Wo die Stille uns findet
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 140
ISBN: 978-3-7116-0817-8
Erscheinungsdatum: 15.07.2025
Nach einer folgenschweren Diagnose flieht Annika von der Nordsee und mietet eine Wohnung in den Alpen. Dort trifft sie auf Nico, der ebenfalls mit einem Schicksalsschlag kämpft. Zwei Menschen, zwei Schicksale – und vielleicht die Chance auf Heilung und Liebe.
„Ganz gleich, wie beschwerlich
das Gestern war, stets kannst du im Heute von
Neuem beginnen.“
Annika
Das Rattern der Bodenbeläge. Ein kurzes Aufheulen der Automotoren, während sie den Steg langsam hinauftuckern. Die Lautstärke aufgrund der einfahrenden Autos. Das dumpfe Brummen des Schiffsmotors. Das Knirschen von schwerem Metall am Rumpf. Die Möwen kreischen ebenfalls hektisch über meinen Kopf. Der raue Seegang schlägt geruhsam-monoton gegen die Fähre. Abreisende Urlauber unterhalten sich rege über die letzten Wochen. Alle haben ihre Erlebnisse und Erinnerungen gemacht, die Borkum auf ewig ein Teil von ihnen werden lassen. Jeder würde gern kehrtmachen, um den Zauber und die Erholung der Insel länger genießen zu können. Mich außer Acht gelassen.
Hier am endlos wirkenden Wasser können so manche Gedanken frei werden. Getragen vom Wind lösen sie sich am Horizont auf. Auch ich sitze nur zu gern am Strand und erfreue mich an der unendlichen Weite. Der schmale Grat, wo Meer und Himmel aufeinandertreffen. Mit jeder Welle, die gegen die Küste trifft, begegne ich einer neuen Chance, dass meine Ängste und Sorgen weit weggetragen werden. Selbst in stürmischen Zeiten habe ich mich in Meeresnähe nie einsam oder unwohl gefühlt. Niemals, bis zum heutigen Tag. Seit 48 Stunden stelle ich mir immer wieder die gleichen Fragen: Warum? Annika, was erwartet dich nun im Leben, was geschieht mit deinen Zielen, Träumen und Wünschen? Ich bezweifle, dass meine eigenen Fußspuren sichtbar im Sand zurückbleiben werden. Reiche ich aus, so wie ich bin?, hämmert mir die Frage immer und immer wieder im Kopf hin und her.
Ein Klingeln läutet den Rückweg an. Die Inselbahn kehrt wieder um. Laut polternd fährt sie ins Zentrum zurück, um neue Passagiere für die Fähre abzuholen. All diese Geräusche, so vertraut, sind es, die mich im Moment so tief verletzen.
Ich muss hier dringend weg, so weit wie nur möglich, damit ich das Chaos im Kopf ordnen kann. Um Luft zu bekommen, sodass ich wieder frei atmen kann. Schlussendlich vielleicht auf dem Weg, mich selbst wieder zu finden.
Schon komisch, bisher war diese Insel 26 Jahre mein sicherer Hafen. Das Ein und Alles, was ich gebraucht habe. Auf ihr ließ sich alles finden. In den 30 km² hatte bis dato alles Platz. Ich, meine Familie, meine Arbeit, Freunde und meine große Liebe. Ich kenne gefühlt jede Möwe hier beim Namen und hatte nie das Gefühl, es fehlt etwas. Bis jetzt.
In meinen Adern steigt die Nervosität. Der Puls rast durch die Blutbahnen. Die Nerven beginnen zu flattern.
Borkum beherbergt so manche Geschichte erfolgreicher Seefahrer. Aber statt wie Störtebeker angstfrei die Last über Bord zu werfen und einem neuen, spannenden Abenteuer zu folgen, sitze ich auf der Fähre in Richtung Festland. Laufe weg vor allem und jedem. Plan? Diesen gibt es so nicht mehr. Nichts ist mehr so wie vorher. Die Konstante, das Alltägliche, ist verschwunden. Habe den Sinn des Lebens im Sand verloren. Und zurück bleibe nur ich. Allein und ohne jegliche Zukunftsfantasie. Vielleicht auch etwas, wofür ich zu Hause bekannt bin. Annika, das liebe Mädchen von nebenan. Ich war und bin immer zu lieb. Breche nie nennenswert aus. Behalte oft für mich, was ich denke und fühle, um andere nicht vor den Kopf zu stoßen. Schlage nicht über die Stränge. Mag es nach Möglichkeit konfliktlos, harmonisch und bin am liebsten Papas Mädchen. Okay, ich bin ein Einzelkind. Es ist sehr leicht, stolz auf mich zu sein, wenn es keine anderen Maßstäbe gibt. Aber seien wir ehrlich, ich habe mich nie sonderlich weit über die Reling gewagt. Musste ich bisher auch nicht. Mein Leben lief nach einem Muster ab. Ohne komplizierte Schwierigkeiten, die es zu bekämpfen galt.
Diese unkonventionelle Auszeit wird das Abenteuer meines Lebens. Eine Reise in die Ferne und am Ende hoffentlich auch ein Finden zu mir selbst. Borkum ist zu klein geworden, zu eng und vor allem zu hellhörig. Ich habe das Gefühl, erdrückt zu werden. Reingezwängt in Ansichten und Abläufe, die spürbar nicht mehr zu mir passen. Mein innerer Kern muss herausfinden, ob Annika gerade die beste Version von sich selbst ist. Wer bin ich, wer kann ich sein? Gibt es Entwicklungspotenzial? Und hoffentlich kann ich die Auszeit nutzen, damit die riesige Wut abklingen kann. Meine Enttäuschung ist kaum in Worte zu fassen. Deshalb flüchte ich an Land. Muss dringend Raum zwischen mich und die Insel bringen. Wobei Borkum dafür nichts kann, sondern lediglich die Menschen, die sich darauf befinden. Wobei Bewohner in Mehrzahl gesprochen stimmt auch nicht. Es ist nur einer, dem die volle Wut gilt. Ein einziger Mensch, der mich mit seinem Verhalten mehr als nur enttäuscht hat. Er ist für mich Geschichte, so viel steht jedenfalls fest. Sein feiges Verhalten könnte ich niemals verzeihen oder vergessen.
Mir kommt erst jetzt in den Sinn, dass ich keinen blassen Schimmer habe, wo es mich hin verschlägt. War viel zu selten auf dem Festland. Urlaube in Holland mal ausgenommen. Wir sind mit der Familie gerne in Meeresnähe geblieben. Bisher hatte ich auch nie das Gefühl, dass mir etwas fehlen würde. Das Gefühl, etwas zu verpassen, entstand intensiv erst in den letzten zwei Tagen. Doch jetzt ist alles anders.
Nun sitze ich auf der kalten, modrigen Holzbank und scrolle durch den Routenverlauf in meinem Handy. Das Ziel liegt 970 km entfernt, Fahrtzeit ohne Verzögerungen 11 h 30 min. Mein Vorhaben könnte man als geistige Umnachtung betiteln, aber die schlaflosen Nächte und die jüngsten Ereignisse haben nun mal Früchte getragen.
Weg, bloß weit fort von hier.
Kein Meer direkt in Sichtweite und hoffentlich ein nicht intakter Funkmast in den Bergen.
Ich will Ruhe, einfach Ruhe. In meinem Puls, in meinem Herz und in meinem Kopf.
Ich habe online ein modernes Bauernhaus mit entzückender Holzfassade angemietet. Dazu eine Aussicht, die ich nie zuvor gesehen habe.
Ok, manche solcher Bilder sind gefaked und schöner gefiltert. Aber das bergige Panorama an sich bleibt für mich einzigartig neu. Enorme Gebirge bis hoch in das Himmelszelt. Andere Farben, andere Menschen, ein unbekanntes Abenteuer, das mich hoffentlich von meinem eigenen Desaster ablenkt.
Eine energiegeladene Vorfreude auf das Bevorstehende durchflutet mich. Zaghaft schleicht sich ein Lächeln auf meine Lippen. Gewaltige Berge werden durch weiße Wolken auf den Beispielbildern umrahmt. Sie schlängeln sich federleicht um die Gipfel. Keine blaue Weite des Meeres direkt vor meiner Haustür. Keine kreischenden Möwen über mir, bei denen ich direkt Angst um mein Essen haben muss.
Bei meiner eigenwilligen Planungsvorbereitung habe ich bei Google Maps dennoch Bergseen gefunden, in denen sich die grauen Giganten atemberaubend schön spiegeln.
Eine phänomenale Aufnahme eines Sees, die einen sprachlos werden lässt. Grund für meine reservierte Unterkunft.
Ok, ohne Wasser werde ich offensichtlich nie so richtig klarkommen. Aber ich verbuche dies als erste Erkenntnis meiner Selbstfindungsreise.
Alle schweren Tore auf dem Schiff wurden geschlossen. Sirenen erklingen. Es gibt kein Zurück mehr. Motoren brummen auf Höchstleistung.
Der massive Schiffskoloss beginnt sich zu bewegen. Die Fähre legt langsam ab. Mein nachdenklicher Blick schweift über die See des heutigen Tages. Die Wasseroberfläche ruht in der Ferne. Nur winzige Wellen erreichen das Schiff. Der Motor wirbelt durchsetzungsstark Wassermassen auf. Das Blau wandelt sich in weiße Brecher. Und mir wird klar, dass meine Reise beginnt. Ein Trip so groß und bedeutend, dass ich beim Gedanken schwer schlucke. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich schließe meine Augen und zwinge mich zum Durchatmen. Durch meine Ohren dröhnt das Blut meiner Adern. In meiner Brust wird es eng. Der Herzschlag wird langsamer. Meine Hände beginnen zu kribbeln. Werden schlagartig feucht.
Atmen, Annika, tief durchatmen.
Ich will eine Veränderung und muss diesen Trip hier unbedingt durchziehen. Auf keinen Fall drehe ich jetzt um. Startende Panikattacke hin oder her. Verschließe mich und ziehe mich wieder einmal ins Schneckenhaus zurück, noch bevor eine Öffnung stattfinden konnte.
Nein, atme, Annika. Du schaffst das. Mach dich nicht kleiner, als du bist. Wo ist der Glaube an dich selbst in den letzten Jahren abgeblieben? Wo ist dein Mut, der jegliche Hindernisse überqueren kann? Ich schiebe Gedanken ans Gestern, Heute und Morgen beiseite. Mein Körper fühlt sich an wie Blei, die Arme sind schwer und die Augen sicher noch angeschwollen. Auf abdunkelndes Basecap und Sonnenbrille habe ich heute Morgen trotzdem verzichtet.
Ehrlich gesagt, habe ich ebenso den Blick in den Spiegel weggelassen. Hätte er mir deutlich zeigen sollen, was ich auch alleine erahne und spüre?: Rote und müde Augen, die in den letzten Tagen kaum geschlossen waren, mit Tränensäcken, die sichtbar aufgequollen sind.
Die trockene Haut an der Nase, Andenken vieler verbrauchter Taschentücher. Und eine bleiche Gesichtsfarbe, die auf den Ausgang der zurückliegenden Arbeitswoche, den Verrat und den Vertrauensverlust nicht vorbereitet war. Und so wurde der eingestaubte Sekt, ein Überbleibsel der letzten Feierlichkeiten, mein täglicher Begleiter. Ist im Nachhinein nicht die beste Idee gewesen, hat aber geholfen, kurzzeitig den Kopf und die quälenden Gedanken auszuschalten. Auf Dauer definitiv eine falsche Wahl für mich. Das Leben hat mir den Boden weggerissen, aber ich werde meinen Kummer nicht mit Daueralkoholkonsum wegtrinken.
Darum habe ich beschlossen:
Ich habe keine andere Wahl: runter von der Insel, bevor ich im Selbstmitleid ertrinke!
Ich surfte im Web nach Unterkünften. Meine Filteroptionen lauteten: weit entfernt vom Meer, beeindruckende Aussicht, Verlängerung der Mietzeit möglich, deutschsprachig. Ganz so mutig für die große weite Welt war ich dann doch nicht.
Rasch wurde ich fündig.
Mein Ziel liegt im schönen Österreich.
Es geht für mich aufs Festland, von ebendort mit dem Mietauto Richtung Süden. In Ischgl gebe ich es nach Plan wieder ab und werde vor Ort vom Herbergsvater abgeholt. Anschließend geht es weiter in die Unterkunft: Brand bei Bludenz. Ein süßes Ferienhaus mitten im Grünen. Auf den Beispielbildern sind Bäume, Felder und Wiesen zu sehen. Ebenso sind ein paar Tiere auf dem Grundstück beheimatet.
Tausche Kegelrobbe gegen Bergziege.
Wenn der Vermieter mich nicht versteht, muss ich eben mit ihnen kommunizieren. O Gott, was spricht man dort in der Gegend? Ist Österreich vergleichbar mit der Schweiz, in der mehrere Sprachen ein Zuhause haben? Der Akzent des Landes verunsichert mich Nordlicht schon vor der Ankunft. Wird es eben eine stille Reise, auch nicht verkehrt. Mein Vorhaben ist, zu mir selbst zu finden. Störende Ablenkungen sind daher hinderlich.
Täglich spreche ich auf Arbeit unzählige Wörter, singe oder reime mit den Kindern. Führe Grundsatzdiskussionen, warum Aufräumen zum Spielen ebenso dazugehört. Warum Jungs nicht zwangsläufig stärker sind als die Mädels. Warum die Kurkinder kein Robbenbaby im Koffer mit nach Hause nehmen können. Warum das gemalte Bild dennoch hübsch aussieht, auch wenn die Vorstellung davon eine andere war.
Ruhe, Stille – ertrage ich das denn überhaupt? Ist meine Wenigkeit dafür gemacht? Tief einatmen, Annika, kommuniziere ich mit meinem Unterbewusstsein. Schmerzhafter kann es nicht mehr kommen. Du hast doch bereits deinen Traum verloren.
Ich schließe die Augen.
Die letzten Möwen begleiten die Fähre, bis auch die Mutigsten von ihnen das Schiff alleine weiterziehen lassen. Während ich im Alleingang auf der See schippere, kehren sie zur Küste zurück. Doch umdrehen steht für mich auf keinen Fall zur Debatte. Leicht wehmütig, Mama und Papa zurückzulassen, muss ich aber diese unbekannten Schritte gehen. Das Leben funktioniert nun mal ohne einen sicheren doppelten Boden. Es passiert, was passieren soll. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft. Tiefe Risse zieren mein Herz. Meine Reise brauche ich zum Verarbeiten und Abschließen. Ebenso um das Leben neu zu ordnen. Das Wasser steht mir eh schon bis zum Hals. Aufgeben und Hängen daher völlig ausgeschlossen. Ich würde untergehen. Darum habe ich mich entschieden zu schwimmen. Wer weiß, vielleicht finde ich auf dem höchsten Berg einen Hoffnungsschimmer, an dem ich mich festhalten kann.
Mein Leben nimmt eine neue Route, die mir so vor etlichen Stunden noch nicht vor Augen lag. Ein Handy vibriert, und ohne den Bildschirm zu erblicken, kann ich mir vorstellen, wer anruft.
Ihm ist beim Heimkehren in unsere gemeinsame Wohnung aufgefallen, dass meine Bettseite leer ist, der Schrank halb ausgeräumt und ich nicht mehr an seiner Seite bin.
Nach kurzem Klingeln verstummt es wieder. Funkloch sei Dank. Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar. Mehr als nur eine Floskel. Das Azurblau des Meeres zieht sich bis zum Horizont. Umgeben von Wasser schließe ich die Augen, spüre den Wind, schmecke das Salz und genieße die ungewohnte Stille.
Und plötzlich schleicht mir das Zitat meiner geliebten Oma in den Sinn.
„Anni, Schätzchen, das Glück kommt in Wellen.“ Seufzend lehne ich mich auf der Bank zurück. Hoffe so sehr, sie behält recht.
„Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen,
als man umgeworfen wird.“
Nico
Das grelle Sonnenlicht lässt sich hinter dem Vorhang spärlich erahnen. Es weist mich darauf hin, dass ein weiterer Tag im beschissenen Paradies begonnen hat.
Schlagartig ziehe ich die Decke wieder über den Kopf zurück. Will das Elend nicht sehen. Mein Leben ist aus den Fugen geraten. Verkrieche mich im Dunkeln. Alles Schwarz bringt eine ernüchternde Kargheit mit sich. Doch das Abschotten funktioniert nur bedingt. In der Ferne nehme ich, durch mein geschlossenes Fenster, die bettelnden Rufe von Bärbel und Fridolin laut wahr. Beide flehen jämmerlich über die Weide. So klein und dennoch so unsagbar nervig.
Wozu stehen diese Viecher denn draußen? Erst gestern habe ich die Grünfläche neu gestellt und ihnen wieder kulinarische Möglichkeiten geschaffen.
Eine grüne Wiese mit saftiggrünem Gras, Lichtpunkten aus blauem Enzian, gelben Goldruten und rotem Männertreu. Die Farbpalette an Wildblumen und wohltuenden Kräutern ist doch groß genug. Aber langsam dämmert es mir, dass diese winzigen Vierbeiner einen anderen, gewiefteren Plan verfolgen. Bärbel ist das kleinste und verschmusteste Zicklein, welches ich je gesehen habe. Sie begleitet mich hier auf dem Hof überall hin und weicht mir nach der morgendlichen Fütterung nicht mehr von der Seite. Hin und wieder deutet sie mir an, eine Pause zu machen. Sie stupst mich vorsichtig mit ihrer kleinen, feuchten Nase und stellt sich penetrant in meinen Laufweg. Wenn ich versuche, an ihr vorbeizugehen, beginnt die Schauspielerei von vorne. So lange, bis ich endgültig stehen bleibe und sie sich an mein Bein ankuscheln kann.
Bärbel wurde im Frühjahr hier auf dem Hof meiner Eltern geboren, und so klein sie ist, so groß ist ihr Eigensinn. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Ausdauer diese Vierbeinerin besitzt, bis sie ihre Kuscheleinheit als Belohnung bekommt. Sind Ziegen intelligent? Spürt Bärbel, der kleine Flauschknödel, dass ich derzeit komplett am Arsch bin? Mein Körper, sonst eine durchtrainierte Hochleistungsmaschine, gleicht momentan eher einer Großbaustelle. Mein Körper ist mein Kapital, der es mir ermöglicht, einen Traumjob auszuführen. Egal, was mir bevorsteht, ich kann mir sicher sein, mental und physisch im Reinen zu sein.
Die letzten Wochen zeigten die Kehrseite der Medaille. Mit der Hiobsbotschaft habe ich auf die Fitness geschissen. Ich bin ein Wrack und spreche dabei nicht nur rein vom Äußerlichen.
Ist hier abseits der gewohnten Umgebung im Übrigen etwas schwierig, das Level zu halten. Keine Muckibude in der Nachbarschaft. Hier ist eher oldschool und nature angesagt. Aber mir fehlt die Puste. Ich bin froh, morgens überhaupt die Füße vor das Bett zu bekommen. Den Stillstand meines Trainings schiebe ich auf die fehlenden Möglichkeiten, ins Fitnessstudio zu gehen. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann bin ich bereits morgens ausgepowert. Ganz ohne körperliche Ertüchtigung. Oft liege ich wach im Bett und blicke stündlich auf mein Handy. Innerlich leer. Im nächsten Augenblick voller Fragen, Sorgen und Qualen. Das Leben tickt weiter. Scheiße, verdammt, das kann unmöglich sein. Der Himmel ist aufgerissen, und es prasselt Eisregen auf mich nieder. In mir ist alles erstarrt. Der Schlaf in der Nacht, wenn ich ihn denn habe, reicht nicht aus, um meinen Energiehaushalt aufzufüllen. Auch ohne Hanteltraining schmerzen die Arme und lassen hin und wieder meine Hände schmerzhaft zusammenkrampfen. Lungen brennen, nicht vom Joggen, sondern von den vielen Fragen und Ängsten, die mir die Luft rauben.
Beim Augenaufschlag sehe ich täglich schwarz.
Die Decke schützt mich, bettet mich warm, weil ich mich sonst schrecklich einsam fühle und alles um mich herum so scheiße kalt geworden ist. Meine Schultern hängen tief, sind gefühlt tonnenschwer, sodass ich viel Empathie mit Quasimodo empfinde. Was der arme Kerl wohl alles schultern musste. Der kaputt wirkende Franzose war im Gegensatz zu mir keine 1,88 m groß. Wie er fühle ich mich ausgesetzt, alleingelassen in der großen weiten Welt. Die Zeiger der Uhr drehen sich weiter. Aber ich will nur schreien. Sie anhalten. Besser noch zurückdrehen. Zurück zu den guten Tagen, voller Sonnenschein, bunter Farben und der Anwesenheit meiner Lieblingsmenschen. Doch die Welt macht einfach weiter. Warum? Das Leben ist nicht fair. Dieses Ereignis kann auch nur mir passieren. Der kleine Kerl aus Frankreich hat sich tief in den Schlossmauern eingekesselt und vor der Außenwelt versteckt. Ich befürchte, mir wird das nicht gelingen. Wenigstens noch wenige Augenblicke hier unter meiner Decke.
...
das Gestern war, stets kannst du im Heute von
Neuem beginnen.“
Annika
Das Rattern der Bodenbeläge. Ein kurzes Aufheulen der Automotoren, während sie den Steg langsam hinauftuckern. Die Lautstärke aufgrund der einfahrenden Autos. Das dumpfe Brummen des Schiffsmotors. Das Knirschen von schwerem Metall am Rumpf. Die Möwen kreischen ebenfalls hektisch über meinen Kopf. Der raue Seegang schlägt geruhsam-monoton gegen die Fähre. Abreisende Urlauber unterhalten sich rege über die letzten Wochen. Alle haben ihre Erlebnisse und Erinnerungen gemacht, die Borkum auf ewig ein Teil von ihnen werden lassen. Jeder würde gern kehrtmachen, um den Zauber und die Erholung der Insel länger genießen zu können. Mich außer Acht gelassen.
Hier am endlos wirkenden Wasser können so manche Gedanken frei werden. Getragen vom Wind lösen sie sich am Horizont auf. Auch ich sitze nur zu gern am Strand und erfreue mich an der unendlichen Weite. Der schmale Grat, wo Meer und Himmel aufeinandertreffen. Mit jeder Welle, die gegen die Küste trifft, begegne ich einer neuen Chance, dass meine Ängste und Sorgen weit weggetragen werden. Selbst in stürmischen Zeiten habe ich mich in Meeresnähe nie einsam oder unwohl gefühlt. Niemals, bis zum heutigen Tag. Seit 48 Stunden stelle ich mir immer wieder die gleichen Fragen: Warum? Annika, was erwartet dich nun im Leben, was geschieht mit deinen Zielen, Träumen und Wünschen? Ich bezweifle, dass meine eigenen Fußspuren sichtbar im Sand zurückbleiben werden. Reiche ich aus, so wie ich bin?, hämmert mir die Frage immer und immer wieder im Kopf hin und her.
Ein Klingeln läutet den Rückweg an. Die Inselbahn kehrt wieder um. Laut polternd fährt sie ins Zentrum zurück, um neue Passagiere für die Fähre abzuholen. All diese Geräusche, so vertraut, sind es, die mich im Moment so tief verletzen.
Ich muss hier dringend weg, so weit wie nur möglich, damit ich das Chaos im Kopf ordnen kann. Um Luft zu bekommen, sodass ich wieder frei atmen kann. Schlussendlich vielleicht auf dem Weg, mich selbst wieder zu finden.
Schon komisch, bisher war diese Insel 26 Jahre mein sicherer Hafen. Das Ein und Alles, was ich gebraucht habe. Auf ihr ließ sich alles finden. In den 30 km² hatte bis dato alles Platz. Ich, meine Familie, meine Arbeit, Freunde und meine große Liebe. Ich kenne gefühlt jede Möwe hier beim Namen und hatte nie das Gefühl, es fehlt etwas. Bis jetzt.
In meinen Adern steigt die Nervosität. Der Puls rast durch die Blutbahnen. Die Nerven beginnen zu flattern.
Borkum beherbergt so manche Geschichte erfolgreicher Seefahrer. Aber statt wie Störtebeker angstfrei die Last über Bord zu werfen und einem neuen, spannenden Abenteuer zu folgen, sitze ich auf der Fähre in Richtung Festland. Laufe weg vor allem und jedem. Plan? Diesen gibt es so nicht mehr. Nichts ist mehr so wie vorher. Die Konstante, das Alltägliche, ist verschwunden. Habe den Sinn des Lebens im Sand verloren. Und zurück bleibe nur ich. Allein und ohne jegliche Zukunftsfantasie. Vielleicht auch etwas, wofür ich zu Hause bekannt bin. Annika, das liebe Mädchen von nebenan. Ich war und bin immer zu lieb. Breche nie nennenswert aus. Behalte oft für mich, was ich denke und fühle, um andere nicht vor den Kopf zu stoßen. Schlage nicht über die Stränge. Mag es nach Möglichkeit konfliktlos, harmonisch und bin am liebsten Papas Mädchen. Okay, ich bin ein Einzelkind. Es ist sehr leicht, stolz auf mich zu sein, wenn es keine anderen Maßstäbe gibt. Aber seien wir ehrlich, ich habe mich nie sonderlich weit über die Reling gewagt. Musste ich bisher auch nicht. Mein Leben lief nach einem Muster ab. Ohne komplizierte Schwierigkeiten, die es zu bekämpfen galt.
Diese unkonventionelle Auszeit wird das Abenteuer meines Lebens. Eine Reise in die Ferne und am Ende hoffentlich auch ein Finden zu mir selbst. Borkum ist zu klein geworden, zu eng und vor allem zu hellhörig. Ich habe das Gefühl, erdrückt zu werden. Reingezwängt in Ansichten und Abläufe, die spürbar nicht mehr zu mir passen. Mein innerer Kern muss herausfinden, ob Annika gerade die beste Version von sich selbst ist. Wer bin ich, wer kann ich sein? Gibt es Entwicklungspotenzial? Und hoffentlich kann ich die Auszeit nutzen, damit die riesige Wut abklingen kann. Meine Enttäuschung ist kaum in Worte zu fassen. Deshalb flüchte ich an Land. Muss dringend Raum zwischen mich und die Insel bringen. Wobei Borkum dafür nichts kann, sondern lediglich die Menschen, die sich darauf befinden. Wobei Bewohner in Mehrzahl gesprochen stimmt auch nicht. Es ist nur einer, dem die volle Wut gilt. Ein einziger Mensch, der mich mit seinem Verhalten mehr als nur enttäuscht hat. Er ist für mich Geschichte, so viel steht jedenfalls fest. Sein feiges Verhalten könnte ich niemals verzeihen oder vergessen.
Mir kommt erst jetzt in den Sinn, dass ich keinen blassen Schimmer habe, wo es mich hin verschlägt. War viel zu selten auf dem Festland. Urlaube in Holland mal ausgenommen. Wir sind mit der Familie gerne in Meeresnähe geblieben. Bisher hatte ich auch nie das Gefühl, dass mir etwas fehlen würde. Das Gefühl, etwas zu verpassen, entstand intensiv erst in den letzten zwei Tagen. Doch jetzt ist alles anders.
Nun sitze ich auf der kalten, modrigen Holzbank und scrolle durch den Routenverlauf in meinem Handy. Das Ziel liegt 970 km entfernt, Fahrtzeit ohne Verzögerungen 11 h 30 min. Mein Vorhaben könnte man als geistige Umnachtung betiteln, aber die schlaflosen Nächte und die jüngsten Ereignisse haben nun mal Früchte getragen.
Weg, bloß weit fort von hier.
Kein Meer direkt in Sichtweite und hoffentlich ein nicht intakter Funkmast in den Bergen.
Ich will Ruhe, einfach Ruhe. In meinem Puls, in meinem Herz und in meinem Kopf.
Ich habe online ein modernes Bauernhaus mit entzückender Holzfassade angemietet. Dazu eine Aussicht, die ich nie zuvor gesehen habe.
Ok, manche solcher Bilder sind gefaked und schöner gefiltert. Aber das bergige Panorama an sich bleibt für mich einzigartig neu. Enorme Gebirge bis hoch in das Himmelszelt. Andere Farben, andere Menschen, ein unbekanntes Abenteuer, das mich hoffentlich von meinem eigenen Desaster ablenkt.
Eine energiegeladene Vorfreude auf das Bevorstehende durchflutet mich. Zaghaft schleicht sich ein Lächeln auf meine Lippen. Gewaltige Berge werden durch weiße Wolken auf den Beispielbildern umrahmt. Sie schlängeln sich federleicht um die Gipfel. Keine blaue Weite des Meeres direkt vor meiner Haustür. Keine kreischenden Möwen über mir, bei denen ich direkt Angst um mein Essen haben muss.
Bei meiner eigenwilligen Planungsvorbereitung habe ich bei Google Maps dennoch Bergseen gefunden, in denen sich die grauen Giganten atemberaubend schön spiegeln.
Eine phänomenale Aufnahme eines Sees, die einen sprachlos werden lässt. Grund für meine reservierte Unterkunft.
Ok, ohne Wasser werde ich offensichtlich nie so richtig klarkommen. Aber ich verbuche dies als erste Erkenntnis meiner Selbstfindungsreise.
Alle schweren Tore auf dem Schiff wurden geschlossen. Sirenen erklingen. Es gibt kein Zurück mehr. Motoren brummen auf Höchstleistung.
Der massive Schiffskoloss beginnt sich zu bewegen. Die Fähre legt langsam ab. Mein nachdenklicher Blick schweift über die See des heutigen Tages. Die Wasseroberfläche ruht in der Ferne. Nur winzige Wellen erreichen das Schiff. Der Motor wirbelt durchsetzungsstark Wassermassen auf. Das Blau wandelt sich in weiße Brecher. Und mir wird klar, dass meine Reise beginnt. Ein Trip so groß und bedeutend, dass ich beim Gedanken schwer schlucke. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich schließe meine Augen und zwinge mich zum Durchatmen. Durch meine Ohren dröhnt das Blut meiner Adern. In meiner Brust wird es eng. Der Herzschlag wird langsamer. Meine Hände beginnen zu kribbeln. Werden schlagartig feucht.
Atmen, Annika, tief durchatmen.
Ich will eine Veränderung und muss diesen Trip hier unbedingt durchziehen. Auf keinen Fall drehe ich jetzt um. Startende Panikattacke hin oder her. Verschließe mich und ziehe mich wieder einmal ins Schneckenhaus zurück, noch bevor eine Öffnung stattfinden konnte.
Nein, atme, Annika. Du schaffst das. Mach dich nicht kleiner, als du bist. Wo ist der Glaube an dich selbst in den letzten Jahren abgeblieben? Wo ist dein Mut, der jegliche Hindernisse überqueren kann? Ich schiebe Gedanken ans Gestern, Heute und Morgen beiseite. Mein Körper fühlt sich an wie Blei, die Arme sind schwer und die Augen sicher noch angeschwollen. Auf abdunkelndes Basecap und Sonnenbrille habe ich heute Morgen trotzdem verzichtet.
Ehrlich gesagt, habe ich ebenso den Blick in den Spiegel weggelassen. Hätte er mir deutlich zeigen sollen, was ich auch alleine erahne und spüre?: Rote und müde Augen, die in den letzten Tagen kaum geschlossen waren, mit Tränensäcken, die sichtbar aufgequollen sind.
Die trockene Haut an der Nase, Andenken vieler verbrauchter Taschentücher. Und eine bleiche Gesichtsfarbe, die auf den Ausgang der zurückliegenden Arbeitswoche, den Verrat und den Vertrauensverlust nicht vorbereitet war. Und so wurde der eingestaubte Sekt, ein Überbleibsel der letzten Feierlichkeiten, mein täglicher Begleiter. Ist im Nachhinein nicht die beste Idee gewesen, hat aber geholfen, kurzzeitig den Kopf und die quälenden Gedanken auszuschalten. Auf Dauer definitiv eine falsche Wahl für mich. Das Leben hat mir den Boden weggerissen, aber ich werde meinen Kummer nicht mit Daueralkoholkonsum wegtrinken.
Darum habe ich beschlossen:
Ich habe keine andere Wahl: runter von der Insel, bevor ich im Selbstmitleid ertrinke!
Ich surfte im Web nach Unterkünften. Meine Filteroptionen lauteten: weit entfernt vom Meer, beeindruckende Aussicht, Verlängerung der Mietzeit möglich, deutschsprachig. Ganz so mutig für die große weite Welt war ich dann doch nicht.
Rasch wurde ich fündig.
Mein Ziel liegt im schönen Österreich.
Es geht für mich aufs Festland, von ebendort mit dem Mietauto Richtung Süden. In Ischgl gebe ich es nach Plan wieder ab und werde vor Ort vom Herbergsvater abgeholt. Anschließend geht es weiter in die Unterkunft: Brand bei Bludenz. Ein süßes Ferienhaus mitten im Grünen. Auf den Beispielbildern sind Bäume, Felder und Wiesen zu sehen. Ebenso sind ein paar Tiere auf dem Grundstück beheimatet.
Tausche Kegelrobbe gegen Bergziege.
Wenn der Vermieter mich nicht versteht, muss ich eben mit ihnen kommunizieren. O Gott, was spricht man dort in der Gegend? Ist Österreich vergleichbar mit der Schweiz, in der mehrere Sprachen ein Zuhause haben? Der Akzent des Landes verunsichert mich Nordlicht schon vor der Ankunft. Wird es eben eine stille Reise, auch nicht verkehrt. Mein Vorhaben ist, zu mir selbst zu finden. Störende Ablenkungen sind daher hinderlich.
Täglich spreche ich auf Arbeit unzählige Wörter, singe oder reime mit den Kindern. Führe Grundsatzdiskussionen, warum Aufräumen zum Spielen ebenso dazugehört. Warum Jungs nicht zwangsläufig stärker sind als die Mädels. Warum die Kurkinder kein Robbenbaby im Koffer mit nach Hause nehmen können. Warum das gemalte Bild dennoch hübsch aussieht, auch wenn die Vorstellung davon eine andere war.
Ruhe, Stille – ertrage ich das denn überhaupt? Ist meine Wenigkeit dafür gemacht? Tief einatmen, Annika, kommuniziere ich mit meinem Unterbewusstsein. Schmerzhafter kann es nicht mehr kommen. Du hast doch bereits deinen Traum verloren.
Ich schließe die Augen.
Die letzten Möwen begleiten die Fähre, bis auch die Mutigsten von ihnen das Schiff alleine weiterziehen lassen. Während ich im Alleingang auf der See schippere, kehren sie zur Küste zurück. Doch umdrehen steht für mich auf keinen Fall zur Debatte. Leicht wehmütig, Mama und Papa zurückzulassen, muss ich aber diese unbekannten Schritte gehen. Das Leben funktioniert nun mal ohne einen sicheren doppelten Boden. Es passiert, was passieren soll. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft. Tiefe Risse zieren mein Herz. Meine Reise brauche ich zum Verarbeiten und Abschließen. Ebenso um das Leben neu zu ordnen. Das Wasser steht mir eh schon bis zum Hals. Aufgeben und Hängen daher völlig ausgeschlossen. Ich würde untergehen. Darum habe ich mich entschieden zu schwimmen. Wer weiß, vielleicht finde ich auf dem höchsten Berg einen Hoffnungsschimmer, an dem ich mich festhalten kann.
Mein Leben nimmt eine neue Route, die mir so vor etlichen Stunden noch nicht vor Augen lag. Ein Handy vibriert, und ohne den Bildschirm zu erblicken, kann ich mir vorstellen, wer anruft.
Ihm ist beim Heimkehren in unsere gemeinsame Wohnung aufgefallen, dass meine Bettseite leer ist, der Schrank halb ausgeräumt und ich nicht mehr an seiner Seite bin.
Nach kurzem Klingeln verstummt es wieder. Funkloch sei Dank. Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar. Mehr als nur eine Floskel. Das Azurblau des Meeres zieht sich bis zum Horizont. Umgeben von Wasser schließe ich die Augen, spüre den Wind, schmecke das Salz und genieße die ungewohnte Stille.
Und plötzlich schleicht mir das Zitat meiner geliebten Oma in den Sinn.
„Anni, Schätzchen, das Glück kommt in Wellen.“ Seufzend lehne ich mich auf der Bank zurück. Hoffe so sehr, sie behält recht.
„Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen,
als man umgeworfen wird.“
Nico
Das grelle Sonnenlicht lässt sich hinter dem Vorhang spärlich erahnen. Es weist mich darauf hin, dass ein weiterer Tag im beschissenen Paradies begonnen hat.
Schlagartig ziehe ich die Decke wieder über den Kopf zurück. Will das Elend nicht sehen. Mein Leben ist aus den Fugen geraten. Verkrieche mich im Dunkeln. Alles Schwarz bringt eine ernüchternde Kargheit mit sich. Doch das Abschotten funktioniert nur bedingt. In der Ferne nehme ich, durch mein geschlossenes Fenster, die bettelnden Rufe von Bärbel und Fridolin laut wahr. Beide flehen jämmerlich über die Weide. So klein und dennoch so unsagbar nervig.
Wozu stehen diese Viecher denn draußen? Erst gestern habe ich die Grünfläche neu gestellt und ihnen wieder kulinarische Möglichkeiten geschaffen.
Eine grüne Wiese mit saftiggrünem Gras, Lichtpunkten aus blauem Enzian, gelben Goldruten und rotem Männertreu. Die Farbpalette an Wildblumen und wohltuenden Kräutern ist doch groß genug. Aber langsam dämmert es mir, dass diese winzigen Vierbeiner einen anderen, gewiefteren Plan verfolgen. Bärbel ist das kleinste und verschmusteste Zicklein, welches ich je gesehen habe. Sie begleitet mich hier auf dem Hof überall hin und weicht mir nach der morgendlichen Fütterung nicht mehr von der Seite. Hin und wieder deutet sie mir an, eine Pause zu machen. Sie stupst mich vorsichtig mit ihrer kleinen, feuchten Nase und stellt sich penetrant in meinen Laufweg. Wenn ich versuche, an ihr vorbeizugehen, beginnt die Schauspielerei von vorne. So lange, bis ich endgültig stehen bleibe und sie sich an mein Bein ankuscheln kann.
Bärbel wurde im Frühjahr hier auf dem Hof meiner Eltern geboren, und so klein sie ist, so groß ist ihr Eigensinn. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Ausdauer diese Vierbeinerin besitzt, bis sie ihre Kuscheleinheit als Belohnung bekommt. Sind Ziegen intelligent? Spürt Bärbel, der kleine Flauschknödel, dass ich derzeit komplett am Arsch bin? Mein Körper, sonst eine durchtrainierte Hochleistungsmaschine, gleicht momentan eher einer Großbaustelle. Mein Körper ist mein Kapital, der es mir ermöglicht, einen Traumjob auszuführen. Egal, was mir bevorsteht, ich kann mir sicher sein, mental und physisch im Reinen zu sein.
Die letzten Wochen zeigten die Kehrseite der Medaille. Mit der Hiobsbotschaft habe ich auf die Fitness geschissen. Ich bin ein Wrack und spreche dabei nicht nur rein vom Äußerlichen.
Ist hier abseits der gewohnten Umgebung im Übrigen etwas schwierig, das Level zu halten. Keine Muckibude in der Nachbarschaft. Hier ist eher oldschool und nature angesagt. Aber mir fehlt die Puste. Ich bin froh, morgens überhaupt die Füße vor das Bett zu bekommen. Den Stillstand meines Trainings schiebe ich auf die fehlenden Möglichkeiten, ins Fitnessstudio zu gehen. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann bin ich bereits morgens ausgepowert. Ganz ohne körperliche Ertüchtigung. Oft liege ich wach im Bett und blicke stündlich auf mein Handy. Innerlich leer. Im nächsten Augenblick voller Fragen, Sorgen und Qualen. Das Leben tickt weiter. Scheiße, verdammt, das kann unmöglich sein. Der Himmel ist aufgerissen, und es prasselt Eisregen auf mich nieder. In mir ist alles erstarrt. Der Schlaf in der Nacht, wenn ich ihn denn habe, reicht nicht aus, um meinen Energiehaushalt aufzufüllen. Auch ohne Hanteltraining schmerzen die Arme und lassen hin und wieder meine Hände schmerzhaft zusammenkrampfen. Lungen brennen, nicht vom Joggen, sondern von den vielen Fragen und Ängsten, die mir die Luft rauben.
Beim Augenaufschlag sehe ich täglich schwarz.
Die Decke schützt mich, bettet mich warm, weil ich mich sonst schrecklich einsam fühle und alles um mich herum so scheiße kalt geworden ist. Meine Schultern hängen tief, sind gefühlt tonnenschwer, sodass ich viel Empathie mit Quasimodo empfinde. Was der arme Kerl wohl alles schultern musste. Der kaputt wirkende Franzose war im Gegensatz zu mir keine 1,88 m groß. Wie er fühle ich mich ausgesetzt, alleingelassen in der großen weiten Welt. Die Zeiger der Uhr drehen sich weiter. Aber ich will nur schreien. Sie anhalten. Besser noch zurückdrehen. Zurück zu den guten Tagen, voller Sonnenschein, bunter Farben und der Anwesenheit meiner Lieblingsmenschen. Doch die Welt macht einfach weiter. Warum? Das Leben ist nicht fair. Dieses Ereignis kann auch nur mir passieren. Der kleine Kerl aus Frankreich hat sich tief in den Schlossmauern eingekesselt und vor der Außenwelt versteckt. Ich befürchte, mir wird das nicht gelingen. Wenigstens noch wenige Augenblicke hier unter meiner Decke.
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