Der Selbstfahrer

Der Selbstfahrer

Martin Coprax


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 332
ISBN: 978-3-99131-466-0
Erscheinungsdatum: 02.11.2022
Theo Baldauf, 66, „Downie“ und bester Freund von James Bond. Und das mitten in Wien! In „Der Selbstfahrer“ wird auf humorvolle, bitterböse, gesellschaftskritische Weise die wahre Geschichte eines Menschen mit Trisomie 21 erzählt. Herzerwärmend und zum „Mitdenken“.
Widmung

Zur Erinnerung an Leo B.,
einen bemerkenswerten Menschen.
Und für meinen Freund
Mag. Markus A., einen ebensolchen.

Die für das Buch komponierten Musikstücke „Der Selbstfahrer – Titellied“, „Theos Thema“, „Down Under“ und „This feeling“, auf die das Buch verweist, sind auf Youtube abrufbar,
Alle anderen angeführten Lieder ebenso.



Vorwort

(Musik: Der Selbstfahrer – Titellied, leise im Hintergrund)

Liebe Frau Leserin, lieber Herr Leser!

Es dauerte lange, bis ich mich endlich dazu entschlossen hatte, Ihnen von mir und meinem Leben zu erzählen. Davor war es mir einfach nicht möglich, wie Sie gleich erfahren werden. Sie haben mich sicher schon gesehen, wenn Sie einmal bei der U-Bahn-Station Längenfeldgasse in Wien Meidling um die Mittagszeit aus der U-Bahn gestiegen sind. Ich bin der Herr mit rotem Selbstfahrerkapperl, ohne den die U-Bahnen nicht fahren und deren Türen nicht schließen würden. Und dann müssten Sie zu Fuß gehen! Na bitte, auch nicht schön! Mitdenken bitte, es geht schon los!
Eigentlich hätte Der Selbstfahrer ein Kinofilm werden sollen. Mit echten Schauspielern und Drehorten in Wien und in der Schweiz, mit Kamera und Filmmusik wie in einem guten Peter- Alexander-Film. Aufgrund finanzieller Aufwendungen, die den Rahmen des Machbaren jedoch bei Weitem überstiegen hätten, sind Sie zum aktiven Mitmachen aufgefordert, sich Orte, Schauspieler und Filmmusik (wird angeführt) selbst vorzustellen. Vor allem aber zum Mitdenken möchte ich Sie ermuntern. Es obliegt selbstverständlich Ihnen, wie Sie dieses Buch lesen möchten, ob mit oder ohne Vorstellung, Musik oder Denken. Sie können es ja gerne so machen, wie der Georg Beranek. Dem ist alles egal, der macht, was er will. Da können Sie reden, was Sie wollen. Vielleicht tun Sie es aber auch Frau Gerlinde gleich und sagen einfach, Sie wären gar nicht da, obwohl Sie es sehr wohl sind. Oder Sie machen es so wie ich, legen sich einen Finger auf die Nasenspitze und schalten das Mitdenken ein. Sie werden gleich sehen, wie das geht.
Auf den letzten Seiten finden Sie das umfassende Nachschlagewerk der gängigen Wörter und Redewendungen unseres Hauses. Nur für alle Fälle. Sie reisen ja auch nicht in ein fernes Land, ohne die wichtigsten Wörter zu kennen, und wo Ihnen nur die landesüblichen Schimpfwörter geläufig sind.
Wie immer Sie das Buch auch lesen möchten – wenn Sie es überhaupt lesen – vergessen Sie am besten alles, was Sie über unsichtbare Freunde zu wissen glauben, und verraten Sie keine der angeführten Blödheiten unserem Wohnhausleiter, dem Herrn Mayerling! Sonst gibt es wieder so eine lästige Vereinbarung oder ein neues IEP-Ziel.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Ihr Theo!



1.
Von Brieftauben und Fleischfliegen

Ein Selbstfahrer war jemand, dem von den Aufsichtspersonen einer betreuten WG zugetraut wurde, seinen täglichen Weg zur Arbeit und von dort wieder zurück alleine und ohne fremde Hilfe zu bewältigen. Dass dem nicht so war, war jedem der Verantwortlichen klar. Übergriffe auf andere Fahrgäste, lautes Pöbeln in den Verkehrsmitteln, meist aber das Gar-nicht-erst-dort-Ankommen und wenn, dann viel zu spät, wurde von ihnen bereitwillig hingenommen und unter dem Vorwand Integration verlangt der Gesellschaft Opfer ab knallhart durchgezogen. Auch über die Veruntreuung von Fahrgeld, das statt für Fahrscheine meist für in Fett gebackene Fast-Food-Imbisse ausgegeben wurde, sahen die Diensthabenden gütig hinweg, weil sie entweder zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt waren, keine Lust hatten, da zu sein, wo sie gerade waren, oder es ihnen einfach egal war. Ich bin so ein Selbstfahrer, und mein Name ist Theo. Theo Baldauf aus der Schweiz mit eigenem Fahrausweis, rotem Selbstfahrerkapperl und einem unsichtbaren Freund.
Vergessen Sie alles, was Sie bisher über unsichtbare Freunde gehört haben oder gar zu wissen glauben, denn es gibt sie.
Sie heißen meist Herbie, Bunny oder einfach nur unsichtbarer Freund. Meiner hieß James Bond und er wohnte mit mir in einer betreuten Wohneinheit, Nähe Wienfluss in Wien Penzing an der Grenze zum viel nobleren Hietzing. „Ein betreutes Wohnhaus?“, fragen Sie sich jetzt sicher. Ja, ist der Theo denn nicht ganz klar im Kopf? Ist er sehr wohl, doch habe ich vor einigen Jahren meinen Verstand abgegeben, um ein betreutes Leben ohne Sorgen und vor allem ohne Verantwortung führen zu können. Verloren hab’ ich ihn nicht, sondern ihn bei meinem Einzug ins WH14 gegen einen unsichtbaren Freund eingetauscht. Zur Auswahl standen damals James Bond, Hans Orsolics, Roy Black, ein Schäferhund oder Chris Lohner. Da war mir 007 von allen am liebsten, und bis heute habe ich meine Entscheidung keinen Tag bereut. Meine Arbeitstage verbrachte ich zu einem beträchtlichen Teil am U-Bahnsteig Wien Längenfeldgasse, wo Sie mich bis vor Kurzem noch um die Mittagszeit antreffen konnten. „Alles einsteigen! Zug fährt ab!“, rief ich durch meine beiden Mikrofone, die mir mein Wohnheim zur Verfügung stellte. Manch einer behauptete, es seien bloß die Kartonröllchen zweier Klopapierrollen. Da sehen Sie wieder, wie ahnungslos manche Menschen sind. Ohne James hätte ich am Bahnsteig nur die Hälfte von dem, was hier gesprochen wurde, verstanden. Er erklärte mir die Wörter, die ich nicht kannte. Sie müssen wissen, ich bin nicht in Wien, sondern in der Schweiz aufgewachsen. In der schönen Schweiz! Darum verstand ich so manches Wort nicht, das man in Wien Meidling verwendete. James kannte sie alle und nahm sich immer die Zeit, sie mir zu erklären. Manchmal sogar auf Schwyzerdütsch. Dann kicherten wir beide und hielten uns die Hände vor unsere Gesichter. Seine Anwesenheit gab mir Mut und Kraft, meiner täglichen Aufgabe gewissenhaft und zur Zufriedenheit aller nachzukommen. Ich sah mich als eine Art U-Bahn-Coach. Ein Therapeut hätte ich sein können, ein guter Zuhörer war ich allemal. Ich hätte mich auch nach Ottakring oder nach Liesing stellen können, doch war mir die Klientel der Längenfeldgasse lieber. Da waren zunächst die Schüler und Schülerinnen der großen Berufsschule und deren Oberlehrer und Oberlehrerinnen, die immer sehr laut und meist schon betrunken ihren Arbeitstag begannen. Die Schüler waren nur laut und rauchten Zigaretten, die sie hinter ihren Rücken versteckten, um sie dann an ihre Mitschüler weiterzureichen. Weiters traf man hier auf Menschen, deren Sprache weder ich noch James verstand, auf Menschen, die es immer sehr eilig hatten, auf schöne Frauen und auf Frauen, die Kinderwägen vor sich herschoben, Stoppeln in den Ohren hatten und dabei auf ihr Telefon starrten, auf Geschäftsmänner und auf Frauen mit kleinen Hunden. Manche Menschen waren immer hier. Sie wohnten, schliefen, aßen und betranken sich hier. Die meisten ignorierten mich, wenige grüßten mich. Meist die, die hier in der Gegend wohnten und die mich schon jahrelang kannten. Die merkte ich mir dann und versuchte, sie das nächste Mal zuerst zu grüßen. Das war so ein Spiel von mir. Ein sogenanntes Merkspiel zum Mitdenken, ein Service der Längenfeldgasse. Einige von ihnen sah ich in letzter Zeit gar nicht mehr. Wahrscheinlich waren sie verstorben oder machten Urlaub in der Schweiz, ich wusste es auch nicht. In meinem Wohnhaus lebten sehr außergewöhnliche Menschen, und stets war ein Zivildiener anwesend, der meist langes Haar trug, immer zu spät kam und zum ersten Mal in seinem Leben eine Waschmaschine bedienen musste, ein Oberbetreuer oder eine Oberbetreuerin, der/die dann die Nacht über blieb, und ein/-e Betreuer/-in, der/die verschwand, bevor die Abendshow im Fernsehen begann. Meine Erlebnisse, die ich tagsüber mit James hatte, interessierten hier niemanden. Anfangs habe ich noch versucht, Geschichten, die mir der Herr mit dem dicken Wintermantel von Bahnsteig 2 erzählte, den Betreuern mitzuteilen, habe aber rasch bemerkt, dass das zu nichts führte. Enttäuscht habe ich es mir irgendwann einmal angewöhnt, nur noch Sätze wie „Da rein und da wieder raus“ oder „Des waß I a net“ von mir zu geben. Viel mehr erwartete hier niemand von mir. Anschließend setzte ich mich dann meist vor das TV-Gerät in unserem Gemeinschaftsraum, zerrte an meinen Hosenbeinen, bis sie rissen und der Betreuer mir neue kaufen musste und gab dumme Kommentare zu dummen Fernsehsendungen von mir.
Nun war ich zugegeben nicht mehr der Jüngste, trotzdem kerngesund und fühlte mich auch so, war lebensfroh und recht umgänglich, mochte kleine Kinder, Katzen, Brieftauben, Bienen wegen der Sache mit dem Honig, Hunde, alle anderen Menschen, vor allem aber Singvögel und Wölfe. Fleischfliegen mochte ich nicht. Seit meinem Einzug ins Wohnheim Wien 14 ging es mir merklich besser als zuvor. Ich aß wieder regelmäßig und schlief zumindest sechs Stunden am Stück. Nach dem Aufwachen blieb ich meist noch im warmen Bett liegen, wälzte mich von links nach rechts und wieder zurück, spielte an mir selbst herum und dachte dabei an die Werkstättenleiterin, die Frau Ladstätter, die ich an diesem Tag noch sehen würde, bis der völlig übermüdete Nachtdiensthabende unfreundlich mein Zimmer betrat und mich anschrie, weil ich wieder einmal ins Bett und auf den Boden gepinkelt hatte. Im Stehen, wohlgemerkt. So viel verrate ich Ihnen. Im Stehen und mit voller Absicht, weil ich den Betreuer Speer Roman nicht leiden konnte. Er schlief in jedem seiner Nachtdienste im Wohnraum, 1. Stock, gleich neben meinem Zimmer, obwohl es im Erdgeschoss einen eigenen Betreuerraum gab, der ihm zur Verfügung stand. Er war stets schlecht gelaunt, rauchte in einem Nachtdienst zwei Schachteln Zigaretten und verputzte eine 300 Gramm Tafel Milka Schokolade, die für alle gedacht war, ganz alleine. Sehr gierig und rücksichtslos, Herr Speer Roman! Ich hörte ihn immer, wenn er onanierte und leise stöhnte, bevor er sich schlafen legte. Seine schlechte Laune, die von seiner Unzufriedenheit gegenüber sich selbst und seinem ichbezogenen Leben herrührte, ließ er ungeniert an seiner Freundin und Kollegin, der Sabine Krämer, seinen anderen Kollegen oder an uns Bewohnern aus. Oft mit üblen Schimpfwörtern sogar, die ich Ihnen ersparen möchte. Ich mochte ihn nicht, hätte ihm am liebsten ins Gesicht gepinkelt, wenn er noch schlief, und wäre dann schnell in mein Zimmer abgetaucht, aber das traute ich mich damals nicht.
Ich versuchte, einen beschämten Eindruck zu machen, wenn er mein Bett frisch überziehen und den Boden aufwischen musste, bevor ich mich anzog, mein rotes Käppchen aufsetzte, mir zwei Klopapierrollen in meine abgenutzte Aktentasche steckte und mit James das Haus verließ. 1:0 für mich, Herr Speer!



2.
Donnerstag war Pflegetag

Wie jeden Tag fuhr ich auch heute wieder drei Stationen in der fast leeren U-Bahn zur Längenfeldgasse. Wenn die Waggons so voll waren, dass immer jemand an mich anstieß, ließ ich die U-Bahn fahren und wartete auf die nächste. Manchmal dauerte das den ganzen Vormittag. Zu meinem Glück war heute nicht so viel los. Am Bahnsteig Längenfeldgasse angekommen, bezog ich umgehend meinen Arbeitsplatz, wie ich den Platz zwischen den beiden Säulen neben einer U-Bahn-Stahlbank, auf der ich meine Aktentasche abstellte, nannte. Gleich dort, wo sich die Mistkübel befanden. Als ich gerade dabei war, meine Kartonröllchen zum Einsatz zu bringen, kam ein Mann mittleren Alters auf James und mich zu. Er erinnerte mich an Roland, einen meiner Mitbewohner, nur war er viel gepflegter und viel besser gekleidet. Ein richtiger Gentleman und besser in allem gegenüber Roland. Sie müssen wissen, in unserer Wohngemeinschaft war jeden Donnerstag Pflegetag, doch hielten sich manche Bewohner nicht an diese Regel. Hielten sich nicht an das, was ausgemacht war und eingefordert werden konnte. Machten frech ihre eigenen Pläne, anstatt sich an ihre individuellen Entwicklungs- und Förderkonzepte zu halten. Eigentlich mussten am Donnerstag alle duschen, Haare waschen und Fingernägel schneiden. Immer donnerstags, weil da Frau Maria, die Fußpflegerin kam, um uns die Zehennägel zu schneiden. Und, wenn man aus der Badewanne kommend, sich zu Frau Maria setzte, ging das gleich in einem Aufwaschen, wie uns das unser Wohnhausleiter, Herr Johannes Mayerling, einst beigebracht hatte. Wie beim Schlachten der Kühe in St. Marx. Einer nach dem anderen und niemand kam davon. Gut durchdacht, Herr Mayerling! Er war einer der wenigen Menschen, der großes Interesse daran hatte, dass wir stets sauber gewaschen waren und einen gepflegten Eindruck machten. Die Bewohner wären die Visitenkarten unseres Hauses, und er müsste dafür geradestehen, erklärte er bei so manchem Gespräch mit einem seiner Kollegen. Spätestens bei der jährlichen Zahnkontrolle merkte dann auch er, dass es seine Kollegen mit seinem Konzept der Sauberkeit nicht so genau nahmen wie er. Von den Bewohnern selbst ganz zu schweigen. Die Frau Gerlinde dagegen war immer sauber und roch stets nach frischen Veilchen. Wie einst Kaiserin Sisi. Sie nahm den Pflegetag ebenso ernst wie ich. Sie roch viel besser und erschien mir viel gepflegter als der Speer Roman. Der hätte auch einmal einen Pflegetag einlegen können, so wie der manchmal gerochen hat. Jeden Donnerstag, wenn Frau Gerlinde von ihrer Werkstätte heimkam, lief sie durch das Wohnheim und rief: „Donnerstag ist Pflegetag!“ Und das so lange, bis die Fußpflegerin ihren Platz bezog und auf den ersten Fuß wartete. Die beiden verstanden sich ausgezeichnet und manchmal verplauderten sie sich sogar. Frau Maria packte dann ganz schnell ihre Scheren und Schaber, ihre Raspeln und Schäler, ihre Zwicker und Ausstecher in ihre große Tasche und fuhr nach Hause. Sie wollte die Show sicher auch nicht verpassen oder einfach nur schnell weg von da. Frau Gerlinde und ich waren so etwas wie ein Paar. So wie Mann und Frau, wie man sie auf der Straße oft sieht, aber nicht so, wie Sie jetzt denken. Nein, nein, geküsst wurde nicht! Wir tanzten gerne zu Silvester den Donauwalzer und hatten eine Vorliebe für Süßspeisen, Mehlspeisen, Nachspeisen und Torten jeder Art. Frau Gerlinde war auch Selbstfahrerin. Das verband uns. Und was glauben Sie, was der Beranek Georg jeden Donnerstag machte? Ganz genau! Er drückte sich so lange vor der Fußpflege, bis ihn der Mayerling aus seinem Zimmer holte, wo er sich am liebsten unter seiner Decke versteckte, er dann als Letzter bei der Fußpflege antreten musste und den Anfang der Fernsehshow verpasste. Eine Show war alles, was um 20:15 auf ORF 2 im Fernsehen lief. Und wer nach Beginn der Sendung einen Platz auf dem Sofa vor dem Fernsehgerät ergattern wollte, hatte meist kein Glück und musste sich die Heimatmusik im Stehen ansehen. Kam immer zu spät, lernte nichts dazu. Dein Problem, Beranek! Und ausgeschimpft wurdest du auch noch. Selbst eingebrockt, lieber Georg! Dein Versteckspiel hatte sich ja wieder einmal ausgezahlt. Pech gehabt, Herr Forcher! Sie mussten wieder einmal ohne den Herrn Beranek anfangen. Mir war das nur recht. Nach einem harten Arbeitstag und der anschließenden Körperpflege konnte ich auf sein nervöses Herumgehopse ohnehin gut verzichten und in Ruhe dem Singverein Hermagor zuhören.

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