Die Ehe ist eine Frage der Kultur
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 244
ISBN: 978-3-99146-891-2
Erscheinungsdatum: 09.09.2024
Ist die Ehe das Nonplusultra – oder eine Fessel für die Liebe? Vor welche besonderen Herausforderungen stellt sie uns in einem interkulturellen Kontext? Autorin Claudia Hirsch lässt ihre Protagonistin Helena Antworten auf diese und viele andere Fragen finden.
Wie alles begann
Ich wuchs mit vier Geschwistern und meinem Vater auf; meine Mutter starb, als mein jüngster Bruder noch ein Kleinkind war. Papa gab sein Bestes, hörte mehr zu als er sprach, und sorgte dafür, dass wir alles hatten, was wir brauchten.
Ich hatte mein ganzes Leben in Nigeria verbracht, aber es gab immer dieses starke Gefühl in mir, dass ich eines Tages die Chance bekommen würde, ins Ausland zu reisen. Ich war wirklich fasziniert von „Weißen“ – ich fand sie sehr attraktiv. Meiner Meinung nach führten hellhäutige Menschen bessere Beziehungen, vor allem im Hinblick auf die ungesunden Partnerschaften in meinem Umfeld, in denen ein Großteil der Frauen alle Arten von Missbrauch erleidet. Meiner Meinung nach gab es das bei den „Weißen“ nicht.
Nach meinem Schulabschluss zog ich gemeinsam mit meiner Freundin Claire nach Lagos. Der Lärm, die überfüllten Straßen und die ausgelassene Atmosphäre waren überwältigend. Lagos stand in scharfem Kontrast zu der kleinen Stadt, aus der ich stammte. Hinzu kam außerdem die erdrückende Luftfeuchtigkeit und die daraus folgende Tageshitze – zum Glück waren die Nächte etwas kühler. All das war jedoch unwichtig, denn ich hatte mich in Lagos und insbesondere in sein Nachtleben verliebt.
Hier lernte ich auch Lukas Zimmerman kennen, einen deutschen Auswanderer, der mein Herz stahl. Man sollte meinen, dass das Schicksal zu meinen Gunsten entschied und meine Träume wahr werden ließ, oder? Nun, ich fand mich an einem Freitagabend allein in einer Sportsbar in Lagos Island wieder. Ich hatte mich dort mit meiner Kollegin Esther verabredet, um ein wenig mit ihr abzuhängen, schließlich stand das Wochenende vor der Tür. Offensichtlich verspätete sie sich, also holte ich mir schon einmal einen Drink, um nicht tatenlos dazusitzen, und ließ meinen Blick umherschweifen. Und plötzlich war er da, ein echter Adonis in dunkelgrauem T-Shirt und tiefsitzenden Jeans, der durch die Eingangstür geschlendert kam, als gehöre ihm der Laden. Ich spürte, wie sich mein Herzschlag sofort beschleunigte. Er sah mich direkt an! Ich erstarrte für ein oder zwei Sekunden und schaute zurück, und dann wusste ich plötzlich nicht mehr, wohin mit meinen Augen. Ich blickte abwechselnd ins Leere und auf mein Glas, bis ich beschloss, aufzustehen und mich auf den Weg nach draußen zu machen.
Als ich meine Tasche nahm, schaute ich auf und sah, dass er den Weg zu meinem Tisch gefunden hatte. Mit einem Lächeln streckte er seine Hand aus und stellte sich vor: „Hi, ich bin Lukas.“ Nach einem festen Händedruck und einem „Hallo, ich bin Helena“, zog ich meine Hand zurück, schnappte meine Tasche und flüchtete. Während ich buchstäblich wegrannte, warf ich einen kurzen Blick hinter mich, um zu sehen, ob ich ihn abgehängt hatte. Wie es das Schicksal wollte, entkam ich diesem Traum von einem Mann jedoch nicht.
„Hey, warum so eilig?“, fragte er, als er zu mir aufschloss.
„Tut mir leid, ich habe wirklich keine Zeit“ war das Beste, was mir einfiel, während ich versuchte, die Fassung zu bewahren und nicht zu keuchen.
„Dann kann ich dich doch wenigstens mitnehmen“, bot er an. „Wo wohnst du?“ Ich lehnte sein Angebot ab; denn ich war sprachlos und wollte in einem solchen Zustand auf keinen Fall mit diesem Mann mitfahren. „Alles klar“, erwiderte er mit einem gedehnten Grinsen, fast so, als wüsste er genau, was in meinem Kopf vor sich ging.
„Kann ich deine Handynummer haben?“ Er klang zögerlich, als erwartete er eine weitere Absage.
„Sicher, warum nicht?“, lächelte ich schwach. Was sollte ich sagen? Ich hatte schon häufiger Weiße gesehen, aber noch nie aus der Nähe, und erst recht keinen Mann mit großen blauen Augen, die mich direkt anschauten.
Esther hat sich nie gemeldet, um sich dafür zu entschuldigen, dass sie mich versetzt hatte. Ich konnte ihr das allerdings nicht übelnehmen; vielleicht wollte das Universum Lukas und mich auf diese Weise zusammenbringen?
Den Rest der Nacht und den ganzen Samstag verbrachte ich damit, von der unglaublichen Anziehungskraft dieses Mannes zu träumen. Er hatte genauso blaue Augen wie der Clark Kent meiner Fantasie, und dieses Haar! Herrlich zerzaust und ganz sicher so weich, wie es aussah.
Am Sonntagnachmittag, gleich nach dem Gottesdienst, klingelte mein Handy. Lukas wollte wissen, ob wir an diesem Abend essen gehen könnten. Zu sagen, dass ich aufgeregt gewesen wäre, ihn wiederzusehen, wäre komplett untertrieben: Ich war wie im Delirium. Sofort rief ich meine treue Freundin Claire an, damit sie mir bei der Kleiderwahl helfen konnte. „Bitte stell dich darauf ein mitzukommen, ich gehe nicht alleine aus“, flehte ich. Meine Aufregung würde ganz sicher nicht die Oberhand über meinen gesunden Menschenverstand gewinnen!
„Wenn dein Bobo einverstanden ist, kein Problem“, stimmte sie zu, „ich möchte ihn auf jeden Fall mit eigenen Augen sehen.“
Drei Stunden lang leerten wir meinen gesamten Kleiderschrank und ich probierte alles mindestens zweimal an, bis die Wahl schließlich auf ein kleines schwarzes Trägertop, einen roten hochgeschlossenen Minirock und schwarze Stiefeletten fiel. Das ließ mich deutlich selbstsicherer aussehen, als ich mich fühlte. Da wir nur noch eine Stunde Zeit hatten, ging ich unter die Dusche, um mich frisch zu machen, legte ein wenig Make-up auf und sprühte mir etwas Coco Mademoiselle auf die Handgelenke und hinter die Ohren, um mich noch unwiderstehlicher zu machen. Pünktlich um sechs klingelte es an der Tür.
Auf die Minute! Was für ein Gentleman! Claire eilte an mir vorbei zur Tür. Von meinem Platz an der Küchentür aus konnte ich hören, wie sie sich vorstellte und ihm ziemlich entschlossen mitteilte, dass sie sich uns „anschließen“ würde. Nun, das hatte er jetzt davon, nicht jeder war ein solcher Hasenfuß wie ich. Er stieß sein mir bereits vertrautes Kichern aus, sagte: „Unbedingt“, und schaute zu mir herüber. „Du siehst bezaubernd aus“, sagte er und zog mich zu sich heran. Wieder einmal verwandelten sich mein Gehirn und meine Zunge in Watte. Wenigstens schaffte ich es, „Danke, du auch“ zu erwidern.
Wir gingen hinunter zu seinem Wagen, wo sein Fahrer auf uns wartete. Obwohl ich nicht viel über Autos wusste, erkannte ich, dass es sich um einen schicken roten Mercedes handelte. Lukas hielt Claire und mir die hintere Tür auf, schloss sie dann und setzte sich auf den Beifahrersitz. Ich stupste Claire sofort an und warf ihr unseren Jetzt weißt du, was ich meine-Blick zu. Sie verdrehte die Augen und groovte ein bisschen auf ihrem Sitz. Wir platzten beide vor unbändiger Aufregung.
„Wohin gehen wir?“, fragte ich, als ich sicher war, dass ich meine Stimme unter Kontrolle hatte.
„Lass dich überraschen“, antwortete er über seine Schulter hinweg. Wir unterhielten uns während der ganzen Fahrt. Soweit es mich betraf, lief der Abend einfach perfekt.
Der Fahrer hielt auf dem Parkplatz des Hotels Le Méridien. Ich war zum ersten Mal dort, Claire auch, das wusste ich. Von einem solchen Luxusetablissement hatten wir bislang nur träumen können. „Warst du schon einmal hier?“, fragte er mich ins Ohr, als wir den Club betraten. Aus den Lautsprechern ertönte lauter Afrobeat. „Nein“, antwortete ich knapp.
So sehr ich das Nachtleben auch genoss, musste ich doch noch an meinen Umgangsformen feilen, vor allem in solch heiklen Situationen; aber ich tat mein Bestes. Im Vergleich zu Claire verblasste ich allerdings: Sie war ausgelassen und der absolute Mittelpunkt der Party. Sie schien ihren Auftritt in vollen Zügen zu genießen, während sie neben mir tanzte. Als Lukas sie amüsiert beobachtete, nutzte ich die Gelegenheit, einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen. Einen Augenblick lang war ich fasziniert von seinem markanten Kiefer, dem ausgeprägten Kinn und den vollen, üppigen Lippen – bis ich aufblickte und sah, dass er auf mich herabstarrte. Verlegen wandte ich den Blick ab und murmelte, dass ich mich hinsetzen müsse.
Ich machte mich auf die Suche nach einem Platz, wo ich mich setzen und in Ruhe darüber nachdenken konnte, wie viel peinlicher dieser Abend noch werden würde.
Als Claire sah, dass ich nicht mit meinem Bobo tanzen wollte, zog sie ihn auf die Tanzfläche. Ich machte mir keine Sorgen, Claire war nun einmal sehr aufgeschlossen. Aber ich bemerkte, dass seine Augen die ganze Zeit über auf mir ruhten.
Das Universum war gnädig mit mir, und der Rest des Abends zog schnell und reibungslos vorüber. Lukas setzte uns an Claires Wohnung ab, wo ich die Nacht verbringen wollte. Als wir ausstiegen, hielt er mich zurück und fragte, ob wir Freitag wieder ausgehen könnten – ohne Claire. „Nur wir beide“, sagte er. Tausend Gedanken schossen mir in einem Sekundenbruchteil durch den Kopf. Ich war nervös, weil ich mit Lukas allein sein wollte, aber ich war noch nie ohne Claire zu einem Date gegangen. Ihre fröhliche und manchmal nervtötend laute Anwesenheit gab mir ein Gefühl der Sicherheit; ich konnte mich dann einfach im Hintergrund halten und alles beobachten. Trotzdem stimmte ich einem echten Date mit ihm zu.
Am nächsten Tag war ich groggy und auf der Arbeit unkonzentriert. Claire und ich hatten kaum zwei Stunden geschlafen. Wir waren wach geblieben und hatten über Lukas geplaudert, Was-wäre-wenn-Spiele gespielt und uns endlos lange märchenhafte Situationen ausgemalt. Sie war etwas verärgert darüber, dass sie bei der nächsten Verabredung nicht dabei sein konnte, fand sich jedoch schnell damit ab. „Ich freue mich für dich, Helena, ich glaube, dass du und Lukas ein gutes Paar abgeben werdet“, sagte sie in den frühen Morgenstunden.
„Na, ob wir ein Paar sind, weiß ich noch nicht. Lass uns erst mal schauen, wie es am Freitag läuft.“
Der Donnerstag brach an, und ich war völlig erschöpft von der ganzen Aufregung. Am späten Vormittag schleppte ich mich zum Büro meiner Vorgesetzten, Frau Ernest, um ihr mitzuteilen, dass ich nach Hause gehen musste.
„Bist du krank?“, fragte sie.
„Ich glaube schon, Ma. Ich fühle mich nicht sehr gut.“
„In einem solchen Zustand habe ich dich noch nie gesehen. Du kannst gehen.“
Wie sollte ich meiner Chefin erklären, dass es die pausenlos flatternden Schmetterlinge in meinem Bauch waren, die mich von der Arbeit ablenkten?
Ich kam nach Hause und rief Claire an, dass sie nach der Arbeit vorbeikommen solle. Kurz nach fünf hörte ich sie an der Haustür. „Ich habe dein Lieblingsessen mitgebracht!“, zwitscherte sie, als sie hereinkam, „Moi-Moi und gepfefferte Schnecken“, und stellte die Mr. Bigg’s-Tüten auf mein Bett.
„Im Ernst?“ Ich war schon dabei, mich über die Tüten herzumachen. „Woher wusstest du, dass ich Hunger habe?“
„Ich kenne dich, Helena, und weiß, dass du seit letztem Sonntag nichts Richtiges mehr gegessen hast.“
Ganz ehrlich: Wenn es jemanden gab, der mich kannte, dann Claire. Wir waren seit der weiterführenden Schule eng befreundet.
„Helena, Helena, wach auf!“ Ein wiederholtes Klopfen auf meinem Arm.
Ich öffnete die Augen und sah auf mein Handy, 00:28 Uhr. Also drehte ich mich um und schloss die Augen. „Nein, Claire. Ich muss jetzt wirklich schlafen.“
„Helena“, sagte sie eindringlicher und schüttelte mich. „Bitte, wach auf, irgendetwas beunruhigt mich, und wir müssen jetzt darüber reden.“
„Ach du meine Güte, Claire“, stöhnte ich ins Kissen.
„Es geht um Lukas.“
Okay, das machte mich hellwach. Ich setzte mich auf und drehte mich zu ihr um.
„Was?“
„Ich glaube, Lukas ist zu gut, um wahr zu sein.“
Das war es also? Das war der Grund, warum sie mich geweckt hatte?
„Claire, bist du eifersüchtig, weil du morgen nicht mitkommst? Geht es dir darum?“
„Nein, ich sage nur, dass diese ganze Sache einfach unwirklich und … und ein bisschen verdächtig erscheint. Was, wenn er ein Hochstapler ist?“
„Meinst du das ernst? Was kann schon schiefgehen? Wir haben noch nicht einmal ein richtiges Date gehabt.“
Was war bloß mit Claire los? Sie fing an, mich zu nerven.
„Keine Ahnung, ich mache mir nur Sorgen.“
„Gute Nacht, Claire – und weck mich bitte nicht nochmal.“
Ich legte mich hin und schloss die Augen, bemüht, wieder einzuschlafen.
„Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“
Ich schätze, sie konnte auch nicht wieder einschlafen, denn einen Moment später hörte ich, wie sie aufstand, sich ins Wohnzimmer schlich eine unserer Lieblingsserien im Fernsehen einschaltete. Wir schauten diese Serie eigentlich immer gemeinsam, aber ich hielt meine Augen geschlossen und zwang mich loszulassen.
Unser erstes richtiges Date
Am Freitagmorgen wachte ich früh und aufgeregt auf. Zum Glück war ich noch krankgeschrieben. Claire benahm sich komisch, also ignorierte ich sie. Sie würde mir heute nicht die Laune verderben. Sie machte sich selbst Frühstück, während ich an einem Glas Orangensaft nippte. Das war alles, zu dem mein Magen bereit war. Nachdem ich gebadet und mich fertig gemacht hatte, fragte ich Claire, ob sie mich zum Friseur begleiten würde. „Natürlich komme ich mit. Ich will nichts verpassen“, antwortete sie. Wir nahmen ein Taxi und Claire redete die ganze Fahrt über, offensichtlich wieder ganz die Alte. Ich war froh, dass ich nicht an Lukas denken musste, während ich über ihre dummen Witze lachte.
„Warte, was willst du anziehen?“, fragte sie, während die Friseurin mein Haar zurechtmachte und glättete. Ich hatte mich noch nicht entschieden, also sagte ich ihr, dass ich vielleicht einfach das kleine rote Kleid anziehen würde, das sie mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte. Es war ein Seidenkleid mit offenem Rücken, einem Schlitz, der auf beiden Seiten fast bis zur Hüfte reichte, und einem Rundhalsausschnitt.
„Neeeiiin“, flüsterte sie laut, während sie mich mit gespieltem Entsetzen ansah.
„Warum nicht?“, wollte ich wissen.
„Ist das nicht ein bisschen zu freizügig? Wir wollen doch nicht, dass er auf dumme Gedanken kommt, oder?“
„Darüber machst du dir Sorgen?“ Ich lachte. „Werde erwachsen, Claire! Du hast mir das Kleid gekauft, und ich werde es tragen. Finito.“
Als ich ihr sagte, dass ich mir im Spa eine Gesichtsbehandlung gönnen würde, war sie leicht geschockt. „Du gibst deine gesamten Ersparnisse für dieses Date aus, Helena.“
„Ja, und ich bereue es nicht. Wenn du keine Gesichtsbehandlung brauchst, dann setz dich einfach zu mir.“
Sie gluckste: „Ich leiste mir auch eine, Süße. Glaub nicht, dass ich dich alleine Geld verschleudern lasse!“
Als wir zu meiner Wohnung zurückfuhren, fragte Claire, ob sie über Nacht bleiben könne. Ich konnte mir schon denken, warum, aber ich fragte trotzdem.
„Das weißt du genau“, kicherte sie. „Ich will, dass du mir alles Wesentliche sofort erzählst.“
Es ging langsam auf 19:30 Uhr zu, und Lukas rief an, um zu sagen, dass er fast bei mir war. Claire war plötzlich noch aufgeregter als ich. Ich musste sie beruhigen.
„Bleib sitzen, du machst mich nervös!“
„Dann lass mich mitkommen.“ Bei diesen Worten setzte sie ihren umwerfenden Bambi-Blick auf.
„Als Babysitter? Du kannst nicht ewig auf mich aufpassen! Und du musst auch nicht wach bleiben, bis ich wieder da bin.“ „Das ist jetzt eine echte Beleidigung“, gab sie sich entrüstet. „Warum sollte ich aufbleiben? Na me born you? Bin ich etwa deine Mutter?“
Dingdong! Die Türklingel! Und ich war immer noch im Morgenmantel und stritt mich mit Claire! Wir starrten uns mit großen Augen an und wussten nicht, was wir als nächstes tun sollten. Dann sprangen wir gleichzeitig auf; Claire ging zur Tür, während ich mich fertig anzog.
Ich hörte, wie Claire Lukas hereinließ und ihm einen Platz anbot, dann setzte sie sich ebenfalls hin und begann, ihn mit Fragen zu löchern – Fragen, die ich irgendwann auch gestellt hätte, wenn Claire nicht beschlossen hätte, mir zuvorzukommen.
„Wie lange bist du schon in Nigeria?“, fragte sie ihn. „Ungefähr fünf Jahre“, antwortete er.
„Das ist lang, hattest du in der Zeit irgendwelche nigerianischen Freundinnen?“
„Nun, ich habe mich nicht immer zu dunkelhäutigen Mädchen hingezogen gefühlt.“
Oh-oh. Das war für Claire die falsche Antwort, wenn ich mich nicht sehr irrte. Und ich wusste, dass sie ihre Wut an ihm auslassen würde. „Und was findest du dann an Helena?“ Ich musste Lukas vor ihr retten, wenn ich wollte, dass er anschließend noch lebendig genug sein würde, um mit mir auszugehen.
„Claire!“, rief ich. „Kannst du mir bitte mal helfen?“
„Ich bin gleich wieder da“, versprach sie ihm, als sie aufstand und zu mir ins Schlafzimmer ging.
Ich zog sie hinein und schloss die Tür. „Was soll das Verhör? You well so? Tickst du noch ganz richtig?“, fragte ich sie.
„Na datoyibo man weydey your parlour no well – der weiße Typ in deinem Wohnzimmer tickt nicht ganz richtig! Wie kann er behaupten, fünf Jahre lang in Lagos zu leben, ohne jemals eine nigerianische Freundin gehabt zu haben?“
Ich hielt ihr den Mund zu und sagte ihr, sie solle mir einfach helfen, mein Kleid hinten zuzubinden, und bedankte mich anschließend bei ihr. Bevor ich sie aufhalten konnte, hastete sie zurück ins Wohnzimmer. Schnell zog ich meine Stöckelschuhe an, trug etwas Parfüm auf und eilte zu Lukas‘ Rettung. Er stand auf, als er mich entdeckte, und hielt mir die Hand hin. Er sah noch hinreißender aus als beim letzten Mal: in einem burgunderroten Polohemd, das seinen Bizeps und seine breite Brust betonte, einer dunkelbraunen Hose und Turnschuhen, die aussahen, als wären sie nagelneu. Und er blickte mich an, als wäre ich aus Sternenstaub! Ich ließ meine Hand in seine gleiten, und er drehte mich herum, um mich genau in Augenschein zu nehmen. „Du siehst hinreißend aus“, sagte er schlicht. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie Claire uns ansah und versuchte, meinen Blick zu erhaschen, wahrscheinlich, um mir in letzter Minute ein Zeichen zu geben. Ich ignorierte ihre wenig subtilen Gesten, während Lukas mir die Haustür aufhielt.
„Tschüss, Claire“, rief ich ihr zu und ging zu Lukas‘ Auto.
Lukas hielt mir einmal mehr die Autotür auf, nur dass er diesmal neben mir einstieg. Er beugte sich zum Fahrer, Steve, und sagte: „Le Méridien, bitte.“ Er schien kein Freund vieler Worte zu sein.
„Was ist so besonders am Le Méridien? Es ist schon das zweite Mal, dass wir dorthin ausgehen.“
Er antwortete: „Das ist der einzige Ort, der mich nicht wahnsinnig macht.“ Dort werde er nicht so oft wie sonst von Frauen belästigt, fügte er hinzu.
Am Hotel stieg er aus und hielt mir die Tür auf. Die Tatsache, dass er immer darauf bestand, bedeutete mir sehr viel, so klein die Geste auch sein mochte.
Hand in Hand, als wären wir schon ewig ein Paar, gingen wir zur Poolbar. Nachdem wir Platz genommen hatten, kam ein Kellner, um unsere Bestellungen aufzunehmen. Ich fragte nach Suya, während Lukas gegrillten Fisch und Pommes Frites und eine Flasche Weißwein für uns beide orderte.
Aus den Lautsprechern ertönte Tina Turner mit What’s Love Got to Do with It.
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Ich wuchs mit vier Geschwistern und meinem Vater auf; meine Mutter starb, als mein jüngster Bruder noch ein Kleinkind war. Papa gab sein Bestes, hörte mehr zu als er sprach, und sorgte dafür, dass wir alles hatten, was wir brauchten.
Ich hatte mein ganzes Leben in Nigeria verbracht, aber es gab immer dieses starke Gefühl in mir, dass ich eines Tages die Chance bekommen würde, ins Ausland zu reisen. Ich war wirklich fasziniert von „Weißen“ – ich fand sie sehr attraktiv. Meiner Meinung nach führten hellhäutige Menschen bessere Beziehungen, vor allem im Hinblick auf die ungesunden Partnerschaften in meinem Umfeld, in denen ein Großteil der Frauen alle Arten von Missbrauch erleidet. Meiner Meinung nach gab es das bei den „Weißen“ nicht.
Nach meinem Schulabschluss zog ich gemeinsam mit meiner Freundin Claire nach Lagos. Der Lärm, die überfüllten Straßen und die ausgelassene Atmosphäre waren überwältigend. Lagos stand in scharfem Kontrast zu der kleinen Stadt, aus der ich stammte. Hinzu kam außerdem die erdrückende Luftfeuchtigkeit und die daraus folgende Tageshitze – zum Glück waren die Nächte etwas kühler. All das war jedoch unwichtig, denn ich hatte mich in Lagos und insbesondere in sein Nachtleben verliebt.
Hier lernte ich auch Lukas Zimmerman kennen, einen deutschen Auswanderer, der mein Herz stahl. Man sollte meinen, dass das Schicksal zu meinen Gunsten entschied und meine Träume wahr werden ließ, oder? Nun, ich fand mich an einem Freitagabend allein in einer Sportsbar in Lagos Island wieder. Ich hatte mich dort mit meiner Kollegin Esther verabredet, um ein wenig mit ihr abzuhängen, schließlich stand das Wochenende vor der Tür. Offensichtlich verspätete sie sich, also holte ich mir schon einmal einen Drink, um nicht tatenlos dazusitzen, und ließ meinen Blick umherschweifen. Und plötzlich war er da, ein echter Adonis in dunkelgrauem T-Shirt und tiefsitzenden Jeans, der durch die Eingangstür geschlendert kam, als gehöre ihm der Laden. Ich spürte, wie sich mein Herzschlag sofort beschleunigte. Er sah mich direkt an! Ich erstarrte für ein oder zwei Sekunden und schaute zurück, und dann wusste ich plötzlich nicht mehr, wohin mit meinen Augen. Ich blickte abwechselnd ins Leere und auf mein Glas, bis ich beschloss, aufzustehen und mich auf den Weg nach draußen zu machen.
Als ich meine Tasche nahm, schaute ich auf und sah, dass er den Weg zu meinem Tisch gefunden hatte. Mit einem Lächeln streckte er seine Hand aus und stellte sich vor: „Hi, ich bin Lukas.“ Nach einem festen Händedruck und einem „Hallo, ich bin Helena“, zog ich meine Hand zurück, schnappte meine Tasche und flüchtete. Während ich buchstäblich wegrannte, warf ich einen kurzen Blick hinter mich, um zu sehen, ob ich ihn abgehängt hatte. Wie es das Schicksal wollte, entkam ich diesem Traum von einem Mann jedoch nicht.
„Hey, warum so eilig?“, fragte er, als er zu mir aufschloss.
„Tut mir leid, ich habe wirklich keine Zeit“ war das Beste, was mir einfiel, während ich versuchte, die Fassung zu bewahren und nicht zu keuchen.
„Dann kann ich dich doch wenigstens mitnehmen“, bot er an. „Wo wohnst du?“ Ich lehnte sein Angebot ab; denn ich war sprachlos und wollte in einem solchen Zustand auf keinen Fall mit diesem Mann mitfahren. „Alles klar“, erwiderte er mit einem gedehnten Grinsen, fast so, als wüsste er genau, was in meinem Kopf vor sich ging.
„Kann ich deine Handynummer haben?“ Er klang zögerlich, als erwartete er eine weitere Absage.
„Sicher, warum nicht?“, lächelte ich schwach. Was sollte ich sagen? Ich hatte schon häufiger Weiße gesehen, aber noch nie aus der Nähe, und erst recht keinen Mann mit großen blauen Augen, die mich direkt anschauten.
Esther hat sich nie gemeldet, um sich dafür zu entschuldigen, dass sie mich versetzt hatte. Ich konnte ihr das allerdings nicht übelnehmen; vielleicht wollte das Universum Lukas und mich auf diese Weise zusammenbringen?
Den Rest der Nacht und den ganzen Samstag verbrachte ich damit, von der unglaublichen Anziehungskraft dieses Mannes zu träumen. Er hatte genauso blaue Augen wie der Clark Kent meiner Fantasie, und dieses Haar! Herrlich zerzaust und ganz sicher so weich, wie es aussah.
Am Sonntagnachmittag, gleich nach dem Gottesdienst, klingelte mein Handy. Lukas wollte wissen, ob wir an diesem Abend essen gehen könnten. Zu sagen, dass ich aufgeregt gewesen wäre, ihn wiederzusehen, wäre komplett untertrieben: Ich war wie im Delirium. Sofort rief ich meine treue Freundin Claire an, damit sie mir bei der Kleiderwahl helfen konnte. „Bitte stell dich darauf ein mitzukommen, ich gehe nicht alleine aus“, flehte ich. Meine Aufregung würde ganz sicher nicht die Oberhand über meinen gesunden Menschenverstand gewinnen!
„Wenn dein Bobo einverstanden ist, kein Problem“, stimmte sie zu, „ich möchte ihn auf jeden Fall mit eigenen Augen sehen.“
Drei Stunden lang leerten wir meinen gesamten Kleiderschrank und ich probierte alles mindestens zweimal an, bis die Wahl schließlich auf ein kleines schwarzes Trägertop, einen roten hochgeschlossenen Minirock und schwarze Stiefeletten fiel. Das ließ mich deutlich selbstsicherer aussehen, als ich mich fühlte. Da wir nur noch eine Stunde Zeit hatten, ging ich unter die Dusche, um mich frisch zu machen, legte ein wenig Make-up auf und sprühte mir etwas Coco Mademoiselle auf die Handgelenke und hinter die Ohren, um mich noch unwiderstehlicher zu machen. Pünktlich um sechs klingelte es an der Tür.
Auf die Minute! Was für ein Gentleman! Claire eilte an mir vorbei zur Tür. Von meinem Platz an der Küchentür aus konnte ich hören, wie sie sich vorstellte und ihm ziemlich entschlossen mitteilte, dass sie sich uns „anschließen“ würde. Nun, das hatte er jetzt davon, nicht jeder war ein solcher Hasenfuß wie ich. Er stieß sein mir bereits vertrautes Kichern aus, sagte: „Unbedingt“, und schaute zu mir herüber. „Du siehst bezaubernd aus“, sagte er und zog mich zu sich heran. Wieder einmal verwandelten sich mein Gehirn und meine Zunge in Watte. Wenigstens schaffte ich es, „Danke, du auch“ zu erwidern.
Wir gingen hinunter zu seinem Wagen, wo sein Fahrer auf uns wartete. Obwohl ich nicht viel über Autos wusste, erkannte ich, dass es sich um einen schicken roten Mercedes handelte. Lukas hielt Claire und mir die hintere Tür auf, schloss sie dann und setzte sich auf den Beifahrersitz. Ich stupste Claire sofort an und warf ihr unseren Jetzt weißt du, was ich meine-Blick zu. Sie verdrehte die Augen und groovte ein bisschen auf ihrem Sitz. Wir platzten beide vor unbändiger Aufregung.
„Wohin gehen wir?“, fragte ich, als ich sicher war, dass ich meine Stimme unter Kontrolle hatte.
„Lass dich überraschen“, antwortete er über seine Schulter hinweg. Wir unterhielten uns während der ganzen Fahrt. Soweit es mich betraf, lief der Abend einfach perfekt.
Der Fahrer hielt auf dem Parkplatz des Hotels Le Méridien. Ich war zum ersten Mal dort, Claire auch, das wusste ich. Von einem solchen Luxusetablissement hatten wir bislang nur träumen können. „Warst du schon einmal hier?“, fragte er mich ins Ohr, als wir den Club betraten. Aus den Lautsprechern ertönte lauter Afrobeat. „Nein“, antwortete ich knapp.
So sehr ich das Nachtleben auch genoss, musste ich doch noch an meinen Umgangsformen feilen, vor allem in solch heiklen Situationen; aber ich tat mein Bestes. Im Vergleich zu Claire verblasste ich allerdings: Sie war ausgelassen und der absolute Mittelpunkt der Party. Sie schien ihren Auftritt in vollen Zügen zu genießen, während sie neben mir tanzte. Als Lukas sie amüsiert beobachtete, nutzte ich die Gelegenheit, einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen. Einen Augenblick lang war ich fasziniert von seinem markanten Kiefer, dem ausgeprägten Kinn und den vollen, üppigen Lippen – bis ich aufblickte und sah, dass er auf mich herabstarrte. Verlegen wandte ich den Blick ab und murmelte, dass ich mich hinsetzen müsse.
Ich machte mich auf die Suche nach einem Platz, wo ich mich setzen und in Ruhe darüber nachdenken konnte, wie viel peinlicher dieser Abend noch werden würde.
Als Claire sah, dass ich nicht mit meinem Bobo tanzen wollte, zog sie ihn auf die Tanzfläche. Ich machte mir keine Sorgen, Claire war nun einmal sehr aufgeschlossen. Aber ich bemerkte, dass seine Augen die ganze Zeit über auf mir ruhten.
Das Universum war gnädig mit mir, und der Rest des Abends zog schnell und reibungslos vorüber. Lukas setzte uns an Claires Wohnung ab, wo ich die Nacht verbringen wollte. Als wir ausstiegen, hielt er mich zurück und fragte, ob wir Freitag wieder ausgehen könnten – ohne Claire. „Nur wir beide“, sagte er. Tausend Gedanken schossen mir in einem Sekundenbruchteil durch den Kopf. Ich war nervös, weil ich mit Lukas allein sein wollte, aber ich war noch nie ohne Claire zu einem Date gegangen. Ihre fröhliche und manchmal nervtötend laute Anwesenheit gab mir ein Gefühl der Sicherheit; ich konnte mich dann einfach im Hintergrund halten und alles beobachten. Trotzdem stimmte ich einem echten Date mit ihm zu.
Am nächsten Tag war ich groggy und auf der Arbeit unkonzentriert. Claire und ich hatten kaum zwei Stunden geschlafen. Wir waren wach geblieben und hatten über Lukas geplaudert, Was-wäre-wenn-Spiele gespielt und uns endlos lange märchenhafte Situationen ausgemalt. Sie war etwas verärgert darüber, dass sie bei der nächsten Verabredung nicht dabei sein konnte, fand sich jedoch schnell damit ab. „Ich freue mich für dich, Helena, ich glaube, dass du und Lukas ein gutes Paar abgeben werdet“, sagte sie in den frühen Morgenstunden.
„Na, ob wir ein Paar sind, weiß ich noch nicht. Lass uns erst mal schauen, wie es am Freitag läuft.“
Der Donnerstag brach an, und ich war völlig erschöpft von der ganzen Aufregung. Am späten Vormittag schleppte ich mich zum Büro meiner Vorgesetzten, Frau Ernest, um ihr mitzuteilen, dass ich nach Hause gehen musste.
„Bist du krank?“, fragte sie.
„Ich glaube schon, Ma. Ich fühle mich nicht sehr gut.“
„In einem solchen Zustand habe ich dich noch nie gesehen. Du kannst gehen.“
Wie sollte ich meiner Chefin erklären, dass es die pausenlos flatternden Schmetterlinge in meinem Bauch waren, die mich von der Arbeit ablenkten?
Ich kam nach Hause und rief Claire an, dass sie nach der Arbeit vorbeikommen solle. Kurz nach fünf hörte ich sie an der Haustür. „Ich habe dein Lieblingsessen mitgebracht!“, zwitscherte sie, als sie hereinkam, „Moi-Moi und gepfefferte Schnecken“, und stellte die Mr. Bigg’s-Tüten auf mein Bett.
„Im Ernst?“ Ich war schon dabei, mich über die Tüten herzumachen. „Woher wusstest du, dass ich Hunger habe?“
„Ich kenne dich, Helena, und weiß, dass du seit letztem Sonntag nichts Richtiges mehr gegessen hast.“
Ganz ehrlich: Wenn es jemanden gab, der mich kannte, dann Claire. Wir waren seit der weiterführenden Schule eng befreundet.
„Helena, Helena, wach auf!“ Ein wiederholtes Klopfen auf meinem Arm.
Ich öffnete die Augen und sah auf mein Handy, 00:28 Uhr. Also drehte ich mich um und schloss die Augen. „Nein, Claire. Ich muss jetzt wirklich schlafen.“
„Helena“, sagte sie eindringlicher und schüttelte mich. „Bitte, wach auf, irgendetwas beunruhigt mich, und wir müssen jetzt darüber reden.“
„Ach du meine Güte, Claire“, stöhnte ich ins Kissen.
„Es geht um Lukas.“
Okay, das machte mich hellwach. Ich setzte mich auf und drehte mich zu ihr um.
„Was?“
„Ich glaube, Lukas ist zu gut, um wahr zu sein.“
Das war es also? Das war der Grund, warum sie mich geweckt hatte?
„Claire, bist du eifersüchtig, weil du morgen nicht mitkommst? Geht es dir darum?“
„Nein, ich sage nur, dass diese ganze Sache einfach unwirklich und … und ein bisschen verdächtig erscheint. Was, wenn er ein Hochstapler ist?“
„Meinst du das ernst? Was kann schon schiefgehen? Wir haben noch nicht einmal ein richtiges Date gehabt.“
Was war bloß mit Claire los? Sie fing an, mich zu nerven.
„Keine Ahnung, ich mache mir nur Sorgen.“
„Gute Nacht, Claire – und weck mich bitte nicht nochmal.“
Ich legte mich hin und schloss die Augen, bemüht, wieder einzuschlafen.
„Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“
Ich schätze, sie konnte auch nicht wieder einschlafen, denn einen Moment später hörte ich, wie sie aufstand, sich ins Wohnzimmer schlich eine unserer Lieblingsserien im Fernsehen einschaltete. Wir schauten diese Serie eigentlich immer gemeinsam, aber ich hielt meine Augen geschlossen und zwang mich loszulassen.
Unser erstes richtiges Date
Am Freitagmorgen wachte ich früh und aufgeregt auf. Zum Glück war ich noch krankgeschrieben. Claire benahm sich komisch, also ignorierte ich sie. Sie würde mir heute nicht die Laune verderben. Sie machte sich selbst Frühstück, während ich an einem Glas Orangensaft nippte. Das war alles, zu dem mein Magen bereit war. Nachdem ich gebadet und mich fertig gemacht hatte, fragte ich Claire, ob sie mich zum Friseur begleiten würde. „Natürlich komme ich mit. Ich will nichts verpassen“, antwortete sie. Wir nahmen ein Taxi und Claire redete die ganze Fahrt über, offensichtlich wieder ganz die Alte. Ich war froh, dass ich nicht an Lukas denken musste, während ich über ihre dummen Witze lachte.
„Warte, was willst du anziehen?“, fragte sie, während die Friseurin mein Haar zurechtmachte und glättete. Ich hatte mich noch nicht entschieden, also sagte ich ihr, dass ich vielleicht einfach das kleine rote Kleid anziehen würde, das sie mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte. Es war ein Seidenkleid mit offenem Rücken, einem Schlitz, der auf beiden Seiten fast bis zur Hüfte reichte, und einem Rundhalsausschnitt.
„Neeeiiin“, flüsterte sie laut, während sie mich mit gespieltem Entsetzen ansah.
„Warum nicht?“, wollte ich wissen.
„Ist das nicht ein bisschen zu freizügig? Wir wollen doch nicht, dass er auf dumme Gedanken kommt, oder?“
„Darüber machst du dir Sorgen?“ Ich lachte. „Werde erwachsen, Claire! Du hast mir das Kleid gekauft, und ich werde es tragen. Finito.“
Als ich ihr sagte, dass ich mir im Spa eine Gesichtsbehandlung gönnen würde, war sie leicht geschockt. „Du gibst deine gesamten Ersparnisse für dieses Date aus, Helena.“
„Ja, und ich bereue es nicht. Wenn du keine Gesichtsbehandlung brauchst, dann setz dich einfach zu mir.“
Sie gluckste: „Ich leiste mir auch eine, Süße. Glaub nicht, dass ich dich alleine Geld verschleudern lasse!“
Als wir zu meiner Wohnung zurückfuhren, fragte Claire, ob sie über Nacht bleiben könne. Ich konnte mir schon denken, warum, aber ich fragte trotzdem.
„Das weißt du genau“, kicherte sie. „Ich will, dass du mir alles Wesentliche sofort erzählst.“
Es ging langsam auf 19:30 Uhr zu, und Lukas rief an, um zu sagen, dass er fast bei mir war. Claire war plötzlich noch aufgeregter als ich. Ich musste sie beruhigen.
„Bleib sitzen, du machst mich nervös!“
„Dann lass mich mitkommen.“ Bei diesen Worten setzte sie ihren umwerfenden Bambi-Blick auf.
„Als Babysitter? Du kannst nicht ewig auf mich aufpassen! Und du musst auch nicht wach bleiben, bis ich wieder da bin.“ „Das ist jetzt eine echte Beleidigung“, gab sie sich entrüstet. „Warum sollte ich aufbleiben? Na me born you? Bin ich etwa deine Mutter?“
Dingdong! Die Türklingel! Und ich war immer noch im Morgenmantel und stritt mich mit Claire! Wir starrten uns mit großen Augen an und wussten nicht, was wir als nächstes tun sollten. Dann sprangen wir gleichzeitig auf; Claire ging zur Tür, während ich mich fertig anzog.
Ich hörte, wie Claire Lukas hereinließ und ihm einen Platz anbot, dann setzte sie sich ebenfalls hin und begann, ihn mit Fragen zu löchern – Fragen, die ich irgendwann auch gestellt hätte, wenn Claire nicht beschlossen hätte, mir zuvorzukommen.
„Wie lange bist du schon in Nigeria?“, fragte sie ihn. „Ungefähr fünf Jahre“, antwortete er.
„Das ist lang, hattest du in der Zeit irgendwelche nigerianischen Freundinnen?“
„Nun, ich habe mich nicht immer zu dunkelhäutigen Mädchen hingezogen gefühlt.“
Oh-oh. Das war für Claire die falsche Antwort, wenn ich mich nicht sehr irrte. Und ich wusste, dass sie ihre Wut an ihm auslassen würde. „Und was findest du dann an Helena?“ Ich musste Lukas vor ihr retten, wenn ich wollte, dass er anschließend noch lebendig genug sein würde, um mit mir auszugehen.
„Claire!“, rief ich. „Kannst du mir bitte mal helfen?“
„Ich bin gleich wieder da“, versprach sie ihm, als sie aufstand und zu mir ins Schlafzimmer ging.
Ich zog sie hinein und schloss die Tür. „Was soll das Verhör? You well so? Tickst du noch ganz richtig?“, fragte ich sie.
„Na datoyibo man weydey your parlour no well – der weiße Typ in deinem Wohnzimmer tickt nicht ganz richtig! Wie kann er behaupten, fünf Jahre lang in Lagos zu leben, ohne jemals eine nigerianische Freundin gehabt zu haben?“
Ich hielt ihr den Mund zu und sagte ihr, sie solle mir einfach helfen, mein Kleid hinten zuzubinden, und bedankte mich anschließend bei ihr. Bevor ich sie aufhalten konnte, hastete sie zurück ins Wohnzimmer. Schnell zog ich meine Stöckelschuhe an, trug etwas Parfüm auf und eilte zu Lukas‘ Rettung. Er stand auf, als er mich entdeckte, und hielt mir die Hand hin. Er sah noch hinreißender aus als beim letzten Mal: in einem burgunderroten Polohemd, das seinen Bizeps und seine breite Brust betonte, einer dunkelbraunen Hose und Turnschuhen, die aussahen, als wären sie nagelneu. Und er blickte mich an, als wäre ich aus Sternenstaub! Ich ließ meine Hand in seine gleiten, und er drehte mich herum, um mich genau in Augenschein zu nehmen. „Du siehst hinreißend aus“, sagte er schlicht. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie Claire uns ansah und versuchte, meinen Blick zu erhaschen, wahrscheinlich, um mir in letzter Minute ein Zeichen zu geben. Ich ignorierte ihre wenig subtilen Gesten, während Lukas mir die Haustür aufhielt.
„Tschüss, Claire“, rief ich ihr zu und ging zu Lukas‘ Auto.
Lukas hielt mir einmal mehr die Autotür auf, nur dass er diesmal neben mir einstieg. Er beugte sich zum Fahrer, Steve, und sagte: „Le Méridien, bitte.“ Er schien kein Freund vieler Worte zu sein.
„Was ist so besonders am Le Méridien? Es ist schon das zweite Mal, dass wir dorthin ausgehen.“
Er antwortete: „Das ist der einzige Ort, der mich nicht wahnsinnig macht.“ Dort werde er nicht so oft wie sonst von Frauen belästigt, fügte er hinzu.
Am Hotel stieg er aus und hielt mir die Tür auf. Die Tatsache, dass er immer darauf bestand, bedeutete mir sehr viel, so klein die Geste auch sein mochte.
Hand in Hand, als wären wir schon ewig ein Paar, gingen wir zur Poolbar. Nachdem wir Platz genommen hatten, kam ein Kellner, um unsere Bestellungen aufzunehmen. Ich fragte nach Suya, während Lukas gegrillten Fisch und Pommes Frites und eine Flasche Weißwein für uns beide orderte.
Aus den Lautsprechern ertönte Tina Turner mit What’s Love Got to Do with It.
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