Türkische Liebe für absolute Anfänger
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 338
ISBN: 978-3-99130-908-6
Erscheinungsdatum: 28.08.2025
Michaela macht allein Urlaub in einem Ferienhotel in der Türkei. Dabei trifft sie auf den äußerst attraktiven Animateur Serkan, der sie in seinen Bann zieht. Prickelnde Erotik in Nahaufnahme.
1.
Der Wecker klingelte, es war 6:15 Uhr, Montag früh, der vorletzte Schultag vor den Sommerferien. Ich drehte mich noch mal um und träumte noch ein bisschen vor mich hin. Ich dachte an übermorgen, endlich Urlaub. Ich hatte mit meiner Freundin Amelie, meiner besten Freundin, seit wir drei Jahre alt sind, zwei Wochen Türkei gebucht in einem traumhaften Hotel, auf das ich mich schon seit Monaten wahnsinnig freute. Wir waren seit dem Kindergarten unzertrennlich, hatten schon sehr viele schöne Zeiten und auch einige traurige Zeiten miteinander durchgestanden. Deshalb hatten wir uns Urlaub verdient. Ich träumte schon von uns zwei zusammen am Meer, am Strand, im Pool, an der Bar – und was mich am meisten freute: keine Männer, ein reiner Frauenurlaub. Von Männern hatte ich definitiv die Nase voll. So denkt wahrscheinlich jeder, der nach acht Jahren Beziehung wieder Single ist. Es war anfangs schwierig, die Situation zu akzeptieren, aber es war die beste Lösung für uns.
Nun gut, der Wecker klingelte ein zweites Mal, es war 6:25 Uhr, nun hieß es wirklich aufstehen. Ich stand etwas mühsam auf. Sobald ich auf den Beinen stand, fing mein normaler Arbeitstag an. Erst unter die Dusche, danach ein kritischer Blick in den Spiegel. Mein Gesicht sah für meine neununddreißig Jahre noch ganz passabel aus, ein paar Lachfältchen und ein paar Sommersprossen über der Nase, die waren irgendwie ganz süß. Meine Haare liebte ich, das war mit Abstand das Schönste an mir, leichte Wellen bis zu den Schultern und ein sonniges Blond. Meine Brüste ein bisschen klein, der Bauch noch schön flach, meine Hüften etwas breit und Beine ganz okay.
Aber nun frühstückte ich erst mal, wie immer, Müsli mit Milch und viel Kaffee. Es war irgendwie immer noch komisch, alleine zu essen, aber man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Zum Schluss noch mal ins Bad und ab ging’s zu meinem heiß geliebten blauen Mini-Cooper-Cabrio.
Ich liebte dieses Auto, es war mein treues Gefährt seit zwölf Jahren, ich hoffte, es würde mir noch lange erhalten bleiben. Ich fuhr wie jeden Tag in die Realschule, in der ich arbeitete, und freute mich auf die zwei letzten Tage, die waren immer sehr entspannt, denn der Leistungsdruck war von den Schülern wie weggeblasen. Es war herrlich, mit anzusehen, wie die Kinder aufblühten und sich auf die wohlverdienten Ferien freuten. Alle erzählten aufgeregt, wo sie ihren Urlaub verbringen würden. Es war sehr spannend. Und vor allem: welche Erwartungen jeder Einzelne von seinem Urlaub hatte! Einfach toll und teilweise sehr amüsant! Da möchte man doch auch noch mal Kind sein. Ich unterrichtete die Fächer Mathe und Kunst und hatte eine fünfte Klasse als Klassenleitung. Das mochte ich immer besonders, denn es war schön, dass man sich untereinander schon kannte und wusste, was einen im nächsten Schuljahr nach den Ferien erwarten würde. Eigentlich war es ein sehr lieber Haufen süßer Chaoten, so würde ich meine Kinder beschreiben. Es blieb immer wieder spannend, wenn sich die „kleinen“ Mädchen langsam in junge Damen verwandelten.
Die Jungs hingegen mutierten entweder zu Klassenclowns oder zu halbstarken, coolen Möchtegerns. „Je lauter, desto lustiger“ war von nun an das Motto der Heranwachsenden – oder sie wurden total ruhig und tendierten eher zum Streber. In den meisten Fällen gab es mehr halbstarke Möchtegerns. In dieser Phase durchlebten sie ihre Hulk-Zeit, sie meinten, sie wären unbesiegbar und unschlagbar, sie dachten tatsächlich, ihnen könne nichts zustoßen oder passieren. Tja, sie lernten es oft auf sehr schmerzhafte Weise, dass es im wirklichen Leben nicht so ist. Die Klassenclowns dachten, sie wären Mario Barth, aber auch sie erkannten bald, dass nicht alles im Leben mit Comedy zu retten ist. Die Streber eckten meistens an, obwohl sie so still waren, aber eben alles wussten. Alle Jungs wären gerne so intelligent, aber keiner würde es ehrlich zugeben. Es war wirklich nicht leicht, erwachsen zu werden, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.
Bei den Mädchen gab es auch drei verschiedene Typen. Die ersten waren die hübschen Mädchen, die leider sehr oft zu Zicken mutierten und an allem und jedem etwas zum Aussetzen fanden. Die zweite Sorte der Mädchen waren die Streberinnen, sie wurden ignoriert von den anderen Mädels und waren für die Hübschen nur zum Abschreiben der Hausaufgaben gut genug – oder noch schlimmer zum Abschreiben von irgendeiner Stegreifaufgabe oder Schulaufgabe. Die dritten jungen Damen waren die, die gerne zu den Hübschen dazugehören würden und gerne so schlau wären wie die Streberinnen. Sie hatten meist den schwierigsten Stand, da sie ihren Platz noch gar nicht gefunden hatten und nirgends dazugehörten.
Der Vormittag verging wie im Flug, da alle von ihren Ferien erzählen wollten, jeder übertrumpfte den anderen mit seinen Urlaubszielen und vor allem mit den Erwartungen der Ferien. In Gedanken war ich auch schon im Urlaub, ach, würde das ein Spaß, zwei Wochen Sonne, Füße im Sand und eine Piña Colada in der Hand, keine Ärgernisse, keine Eifersuchtsszenen, keinen Zwang zu irgendwas. Es würde der beste Urlaub meines Lebens. Ich hatte ein glückliches Lächeln auf den Lippen, als ein Mädchen namens Sophie mich aus meinen Tagträumen riss und fragte: „Frau Müller, wo fahren Sie denn in Urlaub hin?“
Ich brauchte einen Moment, um wieder in die Realität zurückzukommen, und antwortete: „Ich fliege mit einer Freundin in die Türkei für zwei Wochen.“
Nun klingelte die Schulglocke und der Schultag war für heute vorbei. Ich erledigte noch ein paar Sachen und fuhr dann auch nach Hause, in meine schöne Zwei-Zimmer-Altbauwohnung im zweiten Stock etwas außerhalb von Hamburg. Auf dem Rückweg fiel mir ein, dass heute Abend Amelie zu mir kommen würde und wir zum hundertsten Mal besprechen würden, wie es übermorgen ablaufen sollte. Deshalb kehrte ich noch schnell in einen Supermarkt ein und kaufte für uns eine Flasche Valdo und ein bisschen Knabberzeug. Ich war schon so aufgeregt. Der erste Urlaub seit zehn Jahren ohne Mann, es war einfach ein Gefühl absoluter Genugtuung. Zu Hause angekommen, räumte ich noch ein bisschen auf, kontrollierte nochmals, ob ich alle Unterlagen für die Reise beisammen hatte, und überflog noch mal die Liste mit den Klamotten, die ich mitnehmen wollte. Wie immer war das Problem, mein Koffer durfte nur zwanzig Kilo wiegen und dazu ein Handgepäckstück. Da wäre mein Mann, also mein ehemaliger Mann, der gar nicht mein Mann, sondern mein Lebensgefährte war, doch wieder praktisch gewesen. Was in meinem Koffer keinen Platz mehr hatte, hatte in seinem Koffer locker Platz. Sofort verwarf ich diesen Gedanken wieder und ärgerte mich ein bisschen über mich selbst.
Da klingelte es schon und Amelie stand vor der Tür. Ich war sehr froh, dass sie da war, dann konnte ich nicht länger darüber nachdenken. Sie kam mir etwas verstört vor, irgendwie kleinlaut und unsicher. Ich bat sie erst mal herein, sie zog ihre Schuhe aus und folgte mir ins Wohnzimmer, wo ich uns schon eine Kleinigkeit hergerichtet hatte.
Der Prosecco war im Sektkühler, die Nüsse und die Salzstangen hatte ich in verschiedenen Schüsseln angerichtet. Ich freute mich auf unsere Urlaubsplanung und wollte schon anfangen zu reden, als Amelie anfing mit: „Ähm, ich muss dir etwas sagen.“ Ich verstand im ersten Moment nur Bahnhof. Was gäbe es denn jetzt für Einwände? In meinem Kopf kreisten tausende Fragezeichen und ich nahm den Valdo aus dem Sektkühler und wollte ihn erst mal öffnen. Aber ich war plötzlich so verunsichert und nervös, dass ich die Flasche fast nicht aufbekam. Aber nach ein paar unbeholfenen, ruckartigen Bewegungen mit dem Korken flog er förmlich durchs ganze Zimmer und wir schauten uns an und mussten beide lachen. Sofort wurde die Stimmung wieder ausgelassener, ich schenkte uns ein und wir prosteten uns erst mal zu.
Ich nahm mir eine Mandel und fragte Amelie, was sie damit gemeint hätte, dass sie mir etwas sagen müsste. Sie begann sehr zögerlich zu sprechen. „Micha, du weißt doch … ähm … letztes Wochenende waren wir doch in dieser Bar … weißt du noch?“ Ich schaute sie etwas verständnislos an und sagte ungeduldig: „Ja, klar, was denkst du denn? Warum sollte ich das vergessen haben?“ „Gut, dann erinnerst du dich ja auch noch an die Typen auf der anderen Seite von der Bar, an der wir saßen, oder?“, fragte sie mich ganz kleinlaut. „Jetzt machst du es ja spannend. Natürlich erinnere ich mich an diese zwei Idioten, die ständig so dämlich herübergegrinst haben. Meinst du die?“, erwiderte ich etwas gereizt und merkte, dass sie zusammenzuckte und auf ihrem Platz hin und her rutschte. Ich fragte sie etwas gefühlvoller, was denn los sei, ob es ihr nicht gut ginge. Was sie mir dann offenbarte, zog mir kurzzeitig den Boden unter den Füßen weg.
Sie fing an zu erzählen. „Tja, der eine ist gar kein Idiot, er heißt Toni und ist eigentlich sehr nett. Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, er hat mich im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen. Er ist mein absoluter Traummann, noch mehr, mein Seelenverwandter. Ich hatte vorher noch nie solche Gefühle für einen Mann. Ich bin total verliebt, ich schwebe auf Wolke sieben. Ich kann jetzt nicht mit dir für zwei Wochen in Urlaub fliegen. Ich hoffe, du verstehst das.“ Mit diesen unglaublichen Worten beendete sie ihre Ausführungen.
In meinem Kopf drehte sich plötzlich alles, mir wurde heiß und kalt gleichzeitig, mein Gesicht wurde weiß und meine Gesichtszüge entglitten total. Was hatte sie gerade gesagt? Sie konnte nicht mit mir in den Urlaub, wegen irgendeinem dahergelaufenen Typen? Ich verstand die Welt nicht mehr. Was redete sie eigentlich noch? Ich hörte schon gar nicht mehr zu. Sollte es das jetzt für mich gewesen sein, kein Urlaub? Wen könnte ich denn noch fragen? Mir fiel auf die Schnelle keiner ein, all meine anderen Freundinnen hatten Familie, und mit meinen Arbeitskolleginnen wollte ich nicht wegfliegen. Ein männlicher Freund kam sowieso nicht in Frage. So umkreisten mich tausend Gedanken, als ich plötzlich von Amelie aus meinen Gedanken gerissen wurde. „Micha, hörst du mir eigentlich noch zu?“ Ich nickte nur und versuchte, mein Gesicht zu einem Grinsen zu bringen, das eher erbärmlich aussah als alles andere. Sie sah mich entschuldigend an und führte ihren Vortrag fort. „Ich kann, wie gesagt, nicht in den Urlaub fahren. Unsere Liebe ist noch so klein, so wie eine kleine Blume, und wenn sie jetzt nicht gedüngt und bewässert wird, stirbt sie, und das möchte ich nicht. Du weißt doch, wie es in unserem Alter ist, wir sind nun neununddreißig Jahre, und ich möchte wirklich eine Beziehung mit ihm.“ Ich antwortete sehr schnippisch: „Da musst du ja sehr viel Vertrauen zu deinem Toni haben, wenn du noch nicht mal mit deiner besten Freundin, die eine sehr schwierige Zeit hinter sich hat, in den Urlaub fahren kannst.“
Ich setzte mein Glas an die Lippen und trank es mit einem einzigen riesigen Schluck leer. Ich schenkte mir noch mal nach, ließ mich nach hinten auf die Couch fallen und versuchte, mich etwas zu beruhigen. Was bildete sich meine angeblich beste Freundin überhaupt ein? Ich hatte eine sehr schwierige Trennung hinter mir. Der Grund für unsere Trennung war, dass ich keine Kinder bekommen konnte. Wenn ich jetzt realistisch darüber nachdachte, waren eigentlich nur die ersten zwei Jahre sehr schön gewesen. Wir waren irgendwie verliebt, oder besser: wir mochten uns sehr und verstanden uns auch sehr gut. Ob es wirklich Liebe war, bezweifelte ich im Nachhinein oder war mir sicher, dass sie es nicht war. Aber wir waren ein Paar und wollten Kinder, irgendwann sprachen wir auch mal vom Heiraten. Das änderte sich schlagartig, als klar war, dass ich keine Kinder bekommen konnte beziehungsweise es einfach nicht klappen wollte. Die ersten zwei Jahre war es ja noch spannend und total ungezwungen, ich redete mir ein, dass es immer dauern kann und nicht immer gleich klappen musste. Aber als zwei weitere Jahre vergingen und ich immer noch nicht schwanger war, wurden wir doch langsam ungeduldig und ich nahm Kontakt mit einer Kinderwunschklinik auf. Er wurde sehr wütend und beschimpfte mich, unsere Probleme irgendwelchen Leuten zu erzählen und dass ich ihn übergehen würde. „Wir werden es mit Fiebermessen und Fruchtbarkeitskalender probieren“, so waren seine Worte. Es war die Hölle, Sex nur noch nach Termin, es war furchtbar und wir stritten immer mehr. Manchmal war es dann wieder ein Hoffen und Bangen, wenn die Periode mal drei Tage überfällig war, aber die Enttäuschung ließ nie lange auf sich warten. Ich bettelte ihn an, dass er mal zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen sollte: Bei mir war laut Frauenarzt alles in bester Ordnung. Davon wollte er aber nie etwas wissen und schob immer mir den schwarzen Peter zu. Ich könnte ja keine Kinder gebären und wäre nicht Frau genug. Die Hölle dauerte noch zwei Jahre an, bis ich mir und ihm endlich eingestehen musste, dass ich nicht mehr konnte und auch keine Gefühle mehr für ihn hatte. Die Liebe oder was wir auch immer miteinander hatten, war erloschen. Es war wirklich eine üble Trennung. Es fielen von seiner Seite keine schönen Worte, woran ich jetzt lieber nicht mehr denken möchte.
Ich schaute meiner Freundin in die Augen und sah, dass sie mit den Tränen kämpfte. Nun wurde mir bewusst, wie ernst und wichtig ihr die Lage war. Ich setzte mich gerade auf und sagte etwas sanfter: „Okay, das war ungerecht von mir. Es tut mir leid, ich bin nur gerade so vor den Kopf geschlagen, weil ich damit gar nicht gerechnet habe. Natürlich freue ich mich für dich und wünsche euch nur das Beste. Wenn du meinst, dass das die richtige Entscheidung ist, dann steh ich dir selbstverständlich nicht im Weg. Wir stornieren die Reise und das war’s.“ Sie schaute mich an und hüpfte zu mir rüber, drückte mich und küsste mich auf die Wange. „Du bist die Beste, vielen Dank. Aber willst du wirklich die Reise stornieren? Weißt du niemand anderes, der mit dir fliegen könnte? Lass uns doch mal überlegen.“ Sie wippte mit ihrem Finger an die Lippen und überlegte sehr angestrengt. Ich musste mir ein Lächeln verkneifen, weil sie sehr süß aussah. Sie meinte: „Was wäre denn mit Daniela, Sandra oder Monika?“ Ich konnte mir ein Augenverdrehen nicht verkneifen und erwiderte: „Nöp, Daniela ist schwanger mit Kind Nummer 4. Stell ich mir sehr entspannt vor, mit einer schwangeren Frau zu fliegen, die alle zwei Stunden zu Hause anrufen muss, um zu klären, ob alles läuft. Und trinken kann ich mit ihr auch nichts. Sandra ist ebenfalls Mama und nein, sie würde mir den ganzen Tag erklären, was ich essen darf und was nicht, und steht wahrscheinlich den ganzen Tag auf dem Crosswalker. Nein, sorry, das ist für mich kein Urlaub, und Monika wäre eigentlich eine ganz gute Alternative für dich, aber sie bekommt jetzt keinen Urlaub, da sie mit ihrer Familie die letzten zwei Ferienwochen nach Italien fährt. Mir fällt sonst auch keiner ein. Mit irgendjemandem mag ich nicht fahren und irgendein Arbeitskollege fällt auch raus.“
„Aber wie wäre es mit Stephan? Er ist schwul und doch dein bester Freund …“, fiel Amelie noch ein. Ich überlegte kurz und meinte: „Das wäre eine Option, ich frag ihn mal.“ Stephan war ein toller Mann – oder sollte ich lieber sagen eine tolle Frau, denn er war die Frau in der Beziehung. Er war immer gut gelaunt und ein toller Zuhörer. Seitdem er mit seinem Freund verheiratet war, sah ich ihn nur noch selten. Amelie und ich legten gerade eine Schweigeminute ein und tranken unsere Gläser leer.
Amelie schenkte uns noch mal nach und wir plauderten über ihren Toni. Natürlich wollte ich alles wissen und wie es dazu überhaupt kam. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, dass wir mit diesen zwei Typen gesprochen hätten. Dann erzählte sie mir, als wir im Taxi saßen, sei ihr doch aufgefallen, dass sie ihre Handtasche liegen gelassen hatte, und sie sprang aus dem Taxi. Ich war damals so verdattert, dass ich sitzen blieb und nach Hause fuhr. Als sie in die Bar zurückkehrte, saß Toni immer noch da, ebenfalls alleine, und hatte ihre Tasche in der Hand. Erst sei sie etwas irritiert gewesen, warum er ihre Tasche hätte, aber er erklärte ihr, dass er auf sie warten wollte und sie unbedingt kennenlernen wollte. Als wir noch zu zweit dasaßen, hätte er sich wegen mir nicht getraut, sie anzusprechen. Sein Freund Michael war auch schon gegangen, er hatte keine Lust zu warten. Er gab ihr noch eine Piña Colada aus und sie redeten und redeten. Irgendwann flogen sie aus der Bar, da Sperrzeit war, und die zwei machten sich zu Fuß auf den Heimweg zu ihr, er begleitete sie bis zur Tür, stieg dann in ein Taxi und fuhr nach Hause. Es war alles so romantisch. Ihre Augen leuchteten und ihre Wangen glühten, sie war wirklich richtig verliebt.
Als ich sie so von der Seite beobachtete und spürte, wie glücklich sie war, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich noch nie richtig verliebt war. Ich hatte noch nie so eine Euphorie für einen Mann und auch nicht diesen sehnsüchtigen Blick, wenn ich von ihm sprach. Ich hatte wahrscheinlich auch nie richtig geliebt. Mein Bauch zog sich zusammen und ich hatte einen Kloß im Hals. Oh Mann, das war ein Schlag in den Magen. In diesem Moment bekam ich Antwort von Stephan:
Hey Süße,
schön, dass du mich fragst, aber ich fliege in drei Wochen mit Rolf in dieses Hotel und habe vorher keinen Urlaub. Vielleicht sehen wir uns ja noch.
Liebe Grüße Stephan
Schade, dann hatte sich diese Idee auch zerschlagen.
Amelie schaute mich mitleidig an und ich konnte ihr Mitgefühl spüren. Ich erkundigte mich, wann sie ihren Traummann wiedersehen würde, sie antwortete mir, morgen, und ich sah in ihren Augen ihre Sehnsucht und ihr Verlangen nach ihm. Nun war mir klar, dass es die totale Katastrophe werden würde, wenn sie mit mir fliegen würde. Sie würde nur nach ihm heulen und ich hätte wieder Stress im Urlaub. Am besten wäre es, alleine zu fahren. Stopp, unterbrach ich meine eigenen Gedanken. Dachte ich das gerade wirklich? Alleine in den Urlaub, komische Idee. Ich sprach meine Gedanken laut aus: „Ich fliege alleine in die Türkei.“
Amelie zog die Augenbrauen nach oben, schaute mich an, als ob sie ein Gespenst gesehen hätte, und fragte tonlos: „Du machst was?“ Langsam gefiel mir die Idee. Warum eigentlich nicht? Was hätte ich denn zu verlieren, was könnte denn schon passieren? Ich war doch eine erwachsene Frau. Ein bisschen komisch würde es bestimmt, aber ich war doch kontaktfreudig und offen für andere Menschen. Vielleicht würde ich ja ein paar nette Frauen kennenlernen. Mit fester Stimme antwortete ich: „Ich fliege alleine, wird schon schiefgehen, und wenn es die totale Katastrophe wird, breche ich meinen Urlaub ab und komme wieder nach Hause. Was soll schon passieren?“ Es kam sofort zurück: „Eine Menge. Du könntest entführt werden, wenn du alleine rumläufst, es könnte dich jemand ausrauben, oder noch schlimmer: dir irgendwelche Organe entfernen und verkaufen.“ „Oh Mann, du schaust zu viel Fernsehen. Ich fliege in die Türkei und nicht in irgendwelche Slums. Ich laufe nachts nicht alleine herum, ich bleibe in meinem Hotel. Außer bei Ausflügen bin ich unterwegs und da werde ich nicht mit Frankenstein alleine sein. Mach dir keine Sorgen, ich werde das Kind schon schaukeln“, gab ich selbstsicher zurück. Sie musste lachen und sagte: „Du hast ja recht. Aber lass mich dich zum Flughafen bringen, das bin ich dir schuldig und das möchte ich auch unbedingt machen. Der Flug geht um 8:30 Uhr, also musst du um 6:30 Uhr dort sein, ich hol dich um 5:00 Uhr ab, dann schaffen wir es ohne Probleme, dass du pünktlich zum Einchecken da bist.“ Ich sah sie dankend an, nickte und drückte sie fest.
Wir tranken unser Sprudelwasser noch gemütlich aus und verabschiedeten uns herzlich voneinander. In dieser Nacht schlief ich überraschend gut, der nächste Schultag verging noch schneller als am Tag davor, was wahrscheinlich daran lag, dass die Schule schon um 10:00 Uhr endete. Alle Kinder verabschiedeten sich voneinander und wünschten sich schöne Ferien. Auch wir Lehrer taten dasselbe und schon war ich auf dem Weg nach Hause.
Ich packte meinen Koffer und wurde nun langsam doch etwas nervös. Ich ging zum zehnten Mal in dieser einen Stunde auf die Toilette und bekam vor lauter Aufregung auch noch meine Periode. Oh je, vier Tage zu früh. Aber machte auch nichts, dann hatte ich am Wochenende meine Ruhe und den Rest vom Urlaub. Okay, noch mal der Check: War alles im Koffer, was ich wirklich brauchte, und was hatte noch Platz, was ich zum Wohlfühlen benötigte? Ich wollte unbedingt meinen kleinen Teddybären mitnehmen, den ich mit zwei Jahren von meiner Tante Lisa geschenkt bekommen hatte, der begleitete mich schon seit siebenunddreißig Jahren durch mein Leben. Wie hatte sich mein lieber Ex immer aufregen können, dass er bei mir auf meinem Nachtkästchen saß. Am liebsten hätte er ihn zum Fenster hinausgeschmissen, er war immer sehr eifersüchtig, sogar auf mein Kuscheltier. War mir damals nie aufgefallen, interessant, was man später noch über einen Menschen herausfinden konnte. So, nun wieder genug mit der Vergangenheit, kommen wir wieder zum Wesentlichen, rügte ich mich gedanklich selber. Zusätzlich beutelte ich mich kurz und sagte zu mir: „Konzentration auf meinen Koffer und mein Handgepäck!“ Ich belächelte mich, packte meine restlichen Sachen ein und war total stolz, dass ich noch etwas Platz zum Shoppen hatte.
Mittlerweile war es schon 17:00 Uhr und ich überlegte, was ich mir noch zum Essen machen könnte. Ich entschied mich für einen Salat mit Thunfisch und Ei. Ab morgen würde es All-inclusive geben und da konnte ich heute noch ein paar Kalorien einsparen. Ich rief noch meine Mutter an, um ihr meine neuen Urlaubspläne mitzuteilen. Sie war total aus dem Häuschen und konnte es gar nicht fassen. Wir telefonierten über eine Stunde und ich konnte sie beruhigen, dass ich mir einfach nur eine schöne Zeit machen wollte. Sie verstand mich und wünschte mir einen wunderschönen, erholsamen Urlaub.
...
Der Wecker klingelte, es war 6:15 Uhr, Montag früh, der vorletzte Schultag vor den Sommerferien. Ich drehte mich noch mal um und träumte noch ein bisschen vor mich hin. Ich dachte an übermorgen, endlich Urlaub. Ich hatte mit meiner Freundin Amelie, meiner besten Freundin, seit wir drei Jahre alt sind, zwei Wochen Türkei gebucht in einem traumhaften Hotel, auf das ich mich schon seit Monaten wahnsinnig freute. Wir waren seit dem Kindergarten unzertrennlich, hatten schon sehr viele schöne Zeiten und auch einige traurige Zeiten miteinander durchgestanden. Deshalb hatten wir uns Urlaub verdient. Ich träumte schon von uns zwei zusammen am Meer, am Strand, im Pool, an der Bar – und was mich am meisten freute: keine Männer, ein reiner Frauenurlaub. Von Männern hatte ich definitiv die Nase voll. So denkt wahrscheinlich jeder, der nach acht Jahren Beziehung wieder Single ist. Es war anfangs schwierig, die Situation zu akzeptieren, aber es war die beste Lösung für uns.
Nun gut, der Wecker klingelte ein zweites Mal, es war 6:25 Uhr, nun hieß es wirklich aufstehen. Ich stand etwas mühsam auf. Sobald ich auf den Beinen stand, fing mein normaler Arbeitstag an. Erst unter die Dusche, danach ein kritischer Blick in den Spiegel. Mein Gesicht sah für meine neununddreißig Jahre noch ganz passabel aus, ein paar Lachfältchen und ein paar Sommersprossen über der Nase, die waren irgendwie ganz süß. Meine Haare liebte ich, das war mit Abstand das Schönste an mir, leichte Wellen bis zu den Schultern und ein sonniges Blond. Meine Brüste ein bisschen klein, der Bauch noch schön flach, meine Hüften etwas breit und Beine ganz okay.
Aber nun frühstückte ich erst mal, wie immer, Müsli mit Milch und viel Kaffee. Es war irgendwie immer noch komisch, alleine zu essen, aber man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Zum Schluss noch mal ins Bad und ab ging’s zu meinem heiß geliebten blauen Mini-Cooper-Cabrio.
Ich liebte dieses Auto, es war mein treues Gefährt seit zwölf Jahren, ich hoffte, es würde mir noch lange erhalten bleiben. Ich fuhr wie jeden Tag in die Realschule, in der ich arbeitete, und freute mich auf die zwei letzten Tage, die waren immer sehr entspannt, denn der Leistungsdruck war von den Schülern wie weggeblasen. Es war herrlich, mit anzusehen, wie die Kinder aufblühten und sich auf die wohlverdienten Ferien freuten. Alle erzählten aufgeregt, wo sie ihren Urlaub verbringen würden. Es war sehr spannend. Und vor allem: welche Erwartungen jeder Einzelne von seinem Urlaub hatte! Einfach toll und teilweise sehr amüsant! Da möchte man doch auch noch mal Kind sein. Ich unterrichtete die Fächer Mathe und Kunst und hatte eine fünfte Klasse als Klassenleitung. Das mochte ich immer besonders, denn es war schön, dass man sich untereinander schon kannte und wusste, was einen im nächsten Schuljahr nach den Ferien erwarten würde. Eigentlich war es ein sehr lieber Haufen süßer Chaoten, so würde ich meine Kinder beschreiben. Es blieb immer wieder spannend, wenn sich die „kleinen“ Mädchen langsam in junge Damen verwandelten.
Die Jungs hingegen mutierten entweder zu Klassenclowns oder zu halbstarken, coolen Möchtegerns. „Je lauter, desto lustiger“ war von nun an das Motto der Heranwachsenden – oder sie wurden total ruhig und tendierten eher zum Streber. In den meisten Fällen gab es mehr halbstarke Möchtegerns. In dieser Phase durchlebten sie ihre Hulk-Zeit, sie meinten, sie wären unbesiegbar und unschlagbar, sie dachten tatsächlich, ihnen könne nichts zustoßen oder passieren. Tja, sie lernten es oft auf sehr schmerzhafte Weise, dass es im wirklichen Leben nicht so ist. Die Klassenclowns dachten, sie wären Mario Barth, aber auch sie erkannten bald, dass nicht alles im Leben mit Comedy zu retten ist. Die Streber eckten meistens an, obwohl sie so still waren, aber eben alles wussten. Alle Jungs wären gerne so intelligent, aber keiner würde es ehrlich zugeben. Es war wirklich nicht leicht, erwachsen zu werden, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.
Bei den Mädchen gab es auch drei verschiedene Typen. Die ersten waren die hübschen Mädchen, die leider sehr oft zu Zicken mutierten und an allem und jedem etwas zum Aussetzen fanden. Die zweite Sorte der Mädchen waren die Streberinnen, sie wurden ignoriert von den anderen Mädels und waren für die Hübschen nur zum Abschreiben der Hausaufgaben gut genug – oder noch schlimmer zum Abschreiben von irgendeiner Stegreifaufgabe oder Schulaufgabe. Die dritten jungen Damen waren die, die gerne zu den Hübschen dazugehören würden und gerne so schlau wären wie die Streberinnen. Sie hatten meist den schwierigsten Stand, da sie ihren Platz noch gar nicht gefunden hatten und nirgends dazugehörten.
Der Vormittag verging wie im Flug, da alle von ihren Ferien erzählen wollten, jeder übertrumpfte den anderen mit seinen Urlaubszielen und vor allem mit den Erwartungen der Ferien. In Gedanken war ich auch schon im Urlaub, ach, würde das ein Spaß, zwei Wochen Sonne, Füße im Sand und eine Piña Colada in der Hand, keine Ärgernisse, keine Eifersuchtsszenen, keinen Zwang zu irgendwas. Es würde der beste Urlaub meines Lebens. Ich hatte ein glückliches Lächeln auf den Lippen, als ein Mädchen namens Sophie mich aus meinen Tagträumen riss und fragte: „Frau Müller, wo fahren Sie denn in Urlaub hin?“
Ich brauchte einen Moment, um wieder in die Realität zurückzukommen, und antwortete: „Ich fliege mit einer Freundin in die Türkei für zwei Wochen.“
Nun klingelte die Schulglocke und der Schultag war für heute vorbei. Ich erledigte noch ein paar Sachen und fuhr dann auch nach Hause, in meine schöne Zwei-Zimmer-Altbauwohnung im zweiten Stock etwas außerhalb von Hamburg. Auf dem Rückweg fiel mir ein, dass heute Abend Amelie zu mir kommen würde und wir zum hundertsten Mal besprechen würden, wie es übermorgen ablaufen sollte. Deshalb kehrte ich noch schnell in einen Supermarkt ein und kaufte für uns eine Flasche Valdo und ein bisschen Knabberzeug. Ich war schon so aufgeregt. Der erste Urlaub seit zehn Jahren ohne Mann, es war einfach ein Gefühl absoluter Genugtuung. Zu Hause angekommen, räumte ich noch ein bisschen auf, kontrollierte nochmals, ob ich alle Unterlagen für die Reise beisammen hatte, und überflog noch mal die Liste mit den Klamotten, die ich mitnehmen wollte. Wie immer war das Problem, mein Koffer durfte nur zwanzig Kilo wiegen und dazu ein Handgepäckstück. Da wäre mein Mann, also mein ehemaliger Mann, der gar nicht mein Mann, sondern mein Lebensgefährte war, doch wieder praktisch gewesen. Was in meinem Koffer keinen Platz mehr hatte, hatte in seinem Koffer locker Platz. Sofort verwarf ich diesen Gedanken wieder und ärgerte mich ein bisschen über mich selbst.
Da klingelte es schon und Amelie stand vor der Tür. Ich war sehr froh, dass sie da war, dann konnte ich nicht länger darüber nachdenken. Sie kam mir etwas verstört vor, irgendwie kleinlaut und unsicher. Ich bat sie erst mal herein, sie zog ihre Schuhe aus und folgte mir ins Wohnzimmer, wo ich uns schon eine Kleinigkeit hergerichtet hatte.
Der Prosecco war im Sektkühler, die Nüsse und die Salzstangen hatte ich in verschiedenen Schüsseln angerichtet. Ich freute mich auf unsere Urlaubsplanung und wollte schon anfangen zu reden, als Amelie anfing mit: „Ähm, ich muss dir etwas sagen.“ Ich verstand im ersten Moment nur Bahnhof. Was gäbe es denn jetzt für Einwände? In meinem Kopf kreisten tausende Fragezeichen und ich nahm den Valdo aus dem Sektkühler und wollte ihn erst mal öffnen. Aber ich war plötzlich so verunsichert und nervös, dass ich die Flasche fast nicht aufbekam. Aber nach ein paar unbeholfenen, ruckartigen Bewegungen mit dem Korken flog er förmlich durchs ganze Zimmer und wir schauten uns an und mussten beide lachen. Sofort wurde die Stimmung wieder ausgelassener, ich schenkte uns ein und wir prosteten uns erst mal zu.
Ich nahm mir eine Mandel und fragte Amelie, was sie damit gemeint hätte, dass sie mir etwas sagen müsste. Sie begann sehr zögerlich zu sprechen. „Micha, du weißt doch … ähm … letztes Wochenende waren wir doch in dieser Bar … weißt du noch?“ Ich schaute sie etwas verständnislos an und sagte ungeduldig: „Ja, klar, was denkst du denn? Warum sollte ich das vergessen haben?“ „Gut, dann erinnerst du dich ja auch noch an die Typen auf der anderen Seite von der Bar, an der wir saßen, oder?“, fragte sie mich ganz kleinlaut. „Jetzt machst du es ja spannend. Natürlich erinnere ich mich an diese zwei Idioten, die ständig so dämlich herübergegrinst haben. Meinst du die?“, erwiderte ich etwas gereizt und merkte, dass sie zusammenzuckte und auf ihrem Platz hin und her rutschte. Ich fragte sie etwas gefühlvoller, was denn los sei, ob es ihr nicht gut ginge. Was sie mir dann offenbarte, zog mir kurzzeitig den Boden unter den Füßen weg.
Sie fing an zu erzählen. „Tja, der eine ist gar kein Idiot, er heißt Toni und ist eigentlich sehr nett. Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, er hat mich im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen. Er ist mein absoluter Traummann, noch mehr, mein Seelenverwandter. Ich hatte vorher noch nie solche Gefühle für einen Mann. Ich bin total verliebt, ich schwebe auf Wolke sieben. Ich kann jetzt nicht mit dir für zwei Wochen in Urlaub fliegen. Ich hoffe, du verstehst das.“ Mit diesen unglaublichen Worten beendete sie ihre Ausführungen.
In meinem Kopf drehte sich plötzlich alles, mir wurde heiß und kalt gleichzeitig, mein Gesicht wurde weiß und meine Gesichtszüge entglitten total. Was hatte sie gerade gesagt? Sie konnte nicht mit mir in den Urlaub, wegen irgendeinem dahergelaufenen Typen? Ich verstand die Welt nicht mehr. Was redete sie eigentlich noch? Ich hörte schon gar nicht mehr zu. Sollte es das jetzt für mich gewesen sein, kein Urlaub? Wen könnte ich denn noch fragen? Mir fiel auf die Schnelle keiner ein, all meine anderen Freundinnen hatten Familie, und mit meinen Arbeitskolleginnen wollte ich nicht wegfliegen. Ein männlicher Freund kam sowieso nicht in Frage. So umkreisten mich tausend Gedanken, als ich plötzlich von Amelie aus meinen Gedanken gerissen wurde. „Micha, hörst du mir eigentlich noch zu?“ Ich nickte nur und versuchte, mein Gesicht zu einem Grinsen zu bringen, das eher erbärmlich aussah als alles andere. Sie sah mich entschuldigend an und führte ihren Vortrag fort. „Ich kann, wie gesagt, nicht in den Urlaub fahren. Unsere Liebe ist noch so klein, so wie eine kleine Blume, und wenn sie jetzt nicht gedüngt und bewässert wird, stirbt sie, und das möchte ich nicht. Du weißt doch, wie es in unserem Alter ist, wir sind nun neununddreißig Jahre, und ich möchte wirklich eine Beziehung mit ihm.“ Ich antwortete sehr schnippisch: „Da musst du ja sehr viel Vertrauen zu deinem Toni haben, wenn du noch nicht mal mit deiner besten Freundin, die eine sehr schwierige Zeit hinter sich hat, in den Urlaub fahren kannst.“
Ich setzte mein Glas an die Lippen und trank es mit einem einzigen riesigen Schluck leer. Ich schenkte mir noch mal nach, ließ mich nach hinten auf die Couch fallen und versuchte, mich etwas zu beruhigen. Was bildete sich meine angeblich beste Freundin überhaupt ein? Ich hatte eine sehr schwierige Trennung hinter mir. Der Grund für unsere Trennung war, dass ich keine Kinder bekommen konnte. Wenn ich jetzt realistisch darüber nachdachte, waren eigentlich nur die ersten zwei Jahre sehr schön gewesen. Wir waren irgendwie verliebt, oder besser: wir mochten uns sehr und verstanden uns auch sehr gut. Ob es wirklich Liebe war, bezweifelte ich im Nachhinein oder war mir sicher, dass sie es nicht war. Aber wir waren ein Paar und wollten Kinder, irgendwann sprachen wir auch mal vom Heiraten. Das änderte sich schlagartig, als klar war, dass ich keine Kinder bekommen konnte beziehungsweise es einfach nicht klappen wollte. Die ersten zwei Jahre war es ja noch spannend und total ungezwungen, ich redete mir ein, dass es immer dauern kann und nicht immer gleich klappen musste. Aber als zwei weitere Jahre vergingen und ich immer noch nicht schwanger war, wurden wir doch langsam ungeduldig und ich nahm Kontakt mit einer Kinderwunschklinik auf. Er wurde sehr wütend und beschimpfte mich, unsere Probleme irgendwelchen Leuten zu erzählen und dass ich ihn übergehen würde. „Wir werden es mit Fiebermessen und Fruchtbarkeitskalender probieren“, so waren seine Worte. Es war die Hölle, Sex nur noch nach Termin, es war furchtbar und wir stritten immer mehr. Manchmal war es dann wieder ein Hoffen und Bangen, wenn die Periode mal drei Tage überfällig war, aber die Enttäuschung ließ nie lange auf sich warten. Ich bettelte ihn an, dass er mal zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen sollte: Bei mir war laut Frauenarzt alles in bester Ordnung. Davon wollte er aber nie etwas wissen und schob immer mir den schwarzen Peter zu. Ich könnte ja keine Kinder gebären und wäre nicht Frau genug. Die Hölle dauerte noch zwei Jahre an, bis ich mir und ihm endlich eingestehen musste, dass ich nicht mehr konnte und auch keine Gefühle mehr für ihn hatte. Die Liebe oder was wir auch immer miteinander hatten, war erloschen. Es war wirklich eine üble Trennung. Es fielen von seiner Seite keine schönen Worte, woran ich jetzt lieber nicht mehr denken möchte.
Ich schaute meiner Freundin in die Augen und sah, dass sie mit den Tränen kämpfte. Nun wurde mir bewusst, wie ernst und wichtig ihr die Lage war. Ich setzte mich gerade auf und sagte etwas sanfter: „Okay, das war ungerecht von mir. Es tut mir leid, ich bin nur gerade so vor den Kopf geschlagen, weil ich damit gar nicht gerechnet habe. Natürlich freue ich mich für dich und wünsche euch nur das Beste. Wenn du meinst, dass das die richtige Entscheidung ist, dann steh ich dir selbstverständlich nicht im Weg. Wir stornieren die Reise und das war’s.“ Sie schaute mich an und hüpfte zu mir rüber, drückte mich und küsste mich auf die Wange. „Du bist die Beste, vielen Dank. Aber willst du wirklich die Reise stornieren? Weißt du niemand anderes, der mit dir fliegen könnte? Lass uns doch mal überlegen.“ Sie wippte mit ihrem Finger an die Lippen und überlegte sehr angestrengt. Ich musste mir ein Lächeln verkneifen, weil sie sehr süß aussah. Sie meinte: „Was wäre denn mit Daniela, Sandra oder Monika?“ Ich konnte mir ein Augenverdrehen nicht verkneifen und erwiderte: „Nöp, Daniela ist schwanger mit Kind Nummer 4. Stell ich mir sehr entspannt vor, mit einer schwangeren Frau zu fliegen, die alle zwei Stunden zu Hause anrufen muss, um zu klären, ob alles läuft. Und trinken kann ich mit ihr auch nichts. Sandra ist ebenfalls Mama und nein, sie würde mir den ganzen Tag erklären, was ich essen darf und was nicht, und steht wahrscheinlich den ganzen Tag auf dem Crosswalker. Nein, sorry, das ist für mich kein Urlaub, und Monika wäre eigentlich eine ganz gute Alternative für dich, aber sie bekommt jetzt keinen Urlaub, da sie mit ihrer Familie die letzten zwei Ferienwochen nach Italien fährt. Mir fällt sonst auch keiner ein. Mit irgendjemandem mag ich nicht fahren und irgendein Arbeitskollege fällt auch raus.“
„Aber wie wäre es mit Stephan? Er ist schwul und doch dein bester Freund …“, fiel Amelie noch ein. Ich überlegte kurz und meinte: „Das wäre eine Option, ich frag ihn mal.“ Stephan war ein toller Mann – oder sollte ich lieber sagen eine tolle Frau, denn er war die Frau in der Beziehung. Er war immer gut gelaunt und ein toller Zuhörer. Seitdem er mit seinem Freund verheiratet war, sah ich ihn nur noch selten. Amelie und ich legten gerade eine Schweigeminute ein und tranken unsere Gläser leer.
Amelie schenkte uns noch mal nach und wir plauderten über ihren Toni. Natürlich wollte ich alles wissen und wie es dazu überhaupt kam. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, dass wir mit diesen zwei Typen gesprochen hätten. Dann erzählte sie mir, als wir im Taxi saßen, sei ihr doch aufgefallen, dass sie ihre Handtasche liegen gelassen hatte, und sie sprang aus dem Taxi. Ich war damals so verdattert, dass ich sitzen blieb und nach Hause fuhr. Als sie in die Bar zurückkehrte, saß Toni immer noch da, ebenfalls alleine, und hatte ihre Tasche in der Hand. Erst sei sie etwas irritiert gewesen, warum er ihre Tasche hätte, aber er erklärte ihr, dass er auf sie warten wollte und sie unbedingt kennenlernen wollte. Als wir noch zu zweit dasaßen, hätte er sich wegen mir nicht getraut, sie anzusprechen. Sein Freund Michael war auch schon gegangen, er hatte keine Lust zu warten. Er gab ihr noch eine Piña Colada aus und sie redeten und redeten. Irgendwann flogen sie aus der Bar, da Sperrzeit war, und die zwei machten sich zu Fuß auf den Heimweg zu ihr, er begleitete sie bis zur Tür, stieg dann in ein Taxi und fuhr nach Hause. Es war alles so romantisch. Ihre Augen leuchteten und ihre Wangen glühten, sie war wirklich richtig verliebt.
Als ich sie so von der Seite beobachtete und spürte, wie glücklich sie war, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich noch nie richtig verliebt war. Ich hatte noch nie so eine Euphorie für einen Mann und auch nicht diesen sehnsüchtigen Blick, wenn ich von ihm sprach. Ich hatte wahrscheinlich auch nie richtig geliebt. Mein Bauch zog sich zusammen und ich hatte einen Kloß im Hals. Oh Mann, das war ein Schlag in den Magen. In diesem Moment bekam ich Antwort von Stephan:
Hey Süße,
schön, dass du mich fragst, aber ich fliege in drei Wochen mit Rolf in dieses Hotel und habe vorher keinen Urlaub. Vielleicht sehen wir uns ja noch.
Liebe Grüße Stephan
Schade, dann hatte sich diese Idee auch zerschlagen.
Amelie schaute mich mitleidig an und ich konnte ihr Mitgefühl spüren. Ich erkundigte mich, wann sie ihren Traummann wiedersehen würde, sie antwortete mir, morgen, und ich sah in ihren Augen ihre Sehnsucht und ihr Verlangen nach ihm. Nun war mir klar, dass es die totale Katastrophe werden würde, wenn sie mit mir fliegen würde. Sie würde nur nach ihm heulen und ich hätte wieder Stress im Urlaub. Am besten wäre es, alleine zu fahren. Stopp, unterbrach ich meine eigenen Gedanken. Dachte ich das gerade wirklich? Alleine in den Urlaub, komische Idee. Ich sprach meine Gedanken laut aus: „Ich fliege alleine in die Türkei.“
Amelie zog die Augenbrauen nach oben, schaute mich an, als ob sie ein Gespenst gesehen hätte, und fragte tonlos: „Du machst was?“ Langsam gefiel mir die Idee. Warum eigentlich nicht? Was hätte ich denn zu verlieren, was könnte denn schon passieren? Ich war doch eine erwachsene Frau. Ein bisschen komisch würde es bestimmt, aber ich war doch kontaktfreudig und offen für andere Menschen. Vielleicht würde ich ja ein paar nette Frauen kennenlernen. Mit fester Stimme antwortete ich: „Ich fliege alleine, wird schon schiefgehen, und wenn es die totale Katastrophe wird, breche ich meinen Urlaub ab und komme wieder nach Hause. Was soll schon passieren?“ Es kam sofort zurück: „Eine Menge. Du könntest entführt werden, wenn du alleine rumläufst, es könnte dich jemand ausrauben, oder noch schlimmer: dir irgendwelche Organe entfernen und verkaufen.“ „Oh Mann, du schaust zu viel Fernsehen. Ich fliege in die Türkei und nicht in irgendwelche Slums. Ich laufe nachts nicht alleine herum, ich bleibe in meinem Hotel. Außer bei Ausflügen bin ich unterwegs und da werde ich nicht mit Frankenstein alleine sein. Mach dir keine Sorgen, ich werde das Kind schon schaukeln“, gab ich selbstsicher zurück. Sie musste lachen und sagte: „Du hast ja recht. Aber lass mich dich zum Flughafen bringen, das bin ich dir schuldig und das möchte ich auch unbedingt machen. Der Flug geht um 8:30 Uhr, also musst du um 6:30 Uhr dort sein, ich hol dich um 5:00 Uhr ab, dann schaffen wir es ohne Probleme, dass du pünktlich zum Einchecken da bist.“ Ich sah sie dankend an, nickte und drückte sie fest.
Wir tranken unser Sprudelwasser noch gemütlich aus und verabschiedeten uns herzlich voneinander. In dieser Nacht schlief ich überraschend gut, der nächste Schultag verging noch schneller als am Tag davor, was wahrscheinlich daran lag, dass die Schule schon um 10:00 Uhr endete. Alle Kinder verabschiedeten sich voneinander und wünschten sich schöne Ferien. Auch wir Lehrer taten dasselbe und schon war ich auf dem Weg nach Hause.
Ich packte meinen Koffer und wurde nun langsam doch etwas nervös. Ich ging zum zehnten Mal in dieser einen Stunde auf die Toilette und bekam vor lauter Aufregung auch noch meine Periode. Oh je, vier Tage zu früh. Aber machte auch nichts, dann hatte ich am Wochenende meine Ruhe und den Rest vom Urlaub. Okay, noch mal der Check: War alles im Koffer, was ich wirklich brauchte, und was hatte noch Platz, was ich zum Wohlfühlen benötigte? Ich wollte unbedingt meinen kleinen Teddybären mitnehmen, den ich mit zwei Jahren von meiner Tante Lisa geschenkt bekommen hatte, der begleitete mich schon seit siebenunddreißig Jahren durch mein Leben. Wie hatte sich mein lieber Ex immer aufregen können, dass er bei mir auf meinem Nachtkästchen saß. Am liebsten hätte er ihn zum Fenster hinausgeschmissen, er war immer sehr eifersüchtig, sogar auf mein Kuscheltier. War mir damals nie aufgefallen, interessant, was man später noch über einen Menschen herausfinden konnte. So, nun wieder genug mit der Vergangenheit, kommen wir wieder zum Wesentlichen, rügte ich mich gedanklich selber. Zusätzlich beutelte ich mich kurz und sagte zu mir: „Konzentration auf meinen Koffer und mein Handgepäck!“ Ich belächelte mich, packte meine restlichen Sachen ein und war total stolz, dass ich noch etwas Platz zum Shoppen hatte.
Mittlerweile war es schon 17:00 Uhr und ich überlegte, was ich mir noch zum Essen machen könnte. Ich entschied mich für einen Salat mit Thunfisch und Ei. Ab morgen würde es All-inclusive geben und da konnte ich heute noch ein paar Kalorien einsparen. Ich rief noch meine Mutter an, um ihr meine neuen Urlaubspläne mitzuteilen. Sie war total aus dem Häuschen und konnte es gar nicht fassen. Wir telefonierten über eine Stunde und ich konnte sie beruhigen, dass ich mir einfach nur eine schöne Zeit machen wollte. Sie verstand mich und wünschte mir einen wunderschönen, erholsamen Urlaub.
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