Hat Brendel Brathendl?
Schüttelreime
EUR 17,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 48
ISBN: 978-3-7116-1588-6
Erscheinungsdatum: 28.04.2026
Für einen Roman fehlt die Geduld, für moderne Lyrik der rechte Sinn? Dann ist der Griff zu dieser Sammlung von Schüttelreimen genau richtig – sei es, um sich ein paar Minuten zwischendurch zu amüsieren, sei es, um einen ganzen Abend lang herzhaft zu lachen.
VORBEMERKUNG
Es war ein gemütliches und köstliches Weihnachtsessen bei einer befreundeten Familie, da geriet das Gespräch – keiner weiß mehr wie – plötzlich auf das Thema Schüttelreime. Der ältere der beiden Söhne, obwohl an Literatur überdurchschnittlich interessiert, hatte davon noch nie gehört. Ich erzählte, dass mir ein Kollege zur Geburt unseres Sohnes mit einem schüttelgereimten Vierzeiler von Anton Kippenberg gratuliert hatte:
Da liegt der kleine Wicht; er lacht,
Weil endlich er zum Licht erwacht.
Doch ach! Ihm fehlt die Nabelschnur,
Da hilft der eigne Schnabel nur.
Mich packte der Ehrgeiz, auf die gleiche Weise zu reagieren, und ich brachte die folgende Antwort zustande:
Den Dichter, der vom Kleinen sang,
Erkennt man gleich an seinem Klang.
Zwar hat er nicht mit Rang gedichtet,
Doch sei an Euch mein Dank gerichtet!
Vielleicht waren das meine ersten Schüttelreime; auf jeden Fall blieben es nicht die einzigen. Doch davon später. Der junge Mann war von meinen Zitaten fasziniert, und zwar so sehr, dass er mir zu meinem nächsten Geburtstag Dietrich Brüggemanns Sammlung „Wer parkt denn da sein Mofa mitten auf mein Sofa“ schenkte. War das eine versteckte Aufforderung? Wenigstens konnte man das so verstehen, und ich kramte das Büchlein hervor, das ich in den 90er-Jahren mit einer Menge von Schüttelreimen gefüllt hatte. Das war eine Phase, in der mich das Fieber gepackt hatte.
Und jetzt ergriff es mich abermals, möglicherweise mitveranlasst durch die irgendwo aufgegriffene Bemerkung, der Schüttelreim sei vom Aussterben bedroht. Wie dem auch sei, ich begann meine damaligen Produkte zu sichten, zu korrigieren, zu feilen und ein wenig zu ordnen. Selbst ein paar neue fielen mir ein.
Es reizte mich auch, eine Definition des Schüttelreims zu formulieren. Aber das ist gar nicht so einfach, und so habe ich denn, um nicht mit leeren Händen dazustehen, Anleihen gemacht. Im Internet (Wikipedia) fand ich die folgende Begriffsbestimmung: „(…) ist ein Doppelreim, bei dem die Einzelphoneme oder Konsonantencluster im Anlaut der letzten beiden betonten Silben miteinander vertauscht werden.“ Der Artikel erwähnt auch eine Reihe von Varianten, die mit vielen Beispielen erläutert werden. Demgegenüber hatte sich Gero von Wilpert in seinem in den 1950er-Jahren erstmals erschienenen „Sachwörterbuch der Literatur“ wesentlich knapper (und verständlicher!) gefasst: „Reimspiel mit den Wortbedeutungen: Vertauschung der Anfangskonsonanten der zwei oder mehr reimenden Silben oder Worte eines Reimpaars zu überraschendem neuen Sinn: >Fink und Star< zu >stink’ und fahr!<.“ Zwar hatte er ohne die Berücksichtigung von Sonderformen eine Verkürzung in Kauf genommen, dafür aber ein in der Wikipedia-Definition fehlendes entscheidendes Element eingefügt: das Spiel mit den Wortbedeutungen, das zu überraschend neuem Sinn führt. Das ist doch der Grund, weshalb der Schüttelreim seit dem 19. Jahrhundert der bei uns so beliebte „vergnügliche Zweizeiler“ geworden ist! Aber keineswegs nur vergnüglich. Er bietet eine große Bandbreite in Tonlage und Inhalt: poetisch-lyrisch, banal, frech, frivol, makaber, skurril, unlogisch, total sinnfrei und noch manches mehr. Ja, in Einzelfällen mag er sogar den Tiefsinn streifen. Hauptsache: er überrascht und unterhält und amüsiert – je nachdem.
Zur Bühne man die Lampen richte,
Damit sie strahlt im Rampenlichte.
KULINARISCHES
Ikea-Möbel beizen wir
Mit frisch gebrautem Weizenbier.
Erst trank fünf Maß er sachte leer,
Danach im Suff er lachte sehr.
Willst du mir meinen Humpen klauen,
So werd’ ich dich in Klumpen hauen.
Es steigt die Muskateller-Kür
Gleich hinter dieser Kellertür.
An jenem Tore rankte Wein,
Wo ein Besoffner wankte rein.
Sehr gerne trinkt der Hagen Saft;
Denn der schmeckt wirklich sagenhaft.
Tust du mit der Milch knausern,
Wird nie sich der Knilch mausern.
Ich hab’ kein Manna hier,
Drum gibt es Hanna mir.
Über Bärbels Pflaumenkuchen
Wird bestimmt kein Gaumen fluchen.
Die Damen eine Tasse kapern;
Die Herren zu der Kasse tapern.
Das Kind im Freudenbanne taumelt,
Weil Süßes an der Tanne baumelt.
Der Maat trinkt in der Regel Saft,
Bevor er seine Segel rafft.
Bei uns gibt es kein Warten
Auf Speise- und Weinkarten.
Er führt uns oft in Scheinwelten;
Soll ich darum den Wein schelten?
Ein Bild von dem Weinland
Malt er auf die Leinwand.
Im Haus, das wir jetzt haben, wohn’ ich
Und streich aufs Toastbrot Wabenhonig.
Der Eintopf hat mit Macht gedampft;
Ich hab ihn mit Bedacht gemampft.
Schlimm, wie mich seit den Plöner Tagen
Bei der Verdauung Döner plagen.
Wie beim Verdauen reine Kleie
Wirkt dieser Pillen kleine Reihe.
Im Wald kann man nicht Kuchen backen,
Weil Schweine an die Buchen kacken.
VARIA I
Wo Kavaliere reiten sollen,
Die Autos an die Seiten rollen.
Gar hoch erfreut der Ginster Frauen,
Vor dem sie sich, ist’s finster, grauen.
Sie will im schönen Wintergarten
Auf ihn, den lieben Günter, warten.
Kein Mensch geht in das Hallenbad,
Der dick geschwoll’ne Ballen hat.
Am Automat Verrückte zocken;
Auf dem Parkett Verzückte rocken.
Wenn Rowdys wirklich milde wären,
Gäb’s nicht so viele wilde Mären.
Ein Feuer an der Fichte schüren
Kann zu ’ner Mordsgeschichte führen.
Der Kranz an einer Fichte Rest
Symbolisiert das Richtefest.
Die Sammlung fein polierter Möbel
Aus Bosheit demoliert der Pöbel.
Er grübelt in der Rosenlaube,
Wie er die Herbstzeitlosen raube.
Wie heißt euer Hausmeister?
Du sagst es mir: Maus heißt er.
Das Stahlwerk liefert schwache Röhren,
Da kann ich nur noch Rache schwören.
Wie er den Bogen raushat:
Ganz billig kauft er Hausrat.
Für alte Frau’n und bleiche Greise:
Bei Aldi gelten gleiche Preise.
HISTORISCHES
Diogenes wollt’ Sonne tanken,
Doch Schatten auf die Tonne sanken.
Der Varus, ein gar rauer Degen,
War klitschenass vom Dauerregen.
Für Hilger W.
Kein Pfaff’ wird Luthers Thesen loben;
Vielmehr wird er beim Lesen toben.
Unter der Mafia toten Paten
War’n wohl auch ein paar Potentaten.
Genussvoll fährt man Eisenbahn;
Selbst Autofahrer beißen an.
Man hört in seiner Freizeit lallen
Den Postminister Postleitzahlen.
Die Unzahl schwerer Krisen rafft
Dahin des Landes Riesenkraft.
Es war ein gemütliches und köstliches Weihnachtsessen bei einer befreundeten Familie, da geriet das Gespräch – keiner weiß mehr wie – plötzlich auf das Thema Schüttelreime. Der ältere der beiden Söhne, obwohl an Literatur überdurchschnittlich interessiert, hatte davon noch nie gehört. Ich erzählte, dass mir ein Kollege zur Geburt unseres Sohnes mit einem schüttelgereimten Vierzeiler von Anton Kippenberg gratuliert hatte:
Da liegt der kleine Wicht; er lacht,
Weil endlich er zum Licht erwacht.
Doch ach! Ihm fehlt die Nabelschnur,
Da hilft der eigne Schnabel nur.
Mich packte der Ehrgeiz, auf die gleiche Weise zu reagieren, und ich brachte die folgende Antwort zustande:
Den Dichter, der vom Kleinen sang,
Erkennt man gleich an seinem Klang.
Zwar hat er nicht mit Rang gedichtet,
Doch sei an Euch mein Dank gerichtet!
Vielleicht waren das meine ersten Schüttelreime; auf jeden Fall blieben es nicht die einzigen. Doch davon später. Der junge Mann war von meinen Zitaten fasziniert, und zwar so sehr, dass er mir zu meinem nächsten Geburtstag Dietrich Brüggemanns Sammlung „Wer parkt denn da sein Mofa mitten auf mein Sofa“ schenkte. War das eine versteckte Aufforderung? Wenigstens konnte man das so verstehen, und ich kramte das Büchlein hervor, das ich in den 90er-Jahren mit einer Menge von Schüttelreimen gefüllt hatte. Das war eine Phase, in der mich das Fieber gepackt hatte.
Und jetzt ergriff es mich abermals, möglicherweise mitveranlasst durch die irgendwo aufgegriffene Bemerkung, der Schüttelreim sei vom Aussterben bedroht. Wie dem auch sei, ich begann meine damaligen Produkte zu sichten, zu korrigieren, zu feilen und ein wenig zu ordnen. Selbst ein paar neue fielen mir ein.
Es reizte mich auch, eine Definition des Schüttelreims zu formulieren. Aber das ist gar nicht so einfach, und so habe ich denn, um nicht mit leeren Händen dazustehen, Anleihen gemacht. Im Internet (Wikipedia) fand ich die folgende Begriffsbestimmung: „(…) ist ein Doppelreim, bei dem die Einzelphoneme oder Konsonantencluster im Anlaut der letzten beiden betonten Silben miteinander vertauscht werden.“ Der Artikel erwähnt auch eine Reihe von Varianten, die mit vielen Beispielen erläutert werden. Demgegenüber hatte sich Gero von Wilpert in seinem in den 1950er-Jahren erstmals erschienenen „Sachwörterbuch der Literatur“ wesentlich knapper (und verständlicher!) gefasst: „Reimspiel mit den Wortbedeutungen: Vertauschung der Anfangskonsonanten der zwei oder mehr reimenden Silben oder Worte eines Reimpaars zu überraschendem neuen Sinn: >Fink und Star< zu >stink’ und fahr!<.“ Zwar hatte er ohne die Berücksichtigung von Sonderformen eine Verkürzung in Kauf genommen, dafür aber ein in der Wikipedia-Definition fehlendes entscheidendes Element eingefügt: das Spiel mit den Wortbedeutungen, das zu überraschend neuem Sinn führt. Das ist doch der Grund, weshalb der Schüttelreim seit dem 19. Jahrhundert der bei uns so beliebte „vergnügliche Zweizeiler“ geworden ist! Aber keineswegs nur vergnüglich. Er bietet eine große Bandbreite in Tonlage und Inhalt: poetisch-lyrisch, banal, frech, frivol, makaber, skurril, unlogisch, total sinnfrei und noch manches mehr. Ja, in Einzelfällen mag er sogar den Tiefsinn streifen. Hauptsache: er überrascht und unterhält und amüsiert – je nachdem.
Zur Bühne man die Lampen richte,
Damit sie strahlt im Rampenlichte.
KULINARISCHES
Ikea-Möbel beizen wir
Mit frisch gebrautem Weizenbier.
Erst trank fünf Maß er sachte leer,
Danach im Suff er lachte sehr.
Willst du mir meinen Humpen klauen,
So werd’ ich dich in Klumpen hauen.
Es steigt die Muskateller-Kür
Gleich hinter dieser Kellertür.
An jenem Tore rankte Wein,
Wo ein Besoffner wankte rein.
Sehr gerne trinkt der Hagen Saft;
Denn der schmeckt wirklich sagenhaft.
Tust du mit der Milch knausern,
Wird nie sich der Knilch mausern.
Ich hab’ kein Manna hier,
Drum gibt es Hanna mir.
Über Bärbels Pflaumenkuchen
Wird bestimmt kein Gaumen fluchen.
Die Damen eine Tasse kapern;
Die Herren zu der Kasse tapern.
Das Kind im Freudenbanne taumelt,
Weil Süßes an der Tanne baumelt.
Der Maat trinkt in der Regel Saft,
Bevor er seine Segel rafft.
Bei uns gibt es kein Warten
Auf Speise- und Weinkarten.
Er führt uns oft in Scheinwelten;
Soll ich darum den Wein schelten?
Ein Bild von dem Weinland
Malt er auf die Leinwand.
Im Haus, das wir jetzt haben, wohn’ ich
Und streich aufs Toastbrot Wabenhonig.
Der Eintopf hat mit Macht gedampft;
Ich hab ihn mit Bedacht gemampft.
Schlimm, wie mich seit den Plöner Tagen
Bei der Verdauung Döner plagen.
Wie beim Verdauen reine Kleie
Wirkt dieser Pillen kleine Reihe.
Im Wald kann man nicht Kuchen backen,
Weil Schweine an die Buchen kacken.
VARIA I
Wo Kavaliere reiten sollen,
Die Autos an die Seiten rollen.
Gar hoch erfreut der Ginster Frauen,
Vor dem sie sich, ist’s finster, grauen.
Sie will im schönen Wintergarten
Auf ihn, den lieben Günter, warten.
Kein Mensch geht in das Hallenbad,
Der dick geschwoll’ne Ballen hat.
Am Automat Verrückte zocken;
Auf dem Parkett Verzückte rocken.
Wenn Rowdys wirklich milde wären,
Gäb’s nicht so viele wilde Mären.
Ein Feuer an der Fichte schüren
Kann zu ’ner Mordsgeschichte führen.
Der Kranz an einer Fichte Rest
Symbolisiert das Richtefest.
Die Sammlung fein polierter Möbel
Aus Bosheit demoliert der Pöbel.
Er grübelt in der Rosenlaube,
Wie er die Herbstzeitlosen raube.
Wie heißt euer Hausmeister?
Du sagst es mir: Maus heißt er.
Das Stahlwerk liefert schwache Röhren,
Da kann ich nur noch Rache schwören.
Wie er den Bogen raushat:
Ganz billig kauft er Hausrat.
Für alte Frau’n und bleiche Greise:
Bei Aldi gelten gleiche Preise.
HISTORISCHES
Diogenes wollt’ Sonne tanken,
Doch Schatten auf die Tonne sanken.
Der Varus, ein gar rauer Degen,
War klitschenass vom Dauerregen.
Für Hilger W.
Kein Pfaff’ wird Luthers Thesen loben;
Vielmehr wird er beim Lesen toben.
Unter der Mafia toten Paten
War’n wohl auch ein paar Potentaten.
Genussvoll fährt man Eisenbahn;
Selbst Autofahrer beißen an.
Man hört in seiner Freizeit lallen
Den Postminister Postleitzahlen.
Die Unzahl schwerer Krisen rafft
Dahin des Landes Riesenkraft.

