Hilflos im Netz

Hilflos im Netz

Reinhold Tauber


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 282
ISBN: 978-3-99107-204-1
Erscheinungsdatum: 17.03.2021
Die Welt digitalisiert sich immer mehr, sodass die Menschlichkeit abnimmt und die Anonymität stetig wächst. Herr Geistreich Immervoll erlebt den Wandel der Zeit hautnah. Tauchen Sie ein und begeben Sie sich auf eine spannende Reise in die Zukunft.
2. Szene: In der Zentrifuge

Er war also in die Wirtschaftszentrifuge geraten, die nach ökonomischer Verwertbarkeit wie eine Milchzentrifuge den Funktions-Vollwert vom Minderwert scheidet, seine Eigenschaft wurde infolge Abgenutztheit als minderwertig abgeseiht und ausgeschieden.
Doch das erfolgte in kleiner Dosierung, sozusagen tröpfchenweise, aber in konsequenter Drehung der Zentrifuge ohne innezuhalten bis zur gänzlichen Trennung der Materie.
Sein Gesellschaftsleben begann erst an den Rändern, dann immer mehr gegen die Mitte, den Kern, abzubröckeln. Als auf seinen Pflicht-Partys immer öfter statt Champagner Sektersatz aus dem Supermarkt, statt Beluga-Kaviar jener vom Atlantik, vom Seehasen – die Kuttel schwarz eingefärbt und künstlich mit Geschmackstoffen eingeseift – auf die Brotscheibchen gehäufelt wurden. (Ein verständnisvoller Gast erinnerte sich, die Situation verstehend, an ein Produkt des Literaturarbeiters Johannes Mario Simmel aus einem vergangenen Jahrhundert, „Es muß nicht immer Kaviar sein.“) Als der Wein, in Tetrapacks erworben, in der Küche heimlich in Flaschen mit noch haftendem Etikett früher ihnen innenwohnende Qualität suggerierend, abgefüllt und, dekantiert bei Tisch serviert wurde. Als bekannt wurde, das bisher zur Nutzung bereitgestellte Silberbesteck sei nicht zum fachmännischen Aufpolieren außer Haus, sondern im Internet in „Willhaben“ ausgelobt. Als die Gattin des Gastgebers ihren schönen Kern schon zweimal hintereinander in dieselbe Hülle steckte, von der fach- und sachkundige Gästinnen auf den ersten Blick erkannten, die Hülle stamme nicht aus einer Designer-Werkstätte, sondern sei in einem Container angelandet worden, der im Hafen eines Landes aufs Schiff gehievt worden war, in dem Frauen in vielstöckigen Arbeitspferchen so lange für ein Brot (nicht einmal ein Butterbrot) schuften, bis sie entweder von alleine vom Sessel kippen oder zu Hunderten verbrennen, damit Platz für Nachdrängende wird: Da wurde der Verdacht laut, Herr Geistreich Immervoll beziehe nicht mehr so gute Boni wie bisher, die ihm das Ausrichten standesgemäßer Partys erlaubten. Auch sein bisher stolz gepflegter Reitstall wurde zur Pacht ausgeschrieben.
Im internationalen Firmen-Informationsgeflecht wurde bei strengster gesicherter Datenverwendung geflüstert, der Vorstand seines zuletzt ihn nutzenden Unternehmens werde doch stets in der Urlaubszeit vom Vorsitzenden zu einer halbstündigen Postbesprechung aus der ganzen Welt zusammengerufen, aus der Karibik (mit Familie), Bangkok (ohne Familie), der Antarktis oder einer Amazonas-Lodge. Vorstandsmitglied Geistreich Immervoll reiche jedoch kein Flugticket etwa aus der Golfregion Südafrika zur Verrechnung ein, sondern eine preiswerte Bahnkarte einer neuen erfolgreichen Linie – von einem geschäftstüchtigen Baufachmann begründet: Einstiegsbahnhof nicht einmal einer, von dem aus man etwa zu einer (neuerlich wieder) Luxusregion reisen könne, sondern ein Umsteigebahnhof, von dem aus es in ein kleines Nordland mit preiswerten Zimmerangeboten gehe, wo der Wein nicht aus dem Tetrapack, sondern noch aus einem Fass komme und bescheidenen sozialen Verhältnissen entspreche. Denn auf diese Ebene war der höchstrangig gewesene Manager abgestürzt. In der auf dem Nachtkästchen in der Zimmerpension aufliegenden Heiligen Schrift – die Besitzerin galt im Dorf als fromme Frau, was die Versorgung ihrer Hauskunden anlangte, ansonsten nicht nur tagsüber, sondern auch nächtens geschäftstüchtig –,
da keine andere Abendunterhaltung als diese Lektüre vorrätig war, sprang ihn ein Vers an: „Wer hoch steigt, sehe zu, dass er nicht tief falle“*. Da er hochgestiegen war, war also auch sein Fall tief. In der Unterkunft – Bett unter der niedrigen Schräge des Dachkammerls, seinen gegebenen monetären Verhältnissen angepasst – hatte er während schlafloser Nächte, akustisch gepolstert vom Geheul eingewanderter Wölfe und dem Todesblöken von diesen zur Nahrung ausersehenen Schafen, viel Zeit, über den Sinnspruch nachzudenken, denn:


Aspekte einer Lageveränderung

Als Herrn Geistreich Immervolls sozialer Status abgesunken war, hatte die Gattin nicht Lust, bei dem traditionellen Gelübde „Bis dass der Tod uns scheide“ zu verbleiben, sondern beabsichtigte, den vermutlich länger oder überhaupt andauernden erreichten Status quo individuell für sich zu verändern. Zu der Veränderung ging ihr ein bisheriger Kollege Herrn Geistreich Immervolls zur Hand (bis zum Fuß), wobei sich an ihrer Lage nichts änderte als die federnde Qualität der Unterlage, die ihr ja nichts Neues mehr war. Schon oftmals hatten die beiden in dessen Villa mitsammen die Veränderung besprochen und die Lage trainiert, während die Gattin des Kollegen Herrn Geistreich Immervolls anderswo Lagen ähnlicher Art und Qualität nutzte, sozusagen eine gesellschaftliche Kettenreaktion.
Nach vielen Lage-Situationen, während Herr Geistreich Immervoll entweder in den Lüften Diagramme, Vorschläge, Schemata, Kalkulationen für den Besuch auf dem nächsten Kontinent studierte und vorbereitete oder zuvor noch weibliche Gastgeschenke schnellen Ganzkörper-Scans unterzogen hatte, gelangten sein Ex-Kollege und ein auf solche Fälle spezialisierter sogenannter „Anwalt des Rechts“, unterspezialisiert auf die zu wahrenden Rechte des in der staatlich anerkannten Partnerschaft niederen Rechten und höheren Pflichten unterworfenen weiblichen Teils, gelegentlich während einer Ménage-à-trois zur Übereinstimmung nicht nur in dieser, sondern auch über die Maßnahmen zum Schutz und zur Absicherung der Zukunft der gesellschaftlich Abgesunkenen. Wobei die Höhe der vermögensrechtlichen Sicherungsfaktoren für die Gebührenabsicherung des Anwalts maßgeblich und daher im Klagsbegehren in logischer Höhe angesetzt wurde, den bisherigen (freilich nicht mehr aktuellen) ausgezeichneten Verhältnissen Herrn Geistreich Immervolls angepasst, was im Verfahren voll toleriert wurde.
Es erfolgte also die Scheidung: Erstens wegen alleinigen Verschuldens des Gatten durch mit Video-Dokumentationen in Hotelräumen aller Kontinente bewiesenem wiederholtem Ehebruch (logische Datensammlungen in Luxushotels für Geschäftsreisende, für internationale Netzwerke stets gegen entsprechende Gebühr abrufbereit). Zweitens wegen „seelischer Grausamkeit“ wurde das stehende und liegende Vermögen des Mannes der Frau zur künftigen Existenzsicherung, die ihr Leben arglos bedingungslos mit dem Manne bei der Eheschließung verknüpft hatte, übertragen, denn
„Seelische Grausamkeit ist gegeben, da der Verlust der Position die Gefahr einer nur mit komplizierter und finanzaufwändiger psychologischer Therapie abzuwendenden Depression heraufbeschwört, deren Eintritt die totale Unfähigkeit der weiteren Teilnahme an allgemeinen gesellschaftlichen Beziehungen nach sich zöge und daher sofortige Absicherung nötig sei.“*.
Um das Stürzen der Dame in einen Abgrund allgemeiner gesellschaftlicher Beziehungslosigkeit zu verhindern, wurde das Urteil ohne Erfolgschance auf einen Einspruch durch den Verurteilten, da die Sachlage völlig klar war, gesprochen. Zusatzgutachten mit prinzipieller Erklärung angeheftet, die die Entscheidung untermauerte wie die Betonplatte eines darauf zu errichtenden Hauses:
„Abwertungen dienen der Zerstörung des Selbstwertgefühls des Opfers und seiner/ihrer geistigen Gesundheit. Mit der Zeit wird der Glaube an den Eigenwert, die Identität und die eigenen Empfindungen als Rechte oder Wahrheit zerstört …“ Und: „Durch die seelische Grausamkeit werden Menschen beeinflusst, durch die Grausamkeit wird die Seele erheblich beschädigt …“*
So ward also Herr Geistreich Immervoll aus der für die Partnerin verhängnisvollen Umklammerung gelöst. Er war nun verfemt wie ein Aussätziger. Das ihm nicht mehr gehörende Haus musste er binnen Wochenfrist nach erlangter Rechtskraft des Urteils verlassen. Mitnehmen durfte er einen Koffer mit sorgsam aus der Garderobe gesiebter Kleidung, die seinem nun gegebenen Status entsprach (aufbewahrte bescheidene Textilien aus der Studentenzeit), eine schon für die Übergabe an ein Obdachlosenheim vorgesehen gewesene Matratze, einen zweiflammigen noch funktionsfähigen Camping-Kocher aus der studentischen Vagantenzeit aus der Garage. Damit überstieg man zwar die Bestimmungen im Gerichtsurteil der Scheidung, auch über Güter-Übertragung, doch der Anwalt des Rechts meinte, das kriege er schon hin, dass das nicht als Widerspruch zum Inhalt des Urteils anerkannt werde.


Als minderwertig ausgestoßen

So hatte die Zentrifuge ihre Arbeit getan, hatte den Vollwert auf eine Seite hin konzentriert und auf der anderen Herrn Geistreich Immervoll als Minderwert aus dem Sozialgefüge ausgestoßen. Nun musste er sein Minderwert-Dasein neu organisieren.
Er entsann sich eines Nothelfers im städtischen „Amt der Fürsorge für Erniedrigte und Beleidigte“, eines Amtmannes, dem er zuweilen behilflich sein konnte in früherer Führungsposition, mit Zuwendungen aus dem Sozialfonds von Unternehmen für unverschuldet in der Gesellschaft schwach Gewordene. Er begab sich in das Amt, wurde mit zögernder Bereitschaft der Vorzimmer-Besatzung, in den Terminkalender des Mannes eingetragen zu werden, zur Kenntnis genommen. Doch weil es die kalte, kalendermäßige Zeit des (landes- und handelsüblichen) Jahreswunders war, widerfuhr ihm auch ein Wunder, er wurde gleich vorgelassen. Der Amtmann hatte bereits Kenntnis von der Verkettung unglücklicher Umstände, die Herrn Geistreich Immervoll nun als würgende Kette um dem Hals seiner Existenz lag, sozusagen die Nabelschnur seines neuen armseligen Lebens. Der Amtmann erwies sich als verständig (auch ein Wunder) und sorgte dafür, dass dem Bittsteller eine Bleibe zugewiesen wurde (der Status eines Grundversorgten gemäß Gesetz sollte nachgereicht werden, eine individuelle Hilfe, so schnell ging es in anderen Amtsräumen nicht zu).
Die zugewiesene Bleibe befand sich in einem seit Jahren aus spekulativen Gründen sehr zermürbten Gebäude, dessen Abriss allerdings noch nicht unmittelbar bevorstand.
Das bröckelnde Bauwerk am Lebensrand der sich gut dünkenden bürgerlichen Gesellschaft – sozusagen auf einem Gleis neben den in eine (ungewisse) Zukunft führenden Schienen globaler Betriebsamkeit – war einer als am sozialen Rand stehend eingestuften Gruppierung, sozusagen vaterlandslosen und unterstandslosen Gesellen und -innen, zugewiesen worden, da eine andere, von der Staatsgesellschaft lieber gesehene Konzentration rechtsstaatlich definiert als nicht verfassungskonform angesehen wurde. Die Vaterlandslosen hatten ihre eigene Lebensform entwickelt, lehnten den Staat, in dem sie lebten, ab, der sei nicht der ihre, sie warteten auf das Wiedererstehen einer größeren Heimat sozusagen auf einer Insel, umspült von dem Staat, den sie nicht mochten und der auch sie nicht liebte. Sie hatten ihre eigenen Statuten, angelehnt an jene ruhmreicher alter Zeit (die sie als nur zeitweise unterbrochen erachteten), geschrieben auf altdeutsche Art auf sepia-gefärbtem, braun-assoziativem Papier (Farbstoff, gewonnen aus einer Enddarmdrüse). Die Gesellen und -innen organisierten hier also ihre Reichszelle nach eigener Art.
Die Althaus-Zelle enthielt eine ehemals größere Wohneinheit, die unterteilt worden war. In der einen Abteilung konnte ungestört der Philosophie der Körpergemeinschaft gefrönt werden (Gütergemeinschaft – auch biologischer Natur – war obligatorisch), während in der anderen ungestört mit Gästen aus dem befreundeten sogenannten Altreich, die auch das Alternative schätzten, Gemeinschaft gepflogen werden konnte (samt Informationsaustausch zum Herstellen handsamer, wirksamer Gerätschaften, einsetzbar gegen Exekutivkräfte).
In der alten Wohnstruktur gab es auch ein sogenanntes „Abstellkammerl“, wie in bürgerlichen Wohneinheiten früherer Zeit ein Gelass zum Verstauen von Arbeitsgeräten oder fallweise auch von Arbeitswesen niederen Ranges (mit multifunktionellen Aufgaben besonders jener weiblicher Art, gleich mehr dazu) bezeichnet worden war. Dieser Raum wurde dem Neuzugang als Bleibe zugewiesen.
Herr Geistreich Immervoll bezog mit bescheidenem Körpertextil, der Matratze und dem zweiflammigen Camping-Kocher als Grundausstattung den Raum, der in früherer Zeit also als Arbeitsmaterial-Abstellkammer, doch auch als Ruhebereich von Dienstboten Nutzung fand, denn diese hatten damals das Recht auf Rückzug in eine intime Region während zwei Stunden einer Tages-und-Nacht-Leistung, bemesssen auf sieben Tage, bemessen auf 42 Wochen Dienstzeit/Jahr. Daher war der multifunktionale Raum seinerzeit nicht nur mit Besen und Putzmitteln, sondern auch mit einer Bettstatt versehen sowie einem Haken für Textiles. Die Bettstatt war breit genug, um eine Nutzung femininer Dienstleistungs-Struktur durch maskuline Dienstgeber-Obrigkeit zu ermöglichen, sozusagen eines ungeschriebenen Zusatz-Paragrafen im Dienstvertrag. Die Bettstatt ward beim Auszug der amtlichen Letztnutzer hinterlassen worden, was Herr Geistreich Immervoll beglückt feststellte, als er sein Inventar unterbrachte. Allerdings musste der Camping-Kocher wegen sehr geringer Trittfläche im Raum unter die Bettstatt geschoben werden. Wegen der sozialen Verträglichkeit des Raumes war seinerzeit sogar Stromanschluss vorgenommen worden, was die Nutzung des Kochers, dankbar registriert, ermöglichte. Wasser gab es sozusagen im Überfluss in der Bassena auf dem allgemein benutzten Gang, ebenso auf und in dem sogenannten „Abtritt“, in dessen gemuscheltem Zentralbehälter auch Körperpflege durch in der Einbuchtung gesammeltes Wasser möglich wurde, wenn gerade keine andere Notwendigkeit zur Nutzung bestand.


Einordnung: Sozialer Bodensatz

So begann sein neues Leben. Doch er konnte sich dessen gewiss sein, dass er zwar nur mehr sozusagen ein eingetrockneter Rand eines Kaffeehäferls war, dass aber die niemanden vergessende All(gemeinheit) ihn weiterhin datenmäßig im Blick habe gemäß alten Schemata, mittels derer auch niemand aus Listen und Ordnern verschwand, der zwar ohnehin zum Verschwinden vorgesehen war und irgendwann auch tatsächlich verschwinden sollte, aber Ordnung und Registrierung waren über das Verschwinden hinaus oberstes Gebot (nach althergebrachten Mustern). Daran hielt sich auch die Staatsverwaltung jetzt und ebenso in dem Fall Geistreich Immervoll, dieser in der zentralen Datenbank in die Unterabteilung „Bodensatz“ eingefügt (die interne Registratur verfügte über einen Datenverwalter, dessen treffender und punktgenau zuschlagender Humor im Amt allseits geschätzt wurde).
Als an das schottrige Ufer des Lebensstroms geworfenes Element ward Herr Geistreich Immervoll doch in die datengesicherte Liste jener eingefügt, die der Staat in ein Versorgungssackerl „Mindestsicherung“ stopfte, um sein sogenanntes „soziales Gewissen“ nachzuweisen, was einfacher war, als dem in die Liste Eingefügten die Möglichkeit auch steuerpflichtigen Broterwerbs gemäß Fähigkeiten und Erfahrung zu vermitteln. Mitzuführender Datenvermerk des Eingefügten im Scheckkartenformat (mit Daten versehene Plastikkärtchen, mit denen man sogar aus Banken Geld holen konnte) war obligatorisch. Mit diesem Pflicht-Kärtchen, ihn als – wie der Volksmund präzise definierte – „Ar-mutschkerl“ ausweisend, hatte er das (vorläufige, noch nicht fixierte) Recht, zum Beispiel an der sogenannten vom Staat und dessen Wirtschaft geduldeten „Tafel“ anstellig zu werden, an der andere an den Lebens-/Leistungsrand Geschleuderte um geringes Geld Waren zum gerade noch Überleben erwerben konnten, die von der Handels-Überflussgesellschaft am Vorabend liegen gelassen worden waren, aber noch brauchbar waren: Karotten, Karfiol, Knäckebrot (dies länger haltbar), gemeines Altbrot und gutes Wasser. Dazu überlebensnotwendige Textilien, die in Altkleidercontainern nicht mehr Platz gefunden hatten oder von mitleidigen Zeitgenossen gleich umweglos hier deponiert worden waren. Medien veröffentlichten Bilddokumente von den in Schlangen Anstehenden und überblendeten diese mit Dokumenten aus früherer böser Zeit, als vom Staat ausgedorrte Arme auch Schlange an Ausgabestellen für Armensuppen standen nach der Ansage „Wie sich die Bilder gleichen“ oder (viel älter, aber gültig) „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“.
Nun war sein (vorläufig) datendefinierter Stand leider an Fristen – Tag, Stunde, Minute, Sekunde – gebunden, denn der Bedürfnis-Zustand könne sich doch (so der Staat) von Minute zu Minute zum Besseren wenden und die Bedürftigkeit verringern (was der Staat auch in Vorschreibungen kleinster Steuerpflicht verbindlich vermutet und die Vor-Vorschreibung automatisch ohne Begründung erhöht).
Es war in dieser Angelegenheit Herrn Geistreich Immervolls Fristversäumnis eingetreten.
Wenn der Staat und ihm gehorchende Institutionen, die selbst euromindere Einrichtungen wie die „Tafel“ streng kontrollieren, zwar ungemein langsam reagieren, wenn es darum geht, einem Bürger etwas zu refundieren, was ihm zu Unrecht zuvor abgeknöpft worden war, reagieren sie jedoch in Nanosekundenschnelle mit behauptet begründeter Ablehnung, wenn der noch nicht ausgesiebte Nochbürger soziale Krücken ergreifen will, um einige Schritte am schottrigen Ufer des Lebensstroms weiterzuhinken in eine vernebelte Zukunft. Also hatte Herr Geistreich Immervoll übersehen, dass seine (vorläufige) Zugriffs-Erlaubnis auf die „Tafel“ abgelaufen und diese seine bisherige Erlaubnis-Nachweiskarte im praktischen Scheckkartenformat zu entsorgen war (Sondermüll). Die Ausstellung einer neuen nach Ersuchen innerhalb genau zu beachtender offener Frist (ein Jahr vor Ablaufen der gültigen Erlaubnis) an das für ihn zuständige Wohnsitzamt (beizuschließen seien Aufenthaltserlaubnis, Leumundszeugnis, Bescheinigung ordentlichen Wohnsitzes, Eigentums-Nachweise) werde infolge des auch für die digitale Bearbeitung veranschaulicht „tonnenweisen“ Ansuchs-Anfalls nicht vor Ablauf eines halben Folgejahres (Bearbeitungszeit in die künftige Berechtigungszeit eingerechnet) erfolgen. Also hieß man ihn des frühen Morgens, an dem die Einrichtung nur geöffnet hatte, vorerst einmal aus der langen Schlange treten. Da er vom Vortag noch ein Scherzel Schwarzbrot, ein Endchen Lauch, ein halbes Fläschchen guten Wassers erübrigt und außerdem berufserfahrungsbedingt einige Sicherheits-Euro abgespeichert hatte, packte er diese Lebensmittel in seine Manteltasche und begann eines weiteren langen Tages Reise in eine weitere Nacht.
Es konnte also nicht Wunder nehmen, dass Herr Geistreich Immervoll – von Daten, Zeitvorgaben, Fristversäumnis-Drohungen, Vorschriften ummauert – ein Poststück zugestellt bekam, das ihm befahl, an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Stunde in einem bestimmten Amt vorstellig zu werden zu einem Einstufungsgespräch, was seine zukünftige Funktion in dem Staat anlangte. Er war zwar in der Leistungsgesellschaft nutzlos geworden, aber die Gesellschaft ward zu ihrem allgemeinen Bedauern durch ein (von einer ungeliebten, aber trotz aller Bemühungen nicht ausmerzbaren Minderheit erwirktes) enges Kostenkorsett „Sozialgefüge“ in ihrem dynamischen Voranschreiten behindert, das von sogenannten „Verfassungsrichtern“ altmodischer Ansicht gestützt wurde – die aber aus Altersgründen demnächst ohnehin aus dem Amt würden scheiden müssen –, aus dem sich sofort zu befreien aus Image-Gründen wegen internationaler Beobachtung und internationaler Geschäftsbeziehungen als nicht opportun angesehen wurde. Also musste zwangsweise die amtliche Ordnungssache – da die längst notwendige Revision zur Verringerung des gesetzlich erzwungenen Sozialballasts auf sich warten ließ – angekurbelt werden.

Das könnte ihnen auch gefallen :

Hilflos im Netz

Andreas Staeck

Ostdeutsche Geschichte(n)

Weitere Bücher von diesem Autor

Hilflos im Netz

Reinhold Tauber

Das Leben – Geschichten aus der Wirklichkeit

Buchbewertung:
*Pflichtfelder