Das Ungeheuerliche Muttertier
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 262
ISBN: 978-3-7116-0834-5
Erscheinungsdatum: 20.05.2026
Witzige Wortspiele in besonderen Situationen – gewürzt mit einer pikanten „Sex-Rezeptur“ und dem überraschenden Auftritt eines Bundesministers. Ein Buch voller Humor, Scharfsinn und unerwarteter Wendungen.
Einleitung
Jeder für sich hat eine eigene Mutter. Es gibt sie nur einmal für jeden von uns. Bestimmend in einer Familie ist die Mutter. Gefürchtet ist das Matriarchat, ausgeübt in überintensiver Weise. Alexander „der Große“ verspürte wohl den Machthunger seiner Mutter und zog aus, „Großes“ zu leisten. Von der Ausübung einer mütterlichen Machtposition in ihren köstlichsten Varianten, geradezu alle Lebensbereiche abdeckend, erzählt dieses Buch.
Es erzählt die Lebensweise der Familienmitglieder, die im Großbürgertum aufwuchsen, geführt, belobigt, geherzt, beköstigt, gedemütigt, beleidigt und geschlagen vom Muttertier.
„Auf dem Gut „Marken“ verbrachte die Familie im Norden Westdeutschlands die Nachkriegsjahre. Meine „Amme“, wohl enorm an Körperfülle, erwies sich als eine Adlige höheren blauen Blutes. Ich muss mich bei ihr sehr wohl gefühlt haben. Noch Jahrzehnte später gab es keine Beschwerden. Mein Vater erzählte bei einem Whiskey, dass eines Nachts die Amme in seinem Schlafzimmer stand und nach Geschlechtsverkehr begehrte. Ob der Opulenz des Weibes wehrte er sie mit den Worten ab: „Ich kann nicht, ich kann nicht … ich habe zu viel getrunken.“ Es wirkte und die Dame verschwand. Dann ging es „umzugsmäßig“ gen Südwesten in die Nähe der Firma, von der wir alle prächtig lebten. Die Ehe unserer Eltern – wir waren vier Kinder – blieb zunächst Jahre kinderlos. Die Mutter entschied sich für die Systematik der großen Zahl. Mittags, gut genährt, wollte der Vater gen Firma radeln. Eine entschiedene Hand bugsierte ihn alltäglich in einen Heuschober. Die Mutter muss dort wohl den Rock gelüftet haben. Henner, Arved, Lilly und Horst wurden das Leben geschenkt – sie waren nicht immer nur zur Freude.
Die Mutter war so ungeheuerlich, weil sie fast alle Dinge anders gestaltete als die Mütter, die von Freunden und Freundinnen kennengelernt wurden. Vorab sei erwähnt, dass sie eine typische Gutstochter aus Schlesien war. Ihr Vater gebot über drei Güter, etwa einhundert Angestellte. Sie lebten in einem palastartigen Haus mit Säulen und Türmen. Autos gab es so gut wie keine. Der Kaiser regierte. Mein Großvater Friederich ritt einen Trakehnerfuchs, inspizierte die Feldarbeiten und genoss täglich eine Flasche Champagner – für sich ganz allein. Das ganze berufliche sowie gesellschaftliche Leben war normiert. Man wohnte in den Möbeln der Eltern, kaum gab es irgendwelche Veränderungen. Nach der Ernte begab sich der Großvater zum Verkauf der Erzeugnisse nach Berlin – ohne die Gattin. In der Hauptstadt verschaffte er sich Freuden mit Stehgeiger und Mietdame. Meine Großmutter soll vor Wut geschäumt haben – war aber machtlos. Eigentümer der Güter war Großvater Friederich majorisierend – einen 25%igen Teil hielt noch sein Bruder, der allerdings unter Kuratel stand. Dieser Großonkel lebte die Leidenschaft, alles zu verschenken. An arme Leute. Einmal kam er nur noch in Unterwäsche mit der Kutsche vorgefahren. Im Suff hatte er einen Landarbeiter eingekleidet. So bekam er wöchentlich sein Auskommen, blieb Familienmitglied und mein Großvater hatte freie Hand.
Eher neureich kam die Familie meines Vaters daher. An verschiedenen Standorten sammelten die Tankwagen von Tausenden von Landwirten Milch, die zu verschiedenen Erzeugnissen verarbeitet wurde. Der Beginn war ein kleines Lebensmittelgeschäft in der Eifel. Die Urgroßeltern stellten für die Bäcker Vorprodukte her. In immer weiteren Schritten, mit viel Mut und Tüchtigkeit, entwickelte sich so ein mittelständisches Unternehmen mit beachtlichen Marktanteilen. Die Wegnahme aller Fabriken im Ausland, diktiert durch die Alliierten, verfasst im „Versailler Vertrag“, bekümmerte meinen Großvater. Aber er machte weiter, den Verlust wieder auszugleichen. Mein Väterchen wuchs ähnlich luxuriös wie das „Muttertier“ auf. Stolze Villa, immer Chauffeur, Gärtner, Köchin und dergleichen mehr. Der Vater hatte nur eine Schwester, „Ilse“. Ebenfalls beteiligt an der Firma. Später gerieten die beiden in Streit wegen finanzieller Dinge. Da sie nur 30 % eignete, hatte der Vater auch freie Hand für viele Entscheidungen.
Mein Vater war verwöhnt. Aufgewachsen in einer Villa im „Drachenbaustil“, fehlte es an nichts. Ständig waren vier Personen Personal um ihn nebst seiner zarten Schwester „Ilse“. Der Vater war schon als junger Mann ein unruhiger Geist. Das Elternhaus nahm er als Start- und Landebahn für seine Unternehmungen. Das Studium der Juristerei mit Schwerpunkt Kostenrechnung absolvierte er am Genfer See. Sein Vater hatte ihm zwecks Mobilität zum Start des Studiums einen zweisitzigen „Cedes“ geschenkt, der nur dreimal weltweit gebaut wurde. Natürlich ein Cabriolet, schwarz mit roten Ledersitzen. Das war 1935! Solchermaßen ausstaffiert, standen ihm alle Türen offen. Die Mutter hätte ihn als „verwöhnten Bengel“ tituliert – wollte sie doch nur so einen.
Es geschah in Österreich. Dem Vater Hans war nach Schnee. Wie gewohnt quartierte er sich in einem Grandhotel ein. Dort logierte schon meine Mutter mit Freundin. Beim Frühstück in all dem Prunk will mein Vater entdeckt haben, dass die Mutter ihr Ei nicht aß. Am 2. Tag des Verzichts hielt es meinen Vater nicht mehr. Entschlossen näherte er sich dem Damentisch und fragte: „Gnädiges Fräulein – wie ich sehe, essen Sie Ihr Ei nicht. Dürfte ich es haben?“ Meine Mutter gab und so wurden sie über Ei zum Paar.
Anfangs korrespondierten sie wie zwei Buchhalter miteinander. Der eine berichtete dem anderen von seiner Umwelt und dem täglichen Tun. Ganz sachlich, eher nüchtern. Der Vater schrieb: „Mein liebstes Kätzchen, Heute, am Sonntagmorgen, will ich Dir gleich schreiben und zwar gebe ich diesen Brief einem Urlauber mit, damit Du ihn möglichst umgehend bekommst. Zunächst ist also zu vermelden, dass ich umgezogen bin und nun bei sehr netten Leuten wohne und zwar außerhalb der Stadt.“ Beide blieben förmlich, als hätten sie sich nie geküsst. Was war passiert? Der Zweite Weltkrieg hatte beide eingeholt und Vater Hans war zunächst als Wachsoldat für die Lyoner Post abkommandiert. Dort erkannten Vorgesetzte seine perfekten Französischkenntnisse. Zwei Studiendirektoren wurden in Paris suspendiert wegen Quatschübersetzungen. Diese waren wohl gut vor einer Schulklasse mit Literaturinterpretationen – vom Umgangsfranzösisch hatten die Herren wenig Ahnung.
Der Vater nun in Paris. Wie schön! Sein Fotoalbum, das mir später in die Hände fiel, verriet einiges. Als besonderer Soldat hatte er nicht nur zu übersetzen – ihm war auch die Aufgabe aufgetragen worden, Nachtlokale nach der großen und kleinen Nachterlaubnis zu klassifizieren. Dort mag ihm manches angeboten worden sein. Sein Fotoalbum glich einer Modelschau. Nie zuvor hatte ich derartig schöne Frauen gesehen. Sie waren zierlich und strahlten eine unfassbare Poesie aus. Einfach schön. Die Qual der Wahl, eine Französin, oder die Amerikanerin oder meine Mutter zu wählen, muss meinem Vater schwergefallen sein. Das Muttertier, etwa 26 Jahre alt, konnte mit diesen hübschen Weibchen gut mithalten. Sie hatte volles schwarzes Haar, breite slawische Wangen, toll proportioniert mit einem atemberaubenden Busen, an dem ich teil hatte. Ein Wunder, dass mein Vater den Krieg überlebte. Bei einem Außeneinsatz war er einem Zug (ca. 50 Mann) als Übersetzer zugeteilt worden. Plötzlich überall französische Partisanen in der Überzahl. Der Vater hatte sich einen französischen Akzent – wohl aus der Gegend von Lyon – zugelegt. Er gab sich selbst als französischer Partisan unter deutschen Truppen aus und überlebte so als Einziger. Später floh er und meldete sich bei der nächst erreichbaren deutschen Truppe wieder zurück. Ein pfiffiger Vater. Sonst wären wir Kinder gar nicht da, sagte der Vater. Ich zu ihm: „Das hätte ich dir dann auch nicht übel genommen.“ Je härter der Krieg, desto mehr Feldpost. Die Sehnsucht nach Frieden, Familie, war unbändig. Die Mutter wurde mit immer neuen Kosenamen gestreichelt – war es doch endlich Zeit zu heiraten. 1941, mit geradezu fürstlichem Pomp, wurde auf dem schlesischen Obergut geheiratet. Zwei Menschen, die einander wenig kannten, schmiedeten den Bund fürs Leben. Die damalige Gesellschaft kannte ein jahrelanges Ausprobieren nicht. Die Herkunft – die Gesellschaftsschicht – stand über allem. So passte es mit meinen Eltern, den wohlhabenden Elternhäusern, perfekt. Keiner ahnte, dass 1945 der gesamte Ostbesitz weg war. Seine Tochter schützend, hatte mein Opa mit seinem Schwiegersohn per Notarvertrag die Gütertrennung vereinbart. Dann waren gar keine Güter mehr da. Opas neue Idee, die Gütertrennung wieder aufzuheben, stieß bei meinem Vater auf taube Ohren.
Diese Erzählung – aus Erlebtem und etwas Phantasie zusammengesetzt – berichtet über den fortwährenden Ulk, den die Mutter unbewusst produzierte. Sei es an Urlaubsstränden, beim Essen, Autofahrten oder in ihrem Gesellschaftsclub „la Villa“. Viele Zitate entspringen Originaltexten, die meist in Briefform abgefasst wurden. Das Muttertier scheint vor uns zu stehen – mit absoluter Bühnenreife. Das erkannte ich zu spät.
Habt Spaß am Lesen und genießt: „Das ungeheuerliche Muttertier“.
Das Muttertier
Die Meinige war etwas ganz Besonderes. In bald allen Lebenslagen lieferte sie Programm der Extraklasse.
Das fing schon bei meiner Geburt an. Angetrieben von den Wehen der gnädigen Frau sauste der Chauffeur über die Landstraße. Der Vater war ihren Fingernägeln ausgesetzt, als ich während der Fahrt das Licht der Welt erblickte. Von wegen, ich landete auf einem Velourteppich im Fußraum des Autos. Der Geruch von Benzin, gemischt mit dem Duft italienischer Schuhleder und anderer Substanzen, umgab mich. Keiner nahm mich hoch, keiner klopfte mir auf den Rücken zum ersten Schrei. So erfuhr ich schon früh die Härte meines zukünftigen Lebens. Chauffeur möchte ich da nicht gewesen sein.
Zu viert kamen wir vor dem Krankenhaus an. Der Arzt schob seinen Kopf in den Fond des Wagens und fragte: „Wen von euch soll ich als Erstes behandeln?“
Jahrelang war die Ehe unserer Eltern kinderlos. Da ersann die Mutter eine Gattenbehandlung. Alltäglich, nach dem Mittagsmahl, wurde er in eine Scheune geschubst. Die Mutter ließ die Klamotten fallen, der Vater hatte aufzusteigen. Die Methode fruchtete. Das Muttertier gebar vier Kinder hintereinanderweg, wobei eines nicht überlebte.
Angeberei war wesentlicher Lebensinhalt der Mutter. So scharrte sie zum Bridge Damen aus normalen Einkommensverhältnissen um sich, die zumeist älter waren als sie selber, um ordentlich anzugeben. „Mein Mann hat schon wieder eine Fabrik gekauft“ oder der Staubsaugervertreter bot sich an, auch spätabends noch Serviceleistungen zu erbringen. „Der war total schwarz beledert, als ob er frisch von einem Mustang abgestiegen sei.“ Den Bridge-Damen wurde so in ihrem hohen Alter noch eine Prise Sadomaso-Sex entgegengeschleudert. Ich hatte mich in Reiteruniform Gästen zu präsentieren. Die Mutter sprach von vielen Turniererfolgen, obwohl mir der Gaul dazu fehlte. Der Vater gar, da stand eine Golftasche, wurde als „wütender Turnierspieler“ hochgejubelt. Als ich zu Werbezwecken einen königlichen Pkw mit goldenem Wappen fuhr, konnte das Muttertier anfänglich den gewaltigen Auftritt nicht recht einordnen. Dann aber informiert, lechzte sie nach Transport und Vorfahrt allerorten. Erstaunlicherweise hielt sie sich bei den Kostümierungsausgaben zurück. Ihre Vorliebe galt den Farben Gold und Dunkelblau, sodass ich eine Marinekommandöse vor mir sah. Und überhaupt die Pünktlichkeit. Sie hatte uns dressiert, auf die Minute zu erscheinen. 13:00 Uhr war eben 13:00 Uhr und nicht 13:01 Uhr. Für eine Panne oder Autobahnstaus hatte sie kein Verständnis. Punkt 13:00 Uhr ragte der Kopf suchend aus dem Fenster.
Ihre Bankgespräche, ich durfte ab und zu mal mit, bestanden darin, dass der Berater erst einmal eingenordet wurde. Vollkommen ohne Kenntnisse war sie das willkommene Fressen der Banken, ihr Vermögen abzuschmelzen. Jedoch gleich zum Anfang des Gesprächs wurde der Bankberater eingeschüchtert. Immer wieder, so alle fünf Minuten, mit Schlagen der Handtasche auf die Schenkel, wurde dem Verkäufer eingeimpft: „Nur ganz, ganz sicher!“ Tatsächlich hielten ihre Werte den Bestand, bis die Mutter mit 93 Jahren die Sachen nicht mehr übersah. Es spielten sich dann ekelhafte Szenen ab, die ich kurzerhand blockierte, ja sogar rückabwickelte.
Statt eine Art Ritter im Familienwappen, hätten wir besser ein Ei abgebildet. Das Ei spielte schon 1939, als die Eltern sich in einem Alpenhotel kennenlernten, eine Kuppelrolle. Die Mutter aß keines. Der Vater ging an ihren Tisch und bekam nicht nur das Ei, sondern gleich die bildhübsche junge Frau. Noch Jahrzehnte nach dieser Begegnung schwärmte der Vater von diesem wunderbaren Wesen. Er hatte recht.
Dieses Buch erzählt von dem unbändigen Einfallsreichtum meiner Mutter, sich der Gesellschaft mitzuteilen. Sie war eben ungeheuerlich.
Kindheit
Mütterlicherseits wurden Mutter und ihre Eltern aus Schlesien im Weltkrieg II gen Westen vertrieben. In bequemen Kutschwagen machten sie so 30 km pro Tag, um endlich von einem Gutsherrn im Westen willkommen geheißen zu werden. Wir Kinder glaubten zu große Entbehrung während des Trecks kaum. Hatten sie kiloweise Silber und andere Wertsachen mitgebracht. Mein findiger Vater fuhr ihnen mit einem LKW verbotenerweise gen Osten entgegen. Jeder km musste als kriegswichtig nachgewiesen werden. Kurzerhand stellte er sich selber als Fabrikant von Lebensmitteln einen Marschbefehl aus, den er verdutzten Kontrolleuren vor die Nase hielt. Zögerten die Uniformierten, legte er in Französisch nach, indem er ausrief: „fromage, fromage“. Im Reich sprach kaum einer Französisch und er hatte nur durch diese Sprache an der Westfront sein Leben gerettet. Hatte er sich doch in französischer Kluft als Partisan mit Baskenmütze ausgegeben. Nun waren die Eltern mit zwei Kindern im Westen – formidabel erneut untergebracht. Die damalige Zwangswohnraumbewirtschaftung besagte, dass pro Person nur bestimmte Fläche zum Leben gewährt wurde. So suchte sich der Graf v. P. diejenigen aus, die sie schon kannten. Die Gesellschaftsschicht blieb auch im Krieg noch unter sich. Der Graf wählte – die betuchten Flüchtlinge zogen zu. Meine Eltern waren die einzigen Bürgerlichen. Die Mutter genoss noch Jahrzehnte später die täglichen Handküsse. Das Personal redete sie mit „gnädige Frau“ an und tat so, als ob gar keine Kriegssituation herrschte. So die Erzählungen. Als Kind bekam ich von all dem nichts mit. Mein Bewusstsein ging so mit vier Jahren los. Was sich davor abspielte – keine Ahnung. Auf dem Fluchtgut war ich als Baby bestens untergebracht. Litt nicht an Hunger und Durst. Die Lebensmittelfabriken der Familie sorgten. Meine Amme war von enormen Ausmaßen. So hatte ich es kuschelig und schön warm. Diese Dame – recht adelig – verspürte eines Nachts Lust auf Mann. Vollkommen nackend stand sie im Schlafzimmer meines Vaters und begehrte Geschlechtsverkehr. „Nein, nein – ich kann nicht, ich kann nicht“ wimmelte mein Vater die „Rubens-Dame“ ab – „ich bin viel zu betrunken“ --- ließ den Kopf fallen. Die Dame hatte Verständnis und erschien nie wieder. Dies erzählte mir Väterchen nach drei Gin Tonic an einer Schweizer Bar. Mein zweiter Bruder soll mich, während ich im Körbchen lag, bisweilen gedroschen haben. Der haute einfach ins Körbchen. Eifersüchtig, dass nun die elterliche Liebe neu aufgeteilt war. Der drosch einfach ins Körbchen, bis es bemerkt wurde. Niemals habe ich ihm diese Schläge zurückgezahlt. Brüderchen sauste einmal auf den Großvater zu. Dieser saß unbekleidet auf dem Bettrand. Eine solche Masse an Körper hatte Henner noch nicht gesehen. Sauste auf ihn zu, rief „Fleuschi, Fleuschi“ (Fleisch) und biss den Großvater in den Oberschenkel. Erstaunt schlackerte er diesen kleinen Beißer ab. Henner, mein älterer Bruder, produzierte schon als Kind besondere Geschichten. Als Erwachsener übertraf er sich selbst. Mein ältester Bruder Otto war mit seinem Kindermädchen auf der Promenade der Nordsee-Insel Norderney unterwegs. Das Kindermädchen, sicherlich ein goldiges Weibchen, hatte sich in den Strandkorbwärter verknallt, der sie auf dem Promenadengang knutschend begleitete. Sie setzten sich auf eine Bank, versanken in ihrer Umarmung minutenlang, während es geschah. Ottos Kinderwagen stand gegen den heftigen Seewind. Die Promenade war leicht abschüssig zur See. Es herrschte Flut. Die Wehrung zur See war so konstruiert, dass die Wellen auflaufen und wieder ablaufen konnten. So wird die Wellenenergie absorbiert. Der Wind packte den Kinderwagen – er rollte ins Meerwasser. Otto trieb in seinem Kinderwagen in der Brandung davon. Das Liebespaar löste sich. Wie automatisch griff das Kindermädchen nach dem Babywagen – ins Leere. Ihr Freund jagte in die Wellen – doch zu spät. Das Kind konnte nur noch tot geborgen werden. Dieser unfassbare Schmerz war von nun an allgegenwärtig. Die Eltern haderten mit der christlichen Religion. Die Mutter empfand Religion als ein Medium, das mitzugestalten hatte. Wie konnte „Gott das zulassen“ hörte ich sie unser Leben lang trauern. Das Kindermädchen wurde verhaftet und verschwand in den Armen der Justiz.
Da waren wir nur noch zwei – Henner und Arved.
Doch es sollte sich noch ein Mägdelein hinzugesellen. Lilly wurde in Baden am Rhein geboren. Da waren wir wieder drei. Sie erhielt den Spitznamen „Das Balg“, war sie eine gehörige Portion von einer Knutschkugel – klein, mopsig mit glühenden dunklen Augen. Auch Lilly bot besondere, nicht alltägliche Programme zur Erheiterung. Schon zur Geburt war Väterchen nicht mehr der Treueste. Auf seinen Verkaufstouren durch ganz Deutschland betörte er meist Sekretärinnen-Röcke. Der Vater, ein stattlicher Mann von 1,90 m, schlank, blond, geradezu eine göttlich-griechische Schönheit, brauchte nur aufzutreten. Er heimste zu guten Preisen einen Vertrag nach dem anderen wie von selbst ein. Andere Anbieter konnten ihm nicht das Wasser reichen. Die Abnehmer unserer Produkte hatten einen so hohen Identifikationsgrad – alle wollten so sein wie er –, dass Lieferungen nur durch die Gebr. Beckmann-Werke erwünscht waren. An einem Vertriebstag legte er den Besuch der Firmen so, dass er die Firma mit der hübschesten Sekretärin zuletzt besuchte. Zuvor angemeldet, wusste die Begehrte, dass er kommen würde. Selbstredend stieg er nur in den besten Hotels ab. Er verabschiedete sich am späten Nachmittag bei seinem letzten Termin. Mit seinem schwarzen „Cedes“ als Cabriolet, innen rote Lederpolster und auf den Kotflügeln aufgesetzte Leuchten, schnurrte er zur jungen Dame, um sie zu einem Abendmahl zu geleiten. Der Ehering war dann futsch. Dass wir nicht noch viele andere Brüderchen und Schwesterchen bekamen, gleicht einem Wunder.
Die Eltern trennten sich lokal. Die Mutter wurde in Baden in einem wunderschönen Haus am Rhein mit ihren drei Kindern + Großeltern + Personal untergebracht. Väterchen hatte sich mit der Firmenzentrale nach Düssel begeben – bewohnte ein Penthouse. Nur so war eine Harmonie der Eltern gestaltbar. Der Vater war möglichst oft weg und kam quasi als „Tourist“ ab und zu mal vorbei, um nachzusehen, ob sie noch alle da waren. Zuvor gab es eine Schlacht der Anwälte. Das Muttertier – natürlich ohne Ausbildung „aber Hans, ich war doch Gutstochter“ – hatte große Geldforderungen. Wirtschaftsprüfer rechneten Vater Hans vor, welch kolossale Ansprüche die junge Gattin mit drei Kindern habe. „Das hätte mich die Firma gekostet“ stellte er fest. So hatte er die regionale Trennung mit bisweiligen Besuchen erdacht. Die Elternteile waren zufrieden. Gesellschaftlich waren die beiden im Club „la Villa“ organisiert. Dort gab es Bälle jeder Art, mit denen ich mein Forum für den Schwanz fand. Dazu später ausführlich!
…
Jeder für sich hat eine eigene Mutter. Es gibt sie nur einmal für jeden von uns. Bestimmend in einer Familie ist die Mutter. Gefürchtet ist das Matriarchat, ausgeübt in überintensiver Weise. Alexander „der Große“ verspürte wohl den Machthunger seiner Mutter und zog aus, „Großes“ zu leisten. Von der Ausübung einer mütterlichen Machtposition in ihren köstlichsten Varianten, geradezu alle Lebensbereiche abdeckend, erzählt dieses Buch.
Es erzählt die Lebensweise der Familienmitglieder, die im Großbürgertum aufwuchsen, geführt, belobigt, geherzt, beköstigt, gedemütigt, beleidigt und geschlagen vom Muttertier.
„Auf dem Gut „Marken“ verbrachte die Familie im Norden Westdeutschlands die Nachkriegsjahre. Meine „Amme“, wohl enorm an Körperfülle, erwies sich als eine Adlige höheren blauen Blutes. Ich muss mich bei ihr sehr wohl gefühlt haben. Noch Jahrzehnte später gab es keine Beschwerden. Mein Vater erzählte bei einem Whiskey, dass eines Nachts die Amme in seinem Schlafzimmer stand und nach Geschlechtsverkehr begehrte. Ob der Opulenz des Weibes wehrte er sie mit den Worten ab: „Ich kann nicht, ich kann nicht … ich habe zu viel getrunken.“ Es wirkte und die Dame verschwand. Dann ging es „umzugsmäßig“ gen Südwesten in die Nähe der Firma, von der wir alle prächtig lebten. Die Ehe unserer Eltern – wir waren vier Kinder – blieb zunächst Jahre kinderlos. Die Mutter entschied sich für die Systematik der großen Zahl. Mittags, gut genährt, wollte der Vater gen Firma radeln. Eine entschiedene Hand bugsierte ihn alltäglich in einen Heuschober. Die Mutter muss dort wohl den Rock gelüftet haben. Henner, Arved, Lilly und Horst wurden das Leben geschenkt – sie waren nicht immer nur zur Freude.
Die Mutter war so ungeheuerlich, weil sie fast alle Dinge anders gestaltete als die Mütter, die von Freunden und Freundinnen kennengelernt wurden. Vorab sei erwähnt, dass sie eine typische Gutstochter aus Schlesien war. Ihr Vater gebot über drei Güter, etwa einhundert Angestellte. Sie lebten in einem palastartigen Haus mit Säulen und Türmen. Autos gab es so gut wie keine. Der Kaiser regierte. Mein Großvater Friederich ritt einen Trakehnerfuchs, inspizierte die Feldarbeiten und genoss täglich eine Flasche Champagner – für sich ganz allein. Das ganze berufliche sowie gesellschaftliche Leben war normiert. Man wohnte in den Möbeln der Eltern, kaum gab es irgendwelche Veränderungen. Nach der Ernte begab sich der Großvater zum Verkauf der Erzeugnisse nach Berlin – ohne die Gattin. In der Hauptstadt verschaffte er sich Freuden mit Stehgeiger und Mietdame. Meine Großmutter soll vor Wut geschäumt haben – war aber machtlos. Eigentümer der Güter war Großvater Friederich majorisierend – einen 25%igen Teil hielt noch sein Bruder, der allerdings unter Kuratel stand. Dieser Großonkel lebte die Leidenschaft, alles zu verschenken. An arme Leute. Einmal kam er nur noch in Unterwäsche mit der Kutsche vorgefahren. Im Suff hatte er einen Landarbeiter eingekleidet. So bekam er wöchentlich sein Auskommen, blieb Familienmitglied und mein Großvater hatte freie Hand.
Eher neureich kam die Familie meines Vaters daher. An verschiedenen Standorten sammelten die Tankwagen von Tausenden von Landwirten Milch, die zu verschiedenen Erzeugnissen verarbeitet wurde. Der Beginn war ein kleines Lebensmittelgeschäft in der Eifel. Die Urgroßeltern stellten für die Bäcker Vorprodukte her. In immer weiteren Schritten, mit viel Mut und Tüchtigkeit, entwickelte sich so ein mittelständisches Unternehmen mit beachtlichen Marktanteilen. Die Wegnahme aller Fabriken im Ausland, diktiert durch die Alliierten, verfasst im „Versailler Vertrag“, bekümmerte meinen Großvater. Aber er machte weiter, den Verlust wieder auszugleichen. Mein Väterchen wuchs ähnlich luxuriös wie das „Muttertier“ auf. Stolze Villa, immer Chauffeur, Gärtner, Köchin und dergleichen mehr. Der Vater hatte nur eine Schwester, „Ilse“. Ebenfalls beteiligt an der Firma. Später gerieten die beiden in Streit wegen finanzieller Dinge. Da sie nur 30 % eignete, hatte der Vater auch freie Hand für viele Entscheidungen.
Mein Vater war verwöhnt. Aufgewachsen in einer Villa im „Drachenbaustil“, fehlte es an nichts. Ständig waren vier Personen Personal um ihn nebst seiner zarten Schwester „Ilse“. Der Vater war schon als junger Mann ein unruhiger Geist. Das Elternhaus nahm er als Start- und Landebahn für seine Unternehmungen. Das Studium der Juristerei mit Schwerpunkt Kostenrechnung absolvierte er am Genfer See. Sein Vater hatte ihm zwecks Mobilität zum Start des Studiums einen zweisitzigen „Cedes“ geschenkt, der nur dreimal weltweit gebaut wurde. Natürlich ein Cabriolet, schwarz mit roten Ledersitzen. Das war 1935! Solchermaßen ausstaffiert, standen ihm alle Türen offen. Die Mutter hätte ihn als „verwöhnten Bengel“ tituliert – wollte sie doch nur so einen.
Es geschah in Österreich. Dem Vater Hans war nach Schnee. Wie gewohnt quartierte er sich in einem Grandhotel ein. Dort logierte schon meine Mutter mit Freundin. Beim Frühstück in all dem Prunk will mein Vater entdeckt haben, dass die Mutter ihr Ei nicht aß. Am 2. Tag des Verzichts hielt es meinen Vater nicht mehr. Entschlossen näherte er sich dem Damentisch und fragte: „Gnädiges Fräulein – wie ich sehe, essen Sie Ihr Ei nicht. Dürfte ich es haben?“ Meine Mutter gab und so wurden sie über Ei zum Paar.
Anfangs korrespondierten sie wie zwei Buchhalter miteinander. Der eine berichtete dem anderen von seiner Umwelt und dem täglichen Tun. Ganz sachlich, eher nüchtern. Der Vater schrieb: „Mein liebstes Kätzchen, Heute, am Sonntagmorgen, will ich Dir gleich schreiben und zwar gebe ich diesen Brief einem Urlauber mit, damit Du ihn möglichst umgehend bekommst. Zunächst ist also zu vermelden, dass ich umgezogen bin und nun bei sehr netten Leuten wohne und zwar außerhalb der Stadt.“ Beide blieben förmlich, als hätten sie sich nie geküsst. Was war passiert? Der Zweite Weltkrieg hatte beide eingeholt und Vater Hans war zunächst als Wachsoldat für die Lyoner Post abkommandiert. Dort erkannten Vorgesetzte seine perfekten Französischkenntnisse. Zwei Studiendirektoren wurden in Paris suspendiert wegen Quatschübersetzungen. Diese waren wohl gut vor einer Schulklasse mit Literaturinterpretationen – vom Umgangsfranzösisch hatten die Herren wenig Ahnung.
Der Vater nun in Paris. Wie schön! Sein Fotoalbum, das mir später in die Hände fiel, verriet einiges. Als besonderer Soldat hatte er nicht nur zu übersetzen – ihm war auch die Aufgabe aufgetragen worden, Nachtlokale nach der großen und kleinen Nachterlaubnis zu klassifizieren. Dort mag ihm manches angeboten worden sein. Sein Fotoalbum glich einer Modelschau. Nie zuvor hatte ich derartig schöne Frauen gesehen. Sie waren zierlich und strahlten eine unfassbare Poesie aus. Einfach schön. Die Qual der Wahl, eine Französin, oder die Amerikanerin oder meine Mutter zu wählen, muss meinem Vater schwergefallen sein. Das Muttertier, etwa 26 Jahre alt, konnte mit diesen hübschen Weibchen gut mithalten. Sie hatte volles schwarzes Haar, breite slawische Wangen, toll proportioniert mit einem atemberaubenden Busen, an dem ich teil hatte. Ein Wunder, dass mein Vater den Krieg überlebte. Bei einem Außeneinsatz war er einem Zug (ca. 50 Mann) als Übersetzer zugeteilt worden. Plötzlich überall französische Partisanen in der Überzahl. Der Vater hatte sich einen französischen Akzent – wohl aus der Gegend von Lyon – zugelegt. Er gab sich selbst als französischer Partisan unter deutschen Truppen aus und überlebte so als Einziger. Später floh er und meldete sich bei der nächst erreichbaren deutschen Truppe wieder zurück. Ein pfiffiger Vater. Sonst wären wir Kinder gar nicht da, sagte der Vater. Ich zu ihm: „Das hätte ich dir dann auch nicht übel genommen.“ Je härter der Krieg, desto mehr Feldpost. Die Sehnsucht nach Frieden, Familie, war unbändig. Die Mutter wurde mit immer neuen Kosenamen gestreichelt – war es doch endlich Zeit zu heiraten. 1941, mit geradezu fürstlichem Pomp, wurde auf dem schlesischen Obergut geheiratet. Zwei Menschen, die einander wenig kannten, schmiedeten den Bund fürs Leben. Die damalige Gesellschaft kannte ein jahrelanges Ausprobieren nicht. Die Herkunft – die Gesellschaftsschicht – stand über allem. So passte es mit meinen Eltern, den wohlhabenden Elternhäusern, perfekt. Keiner ahnte, dass 1945 der gesamte Ostbesitz weg war. Seine Tochter schützend, hatte mein Opa mit seinem Schwiegersohn per Notarvertrag die Gütertrennung vereinbart. Dann waren gar keine Güter mehr da. Opas neue Idee, die Gütertrennung wieder aufzuheben, stieß bei meinem Vater auf taube Ohren.
Diese Erzählung – aus Erlebtem und etwas Phantasie zusammengesetzt – berichtet über den fortwährenden Ulk, den die Mutter unbewusst produzierte. Sei es an Urlaubsstränden, beim Essen, Autofahrten oder in ihrem Gesellschaftsclub „la Villa“. Viele Zitate entspringen Originaltexten, die meist in Briefform abgefasst wurden. Das Muttertier scheint vor uns zu stehen – mit absoluter Bühnenreife. Das erkannte ich zu spät.
Habt Spaß am Lesen und genießt: „Das ungeheuerliche Muttertier“.
Das Muttertier
Die Meinige war etwas ganz Besonderes. In bald allen Lebenslagen lieferte sie Programm der Extraklasse.
Das fing schon bei meiner Geburt an. Angetrieben von den Wehen der gnädigen Frau sauste der Chauffeur über die Landstraße. Der Vater war ihren Fingernägeln ausgesetzt, als ich während der Fahrt das Licht der Welt erblickte. Von wegen, ich landete auf einem Velourteppich im Fußraum des Autos. Der Geruch von Benzin, gemischt mit dem Duft italienischer Schuhleder und anderer Substanzen, umgab mich. Keiner nahm mich hoch, keiner klopfte mir auf den Rücken zum ersten Schrei. So erfuhr ich schon früh die Härte meines zukünftigen Lebens. Chauffeur möchte ich da nicht gewesen sein.
Zu viert kamen wir vor dem Krankenhaus an. Der Arzt schob seinen Kopf in den Fond des Wagens und fragte: „Wen von euch soll ich als Erstes behandeln?“
Jahrelang war die Ehe unserer Eltern kinderlos. Da ersann die Mutter eine Gattenbehandlung. Alltäglich, nach dem Mittagsmahl, wurde er in eine Scheune geschubst. Die Mutter ließ die Klamotten fallen, der Vater hatte aufzusteigen. Die Methode fruchtete. Das Muttertier gebar vier Kinder hintereinanderweg, wobei eines nicht überlebte.
Angeberei war wesentlicher Lebensinhalt der Mutter. So scharrte sie zum Bridge Damen aus normalen Einkommensverhältnissen um sich, die zumeist älter waren als sie selber, um ordentlich anzugeben. „Mein Mann hat schon wieder eine Fabrik gekauft“ oder der Staubsaugervertreter bot sich an, auch spätabends noch Serviceleistungen zu erbringen. „Der war total schwarz beledert, als ob er frisch von einem Mustang abgestiegen sei.“ Den Bridge-Damen wurde so in ihrem hohen Alter noch eine Prise Sadomaso-Sex entgegengeschleudert. Ich hatte mich in Reiteruniform Gästen zu präsentieren. Die Mutter sprach von vielen Turniererfolgen, obwohl mir der Gaul dazu fehlte. Der Vater gar, da stand eine Golftasche, wurde als „wütender Turnierspieler“ hochgejubelt. Als ich zu Werbezwecken einen königlichen Pkw mit goldenem Wappen fuhr, konnte das Muttertier anfänglich den gewaltigen Auftritt nicht recht einordnen. Dann aber informiert, lechzte sie nach Transport und Vorfahrt allerorten. Erstaunlicherweise hielt sie sich bei den Kostümierungsausgaben zurück. Ihre Vorliebe galt den Farben Gold und Dunkelblau, sodass ich eine Marinekommandöse vor mir sah. Und überhaupt die Pünktlichkeit. Sie hatte uns dressiert, auf die Minute zu erscheinen. 13:00 Uhr war eben 13:00 Uhr und nicht 13:01 Uhr. Für eine Panne oder Autobahnstaus hatte sie kein Verständnis. Punkt 13:00 Uhr ragte der Kopf suchend aus dem Fenster.
Ihre Bankgespräche, ich durfte ab und zu mal mit, bestanden darin, dass der Berater erst einmal eingenordet wurde. Vollkommen ohne Kenntnisse war sie das willkommene Fressen der Banken, ihr Vermögen abzuschmelzen. Jedoch gleich zum Anfang des Gesprächs wurde der Bankberater eingeschüchtert. Immer wieder, so alle fünf Minuten, mit Schlagen der Handtasche auf die Schenkel, wurde dem Verkäufer eingeimpft: „Nur ganz, ganz sicher!“ Tatsächlich hielten ihre Werte den Bestand, bis die Mutter mit 93 Jahren die Sachen nicht mehr übersah. Es spielten sich dann ekelhafte Szenen ab, die ich kurzerhand blockierte, ja sogar rückabwickelte.
Statt eine Art Ritter im Familienwappen, hätten wir besser ein Ei abgebildet. Das Ei spielte schon 1939, als die Eltern sich in einem Alpenhotel kennenlernten, eine Kuppelrolle. Die Mutter aß keines. Der Vater ging an ihren Tisch und bekam nicht nur das Ei, sondern gleich die bildhübsche junge Frau. Noch Jahrzehnte nach dieser Begegnung schwärmte der Vater von diesem wunderbaren Wesen. Er hatte recht.
Dieses Buch erzählt von dem unbändigen Einfallsreichtum meiner Mutter, sich der Gesellschaft mitzuteilen. Sie war eben ungeheuerlich.
Kindheit
Mütterlicherseits wurden Mutter und ihre Eltern aus Schlesien im Weltkrieg II gen Westen vertrieben. In bequemen Kutschwagen machten sie so 30 km pro Tag, um endlich von einem Gutsherrn im Westen willkommen geheißen zu werden. Wir Kinder glaubten zu große Entbehrung während des Trecks kaum. Hatten sie kiloweise Silber und andere Wertsachen mitgebracht. Mein findiger Vater fuhr ihnen mit einem LKW verbotenerweise gen Osten entgegen. Jeder km musste als kriegswichtig nachgewiesen werden. Kurzerhand stellte er sich selber als Fabrikant von Lebensmitteln einen Marschbefehl aus, den er verdutzten Kontrolleuren vor die Nase hielt. Zögerten die Uniformierten, legte er in Französisch nach, indem er ausrief: „fromage, fromage“. Im Reich sprach kaum einer Französisch und er hatte nur durch diese Sprache an der Westfront sein Leben gerettet. Hatte er sich doch in französischer Kluft als Partisan mit Baskenmütze ausgegeben. Nun waren die Eltern mit zwei Kindern im Westen – formidabel erneut untergebracht. Die damalige Zwangswohnraumbewirtschaftung besagte, dass pro Person nur bestimmte Fläche zum Leben gewährt wurde. So suchte sich der Graf v. P. diejenigen aus, die sie schon kannten. Die Gesellschaftsschicht blieb auch im Krieg noch unter sich. Der Graf wählte – die betuchten Flüchtlinge zogen zu. Meine Eltern waren die einzigen Bürgerlichen. Die Mutter genoss noch Jahrzehnte später die täglichen Handküsse. Das Personal redete sie mit „gnädige Frau“ an und tat so, als ob gar keine Kriegssituation herrschte. So die Erzählungen. Als Kind bekam ich von all dem nichts mit. Mein Bewusstsein ging so mit vier Jahren los. Was sich davor abspielte – keine Ahnung. Auf dem Fluchtgut war ich als Baby bestens untergebracht. Litt nicht an Hunger und Durst. Die Lebensmittelfabriken der Familie sorgten. Meine Amme war von enormen Ausmaßen. So hatte ich es kuschelig und schön warm. Diese Dame – recht adelig – verspürte eines Nachts Lust auf Mann. Vollkommen nackend stand sie im Schlafzimmer meines Vaters und begehrte Geschlechtsverkehr. „Nein, nein – ich kann nicht, ich kann nicht“ wimmelte mein Vater die „Rubens-Dame“ ab – „ich bin viel zu betrunken“ --- ließ den Kopf fallen. Die Dame hatte Verständnis und erschien nie wieder. Dies erzählte mir Väterchen nach drei Gin Tonic an einer Schweizer Bar. Mein zweiter Bruder soll mich, während ich im Körbchen lag, bisweilen gedroschen haben. Der haute einfach ins Körbchen. Eifersüchtig, dass nun die elterliche Liebe neu aufgeteilt war. Der drosch einfach ins Körbchen, bis es bemerkt wurde. Niemals habe ich ihm diese Schläge zurückgezahlt. Brüderchen sauste einmal auf den Großvater zu. Dieser saß unbekleidet auf dem Bettrand. Eine solche Masse an Körper hatte Henner noch nicht gesehen. Sauste auf ihn zu, rief „Fleuschi, Fleuschi“ (Fleisch) und biss den Großvater in den Oberschenkel. Erstaunt schlackerte er diesen kleinen Beißer ab. Henner, mein älterer Bruder, produzierte schon als Kind besondere Geschichten. Als Erwachsener übertraf er sich selbst. Mein ältester Bruder Otto war mit seinem Kindermädchen auf der Promenade der Nordsee-Insel Norderney unterwegs. Das Kindermädchen, sicherlich ein goldiges Weibchen, hatte sich in den Strandkorbwärter verknallt, der sie auf dem Promenadengang knutschend begleitete. Sie setzten sich auf eine Bank, versanken in ihrer Umarmung minutenlang, während es geschah. Ottos Kinderwagen stand gegen den heftigen Seewind. Die Promenade war leicht abschüssig zur See. Es herrschte Flut. Die Wehrung zur See war so konstruiert, dass die Wellen auflaufen und wieder ablaufen konnten. So wird die Wellenenergie absorbiert. Der Wind packte den Kinderwagen – er rollte ins Meerwasser. Otto trieb in seinem Kinderwagen in der Brandung davon. Das Liebespaar löste sich. Wie automatisch griff das Kindermädchen nach dem Babywagen – ins Leere. Ihr Freund jagte in die Wellen – doch zu spät. Das Kind konnte nur noch tot geborgen werden. Dieser unfassbare Schmerz war von nun an allgegenwärtig. Die Eltern haderten mit der christlichen Religion. Die Mutter empfand Religion als ein Medium, das mitzugestalten hatte. Wie konnte „Gott das zulassen“ hörte ich sie unser Leben lang trauern. Das Kindermädchen wurde verhaftet und verschwand in den Armen der Justiz.
Da waren wir nur noch zwei – Henner und Arved.
Doch es sollte sich noch ein Mägdelein hinzugesellen. Lilly wurde in Baden am Rhein geboren. Da waren wir wieder drei. Sie erhielt den Spitznamen „Das Balg“, war sie eine gehörige Portion von einer Knutschkugel – klein, mopsig mit glühenden dunklen Augen. Auch Lilly bot besondere, nicht alltägliche Programme zur Erheiterung. Schon zur Geburt war Väterchen nicht mehr der Treueste. Auf seinen Verkaufstouren durch ganz Deutschland betörte er meist Sekretärinnen-Röcke. Der Vater, ein stattlicher Mann von 1,90 m, schlank, blond, geradezu eine göttlich-griechische Schönheit, brauchte nur aufzutreten. Er heimste zu guten Preisen einen Vertrag nach dem anderen wie von selbst ein. Andere Anbieter konnten ihm nicht das Wasser reichen. Die Abnehmer unserer Produkte hatten einen so hohen Identifikationsgrad – alle wollten so sein wie er –, dass Lieferungen nur durch die Gebr. Beckmann-Werke erwünscht waren. An einem Vertriebstag legte er den Besuch der Firmen so, dass er die Firma mit der hübschesten Sekretärin zuletzt besuchte. Zuvor angemeldet, wusste die Begehrte, dass er kommen würde. Selbstredend stieg er nur in den besten Hotels ab. Er verabschiedete sich am späten Nachmittag bei seinem letzten Termin. Mit seinem schwarzen „Cedes“ als Cabriolet, innen rote Lederpolster und auf den Kotflügeln aufgesetzte Leuchten, schnurrte er zur jungen Dame, um sie zu einem Abendmahl zu geleiten. Der Ehering war dann futsch. Dass wir nicht noch viele andere Brüderchen und Schwesterchen bekamen, gleicht einem Wunder.
Die Eltern trennten sich lokal. Die Mutter wurde in Baden in einem wunderschönen Haus am Rhein mit ihren drei Kindern + Großeltern + Personal untergebracht. Väterchen hatte sich mit der Firmenzentrale nach Düssel begeben – bewohnte ein Penthouse. Nur so war eine Harmonie der Eltern gestaltbar. Der Vater war möglichst oft weg und kam quasi als „Tourist“ ab und zu mal vorbei, um nachzusehen, ob sie noch alle da waren. Zuvor gab es eine Schlacht der Anwälte. Das Muttertier – natürlich ohne Ausbildung „aber Hans, ich war doch Gutstochter“ – hatte große Geldforderungen. Wirtschaftsprüfer rechneten Vater Hans vor, welch kolossale Ansprüche die junge Gattin mit drei Kindern habe. „Das hätte mich die Firma gekostet“ stellte er fest. So hatte er die regionale Trennung mit bisweiligen Besuchen erdacht. Die Elternteile waren zufrieden. Gesellschaftlich waren die beiden im Club „la Villa“ organisiert. Dort gab es Bälle jeder Art, mit denen ich mein Forum für den Schwanz fand. Dazu später ausführlich!
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