Vom einsamen Frankenstein-Monster zur blutigen Zombie-Armee: Wie viel Exzess verträgt das Horror-Genre, bevor das echte Grauen abstumpft?

Vom einsamen Frankenstein-Monster zur blutigen Zombie-Armee: Wie viel Exzess verträgt das Horror-Genre, bevor das echte Grauen abstumpft?#novum


Das Horror-Genre hat im wahrsten Sinne des Wortes einen schrecklichen Ruf. Es geht um Schock, um Emotion, um Grauen. Doch was für die einen gelungener Grusel ist, ist für die anderen eine brachiale Effekthascherei. Wie sehen die Ansprüche an das Genre wirklich aus, und wie erreichen Sie es, dass sich Ihr Publikum aus den richtigen Gründen vor Schrecken windet?


Das Horror-Genre ist nicht mehr blutjung, hat aber in den letzten Jahrzehnten eine rasante Entwicklung durchlaufen. Als die ersten wegweisenden Werke legten Mary Shelleys „Frankenstein“ (1818) und natürlich „Dracula“ (1897) von Bram Stoker den Grundstein. Beide enthalten zwar Grundelemente, die man auch im heutigen Horror findet, würden aber von einem Großteil des modernen Publikums wohl kaum mehr als richtige Schocker wahrgenommen werden.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Das berühmte Monster von Dr. Frankenstein ist heutzutage nur noch eines von sehr, sehr vielen, wenn wir an die unzähligen Geschichten über Zombie-Apokalypsen denken. Während bei Mary Shelley die Erschaffung des Monsters selbst noch eine wesentliche Rolle spielte, steht in der modernen Zombie-Geschichte vor allem die Wirkung der Monster im Vordergrund: Bedrohung der Zivilisation, Zusammenbruch der Gesellschaft und natürlich eine akute Bedrohung für Leib, Leben und nicht selten auch noch das Seelenheil. Wo sie herkommen, warum sie kommen und ob ihre Herkunft und ihr Verhalten über Sinn ergeben, darum geht es oft nicht allzu sehr. Während es bei Frankenstein nur ein Monster gibt, das auch nur eine Handvoll Menschen ermordet, haben wir es bei modernen Zombie-Geschichten oft mit ganzen Armeen zu tun, die ihre Opfer nicht nur erwürgen wie ihr historisches Vorbild, sondern oft noch wie ein extra blutiges Steak verspeisen oder sie durch ein ungemein schnell wirkendes Virus gar selbst noch in Zombies verwandeln.

Es ist also unübersehbar: Der heutige Horror bewegt sich oft in einer ganz anderen Größenordnung. Und genau das wird häufig als seine größte Schwäche kritisiert.


Mehr ist nicht immer besser

Vor allem Film und Kino haben dem Horror-Genre ihren Stempel aufgedrückt und transformiert wie ein mutiertes Killervirus. Die visuelle Rezeption eines Horrorfilms gibt den Produzenten die Möglichkeit, die Wirkung ihres Werkes auf eine relativ einfache Weise entfalten zu können. Man kann den Menschen das Grauen bringen, indem man sie direkt damit konfrontiert – eine einfache und effektive Methode und ein Weg, den viele Filme gegangen sind, und das oft eher mit der Kettensäge als mit der feinen Klinge. Anders als im Roman braucht man keine Spannung aufzubauen und keine perfiden Beschreibungen zum Besten zu geben, wenn man das Publikum mit Blut, unheimlichen Tentakelmonstern aus der Tiefe oder abgetrennten Körperteilen geradezu bombardieren kann. Dabei kann man sich fast sicher sein, dass die Wirkung eintreten wird, ohne wirklich viel dafür aufbauen zu müssen. Häufig müssen sich Horrorfilme auch genau deshalb den Vorwurf gefallen lassen, eine nicht gerade hieb- und stichfeste Handlung zu haben – oder auch gleich gar keine. 

Dass diese Herangehensweise sowohl ihr Publikum als auch ihre Berechtigung hat, zeigt der anhaltende Erfolg. Es geht dabei primär um den Schock, in dem sich Animationseffekte ein wahres Wettrennen liefern, und weniger um die Geschichte. Selbst viele Fans des Genres geben an, die Handlung oft für sehr schwach zu halten, darauf aber nicht den Fokus zu legen. 


Aber warum reicht ein einzelnes Monster aus einem Labor nicht mehr aus? Warum ist eine ganze Armee von Zombies nötig, um die Menschen noch zu erreichen und vielleicht sogar noch Grauen fühlen zu lassen? Die Antwort lässt sich in einem Wort beschreiben: Abstumpfung.

Es ist wie eine selbsterfüllende Prophezeiung: Je öfter und größer der Schrecken ist, den das Genre bietet, desto mehr gewöhnt sich das Publikum daran. Untersuchungen ergeben, dass die für Angst und Stress zuständigen Gehirnregionen bei eingefleischten Horror-Fans selbst beim brachialsten Blutbad auf der Leinwand kaum noch aktiv werden. Oft ist dann höchstens noch Ekel übrig, aber kein Schrecken mehr. Und wenn der Schrecken nicht mehr wirkt, dann fallen auch andere Schwächen in der Geschichte stärker ins Auge. Mehr ist also nicht immer besser, und der an sich einfache Weg, Grauen bei Menschen auszulösen, hat sich vor allem bei Anhängern des Genres so stark abgenutzt, dass er einfach nicht mehr ausreicht. Wenn man also nicht möchte, dass die eigene Horrorgeschichte als „Viel Lärm um nichts“ abgestempelt wird, dann muss man sich mehr dafür überlegen als nur möglichst furchtbare Gestalten oder kreative Arten, Figuren ums Leben zu bringen.


Fantasie ist Trumpf

Der Roman hat hier dem Film gegenüber eine eindeutige Stärke, und nicht zuletzt deshalb auch einen besseren Ruf: Er überlässt viel mehr der Fantasie. Und egal, wie grotesk oder brutal etwas ist, was unsere Sinne wahrnehmen – die Einordnung als etwas, das uns Angst macht, geschieht in unserem Kopf. Nichts ist von vornherein schrecklich – es wird von uns als schrecklich beurteilt. Und kein Autor, kein Regisseur weiß so genau, was uns Angst macht, wie wir selbst. Darum kann nichts, was wir sehen oder hören, so furchteinflößend sein wie das, was wir uns selbst zusammenreimen, um Lücken zu füllen. Unser Gehirn ist unser ganz persönliches Horror-Animationsstudio.

Genau hierin liegt die Kunst beim Schreiben von schrecklicher Literatur. Es ist eine Gratwanderung und ein stetiges Geben und Nehmen zwischen dem Schaffen eines glaubwürdigen und gut beschriebenen Rahmens auf der einen Seite und bewussten Auslassungen auf der anderen Seite. Horrorliteratur ist in der vielleicht einzigartigen Situation, dass es manchmal besser ist, etwas nicht zu schreiben. Zu den typischen beiden Schriftsteller-Werkzeugen Showing und Telling gesellt sich noch so etwas wie Implying, „andeuten“. Der Roman kann Objekte oder Figuren einführen und diese bewusst in einem uneindeutigen Zwielicht stehen lassen, sodass weder die anderen Romanfiguren noch die Leser ihnen wirklich jemals trauen können. Er kann Phänomene und Umstände einführen, ohne sie gleich zu erklären, und so für eine unheilvolle Stimmung sorgen. Dabei geht es sehr viel subtiler zu als im Leinwand-Hack’n’Slay. Da im Roman das Entsetzen nicht visuell herbeigeführt oder regelrecht erzwungen werden kann, spielen auch Handlung, Charaktere und Worldbuilding automatisch eine wichtigere Rolle. Der Roman muss sich auf diese literarischen Grundpfeiler stützen, um seine Wirkung zu erzielen, da er die Abkürzung der extremen Sinnesreizungen nicht nehmen kann. Frankensteins Monster ist im Kontext seines Romans ebenso schrecklich wie eine ganze verseuchte Stadt, denn es hat einen sehr persönlichen, individuellen Bezug zu seinem Erschaffer Victor. Die Opfer des Monsters sind zwar nicht so zahlreich, für Victor Frankenstein aber die schwersten und wichtigsten Verluste, die für seine ganz persönliche Welt möglich wären. Das Monster erzielt sein Grauen also gewissermaßen nicht durch die Quantität seiner Taten, sondern durch die „Qualität“. Es agiert dort, wo es im ganz spezifischen Kontext seines Romans und seiner Hauptfigur am meisten wehtut.


Der Einbruch des Unbekannten

Wenn Sie an viele der erfolgreichen Horrorbücher denken, wird Ihnen ein motivisches Muster auffallen, das sich in unterschiedlichsten Formen immer wieder findet: Es tritt etwas Unbekanntes, Irreales und oft Übernatürliches in die Geschichte ein. Sei es ein Geist, der das Landhaus heimsucht, in das die junge Familie gezogen ist. Ein außerirdisches Wesen, das auf der Erde gelandet ist. Ein geheimes satanistisches oder heidnisches Ritual, das böse Gestalten aus anderen Welten beschwört. Zurückkehrende Tote – oder auch nur ein zurückgekehrter toter Kater. In all diesen Fällen passieren Dinge, die für uns unbekannt und unerklärlich sind, und bedienen somit ein altes menschliches Denkmuster: Man fürchtet, was man nicht kennt. Vor allem, wenn dieses Etwas dann auch tatsächlich bedrohliche Tendenzen zeigt. „Das Fantastische beginnt, wo das Unbekannte ins Bekannte eindringt“, so heißt es in der Literaturwissenschaft. Und auch, wenn es genug Bekanntes gäbe, das uns in Schrecken versetzen könnte – von Kriegen über Naturkatastrophen bis zu Serienmördern – so tritt dennoch eine andere Dimension des Grauens ein, wenn wir (oder die Romanprotagonisten, mit denen wir uns identifizieren sollen) es mit Unbekanntem zu tun haben. Wir wissen nicht, woher es kommt, wozu es in der Lage ist und vor allem nicht, wie man es aufhalten kann. Dieses Fehlen von Wissen erweckt ein Gefühl der Hilflosigkeit und versetzt das Gehirn in einen Alarmzustand. Diese Denkweise schlägt sich bis in unseren Alltag nieder, und jeder hat sie schon unzählige Male erlebt. Wenn wir schon zehn Jahre im gleichen Unternehmen arbeiten, sind wir morgens am Weg zur Arbeit ruhig und entspannt – wenn wir aber unseren ersten Arbeitstag bei einer neuen Stelle haben, sind wir gestresst, aufgeregt und überlegen ständig, was alles schiefgehen könnte und ob wir auch nichts vergessen haben. Das Unbekannte stresst und verunsichert uns, weil wir nicht wissen, wie man ihm begegnen kann. Genauso, wie uns ein böswilliger Hausgeist mehr stresst als ein unliebsamer Nachbar. 


Gut im Grauen


Das Schreiben von guter Horrorliteratur ist eine sehr anspruchsvolle Sache. In kaum einem anderen Genre tappt man so leicht in die Falle, übers Ziel hinaus und gleichzeitig daran vorbei zu schießen. Angst ist ein menschlicher Urinstinkt, der relativ verlässlich bei uns allen auf dieselben Auslöser anspringt. Doch damit, dem Publikum den Schrecken zu bringen, ist es nicht getan – der Schrecken muss aus dem richtigen Grund kommen. Man könnte sagen, der Weg ist das Ziel: Das Grauen soll nicht nur eintreten, es soll sich auch berechtigt anfühlen. Es soll emotional treffen, die individuelle Welt der Hauptfiguren bedrohen und einem durch eine Konfrontation mit Unbekanntem und einem Gefühl der Hilflosigkeit kaum eine Atempause lassen. Es gibt viele Motive, die im Genre immer wieder kehren – etliche davon haben wir in diesem Beitrag auch erwähnt. Das zeigt, es kommt nicht auf das Grauen selbst an, nicht auf sein Ausmaß, sondern darauf, wie es sich in die Geschichte der Figuren einfügt. Wenn Sie also von einem gruseligen Clown oder einer besessenen Puppe zu Ihrem eigenen Horrorroman inspiriert worden sind, verwerfen Sie die Idee nicht gleich wieder, weil es sie schon gibt – sondern geben Sie Ihr eine Ausprägung, die genau in Ihre Geschichte und nur in Ihre Geschichte passt. 


Key Takeaway: Der Gruselmonat Oktober lädt geradezu dazu ein: Nicht von den Hürden abschrecken lassen, sondern ran ans Werk voll Blut, Tod und Teufel – lassen Sie Ihrer Tastatur freien Lauf.


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– Das Team des novum Verlags