachen und Korruption gestellt hat, ist mit dem Schlimmsten zu rechnen.
Hier beginnt die eigentliche Geschichte.
Schlechte Nachrichten
Gulliver Reisaus sitzt in seinem Büro in der Hohenzollernstraße in München und liest die Süddeutsche Zeitung. Inzwischen vergeht kein Tag mehr, dass nicht neue Horrornachrichten über die AMIGO AG in den Gazetten erscheinen. Gulliver arbeitet schon seit 14 Jahren bei diesem deutschen Vorzeigeunternehmen und hat es in seiner Funktion als Marketing- und Kommunikationsleiter sogar bis in die Vorstandsetage gebracht.
Da sein Onkel, Heini Ballflach, noch bis vor sechs Jahren der Aufsichtsratsvorsitzende der AMIGO AG war, gilt Gulliver als der protegierte Paradiesvogel und hat diesen Status auch bewusst kultiviert. Seine farbenfrohen Anzüge, seine eleganten Hüte und sein lilafarbener Porsche sind inzwischen sein Markenzeichen. Er hat sich längst von der vorherrschenden Beamtenkultur gelöst und sich seine eigene Portion Sarkasmus zugelegt. Da man ihn aus politischen Gründen schlecht loswerden kann, hat man ihn schon seit Jahren mehrfach weitergelobt.
Gulliver klebt interessiert an einem Artikel in der Süddeutschen. Er weiß, dass Heinrich Binoben, der Nachfolger seines Onkels, sich heute früh auf den Weg nach Kärnten gemacht hat.
Die Österreichische Kronen Zeitung bringt es auf den Punkt: Kärnten im freien Fall – wirtschaftlich nur noch auf Platz acht der neun Bundesländer – vom Primus inter Pares zur Persona non grata!
Nach der gestrigen Erstürmung des Klagenfurter Rathauses durch radikalisierte Bürger hat die Polizeikommandantur Amtshilfe aus Salzburg angefordert. Nur durch ein Großaufgebot an Polizei ist es gelungen, das Rathaus gegen 17:00 Uhr von den gewaltbereiten Besetzern zu befreien.
Der Klagenfurter Bürgermeister hat durchaus Verständnis für die wirtschaftlich missliche Lage vieler Bürger, zeigt sich aber entsetzt über das skrupellose Vorgehen der Demonstranten. „Wir leben immer noch in einem zivilisierten Land und nicht im Dschungel!“
Hubertus-Schlösserl, Wörthersee, Kärnten
Langsam erhebt sich die Sonne majestätisch über dem historischen Hubertus-Schlösserl am Wörthersee. Nahezu lautlos verlässt der erste Ausflugsdampfer den Steg am Metnitzstrand. Die Bugwellen glitzern verspielt in der noch flach stehenden Sonne.
Es ist 10:00 Uhr morgens. Im Hubertus-Schlösserl ist ein konspiratives Treffen mit den einflussreichsten Familien Österreichs geplant. Seit dem bedauerlichen Tod des Landeshauptmannes von Kärnten, welcher es über Jahre erfolgreich verstanden hat, Großbanken und Industrie im Großraum Klagenfurt anzusiedeln, und der durch ein günstiges Steuerklima dem Land und dem Geldadel entsprechenden Wohlstand bescherte, ist Kärnten nun auf dem absteigenden Ast. Die vielversprechende Partei Bündnis Futura Österreich (BFÖ) ist in die Bedeutungslosigkeit versunken und auf Bundesebene nicht mehr sichtbar. Diese Entwicklung hat laut dem Geldadel vornehmlich mit der Politik des neuen Landeshauptmanns zu tun.
Er ist der Hochfinanz nicht zugetan, beweist geringes politisches Fingerspitzengefühl und zeigt sich wenig begeistert von dem, was ihm sein Vorgänger hinterlassen hat.
Die AMIGO AG aus München ist der größte industrielle Investor in Kärnten mit vier Produktionsstätten und über 85.000 Mitarbeitenden; die Umsatzvolumina entsprechen 67 % des Bruttoinlandproduktes (BIP) von Kärnten und knapp 20 % des BIPs von ganz Österreich. Die drei einflussreichsten Familien halten über eine Stiftung Eigentumsanteile von 45 % an der AMIGO AG Österreich, die wiederum ein Tochterunternehmen der AMIGO AG Deutschland ist.
Durch den durch die US-Behörden aufgedeckten Korruptionsskandal in den drei stärksten Hauptländern der AMIGO AG ist das deutsche Stammhaus aufgrund der zu erwartenden Strafen, Klagen und drohenden Marktausschlüsse nahezu handlungsunfähig; das Management ist extrem nervös. Begleitet durch den Umstand, dass der CEO vor fünf Tagen die AG verlassen hat und polizeilich gesucht wird, bangen die österreichischen Familien nun um ihr Geld und ihren Einfluss.
Die Repräsentantin der drei Investorenfamilien, Helga Raffzahn, sowie der frühere väterliche Berater (VB) des verstorbenen Landeshauptmanns, Justus Einfluss, sitzen im Marmorsaal der Jugendstilvilla „Hubertus-Schlösserl“ und warten auf den Aufsichtsratsvorsitzenden der AMIGO AG.
Um Macht und Einfluss zurückzugewinnen, haben die Investorenfamilien in nächtelangen Gesprächen einen gemeinsamen Vorschlag ersonnen, welchen man heute dem erwarteten Besuch schmackhaft machen möchte.
Dumpf gurgelnd hört man den schweren, von einem Chauffeur gesteuerten Wagen in der Auffahrt den Kies verdrängen. Beide Wartenden erheben sich und begeben sich nach unten in das mit Jagdtrophäen dekorierte Foyer, um den Gast gebührend zu empfangen. Der Chauffeur öffnet die Tür des Maybach und Dr. Heinrich Binoben, der Aufsichtsratsvorsitzende der AMIOGO AG, steigt aus. Seine Miene ist alles andere als sorgenfrei. Der Maßanzug mit Seideneinstecktuch (weiß mit roten Initialen) glänzt in der Sonne; man begrüßt sich knapp, aber herzlich.
Die schwere Eingangstür fällt ins Schloss und die Dreiergruppe zieht sich in den oberen Marmorsaal zurück.
Nach angebotenen Erfrischungsgetränken kommt man relativ schnell zur Sache; alle drei sitzen am Tisch. Die Manschettenknöpfe der Herren touchieren gleichzeitig mit einem einheitlichen „Klack“ den Marmortisch.
Jeder nimmt sein bereitgelegtes Exposee zur Hand.
Der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Heinrich Binoben schaut mit ernster Miene in die Runde und beginnt mit dünn geschürzten Lippen zu sprechen: „Die Korruptionsaffäre ist wie eine Schockwelle, die unseren gesamten Konzern an den Abgrund katapultiert (sein mit Brillanten besetzter Siegelring blitzt in der einfallenden Sonne). Die deutsche Kanzlerin hat mich schon ermahnt, das Problem mit der US-Börsenaufsicht schnell zu lösen – Deutschland kann sich keine weiteren bilateralen Spannungen mit dem großen amerikanischen Partner leisten. Neben vielem anderen muss also dieses Problem mit höchster Priorität aus der Welt geschafft werden. Dies geht meiner Meinung nach nur mit einem radikalen Neuanfang, d. h., es muss ein neuer CEO her und die Führungsmannschaft muss komplett ausgetauscht werden. Nur so kann das Vertrauen wieder hergestellt und die US-Börsenaufsicht beruhigt werden. Dies ist essenziell, damit das Kapital der Investoren sicher ist und der Neuanfang für alle zumindest mittelfristig wieder Früchte trägt.“
Er blickt in die Runde; beide nicken. „Nur wie soll man jetzt auf die Schnelle einen neuen CEO mit einem solchen Format aus dem Hut zaubern?“
Der VB meldet sich zu Wort: „Lieber Heinrich, uns ist deine Situation durchaus bewusst und wir haben lange nachgedacht, wie wir dir und der AMIGO AG am besten helfen können. Der Großneffe unseres verstorbenen Landeshauptmanns ist seit Jahren in führenden Positionen im Ausland tätig und außerordentlich gut mit den US-Behörden vernetzt. Er ist inzwischen ein anerkannter diplomatischer Drahtzieher für knifflige Situationen und könnte sicherlich auch für uns seine Beziehungen bei der US-Börsenaufsicht spielen lassen. Er ist äußerst durchsetzungsstark, hat politisches Gespür, ist loyal und leidensfähig! Sein Name ist Adolf Kreuzbrecher … ha, ha … nomen est omen!“
Heinrich verzieht keine Miene: „Wo sitzt der Mann jetzt?“ VB: „Er arbeitet derzeit in den USA, kommt aber nächste Woche quasi zum ‚Fronturlaub‘ (schmunzeln) an den Wörthersee …“ Heinrich blickt zögerlich auf die Tischplatte und spielt nervös mit seinem perlmuttfarben funkelnden Füller.
Die Vertreterin der Investoren-Familien meldet sich mit einem charmanten Lächeln zu Wort: „Lieber Heinrich, ich spreche zu dir quasi als derzeitige Ombudsfrau unserer gemeinsamen Stiftung, der Inter-Alpin. Ich denke, du kennst sie sehr gut; ich muss dir ehrlich sagen, ich merke immer mehr, dass ich eigentlich zu alt für diese Aufgabe bin. Lass es mich auf den Punkt bringen. Wir könnten uns sehr gut vorstellen, dass du künftig den Stiftungsratsvorsitz übernimmst.“ Heinrich blickt mit gespielt ernster Miene auf den Marmortisch. „Heinrich, wäre das nicht das passende „Austragshäuserl“ für dein Leben nach der AMIGO AG?“ Sie setzt wieder ihr charmantes österreichisches Lächeln auf, schaut ihm fest in die Augen und beugt ihr weitausgeschnittenes Dekolleté tief über den Tisch.
Heinrich erwidert den Blick und verwandelt sein Pokerface in ein breites Lächeln: „Helga, bei so viel versprühtem Charme fällt es wahrscheinlich jedem Mann schwer, nein zu sagen …! Aber zuerst haben wir hier noch ein paar Aufgaben zu lösen!“ Helga faltet entzückt die Hände vor ihrem Dekolleté zusammen.
Heinrich blättert in seinem Notizbüchlein: „Ich könnte euch anbieten, mich nächste Woche mit dem Herrn Kreuzbrecher zu treffen …“ VB: „Ich habe mir schon mal erlaubt, zwei mögliche Termine zu reservieren. Wie wäre der Mittwoch oder der Donnerstag? Ich denke, ihr trefft euch am besten wieder hier im Stiftungshaus … da seid ihr ungestört.“
Heinrich nickt ausdrucksvoll. „Ich würde euch einander vorstellen und mich dann zurückziehen … ich glaube, dies wäre am sinnvollsten …“ Heinrich nickt ein zweites Mal.
Helga wirft noch kurz ein: „Lieber Heinrich, bevor ich’s vergesse, Ende nächsten Monats feiern wir unser Stiftungsjubiläum im Jagd-Schlösserl; dieses Jahr ist das Who‘s who der Wirtschaft und Politik eingeladen … mein Gusterl sagt immer: Die ‚Österreich AG‘ gibt sich die Ehre. Wir würden uns mehr als freuen, dich unter uns zu wissen, sag bitte ja …“ Ein hoffnungsvoller Blick mit Augenaufschlag zu Heinrich; Heinrich nickt zuverlässig ein drittes Mal.
Der neue Prototyp
AMIGO AG, Entwicklungsabteilung für
Medizintechnik, Abteilung Messtechnik, Stuttgart
Die Medizintechnik der AMIGO AG ist in einem ausgedehnten Industriegebiet mit unzähligen nüchternen Industriegebäuden im Großraum Stuttgart untergebracht. Im Kellergeschoß, im sogenannten Block 5, gibt es eine große Halle mit verschiedenen technischen Versuchsaufbauten. Man hört elektrisches Surren und sich permanent wiederholende Signalgeräusche der eingesetzten technischen Geräte. Die Neonbeleuchtung und das Tageslicht aus den Schächten vermischen sich, mehrere Ingenieure in weißen Mänteln sitzen vor Computern oder beschäftigen sich mit Versuchsaufbauten.
In einem durch eine Glaswand abgetrennten Besprechungsraum sitzen vier Personen, der Entwicklungsleiter, zwei Ingenieure und ein indischer Praktikant. An die Wand wird ein Bild über eine technische Versuchsanordnung projiziert. Man sieht den Entwicklungsleiter aufstehen, die Türe schließen und die Glaswände per Vorhang verdunkeln.
Zwei Ingenieure präsentieren in breitestem Schwäbisch die Testergebnisse aus dem aktuellen Projekt mit dem Code-Namen „Hirnläpple“.
Einer von ihnen namens Wilfried erklärt: „Die letzten Tests brachten erstaunliche Ergebnisse zutage. Der neueste Aufbau für Gehirnstrommessungen erlaubt, aus der Sensorik auch eine Aktorik zu machen. In anderen Worten, es können Gehirnströme gezielt über die Synapsenenden stimuliert werden. Dies wird erreicht durch die Stimulation der synaptischen Trägerstoffe mit Hochfrequenzmodulation. Der Effekt besteht darin, dass durch die temporäre Hyperaktivierung die pathologischen Charaktereigenschaften eines Lebewesens ins Gegenteil umgedreht werden können. Lasst mich ein Beispiel bringen: Aus Depression wird Hochstimmung, aus Beherrschtheit wird Ausgelassenheit, aus Hyperaktivität wird Passivität, aus Zurückhaltung wird Dominanz usw.“ Der indische Praktikant Samir mit Spitznamen IT-Ra Gandhi betont: „Wir stimulieren derzeit nur temporär, d. h., wir wissen noch nicht, wie sich die Stimulationen langfristig auswirken. Dafür müssten noch Langzeittests gemacht werden!“
Herbert, der zweite Ingenieur, zusammenfassend: „Ich denke, wir sind uns alle einig, dass die Einsatzmöglichkeiten solch einer Technologie nahezu unbegrenzte Möglichkeiten bieten, vielen Menschen helfen könnte, aber auch beträchtliches kriminelles Potenzial hat!“
Dieter Immerda, der langjährige Entwicklungsleiter, hört sich die Ergebnisse gebannt an. In seinem Kopf beginnt es zu arbeiten; er sitzt schweigend am Tisch und starrt auf die Unterlagen. Nach kurzer Zeit erklärt er: „Liebe Kollegen, ich danke für eure Präsentation. Aber für heute machen wir Schluss. Ich würde euch bitten, morgen um die gleiche Zeit wieder hier zu sein. Bitte bewahrt über den Prototyp absolutes Stillschweigen. Ich erzähle euch morgen, warum … ich verlasse mich auf euch!“ Wilfried, Herbert und Samir nicken gleichzeitig. Die Mannschaft verlässt geschlossen den Raum.
Das Interview
Dr. Heinrich Binoben sitzt in seinem Chauffeurwagen und ist wieder auf dem Weg zum Wörthersee ins Hubertus-Schlösserl, um Herrn Kreuzbrecher das erste Mal zum Interview zu treffen.
Er blättert unkonzentriert und mit fahlem Gesicht in seiner krokodilledernen Unterschriftsmappe. In den letzten Wochen haben sich die Ereignisse überschlagen. Es stapeln sich täglich neue internationale Korruptionsklagen aus dem Privatsektor, aber schlimmer noch, auch von der „öffentlichen Hand“ aus Argentinien, Brasilien, Indien, Russland und am allerbedrohlichsten von der Börsenaufsicht in den USA, der SEC. Dort wird ein Strafmaß in Höhe von 2 Mrd. USD avisiert. Die derzeitigen Rechtsanwaltskosten belaufen sich täglich bereits auf 1,5 Mio. EUR.
Herr Binoben bleibt an einer Klageschrift hängen: „Verletzung des Kartellrechtes aufgrund von Preisabsprachen im Fördermittelsektor.“ Ihm stockt der Atem. Er hatte gehofft, dass dieser Kelch an ihm vorübergehe. Heinrich spricht leise vor sich hin: „Wenn das jetzt auch noch rauskommt, dann sind wir im Arsch …!“ Sein Gesicht überzieht sich mit neurodermitischen roten Flecken und kaltem Schweiß. Schnell schluckt er eine seiner Pillen aus einer Perlmuttbox in der Innentasche seines Sakkos.
Der schwere Wagen fährt die Allee entlang und erreicht die Auffahrt des Hubertus-Schlösserls. Der väterliche Berater (VB) kommt mit ausgebreiteten Armen aus der Eingangstür und empfängt Heinrich Binoben kameradschaftlich. Dahinter erscheint zurückhaltend und ehrfurchtsvoll und leicht nach vorne gebückt eine hagere, großgewachsene, gut gekleidete, graumelierte Person, es ist Adolf Kreuzbrecher.
Heinrich Binoben läuft, begleitet vom VB, mit festem Schritt die Eingangstreppe nach oben. Der VB stellt beide gegenseitig vor. Adolf Kreuzbrecher begrüßt Heinrich Binoben mit festem Händedruck und direktem Blick.
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