Hilfe - ich bin die Pest
Im Spiegel der Nachbarn
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 304
ISBN: 978-3-7116-0209-1
Erscheinungsdatum: 19.11.2024
Friedwald Fröhlich erbt von seinem Opa ein Haus in guter Nachbarschaft. Bis dahin führt er ein völlig „normales“ Leben. Doch schon bald stellt er fest, dass er bei all seinen Aktivitäten im Spiegel der Nachbarn steht. Ein herrlich verrückter, lustiger Roman.
01 Freiheit
Ich bin der Ausdruck von Freiheit. So wie ich lebe, so wie ich fühle, so wie ich einfach bin. Ich bin Freiheit, und dies ist einfach wundervoll und unbeschreiblich schön. Ich lebe in einem tollen Haus und fühle mich auch sauwohl darin. Meine Verwandten und auch die Nachbarn sagen, dass ich mir dieses Haus erschlichen habe, genauer gesagt erblich erschlichen. Zugegeben, ich habe es mir nicht erarbeitet oder erwirtschaftet. Es ist mir einfach zugefallen. Warum, weiß ich auch nicht. Ich weiß auch nicht, warum Großvater gerade mir dieses Haus und dieses Anwesen vermacht hat. Danke, Opa, für dein Vermächtnis, du siehst ja, dass ich es in Ehren halte und genau das lebe, was es verspricht, nämlich Freiheit.
Und genau hier beginnt diese Geschichte, die eigentlich einem Albtraum ähnelt. Es steht genau in diesem Augenblick die Kripo, auch Kriminalpolizei, genannt vor mir, und behauptet schlicht und einfach – sie müssten mich verhaften, da ich eine Gefahr darstelle. Meiner Nachfrage ausweichend, wie sie zu dieser Annahme kommen, ist dies nicht Gegenstand der Ermittlungen und auch nicht relevant. Doch ich weiß genau, woher diese Botschaft stammt. Genau, sie ist von meinen lieben Nachbarn, welche sich rührend um mich und meine Machenschaften kümmern und mich regelrecht überwachen. Eh nur zur Vorsorge, um das „Wohl aller“ nicht zu gefährden. Zugegeben, ihr Zugang oder ihre Lebensweise gleicht nicht ganz der meinen. Sie sind so etwas wie der „moralische Souverän“ unter den Lebenden. Das heißt, sie haben immer und überall Recht und führen ein vorbildliches Leben für sich und ihre Mitbewohner. Wie ich das bemerkt habe? Na, genauso!
Angefangen hat alles mit einem einfachen kleinen Zweig, welcher unbedingt den Weg in die Freiheit suchen wollte. Leider war der Spross an der falschen Seite des Baumes, des Stammes gewachsen, und so war die Richtung vorgegeben, und diese Richtung führte direkt in Nachbars Garten. In seinem unendlichen Drang nach Freiheit bündelte er sämtliche Energien. Magisch zog ihn das Licht an: „Hier und nirgends anders will ich hin!“, dachte sich der Zweig und wuchs enorm stark, lang und schnell. Fast über Nacht hatte er einen Meter geschafft, und dies war erst der Anfang. Wachstum und Entwicklung in voller Blüte stand auf der Tages- und Nachtordnung. Zuerst ist es mir gar nicht aufgefallen. Ich freue mich nämlich über meinen Garten, über das Geschenk der Natur. Bei mir kann sich jeder und jede Pflanze entfalten, hier gibt es keine Grenzen. Was ich nicht bedacht hatte, ist, dass ich und mein Garten nicht das Universum sind und meine, unsere Unendlichkeit Grenzen aufweist, und diese Grenze beginnt am Zaun zum Nachbarn. Als ich den entflohenen Zweig entdeckte, waren meine ersten Gedanken: „Hoffentlich hat er es noch nicht bemerkt!“ Schließlich will ich keinen Ärger, und schließlich kämpfe ich für Frieden in mir und in der Welt. In meinen Gedanken schmiedete ich schon den Rettungsplan: „Ich schleiche mich ganz leise mit meiner Zwickschere und Schnur an, unbemerkt sichere ich vorher den Zweig, damit er nicht auf den Boden fällt, und mit einem schnellen Schnitt schneide ich den Ausreißer ab, ziehe ihn mit der Schnur auf meine Seite, und er darf mir dann als Kompost dienen!“
Diesen Plan wollte ich in die Tat umsetzen, doch leider kam es nicht mehr dazu, denn schon zwei Meter vor der Grundgrenze wurde ich mit einem „Halt“ gestoppt. Bleiben Sie sofort stehen, und nähern Sie sich mir nicht. Mein Nachbar Klaus stellte mich und erklärte mir die Vorschriften und Regeln: „Eigentlich bin ich gar nicht so!“, begann er seine Ausführungen. „Aber das Gesetz schreibt es nun einmal so vor, oder wollen Sie etwa das Gesetz brechen?“, gab er mir die Frage zurück. Ich schüttelte nur meinen Kopf. „Also, dann sind wir uns ja einig“, sprach er weiter. „Da Sie ungeschützt sind, haben sie die Abstandsregel gebrochen, wissen Sie denn nicht, dass es eine 3-Meter-Abstandsregel zur Grundgrenze gibt und Sie diese mindestens um einen Meter überschritten haben, wozu gibt es Maßbänder?“, schüttelte er missbilligend seinen Kopf. „Doch ich will nicht so sein und dulde diese einmalige Überschreitung, was mir aber überhaupt nicht gefällt, ist dieser Ast, welcher sich unerlaubterweise in mein Grundstück gedrängt hat. Normalerweise sind mir solche Dinge egal, aber ich kann dies in diesem Falle nicht einfach so hinnehmen. Wissen Sie eigentlich, dass ich für diesen Zweig Steuern zahle, außerdem noch Müllentsorgungsgebühr und auch mehr Strom zahlen muss, da dieser Zweig mir Schatten auf meine Fotovoltaikanlage wirft und somit die Leistung verringert, würden Sie sich dies alles gefallen lassen?“, fragte er mich wieder. Ich will ihm gerade antworten, da fällt er mir gleich wieder ins Wort: „Eines habe ich noch vergessen, dieser Zweig verbraucht meinen Sauerstoff in meinem Garten, welcher nur mir und meiner Familie gehört, er ist sozusagen ein Räuber, der sich auf meine Kosten assimiliert, und dies kann und will ich nicht zulassen. Ich werde Sie wegen Besitzstörung, Raub und Nötigung anzeigen müssen, das verstehen Sie ja sicher, oder?“ Diese kurze Pause nutze ich und frage ihn mit diesen Worten: „Können wir dies nicht anders regeln?“ Die Antwort folgt prompt: „Und wie stellen Sie sich das vor?“ –
„Ich komme natürlich für sämtliche Schäden auf und würde sogar noch etwas drauflegen, um meinen guten Willen zu signalisieren!“ –
„Sie wollen mich also bestechen, damit ich von einer Klage absehe! Verstehe ich das richtig?“ –
„Nein, ganz und gar nicht“, antworte ich. „Ich will nur eine gute Nachbarschaft, und ich will schon gar niemandem Schaden zufügen.“ Es herrscht darauf eine kurze Stille, und mein Nachbar Klaus schaut mich ganz genau an, sein Blick wird ernst und düster und die darauffolgenden Worte sind es auch: „Sie lügen und behandeln mich rücksichts- und respektlos!“ –
„Warum?“, frage ich zurück. „Ja, fällt Ihnen nicht auf, dass Sie keine Maske tragen!“ –
„Warum soll ich auf meinem eigenen Grund eine Maske tragen?“, entgegne ich. „Bleiben Sie mir fern mit Ihren Erregern, und lesen Sie gefälligst die Vorschriften und neuen Regeln, für alle Ungeschützten gilt Maskenpflicht, und Sie müssen sich mehr als drei Meter von jeglichen Lebewesen fernhalten, und dies gilt auch am eigenen Grundstück.“
Nach einer kurzen Nachdenkpause weiche ich, ohne ein Wort zu verlieren, zurück. Beim Weggehen höre ich meinen Nachbarn noch schimpfen. Im Unterbewusstsein nehme ich seine Worte wahr: „Ich werde Sie melden müssen!“, dann verstummte er. Sofort gehe ich zu meiner Gartenhütte und mache das, was ich in so einer Situation immer mache. Als Erstes schalte ich mein Radio auf volle Lautstärke ein, dann nehme ich meine Sense und beginne zu mähen, dabei singe ich laut meine Lieblingslieder, spreche ohne Maske mit den Bienen und Schnecken und rocke so richtig ab. Mein „Sensenrapp“ ist eine Sensation und unverkennbar cool. Schön ist mein Garten, und gut ist meine Laune. Unter meiner Sonnenbrille verdunkle ich meine Sichtweise, und diese ist nur auf meinen eigenen Garten gerichtet. Die Welt rundherum interessiert mich nicht. Ach, ist das Leben nicht schön. Ich ziehe einen Streifen oder Schwaden genau neben meiner Grundgrenze, und niemand kann mich aufhalten. So bemerke ich lange nicht, was sich im Nachbarsgarten abspielt. Erst als ein Schuss fällt, stoppe ich abrupt meine Arbeit und schaue auf.
Und genau in diesem Moment befinden wir uns hier und jetzt. Ich Auge in Auge mit der Polizei. Wie sich herausstellt, haben sie den Warnschuss abgegeben. Eine ganze Meute von Demonstranten hat sich versammelt und beschwert sich wild über mein verantwortungsloses Verhalten. Sie fordern die Einstellung der Arbeit und fordern mein Verschwinden aus ihrer ruhigen und freundlichen Siedlung. Mit Worten: „Wo kommen wir da hin, wenn ein jeder tun kann, was er will“ üben sie massiven Druck aus. Mir wird sogar ein Ultimatum gestellt. Ich habe die Wahl zwischen „Einsperren oder Verschwinden!“ Ein ewiges Verschwinden hat natürlich Vorrang.
Ich nehme die Petitionen entgegen, setze meine Kopfhörer auf, sodass nur ich meine Musik hören kann, wetze meine Sense und mähe weiter in meinem Takt, unbeirrt und ohne aufzusehen. In meinen Gedanken habe ich Bilder von einer friedlichen Welt, wo sich Menschen umarmen, zusammen singen und feiern, ich sehe eine Welt der Liebe. Dass dieses Verhalten das Fass zum Überlaufen bringt, habe ich erst später bemerkt, nämlich genau wieder in diesem Augenblick, als Polizeibeamte mich zu Boden werfen, meine Hände auf den Rücken ziehen und mir Handschellen anlegen. Sie zerren mich zu ihrem Polizeiauto. Beim Vorbeigehen höre ich meine Nachbarn noch rufen: „Sperrt ihn weg, er ist die Pest!“
Ach, wie schön, sie stehen Spalier und verschaffen mir so einen würdigen Abgang aus meinem eigenen Garten. Erst jetzt bemerke ich, dass die Beamten allesamt Handschuhe tragen und auch ihre Gesichter mit Masken verhüllt haben. Mein Wunsch, vorne im Auto sitzen zu dürfen, erfüllt sich nicht. Zu meinem Erstaunen muss ich im mitgeschleppten Quarantänefahrzeug allein Platz nehmen, trotzdem winke ich meinen lieben Nachbarn zu: „Ich komme bald wieder!“, gebe ich ihnen zu verstehen, danke, dass ihr mir diese Erfahrung ermöglicht habt. Ich werde euch dann genau über meine Vernehmung und den Arrest berichten. Ach, Herr Klaus, können Sie vielleicht in der Zwischenzeit meinen Zweig in Ihrem Garten abschneiden, da ich meine Steuererklärung schon abgegeben habe und dies nicht mehr berücksichtigen kann, danke vielmals, wir sehen uns.
02 Auf dem Revier
Das ist das Ende. Ich stelle mir gerade vor, wie ich einsam und verlassen in einer Gefängniszelle dahinvegetiere, wie sich der Tod langsam durch die Zellentüre anschleicht und mich schließlich dahinrafft oder erlöst.
Aus und Schluss, das ist nicht das Ende, es fängt gerade erst an. Die werden mich noch kennenlernen, ich freue mich schon auf diesen Spaß, auf diese Erkenntnis, schließlich bin ich nicht irgendwer, sondern ich bin anders, ich bin die Veränderung oder vielleicht doch der Albtraum, wer weiß!
Bei meiner Fahrt im Aufbewahrungsbehälter geht die Fantasie mit mir durch. So stelle ich mir das Polizeirevier vor. Ein modernes Department mit vielen Leuten, Polstermöbel und Raffstore sowie nette freundliche Cops, welche sich um die Menschen kümmern und helfen und sie nicht vorverurteilen. Sie bringen den Leuten Kaffee und Kuchen und versuchen mit ihnen dann die Tatsachen zu erheben und die Vorwürfe zu entkräften. Jeder Polizeibeamte macht sich dann selbst ein Bild vom Tathergang. Dadurch werden viele Missverständnisse aus dem Weg geräumt, man könnte vieles besser verstehen, nicht, dass man seiner Strafe entgeht, sondern einfach, um die Situation zu begreifen und den Betroffenen und seine Emotionen, seine Gefühle und den Grund seiner Tat besser zu verstehen. Nicht alle Rechtsbrecher sind radikal oder unberechenbare Mörder, vielleicht sogar Monster.
Dies sind meine Gedanken, und wir tuckern so geradewegs in Richtung Revier. Ein unsanfter Ruck reißt mich aus meiner Fantasiewelt und gibt mir zu verstehen, dass wir eingetroffen sind. Die Türe wird geöffnet, und durch lautes Brüllen sendet man mir die Botschaft, dass ich aussteigen solle. In meiner behutsamen Art und Weise nähere ich mich ganz langsam dem Ausstieg, worauf ich durch einen Stoß angetrieben werde, um meine Schritte zu beschleunigen. Mit einem Gummiknüppel im Kreuz werde ich ins Wachzimmer geschoben. Es ist ein steriler Raum mit harten Holzsesseln, nicht so wie in meiner Vorstellung. Als ich Platz genommen habe, wird mir zuerst Zeit gegeben, um mich auf die Umgebung einzustellen, das heißt, ich muss lange warten, ohne wirklich betreut zu werden. Dies macht mir aber nichts aus, so träume ich weiter vor mich hin und starre auf die kahlen Wände. Es ist ein Ort des Nichts, und so gibt es hier auch nichts zu spüren. So bemale ich in Gedanken diesen Raum mit einer bunten Blumenwiese mit vielen Schmetterlingen.
Jedes Warten hat schließlich ein Ende und so kommt nach zwei Stunden ein Inspektor mit seinem Betreuungspolizisten in meine Kammer. Der Inspektor nimmt mir gegenüber Platz, doch sein Gehilfe muss stehen. Nach einer kurzen Nachdenkpause beginnt der Kommissar zu sprechen: „Wissen Sie, warum Sie hier sind?“ Es folgt wieder eine kurze Nachdenkpause meinerseits und frisch und frei antworte ich wie folgt: „Weil ich meine Wiese gemäht habe!“ Es folgt wieder ein Moment der Stille, und mein Gegenüber sagt ganz emotionslos: „Sie halten sich für ganz schlau, oder?“ und beendet dies wiederum mit einer Frage. Nach einem Grübeln bemerke ich: „Ja, ich halte mich schon für intelligent!“ Die beiden Beamten schauen sich an und nicken und lächeln einander zu und fahren mit dem Verhör fort. „Da Sie dies anders sehen als ich“, beginnt Herr Columbo zu sprechen, „will ich Ihnen die Fakten vorlesen. Ihre Nachbarn bringen folgende Beschwerden gegen Sie vor:
‚Lärmbelästigung beim Mähen durch ultralautes Radiohören, Nichteinhaltung der Abstandsregeln an der Grenze, nächtliche Ruhestörung durch lautes Brüllen und Schreien bei offenen Fenstern sowie Selbstgespräche bei der Gartenarbeit, außerdem Landschaftsverschandelung durch nicht genügend Pflege und Verunreinigung Ihres Anwesens!‘“ – „Aha“, nicke ich verständnisvoll, „dies war mir gar nicht bewusst, ich werde mich bessern, darf ich jetzt gehen?“, gebe ich zurück.
Ein breites Lächeln schmückt nun das Gesicht des Herrn Inspektor: „Nein, Sie dürfen nicht gehen!“, gibt mir dieser zu verstehen und redet weiter: „Vorher müssen wir noch einiges klären, und das Erste ist einmal die Bestandsaufnahme, wie Sie heißen usw.?“ Selbstverständlich nicke ich wiederum und beantworte wie folgt die Frage: „Ich heiße Friedwald Fröhlich und wohne in der Glückseliggasse 7, 8540 Freudenstadt, ich bin geschieden, habe keine Kinder und habe das Haus und den Grund von meinem Großvater geerbt, mein Beruf ist Mentalist oder Bewusstseinslehrer, ich praktiziere von zu Hause aus, habe kein Auto, nur ein Fahrrad, besitze kein Handy, mein einziger Draht zur Außenwelt ist das Internet!“ Wohlwollend nickt der Kommissar wieder und beendet die Ruhe durch seine Kopfbewegung mit einer gezielten Frage: „Sind Sie vorbestraft?“ – „Nein“, antworte ich schnell und ohne zu zögern. Diese Antwort ist dem Sheriff nicht genug, er bohrt sofort nach: „Haben Sie irgendwelche Straftaten begangen?“ Da muss ich jetzt aber nachdenken. Ich beginne meine Ausführungen so: Mir fällt tatsächlich etwas ein, und offenherzig erzähle ich Columbo, dass ich als Kind einmal aus einem Kaugummiautomaten Kaugummi gestohlen habe, außerdem habe ich illegal aus dem Müllcontainer Sachen entwendet und einem Hund seine Wurst abgenommen, doch dieser wollte sie sowieso nicht fressen. Von oben bis unten schaut mich darauf der Kommissar an, erhebt sich von seinem Platz und beginnt laut zu brüllen:
„Sie sind schlechter als die Pest, Sie sind der Virus, der sich in unsere Gesellschaft frisst und den keiner haben will, Sie sind der Abschaum für die Menschheit, und wenn Sie so weitermachen, werden Sie scheitern. Noch ist die Gesetzeslage so, dass ich Ihnen nur eine Mahnung aussprechen darf, aber schon bald wird es dazu kommen, dass wir Sie wegsperren, doch vorher werde ich Sie im Auge behalten, und sollten Sie nur den geringsten Ansatz der allgemeinen Belästigung betreiben, kommen wir und holen Sie, und dann kommen Sie nicht so leicht davon!“
Es herrscht wieder friedliche Stille im Verhörzimmer, und lange starren wir uns gegenseitig nur an. Gehilfe Inspektor spricht dann ganz ruhig zu mir: „Wollen Sie darauf etwas erwidern“ Die Zahnräder in meinem Kopf drehen sich wieder und meine Gedanken wägen ab, will ich etwas sagen oder nicht, und so beginne ich zu sprechen: „Ich will Sie weder ärgern noch belästigen, ich will einfach nur mein Leben gestalten, wie ich es mir vorstelle, ich will auch keine Nachbarn stören oder ihnen Schwierigkeiten bereiten, ich lebe an meinem Platz und kämpfe für meinen gesunden Garten, eine friedliche Welt und für fröhliche Menschen, und diese Freude schreie ich manchmal in den Himmel hinauf, das ist alles!“
Nach Beendigung meiner Antwort herrscht wieder absolute Stille. Am roten Gesicht des Inspektors kann man feststellen, dass ihm meine Worte nicht gefallen haben, außerdem beginnt er mit den Füßen am Boden zu scharren. Um meinen guten Willen zu zeigen, ergänze ich meine Ausführungen:
„Lieber Herr Inspektor, ich merke, dass Sie überarbeitet sind und nicht völlig entspannt ihrer Arbeit nachgehen, deshalb möchte ich Sie in meinen Garten einladen, um Ihre Blockaden zu lösen, darauf bin ich spezialisiert und deshalb biete ich Ihnen dies vollkommen kostenlos und ohne Gegenleistung an, dann können Sie sich ja selbst ein Bild meiner Arbeit und meines Wirkens machen!“
Daraufhin schlägt der Beamte mit den Fäusten auf den Tisch, macht dasselbe mit dem Kopf, stampft noch wilder in den Boden und beginnt laut zu schnaufen. Danach höre ich ihn folgende Worte sprechen:
„Sie glauben, ich bin überarbeitet, Sie laden mich zu sich nach Hause ein und bieten mir eine Behandlung an, jetzt platzt mir aber der Kragen, und Sie werden jetzt einmal mit meiner Behandlung vorliebnehmen müssen! Und diese lautet wie folgt:
„Bestechung von Beamten, falsche Zeugenaussage und Widerstand gegen die Staatsgewalt“, liest mir der Herr Inspektor die Anschuldigungen vor und so weiter. „Dafür kommen Sie erst einmal in Untersuchungshaft. Los, sperrt ihn weg“, befehligt er seinen Adjutanten und beendet damit seine Amtshandlung.
So sitze ich nun in einer Gummizelle ohne Fenster und Aussicht. Ich werde ohne Grund festgehalten und habe nun genug Zeit für mich. Ich beginne mit der neuen Gartenplanung, und auch das Haus will ich umgestalten. In meiner Fantasie sehe ich die Bilder vor mir, wie ich mir dies vorstelle, und sie sehen herrlich aus, ich bade gerade nur so in Euphorie und Freude über meine Ideen, welche nur so aus mir herausquellen. Ich schaffe mir ein Reich des üppigen Wachstums, der Gesundheit, und ebenso schaffe ich mir eine Tankstelle zur geistigen Aufladung. Meinen Nachbarn gebe ich nichts davon ab, so werde ich die Grenze isolieren, vielleicht mit Elefantengras oder so, um sie zu schützen. In meinem Traum schlummere ich so dahin, bis mich ein Wachbeamter weckt und sagt:
„Die Zeit ist um, Sie können gehen!“
„Danke“, sage ich, wie schnell doch die Zeit manchmal vergeht. Freundlich verabschiede ich mich im Revier und wandere singend nach Hause zu meinem Haus und meinem Garten. Bevor ich mein Anwesen betrete, rufe ich noch schnell zu meinem Nachbarn hinüber: „Grüße Sie, Herr Nachbar, ich bin wieder da und danke, dass Sie mir diese Zeit geschenkt haben, vielen Dank!“ Ernsten Blickes und ohne ein Wort zu sagen verabschiedet sich dieser darauf ins Haus, um in Stille die Dankbarkeit anzunehmen.
Ich höre ein lautes Brüllen im Nachbarhaus – was wird das wohl sein?
03 Die Quarantäne
Wenn dich deine Nachbarn lieben, dann liebe sie auch, und wenn sie dich nicht lieben, dann liebe sie trotzdem, denn oft wissen sie nicht, was sie tun. Auch ich weiß oft nicht, was ich tue. Manches mache ich einfach, ohne nachzudenken und gerade dies ist oft der Grund für Schwierigkeiten, wenn man unbedacht etwas macht. Oft merkt man dies erst an den Folgen und Auswirkungen, wie in meinem Fall, aber dazu erst später.
...
Ich bin der Ausdruck von Freiheit. So wie ich lebe, so wie ich fühle, so wie ich einfach bin. Ich bin Freiheit, und dies ist einfach wundervoll und unbeschreiblich schön. Ich lebe in einem tollen Haus und fühle mich auch sauwohl darin. Meine Verwandten und auch die Nachbarn sagen, dass ich mir dieses Haus erschlichen habe, genauer gesagt erblich erschlichen. Zugegeben, ich habe es mir nicht erarbeitet oder erwirtschaftet. Es ist mir einfach zugefallen. Warum, weiß ich auch nicht. Ich weiß auch nicht, warum Großvater gerade mir dieses Haus und dieses Anwesen vermacht hat. Danke, Opa, für dein Vermächtnis, du siehst ja, dass ich es in Ehren halte und genau das lebe, was es verspricht, nämlich Freiheit.
Und genau hier beginnt diese Geschichte, die eigentlich einem Albtraum ähnelt. Es steht genau in diesem Augenblick die Kripo, auch Kriminalpolizei, genannt vor mir, und behauptet schlicht und einfach – sie müssten mich verhaften, da ich eine Gefahr darstelle. Meiner Nachfrage ausweichend, wie sie zu dieser Annahme kommen, ist dies nicht Gegenstand der Ermittlungen und auch nicht relevant. Doch ich weiß genau, woher diese Botschaft stammt. Genau, sie ist von meinen lieben Nachbarn, welche sich rührend um mich und meine Machenschaften kümmern und mich regelrecht überwachen. Eh nur zur Vorsorge, um das „Wohl aller“ nicht zu gefährden. Zugegeben, ihr Zugang oder ihre Lebensweise gleicht nicht ganz der meinen. Sie sind so etwas wie der „moralische Souverän“ unter den Lebenden. Das heißt, sie haben immer und überall Recht und führen ein vorbildliches Leben für sich und ihre Mitbewohner. Wie ich das bemerkt habe? Na, genauso!
Angefangen hat alles mit einem einfachen kleinen Zweig, welcher unbedingt den Weg in die Freiheit suchen wollte. Leider war der Spross an der falschen Seite des Baumes, des Stammes gewachsen, und so war die Richtung vorgegeben, und diese Richtung führte direkt in Nachbars Garten. In seinem unendlichen Drang nach Freiheit bündelte er sämtliche Energien. Magisch zog ihn das Licht an: „Hier und nirgends anders will ich hin!“, dachte sich der Zweig und wuchs enorm stark, lang und schnell. Fast über Nacht hatte er einen Meter geschafft, und dies war erst der Anfang. Wachstum und Entwicklung in voller Blüte stand auf der Tages- und Nachtordnung. Zuerst ist es mir gar nicht aufgefallen. Ich freue mich nämlich über meinen Garten, über das Geschenk der Natur. Bei mir kann sich jeder und jede Pflanze entfalten, hier gibt es keine Grenzen. Was ich nicht bedacht hatte, ist, dass ich und mein Garten nicht das Universum sind und meine, unsere Unendlichkeit Grenzen aufweist, und diese Grenze beginnt am Zaun zum Nachbarn. Als ich den entflohenen Zweig entdeckte, waren meine ersten Gedanken: „Hoffentlich hat er es noch nicht bemerkt!“ Schließlich will ich keinen Ärger, und schließlich kämpfe ich für Frieden in mir und in der Welt. In meinen Gedanken schmiedete ich schon den Rettungsplan: „Ich schleiche mich ganz leise mit meiner Zwickschere und Schnur an, unbemerkt sichere ich vorher den Zweig, damit er nicht auf den Boden fällt, und mit einem schnellen Schnitt schneide ich den Ausreißer ab, ziehe ihn mit der Schnur auf meine Seite, und er darf mir dann als Kompost dienen!“
Diesen Plan wollte ich in die Tat umsetzen, doch leider kam es nicht mehr dazu, denn schon zwei Meter vor der Grundgrenze wurde ich mit einem „Halt“ gestoppt. Bleiben Sie sofort stehen, und nähern Sie sich mir nicht. Mein Nachbar Klaus stellte mich und erklärte mir die Vorschriften und Regeln: „Eigentlich bin ich gar nicht so!“, begann er seine Ausführungen. „Aber das Gesetz schreibt es nun einmal so vor, oder wollen Sie etwa das Gesetz brechen?“, gab er mir die Frage zurück. Ich schüttelte nur meinen Kopf. „Also, dann sind wir uns ja einig“, sprach er weiter. „Da Sie ungeschützt sind, haben sie die Abstandsregel gebrochen, wissen Sie denn nicht, dass es eine 3-Meter-Abstandsregel zur Grundgrenze gibt und Sie diese mindestens um einen Meter überschritten haben, wozu gibt es Maßbänder?“, schüttelte er missbilligend seinen Kopf. „Doch ich will nicht so sein und dulde diese einmalige Überschreitung, was mir aber überhaupt nicht gefällt, ist dieser Ast, welcher sich unerlaubterweise in mein Grundstück gedrängt hat. Normalerweise sind mir solche Dinge egal, aber ich kann dies in diesem Falle nicht einfach so hinnehmen. Wissen Sie eigentlich, dass ich für diesen Zweig Steuern zahle, außerdem noch Müllentsorgungsgebühr und auch mehr Strom zahlen muss, da dieser Zweig mir Schatten auf meine Fotovoltaikanlage wirft und somit die Leistung verringert, würden Sie sich dies alles gefallen lassen?“, fragte er mich wieder. Ich will ihm gerade antworten, da fällt er mir gleich wieder ins Wort: „Eines habe ich noch vergessen, dieser Zweig verbraucht meinen Sauerstoff in meinem Garten, welcher nur mir und meiner Familie gehört, er ist sozusagen ein Räuber, der sich auf meine Kosten assimiliert, und dies kann und will ich nicht zulassen. Ich werde Sie wegen Besitzstörung, Raub und Nötigung anzeigen müssen, das verstehen Sie ja sicher, oder?“ Diese kurze Pause nutze ich und frage ihn mit diesen Worten: „Können wir dies nicht anders regeln?“ Die Antwort folgt prompt: „Und wie stellen Sie sich das vor?“ –
„Ich komme natürlich für sämtliche Schäden auf und würde sogar noch etwas drauflegen, um meinen guten Willen zu signalisieren!“ –
„Sie wollen mich also bestechen, damit ich von einer Klage absehe! Verstehe ich das richtig?“ –
„Nein, ganz und gar nicht“, antworte ich. „Ich will nur eine gute Nachbarschaft, und ich will schon gar niemandem Schaden zufügen.“ Es herrscht darauf eine kurze Stille, und mein Nachbar Klaus schaut mich ganz genau an, sein Blick wird ernst und düster und die darauffolgenden Worte sind es auch: „Sie lügen und behandeln mich rücksichts- und respektlos!“ –
„Warum?“, frage ich zurück. „Ja, fällt Ihnen nicht auf, dass Sie keine Maske tragen!“ –
„Warum soll ich auf meinem eigenen Grund eine Maske tragen?“, entgegne ich. „Bleiben Sie mir fern mit Ihren Erregern, und lesen Sie gefälligst die Vorschriften und neuen Regeln, für alle Ungeschützten gilt Maskenpflicht, und Sie müssen sich mehr als drei Meter von jeglichen Lebewesen fernhalten, und dies gilt auch am eigenen Grundstück.“
Nach einer kurzen Nachdenkpause weiche ich, ohne ein Wort zu verlieren, zurück. Beim Weggehen höre ich meinen Nachbarn noch schimpfen. Im Unterbewusstsein nehme ich seine Worte wahr: „Ich werde Sie melden müssen!“, dann verstummte er. Sofort gehe ich zu meiner Gartenhütte und mache das, was ich in so einer Situation immer mache. Als Erstes schalte ich mein Radio auf volle Lautstärke ein, dann nehme ich meine Sense und beginne zu mähen, dabei singe ich laut meine Lieblingslieder, spreche ohne Maske mit den Bienen und Schnecken und rocke so richtig ab. Mein „Sensenrapp“ ist eine Sensation und unverkennbar cool. Schön ist mein Garten, und gut ist meine Laune. Unter meiner Sonnenbrille verdunkle ich meine Sichtweise, und diese ist nur auf meinen eigenen Garten gerichtet. Die Welt rundherum interessiert mich nicht. Ach, ist das Leben nicht schön. Ich ziehe einen Streifen oder Schwaden genau neben meiner Grundgrenze, und niemand kann mich aufhalten. So bemerke ich lange nicht, was sich im Nachbarsgarten abspielt. Erst als ein Schuss fällt, stoppe ich abrupt meine Arbeit und schaue auf.
Und genau in diesem Moment befinden wir uns hier und jetzt. Ich Auge in Auge mit der Polizei. Wie sich herausstellt, haben sie den Warnschuss abgegeben. Eine ganze Meute von Demonstranten hat sich versammelt und beschwert sich wild über mein verantwortungsloses Verhalten. Sie fordern die Einstellung der Arbeit und fordern mein Verschwinden aus ihrer ruhigen und freundlichen Siedlung. Mit Worten: „Wo kommen wir da hin, wenn ein jeder tun kann, was er will“ üben sie massiven Druck aus. Mir wird sogar ein Ultimatum gestellt. Ich habe die Wahl zwischen „Einsperren oder Verschwinden!“ Ein ewiges Verschwinden hat natürlich Vorrang.
Ich nehme die Petitionen entgegen, setze meine Kopfhörer auf, sodass nur ich meine Musik hören kann, wetze meine Sense und mähe weiter in meinem Takt, unbeirrt und ohne aufzusehen. In meinen Gedanken habe ich Bilder von einer friedlichen Welt, wo sich Menschen umarmen, zusammen singen und feiern, ich sehe eine Welt der Liebe. Dass dieses Verhalten das Fass zum Überlaufen bringt, habe ich erst später bemerkt, nämlich genau wieder in diesem Augenblick, als Polizeibeamte mich zu Boden werfen, meine Hände auf den Rücken ziehen und mir Handschellen anlegen. Sie zerren mich zu ihrem Polizeiauto. Beim Vorbeigehen höre ich meine Nachbarn noch rufen: „Sperrt ihn weg, er ist die Pest!“
Ach, wie schön, sie stehen Spalier und verschaffen mir so einen würdigen Abgang aus meinem eigenen Garten. Erst jetzt bemerke ich, dass die Beamten allesamt Handschuhe tragen und auch ihre Gesichter mit Masken verhüllt haben. Mein Wunsch, vorne im Auto sitzen zu dürfen, erfüllt sich nicht. Zu meinem Erstaunen muss ich im mitgeschleppten Quarantänefahrzeug allein Platz nehmen, trotzdem winke ich meinen lieben Nachbarn zu: „Ich komme bald wieder!“, gebe ich ihnen zu verstehen, danke, dass ihr mir diese Erfahrung ermöglicht habt. Ich werde euch dann genau über meine Vernehmung und den Arrest berichten. Ach, Herr Klaus, können Sie vielleicht in der Zwischenzeit meinen Zweig in Ihrem Garten abschneiden, da ich meine Steuererklärung schon abgegeben habe und dies nicht mehr berücksichtigen kann, danke vielmals, wir sehen uns.
02 Auf dem Revier
Das ist das Ende. Ich stelle mir gerade vor, wie ich einsam und verlassen in einer Gefängniszelle dahinvegetiere, wie sich der Tod langsam durch die Zellentüre anschleicht und mich schließlich dahinrafft oder erlöst.
Aus und Schluss, das ist nicht das Ende, es fängt gerade erst an. Die werden mich noch kennenlernen, ich freue mich schon auf diesen Spaß, auf diese Erkenntnis, schließlich bin ich nicht irgendwer, sondern ich bin anders, ich bin die Veränderung oder vielleicht doch der Albtraum, wer weiß!
Bei meiner Fahrt im Aufbewahrungsbehälter geht die Fantasie mit mir durch. So stelle ich mir das Polizeirevier vor. Ein modernes Department mit vielen Leuten, Polstermöbel und Raffstore sowie nette freundliche Cops, welche sich um die Menschen kümmern und helfen und sie nicht vorverurteilen. Sie bringen den Leuten Kaffee und Kuchen und versuchen mit ihnen dann die Tatsachen zu erheben und die Vorwürfe zu entkräften. Jeder Polizeibeamte macht sich dann selbst ein Bild vom Tathergang. Dadurch werden viele Missverständnisse aus dem Weg geräumt, man könnte vieles besser verstehen, nicht, dass man seiner Strafe entgeht, sondern einfach, um die Situation zu begreifen und den Betroffenen und seine Emotionen, seine Gefühle und den Grund seiner Tat besser zu verstehen. Nicht alle Rechtsbrecher sind radikal oder unberechenbare Mörder, vielleicht sogar Monster.
Dies sind meine Gedanken, und wir tuckern so geradewegs in Richtung Revier. Ein unsanfter Ruck reißt mich aus meiner Fantasiewelt und gibt mir zu verstehen, dass wir eingetroffen sind. Die Türe wird geöffnet, und durch lautes Brüllen sendet man mir die Botschaft, dass ich aussteigen solle. In meiner behutsamen Art und Weise nähere ich mich ganz langsam dem Ausstieg, worauf ich durch einen Stoß angetrieben werde, um meine Schritte zu beschleunigen. Mit einem Gummiknüppel im Kreuz werde ich ins Wachzimmer geschoben. Es ist ein steriler Raum mit harten Holzsesseln, nicht so wie in meiner Vorstellung. Als ich Platz genommen habe, wird mir zuerst Zeit gegeben, um mich auf die Umgebung einzustellen, das heißt, ich muss lange warten, ohne wirklich betreut zu werden. Dies macht mir aber nichts aus, so träume ich weiter vor mich hin und starre auf die kahlen Wände. Es ist ein Ort des Nichts, und so gibt es hier auch nichts zu spüren. So bemale ich in Gedanken diesen Raum mit einer bunten Blumenwiese mit vielen Schmetterlingen.
Jedes Warten hat schließlich ein Ende und so kommt nach zwei Stunden ein Inspektor mit seinem Betreuungspolizisten in meine Kammer. Der Inspektor nimmt mir gegenüber Platz, doch sein Gehilfe muss stehen. Nach einer kurzen Nachdenkpause beginnt der Kommissar zu sprechen: „Wissen Sie, warum Sie hier sind?“ Es folgt wieder eine kurze Nachdenkpause meinerseits und frisch und frei antworte ich wie folgt: „Weil ich meine Wiese gemäht habe!“ Es folgt wieder ein Moment der Stille, und mein Gegenüber sagt ganz emotionslos: „Sie halten sich für ganz schlau, oder?“ und beendet dies wiederum mit einer Frage. Nach einem Grübeln bemerke ich: „Ja, ich halte mich schon für intelligent!“ Die beiden Beamten schauen sich an und nicken und lächeln einander zu und fahren mit dem Verhör fort. „Da Sie dies anders sehen als ich“, beginnt Herr Columbo zu sprechen, „will ich Ihnen die Fakten vorlesen. Ihre Nachbarn bringen folgende Beschwerden gegen Sie vor:
‚Lärmbelästigung beim Mähen durch ultralautes Radiohören, Nichteinhaltung der Abstandsregeln an der Grenze, nächtliche Ruhestörung durch lautes Brüllen und Schreien bei offenen Fenstern sowie Selbstgespräche bei der Gartenarbeit, außerdem Landschaftsverschandelung durch nicht genügend Pflege und Verunreinigung Ihres Anwesens!‘“ – „Aha“, nicke ich verständnisvoll, „dies war mir gar nicht bewusst, ich werde mich bessern, darf ich jetzt gehen?“, gebe ich zurück.
Ein breites Lächeln schmückt nun das Gesicht des Herrn Inspektor: „Nein, Sie dürfen nicht gehen!“, gibt mir dieser zu verstehen und redet weiter: „Vorher müssen wir noch einiges klären, und das Erste ist einmal die Bestandsaufnahme, wie Sie heißen usw.?“ Selbstverständlich nicke ich wiederum und beantworte wie folgt die Frage: „Ich heiße Friedwald Fröhlich und wohne in der Glückseliggasse 7, 8540 Freudenstadt, ich bin geschieden, habe keine Kinder und habe das Haus und den Grund von meinem Großvater geerbt, mein Beruf ist Mentalist oder Bewusstseinslehrer, ich praktiziere von zu Hause aus, habe kein Auto, nur ein Fahrrad, besitze kein Handy, mein einziger Draht zur Außenwelt ist das Internet!“ Wohlwollend nickt der Kommissar wieder und beendet die Ruhe durch seine Kopfbewegung mit einer gezielten Frage: „Sind Sie vorbestraft?“ – „Nein“, antworte ich schnell und ohne zu zögern. Diese Antwort ist dem Sheriff nicht genug, er bohrt sofort nach: „Haben Sie irgendwelche Straftaten begangen?“ Da muss ich jetzt aber nachdenken. Ich beginne meine Ausführungen so: Mir fällt tatsächlich etwas ein, und offenherzig erzähle ich Columbo, dass ich als Kind einmal aus einem Kaugummiautomaten Kaugummi gestohlen habe, außerdem habe ich illegal aus dem Müllcontainer Sachen entwendet und einem Hund seine Wurst abgenommen, doch dieser wollte sie sowieso nicht fressen. Von oben bis unten schaut mich darauf der Kommissar an, erhebt sich von seinem Platz und beginnt laut zu brüllen:
„Sie sind schlechter als die Pest, Sie sind der Virus, der sich in unsere Gesellschaft frisst und den keiner haben will, Sie sind der Abschaum für die Menschheit, und wenn Sie so weitermachen, werden Sie scheitern. Noch ist die Gesetzeslage so, dass ich Ihnen nur eine Mahnung aussprechen darf, aber schon bald wird es dazu kommen, dass wir Sie wegsperren, doch vorher werde ich Sie im Auge behalten, und sollten Sie nur den geringsten Ansatz der allgemeinen Belästigung betreiben, kommen wir und holen Sie, und dann kommen Sie nicht so leicht davon!“
Es herrscht wieder friedliche Stille im Verhörzimmer, und lange starren wir uns gegenseitig nur an. Gehilfe Inspektor spricht dann ganz ruhig zu mir: „Wollen Sie darauf etwas erwidern“ Die Zahnräder in meinem Kopf drehen sich wieder und meine Gedanken wägen ab, will ich etwas sagen oder nicht, und so beginne ich zu sprechen: „Ich will Sie weder ärgern noch belästigen, ich will einfach nur mein Leben gestalten, wie ich es mir vorstelle, ich will auch keine Nachbarn stören oder ihnen Schwierigkeiten bereiten, ich lebe an meinem Platz und kämpfe für meinen gesunden Garten, eine friedliche Welt und für fröhliche Menschen, und diese Freude schreie ich manchmal in den Himmel hinauf, das ist alles!“
Nach Beendigung meiner Antwort herrscht wieder absolute Stille. Am roten Gesicht des Inspektors kann man feststellen, dass ihm meine Worte nicht gefallen haben, außerdem beginnt er mit den Füßen am Boden zu scharren. Um meinen guten Willen zu zeigen, ergänze ich meine Ausführungen:
„Lieber Herr Inspektor, ich merke, dass Sie überarbeitet sind und nicht völlig entspannt ihrer Arbeit nachgehen, deshalb möchte ich Sie in meinen Garten einladen, um Ihre Blockaden zu lösen, darauf bin ich spezialisiert und deshalb biete ich Ihnen dies vollkommen kostenlos und ohne Gegenleistung an, dann können Sie sich ja selbst ein Bild meiner Arbeit und meines Wirkens machen!“
Daraufhin schlägt der Beamte mit den Fäusten auf den Tisch, macht dasselbe mit dem Kopf, stampft noch wilder in den Boden und beginnt laut zu schnaufen. Danach höre ich ihn folgende Worte sprechen:
„Sie glauben, ich bin überarbeitet, Sie laden mich zu sich nach Hause ein und bieten mir eine Behandlung an, jetzt platzt mir aber der Kragen, und Sie werden jetzt einmal mit meiner Behandlung vorliebnehmen müssen! Und diese lautet wie folgt:
„Bestechung von Beamten, falsche Zeugenaussage und Widerstand gegen die Staatsgewalt“, liest mir der Herr Inspektor die Anschuldigungen vor und so weiter. „Dafür kommen Sie erst einmal in Untersuchungshaft. Los, sperrt ihn weg“, befehligt er seinen Adjutanten und beendet damit seine Amtshandlung.
So sitze ich nun in einer Gummizelle ohne Fenster und Aussicht. Ich werde ohne Grund festgehalten und habe nun genug Zeit für mich. Ich beginne mit der neuen Gartenplanung, und auch das Haus will ich umgestalten. In meiner Fantasie sehe ich die Bilder vor mir, wie ich mir dies vorstelle, und sie sehen herrlich aus, ich bade gerade nur so in Euphorie und Freude über meine Ideen, welche nur so aus mir herausquellen. Ich schaffe mir ein Reich des üppigen Wachstums, der Gesundheit, und ebenso schaffe ich mir eine Tankstelle zur geistigen Aufladung. Meinen Nachbarn gebe ich nichts davon ab, so werde ich die Grenze isolieren, vielleicht mit Elefantengras oder so, um sie zu schützen. In meinem Traum schlummere ich so dahin, bis mich ein Wachbeamter weckt und sagt:
„Die Zeit ist um, Sie können gehen!“
„Danke“, sage ich, wie schnell doch die Zeit manchmal vergeht. Freundlich verabschiede ich mich im Revier und wandere singend nach Hause zu meinem Haus und meinem Garten. Bevor ich mein Anwesen betrete, rufe ich noch schnell zu meinem Nachbarn hinüber: „Grüße Sie, Herr Nachbar, ich bin wieder da und danke, dass Sie mir diese Zeit geschenkt haben, vielen Dank!“ Ernsten Blickes und ohne ein Wort zu sagen verabschiedet sich dieser darauf ins Haus, um in Stille die Dankbarkeit anzunehmen.
Ich höre ein lautes Brüllen im Nachbarhaus – was wird das wohl sein?
03 Die Quarantäne
Wenn dich deine Nachbarn lieben, dann liebe sie auch, und wenn sie dich nicht lieben, dann liebe sie trotzdem, denn oft wissen sie nicht, was sie tun. Auch ich weiß oft nicht, was ich tue. Manches mache ich einfach, ohne nachzudenken und gerade dies ist oft der Grund für Schwierigkeiten, wenn man unbedacht etwas macht. Oft merkt man dies erst an den Folgen und Auswirkungen, wie in meinem Fall, aber dazu erst später.
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